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Das rauhe Leben

Alfons Petzold: Das rauhe Leben - Kapitel 14
Quellenangabe
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typeautobiography
authorAlfons Petzold
titleDas rauhe Leben
publisherAufbau-Verlag
printrun1. Auflage
year1985
firstpub1920
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Der Zusammenbruch

Auf eines meiner unzähligen Stellengesuche hatte ich auf einer Postkarte die kurze Aufforderung erhalten, mich in einer Essig- und Obstweinkellerei wegen der dort freigewordenen Austrägerstelle vorzustellen.

Ich war sofort hingelaufen und hatte das unerhörte Glück, aufgenommen zu werden. Meine neue Tätigkeit war eine vielfache und zum großen Teil wieder sehr anstrengende und ungesunde. Auch jetzt war mir das Schicksal nicht wohlgesinnter als all die bösen Jahre vorher. Es traute mir wohl eine unglaubliche Zähigkeit und Widerstandskraft zu. Ja, es schien mir, als steigere es noch fortwährend seine seltsame Lust, mir immer schwerere Rätsel zu stellen. Es nahm für mich schon manchmal die Gestalt eines scheußlichen Göttertiers an, das im Urwalddickicht meines Lebens gut geborgen hockte und boshaft-gierig meinem Kampf mit der Wildnis zusah und mein Ende erwartete. Glücklicherweise verfügte ich aber doch noch über so viel Leichtsinn, daß ich vergangenes Böses vergessen und immer noch auf Besseres hoffen konnte und so den harten Kampf doch stets wieder aufnahm. Es geschah mir wie der Frau, die einmal geboren hat und die dennoch die gleichen Qualen wieder auf sich nehmen will, weil sie die furchtbaren Schmerzen, die sie erduldet, vergessen hat und insgeheim hofft, sie würden diesmal geringer sein.

So hieß es wieder einmal um sechs Uhr früh mit drei anderen Leidensgefährten an Ort und Stelle sein. Die Kellerei bestand aus einigen, tief unter dem Straßenpflaster gelegenen Gewölben, die den Vorrat an Essig, Obstwein und Fruchtsäften bargen. Über ihrem Traversennetz befanden sich die übrigen Geschäfts- und Manipulationsräume, die das ganze Erdgeschoß des vierstöckigen Eckzinshauses einnahmen. Hier führten die Fenster sowie mehrere Türen auf zwei einsame Straßen des Alsergrundes, von denen die eine steil bergauf stieg. In einer schmalen Kammer, in der ein riesiger Kessel eingebaut war, wurde höchst geheimnisvoll die Spezialität der Firma, ein Obstweinessig, gebraut.

Nachdem wir die Rollbalken an den beiden Türen heraufgezogen und die Läden von den Fenstern heruntergenommen hatten, zogen wir aus dem Lichthof, der mit einem Glasdach überdeckt war, unsere zweirädrigen Kastenkarren hervor. Sie mußten jeden Abend abgescheuert und frisch geölt werden. Nun glänzten sie reinlich in der morgenstillen Gasse. Jeder von uns bekam Tag für Tag einen bestimmten Teil Wiens zugewiesen. Dort hatten wir von Haus zu Haus zu fahren, mit dem vollen Flaschensack Stiegen auf und ab zu keuchen, bestellte Flaschen voll Wein, Himbeer und Essig abzuliefern und neue Bestellungen entgegenzunehmen. Kamen wir gegen Abend heim, müde zum Umfallen, hieß es, zuerst mit dem Besitzer des Geschäfts das eingenommene Geld verrechnen und die einzelnen Neubestellungen in ein Buch schreiben. Dann stiegen wir in die Essigküche oder in den Keller, wo wir neuerdings Flaschen füllten, korkten, etikettierten und sie je nach dem Inhalt in rotes, gelbes oder grünes Seidenpapier einwickelten. Meistens waren wir damit um sieben bis acht Uhr fertig und durften die grünschwarzen Geschäftskappen, die schon von dem Schweiß Hunderter Vorgänger durchtränkt waren, mit unseren Hüten oder Mützen vertauschen und mit drei Kronen Taglohn heimgehen.

Meine drei Kollegen waren alle viel stärker und kräftiger als ich; mir war es oft selbst ein Rätsel, wie ich diese Arbeit leisten konnte. Wenn ich mich am frühen Morgen mit vollem Wagen vom Hause fortächzte, war dieser immer einige hundert Kilo schwer. War mir ein weit entfernter Bezirk zugewiesen, so dauerte es oft eine Stunde, bevor ich den Wagen um eine Flasche erleichtern konnte. Ging es bergauf, stemmte ich den Kopf gegen die Stirnwand des Wagens, warf alle Muskeln in starrem Krampf dagegen und kämpfte mich vor Schweiß rauchend und mit kochendem Atem hinauf. Auf abschüssigen Straßen wieder hatte ich Mühe, um den vorwitzigen, rennlustigen Wagen zurückzuhalten, zwang ihn mit zurückgestemmtem Rücken und schleifenden Füßen, seiner Ungeduld die Kette anzulegen. In den Sommerwochen, die ich mit ihm auf den Straßen Wiens verbrachte, dachte ich eine fühlende Seele in ihn hinein, wurde er mir zum Tier mit eigenen Launen und Trieben. Er plagte mich mit Bosheit und Tücke, hatte aber auch seine gutmütigen Stunden, wo er mich liebte und treu zu mir hielt. Mit Knarren und Ächzen sprach er zu mir. Jammerte wie ich, wenn sein hölzerner Bauch allzu viel an vollen Flaschen bergen mußte, schimpfte, knarrte, stöhnte über dieses harte Dasein, wenn es über einen Berg hinauf ging, und schrie wie besessen in meine Ohren, rasten wir diesen wieder hinab: »Laß mich los, laß mich herunter, frei will ich sein, mach dich fort, Mensch, halt mich nicht zurück, dort unten fährt so ein gelber Protz von Trambahnwagen, dem will ich seinen feisten Wanst einstoßen!«

Regnete es, ging ein Weinen durch sein Gestell, und er flennte: »Du hast leicht fahren, dir rosten nicht die Glieder ein, aber mir!« Dagegen lachte er und freute er sich närrisch, wenn die Sonne recht grell auf ihn herabbrannte. Denn dann leuchtete und funkelte alles an ihm über die Gassen und Plätze, und die spielenden Kinder schauten ihm wohlgefällig nach. In seinem Schatten rastete und aß ich oftmals mein kleines Mittagsmahl; während ich in den Häusern die Stiegen auf und ab kletterte, wartete er geduldig auf mich. Abends hatte ich dafür viel Arbeit mit ihm. Denn wenn er da nicht gehörig geputzt und geschmiert wurde, ehe er sich zu seinen zwei Brüdern gesellte, dann bockte er den andern Tag ganz gehörig und knarrte mir unaufhörlich sein Mißvergnügen ins Ohr.

War ich in dem mir zugewiesenen Bezirk angekommen, so hatte ich oft in einer Gasse Haus für Haus zu durchwandern, und es läßt sich denken, daß dieser Teil meiner Arbeit der anstrengendste am Tage war. Der volle Flaschensack, der meistens acht bis zehn Zweiliterflaschen trug, mußte eilig die Treppen hinauf getragen werden, oft vier, fünf Stock hoch; war dies an einem Vormittag seine zwanzig Mal geschehen, so war ich meist schon mittags todmüde.

An die Türen der Kunden klopfend, beruhigte ich das ängstliche Dienstmädchen oder die Hausfrau mit dem Ausruf: »Der Essigmann ist da!«, womit ich auch gleichzeitig die Nachbarn verständigen konnte und Zeit ersparte. Ging dann die Tür auf, so haspelte ich nochmals mein Sprüchlein ab: »I hab den Essig bracht; wann derf i denn wieder an bringen?« Meistens wurde ich auf der Stiege abgefertigt; vielfach wurde mir aber auch die Tür vor der Nase zugeschlagen, und ich mußte auf das Geld und die neue Bestellung mehrere Minuten warten. Besonders die Dienstmädchen hatten immer lange zu überlegen oder mit der »Gnädigen« zu verhandeln, bevor sie wieder erschienen. Dabei gab es viele Grobheiten, Eselstritte und Beschimpfungen, ganz abgesehen von den Nörgeleien der unzufriedenen Kunden.

Um in Wien ein kleiner Agent, Inkassant oder Austräger zu sein, gehört ein guter Magen und eine abgebrühte Haut dazu. Alles sieht in diesen armen Straßenproletariern Faulenzer, freche Tagediebe und Gelegenheitsverbrecher. Jede, wenn noch so demütigende Vorsicht gegen sie ist angebracht und erlaubt. Wie oft verschlossen Frau oder Dienstmagd vor mir die Küchenschränke oder auch die Tür, während sie die leeren Flaschen oder das Geld holten. Nirgends ist man beliebt: die Hausmeisterin blickt einen scheel an, weil man die Stiegen und Gänge beschmutzt, das Dienstmädchen, der es unangenehm ist, um Geld zu bitten, die »Gnädige«, die man in einer wichtigen Arbeit stört oder enttäuscht, weil sie einen lieben Besuch erwartet hat, und vor allem der in der Wohnung allein weilende Mann, der nicht weiß, was er mit einem anfangen soll. Er sucht die leere Flasche und findet sie nicht, bezweifelt, daß seine Frau den teuren Obstessig bestellt hat, glaubt mißtrauisch, daß man, ein Schwindler, ihm Wasser statt Essig verkaufen werde, und schreit endlich, nervös geworden, man möge wiederkommen, wenn die Frau zu Hause ist.

Da wird herumgebissen und geschimpft, während draußen auf dem zugigen Gang ein armer Teufel mit hungrigem Magen, viel Müdigkeit in den Füßen und Sehnsucht nach dem freien Abend steht und mit einem traurigen Lächeln alles über sich ergehen läßt. Selbst die Kinder waren uns Stiegenläufern nicht gewogen. Oft geschah es, daß ein kleiner Knirps voll Entsetzen vor mir die Treppe hinaufzappelte und irgendwo hineinschrie: »Mama, tu zusperrn, ein Hausierer kommt!« Die Größeren machten mich zur Zielscheibe ihrer Belustigungen, spuckten über die Stiegengeländer auf meine Kappe herunter und bedachten mich mit den schönsten Namen. Zur Züchtigung dieser kleinen und größeren Feinde zu schreiten, wagte ich nicht, da ich die Polizei fürchtete, die mir, dem Proletar, jedenfalls nicht recht gegeben hätte. Als ich einmal den Wachmann zu Hilfe rief, weil Gymnasiasten meinen Wagen umgeworfen und die Flaschen zerbrochen hatten, meinte dieser gemütlich, während die Buben höhnend im Kreise um mich standen: »Na, machens net so ä Gserres, 's is ja ka Haus eingstürzt. Wärns halt net so lang bei Ihnera Köchin bliebn; lassens mi in Ruah mit solchane Gspaß!«

Mir wurden am Abend für die zerbrochenen Flaschen neunzig Heller pro Stück abgezogen.

Die mit mir freundlich waren, immer ein gutes, aufmunterndes Wort bereit hatten und es mich nie spüren ließen, was für ein tüchtiges Stück Armseligkeit ich mit herumschleppte, das waren entweder die Bewohner der grauen Zinshäuser in den Arbeiterbezirken, Frauen von Arbeitern oder kleinen Beamten, oder die ganz wenigen vornehmen Menschen, denen Reichtum und gesellschaftliche Ehren das Herz noch nicht verknöchert und das Hirn mit Hochmut verkleistert hatten. Da erinnere ich mich vor allem einer greisen Aristokratin, die mich nie fortgehen ließ, ohne mir eine Schale Tee und ein mächtiges Butterbrot vorsetzen zu lassen. Das Mädchen erzählte mir, daß jeder Austräger und Lieferant so bewirtet wurde.

Jede Woche hatte ich auch in ein Freudenhaus einen ganzen Wagen voll Fruchtsäfte, Liköre und Obstweine zu bringen. Wenn ich an der versperrten Tür des alten Hauses in der Nähe des Stephansplatzes anläutete und mich die Mädchen von den Fenstern aus erblickt hatten, kamen alsbald mehrere von ihnen auf die am Tage ziemlich einsame Straße und halfen mir, die schweren Körbe mit den Getränken ins Haus tragen. Sie lachten wie Arbeiterinnen am freien Sonntag, hüpften in ihren schillernden, leichten Sommerkleidern wie Menschen gewordene Springbrunnenstrahlen um mich herum, und ihre durchnächtigten Gesichter erhielten dabei einen schönen Glanz aus der verlorenen, reinen Kindheit zurück. Eine oder die andere fragte mich, warum ich so blaß und schlecht aussehe, schimpften ehrlich auf die bestehende Ordnung, die dem einen Menschen die Macht gab, den anderen zu schinden und auszunutzen, ihn statt Pferde und Hunde vor einen Wagen zu spannen.

Vielleicht war ich schuld daran, wenn einer der geldschweren Besucher in der nächsten Nacht von den Mädchen schlecht behandelt und mit unverständlichen Launen gequält wurde. Einmal brachte mir sogar eins von den Mädchen aus ihrem Zimmer Lebertran herunter, weil ich in ihrer Gegenwart von einem bösen Husten befallen wurde. Und immer konnte ich in ein leeres Fach meines Wagens ein Paket Wurst und Käse als Geschenk der Mädchen schieben, während die Taschen meines Rocks mit Zigaretten und Zigarren vollgepackt waren. Ich kann mich jetzt erinnern, daß diese verfemten Geschöpfe im Gespräch mit mir sich nie ungehöriger Ausdrücke bedienten und ein seltsames Feingefühl bezeigten, obwohl sie sich ihrer Lebensweise nicht zu schämen schienen und frei darüber sprachen, was sie ihnen an Häßlichem und Schönem bot.

Trotz der schweren Arbeit und geringen Entlohnung wäre ich mit dieser neuen Form meines ja immer dornigen Daseinskampfes in diesen Sommertagen zufrieden gewesen. Denn ich verbrachte den größten Teil des Tages auf der Straße, was mir immer ein, wenn auch begrenztes Gefühl von Freiheit gab. Keine Werkstätte engte mir den sehnsüchtigen Blick ein, mein müdes Auge konnte sich an dem Grün der Parkbäume erholen und aus der waldigen Bergferne Trost und Frische für die Seele schöpfen. Kein Werkführer peitschte mich durch den Tag mit großen Worten, und keine schadenfrohen Arbeitskollegen hänselten mich wegen meiner Schwäche und Leistungsunfähigkeit. Dafür stand ich oft mitten drin in der Bilderfülle und dem Ereignisreichtum einer mächtigen Großstadt. Und wenn ich die Gartenbezirke mit ihrem stillen Blühen und Vogelsang zu befahren hatte, konnte es Augenblicke geben, wo ich mich sogar glücklich fühlte.

Dennoch war auch hier die alte Geschichte mit dem Wenn und Aber, das den Bettelmann nicht König werden läßt. Ein arger Husten hatte mich wieder befallen und riß mir am Tage den Atem aus dem Mund, des Nachts den Schlaf aus dem Gehirn. Beängstigend war mir diesmal besonders, daß ich viel Auswurf hatte. Er füllte mir oft beim Husten den ganzen Mund. Auch Nachtschweiß trat wieder auf und gegen den Abend zu das fiebernde Frösteln in den Gliedern. Je weiter der Sommer vorrückte, desto elender fühlte ich mich. Zu meinem Leidwesen wollte auch die Hitze kein Ende nehmen, die Stadt war ohne Unterbrechung in eine erstickende Atmosphäre gehüllt, die Herz, Lunge und Gehirn der armen Großstädter eindörren ließ wie die Früchte auf einer Ofenplatte. Da es in den Häusern, besonders in den nach Norden gelegenen Stiegen und Gängen, kühl und zugig war, ich aber von der glühenden Straße kam, setzte sich mein Körper fortwährend den größten Temperaturschwankungen aus, die ihm natürlich alles eher als zuträglich waren. Stand ich vor einer offenen Wohnungstür auf dem Gang, riß mir oft die wütende Zugluft die Hülle von Hals und Brust und jagte mir den kühlen Schweiß in Poren und Eingeweide. Gleich darauf schob ich wieder auf der Straße den schweren Wagen weiter. Die Arbeit am Spätnachmittag in der Kellerei oder Essigküche war nicht so, daß sie mir Krankem und Erschöpftem Erholung oder Erleichterung hätte bringen können.

Bald hieß es schwere Fässer rollen, die riesige Metalltrommel, in der auf kaltem Wege Alkohol gekocht wurde, Hunderte Male herumdrehen, unzählige Flaschen verkorken, was einer großen Kraftanstrengung bedurfte, weil der feuchte Kork mit der Hand hineingetrieben werden mußte. Dann war es wieder der Dienst bei dem mächtigen Obstessigkessel, der eine schreckliche Hitze ausstrahlte, in der man stand, das Gebräu umrührend. Und dazu kam die ungesunde Ausdünstung der vielen Säuren und Essenzen, in der man nach einem mehrstündigen Aufenthalt wie betrunken herumzutaumeln begann.

Es half mir deshalb wenig, daß ich jeden Abend nach Arbeitsschluß gleich nach Hause eilte, mich niederlegte, kalte Wickel um die Brust machte und den verschiedensten Kräuterabsud literweise trank.

Meine Quartierfrau sah ich um diese Zeit wenig. Sie war bei einer Ausstellung im Prater als Abortfrau beschäftigt. Am Morgen, wenn ich das Haus verließ, schlief sie noch, kam sie abends heim, war dies bei mir der Fall. Als sie mich aber eines Sonntags antraf, machte sie ganz erschreckte Augen und fragte mich mütterlich besorgt:

»Marand Joseph, wia schaun denn Sö aus; wir a gspiebens Äpfelkoch. Raugens vüleicht z'vül? Na so was, d' Baner stengan Ihna ja außi wia an Kladerrechen. Sö wern halt z'weng essn bei dera Wagelziagerei den ganzen Tag. Wanns nur net krank wern, dös is bei uns arme Leut schlechter als 's Sterbn!«

Da hatte sie recht. Vor dem Tode fürchtete ich mich wenig, aber die Aussicht, krank zu werden, erschreckte mich tief. Ich habe viele Proletarier sterben gesehen, sie alle erlitten den Tod geduldig und sahen in ihm ihre Erlösung. Meine kranken Kameraden aber waren immer voll weher Traurigkeit, die sich oft in einen bösen Haß gegen alles Gesunde, Fröhliche umwandelte.

Die großen Spitäler Wiens waren für mich die Stätten ärgsten Grauens und furchtbaren Elends. Vielleicht weniger wegen des körperlichen Leids, das innerhalb ihrer Wände in den weißen Betten lag, als um des Zwanges willen, den sie für den Arbeiter bedeuteten. Man mußte hier bleiben, bis der Körper gesund war, draußen aber ging inzwischen die Arbeit verloren. Beinahe jeden Tag verkündeten die Zeitungen den Selbstmord eines kranken Arbeiters oder einer Arbeiterin. Meist recht kurz und bündig, denn ein solches Elend ist nichts Besonderes, vielleicht sogar selbstverständlich in den Augen der meisten Lesenden.

Ich selbst kämpfte ruhelos mit dem Gedanken des erlösenden Selbstmordes. Stand ich nicht trotz allen Elends mit beiden Füßen auf dieser Erde, und stieß ich nicht fortwährend an die Schönheiten der Welt? Was sollte mir ein unbekannter Himmel? Mein Faulen zwischen den Weichholzbrettern des Sarges war der endgültige Verzicht meiner Individualität. Dazu war ich Revolutionär, der auf dem Sprung stand, mitzutun, ohne zu zaudern, wenn es galt, diese verfluchte Ordnung mit Gewalt zu ändern. Gläubig hing ich an der Vorstellung einer nahen, besseren Zukunft des Proletariats. Und ich wollte diese erleben als Mitkämpfer und später als Mitgenießer ihrer herrlichen Früchte. Und da ich noch dazu ein heimlicher Dichter war, der sich übersinnlichen Gefühlen hingab, glaubte ich in der heimlichsten Tiefe meines Herzens an ein Wunder, das mich eines Tages aus der Grube meines Elends heben würde, um mich gesund, tüchtig und frei von niedrigen Sorgen, meine Kräfte zur Erreichung eines schönen Ziels gebrauchen zu lassen. Das Wunder blieb aus – oder kam in einer Verkleidung zu mir, die vorläufig nur dunkel und drohend das Ende zu verkünden schien.

Es war am 6. August 1908, als ich am Abend von meinem Brotherrn den mir wenig angenehmen Auftrag bekam, mehrere Zweiliterflaschen mit Himbeersaft einer Kundin zu bringen, die weit draußen in Hietzing wohnte. Gerade an diesem Abend war eine besonders arge Müdigkeit in mir, aber was sollte ich machen? Wir dürfen nicht müde und erschöpft sein. Taugen wir nicht mehr zur Arbeit, dann Ersatz her!

So schwieg ich, zwängte meine Schultern in die Tragbänder des Flaschensacks und machte mich auf den Weg. Als ich eine Zeitlang gegangen war, bemerkte ich etwas Seltsames: Obzwar die Müdigkeit immer ärger wurde, fühlte ich in der Brust eine plötzliche Erleichterung. Ich mußte nicht mehr husten, kein Schleim quälte mich mehr, und ich konnte zu meiner großen Freude wieder halbwegs tief atmen, ohne es in mir rasseln zu hören wie sonst immer. Ich fühlte mich sonderbar leicht; die Schwere in den Füßen machte mir nun keine Sorgen mehr, und ich geriet in eine freudige Stimmung. Schneller schritt ich aus, pfiff sogar nach langer Zeit wieder einmal lustig vor mich hin. Der Abendgesang der Amsel schwellte mir das Herz. Wie schön war es, sich diesen Freuden hingeben zu dürfen! Ich grüßte die Rosen, in deren Glut der Sommer wie ein lobsingender Märtyrer verbrannte. Den Pferden winkte ich zu wie alten Kameraden, ein Büschel Gänseblümchen, das ich in dieser Villenvorstadt fand, steckte ich in das Knopfloch meiner schäbigen Jacke, unter jedem Hut und Kopftuch suchte ich nach einem fröhlichen Gesicht. Konnte es noch etwas anderes als Freude geben, nun, da ich meine Genesung durch die Gassen trug? Auf einem noch unbebauten Platz, den ich zu durchqueren hatte, spielten die Arbeiterkinder; ihre Fetzenbälle flogen durch die Luft, Festungen wurden aus altem Pflaster und Ziegelsteinen gebaut, und papierne Fledermäuse flatterten im schüchternen Abendwind wie zahme Tauben. Hier spielte man Vater und Mutter, dort tanzte man Ringelreihn; wie wenig brauchten doch diese Kinder, um zu spielen und glücklich zu sein! Einen freien Platz unter der Sonne, ein paar Kieselsteine, ein wenig Gras.

Ich hätte mich in meiner Freude am liebsten zu ihnen gesellt, sang aber wenigstens ihre Lieder mit. Ein kleiner Knirps blickte mich verdächtig an und meinte: »Mir scheint, der is wo auskumma!«

Ich lachte hell auf und – fühlte in der Luftröhre ein heißes Kügelchen aufsteigen. Ich spuckte es aus, es war Blut. Mir wurde ganz kalt. Mein Gott, ist das nicht das Letzte? In einer Wolke tödlicher Angst befangen, torkelte ich dahin. Dann zwang ich mich etwas zur Ruhe, versuchte mich selbst zu trösten: Wer weiß, ob das Blut war. Bald spürte ich es wieder heraufsteigen. Ich nahm das Taschentuch. Wieder hellrotes Blut. Mochte es nicht aus der Nase oder dem Magen kommen? Vielleicht war infolge der schweren Arbeit ein Äderchen geplatzt: doch keine Angst haben! Gerade, wo dir heute so wohl ist! Ich sprach mir so tapfer zu, konnte die Angst aber doch nicht ganz vertreiben.

Endlich war ich am Bestimmungsort meines Auftrages angekommen. Der Kunde wohnte im dritten Stock einer Zinsvilla. Langsam kroch ich die Stiege hinauf, entledigte mich glücklich meiner Flaschen und beschloß, die zwanzig Heller Trinkgeld zur Benutzung der Straßenbahn zu verwenden. Die Geschichte mit dem Blutspucken schien mir doch nicht geheuerlich, und ich ahnte dahinter erschauernd eine Katastrophe für mich.

Wie ein Häufchen Elend hockte ich nun wieder unter den fröhlichen Menschen, die zu einem Abendvergnügen oder heim zu Nachtessen und Schlaf fuhren.

Ich wagte kaum mich zu rühren und wäre am liebsten in meiner Ecke sitzen geblieben. In der Gasse, in der ich wohnte, hielt mich zu meinem Schrecken noch ein Bekannter auf, dem ich Rede und Antwort stehen mußte. Ich wollte ihm nichts von dem erzählen, was mich bedrückte, fürchtete sein Erschrecken, eine Bestätigung meiner schlimmen Ahnungen. So sprach ich mit leiser Stimme zu ihm und war froh, als er, verdutzt über mein sonderbares Gebaren, weiterging. Im Augenblick, als ich die Wohnungstür öffnete, hatte ich plötzlich das Gefühl, als stürze alles Blut meines Körpers dem Munde zu, ich wollte um Hilfe schreien, da quoll statt der Worte schäumiges Blut in quirlenden Stößen über die Lippen. Um mich herum schien es zu brennen, etwas Furchtbares schnürte mir die Kehle zusammen und trieb immer mehr Blut heraus.

Irgend jemand packte mich beim Arm, zerrte mich einige Schritte vorwärts und drückte mich auf einen Stuhl. An der erschrockenen und verzagten Stimme erkannte ich die älteste Tochter meiner Quartiersfrau. Ein Mann versuchte gefaßt mir zu helfen und dem Mädchen zuzureden. Es war deren Bräutigam. Er klemmte mir ein Glas voll Wasser zwischen die Zähne, und ich hörte wie von fern seine Worte: »Hams nur ka Angst net. Huastens Ihnan fleißi aus, trinkens a bissl Salzwasser. So da, jetzn setzens Ihnan grad! No no, nur net so zittern! Dös hat mei Gschwisterkind a ghabt und lebt heut no. Wartens, tans a kla wengerl 'n Kopf füri, i leg Ihnan a kalte Bauschn aufs Gnack! So da! 's wird scho aufhörn. Was außi wül, muaß außa; i hab eh scho d' Lentschl um an Dokta gschickt, er wird glei kumman.«

Indessen rann das Blut noch immer in unheimlichen Mengen aus mir. Nichts konnte seine Heftigkeit stillen. Ging das so weiter, so mußte ich doch bald ausgeblutet haben? Schon spürte ich eine kühle Schwäche in mir, wie haltlos schwankte ich in den Hüften hin und her. Nur mit Hilfe meines Samariters konnte ich mich noch auf dem Stuhl sitzend erhalten. Dagegen war auf einmal alle Angst von mir gewichen und hatte einer Gleichgültigkeit gegenüber meinem Zustand Platz gemacht, die weniger der Erfolg einer Überlegung als ein Zeichen völliger Erschöpfung war. Ich war nur sehr neugierig, was nun mit mir geschehen würde. Da, eilige Männerschritte wurden auf dem Gang hörbar. Die Tür ging auf, und der Arzt trat ein. Es war ein älterer, gutgekleideter Herr mit einer schwarzen Ledertasche. Ich wurde gleich ausgezogen, was sehr mühsam war, da bei jeder heftigeren Bewegung das Blut stärker hervorsprudelte. Endlich lag ich in meinem Bett, das in einer Ecke der Küche nahe beim Fenster stand. Von einem nahen Gasthausgarten drang Gläsergeklirr und reges Schwätzen herauf. Alle verfügbaren Polster wurden mir unter den Rücken geschoben, was ich nur ungern zuließ. Worauf sollten sich denn meine Wohnungsgenossen legen? Man hörte aber gar nicht auf meinen Einwand, und der Arzt verbot mir streng jedes weitere Sprechen. Vom Gasthaus wurde Eis geholt, das man in einem Leinwandsäckchen auf die Brust legte. Eine weitere Untersuchung hielt der Arzt vorläufig für unangebracht. Das Bluthusten sei eine sichere Erscheinung einer Tuberkulose der Lunge, da braucht nicht viel herumgesucht werden. Später wolle er dann den Umfang der Erkrankung feststellen. Als Nahrung wäre Milch mit eingerührtem Ei zu nehmen, der Oberkörper müsse stets hochliegen. Hier ein Rezept für beruhigende Tropfen; falls in der Nacht eine erneute Blutung einträte, möge man ihn holen. Sonst komme er morgen wieder. Und dann: nur keine Angst haben, ein bißchen Blut verlieren sei lange nicht das Schlimmste. Nur schön ruhig liegen, kein Wort reden. Mit einem freundlichen Nicken nahm er Hut und Tasche und verschwand.

Endlich hatten die Blutungen aufgehört. Ich lag mit geschlossenen Augen da und bohrte mich mit quälerischen Gedanken in meine Lage hinein. Das Eis lag kühl auf Brust und Stirn, darunter aber brannte es heiß, und im Hirn die bange Frage: Was soll mit mir geschehen? Ich konnte meiner Quartiersfrau hier unmöglich länger als einen Tag zur Last fallen. Tagsüber war überdies niemand in der Wohnung, da jedermann seinem Verdienst nachging. Wer hätte mich da pflegen sollen? Und dann, der Arzt hatte von Tuberkulose gesprochen, so war ich eine Ansteckungsgefahr für meine Umgebung. Also ins Spital. Wenn ich nur Platz fand. Wie oft hatte ich von der schrecklichen Bettnot in den Wiener Spitälern gehört. Todkranke Menschen waren stundenlang in dem Sanitätswagen von Spital zu Spital geführt und überall abgewiesen worden; das konnte auch mir geschehen. Aber darauf mußte ich es ankommen lassen.

Bitter quälte mich der Gedanke an den Verlust meiner Arbeitsstelle. Gewiß mußte ich wenigstens eine Woche im Bett liegen, bis ich wieder arbeitsfähig war, wahrscheinlich dauerte es diesmal aber viel länger. Ich fühlte es, meine jetzige Krankheit war ernster zu nehmen als alle anderen vorher. Würde mich nach meiner Genesung mein Brotherr wieder in seinen Dienst nehmen, wo ich jedenfalls sehr geschwächt aussehn mußte? Wahrscheinlich nicht. Wieder das alte Lied. Ich konnte den ganzen kommenden Winter arbeitslos sein, was das bedeutete, wußte ich.

Ein ohnmächtiger Zorn gegen mein Schicksal torkelte fluchend durch meinen blutleeren Körper. Wäre es nicht am besten, aufzuspringen und das Blut aufs neue zu rufen und laufen zu lassen, bis es zu Ende war? Viel brauchte es dazu ja nicht, ich hatte in dem ernsten Gesicht des Arztes gesehn, wie es um mich stand. Ein kurzes, unangenehmes Sterben, und es lag hinter mir, dieses dreckige Leben, an dem ich ohnehin nur mehr mit einem Haar hing.

Warum machte ich diesen letzten Schritt nicht? Ich hatte wirklich keine Furcht mehr vor dem Tode und keinen Glauben an eine freundlichere Zukunft.

Es war etwas wie Neugierde in mir auf das, was jetzt etwa noch über mich kommen und was ich aushalten könne. Sie hieß mich, die Vorschriften des Arztes einzuhalten, und so lag ich bewegungslos in meinem Bett und schluckte brav alles, was man mir eingab.

Vor Torsperre verließ uns der Tischler, und auch die zwei Mädchen begaben sich in ihre Kammer, um zu schlafen, so daß ich wieder Zeit genug hatte, vor mich hin zu sinnen und zu grübeln. Der Lärm im Gasthausgarten machte es mir nicht leicht, einzuschlafen, gelang es mir zeitweise aber doch, so war es kein stärkender Schlaf, sondern ein quälendes Dämmern in verzerrter, halber Wirklichkeit. Das Kreischen einer Tür erweckte mich wieder vollends. Es war meine Herbergsmutter, die von ihrer Beschäftigung in der Ausstellung heimkehrte. Mein elendes Aussehn, die ungewöhnliche Lage meines Körpers, das brennende Lämpchen, die Medizinflasche neben mir und vor allem der blutfleckte Fußboden sagten ihr zur Genüge, was mir geschehen war, den Rest ließen sie die Erfahrungen ihres sorge- und kummerreichen Lebens erraten. Sie setzte sich zu mir und tröstete mich mit gedämpfter Stimme, um nicht die schlafenden Kinder zu wecken.

»Arms Hascherl, jetzt hat's Ihnen amol urdentli erwischt. Machens Ihnan nix draus! Dös bisserl Bluatspucken wird scho wieda aufhörn, und in vierzehn Tag kraxelns wieder aufn Monte Galizi wiar a gratzter Windhund! Für a jeds Häuterl gibt's a Kräuterl! Mei Söliger hat zwanzig Jahr Bluat gspuckt und is nacher erst recht an der Wassersucht gsturben und nöt wegn sein Bäuschl. Freili«, setzte sie bekümmert hinzu, und es sollte vielleicht ihr bester Trost sein, »wann ma nur scho glückli alle gsturbn wärn!«

Als ich erwidern wollte, winkte sie erschrocken ab: »Haltens in Brotladn, denkens an was Schöns und schauns, daß a bisserl eischlafn! Murgn in der Fruah red ma weiter! Guate Nocht!«

Keinen Augenblick dachte sie an die Ungelegenheiten, die ihr meine Erkrankung machte, noch daran, mir die Übersiedlung ins Krankenhaus vorzuschlagen, sondern sie war nur darauf bedacht, mir mit Rat und Tat in meinem Unglück beizustehn. Sie plagte sich noch eine halbe Stunde mit mir herum, richtete mir die Polster, zog das Leintuch straff und brachte mir frisches Wasser. Am liebsten wäre sie die ganze Nacht bei mir sitzen geblieben, um mich wie ihr eigenes Kind zu pflegen. Aber es war schon nach Mitternacht, und der Tag fing für sie schon um vier Uhr an. – Das freundliche Geplauder meiner Wirtin hatte mich ein wenig beruhigt, und ich fiel in einen leichten Schlaf, freilich nur auf kurze Zeit. Bald hörte ich wieder die Turmuhr schlagen und quälte mich von Viertelstunde zu Viertelstunde dem ersten Lichtstrahl entgegen.

Voll Genugtuung lauschte ich dem Aufwachen der vielen Geräusche des Tages; das erste Läutesignal der nahen Straßenbahn und deren dumpfes Dahinsurren klang mir in den Ohren wie ein Rettungssignal. Wie groß war auch meine Beruhigung, als meine Quartiersfrau mit ihren beiden Töchtern in die Stube trat, um auf dem Herd in meiner Nähe den Kaffee zu bereiten. So lustig konnte der auf dem Feuer singen! Und gar die Milch! Sie zog eine weiße Haube über ihren kahlen Schädel, bauschte sich auf und gebärdete sich wie toll, bis man sie vom Feuer nahm. Nun setzten sich alle um den Küchentisch und schlürften eilig den heißen Kaffee. Mitleidig blickten sie auf mich, der ich auf das Erkalten meiner Milch warten mußte. Ich bat leise um Bleistift und Papier und schrieb ihnen meinen Wunsch auf, ins Krankenhaus geführt zu werden. Davon aber wollten sie nichts wissen, und man zerbrach sich den Kopf, wie es einzurichten wäre, daß eine von ihnen bei mir bleiben konnte. Die Mutter bestand endlich darauf, ihren Verdienst für einige Tage aufgeben zu wollen, um mich pflegen zu können. Alle meine Einwürfe dagegen wären vergeblich gewesen, wenn mir nicht meine kranke Lunge zu Hilfe gekommen wäre. Sie wurde plötzlich wieder rebellisch und schleuderte Wellen von Blut auf die Bettdecke und in das Waschbecken, das man mir vorhielt. Als bald darauf der Arzt kam und die Bescherung sah, erklärte auch er es für das beste, mich in ein Spital zu bringen.

Meine Wirtin war ganz unglücklich darüber. Das Krankenhaus galt auch ihr als der Versammlungsort der Sterbenden. Alle ihre zungengeläufigen Reden konnten den Arzt und mich aber nicht mehr von unserm Entschluß abbringen. Schweren Herzens fügte sie sich ins Unvermeidliche, ich sah es ihrem Gesicht an. Seine sonstige Herbheit war in hilfloses Mitleid aufgelöst. Vielleicht sah sie unbewußt in meinem Schicksal das Symbol für die Misere unserer Klasse. Oder erlebte sie in dieser Stunde jene wieder, da sie ihren Mann zum Sterben ins Spital bringen mußte? Glücklicherweise traf der Arzt in seinen Anordnungen für meine Überführung den richtigen Ton, um die Rührseligkeit, die sich eben breitmachen wollte, abzuschneiden und der Sache noch einen heiteren Anstrich zu geben, und ich war ihm dafür im Herzen recht dankbar.

»So fahrn ma halt in Gotts Namen in dö Knochenmühl, wanns es nöt besser haben wolln«, sagte die Frau resigniert und verschwand, um sich anzuziehen und mich wenigstens im Krankenwagen begleiten zu können.

Der Arzt gab mir eine Injektion, um die Blutungen zu stillen, und eilte dann ins nächste Kaffeehaus, um in den Spitälern um Aufnahme anzufragen. Nach einer langen Weile kam er wütend zurück. »So eine Schweinerei«, schimpfte er, »in keinem Spital wollen sie einen Kranken mit Bluthusten aufnehmen; das sei keine Krankheit, die das Spital verlange. Wenn ich nicht gerade einen Freund hätte, der mir ein Bett für Sie verschafft, wäre es unmöglich, Sie heute noch in richtige Pflege zu bringen. Da ist der Spitalzettel, der Krankenwagen muß jeden Augenblick kommen, Sie abzuholen. Seien Sie nur guten Muts, ich werde mich schon nach Ihrem Befinden erkundigen. Adieu!« Bald darauf knarrte es die Stiege herauf, die beiden Türflügel sprangen auf, und die Bediensteten der Rettungsgesellschaft traten mit der Bahre ein, um sie neben mein Bett zu stellen. Sie packten mich geschickt wie einen gebrechlichen Gegenstand und legten mich auf die Bahre, wickelten mich in einen braunen Kotzen und trugen mich stumm, wie sie bisher gewesen, über die Treppe hinab. Natürlich gab es unten schon eine Menge Neugieriger, die den interessanten Augenblick nicht erwarten konnten, wo man mich aus dem Haus heraus und in den Wagen hineintrug. Da tat der eine Sanitätsdiener zum erstenmal den Mund auf:

»Was kost' denn 's Gschau!?« Worauf ein Junge zur Antwort gab: »So vül als ma Augen ham!« Nun mußte ich lachen, was wiederum einem Neugierigen Anlaß bot, enttäuscht zu sagen: »Dem muaß nöt schlecht geh, der lacht ja!«

Als ich schon im Wagen lag, hörte ich eine blecherne Frauenstimme hinter mir: »Der hot vülleicht aus unglücklicher Liab a paar Strafhölzeln gschluckt!«

Nun klappte die Tür zu, und ich streckte mich behaglich auf der in Gurten schwebenden Tragbahre aus; fuhr ich nicht zum erstenmal in meinem Leben in einem »Gummiradler«? In dem angenehmen Dahinschaukeln vergaß ich beinahe meine elende Bresthaftigkeit, das bekümmerte Gesicht meiner Quartiersfrau schien mir wenig am Platz. Leider waren wir bald an Ort und Stelle. In einer halbdunkeln Halle wurde ich aus dem Wagen gehoben und neben eine Reihe von andern Bahren gestellt, aus denen vermummte und teils schmerzlich stöhnende Menschen blickten. Im Vordergrund hörte ich einen altern Mann die Personalien der angekommenen Kranken von den Spitalzetteln ablesen und Verfügungen über den Platz treffen, der ihnen im Spital gebührte. So hörte ich nun auch: »Alfons Petzold, Hämoptoe, Abteilung Primarius B. Saal 12 Bett 23.« Zwei weißbefrackte Spitaldiener hoben meine Bahre, trugen mich über viele Stiegen und Gänge und stellten mich vor einer hohen Flügeltür nieder. Während sich der eine schnaufend auf ein Fensterbrett setzte, verschwand der andere hinter der Tür, und ich hörte im Saal folgenden Dialog: »Habe die Ehre, Frau Fanerl, mir bringen Ihnan scho wieder an Schwaren!«

»Na i dank schön, dös is heut a schöner Tag! Kan Augenblick hat ma an Ruah! Da soll ma no an schen Gang habn und guat ausschaugn dabei! Was habts denn fürn an?«

»Mir scheint, a Bluathuaster is, ausschaugn tuat a wia a Gspenst!«

»No, i dank schen, da hab i scho gfressn, dö kumman eh nur zum Abkratzn her!«

»Hams as Bett scho gricht, Frau Fanny?«

»Was glaubens denn, i hab ja seit zwa Stunden kan Ruah ghabt, der fade Judenbinkel, der Dr. Stein, hat da zwa Stunden umagschnofelt. I muaß jetzt erscht mei Frühstück essen und 'n Roman in da Kronenzeitung lesen. Lassens ehrna Wurmtriecherl bißl draußn steh, und kummans daweil eina mit ehrnan Spezi!«

Darauf kam der Diener heraus und sagte sehr würdevoll: »Kumm eina, Karl, mir müassn der Frau Oberwärterin helfen 's Bett machen!«

Ich wurde zur Wand geschoben und allein gelassen. Nach einer guten Viertelstunde holten sie mich und trugen mich zuerst durch einen Verschlag und dann in den Saal, in dem mein Bett stand. Es war ein großer rechteckiger Saal, in dem die Kranken in parallelen Reihen lagen, beinahe alle Betten waren belegt. Eine Frau schlürfte uns auf dem braunen, mit Öl eingelassenen Bretterboden entgegen. Sie hatte ein sehr männliches Gesicht, war auch sonst robust und stämmig und trug einen ganz ansehnlichen Schnurrbart. Als sie mit den Dienern sprach, erkannte ich in ihr die Frau Oberwärterin, die vorher ein so aufmunterndes Gespräch mit den Dienern gepflogen hatte.

»Harns Ihna eigene Wäsch?« fragte sie mich.

Ich nickte.

»A jo, richti, des is ja wieda so ana, was net redn darf, wo unsa ana alls riachn muß. Sans nur net gar a so sekant, i kann net allaweil bei Ihnan steh! So jetzt lassens Ehrna ausziagn! A so, Sö ham eh nur a Paar Sockn und d' Untahosn an; na desto bessa!«

Mit festen Griffen richtete sie mich in dem Bett zurecht, in das mich die Diener gehoben hatten. O wie sehr vermißte ich unter den Händen und teilnahmslosen Blicken der Wärterin meine gute Herbergsmutter, die schon unten in der Halle von mir Abschied genommen hatte!

»I wir Ihnan an Eisbeutel gebn, und dann sans ruhig, bis d' zweite Visit kummt! Tans Ehrna nöt z'vül bewegn, daß ka Bluat kummt, a so a Schweinerei könnan ma do net brauchn!« Mit diesen Worten entfernte sie sich, und ich konnte, als ich etwas zu Atem gekommen war, meine Umgebung ein wenig mustern. Sehr erfreulich und tröstlich war das, was ich sah, nicht! Nur die Breite eines Nachtkästchens trennte ein Bett vom andern, es mußten deren über dreißig in dem Saal sein, der fünf gewöhnliche Wohnungsfenster hatte. In der Mitte des Saals stand ein mächtiger Tisch, auf dem vielerlei Flaschen und Krankenbehelfe standen.

Einige der Kranken waren aufgestanden und saßen in ihren blaugestreiften Kitteln müde auf ihren Betten. Andere stöhnten schmerzvoll auf ihrem Lager, wieder andere lagen bleich und still da, als wären sie schon gestorben, richteten nur hier und da ihren Oberkörper ein wenig in die Höhe, um zu husten oder etwas vom Nachttisch zu nehmen. Nur wenige lasen eine Zeitung oder unterhielten sich mit einem Nachbarn. In einem Bett am Ende des Saals lag ein Mann im Sterben. Er kämpfte bitter, stemmte den Rest seiner Kraft gegen den Unbezwingbaren. Sein letzter Atem preßte sich kreischend aus dem Mund, während sich die Hände in die Decke krallten. Das hagere Antlitz lag auf dem weißen Polster wie eine halb ausgelöschte Zeichnung. Die ohnmächtige Hand einer in sich hinein weinenden Frau zitterte darüber hin und streichelte es zärtlich.

Die übrigen Kranken schienen sich gar nicht um den Gestorbenen zu kümmern; war hier der Tod ein so alltägliches Ereignis, daß es kein grausiges Staunen, keine andächtige Furcht mehr erweckte?

Eine jüngere, etwas freundlichere Wärterin trippelte auf mich zu. Sie hatte ein naseweises Tschechengesicht, war von rundlicher Beweglichkeit und rief im Vorbeigehen beinahe jedem Patienten ein paar lustige, aufmunternde Worte zu; mir brachte sie einen Eisbeutel und die Nachricht, daß Doktor Stein gleich kommen wolle, um mich zu untersuchen. Bald darauf kam dieser, ein kaum dreißigjähriger Mann mit feinem, geistreichem Judengesicht; aus dem weißen Kittel sahen schmale, zarte Hände – alles an ihm atmete Güte und Verständnis aus.

Er fragte, von Bett zu Bett schreitend, nach dem Befinden, den Wünschen des Kranken, und man hatte das Gefühl, daß er dies aus ehrlichem Interesse tat.

Es erwuchs in mir großes Vertrauen zu dem Arzt, von dem mein Nachbar leise sagte: »Der muaß nöt essn, nöt schlafn, in ka Kaffeehaus geh und ka Madl ham, weil er allaweil bei uns is!«

Daher stammte wohl auch die Antipathie der Oberwärterin gegen diesen Arzt, vor dessen »Schnofflereien« man nie sicher war.

Als Dr. Stein bei mir angekommen war, drückte er mir beruhigend die Hand und las aufmerksam den mich betreffenden Spitalzettel. Dann bat er mich, auf ein Stück Papier zu schreiben, was ich bisher für ein Leben in bezug auf Arbeit, Nahrung und Erholung geführt hätte. Nachdem ich dies getan, untersuchte er mich, was er mit ungewohnter Zartheit tat. Als er damit zu Ende war, nahm er wieder meine Hand und sagte leise: »Lieber Freund, ich will Sie nicht im unklaren lassen; Sie haben eine nicht sehr leichte Infiltration beider Lungenflügel. Aber Ihre eigentliche Krankheit heißt: Wien! Wien mit seinem Staub, seinem Granitpflaster ist schuld an Ihrer Tuberkulose. Wenn Sie wieder so weit gesund sind, daß Sie eine Stellung annehmen können, dann gehen Sie aufs Land hinaus, bleiben Sie nicht in dieser Stadt. Und dann: gut essen sollten sie immer! Vorläufig nehmen Sie fleißig Eisbeutel und Eis in Milch. Adieu, adieu!«

Ich lag unbeweglich in meinem Bett – jeder Muskel war bleischwer in Verzweiflung über das eben Gehörte. Monatelang krank sein, monatelang, und was dann?

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