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Das rauhe Leben

Alfons Petzold: Das rauhe Leben - Kapitel 15
Quellenangabe
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typeautobiography
authorAlfons Petzold
titleDas rauhe Leben
publisherAufbau-Verlag
printrun1. Auflage
year1985
firstpub1920
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel

Eine Wiese, ein Wald!

Die Menschen starben um mich wie Fliegen, Jeden Tag trugen die Spitalsdiener einen oder zwei Erlöste aus dem Saal, in dem ich lag, in die Totenkammer. Die meisten starben ruhig, ohne viel gegen den Tod zu kämpfen. Es war oft wie ein kurzes, befreites, letztes Aufatmen nach einem langen Verbleiben in einem luftarmen Loch. Und die sich mit letzter Kraft, einem wilden Tier gleich, mit Schreien und letztem Aufbäumen des Körpers wehrten, wurden mit Hilfe der Morphiumspritze zu einem ohnmächtigen Sterben gebracht. So geschah es auch einem achtzigjährigen Greise, der in meiner unmittelbaren Nähe lag und sich drei Tage lang mit furchtbarem Toben gegen die Umarmung des Todes sträubte. Man hätte dem zermürbten, ausgemergelten Körper diese Lebenszähigkeit und Widerstandskraft nicht zugetraut. Arzt und Wärterin mußten ihre ganzen Kräfte zu Hilfe nehmen, um den Alten in das Bett niederzuzwingen, wo ihm dann eine starke Dosis Morphium die Kraft zum Brüllen nahm. Aber ruhig war er auch dann nicht, schnatterte, grunzte und stöhnte in einer Art, daß uns anderen Patienten das Brüllen beinahe noch lieber war. Der ganze Saal haßte den Alten. Achtzig Jahre alt sein und nicht sterben wollen war für uns, die wir zumeist ein hartes, freudenarmes Leben hinter uns hatten, eine Herausforderung, so wie es vielleicht strotzende Gesundheit im Kleide des Reichtums gewesen warn. Auch widerte uns das Benehmen seiner Angehörigen an, die ihn von früh bis abends laut jammernd umstanden und ihm, wenn er vor Erschöpfung etwas einschlief, sofort in die Ohren kreischten: »Großvaterl, stirb net!« – »Großvaterl, Großvaterl, hörst mi no?« – »Geh, Großvaterl, sei brav und schau uns no amol a!«, bis der Arme die Augen aufriß und wieder von neuem zu toben begann. Wir atmeten alle befreit auf, als eines Morgens beim Aufwachen unsere Blicke den Greis nicht mehr vorfanden, sondern auf ein leeres, frischüberzogenes Bett fielen. Er war in der Nacht gestorben.

Sein gerades Gegenteil bildete ein kaum dreißigjähriger Mann, der das Bett mir gegenüber besetzt hielt. Er war ein tschechischer Tischlergeselle und wohl im letzten Stadium der Tuberkulose. In den Dämmerungen sah sein Gesicht schon wie grüner Grabesmoder aus. Trotz seines Martyriums war er von bewunderungswerter Geduld, hörte ich kein Wort der Klage von ihm, bemerkte ich keine Geste der Ungeduld. Die ergebene Demut und ruhige Gelassenheit gab seinem typisch slawischen Gesicht oft eine reine, klassisch edle Form. Unwillkürlich mußte ich das Bild eines beinahe lebensgroßen, gekreuzigten Christus mit ihm vergleichen, der mit tierischem Schmerzensausdruck seinen blutüberrieselten Kopf auf uns herabbeugte.

Der sterbende Tischler bekam jeden Tag den Besuch seiner Frau, einer üppigen, grellblonden Tschechin, die ihm stets einen großen Korb voll der besten Dinge, Obst, Bäckereien, Wein und sogar eine Flasche Kognak, brachte. Wenn sie fort war, bat er die Wärterin, die Sachen an die Patienten zu verteilen, seine Frau ließ er aber bei dem Glauben, er habe alles selbst verzehrt. Daraufhin gab sie immer ihrer Verwunderung Ausdruck, daß ihr Mann, trotzdem er so viel esse, doch von Tag zu Tag hinfälliger werde, und sie schimpfte furchtbar auf die Ärzte, denen sie einzig und allein die Schuld an dieser traurigen Erscheinung beimaß.

Den Tag vor seinem Tode ließ er sich, nachdem seine Frau ihn verlassen hatte, den Friseur holen. Der mußte ihn rasieren und ihm die Haare stutzen. Mit einem furchtbaren Lächeln sagte er uns, er wisse, daß morgen seine Zeit abgelaufen sei und er sterben müsse. Er wolle sich dafür noch einmal schönmachen lassen. Nach der Prozedur sah er grotesk grauenhaft aus. Der schwarze Schnurrbart klebte mit seinen aufgewichsten Spitzen wie in dem Gesicht eines Gespenstes, und der Geruch schlechter Haarpomade machte es, daß ich vermeinte, einer einbalsamierten Leiche gegenüber zu liegen.

O furchtbares Schicksal, hier sterben zu müssen, vor vierundzwanzig weißen Betten, voll des Jammers und der Qual.

Mein Bettnachbar war ein alter Brunnenmacher. Vor Jahren war er noch – wie er mir erzählte – ein wohlhabender Meister gewesen, aber die fortschreitende Versorgung der Großstadt mit Hochquellenwasser und nicht zuletzt die unverbesserliche Fidelität des Wiener Handwerkers hatten ihn der vollständigen Verarmung nahegebracht. Er war ein dürres, unglaublich bewegliches Männlein, das auf zwei Dinge besonders stolz war: erstens auf seinen graublonden Kaiserbart, dem er die sorgfältigste Pflege angedeihen ließ, und zweitens auf den Umstand, daß er durch eine Kanüle, die in der Leistengegend zum Magen führte, und nur mit flüssiger Nahrung genährt wurde. Der Brunnenmacher hatte Speiseröhrenverengung und voraussichtlich nur mehr wenige Monate zu leben. Obzwar er nun wußte, daß er das Spital lebend nicht mehr verlassen würde, war er stets lustiger und guter Dinge. Der Wahlspruch seines ganzen Lebens war, wie er mir ein paarmal auf das eindringlichste mitteilte: »Der Mensch ist ja ka Viech, drum muaß er a guats Weinl, a feins Zigarrl und a sauberls Mädel allaweil mögen und a guats Herz habn!« Dieses hatte er reichlich. Er tat den bettlägerigen Kranken mehr Liebesdienste als die dafür angestellten und bezahlten Wärterinnen. Den ganzen Tag bis in die späte Nacht hinein huschte er behend von Bett zu Bett, brachte dem einen Kranken frisches Wasser, leerte dem andern sein volles Uringlas aus, richtete einem dritten, halb Gelähmten die Polster, erzählte Patienten, die von keinem Angehörigen besucht wurden oder die aus irgendeinem andern Grund trübsinnig waren, die humorvollsten Anekdoten, bis sie zu lachen anfingen, und scheute sich nicht, die Wärterinnen wegen einer Nachlässigkeit zu rügen. Wenn er sich im Krankensaal überflüssig fand, setzte er sich im Vorzimmer auf den großen Kochherd und rauchte mit großem Genuß eine Virginiazigarre, die er von den Ärzten geschenkt erhielt.

Er hatte sich gleich in der ersten Stunde meines traurigen Aufenthaltes meiner angenommen. Da ich die ersten Tage mit niemandem reden durfte, brachte er mir alle Zeitungen, die er im Saal auftreiben konnte, und saß stundenlang auf meinem Bett, wo er mich mit dem Erzählen der schnurrigsten Geschichten zu zerstreuen suchte. »Wanns Ihnan Brotladn haltn, sans in a paar Wochen wieda pumperlgsund! Dö klan Flöhstich in Ihnerer Lungen san zuagleimt! Da hab i scho a feinere Letten. I bin wia a Bierfassel angschlagn und bin so noblicht wurn, daß i nur mehr a Eiersupperl kriag!« Dabei strahlte er vor Stolz über seine vornehme und seltene Krankheit, während er doch in seiner Gutmütigkeit nichts anderes anstrebte, als mich mit der Schilderung seines furchtbaren Übels, von dem ihn nur der Tod erlösen konnte, zu trösten.

Am Tage nach der Verschönerung des lungenkranken Tischlergesellen, es war kurz vor dem Mittagessen, saß der Brunnenmacher auf seinem Bett und erzählte mir eine höchst anregende Geschichte von einer Heurigenfahrt, die er einst mitgemacht hatte, während er auf das sorgfältigste mit Zigarettenpapier eine sich aufblätternde Zigarre auszubessern versuchte. Er war gerade dabei, mir den Seelenzustand eines Einspännerkutschers, der schon vier Liter Wein vertilgt hatte und nun den fünften vor sich stehen sah, auf das anschaulichste zu erklären, als uns beide ein Seufzer aufhorchen ließ, der wie das Geräusch eines Vogelfluges durch den Raum zog. Um diese Zeit herrschte zumeist die größte Ruhe. Die meisten Patienten schrieben oder lasen die Morgenzeitungen und Briefe, die jeden Tag um diese Zeit von der Portierlogen heraufgebracht wurden. So war das seltsame Geräusch, das mich seltsam erschauern ließ, deutlich vernehmbar gewesen. Auch die andern hatten aufgehorcht, aber da es sich nicht wiederholte, widmeten sich alle wieder ihrer Beschäftigung. Auch mein Nachbar fing wieder an, seine schier endlose Geschichte zu erzählen, zu deren Ende er auch nicht mehr kommen sollte. Denn plötzlich hörten wir die Frau Fanny beim Bett des Tischlers ausrufen: »Jessas, mi scheint gar, der Herr Nemetz is gsturben! ... Freili, maustot is er, und vur aner Viertelstund hab i erm no gratuliert zu sein guatn Appetit, weil er zur Zehnerpausen a kalts Antenhaxerl mit aner Kaisersemmel verschnabuliert hat! Dös haß i a feins Sterbn! Der hat wenigstens beim Abkratzen Rücksicht gnumma auf unseraner. Da sollten sich andere a Beispiel nehma!«

Und sie richtete einen vorwurfsvollen Rattenblick auf einen Patienten, der, zum Skelett abgemagert, schon den zweiten Tag dem Tod entgegenstöhnte und wimmerte, da er zum Schreien nicht mehr die Kraft hatte.

»Ja, so möcht i a sterben«, bekräftigte der Brunnenmacher die Worte der Wärterin. »Der hat kan Meketzer gmacht. Da liegn tuat a, als wenn er a Mittagsschlaferl haltn möcht!«

Ich richtete mich auf, um hinübersehen zu können. Wirklich, der tote Tischler lag da, als wenn er sanft schliefe. Alles Peinigende der furchtbaren Krankheit war aus dem friedvollen Gesicht gewischt. Das war in Wahrheit das Bild eines von allem Jammer der Erde Erlösten. Wenn mein Tod nur auch so schön und ruhig würde. Aber ich mußte an das harte Sterben von Vater und Mutter denken!

Nach den Vorschriften mußte ein Verstorbener drei Stunden auf seinem Sterbelager liegenbleiben, bis er in die Totenkammer kam. Um den Patienten diesen Anblick zu ersparen, wurde um das Bett, das den Toten barg, eine spanische Wand gestellt. Das geschah auch jetzt, und in Gegenwart des unseren Blicken verborgenen toten Tischlergehilfen mußten wir unser Mittagessen verzehren. Gar manchen von uns würgte diesmal jeder Bissen im Mund.

Ein grotesk komisches Ereignis folgte noch an diesem Tage dem Tod des Tischlergehilfen. Als nämlich die Glocke zur Ausspeisung rief, fand die das Essen austeilende Wärterin einen Patienten nicht in seinem Bett vor. Es war das ein alter Landstreicher, den man tags zuvor mit einer Lungenentzündung auf der Straße zusammengeklaubt und ins Spital gebracht hatte. Da er stark fieberte, verbot ihm der Primarius bei der Morgenvisite, das Bett zu verlassen, und trug der Frau Fanny auf, darüber zu wachen, daß dieses Verbot nicht etwa im Fieberwahn von dem schwerkranken Patienten übertreten wurde. Die Wärterin hatte, wie es ihre Art war, die Pflicht der Überwachung nicht sehr genau genommen, und die Folge war, daß der kranke Landstreicher das Bett verlassen konnte, ohne gesehen zu werden.

Die dicke Frau Fanny geriet in große Aufregung, als alles Suchen nach dem Verschwundenen vergeblich schien. Sie schnaufte wie eine wütend gewordene Wildsau durch den Saal, auf den Gang hinaus und wieder herein, suchte selbst die unmöglichsten Verstecke ab und ließ ganze Wagenladungen Schimpfworte und Verwünschungen aus ihrem Rosenmund kollern. Sie brachte den ganzen Flügel des Spitals in Aufregung, alarmierte ihre Hilfspflegerinnen, die Abwaschfrauen, Krankendiener und die nicht bettlägerigen Patienten. Vom Boden bis zum Keller wurde alles durchsucht – ohne jeden Erfolg. Es wurde in den andern Abteilungen nachgefragt, der Portier wurde einem Verhör unterzogen – alles umsonst. Niemand wollte den Verschwundenen in den letzten zwei Stunden gesehen haben.

Die Zeit für das Mittagessen war längst vorbei. Sonst herrschte vollkommene Ruhe. Heute nicht, denn alles war wegen des so rätselhaften Verschwindens eines Schwerkranken in größter Aufregung, und von Bett zu Bett unterhielt man sich über diesen sonderbaren Fall. Nach einigen Wut- und Entrüstungsausbrüchen saß die robuste Weiblichkeit unserer Oberwärterin wie ein Häuflein Elend in der Saalmitte auf einem Stuhl und jammerte alle möglichen Befürchtungen in unsere Ohren. Am meisten befürchtete sie, daß sich der verschwundene Patient einen leiblichen Schaden angetan haben könnte. Da hätte wohl eine strenge Untersuchung eingesetzt, und wer weiß, was diese über die hervorragenden Eigenschaften der Frau Fanny als Oberwärterin an interessanten Einzelheiten zutage gefördert hätte.

Die Stunde der Nachmittagsjause kam, und mit der trostlosesten Miene schenkte sie uns den Kaffee ein. Nach der Jause wurde die zweite Tagesvisite abgehalten, und da mußte sie dem Primararzt das Verschwinden des Patienten von Bett Nr. 21 anzeigen. Sie zitterte so mit den Händen, daß sie die Hälfte Kaffee herausschwabbte und sie mir trotz ihrer Roheit ordentlich leid tat.

Während der Jause kamen die Spitalsdiener, um den verstorbenen Tischlergehilfen in die Totenkammer zu schaffen. Sie schoben die Gardinenwände zusammen, und – wen sahen wir da zu Häupten des Toten beim Nachtkästchen sitzen? Niemand anderen als den vermißten und vergeblich gesuchten kranken Landstreicher. Als ob nicht das geringste vorgefallen wäre, grinste er die wie eine Furie auf ihn losschießende Frau Fanny an und erzählte in gebrochenem Deutsch – er war ein Tscheche – die Geschichte seines Verschwindens. Er hatte bei dem Verstorbenen noch eine volle Kognakflasche auf dem Nachtkästchen und in dessen Lade noch allerlei gute eßbare Dinge bemerkt und war, ohne gesehen zu werden, hinter die spanische Wand geschlüpft, wo er sich in Gegenwart des stummen Gastgebers den guten Schnaps, einige Scheiben Schinken und Bäckereien auf das beste schmecken ließ. Als er entdeckt wurde, war er gerade mit der Halbliterflasche fertig geworden und ließ sich von der Wärterin höchlichst vergnügt ins Bett bringen. Frau Fanny war nicht wenig erbost, denn abgesehen von den Sorgen, in die sie sein Verschwinden gestürzt, trauerte sie auch sehr der vollen Kognakflasche nach, die diesmal nicht den Weg zu ihr gefunden hatte. Sie wünschte dem Vagabunden zweiundvierzig Grad Fieber und die gräßlichsten Folgen an den Hals, hatte aber mit ihrer Verwünschung keinen Erfolg, denn der alte Saufbruder konnte schon in einer Woche das Spital geheilt verlassen.

Ich schnappte nun schon die dritte Woche Krankenhausluft, von einem Atmen konnte keine Rede sein, da ich in vollkommen ruhiger Lage achtundvierzig Hebungen und Senkungen meiner Lunge zählte. Als ich nach vierzehn Tagen strengster Bettruhe das erstemal versuchte, mich aus dem Bett zu winden, kam ich mir wie ein halbzertretenes Insekt vor. Um über die Breite des Saals zu kriechen, brauchte ich eine lächerlich lange Zeit. Darüber war ich todunglücklich. Wenn das nicht besser wurde – und der Zustand meines Körpers ließ mir wenig Hoffnung –, war ich zur Krüppelhaftigkeit verdammt und mußte mein Leben in eines der berüchtigten Versorgungshäuser meiner Heimatstadt hineinschleppen, wenn ich es nicht vorzog, mit einer monatlichen Pfründe von zwölf bis zwanzig Kronen den beneidenswerten Beruf eines von der Polizei gehetzten Bettlers zu ergreifen. Und das mit sechsundzwanzig Jahren, einem Alter, wo andere sich Macht, Reichtum, Glück, Ehre, kurzum das Leben zu erobern suchen!

Auf das genaueste fing ich mich und meine Krankheit zu beobachten an. Die Teilnahmlosigkeit gegenüber dem Zustand meines Körpers, die mich in den ersten Wochen meines Krankseins beherrschte, war verschwunden und hatte einer zitternden Erregtheit Platz gemacht. Die Vorschriften der Ärzte und Pflegerinnen hielt ich auf das peinlichste ein, schluckte dankbar das bitterste Zeug hinunter, ließ mir den eisigen Zwang der Eisbeutel und kalten Wickel wie eine liebe Tat gefallen und rührte kein Glied, wenn es nicht sein mußte, um ja nicht die kranke Lunge unnötig zu erschüttern.

Da ist es nun selbstverständlich, daß ich auch die Krankheiten und ihre Erscheinungen der anderen Kranken mit größter Anteilnahme und Neugierde beobachtete. Dies geschah natürlich nicht zu meiner Beruhigung. Mein Saal beherbergte die schwersten Arten der Tuberkulose. Rings um mich sah ich rettungslose Fälle dem Tod entgegenfaulen. Alles, was ich nun an ihnen beobachten konnte, übertrug ich auf meinen Zustand, maß an ihren Qualen die meinigen, sah in ihrem langsamen Sterben das furchtbarste Spiegelbild der bevorstehenden eigenen Auflösung. In den Mienen der Ärzte, wenn diese an den Betten dieser Todgeweihten standen, las ich mein eigenes Urteil, und als einmal die Roheit unserer Oberschwester so weit ging, einem dieser Kranken ins Gesicht zu sagen, daß er nur mehr einen Tag zu leben hätte, da war es mir, als wäre dieser Vernichtungsspruch an mich gerichtet gewesen, und ich litt eine ganze Nacht die letzten Qualen vor den Toren des Todes. Ganz und gar ward ich der hoffnungslosesten Verzweiflung preisgegeben, als Doktor Stein, der gute Geist unserer Abteilung, von uns Abschied nahm, da er für sechs Wochen zur militärischen Dienstleistung einrücken mußte. Jetzt war niemand mehr da, dem ich vertrauen konnte, der mich tröstete und auf dessen Wort ich baute. Die anderen Ärzte waren entweder kalte, abweisende oder oberflächliche Naturen, die mit den Kranken nur das Notdürftigste besprachen. Sie sahen in ihnen nicht den Zweck ihres Berufs, sondern nur das leider notwendige üble Mittel. Von dem Primarius wurden sie keines Bessern belehrt. Der nahm sich kaum Zeit, bei jedem Bett den Vortrag der Pflegerin anzuhören, geschweige denn, daß er sich mit dem Patienten in ein näheres Gespräch einließ. Einige hastige Fragen, ein flüchtiger Blick auf die Fiebertabelle, ein sekundenlanges Pulsfühlen, ein paar Worte an den Schwanz der Ärzte hinter sich, und schon war die Visite beendet. Für die zwei Dutzend Kranken, von denen die meisten komplizierte Fälle darstellten, war der Herr Primarius weniger maßgebend als die Frau Fanny, die in Wirklichkeit die eigentliche Leitung hatte. Über diese Oberpflegerin will ich kein Wort mehr verlieren. In den vorhergegangenen Blättern habe ich ja Umrisse ihres edlen Wirkens gegeben. Ich bin der Meinung, daß sie selbst für ein weibliches Zuchthaus noch zu ordinär und roh gewesen wäre.

In diesen bösen Tagen ging ich öfter denn je den Kreuzweg meiner Klasse zwischen den beiden sich gegenüberliegenden Polen: Lebensgier und tiefster Resignation, mit zerschundener Seele hin und her und lernte wieder ein Stück mehr von dem sonderbaren Schutz des Staates kennen, den dieser seinen geschwächten Bürgern zu bieten verpflichtet ist. Spitalspflege!

Eines wenigstens war mir nun in Hülle und Fülle gegönnt: Zeit zum Lesen und Sammeln meiner Gedanken. Im Krankenhaus selbst war freilich nicht allzu viel Literatur vorhanden. Am reichlichsten waren noch die katholischen Druckerzeugnisse vertreten, von denen die Traktätchen und Kalender mit ihren langweiligen Geschichten den Großteil ausmachten. Daneben gab es noch einige Hefte der Jugend«, der »Gartenlaube« und ähnlicher Zeitschriften, die zumeist von früheren Patienten herstammten, und dann eine Anzahl der gelben Büchlein aus Reclams Universal-Bibliothek. Sie sollen gesegnet sein, denn ihnen allein verdanke ich das bißchen Freude, das bißchen Humor, das Vergessen der überarmseligen Gegenwart in ein paar Glücksstunden damals in meinen Lazarustagen.

Da war es vor allem Dickens, dessen schöne, große Kunst und Menschlichkeit mir aufging wie einem Wanderer ein heiterer Stern in dunkelster Nacht. Aber die paar Reclam-Büchlein waren bald ausgelesen, und ich mußte mit den Zeitungen und Zeitschriften vorliebnehmen. Aus dem Volksbildungsverein durfte ich mir als hustender Lungentuberkuloser keine Bücher ausleihen, wenn ich meine Bazillen auf diese Weise nicht übertragen wollte. Und Bücher kaufen? O mein Gott, das Krankengeld betrug 1,20 den Tag und fiel vollständig dem Spital zu, erspart hatte ich mir bei meinem königlichen Gehalt nicht einen Heller, und meinen letzten Wochenlohn übergab ich meiner Quartiersfrau, die ihn nötiger hatte als ich.

Ich legte mir die Frage vor: Warum gab es keine Krankenhausbibliothek? Die war doch nach meiner Meinung beinahe so wichtig wie die Hausapotheke oder der Turnsaal, wo Fuß- und Handkranke wieder Bewegung in ihre Glieder bringen sollten! Und eine zweite Frage war die: Warum kümmerten sich die Ärzte, die Krankenhausleitung so gar nicht um die geistige Zerstreuung ihrer Schützlinge? Warum überließ man die Kranken ihren bösen Grübeleien, dieser Folter des tatlosen Dahinliegens in einer Atmosphäre von Schmerzen, vergiftetem Blut und allem möglichen Jammer? Das war doch eine unbewußte Grausamkeit, eine gedankenlose Verstärkung der Marter des Krankseins. Hatte das noch kein menschlich fühlender Arzt oder sonst irgendein einflußreicher Menschenfreund durchdacht und versucht, hier Abhilfe zu schaffen?

Sehr schlecht war es auch mit unserer Verpflegung bestellt. Das Essen war höchst einförmig und zumeist unschmackhaft zugerichtet. Auch seine Quantität war für den Appetit mancher Kranken nicht hinreichend. Zu Mittag bestand es aus einem ausgekochten Stückchen Rindfleisch und einem Schöpflöffel voll Gemüse, welcher Mäuseportion ein Teller Wassersuppe voranging. Und das Abendessen war noch kärglicher. Ich hatte selbst als Arbeitsloser selten so gehungert, wie ich es in dieser Krankenhausstiftung tun mußte. Mein zweites Frühstück bestand nur aus einem Scheibchen weißen Brotes und einem Schluck gewässerter Milch. Als ich nun, vom Hunger getrieben, mir einmal den Mut nahm, bei einer Visite den Primarius um Verschreibung von ein wenig Schinken oder Wurst zu bitten, zuckte er bedauernd die Achseln und sagte: »Mein Lieber, das liegt nicht in meiner Macht! Der Herr Verwalter verlangt von uns die größte Sparsamkeit. Wenn ich Ihnen den Schinken verschreiben würde, hätte ich argen Verdruß mit ihm!«

Es war deshalb kein Wunder, wenn sich jeder Patient so schnell wie möglich wieder aus diesem Haus der Barmherzigkeit wünschte.

»Im Bett liegen und hungern kann i z' Haus a, da brauch i ka Spital, wo's von die Toten riacht und die Bazilln auf d' Wänd uma kräuln!« sagten die meisten und hatten bitter recht damit. Es blieben so auch die wenigsten Kranken bis zur vollständigen Genesung hier. Wer von ihnen halbwegs ein Heim hatte, und wenn es ein noch so armseliges war, wartete kaum die Krisis seiner Krankheit ab und schleppte sich, wenn es sein mußte, auf allen vieren nach Haus. Er wurde auch nicht zurückgehalten. Im Gegenteil: die Krankenhausleitung war froh, Platz zu bekommen, war doch der Andrang ein großer, und oft reichten die Hilfsbetten nicht dazu aus, die eingelieferten Kranken aufzunehmen. Die Großstadt verbraucht ungeheuerlich viel Menschenleiber und -glieder und ist seltsamerweise ein schlechter Unternehmer, da sie für diese ruinierten Maschinen aus Knochen, Fleisch und Blut ganz unzureichende Reparaturwerkstätten errichtet hat.

Zu Beginn der vierten Woche meines Aufenthalts im Spital erklärte auch mir der Primarius, daß ich in drei Tagen das Spital verlassen müsse. Ganz bescheiden glaubte ich einwenden zu müssen:

»Herr Professor, ich hab aber noch so starke Atembeschwerden, daß ich bis zum Abort eine Viertelstunde zum Gehen brauch!«

»Da müssen Sie halt öfter aufstehn und nicht den ganzen Tag im Bett liegenbleiben!«

»Bitt schön, Herr Professor, ich hab's ja probiert, aber mir wird gleich so viel schlecht, und hier in der Brust steckt's drin wie ein Brett!«

Der Primarius wurde ersichtlich ungeduldig.

»Das wird draußen schon besser werden. Ihr Bluthusten ist gut geworden, und das andere muß sich mit der Zeit geben. Wir sind ein Krankenhaus und keine Versorgungsanstalt!«

Er schritt zum nächsten Bett.

Hätte ich ein Heim gehabt, einen noch so bescheidenen Unterschlupf, in dem Verwandtenliebe auf mich wartete, wäre die Erklärung des Primarius nur ein Anlaß zur Freude gewesen. Aber so – ich war ja nur ein Bettgeher, ein Einmieter bei wildfremden Menschen, die an und für sich für mich schon mehr getan hatten, als ich verlangen durfte. Meine »Bettfrau« war sogar der einzige Mensch, der mich alle drei, vier Tage auf eine Stunde besuchte, mir selbstgebackene Leckerbissen, Zeitungen, Bücher brachte und mir mit derben, guten Worten Trost zusprach. Von ihr konnte und wollte ich nicht mehr das Opfer verlangen, mich siechen, mit einer ansteckenden Krankheit behafteten Menschen wieder als Mieter aufzunehmen. Aber wo sollte ich sonst hin? Wer würde mich in einem solchen Zustand bei sich wohnen lassen? Mir war es ja – gar deutlich zeigte es mir der Spiegel – schon äußerlich anzusehn, daß ich mit meinem vergifteten Atem die Luft verpestete, daß mein Leiden ein unheilbares und ich ein früher Todeskandidat war.

Am nächsten Tage besuchte mich wieder meine Mietfrau. Sie hatte am Gang mit der Oberwärterin gesprochen und von dieser erfahren, daß ich das Krankenhaus verlassen müsse. Als die selbstverständlichste Sache sah sie es an, daß ich wieder bei ihr in der Küche wohnen würde, und meinen schüchternen Einwendungen begegnete sie mit einigen energischen Redensarten, wie: »Aber redens net so gschwolln daher! Sans net so a Tschapperl, warns als a Gsunder bei mir, wiar i Ihna als a Kranker net außi lahna!« oder »Jetztn sans scho amol stad mit Ihnare Bazilln! Mit dö Viecherln wer ma a no fertig werdn! I hol Ihna am Samstag nachmittag um Zwa aus der Hungerpudicken a! Fertig, pasta!«

In der Nacht von Freitag auf Samstag konnte ich vor Aufregung lange nicht einschlafen. Mir war zumute wie einem Gefangenen, der im Dunkel seines Kerkers sein Augenlicht verloren glaubt und nun mit Zittern und Zagen der nahen Stunde seiner Befreiung entgegenharrt, die ihm zeigen wird, ob er noch die Sonne, die Blumen und alles farbig Schöne unterscheiden und mit sehenden Augen genießen kann. Würde auch ich noch die freie Luft einatmen, draußen auf der Straße einen Fuß vor den andern setzen können, ohne vor Schwäche umzusinken? Ich hatte nicht das geringste Vertrauen mehr zu meinem Körper. Endlich eingeschlafen, weckte mich plötzlich ein Gepolter und leises Gerede in dichtester Nähe. Ich riß die Augen auf und sah, wie die Pflegerin mit Hilfe der Diener das Bett meines Nachbarn zur Linken mit der spanischen Wand umstellte. Er war soeben gestorben, vielleicht zur selben Zeit, wo ich eingeschlafen war.

Am andern Vormittag wurde ich von dem Primarius noch einmal untersucht. Jetzt heißt es fleißig an die frische Luft gehen und viel und gut, besonders fett essen, verstanden, junger Freund?« sagte er nach flüchtigem Abklopfen und -horchen. War es der Hohn eines Unmenschen, der diese Worte zu einem arbeitslosen, lungenkranken Proleten sprechen ließ? Nein, der Mann mit dem schöngepflegten Ägypterbart war in Wirklichkeit kein Arzt, sondern ein gedankenloser Beamter des herrlichsten Berufes auf Erden.

Gleich nach dem Mittagessen zog ich mich an. Als dies mit vieler Mühe und mit Hilfe eines Leidensgefährten geschehen war, schlich ich mich von Bett zu Bett, von den Kranken Abschied nehmend. Alle beglückwünschten mich zu meiner Genesung, und dies war keine Heuchelei, denn sie sahen im Verlassen des Krankenhauses die Wiedererlangung der verlorenen Gesundheit. Nur ein einziger Patient, ein polnischer Gärtnergehilfe, der an einer schweren Blutkrankheit litt und nach dem Tratsch der Frau Fanny nur mehr ein paar Wochen zu leben hatte, schielte mich spöttisch mit seinen veraschten Augen an und krähte in gebrochenem Deutsch:

»Pane Petzold, lassens doch Packerln mit Wäsch da! Kommens doch bald wieder zu uns!«

Meine »Bettfrau« kam pünktlich zur bestimmten Stunde, nahm mein Paket und mich unterm Arm und verließ mit mir den Raum voll Bresthaftigkeit, den Saal des Sterbens. Mein letzter Blick fiel auf das lebensgroße Bild des gekreuzigten Heilands und auf das rohe, gesunde Gesicht der Frau Fanny, die darunter in einem Krankenstuhl saß, in die Lektüre der Kronenzeitung vertieft. Diese zwei Bilder wurden mir die Symbole dieses Krankenhauses, dem ich nun im Schneckengange dampfig atmend und stöhnend vor Lufthunger den Rücken kehrte. In der Aufnahmekanzlei erhielt ich noch eine Aufenthaltsbestätigung, die ich zur Anmeldung in der Krankenkasse benötigte. Ich konnte es nicht unterlassen, den dicken Beamten mit dem verdrossenen Weingesicht, der mich mit einem: »No, mit Ihnere Blüaterei sinds ein bisserl lang da gwesen!« anbrummte, zu antworten: Ja, ein bisserl zu lang, ich hätt bald den Hungertyphus kriagt!«

Der Weg bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle schien mir in die Ewigkeit zu gehen, er wollte kein Ende nehmen. Obwohl er nur wenige hundert Schritte lang war, brauchte ich eine halbe Stunde und mehr dazu, ihn zurückzulegen. Nach vier bis fünf Schritten mußte ich immer einige Minuten rasten und gleich einem Ertrinkenden nach Luft schnappen. Mir war zumute, als bestünde die Atmosphäre um mich nur aus dichten, erstickenden Rauchschwaden oder als wäre sie voll eines giftigen Gases. Wild schlugen die Lungenflügel an die Rippen, und das Herz pochte immer angstvoller. Das Blut stieg hämmernd gegen die Schläfen, und vor den Augen lagerte ein zitternder Rotschein. Dabei schämte ich mich wegen meines trostlosen Zustandes vor den Leuten auf der Straße. Die meisten sah ich stehenbleiben und mich anstarren. Wie ein sterbendes Tier kam ich mir vor, dessen Todeszuckungen ein billiges Schauspiel abgeben. Am liebsten wäre ich hinter ein Haustor gekrochen, um dort die Nacht abzuwarten. Dieser kurze Weg gab mir einen furchtbaren Vorgeschmack von dem Leben, das mich erwartete, wenn es mit mir nicht besser wurde.

In dem Straßenbahnwagen sank ich wie ein Halbtoter auf einen leeren Platz und legte die weite Strecke bis in die Nähe unseres Wohnorts in einer Art Betäubung zurück, aus der mich nur der Gedanke an die mir heute noch bevorstehende Fußwanderung quälend aufschreckte. Der Weg von der Haltestelle, wo wir ausstiegen, bis zu unserm Wohnhause kam mir aber etwas leichter vor. Daran mochte die reinere Luft schuld sein, die hier, von den nahen Wienerwaldbergen kommend, wehte. Auch war hier das Straßenleben ein ruhigeres und ich nicht so viel Gaffern, ihrer Neugierde und ihrem verfluchten Mitleid ausgesetzt. Dagegen hatten die zwei Stiegen, die ich steigen mußte, eine Höhe, als führten sie auf den Turm der Stephanskirche. Aber nach vielem Rasten, Geschnauf und Keuchen war auch das überstanden, und ich war zu Hause, wenn ich das Heim fremder Menschen, deren Mitleid größer war als ihre Vorsicht, ein Zuhause nennen durfte.

*

Acht Tage war ich schon außer dem Krankenhause, und ich müßte lügen, schriebe ich, daß mein Zustand sich verbessert hätte. Der freundliche Krankenkassenarzt mit der Behäbigkeit eines wohlhabenden Geschäftsmannes und den guten, klugen Augen, hinter deren ruhiger Schalkhaftigkeit doch die verzweifelte Resignation saß, hier draußen in dem Bezirk der elendesten Armut in so vielen, vielen Fällen nicht helfen zu können, sagte, nachdem er mich gründlich untersucht hatte:

»Nur nicht den Mut verlieren, lieber Freund, es ist nicht so bös, wie es aussieht. Freilich, meine Herren Kollegen im Spital haben eine Rippenfellentzündung bei Ihnen übersehen. Da haben sich nun arge Verwachsungen gebildet, von denen kommt Ihr Lufthunger. Die müssen sich halt langsam lösen. Da heißt's Geduld haben. Es wird mit der Zeit schon besser werden. Nur recht fleißig spazierengehen und viel essen!«

Geduld, Geduld! Ach, zum baldigen Sterben hätte ich sie gehabt, aber nicht zum Weiterleben in einer solchen Weise.

Spazierengehen! Jedes Treppensteigen oder Nehmen der kleinsten Straßensteigung war für mich eine solche Qual, wie vielleicht einem Verwundeten das Herabreißen des Verbandes von seinen Wunden. Die Angst vor den Beschwerden des Gehens verfolgte mich bis in die Träume. Wenn das scharfe Frühlicht durch das Küchenfenster auf mein Gesicht fiel und mich aufweckte, war mein erster Gedanke: Wie wirst du heute wieder hinkeuchen, ach, wenn es doch nur regnen würde, daß ich Grund hätte, daheim zu bleiben. Aber gerade dieser Frühherbst war wunderbar schön und konnte sich nicht genugtun an Sonne und blauem Himmel. So begann ich beinahe das goldene Gestirn zu hassen.

Und gut und viel essen sollte ich! Wie ich schon oben einmal erwähnte, betrug mein tägliches Krankengeld eine Krone zwanzig. Das hätte kaum für ein anständiges Krankenfrühstück gereicht, und ich war auch in bezug auf das Essen auf die Gutherzigkeit der Frau Maria, meiner Quartiersfrau, angewiesen.

Meine Verbitterung, mein Ekel am Leben, mein Haß gegen diese verfluchte Gesellschaftsordnung, die mein leibliches Elend auf dem Gewissen hatte, meine Verachtung vor ihren Gesetzen stiegen von Tag zu Tag. Mit jedem Mundvoll Luft, den meine zerlöcherten Lungen der Erde mühsam abrangen, sog ich mehr Empörerwahn ein. Die Menschheit teilte sich mir in zwei Lager. Das eine, viel kleinere bestand aus den Reichen, den Mächtigen. Sie waren mir alle ohne Unterschied für die grausamste Vernichtung reif. Pech und Schwefel wünschte ich auf ihre Häupter herab. Denn hatten sie Barmherzigkeit, fühlten sie Milde für ihre enterbten Brüder und Schwestern in dem anderen Lager, aus dem der Gestank bitterster Armut eine gewaltige Wolke schuf, die kein Sternen- und Sonnenlicht durchließ? Hatten sie Mitleid mit den ungezählten Opfern einer schamlosen Vergewaltigung ewiger Menschenrechte? Erkannten sie wenigstens die Schmach ihres Schmarotzerdaseins, die ihnen bis auf die Knochen sengen mußte, strebten sie wenigstens danach, einen gerechten Ausgleich anzubahnen, versuchten sie es, ihr gelles Freudengelächter zu dämpfen und das Wehgeschrei ihrer Knechte, deren böses Knurren in ein schüchternes Lächeln und leises Singen zu verwandeln? Nein, nein, nein! Ich konnte und wollte nichts von einer Einkehr sehen und hören, nichts von beginnender Reue merken. Sie trieben im Gegenteil ihr fluchwürdiges Tun auf die Spitze, ihre Lebensäußerungen wurden immer raffinierter, ihr Luxusbedürfnis kannte keine Grenzen mehr, ebenso ihre Gier nach allerletzten Sensationen. Um diese zu befriedigen, ließen sie nicht mehr Hunderte für sich zugrunde gehen, sondern Tausende und aber Tausende von uns Rechtlosen opferten sie flackernden Blickes hin.

Ich wurde schmerzhaft hellsichtig für die verborgensten Zeichen des Elends, überall wurden mir seine Spuren sichtbar. Es trieb mich dazu, sie in dem reinsten Kindergesicht zu suchen. Immer waren Auge und Ohr auf ihre Entdeckung aus. Ich legte in meiner Seele ein Archiv proletarischer Armut an. Da reihte sich Bild an Bild, eines trauriger, schmachvoller, entsetzlicher als das andere. Und nachts, wenn ich in der finsteren, muffigen Küche schlaflos dalag, gequält von der Sorge um die nächste Zukunft, wurden diese Bilder lebendig, eine grauenhafte, nicht enden wollende Filmreihe geschändeter, bis auf das Blut gepeinigter, abgerackerter, hungernder, kranker, lebensmüder Menschen zog an mir vorbei, und mich selbst sah ich an der Spitze dieses Zuges.

Wenn ich auf der Sohle der grauen Häuserschluchten langsam dahinkroch, zum Arzt, ins Büro der Krankenkasse oder in den nahen Park, hatte ich ja zum Beobachten so unendlich viel Zeit. In all diesen Häusern lebte vom Keller bis zum Dach hinauf mein Geschlecht, das Geschlecht der Verdammten auf Erden. Qualvolles preßte sich hier gegen dünne, feuchte Mauerrippen, ohnmächtige Wut zitterte mich aus den Gängen und Hausfluren an, hündische Demut glotzte mir aus den Fenstern entgegen. Wenn ich müde wie ein Sterbender, unnütz und armselig wie ein Insekt am Ende einer Bank des verstaubten, mit Besen statt Bäumen bepflanzten Vorstadtparks klebte, war mein Gehirn klirrend wach für die arme, arme Jugend, die da im Staub vor mir spielte. All diese Kinder mit den Kartoffelbäuchen, Affengliedern, Wasserschädeln, skrofulösen Wunden, mit dem Gift ihrer Kaste im Leib, schienen meine Kinder zu sein, und ich litt ihre Schmerzen, trug ihre Schmach tausendfach durch das grausame Bewußtsein meines Alters. Ich drehte mich in einem Wirbel von Haß und dumpfer Wut. Immer rasender wurde der Schwung meiner brennenden Seele. Zurückgehaltene Verzweiflung würgte mich, die tollsten Pläne von Aufruhr, Revolution, Rache gingen durch mein Gehirn. Eine einzige heiße Nacht umgab mich mit einer fürchterlichen, blutigroten Sonne. Ich verglühte, verbrannte schier in ihrem erstickenden Dunst.

Ich benutzte wieder die Volksbibliothek. Mein Bedenken, daß ich die Bücher mit meinen Bazillen schwängern könnte, war verschwunden. Wenn ich sterben, wenn ich ins Gras beißen mußte, warum sollte ich mich da um die Gesundheit der andern kümmern ... So lieh ich mir »Die Anarchisten« von Mackay, »Das Totenhaus« von Dostojewski und des russischen Revolutionärs Fürsten Krapotkin Lebensgeschichte aus, welche Bücher mich noch mehr zerstürmten und meine Seele zum wildesten Aufruhr brachten.

Las ich nicht und trug ich mein Häuflein Elend nicht durch die Gassen, so saß ich beim Küchenfenster und sah in den trüben Kreis der Lichthöfe hinaus, in denen kein Baum stand. – Gleich mir starrten noch Hunderte andere in das Gewirr von Hofmauern, Schuppen, Materialhaufen jeglicher Art und hinter jedem von den Fenstern ahnte ich eine sprechende Gestalt unseres Elends. Und alle, alle starrten wir hinaus in eine Trostlosigkeit sondergleichen.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, lud mich an einem Samstag gleich nach dem Mittagessen Frau Maria ein, mit ihr und einer Nachbarin einen kleinen Ausflug zu unternehmen. Wir bestiegen die Straßenbahn und fuhren nach Dornbach hinaus. Bei der Endstation stiegen wir aus, und nun ging's im Schneckentempo in den noch sommerlich grünen Wald hinein. Aber die Nachbarin wollte gern eine Aussichtshöhe erreichen, wurde über mein Kriechen sichtbar ungeduldig, so daß ich in einem Gasthofgarten einkehrte und die beiden Frauen allein gehen ließ.

Ich hatte mich bemüht, etwas schneller zu gehen. Nun war ich sehr erschöpft, der Rücken tat mir weh wie eine einzige Eiterwunde, und in der Herzgegend brannte ein stechender Schmerz. Es war noch sehr früh am Nachmittag und ich einstweilen der einzige Gast. Um nicht aufzufallen, setzte ich mich an einen Tisch, der dicht am Gartengitter stand und von dem Stamm eines mächtigen Kastanienbaums halb verdeckt war. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ich mich etwas erholt hatte. Dann sah ich mich müde um. Hier war es schön. Der Garten lag beinahe am Waldesrand, und eine Wiese, mit dichtem Gras bewachsen, das hell in der Sonne glänzte, trennte ihn von den Bäumen, die, immer dichter und dichter werdend, in breiter Linie zum Himmel aufstiegen. Das war zu meiner rechten Hand, links aber lag Garten an Garten, mit farbigem, spätblühendem Sträucherwerk, Bäumen mit seltsamen Blättern, und darin saßen, wie aus Backwerk geformt, rosa, weiß und lichtblau herüberglänzende zierliche Villen. Prickelnder Duft löste meine Lunge zum freien Atmen. Und diese unerhörte Ruhe! Nur ein süßer, leiser Ton lag nicht enden wollend in der Luft, der Gesang vieler Vögel, von denen man aber keinen sah. Schon wenn in der entfernten Schankstube ein Glas klirrte, schien hier alles zusammenzuzucken. Die große, böse Stadt mit ihrem Lärm und Gestank mußte wohl tausend Meilen von hier liegen. Ich hörte keinen ihrer frechen Schreie, so angestrengt ich auch lauschte. Manchmal ging ein Wanderer vorbei. Jeder hatte ein stilles, ein gutes, ein frohes Gesicht. Hier war eine andere Welt. Schüchtern trat ich aus dem harten Zwielicht meiner Verbitterung, löste mich zaghaft von der starren Einbildung los, ein frühzeitig Todgeweihter, ein für immer Zerbrochener zu sein. Mit aller Bestimmtheit trat es in mein Bewußtsein: In solcher Luft könntest du wieder gesund werden! Und diese Schönheit und Ruhe muß auch für die Armut, für die Menschen der Arbeit da sein. Nur müssen diese aus ihrem schwachsinnigen Dahindämmern geweckt werden, um sich diese Dinge zu erringen. Immer ruhiger, zuversichtlicher wurde es in mir. Es war mir, als wäre mir diese wundersame Landschaft heute geschenkt worden; ich lebte einen wachen Traum. Alle Erniedrigung meines Lebens, dessen jahrelanges Darben schwand langsam wie Nebel aus meiner Erinnerung, der Wald, die Wiesen, der nahe blaue Himmel sogen alles spurlos auf.

Wohl über eine Stunde mochte ich in dieser freundlichen, versöhnenden Stimmung hingeträumt haben, als sich der Gasthausgarten auf einmal mit Menschen zu füllen begann. Auf den Stühlen und Bänken ringsum machten es sich Leute bequem mit wohlgenährten Gesichtern, ringgeschmückten Händen und feinen Kleidern. Sie rochen nach Parfüm, feinen Seifen und Faulheit, sahen überaus gepflegt aus und brachten die Oberflächlichkeit großstädtischen Reichtums mit. Nun hallte der Garten wider von aufdringlichem Geschwätz. Und diese Menschen sah ich nun auch auf dem Weg scharenweise in den Wald hinein wandern. Vollbusige Jüdinnen, mit glänzenden Steinen behangen, fegten mit ihren Röcken den Staub auf. Dünnwadige Herrchen, in reiche, lichte Anzüge gehüllt, schnatterten mit Mädchen und Frauen um die Wette. In den Privatgärten stand Lärm auf. Da wurde auf einmal geschrien und gelacht, und zwischen den edlen Ziersträuchern tauchte Fett, Schminke und Putz auf. Rauh wurde ich in die Wirklichkeit zurückversetzt. Tor, der ich war, zu glauben, daß man mir erlauben würde, hier gesund zu werden. Auch diese Landschaft gehörte dem Reichtum, er machte sich breit hier gerade wie in der Stadt und duldete nicht mein aufreizendes Hiersein. Ich fühlte, wie mich alles empört und beleidigt anstarrte, wie ich mit Blicken hinausgewiesen wurde. Und wenn ich auch hätte ihnen trotzen wollen, hatte ich denn die Mittel dazu? Mit einer Krone und zwanzig Heller täglich kann man nicht in Dornbach wohnen, um gesund zu werden.

Ich war froh, als die beiden Frauen mich abholen kamen. Aber ich mußte doch, solange es mir möglich war, von dem Straßenbahnwagen den Wald im Auge behalten, und in meine Verbitterung mischte sich ein wenig Wehmut.

Daheim angelangt, mußte ich mich sofort niederlegen. Eine schmerzhafte Müdigkeit brach auf mich herein. Froh war ich, als das späte Tageslicht in sanfte Dämmerung überging. Von den Steinfliesen der Küche stieg es kühl auf und brachte mir Linderung. Aber es kamen die Kinder der Frau Maria nacheinander heim und brachten die frohe, erlöste Stimmung von Arbeitern mit, die etwas Geld in der Tasche fühlten und einen freien Sonntag mit langem Schlaf und einem besseren Mittagessen vor sich sahen. Sie wollten Licht haben. Die Lampe wurde angezündet, und sie setzten sich um den Tisch, der knapp neben meinem Bett stand. Das grelle Licht der Hängelampe stach unbarmherzig auf mich herab. Vor ihm lag ich wie nackt da, und die empfindlichsten Stellen meines Körpers waren seiner Grausamkeit preisgegeben. Dazu die laute Ausgelassenheit der jungen Menschen neben mir. Beide Töchter hatten ihren Bräutigam bei sich. Die ließen Bier holen, stellten Zigaretten auf den Tisch, und nun wurde getrunken, geraucht und gescherzt nach Herzenslust. Meine Qualen wurden immer ärger. Ich spürte deutlich, wie Fieber in mir aufzukochen begann. Das Gehirn packte ein Schmerz an, der bald rasend wurde. Mein gezwungenes Lächeln auf die Scherze meiner ahnungslosen Gesellschaft mußte schon längst eine teuflische Grimasse sein. Die Mutter ging auf einen Augenblick ins Zimmer hinein. Da küßten sich die Liebespaare, und die Männer tappten die Wangen der Mädchen ab. Nun schien ich in eine Hölle zu stürzen. Ich sah wie durch einen feurigen Nebel. Die Wünsche der Jugend lebten wild in meinem kranken Fleisch auf, sinnliche Begierden wälzten sich über mich. Eine böse Feindschaft gegen diese gesunden Menschen erwachte in mir. Eine Welt höhnte mit ihnen über mich, der ich da halbzertreten vor ihnen lag. Mühsam richtete ich mich auf. Ich wollte ihnen den Tisch umstoßen, damit Bier und Wein über sie sudeln sollte. Dann wollte ich lachen über ihre blöd-erstaunten, aufgeschreckten Gesichter, und wenn ich auch an diesem Lachen krepieren müßte. Ich griff nach der Tischkante – da spürte ich auf der Zunge einen süßlich tintigen Geschmack, gleichzeitig strömte in der linken Seite der Brust etwas gegen die Kehle zu. Eine irrsinnige Angst schrie mich aus allen Ecken der Küche an: »Du, das ist dein Leben! Halt es fest!« Ich krampfte die Finger der rechten Hand in meine linke Brust und wollte um Hilfe rufen. Eine heiße Welle, die mir in den Mund schoß, drosselte mich. Da riß es mir auch schon den Mund auf, und heraus quirlte schaumiges, hellrotes Blut.

Und ich hustete es in ungeheuren Mengen aus. Auf der Decke bildeten sich schon große Lachen davon. Die Herumsitzenden waren erschreckt aufgesprungen und rannten ratlos umher: Die Mädchen schrien noch dazu. Das jüngste wie eine Katze ohne verständliche Worte, was ich belustigt feststellte. Wäre meine Kehle von Blut frei gewesen, ich hätte sehr gelacht darüber. Denn jetzt war plötzlich alle Angst von mir gewichen, und inmitten der schreckhaften Aufgeregtheit der Anwesenden hatte mich eine seltsame Ruhe ergriffen. Frau Maria eilte mir nach dem ersten Schrecken mit einer Waschschüssel zu Hilfe, in die ich nun das in Stößen heraufquellende Blut hineinspie. Sie legte mir auch ein nasses Handtuch in den Nacken, gab mir Salzwasser zu trinken und schickte ihren Sohn, den Lehrbuben, zum Arzt. Der fand mich aufrecht, in ein Gebirge von Kopfkissen gezwängt, noch immer in gleicher Heftigkeit Blut auswerfend.

Von weither kam ein mächtiges Rauschen. Es flog in meine Ohren hinein wie ein großer Vogel. Breiter Flügelschlag zitterte an mein Herz. Das begann sich unhörbar mitzuschwingen. Meine Augen lehnten plötzlich an einer milchig blauen Ebene. Sie schienen nun Füßchen bekommen zu haben, kleine Menschen geworden zu sein, denen es in ihrer bisherigen Behausung, meinem Kopfe, nicht mehr behagte. Das konnte ich ihnen nicht verargen, denn dieser hatte sich plötzlich in meinen Bauch verwandelt und blähte sich wie ein Gasballon prahlerisch auf. Auf allen Seiten stieß ich mit ihm an die Welt, die eigentlich gar nicht so groß war, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Sie glich beinahe irgendeiner rußigen Werkstätte, in der ich einmal gearbeitet hatte. Aber ich brauchte mir nichts mehr daraus zu machen. Meine Seele floh mit dem Augengespann in das milchig Blaue hinein, und das war sehr schön und sehr lustig. Leider dauerte es nicht lange. Wir purzelten einen Abgrund hinunter, fielen auf weiche Nebelpolster, doch fühlte ich mich wieder mit dem Körper vereint, dessen dummer Bauch wieder Kopf geworden war und über die ganze Erde sich streckte. Irgend jemanden hörte ich neben mir fragen: »Wird er diese Nacht noch überleben?« Ging das mich an? Na, dann war das aber ein großer dummer Kopf, wenn er mich meinte. Wo ich so stark und groß war, um der Sonne einen Nasenstüber zu geben und dem dicken Protzen Mond mit dem Stiefelabsatz eins in das feiste Gesicht zu setzen, konnte ich doch ganz unmöglich sterben. Wieder dröhnte eine Stimme mich an: »Ich werde ihm noch eine Salzinjektion geben, Morphium getrau ich mich nicht mehr anzuwenden!« Ah, da schaut her, was war ich auf einmal für ein vornehmer Herr geworden, ich bekam Injektionen! Gleich darauf spürte ich einen häßlichen Stich in das Muskelgewebe meines linken Oberarms. Der schwoll an, wurde größer und größer, und bald hing der übrige Leib an ihm wie der Stiel an der Birne. Und ich wurde klein, kleiner als ein Zwerg, wie der Däumling aus dem Märchen, kuschelte mich in dem Polstergebirge zu einem winzigen Punkt zusammen.

Hämisch dachte ich mir: Wie werden der Doktor, die Frau Maria und ihre Kinder erschrecken und sich dumm anschaun, wie werden sie sich die Augen reiben, wenn ihnen so mir nichts, dir nichts mein magerer Knochenhaufen verschwunden ist. Aber die standen ja gar nicht um mein Bett herum, da kniete nur eine alte Frau, die mit furchigen Händen in dem Bettzeug herumwühlte und mich zitternd suchte. Ich sah auf einen dürftigen grauen Scheitel herab. Da sagte ich einige Male sehr erstaunt: »Mutter! Mutter! Mutter!«

Darauf hörte ich im blauen Nebel neben mir jemanden erschreckt ausrufen:

»Jessas, er phantasiert scho! Jetztn wird er's nimmer lang machen. Paßts auf, er stirbt uns no dö Nacht!«

So, sterben mußte ich! Na, wenn es schon einmal sein mußte! Auf einmal fühlte ich mich wieder in meiner natürlichen Größe, nur lag ich nicht mehr in dem heißen, grauslichen Bett, sondern auf der fetten Wiese neben dem Gasthausgarten. Der Dornbacher Waldberg mit seinen Bäumen stand vor mir. Drinnen im Laub sangen die Vögel, Schmetterlinge flogen auf meine Hände, aus den Gärten strichen Rosen- und Nelkenduft herüber. Ich war so unendlich ruhig und glücklich. Jetzt konnte mir nichts mehr geschehen, denn in der Ferne auf dem Promenadenweg sah ich den Doktor Stein stehen, den guten Doktor aus dem Krankenhaus, der die reichen Leute aus der Stadt nicht weitergehen ließ. Ich drückte mein Gesicht in das weiche Gras und ging in eine grüne, stille Seligkeit ein.

Wenn ich ganz, ganz langsam den Kopf drehte, ohne den Körper zu rühren, konnte ich die hohe Schneekruste auf dem Fenstersims sehen, und wenn die Gangtür aufging, wehte es mich kalt an. Ja, es war schon seit Wochen Winter, und noch immer lag ich in Frau Marias Küche schwerkrank auf dem Sofabett. Ich wäre dem Tod nahe gewesen, erzählte man mir, der Doktor hätte mein Leben nur mehr nach Stunden gezählt und mir eine Kochsalzinjektion nach der andern geben müssen. Ich glaubte es gern, denn ich selbst hatte ein dumpfes Erinnern an dieses Schwanken zwischen Tod und Leben, und daß es mit mir schlecht, sehr schlecht gestanden, dafür war mein jetziger Zustand noch ein sehr beredtes Zeugnis. Obzwar ich schon den dritten Monat dalag, zeigten sich noch immer jeden Morgen starke Blutspuren im Sputum und verboten mir jegliches Aufstehen. Ich fühlte mich auch viel zu schwach dazu; meine Adern waren ausgeronnen, hatte ich doch hintereinander sechs sehr heftige Blutstürze gehabt, und ich war zum wahren Skelett abgemagert. Kaum daß ich die Kraft hatte, mich für ein paar Minuten aufzurichten. Aus meinem kleinen Taschenspiegel schaute mich ein gespenstisches Kerkergesicht an. Selbst das Lesen ermüdete mich gleich; erst seit wenigen Tagen drängte es mich, wieder ein Buch in die Hand zu nehmen. Vorher hatte ich die vielen Tage zumeist in einer Art Dämmerschlaf zugebracht, in den mich das rhythmische Klopfen der Nähmaschine immer wieder eingelullt hatte, die von der zweitältesten Tochter der Frau Maria getreten wurde. Sie übte seit einigen Wochen ihr Handwerk zu Hause aus und hatte ihren Arbeitsplatz zwischen dem Fenster und meinem Kopfende. Sie war ein ruhiges Mädchen, das immer ein sanftes Lächeln hatte, im Gegensatz zu ihren Geschwistern, die aufgeregten Sinnes waren und der Mutter viel zu schaffen machten. Warum ich diesmal nicht in ein Spital abgegeben wurde? Natürlich hatte der Arzt sofort versucht, für mich in irgendeinem Krankenhaus ein freies Bett zu bekommen, doch war es ihm in den ersten Tagen nicht gelungen, und Frau Maria hatte mit ihren Kindern beschlossen, mich bei sich zu behalten. Sie brachte damit ein großes Opfer, denn wochenlang mußte sie mich wie einen Säugling oder ganz Gelähmten pflegen. Wie schlecht es mir ging, kann man aus dem Umstand ersehen, daß der Doktor zweimal am Tage zu mir kam und auf das strengste meine Pflege und mein Tun überwachte. Ich durfte nicht reden, kein schweres Buch heben, mußte alle Speisen beinahe ganz kalt genießen, jede Bewegung, die ich machen durfte, war mir vorgeschrieben, und alle paar Tage mußte ich andere Medizinen schlucken. Trotzdem fühlte ich mich seelisch wohler als im Krankenhaus, wo es mir doch körperlich bei weitem besser gegangen war als jetzt. Daran mochte wohl am meisten meine andere Umgebung schuld sein. Im Spital hatte mich ein dichter Dunst großer körperlicher Qualen eingehüllt; freundliche Bilder mangelten in dem von Kranken überfüllten Saal ganz. Sterben und Verwesung bei lebendigem Leibe boten sich meinen Blicken aus nächster Nähe. Hier in dem zwar engen, aber freundlichen Raum mit dem blitzblanken Geschirr an der Wand und auf den Stellagen war ich der einzige Kranke. Sonst war alles um mich gesund und lebensfroh. Niemand quälte mich mit dem Aufzählen und der Schilderung der Leiden seiner Krankheit, es roch nicht nach heimlichem Eiter und Karbol und statt der ewig grantigen und rohen Oberwärterin Fanny pflegte mich die immer geduldige und freundliche Frau Maria. Tagsüber zerstreute mich die Tätigkeit der beiden Frauen, ich lauschte ihrem harmlosen Geplauder so andächtig, als verberge es wichtige Lebensweisheiten, und abends, wenn die Familie im erleuchteten Zimmer beisammensaß, fühlte ich mich recht behaglich und geborgen in meiner dunklen Küche, die voll Wärme, Sicherheit und Vertraulichkeit war.

Doch war auch keine Lebenshoffnung mehr in mir. Ich schaute in einen Abend hinein, der ganz nahe war, etwas traurig, etwas wehmütig, aber ohne Furcht, ohne Schmerz und Bedauern und befreit von dem alten Haß und Zorn.

Wenn mich manchmal etwas schwer bedrückte, so war es die Arbeit, Sorge und Verantwortlichkeit, die ich Frau Maria und ihrer Familie aufhalste, so war es das sichere Gefühl, in diesem kleinen Kreis armer, aber lebensfroher Leute der Schatten zu sein, unter dem sie fröstelten und sich gedrückt fühlten. Sie waren ja alle, voran die Mutter, voll Freundlichkeit, Mitleid und Hilfsbereitschaft, doch der feine Sinn des Kranken für innere Regungen spürte doch hier und da, besonders bei den Kindern, eine Gereiztheit über mein Dasein heraus. Da war es nun ein Trost für mich, zu wissen, daß es bald zu Ende sein mußte.

An einem stillen Nachmittag – die Tochter war mit fertiger Ware liefern gegangen und die Mutter hatte im Zimmer zu tun – störte mich ein energisches Klopfen an unserer Tür in meinem Dahinträumen. Frau Maria lief aufsperren, und ich hörte eine reine Männerstimme nach mir fragen. Gleich darauf trat ein hochgewachsener, glattrasierter Herr ein, nahm seinen strahlenden Zylinderhut ab, schälte sich aus dem Stadtpelz, schritt auf mich zu und sagte, während er sich neben mir auf den Stuhl setzte, den meine Bettfrau eiligst von Büchern und Medizinflaschen befreit hatte:

»Lieber Herr Petzold, es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, nur tut es mir unendlich leid, Sie krank zu finden. Ich bin der Hofburgschauspieler G. Ihre Gedichte, die mir vor einigen Wochen von der Baronesse M. übergeben wurden, haben auf mich einen so großen Eindruck gemacht, daß ich Sie bitte, mir zu erlauben, diese an meinem Vortragsabend rezitieren zu dürfen. Selbstverständlich gegen Honorar, dessen Höhe zu bestimmen ich Sie ersuche!«

Ich wollte sprechen – in der Überraschung über diesen seltsamen Besuch vergaß ich das strenge Verbot des Arztes – aber da spürte ich schon die Hand der wachsamen Frau Maria auf meinem Mund. Erklärend wandte sie sich an den Besuch:

»Wissens, gnä Herr, er derf ka Wörterl sprechn, hat der Doktor gsagt, sunsten kummt glei wieder die rote Suppen!« Und ohne aufgefordert zu sein, erzählte sie dem aufmerksam zuhörenden Herrn die ganze Geschichte meiner Krankheit. So hatte ich einstweilen Zeit, über die Veranlassung zu diesem aus den Wolken gefallenen Besuch nachzudenken, und da erinnerte ich mich, vor mehreren Monaten in einem Arbeiterbildungsverein vorgelesen zu haben. Dieser Vorlesung hatte auch eine Dame »sozialer Studien« halber, wie sie sagte, beigewohnt. Sie stellte sich mir als Baronesse M. vor und bat mich um Abschriften einiger meiner Gedichte. Ich hatte ihr diese einige Tage hernach zugesandt, aber darauf keinerlei Antwort erhalten, so daß ich mich noch, wie es mir jetzt lebhaft wieder ins Bewußtsein trat, über die »aristokratische Urschel« sehr geärgert hatte. Nun fing ihre Rechtfertigung gleich mit dem Besuch eines Hofburgschauspielers an, der mich – o Wunder – um, die Erlaubnis bat, meine Gedichte vortragen zu dürfen. Und Geld wollte er mir auch noch dafür geben!

Frau Maria war mit ihrer langatmigen Schilderung fertig geworden. Ich hatte nicht zugehört, aber sie mußte dick aufgetragen haben, denn der Herr schaute mich voll Mitleid an. Dann holte er aus der Innentasche seines Rocks eine Brieftasche, entnahm dieser einen Fünfzigkronenschein und sagte mit seiner warmen Stimme:

»Lieber Herr Petzold, ich lasse Ihnen einstweilen diese Kleinigkeit als Abschlagssumme da, lassen Sie sich dafür die besten Sachen kochen und schlagen Sie sich die Gedanken ans Sterben aus dem Kopf. Jetzt sollen Sie erst zu leben anfangen. Ich will mich sofort dafür verwenden, daß Sie in eine Heilanstalt kommen, dort werden Sie schon gesund werden. Leben Sie einstweilen wohl und verlieren Sie mir den Mut nicht!«

Draußen auf dem Gang hatte er noch eine kurze Unterredung mit meiner Herbergsmutter, die sich, als sie wieder zu mir hereinkam, vor Begeisterung kaum zu fassen wußte, sich zu mir setzte und für mich die herrlichsten und kühnsten Luftschlösser baute. Ich ließ sie gewähren, im stillen dachte ich mir aber: Das kommt jetzt alles zu spät!

Acht Tage später – es waren wegen des schönen Sommerwetters die Zimmerfenster offen – hörte ich gegen den Mittag zu ein schnelles Pferdegetrappel, das vor unserm Haus still wurde, auch lautes Hallo der Schuljugend drang zu mir herauf. Gusti, die Tochter, kam aus dem Zimmer gerannt und kündete aufgeregt:

»Denkts euch, a ›Unnummerierter‹, a Fiaker steht vor unserm Haustor!«

Das war nun freilich kein alltägliches Ereignis in unserer Gasse. Neugierig, vielleicht auch ahnungsvoll machte die Mutter die Tür auf. Da trat auch schon mein Gönner, der Hofburgschauspieler, mit meinem Arzt herein. Er erklärte, ich müßte heute mit ihm und dem Doktor in die Aufnahmekanzlei der Heilanstalt Alland, wo ich untersucht werden sollte. Ich war in den letzten Tagen schon ein wenig aufgestanden. Immerhin ging das Anziehen noch ziemlich langsam und umständlich, und ich schämte mich, wie eine Gliederpuppe behandelt werden zu müssen. Endlich war ich in Röcke und Tücher eingemummt, und vorsichtig führte man mich die Stiegen hinunter. Unter dem Gemurmel und erstaunten Ausrufen der Nachbarn wurde ich in den Wagen geschoben, und fort ging's.

In der Aufnahmekanzlei wurde ich von zwei Ärzten an allen möglichen Stellen abgeklopft und -gehorcht. Sie machten bald lange, bald kleine, bald große Augen, redeten viel lateinisch zusammen, nahmen zum Schluß ein Protokoll auf, für das sie sogar die Todesart meiner Urgroßeltern wissen wollten. Dann durfte ich mich wieder anziehen und nach Hause fahren.

Kaum vier Tage nach dieser Untersuchung erhielt ich aber von der Kanzlei der Heilanstalt eine Zuschrift, die mir mitteilte, daß ich mich für den Antritt meiner Kur am Soundsovielten dieses Monates in Alland einzufinden hätte. Darüber große Aufregung bei uns. Frau Maria begann wie verzweifelt an meinen wenigen Kleidern und dem bißchen Wäsche, das mein Eigentum war, herumzuwaschen, zu flicken, zu bügeln und war sehr traurig, daß sie mich nicht wie einen Prinzen ausstatten konnte. Gusti, die Näherin, überraschte mich mit einem Dutzend schön gesäumter Taschentücher, und als der Samstag kam, der Geldtag, brachte mir abends jedes der Kinder meiner Herbergsmutter ein Abschiedsgeschenk, denn es hieß, daß ich mindestens sechs Monate in der Anstalt bleiben müsse, und das war für uns Arbeiter eine Zeit, worin sich die Geschicke eines Lebensalters erfüllen konnten.

An einem kältedurchsplitterten Januartag machte ich mich in Begleitung eines jungen sozialistischen Studenten, der sich erbötig gemacht hatte, mich nach Alland zu bringen, auf die Reise dorthin. Mein Abschied von der guten Frau Maria regte mich mehr auf, als ich zeigte. Ich war der festen Meinung, sie nicht mehr zu sehen, denn ich konnte nicht mehr an meine Genesung glauben. Daß ich bei diesen Schmerzen, Atembeschwerden und diesem Husten noch lebte, war mir unbegreiflich.....

Wir fuhren in einem Einspänner auf den Südbahnhof. Von dort ging's mit der Bahn nach Baden. In Baden sollte irgendwo der Postschlitten stehen und uns nach Alland bringen. Der frühe Winterabend war herangebrochen, Schneetreiben begann, und es dauerte geraume Weile, bis mein Begleiter, in dem wie ausgestorbenen Städtchen die Abfahrtsstelle der Postwagen erfuhr. Nach einem langen Weg, der das Qualvollste für mich war, was ich bisher erlebt hatte, kam ich mit dem tapfern und geduldigen Studenten zu einem kleinen Gasthof, vor dem der Allander Postschlitten zur Abfahrt bereit stand. Es war ein viereckiger Kasten mit einem Holzdach und Wänden aus geteerter Leinwand. Als ich vom Kutscher erfuhr, daß die Fahrt mindestens zwei Stunden dauere, schlugen mir schon jetzt die Zähne wie im Schüttelfrost zusammen. Wie war es nur möglich, die Rücksichtslosigkeit zu haben und Kranke in einem solchen Vehikel, in dessen Bankdecken die Läuse bei solchem Wetter erfrieren mußten, fahren zu lassen? Da ich mir dachte: es ist ja doch alles eins, ob du nun an einem Blutsturz oder durch Erfrieren zugrunde gehst, stieg ich, in mein Schicksal ergeben, ein. Im Innern, das durch eine halbblinde Wagenlaterne notdürftigste Beleuchtung erhielt, waren sechs Sitzplätze. Es benutzten aber an diesem Abend außer uns nur noch zwei Personen diese ideale Fahrgelegenheit, und so machte mir mein Begleiter auf einer der zwei Sitzbänke aus einem vollen Hafersack und einigen Pferdedecken ein Lager zurecht, auf dem es sich, solange der Schlitten noch ruhig stand, halbwegs gut liegen ließ. Als aber die Pferde anzogen, der Schlitten in die beginnende Nacht hineinsauste und auf die holprige Landstraße kam, hörte ich alle Engel und Heiligen singen. Wie ein toter Hase flog mein Körper auf und ab. Mir war's, als müsse es mir alle Organe aus dem Leib schütteln. Der Magen flog mir beinahe bis zum Hals hinauf. Ich hatte nur einen Gedanken: Wenn das gut abläuft, will ich Veitel heißen! Zu der teuflischen Rüttlerei gesellte sich eine mörderische Kälte, die wie eine Riesenschlange mich einzuwickeln begann. Bei den Füßen fing's an, die waren mir schon steifgefroren. Dazu drang durch alle Spalten der Pulverschnee, den der Wind hereinwehte. Dieser beißende Puder fraß einem die Haut auf, und man konnte sich nicht wehren. Die Fahrt wollte auch kein Ende nehmen, sie schien um die Erde zu gehen. Mir gegenüber saß ein Bauer, der uns behaglich prophezeite, daß wir heute ganz gewiß steckenbleiben würden. Dann müßten die Kufen ausgeschaufelt und vom nächsten Dorf ein Vorspann geholt werden, was eine ziemlich lange Zeit in Anspruch nähme. O weh, das waren ja schöne Aussichten. Ich verlor jede Hoffnung, die Anstalt lebend zu erreichen. Auf alle Fälle war im Bett sterben angenehmer als in einsamer Winternacht erfrieren. Meinen getreuen Begleiter schüttelte nicht nur die Kälte, sondern auch die Angst um mich wie einen nassen Pudel ab. Er frottierte fortwährend meine Füße, so gut dies durch die Decken ging, und wollte sich sogar seines Winterrockes entledigen.

Plötzlich blieben die Pferde stehen, jäh brach das Schellengeklirr ab, der Schlitten stak im Schnee, und der Bauer brummte triumphierend:

»Sechts, wia i mir's denkt hob und Enk gsagt hob!«

Gemächlich krabbelte er sich aus seiner Pferdedecke, zündete sich umständlich seine Pfeife an und stieg aus dem Schlitten, um dem Kutscher beim Ausschaufeln zu helfen. Auch der Student verließ mich, um mit Hand anzulegen, und ich blieb mit einer kleinen, dicken Frau zurück, die beneidenswert in ihrer Ecke weiterschnarchte. Zum Glück war es mit dem Ausschaufeln abgetan, und nach zehn Minuten ging es holterdipolter wieder weiter.

»Jetzt kimmt Alland«, meinte auf einmal befriedigt das Bäuerlein und steckte die kalte Pfeife in den Sack.

Mit Hilfe des Studenten brachte ich meinen erstarrten Körper, dem außen und innen jedes Fleckchen wehtat, auf die Beine. Da hielt auch schon der Schlitten, und wir kletterten ins Freie. Mir bot sich ein märchenhafter Anblick. Mitten aus winterlichem Schweigen und weißer Schneenacht erhob sich als krönender Abschluß einer riesigen Talmulde ein langfrontiges, mehrere Stockwerke hohes Gebäude, königlich, schloßartig mit Hunderten hell erleuchteter Fenster. Selbst seine ins Blauschwarze der Nacht gesunkenen Mauern schienen abwechselnd Licht auszuatmen.

»Dös is dö Huastenburg, wünsch viel Glück!« sagte noch der Bauer und zottelte dann eilig mit der Frau, die mit uns gefahren, ins Dunkle hinein.

Also das war Alland, die berühmte Lungenheilstätte, von der man sich in Wien Wunderdinge erzählte, von der die tuberkulösen Arbeiter mit der zitternden, hoffnungslosen Sehnsucht sprachen. Von Hunderten hatte ja nur einer das Glück, hierher kommen zu dürfen, denn es gab nur wenige Freiplätze in der Anstalt. Tausende von ihnen mußten im Werkstättendunst, im fressenden Rauch der Essen, in feuchten, ungesunden Wohnungen, im mörderischen Granitpflasterstaub verbleiben, bis ihr letztes Stückchen Lunge in Eiter aufgegangen war. Im Anblick des mächtigen Hauses erfaßte mich Beklemmung. Warum sollte gerade ich das Glück haben, hier leben zu dürfen, ich, der ich ja doch nicht mehr zu retten war? Scheu schaute ich zurück, denn es war mir, als riefen mich Tausende kranke Kameraden, die Weib und Kind hatten, an: Du, kehr um, laß mich für dich in dieses Wunderkrankenhaus gehen, du hast ja schon mit dem Leben abgeschlossen ...

Es waren auch fremde Stimmen, die näher kamen, aber sie gehörten zwei Männern, die eine Tragbahre brachten, mit der ich in die Anstalt hinaufgetragen wurde. Über breite Korridore und Stiegen, die alle hell erleuchtet waren, schleppten sie mich, nachdem sie im Ambulatorium von dem diensthabenden Arzt die Weisung erhalten hatten, in welchem Saal sie mich abgeben sollten. Befremdete mich schon das viele Licht, das dem Gebäude etwas Festliches gab, so war ich noch mehr erstaunt über das laute, fröhliche Leben, das auf den Stiegen und Gängen herrschte. Da standen überall Gruppen von Frauen und Männern, denen man keine Krankheit ansah, am allerwenigsten das abzehrende Lungenleiden. Sie plauderten und unterhielten sich auf das munterste. Aus einem Saal klang sogar Klaviergeklimper und Geigengefiedel heraus. Um diese Zeit – es war ungefähr halb acht Uhr abends – hatte in den Krankenhäusern, in denen ich Patient gewesen war, alles schon mäuschenstill und in den Federn sein müssen. Selbst am Tage hätten die Pfleglinge nicht solchen Lärm machen dürfen, und mit dem Licht war gespart worden, als wäre es aus Gold. Und überall herrschte behagliche Wärme.

Ein schlanker Herr mit einer Pelzmütze und einem Gewehr kam uns auf der zweiten Stiege entgegen. »Das ist der Oberarzt«, flüsterte mir der eine Diener zu. Ich grüßte ihn ehrerbietig.

»Ach, da sind Sie ja!« redete er mich freundlich an. »Wir haben Sie schon erwartet! Sie werden recht müde sein! Lassen Sie sich gleich ins Bett bringen, und morgen werden wir das Weitere veranlassen. Für heute: Gute Nacht!«

Durch eine hohe Flügeltür schwenkten meine Träger links in einen hohen, breiten Saal, der dem im Spital nicht unähnlich war, aber viel weniger Betten beherbergte – ich zählte nur zehn in dem mächtigen Raum, der bis in das letzte Winkelchen erleuchtet war. Eine Klosterschwester mit einer riesigen weißen Flughaube auf dem Kopf kam geschäftig herbeigeeilt. Ihr feistes Grübchengesicht war eitel Gutmütigkeit, flink schälte sie mich aus den Kleidern und brachte mich in wenigen Minuten ins Bett. Dann watschelte sie eilig davon, putzig anzuschauen wie eine dressierte Riesenmaus, der die Natur als Kuriosum weiße Ohren verliehen.

Es war tiefste Stille um mich. Das helle Licht war erloschen, und an seiner Stelle brannte in der Mitte des Saals eine kleine Ampel, die, mit violettem Flor umhüllt, einem verlöschenden Mond glich. Alle andern Pfleglinge schlürften schon seit einer guten Weile die Luft des Schlafes ein. Um zehn Uhr war noch einmal die Schwester erschienen, die den seltsamen Namen Alacoque führte und von den Patienten höchst vertraulich »Kockerl« gerufen wurde, hatte einen jeden von uns sorgfältig in ein halbes Dutzend dicker Decken eingewickelt, sämtliche Fenster auf der einen Seite aufgemacht und ein lustiges »Gute Nacht« zugerufen. Von dem Neuen, Ungeahnten war ich so erregt, daß ich nicht einschlafen konnte; auch hinderte mich daran die ungewohnte eisige Nachtluft, die den Saal füllte und den kranken Lungen heilender Balsam sein sollte. Ich lag gerade vor einem der breiten offenen Fenster. Wenige Meter von mir stieg die silberne Herrlichkeit eines Bergwaldes auf. In dem stark blauen Geloder der Sterne dieser Nacht konnte ich jeden frischbeschneiten Ast der Bäume ausnehmen. Und tief hinein konnte ich in diesen Wald blicken, in sein weißes, silbernes Herz, und da enthüllte sich mir ein wundervolles Geheimnis: Dieser Wald hatte eine Seele wie ich. Im bläulichen Duft sah ich sie zwischen den braunen Baumstämmen schweben.

Ein schwarzes, bewegliches Etwas trat in mein Gesichtsfeld. Jetzt hob es den Kopf, auf dem ich Zacken sah ... und noch eins, und noch eins ... zwei, vier, sechs traten vor ... Herrgott, das waren ja Rehe!

Und jetzt ... dort ... dort huschte es zierlich die Bäume auf und ab. Eichhörnchen waren es, von den Rehen aufgeschreckt.

Daß es so etwas für mich noch gab!

Jeden Augenblick konnte ein Jäger kommen, im grünen Rock und mit einem Schießgewehr.

Und vielleicht gab es gar auch Füchse da. Wenn ich gut aufpaßte, konnte es möglich sein, daß ich solch einen roten, fixen Raubritter zu Gesicht bekam.

Traumhaft führte mich der violette Dämmer des Saals in das silberne Schneereich des Waldes hinüber. Ich ging durch seine Herrlichkeit immerzu ... Und dann trat ich auf eine Wiese, eine einzige diamantene Fläche hinaus. Unerhörte Reinheit umgab mich. Und sie wusch mir von Seele und Leib den Schmutz ab. Ich spürte es, wie Kruste um Kruste schwand. Da sah ich die Sterne strahlen, den Himmel unendlich nahe und alles Böse, Häßliche, Hassenswerte mir fern, wie noch nie in meinem Leben. Und wie wird es erst sein, wenn hier Sommer ist!

Ein starkes Glücksgefühl erfaßte mich. In der Unwirklichkeit der zauberhaften Erlebnisse dieser Winternacht in der schneeigen Tiefe des Waldes sah ich das wahrhafte Glück einer freundlichen Zukunft erstehen. Meine Ungläubigkeit gegenüber dem Leben schwand. Lächelnd flüsterte ich vor mich hin:

»Ich muß und werde gesund werden.«

Dann schlief ich ein.

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