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Das rauhe Leben

Alfons Petzold: Das rauhe Leben - Kapitel 2
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typeautobiography
authorAlfons Petzold
titleDas rauhe Leben
publisherAufbau-Verlag
printrun1. Auflage
year1985
firstpub1920
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel

Das Tor

Wenn ich das Gelände »Zeit« überblicke, mit seinen schroffen und sanften Hügeln und seinen verschiedentlichen Abgründen, wenn ich dieses Stück geistig-körperliches Land übersehe, durch das ich bis zu diesen Stunden der Niederschrift meines bisherigen Lebens gegangen bin, so wird alles, was ich an Leid und Mißgunst, Glück und Freude auf diesem Wege erfahren habe, wieder lebendig und füllt mir die Seele aufs neue mit traurigen oder frohen Bildern.

Manches davon erscheint mir nun lächerlich klein und kaum erwähnenswert, was mir damals, als es geschah, riesengroß vorkam, beinahe zu schwer für die Kraft menschlichen Erduldens.

Anderes wieder wächst immer größer vor mir auf, überwuchtet mich allein mit seiner erinnernden Erscheinung, die mir damals etwas Selbstverständliches und Alltägliches war.

Solches geschient mir vor allem, wenn ich meiner Eltern gedenke. Mit jedem Tage treten sie und ihr Leben, das zu einem kleinen Teil auch das meine war, sichtbarer und plastischer aus dem Dunkel des Todes. Und mit jeder Sekunde meines Weiterlebens wird es mir stärker bewußt, wie tief und fest ich in ihrem entschwundenen Dasein verankert bin. Das Geschehen meiner Erscheinung ist nur Spiegelung ihres Wesens; tritt es auch oft verzerrt wie aus einem Hohlspiegel entgegen, so ist es doch ein Bild von dem Bilde, das sie einst der Welt gaben.

Und dann: aus ihrem Elend wuchs meine Not, aus ihrem kargen Glück mein Reinstes und Süßestes: meine Kindheit, in deren Garten der Mensch desto lieber seine müden Gedanken zur Ruhe schickt, je älter er wird.

Wie gern möchte ich von meinen Eltern so erzählen, als säße ich noch als Kind neben ihnen! Dann wäre dieser Teil des Buches sicher der schönste und wahrhaftigste, und es müßte der Leser das Gefühl haben, als läse er ihn unter einem abendlichen Sommerhimmel in der Stille und Ausgeglichenheit einer friedvollen Landschaft.

So aber – es ist der Groll des Mannes in mir, der ein Leben voll Unterdrückung und körperlicher Not hinter sich hat. Und ich grabe in der Vergangenheit mit dem harten, scharfen Spaten unerbittlicher Gerechtigkeit eines Menschen, der unverschuldete Demütigungen und zwecklose Mißhandlungen nicht vergessen kann. Ich habe einmal den Himmel meiner Menschheit im Hasse nachtschwarz und dann wieder rot, voll Feuer gesehen, und zwar jahrzehntelang. Und würde ich tausend Jahre alt werden, nie könnte ich zum Beispiel das furchtbare Bettelleutsterben meiner Eltern vergessen: der Vater im mittelalterlichen Zwange eines Siechenhauses verkommend – die Mutter auf der Straße beinahe vor Hunger sterbend.

Diese zwei Toten stehen rechts und links von meinem Tische, während ich dieses schreibe, und führen mir die Feder.

Ich werde in diesem Buche versuchen, stets gerecht zu sein und die Wahrheit so objektiv zu schreiben, wie es mir möglich ist.

Scheine ich aber manchem meiner Leser dadurch hart und unduldsam, dann möge er an alles Leid denken, das ich erduldet habe und das heute und immer Millionen von Menschen erdulden müssen.

Ich kann nicht schmutzige Knechtschaft, Armut, Verachtung, Spott und Hohn als gerechte Weltordnung ansehen und überlasse diese Weltansicht jenen Philosophen, die in ihr die rechtliche Anerkennung ihrer Macht über andere Menschen sehen.

Ich könnte dieses Buch kaum werden lassen, ohne über meine Eltern und deren mannigfaltige, nicht alltägliche Lebensschicksale zu schreiben. Denn vieles Dunkle in meinem Leben wird zum Teil erhellt durch die Einsicht in das Wesen meines Vaters und meiner Mutter. Besonders die Berichte über meine Mutter, ihren Charakter und dessen Wirkung auf mich, der ich das große Glück hatte, am längsten mit ihr gelebt zu haben, werden viel Rätselhaftes in meinen Lebensäußerungen aufklären. Möge ich innerlich doch frei von jedem Zwange sein, um so vorurteilslos über meine Eltern zu schreiben wie möglich!

Über das an Ereignissen äußerlicher Art abwechslungsreiche Abenteuerleben meines Vaters könnte ein begabterer Schriftsteller, als ich es bin, einen vielseitigen Roman schreiben. Er war der geborene Selfmademan, der alles ist, alles kann, sich in jede Lage schickt, den kleinen und großen Tücken des Tages in die höhnischverblüfften Fratzen lacht und immer Herr der Situation ist. Etwas weniger an Gutmütigkeit und Leichtsinn, Festigkeit des Charakters und der Gesinnung, und er wäre als reicher Mann gestorben. So aber war auch er eine jener deutschen Naturen, die das Leben um seiner selbst willen lieben und nicht der Güter wegen, die es allenfalls seinen Günstlingen zu schenken beliebt. Es fehlte ihm die Skrupellosigkeit, jede Gelegenheit ohne Federlesen beim Schopf zu packen, einerlei, welches ihr moralischer Wert war.

Wie alle Abenteurernaturen rechnete er nicht mit den Jahren, ja kaum mit dem Tage, sondern lebte der Stunde, die es eben schlug. Das Leben war ihm mehr als eine trockene Rechenaufgabe, die jeder Schulbube zu lösen imstande ist, sie war für ihn das tiefste mathematische Rätsel, zu dessen Erklärung dichterische Intuition gehörte. Wer diese nicht besitze, solle die Hand davon lassen.

Dabei hatte er nichts von der muffigen Ehrenhaftigkeit des deutschen Spießers, der das Böse nur deshalb nicht aufkommen läßt, weil er zu träge ist.

Mein Vater wurde im Jahre 1836 als jüngster Sohn eines der reichsten Bürger in der kleinen Landstadt Borna im Herzogtum Sachsen-Altenburg geboren.

Er wurde nach evangelischem Ritus getauft und erhielt den Namen Friedrich Hermann.

Ich habe meine Großeltern nicht mehr gekannt. Sie waren alle viele Jahre vor meiner Geburt gestorben. So kann ich nur das wenige von ihnen erzählen, was ich von meinen Eltern über sie erfuhr. Davon habe ich natürlich auch vieles noch im Laufe der Zeiten vergessen.

Der Vater meines Vaters war ein vielbeschäftigter Sattler und Tapezierermeister, der die vornehmsten Bürger der Stadt sowie die zahlreichen Gutsbesitzer der Umgebung zu Kunden hatte. Besonders seine schönen und eigenartig beschlagenen Pferdegeschirre waren in weitem Umkreis geschätzt. Er nannte auch eine Magd, Hornvieh, viele Wiesen, Äcker und Wald sein eigen, so daß er vielleicht nicht mit Unrecht als der reichste Bürger Bornas bezeichnet wurde. In Leipzig auf den Märkten erzählte man sich, daß Meister Petzold in Borna den Marktplatz seiner Vaterstadt mit Goldstücken pflastern könnte, wenn er Lust dazu hätte, und noch immer würde das seine Geldtruhen nicht allzusehr erleichtern.

Ein Ahne von ihm soll als Dorfschulze im Bauernkrieg ein Anführer der Rebellen gewesen und im Gefecht mit den Herren und ihren Söldnern gefallen sein. Das revolutionäre Blut seines Sohnes spricht dafür.

Nach der Erzählung meines Vaters war seine erste Kindheit äußerst glücklich.

Als Kind reichbegüterter Eltern, deren größter Schatz er war, in einem Hause, wo Spind und Scheuern stets gefüllt waren und wo man nichts wußte von den Sorgen der Notdurft, kannte auch er weder Entbehrung noch Not, die so unzählige andere Menschenblüten früh zum Welken bringen.

Es gab keine Freude, die er nicht erlebt hätte in jener wunderbaren Zeit, und viel des Frohsinns, der ihn selbst in den bittersten Jahren seines Lebens nie ganz verließ, war wohl in seiner Kindheit begründet worden.

Erst als in seinem zwölften Jahre eine Stiefmutter mit fremdem, hartem Sinn und einem für die vorgefundenen Kinder liebelosen Herzen in das väterliche Haus einzog, änderte sich sein sorgloser, lachender Frühling. Aus den Augen der neuen Mutter fiel nur trübes Wetter statt heller Sonne auf den jungen Trieb, und bald war ihm durch Neid und Mißgunst und nörgelnde Streitsucht, die sich in seinem früher so friedvollen Elternhaus breit machte, der Aufenthalt in diesem zur Qual geworden.

Die Stiefmutter, eine noch sehr junge, hübsche, aber sonst unintelligente Bauerndirne, hatte es meinem Großvater mit ihrem frischen, gesunden Körper, vielleicht auch mit ihrem wundervoll brandroten Haare angetan, so daß er sie zur Nachfolgerin der im Kindbett verstorbenen Mutter machte.

Sie führte nun in ihrem neuen Heim eine wahre Schreckensherrschaft und tyrannisierte in ihren niedrigen Launen Mann, Kinder, Gesellen und Mägde, frönte den schmutzigsten Lastern, vor allem der Trunksucht, und freute sich der nun begonnenen und eilig fortschreitenden Verlotterung des reichen Besitzes.

In dem Hause des Großbauern und Sattlermeisters, in dem ein Jahr vorher noch die ordnende Hand einer reinen, stillen Frau gewaltet hatte, tobten sich nun die Leidenschaften eines gewalttätigen, unmoralischen Weibes aus.

Der Großvater, gar bald ernüchtert, ergab sich vor Gram und Reue über seinen furchtbaren Mißgriff in der Wahl seiner zweiten Frau dem Trunk, als er sah, daß er nichts mehr ändern konnte.

Kam er nun des Nachts berauscht vom Ratskeller oder den anderen Schenken nach Hause, so gab's in der Schlafstube oft die lärmendsten und wüstesten Szenen zwischen den beiden Gatten, deren Zeugen nur zu oft die aus dem Schlaf geschreckten Kinder in der Nebenkammer waren.

Durch Parteinahme für ihren unglücklichen Vater zogen sie sich aber noch mehr den Haß der Stiefmutter zu, der sie von allem Anfang an ein Dorn im Auge gewesen.

Wie schrecklich muß es aber auch für die Kinder gewesen sein, zuzusehen, wie so oft aus dem Streit ein Handgemenge wurde, und oft auch zugreifen zu müssen, wenn die tätlichen Ausbrüche der Megäre gegen den schwachen, betrunkenen Mann allzu arg wurden!

Als mein Vater das vierzehnte Lebensjahr erreicht hatte, erlernte er ebenfalls das Sattlergewerbe; nicht in der väterlichen Werkstätte, denn nichts in der Welt hätte ihn bewogen, zu Hause zu bleiben – sondern bei einem anderen Meister in einer benachbarten Ortschaft.

Von der Lehrzeit weiß ich nur das traurige Begebnis des Selbstmordes meines Großvaters zu berichten. Der arme Mann erhängte sich auf dem Dachboden seines Hauses. Wohl aus Gram und Verzweiflung über den verbrecherischen Leichtsinn und die Schlechtigkeit seines zweiten Weibes. Sie hatte zuletzt mit Liebhabern das Vermögen ihres Mannes vergeudet, so daß den Kindern nach dem schrecklichen Ende ihres Vaters nur ein ganz geringer Teil des einst so reichen Erbes zufiel.

Kurze Zeit nach dem Tode ihres Mannes mußte das verkommene, arbeitsscheue Weib das Haus verlassen, aus dem die Gläubiger sie jagten, worauf sie sich auf jämmerliche und wohl auch schändliche Weise durchs Leben schlug. Sie ward tief verabscheut von den Kindern, Verwandten und Freunden des Mannes, dessen Tod sie auf dem Gewissen trug. Sie starb in armseligstem Zustand, noch jung an Jahren und von keinem Menschen beweint, im Armenhaus von Borna.

Hätte mein gutmütiger Vater, als er von ihrem Tode hörte, nicht die Kosten des Begräbnisses getragen, so wäre sie wohl namenlos in irgendeiner Ecke des Friedhofs verscharrt worden. So ließ er ihr von seinem schwer ersparten Gelde einen Grabstein setzen, um damit wenigstens nach ihrem Tode der Familienehre genugzutun.

Kaum hatte er sein Gesellenstück abgeliefert und den Lehrbrief in Händen, zog es meinen Vater mit der Unrast des deutschen Handwerksburschen der damaligen Zeit in die Fremde. Vor allem sehnte er sich nach dem prächtigen Leipzig, der berühmten Schul- und Bücherstadt. Dort wollte er endlich so gut wie möglich seinen Wissensdurst stillen, der ihn seit seiner frühesten Jugend quälte; wie gern hätte er die fünf Jahre Lehrzeit statt am Lederbock in einer Schule verbracht und wäre ein Gelehrter geworden, statt Halfter und Kummete zu heften! Nun war er frei und dachte nicht daran, sein Leben lang in einer muffigen Werkstätte zuzubringen und dieses, wenn es gut ging, einst als zünftiger Meister zu beschließen!

Er hatte durch Flug- und Zeitungsblätter, die ihm im Vaterhaus und in seiner Lehrstätte in die Hände gefallen waren, eine Ahnung von der Größe und überreichen Ausstattung der Welt bekommen.

Nun wollte er mit eigenen Augen diese vielfältigen Wunder sehen und vorerst seine mangelhafte Bildung in Leipzig ergänzen, das nachholen, was er in der weltfernen Vaterstadt versäumt, hatte.

Eine Zeitlang bummelte er nun arbeitslos in Leipzig umher, von den mageren Zinsen seines mütterlichen Erbteiles lebend. Sich als Sattlergehilfe verdingen wollte er erst im äußersten Notfall, lieber wäre er als Lehrling in eine Maschinenfabrik eingetreten. Dies war aber nicht so leicht, da er in der großen Stadt keinen Menschen kannte, der für ihn eingetreten wäre, und ohne Fürsprache mochte man einen wildfremden Burschen nicht sogleich aufnehmen.

Es war aber auch das Herumstreichen in der großen, lärmfreudigen Stadt für ihn nicht ohne Nutzen. Seine Augen, die noch von keiner mühseligen Nachtarbeit getrübt waren, erfaßten hungrig die vielen unbekannten Dinge, und seine freie Seele ordnete sie nach ihrem Gutdünken ein. Wie vieles gab es, wovon er in der Enge seiner Heimatstadt keine Ahnung hatte! Und wie beschränkt kamen ihm seine früheren Anschauungen vor!

Die mächtigen Häuser, die prächtigen Kirchen, die großen Fabriken, all das Herrliche und Zweckmäßige, was in den Geschäftsauslagen zu sehen war, gab ihm eine neue Meinung von dem Können des Menschen. Aber er sah hier auch die Schatten dieser glänzenden Erscheinungen: zahlreiche Bettler, tausende schlecht genährte Arbeiter, darbende Frauen und Kinder in Unzahl, eine dumpfe grollende Empörung, die in verwahrlosten engen Gassen herumkroch.

In der Herberge, in welcher er abgestiegen war, erzählte man von der Unterdrückung in den Fabriken, von der entsetzlichen Not der Bevölkerung in den Vorstädten. Und war ihm die traurige Armut in seiner Vaterstadt nur als notwendiger Einzelfall in der Gestalt eines gebrechlichen Armenhäuslers, eines bettelnden Krüppels oder betrunkenen Schwächlings erschienen, hier zeigte sie sich ihm zuerst als der unverschuldete Zustand unzähliger Menschen.

Wie das Gebrause der tausend Straßen kam sie ihm entgegen, und wie vom Schwindel erfaßt griff er sich an die Stirn und fragte: »Warum?«

Nach einigem Suchen um eine passende Stellung erhielt er endlich eine als Diener bei einem reichen jungen Mann, der die Hochschule in Leipzig besuchte. Mein Vater verstand vortrefflich die Pflege des Pferdes, schrieb und rechnete gut und war eine hübsche Erscheinung, was den Studenten wohl bewogen hatte, ihn als Diener zu sich zu nehmen.

Das war nun ein gar fröhliches, sorgenloses Leben, das er im Dienst des freigebigen Studenten führte, der sich ganz den Freuden seiner Jugend und seines Reichtums widmete!

Alle Wünsche, mit denen er nach Leipzig gekommen war, schienen erfüllt. Er hatte einen reichlichen Lohn, einen abwechslungsreichen Dienst, viel freie Zeit und einen Herrn, der ihn beinahe wie seinesgleichen behandelte. Auch dessen Freunde sahen in dem aufgeweckten, gescheiten Burschen mehr einen Kameraden als den Diener ihres Freundes.

Er hatte gute Umgangsformen, war voll Humor und im Erfinden neuer studentischer Streiche unübertrefflich.

Sein Bildungstrieb fand an solcher Stätte natürlich die möglichste Unterstützung, und er nutzte diese Gelegenheit auch genügend zum Vorteil seines Wissens aus.

Als sein Herr auf die Vorliebe seines Dieners für Zeichnen und Maschinenbau aufmerksam wurde, schickte er ihn sogar in eine Privatschule, wo er Maschinenzeichnen und die Grundlagen der Technik lernte.

Leider dauerte diese Herrlichkeit nur ein Semester. Der Student, ein Deutsch-Russe, mußte heimkehren, da sein Vater gestorben war, und nun auf Wunsch seiner Mutter die Studien auf einer russischen Universität fortsetzen. Er verschaffte aber meinem Vater noch vorher eine Stelle als Austräger in einem Leipziger Buchverlagshause.

Hier verblieb mein Vater bis zu Beginn seiner Militärdienstpflicht. Er war für tauglich befunden worden und in ein Kavallerieregiment eingereiht.

Mein Vater war ein hochgewachsener, baumstarker Bursche, an dem der damals schon menschenhungrige Militarismus einen guten Bissen erhielt.

Der mit Soldaten bis an die Dachsparren vollgepfropfte, von Pferdejauche, schlechtem Tabak und anderen guten Dingen riechende Raum einer uralten Kaserne mußte ihm nun einige Jahre erzwungene Heimat sein.

Zuerst dachte er an Desertion.

Damals, als es in Deutschland noch die vielen Einzelstaaten gab und die Landesgrenze meist in kurzer Zeit erreichbar war, wäre es ein leichtes gewesen, durchzubrennen, um so mehr, als der schadenfrohe Nachbarstaat Deserteure meist freundlichst begrüßte.

Schließlich siegte aber doch die Neugier auf das Kommende und vielleicht auch ein gewisser Bauernstolz, der jede Flucht für Feigheit schalt.

In seinen Militärjahren lernte mein Vater nun alle Leiden kennen, die der Militarismus der damaligen Zeit seinen Opfern auferlegte.

Jede Individualität zu knechten, die kleinsten Vergehen mit dem Stockprügel zu bestrafen, seinen Opfern auch oft ohne große Ursachen Dunkelhaft in Ketten bei Wasser und Brot aufzuerlegen waren einige der Gebote für Vorgesetzte gegen den Untergebenen.

Mein Vater ertrug die Schmach dieser toten Jahre mit Aufbietung aller Selbstüberwindung, deren er nur fähig war, aber ein heißer Haß gegen diese Form menschenunwürdiger Knechtschaft wurde in ihm rege, ohne je wieder zu erlöschen.

In seinem Glück stieg er bald, dank seiner Intelligenz und wohl hauptsächlich seiner Geschicklichkeit im Zureiten junger Pferde wegen, zum Range eines Korporals auf, welche Charge er kurze Zeit darauf mit der eines Vizewachtmeisters vertauschen durfte. Als solcher machte er den Feldzug 1866 gegen Preußen mit, focht gegen diese in der Schlacht bei Königgrätz und erlebte die grausige Kulturfeindschaft des Krieges mitten im Sterben und Stöhnen seiner verwundeten Kameraden.

Wieder in die Garnison zurückgekehrt, stieß ihn der militärische Dienst noch mehr ab als vor dem Kriege.

Nur dem Umstand, daß er sich auf Grund seines kleinen Vermögens einige Unabhängigkeit sichern konnte, war es zuzuschreiben, daß er es bis zum Ende seiner Dienstzeit aushielt und nicht vorher flüchtete.

So lebte er in den Tag, ohne des anderen zu gedenken, seiner Lebenslust so freien Lauf lassend, als es der Dienst nur irgend zuließ. Er warf das Geld mit vollen Händen hinaus – nach dem Wahlspruch, den ich eigentlich über seine Lebensgeschichte schreiben sollte: Leben und leben lassen! –, spielte und tanzte die Nächte hindurch.

Eine Menge lustiger Streiche, die er während seiner Soldatenzeit ausgeführt hatte, mußte er mir immer und immer wieder erzählen. Ich konnte mich als Knabe an ihrem abenteuerlichen Inhalt nicht satt hören.

Das Erscheinen von Gespenstern, Streifungen nach Räubern, Wirtshausschlägereien, tolle Ritte des Nachts durch Wälder und Felder spielten meist darin eine große Rolle.

Ein böses Ereignis machte diesem Leben ein jähes Ende; es geschah folgendes:

Mein Vater hatte als guter Rechner die Kompagniebücher in Ordnung zu halten und setzte seinen Ehrgeiz darein, seiner Pflicht gewissenhaft nachzukommen.

Eines Tages warf ihm ein Leutnant vor, seine Rechnungen stimmten nicht. Mein Vater rechnete einige Male nach, konnte aber den Fehler nicht finden. Der Leutnant blieb aber bei seiner Behauptung und beschimpfte außerdem meinen Vater in den gröbsten Ausdrücken, so daß dieser in hellen Zorn geriet – wie auch in seinem späteren Leben sein Jähzorn oft zu seinem Verhängnis ward. Er zerriß vor den Augen des Leutnants die Rechnungen in Stücke und warf sie samt dem Stuhl, auf dem er gewöhnlich saß, und dem Tintenglas zum offenen Fenster hinaus in die unter diesem befindliche Mistgrube. Dem von so ungewöhnlicher Undisziplin ganz verblüfften Leutnant gab er dabei wütend den Rat, sich doch die Rechnungen selbst zu schreiben.

Für dieses schwere Vergehen wurde er zum Gemeinen degradiert und zu einem monatelangen Kasernenarrest verurteilt. Glücklicherweise geschah dies bereits am Ende seiner Dienstzeit. Am letzten Tage seiner Strafe verließ er auch die schmutzige Kaserne.

Da mein Vater vorderhand keine ihm mehr zusagende Beschäftigung fand, griff er einstweilen auf seinen erlernten Beruf zurück und trat in eine Tapeziererwerkstätte als Gehilfe ein. Als solcher schloß er sich bald der damals in den Kinderschuhen steckenden Arbeiterbewegung an und wurde einer der fanatischsten Anhänger Liebknechts, mit welchem er später auch wegen Staatsgefährlichkeit verhaftet wurde und die Festungshaft auf dem Königstein teilen sollte.

In dieser Zeit lernte er auch meine Mutter kennen, die Köchin bei einem Buchhändler war. Nach kurzem Brautstand schlossen sie den Bund der Ehe in der Nikolaikirche zu Leipzig.

Meine Mutter war ebenfalls im Jahre 1836 geboren, und zwar als dreizehntes Kind eines Schuhmachermeisters namens Joachim Gottlieb Grundbach in dem kleinen thüringischen Städtchen Freiburg an der Unstrut, das in der Nähe Eisenachs, der Wartburgstadt, liegt. In die protestantische Kirche aufgenommen, erhielt sie den Taufnamen Friederike Sophie Karoline.

Die Schilderungen meiner Mutter von ihrem Elternhause muten mich heute in der Erinnerung wie Bilder von Ludwig Richter an.

Das kleinwinzige, blumenumwucherte Märchenhäusel, in dem der dürre, über zwei Meter lange Großvater mit gekrümmtem Rücken bei der Schuhmacherbank sitzt, emsig hämmernd und nähend und sein Leben in die Schuhe hineinsinnend wie einst seine Handwerkerahnen Jakob Böhme und Hans Sachs.

Der milde Schein eines Lämpchens hinter der reflektierenden Wasserkugel beleuchtete des Abends ein geruhiges Träumergesicht und die Kinder, welche wie die Orgelpfeifen um die kartoffelschälende Mutter herumsitzen und aufmerksam deren wunderbare Märchen anhören.

Dann wieder die strickende Mutter mit der Kinderschar in dem farbenprächtigen Bauerngarten, die ihren Sprößlingen aus dem Gedächtnis Gedichte von Schiller vorspricht, dem poetischen Schutzheiligen des Schuhmacherhäuschens, während der fleißige Vater in der Stube die Ochsenhaut geschmeidig klopft.

Er hatte sein Handwerk in Jena erlernt, zur Zeit, da Schiller dort Professor war, und dem berühmten Dichter manches Paar geflickte und neue Stiefel in dessen Haus am Marktplatz gebracht.

Darum diese Vorliebe für Schillers Gedichte im Elternhaus meiner Mutter. Eine Liebe, die diese übrigens ihr ganzes Leben pflegte. Das kleine alte Büchlein in Goldschnitt und schwarzer Titelpressung sah ich stets auf dem Nähkästchen meiner Mutter liegen. Ich lernte darin lesen, und als es mir vor einigen Jahren mit vielen anderen Habseligkeiten gestohlen wurde, war ich darüber untröstlich.

Der Großvater, wegen seiner Körperlänge im Umkreis der lange Schuhmacher genannt, war beinahe um zwanzig. Jahre älter als seine Frau, die er dennoch überlebte. Als er starb, hinterließ er seinen Kindern nichts als seine kluge, stille Güte, die in ihnen mit der Heiterkeit und dem Fleiße der Mutter weiterlebte.

Die Geschwister meiner Mutter starben bis auf sie und einen in Rußland auch schon seit vielen Jahren verschollenen Bruder in der Blüte ihres Lebens; ihr Lieblingsbruder, der es bis zum Stadtschreiber in Eisenach gebracht hatte, beim Versuch, einen ertrinkenden Menschen zu retten.

Schon mit siebzehn Jahren hatte meine Mutter das Elternhaus verlassen, um sich in Leipzig als Magd zu verdingen. Sie mußte nun wohl viel an Arbeit leisten, aber Sorge und Not blieben ihr unbekannte Schwestern.

Die sollte sie erst, aber dann auch zur Genüge, in der Ehe mit meinem Vater kennenlernen, ohne daß sie dafür leichtere Arbeit gehabt hätte. Glaubte sie manchmal, aufatmen zu können, kam gleich eine dunkle Wetterwolke der Not auf sie eingestürmt und deckte ihr bißchen Freude mit Kummer zu.

Mit dem Geld, das sich meine Mutter in den fünfzehn Jahren ihrer Dienstzeit erspart hatte, eröffneten nun meine Eltern in einem Vorort Leipzigs eine kleine Gastwirtschaft.

Sie war eine gute Köchin, nebstbei von hellem, freundlichem Gemüt, Eigenschaften, die einer Wirtin nützlich sind. Der Vater wieder, ein Spaßvogel und voll origineller Einfälle, wußte die Gäste zu unterhalten und in allen Dingen mitzureden, ob es nun Politik oder andere ernste Wissenschaften waren.

So fanden sie gleich in den ersten Monaten ihrer Ehe ein gutes Auskommen, hatten die Gaststube voll von Leuten und hätten ein ruhiges, auskömmliches Dasein führen können, wenn nicht mein Vater – wie so oft im späteren Leben – durch Leichtsinn und Unbedachtsamkeit diesem Wohlleben ein Ende bereitet hätte.

Über Nacht kam das Unglück herein, das meiner Mutter das erste schwere Leid brachte.

Mein Vater hatte trotz des bürgerlichen Lebens, das er nun angefangen hatte, seine Vergangenheit nicht vergessen, war dem aufsteigenden Sozialismus ein treuer Anhänger geblieben und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seinen politischen Anschauungen so viel Boden zu gewinnen wie möglich. Es dauerte nicht lange, so war das Gasthaus meiner Eltern ein Sammelplatz aller Sozialdemokraten des Vorortes, der von Arbeitern bevölkert war, und auch die Parteimänner von auswärts, welche nach Leipzig kamen, trafen sich dort.

In einer Hinterstube wurden Flugschriften verfaßt und zur Verteilung vorbereitet; hier wurden an schlichten Holztischen bei Weißbier und Würsten die Fundamente für den Bau einer gerechteren Zukunft besprochen und durchdacht.

In einer kleinen Kammer des Oberbaues wohnte Liebknecht monatelang und arbeitete mit meinem Vater und anderen Freunden an dem Ausbau der Arbeitervereine sowie an Aufrufen an die Arbeiter Deutschlands, die langsam aus ihrem trostlosen Dahindämmern erwachten.

Mitten in diese emsige Kleinarbeit an frohem Kampf mit feindlichen Anschauungen, Vorurteilen und geistiger Trägheit knallte die preußische Kriegsbombe von 1870 hinein.

Die Sozialisten, als geschworene Antimilitaristen und unerbittliche Gegner des Krieges, protestierten aufs heftigste in Schrift und Rede gegen die Beteiligung Sachsens am Feldzug. Mein Vater, Liebknecht und andere Arbeiterführer beschlossen nun in der Eile, sich zu organisieren und durch Gewalt das zu erreichen, was mit dem Wort allein nicht möglich war.

Die Leipziger Revolutionsbewegung versandete kläglich. Die Begeisterung und Opferwilligkeit weniger konnte die Masse nicht mit sich fortreißen.

Ein paar Raufereien mit ausgerücktem Militär, dessen Bajonette drohend schimmerten, ein ohnmächtiges Gejohle, von einer Salve zugedeckt, und das Volk saß demütig wie vorher hinter seinen Werkbänken und Maschinen und ließ den Krieg über sich ergehen. Leider war eine Liste der sozialistischen Führer in die Hände der Polizei geraten.

Mitten in der Nacht holten sie meinen Vater aus dem Bett; er wurde mit vielen anderen, unter diesen Liebknecht, vor ein Schwurgericht gestellt und wegen Aufruhrs zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, die er auf dem Königstein abbüßen sollte.

Meine Mutter war hochschwanger, als sie auf behördlichen Befehl das Gasthaus schließen mußte. Da alles Geld im Betrieb stak, blieb meiner Mutter nichts übrig, als sich wieder eine Dienststelle zu suchen. Aber wer nimmt eine schwangere Frau in Dienst? Noch dazu das Weib eines »verbrecherischen Umstürzlers«? So suchte sie mühselig von morgens bis abends und war endlich froh, in einem öffentlichen Waschhaus unterzukommen.

Von dem spärlichen Verdienst schickte sie den größten Teil dem Vater in die Festung, mit den paar übrigen Groschen fristete sie ihr sorgenvolles Leben.

Des Nachts saß sie todmüde in ihrer Stube, schrieb an den eingekerkerten Mann oder nähte Hemdchen und Windeln für das kommende Kind.

Die schwere heilige Stunde ihres Frauenlebens durchlitt sie bei einer hilfsbereiten Nachbarin, in deren Bett sie eines Mädchens genas.

Unterdessen hatte der Bruder in Eisenach von der Not seiner Schwester gehört. Er schickte ihr von seinem Gehalt, das er als Stadtschreiber bezog, so viel er entbehren konnte.

Außerdem richtete er im Namen meiner Mutter und des Kindes ein Begnadigungsgesuch an den König von Sachsen, das insofern Erfolg hatte, als meiner Mutter nahegelegt wurde, beim König um Audienz anzusuchen und einen Fußfall zu tun.

Meine Mutter wäre für ihren Mann auf den Knien nach China gerutscht, wenn ihm dies geholfen hätte.

So nahm der Landesfürst die innige Bitte des armen Weibes gnädigst entgegen und ordnete die Entlassung meines Vaters nach gerade zweijähriger Festungshaft an. Die Ausweisung aus dem Königreich Sachsen, die mit dem Urteil ausgesprochen worden war, blieb aber zu Recht bestehen.

Mit vieler Mühe trieb mein Vater nun einige hundert Mark auf und begab sich mit seiner kleinen Familie in die Schweiz, wo er zuerst in einer Uhrenfabrik Arbeit fand.

Kurze Zeit darauf zogen sie nach Neuchâtel, wo meine Eltern einen Käseladen aufmachten.

In der herrlichen Gebirgsluft erholten sich Mutter und Vater schnell von den überstandenen bösen Jahren.

Leider ging aber das Käsegeschäft nicht gut, so daß sie es nach einiger Zeit wieder schließen mußten. In Zürich, wo sie dasselbe versucht hatten, ging es ihnen nicht besser, so daß mein Vater endlich wieder Arbeit in einer Fabrik aufnehmen und meine Mutter für fremde Leute Wäsche waschen mußte.

Sie lernten nun den Fluch kennen, der auf dem Werktag der ärmsten Proletarier liegt: den Tag fern voneinander zubringen zu müssen, sich erst abends mit müden, stumpfen Sinnen sehen zu dürfen, das Kind fremden Leuten anvertrauen zu müssen – es von fremden Menschen speisen und einschläfern zu lassen und ihm nichts geben zu können an eigener Liebe und Sorgfalt.

Daß meinem unternehmungslustigen Vater dieses zerrissene Familienleben auf die Dauer nicht zusagte, kann man sich denken. Eines Tages packte er deshalb seine sieben Sachen, nahm Weib und Kind und fuhr nach München.

Mit einigen ersparten Talern und etwas Kredit versuchte er von neuem sein Glück und eröffnete wieder eine Käsehandlung.

Warum mein Vater sich so konsequent diesem einen Erwerbszweig zuwandte, ist mir um so unverständlicher, als er damit ja doch nie Glück hatte. Selbst hier in München, wo Käse so gern gegessen wird, konnte er damit auf keinen grünen Zweig kommen, und bald machten die Gläubiger der Herrlichkeit ein Ende, von der Geschäftstüchtigkeit meiner Eltern wahrscheinlich wenig überzeugt.

Nun endlich hatte mein Vater eingesehen, daß Käse ein ihm feindlich gesinntes Produkt war, und wandte sich einem neuen Erwerb zu.

Er lernte bei einem befreundeten Zigarrenmacher dessen Kunst und verdiente sich damit eine Zeitlang den Unterhalt, während meine Mutter sich als Hilfsköchin in einem Hotel verdingte und einen Teil des Lebensunterhaltes so mittragen konnte. Sie war dabei wenigstens am Nachmittag frei und konnte diesen mit ihrem Töchterchen verbringen.

Bald aber fiel meinem Vater ein, daß vielleicht Amerika sehnlichst seiner harre, um ihm von seinem Überfluß an Gold mitzuteilen und ihm ein herrliches Leben zu bieten, und von nun an war dieses Land das Ziel aller seiner Gedanken und Wünsche. Vorerst wollte er nach Hamburg, um eine günstige, das ist billige Gelegenheit abzuwarten, die Reise hinüber machen zu können. Was nützten alle Einwendungen meiner Mutter, die sich nach Ruhe sehnte und kein Vertrauen in eine so abenteuerliche Zukunft hatte! Was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, konnte nicht mehr geändert werden, und jede Gegenrede war wie Wasser in eine Zementmischung: sein Entschluß wurde immer fester.

Widersprechen durfte ihm nie jemand, selbst die nicht, die er liebhatte. So zogen denn meine Eltern, kaum daß sie sich wieder eine kleine Summe erspart hatten, von neuem auf die Wanderschaft. Auf der Reise nach Hamburg änderte mein Vater plötzlich den Plan, schickte Frau und Kind nach Stettin und wollte diese Stadt selbst zu Fuß erreichen.

Er hatte von den hohen Löhnen gehört, die dort in den Schiffswerften gezahlt wurden, auch zog ihn dieser Zweig der Technik mächtig an.

So wanderte er nun, einem Handwerksburschen gleich, gemächlich von Stadt zu Stadt, während meine Mutter mit dem Kinde vierter Klasse nach Stettin gefahren war und mit wenigen Groschen im Beutel sehnsüchtig in der stockfremden Stadt ihres Mannes harrte. Nur mehr einige Tagreisen von Stettin entfernt, sah dieser sich plötzlich genötigt, ein rascheres Marschtempo einzuschlagen, da seine Barschaft zu Ende ging. Vielleicht quälten ihn doch auch Gewissensbisse, die Seinen so leichtsinnig dem Ungewissen ausgeliefert zu haben.

Während dieser Wanderschaft mochten ihn wohl hauptsächlich die Gedanken an die Zukunft beschäftigen, an die Art, wie er die nächste Zeit zu einem ordentlichen und einträglichen Erwerb kommen könnte.

Weit entfernt, auf die Hilfe einer unirdischen Macht zu warten, hielt er auf seinen Wegen Umschau und fand auch wirklich die Gelegenheit, seiner Bedrängnis beizukommen.

Dies geschah auf folgende Weise: In einer Schenke lernte mein Vater einen Schlosser kennen, der sich mit ihm befreundete und scheinbar Gefallen an meinem Vater gefunden hatte. Er erzählte ihm nun von einer Erfindung, die er gemacht habe und zu deren Verwirklichung nichts mehr fehle als ein wenig Courage und eine Rednergabe, die er leider nicht besitze. Wenn mein Vater diese beiden Eigenschaften besäße, so könnten sie die Sache gemeinsam ausführen und hätten gewiß schönen Erfolg.

Die Erfindung bestand in der Verbesserung der damaligen Gasbrenner. Mit wenigen Mitteln könne eine Vorrichtung an diesen angebracht werden, welche das Flackern der Flamme verhindere. Ein kleines Drahtröllchen, das in die Brenneröffnung geschoben wird, das sei alles. Er würde diese verfertigen, mein Vater müßte sie zu verkaufen suchen und auf die Brenner montieren.

Nach kurzem Besinnen war mein Vater einverstanden.

Gleich am nächsten Tag gingen sie ans Werk, und mein Vater hatte solchen Erfolg, daß am Abend auf jeden mehrere Taler Verdienst fielen.

Nun zogen sie beide nach Stettin und machten schon auf der Fußreise dorthin so gute Geschäfte, daß mein Vater ungefähr hundert Taler sein eigen nannte, als sie ihr Ziel erreicht hatten.

Wer war froher als meine Mutter, die schon die schrecklichste Not vor Augen gesehen hatte! Sie konnten sich ein hübsches Quartier mieten, ihr Äußeres etwas restaurieren und vor allem beisammen bleiben.

Der Schlosser dagegen schien den Zwang der Fabrik dieser freien Arbeit vorzuziehen, denn er überließ meinem Vater bald den Alleinvertrieb seiner Erfindung und tauchte dann wieder in irgendeiner Fabrik unter.

Nun lebten meine Eltern eine Zeitlang friedlich bei dieser Arbeit und in ganz angenehmen Verhältnissen, und schon hoffte meine Mutter, daß es mit dem ewigen Umherziehen ein Ende hätte. Sie brauchte die Ruhe notwendiger als je, da sie sich wieder guter Hoffnung fühlte.

Diesmal schenkte sie einem Knaben das Leben, der indessen zum großen Schmerz meiner Eltern bald einer Kinderkrankheit erlag.

Inwiefern dieses Ereignis mit dem Wunsch meines Vaters nach neuerlicher Veränderung zusammenhängt, weiß ich nicht, vielleicht war es die Hoffnung, an einem anderen Ort den Schmerz um das verlorene Kind eher zu vergessen. Tatsächlich war er von diesem Zeitpunkt an nicht mehr zu bewegen, in Stettin zu bleiben; seine frühere Sehnsucht nach Hamburg war erwacht. Dort lag für ihn die Erfüllung aller Wünsche, in diese Stadt dichtete er alle Bilder, die er bisher im Traum geschaut. Hamburg war die ganze Welt, ein Stück von jedem Land trug es in sich, und wie anders würde dort das Meer erscheinen als in dem kleinen, engen Stettin! Sein Leben war straff gespannt in der frohen Erwartung der Dinge, die ihn in Hamburg erwarteten.

Seufzend fügte sich meine Mutter. Wenn mein Vater wenigstens dem lohnenden Verdienst treu geblieben wäre, aber nun wollte er auch hier Neues versuchen und richtete in Hamburg einen Zigarrenladen ein. An das Geschäft schloß sich eine Werkstätte, in welcher mein Vater bald, vom Glück begünstigt, ein Dutzend Arbeiter beschäftigen konnte. Seine Lehrzeit in München kam ihm dabei zustatten, außerdem hatte mein Vater ein großes Talent, sich allem Neuen sofort anpassen zu können und jeder Sache von der vorteilhaftesten Seite beizukommen.

So ging das Geschäft bald glänzend in die Höhe; dadurch ermutigt, schloß mein Vater an den Zigarrenladen ein Bankgeschäft an und ließ sich in nicht unerhebliche Spekulationen ein, die ihm anfangs meist glückten.

In Kürze zog nun nicht nur Wohlstand, sondern ein gewisser Reichtum in die Häuslichkeit meiner Eltern. Jeden Tag gab es Fremde im Hause: mein Schwesterchen bekam Hauslehrer, Dienstmägde standen meiner Mutter zur Seite, und der Vater stellte sich ein Reitpferd ein. Nach dreijähriger Tätigkeit konnte er sich bei Kuttenberg in Böhmen ein kleines Rittergut kaufen, das er auf einer Geschäftsreise gesehen hatte und das ihm gefiel.

Am glücklichsten machte es ihn, daß er nun seiner Freigebigkeit die Zügel schießen lassen konnte, und so dauerte es nicht lange, und alle Bedürftigen des Stadtviertels kamen zu ihm um Hilfe. Er half ihnen, wo es nur in seiner Macht stand.

Einmal erfuhr er, daß eine arme Familie gepfändet werden sollte. Er kaufte nun alles zu Pfändende und schenkte es ihnen wieder. Ein andermal nahm er einen Schiffbrüchigen von der Straße in sein Haus auf und stellte ihn in seinem Büro als Schreiber an. Er schickte Ärzte auf seine Kosten in die Häuser armer Kranker, bezahlte deren Medizinen und schickte ihnen kräftigende Kost. Er nahm Advokaten auf, um solche, die durch Not und Elend rechtlos geworden, vor Gericht zu vertreten und ihrer Sache zu einem guten Ende zu verhelfen. Scharenweise lud er hungrige Straßenkinder zu sich ins Haus und ließ ihnen durch meine Mutter Krüge voll Kaffee und Berge von Kuchen vorsetzen. Abends mußten immer frohe Gäste sein Haus füllen, mit denen er ein kluges und lustiges Wort sprechen konnte. Um die Seinen zu erfreuen, scheute er keine Ausgabe, und es war ihm das größte Glück, nach Herzenslust schenken zu können.

Aber auch diese schönen Zeiten fanden ein Ende, und der Leser wird ahnen, warum. So viel Güte und Vertrauensseligkeit mußte auch einmal an den Unrechten kommen, denn das ist nun der Welt Lauf!

Einer jener Menschen, die ihm zum größten Dank verpflichtet waren – mein Vater hatte ihn vor dem Selbstmord gerettet, den er aus Verzweiflung über seine Existenzlosigkeit begehen wollte, indem er ihm das Amt seines Buchhalters und Kassierers übertrug –, veruntreute dreißigtausend Mark und floh nach Amerika. Er hatte sich das Vertrauen seines Chefs und Retters zu erschleichen gewußt und war im Hause meiner Eltern mit herzlichster Freundlichkeit aufgenommen; so war ihm dieser große Betrug ein leichtes gewesen.

Das war der Anfang vom Ende. Als wäre dieser Diebstahl des Buchhalters die Auslösung der ersten Dynamitlunte gewesen, die nun eine ganze Reihe solcher in Brand steckte und eine Explosion nach der anderen verursachte, so reihten sich jetzt die Geschäftsverluste einer an den andern, bis eines Tages die Endkatastrophe kam: der Ausbruch der Cholera in Hamburg, und mein Vater Konkurs anmelden mußte.

Aus den Trümmern der zusammengekrachten Herrlichkeit retteten meine Eltern kaum einige hundert Mark, mit welchen sie sich zum zweitenmal nach München begaben, um dort aufs neue irgendeinen Lebenserwerb zu suchen.

Aber das Glück schien meinem Vater den Rücken gewendet zu haben. Alles, was er begann, ging nun fehl. Das bißchen Geld war bald dahin, und bald klopfte die Not ingrimmig an die Tür. Mein Vater mußte froh sein, hie und da eine Gelegenheitsarbeit zu finden, während meine Mutter durch Zufall eine Stelle als Krankenwärterin erhielt.

Es war damals eine Nervenfieberepidemie in München ausgebrochen. Eilig wurden für die Kranken Baracken gebaut, und in einer solchen verbrachte meine Mutter drei Monate. Wegen der Ansteckungsgefahr durfte sie ihr Kind die ganze Zeit über nicht besuchen und sogar mit ihrem Mann nur per Distanz sprechen. Doch da sie ein gutes Gehalt bezog und mit diesem ihrem stellungslosen Mann aushelfen und das Kind erhalten konnte, söhnte sie sich mit ihrem Lose aus und vertröstete sich auf bessere Zeiten.

Mein Vater hatte nun von verschiedenen Seiten gehört, daß dem deutschen Handwerker und Geschäftsmann in Serbien ein reiches Feld gutbezahlter Tätigkeit blühe. Nun war sein ganzes Sinnen und Trachten, in dieses gelobte Land zu gelangen. Im Anfang sträubte sich meine Mutter gegen dieses, für die damaligen Zeiten abenteuerliche Vorhaben. Der Balkan war noch das unentdeckte Land Europas, mit einer Einwohnerschaft, von der man weniger wußte als von den Rothäuten Amerikas. Sie wollte vor allem des Kindes willen von diesem Unternehmen nichts wissen und hieß anfangs ihren Mann allein dort sein Glück versuchen, womit aber wieder mein Vater nicht einverstanden war. Dieser war immer überzeugter, in Serbien das Gold auf der Straße zu finden, und überredete schließlich meine Mutter, so daß wieder einmal die Koffer gepackt wurden.

Zuerst ging's mit der Bahn bis Passau, dann mit dem Schiff nach Budapest. Dort mußten sie, da Hochwasser eingetreten war, einige Tage verbleiben. Eines Tages nun ging mein Vater, wohl recht verstimmt über den unvorhergesehenen Aufenthalt, auf dem Bürgersteig einer Straße spazieren, der vom Wasser verschont war, weil er höher gelegen, als er plötzlich Hilferufe und den Jammer vieler Menschen hörte. Ein Kind war in die schmutzige, brodelnde Flut gefallen und kämpfte mit dem Tode. Von den kreischenden Herumstehenden getraute sich keiner an die Rettung des armen Kindes; da sprang mein Väter, ohne sich lange zu besinnen, ins Wasser und brachte das ermattete Körperchen glücklich ins Trockene.

Nachdem sich das Hochwasser halbwegs verlaufen hatte, fuhren sie mit der Bahn nach Werschätz im Banat. Dort angekommen, vermißten sie die paar Gulden, die sie sich für die Reise nach Belgrad gespart hatten. Sie waren ihnen auf der Fahrt gestohlen worden. Völlig mittellos standen sie nun in der kleinen Landstadt und wußten nicht, was beginnen.

Meine Mutter meinte nun, es wäre vielleicht am besten, den protestantischen Pfarrer aufzusuchen und ihn um Rat zu fragen. Sie taten dies, und wirklich gab ihnen der Pfarrer eine Empfehlung an einen Gutsbesitzer, der sie bei der Weinlese beschäftigte. Acht Tage krochen sie nun in der glühendsten Hitze in den Weinbergen umher und halfen die Trauben abnehmen, und meine Schwester half ihnen, so gut sie es vermochte. Da sie mit dem Gelde, welches ihnen diese Arbeit einbrachte, nur bis Peterwardein kamen, mein Vater aber seine Zeit nicht mit Arbeitsuchen verlieren wollte, so überredete er meine Mutter, den letzten Teil der Reise zu Fuß zurückzulegen.

Das Kind abwechselnd auf dem Rücken tragend, marschierten sie nun der Grenze zu. Ein hilfsbereiter Zollwächter fuhr sie auf der Save in seiner Zille an das serbische Ufer dieses Flusses; der letzte, aber auch beschwerlichste und gefahrvollste Teil des Weges lag nun vor ihnen. Er führte über ein düsteres Waldgebirge, das, wie der Zollwächter warnend erzählte, noch von Räubern unsicher gemacht wurde. Mutter und Vater freilich brauchten von einem Überfall nichts zu fürchten, trugen sie doch nichts bei sich, was den Wegelagerern hätte in die Augen stechen können. Trotzdem mochte meiner Mutter das Herz tüchtig geklopft haben, als sie mitten in der Nacht im Walde in einer Hirten- oder Köhlerhütte übernachten mußten und dort mehrere unheimlich aussehende Menschen trafen, die mit Dolchen und Revolvern behängt waren. Ihr fielen die tollsten Geschichten ein, die sie jemals über die mord- und raublustigen Bewohner dieses Landes gehört hatte, von geschändeten Frauen, aufgespießten Kindern, abgeschnittenen Ohren und Nasen und anderen Scheußlichkeiten.

Diese unheimlichen Brüder entpuppten sich aber als harmlose Leute. Es waren Bauern aus einem nahen Dorfe, die, wie die sieben Schwaben ausgerüstet, einem Wolf zu Leibe gehen wollten, der in der Umgebung sein Unwesen trieb.

Obwohl sie kein Wort von dem verstanden, was die fremden Wanderer zu ihnen sagten, gaben sie ihnen gutmütig von ihren Lebensmitteln, bedeuteten ihnen, sich ruhig auf die Streu zum Schlafen niederzulegen, während sie selbst das Ungeheuer erlegen gingen. Wenn dies geschehen, wollten sie die Fremden auf die Landstraße begleiten, auf welcher es nur mehr einige Stunden nach Belgrad sei. Bewundernd strichen sie über das üppige blonde Haar meiner Schwester und schenkten ihr die besten Leckerbissen, die sie mit sich führten. Sie soll, so erzählte meine Mutter, sehr zutraulich zu ihnen gewesen sein und sich schwer von ihren neuen Freunden getrennt haben.

Am frühen Morgen brachten die Bauern im Triumph das zerschossene, zerstochene und erschlagene Wölflein herbeigeschleppt, und meine ausgeruhten Eltern mußten ein Siegesmahl mit ihnen feiern, bei welchem zum Schluß noch mein Vater der Held des Tages wurde, als er eine Okarina hervorzog und darauf zur allgemeinen Ergötzung deutsche Volkslieder spielte. Dann wurde aufgebrochen. Die Bauern hielten ihr Versprechen und gaben ihnen das Geleit bis zur alten römischen Reichsstraße, wo sie gerührt von den Wanderern Abschied nahmen, als ob diese von ihrer Sippe gewesen wären.

Ohne weitere Gefahren kamen meine Eltern in Belgrad an und begaben sich zu einem Friseur, der ein Württemberger war und an welchen sie der Werschätzer Pastor empfohlen hatte. Sie wurden freundlichst willkommen geheißen und erhielten nach einem ausgiebigen Begrüßungsschmaus ein Zimmer angewiesen, in welchem sie sich einmal tüchtig ausruhen konnten.

Als dies geschehen, begab sich mein Vater zum Deutschen Konsulat, um sich dort nach einer Arbeitsgelegenheit umzusehen. Es traf sich, daß eben zu dieser Zeit der damalige Fürst von Serbien, Milan IV., der später als König Milan I. die Verfassung änderte und sein kleines Reich der westlichen Scheinkultur nahebringen wollte, gern eine Restaurierung des Billard- und Spielzimmers im Konak hätte vornehmen lassen und an das Deutsche Konsulat mit der Bitte herangetreten war, einen deutschen Arbeiter zu dieser Sache ausfindig zu machen.

Obwohl nun mein Vater in seinem Leben noch nie ein Billard überzogen hatte, war er doch sofort einverstanden, diese Arbeit zu übernehmen, indem er auf seine Geschicklichkeit und ein wenig Glück baute.

Gleich am nächsten Morgen machte er sich an die Arbeit und führte sie wirklich zur Zufriedenheit des Fürsten in den nächsten Tagen zu Ende. Der Fürst tat noch ein übriges und stellte meinen Vater als Leib- und Hoftapezierer an, wobei dieser ein gutes Auskommen für sich und seine Familie fand. Er kleisterte, flickte, nähte und hämmerte nun beinahe zwei Jahre lang in den Räumen des Konaks herum und war guter Dinge.

Freilich gehörte die Anpassungsfähigkeit meiner Eltern dazu, sich in diesem, damals wirklich nur halbzivilisierten Stück Vorderasiens wohlzufühlen. In den Straßen Belgrads spazierten Schweine, Schafe und Rinder in gemütlicher Eintracht, kamen wohl auch manchmal in die Stuben herein, welches Zeichen guter Nachbarschaft und Freundschaft mit den Menschen sie ja seit Jahrhunderten gepflegt hatten. In Blutfeindschaft sich befindende Familienangehörige beschossen sich auf den Plätzen und schwachbeleuchteten Gassen, meistens in der Nacht, was den schauerlichen Eindruck verstärkte, den dies auf den Fremden machte. Einigemal geschah es, daß meine Eltern vor ihrer Tür Stöhnen hörten und ein Verwundeter um Einlaß und Zuflucht bat.

Jeder Einwohner, ob alt oder jung, ob Bettler oder Wojwode, trug auf dem Körper eine Sammlung aller möglichen, meist uralter Waffen.

Da der größte Teil der Stadt aus Holz gebaut war, gab es fortwährend Brände, die meist eine große Ausdehnung annahmen, da es keine modern eingerichtete und organisierte Feuerwehr gab.

Mutter und Schwester mochten in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes deshalb nicht wenig Angst ausgestanden haben.

Anderseits bot das Leben viele Annehmlichkeiten. Das Leben war unglaublich billig, Fleisch, Gemüse, Obst war für einige Piaster zu haben. Dazu kam die unbedingte Ehrlichkeit und Gutmütigkeit der einheimischen Bevölkerung, die meine Eltern nicht genug rühmen konnten. Diebstahl war ein beinahe unbekanntes Verbrechen. Wurde einmal etwas gestohlen, so war der Täter gewiß kein Serbe, sondern ein Ausländer oder ein Zigeuner. Es gab keine versperrbaren Türen. War der Besitzer einer Wohnung abwesend, oder wollte er nicht gestört werden, so stellte er einen Stuhl vor die offene Tür, und kein Fremder betrat die Schwelle. Noch zur Zeit des Fürsten Michael, der in Topschider ermordet wurde und der nun durch die Legende für das serbische Volk eine Art Kaiser Joseph II. geworden ist, wurde Diebstahl zumeist mit dem Tode bestraft.

Von diesem Fürsten erzählte mir die Mutter ein grausig lehrreiches Geschichtchen: Einer armen Bäuerin war der Mann gestorben, nachdem seine Krankheit allen Besitztum, der aus Haus, Stall und Feld bestand, verschlungen hatte. Womit sollte sie nun den Popen bezahlen, der ihren Toten christlich bestatten würde? Vielleicht wären die Bitte und der Dank einer armen Frau genug. Doch der Pope war ein hartherziger Mann, und er ließ den Bauer ohne Segen und Glockengeläut in die ungeweihte Erde einscharren.

Dies kam Fürst Michael zu Ohren. Bei der nächsten der Gerichtssitzungen, die er selbst alle Woche auf dem großen Platze vor dem Konak abzuhalten pflegte, ließ er den Popen und die arme Witwe vorführen. Ein gewaltiges und grausames Strafgericht brach über den hartherzigen Vertreter Gottes auf Erden herein.

»Du Hund glaubst, der Leib eines armen Mannes sei gut genug, um verscharrt zu werden wie der eines Tieres? Man nehme dein Geld und schenke es den Armen des Ortes. Dich selbst aber grabe man lebendig ein, damit du den Unterschied spürst!«

Dieses drakonische Urteil soll wirklich vollzogen worden sein.

Solcher Geschichten waren noch viele über Fürst Michael im Umlauf.

Zu jener Zeit wurde bei meinen Eltern um meine damals elfjährige Schwester angehalten. Ein reicher türkischer Händler wollte seinem Sohn, der vierzehn Jahre alt war, das hübsche blonde Mädchen zur Frau geben.

So weit ging allerdings die Anpassungsfähigkeit meiner Eltern nicht, und sie lehnten höflich, aber entschieden ab.

Die Spannung, welche wegen der panslawistischen Politik des damaligen Ministerpräsidenten in Serbien zwischen diesem Staate und dem österreichischen immer größer wurde und zu einem Kriege zu führen drohte, veranlaßte meine Eltern im Jahre 1882, Serbien den Rücken zu kehren und nach Wien zu übersiedeln.

Dort brachte sich mein Vater wieder durch den Vertrieb von Gaslichtbrennern fort, handelte auch sonst noch mit allen möglichen Dingen. Sein Verdienst gestattete freilich keine größeren Sprünge; trotzdem gelang es ihnen, dank der genialen Sparsamkeit meiner Mutter, die Schwester in eine angesehene Privatklosterschule zu schicken, wo diese nebst dem gewöhnlichen Unterricht auch solchen in fremden Sprachen und feinen Handarbeiten erhielt.

Meine Mutter hatte schon das neunundvierzigste Lebensjahr erreicht, als sie zur größten Überraschung meiner Eltern wieder schwanger wurde. Mein Vater nahm den späten Segen mit Galgenhumor hin, während meine Mutter sich viele Sorgen darum machte. Was konnte sie, die abgehärmte und überarbeitete Frau, in diesem Alter noch dem zukünftigen Kinde an gesunden und widerstandskräftigen Lebenssäften geben, womit sollte sie diesen Mangel ersetzen, da sie dem Kinde doch die natürliche Nahrung nicht mehr zu geben imstande sein würde?

Während ich noch im Geheimnis des Fleisches schlummerte, dachte sich meine Mutter das Herz und Hirn wund über meine Zukunft.

So kam der vierundzwanzigste September des Jahres 1882 heran.

Meine Eltern bewohnten einen hölzernen Gartenpavillon, der zu einem uralten Wiener Hause in der Stadiongasse, jetzt Robert-Hamerling-Gasse, in Fünfhaus gehörte.

Gerade während meine Mutter sich in den ärgsten Wehen krümmte, brach infolge von Schadhaftigkeit eines Ofens im Pavillon Feuer aus. Sie mußte aus dem brennenden Hause zu barmherzigen Nachbarn getragen werden, als sie eben einem Knaben das Leben geschenkt hatte.

Es war zwölf Uhr mittags und Sonntag, da mein Dasein begann, und mein erster Weg ging durch fallende Blätter und blühende Astern.

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