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Das rauhe Leben

Alfons Petzold: Das rauhe Leben - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeautobiography
authorAlfons Petzold
titleDas rauhe Leben
publisherAufbau-Verlag
printrun1. Auflage
year1985
firstpub1920
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel

»Wiener Kunst«

Wenn Sie sofort hinlaufen, ist es möglich, daß Sie aufgenommen werden, denn es fängt ja dort jetzt die Saison an. Und vergessen Sie nicht zu sagen, daß Sie von uns empfohlen werden!«

Eine Dame des Armenhilfsvereins sagte dies zu mir, als ich sie um Arbeit und ein paar Anweisungen auf eine Suppe oder Brot gebeten hatte. Mit Känguruhsprüngen machte ich mich auf den Weg. Wenn ich Glück hatte und meine Anfrage mit der Empfehlung als erster anbringen konnte, gelang es mir vielleicht, in der Terrakottafabrik Wiener Kunst als Hilfsarbeiter unterzukommen. Die Sonne brannte auf die Straßen und Plätze, daß ich durch ein Feuermeer zu rennen glaubte. Innerlich überbrühte mich die Ungewißheit und die auf und ab schwankende Hoffnung, der Zweifel lag schmerzend auf meinem Gehirn: Wirst du nicht wieder zu spät kommen? Werden deine Zeugnisse genügen? Du hast ja nicht die geringsten Vorkenntnisse!

So stand ich nach einer Viertelstunde Dauerlauf, von Schweiß triefend und atemlos, vor dem großen Fabriktor, über dem ein mächtiges Firmenschild aus Glas und das Hoflieferantenzeichen, ein vergoldeter Doppeladler, auf mich herableuchteten. In den nächsten fünf Minuten würde hinter diesem Tor mein Schicksal verkündet werden, wenn es mir nur gelang, überhaupt hineinzukommen und meine Bitte um Arbeit vorzubringen.

Der Torwart war gnädig. Er erwiderte freundlich meinen untertänigen Gruß, zeigte mir bereitwilligst den Aufgang zu dem Geschäftszimmer des Fabrikbesitzers, ja er brummte mir sogar ein gemütliches »Vül Glück und a schens Wetter!« nach.

Auf der breiten Stiege, dem langen Gang und in dem Vorzimmer, in dem ich zaghaft stehen blieb, lag ein feiner Gipsstaub auf allen Dingen und reizte mich beinahe zum Husten.

Irgendwo pochte ein Dampfmotor, schütterte durch Mauer und Gebälk und ließ den Staub in dünnen Wölkchen aufsteigen. Mit aller Macht unterdrückte ich den unangenehmen Hustenreiz, der mir, wenn ich nachgab, bei der Vorstellung schaden konnte.

Hinter der Tür, die ein schönes Glasschild mit der Inschrift »Zentralkontor« trug, klapperte eifrigst eine Schreibmaschine. Ich fürchtete zu stören und getraute mich nicht anzuklopfen.

Unschlüssig, was ich tun sollte, und ungeduldig hin und her trippelnd, wiederholte ich die Anfrage und Bitte um Arbeit leise vor mich hin, als die Tür plötzlich aufgestoßen wurde und ein Jüngling, wohl ein Praktikant, herausschoß. Er hätte mich wahrscheinlich über den Haufen geworfen, wäre nicht auch sein Körper gar so heuschreckenhaft dünn gewesen; so zerstieß sich seine Übereile an meinem Erschrecken, und er stammelte die verwirrte Frage heraus: »Wa-was wünschen Sie, mi-mimit was kann ich dienen?« Und ebenso verdattert wie das Filigranmännchen stotterte ich armselige Bruchstücke meiner sorgfältig erwogenen und für den Chef bestimmten Bitte hervor:

»Bitt schön, junger Herr, ich hab ghört, daß die verehrte Firma Hilfsarbeiter braucht, und da komm ich ergebenst anfragen, ob ich könnt als Hilfsarbeiter eintreten, hab Jahreszeugnis von aner Bandfabrik ...«

Eine Kommandostimme, die aus dem offenen Schreibzimmer ertönte, ließ mich verstummen, während der Jüngling einen Sprung zurück machte und drinnen meckerte; »Herr Chef, ein Mann is da, der um Arbeit anfragt!«

»Lassen Sie ihn eintreten und machen Sie die Tür gleich wieder zu, es zieht ja fürchterlich!« hörte ich die Stimme befehlen.

Der Praktikant erschien wieder und bedeutete mir, jetzt sehr würdevoll und gelassen, einzutreten. Ich trat ein paar Schritte ein, machte die Tür zu und gab in drei Verbeugungen und einem hingezitterten »Erlaube mir, einen guten Tag zu wünschen!« vorerst meine tiefe Ergebenheit kund.

»Treten Sie näher! Sie wollen als Hilfsarbeiter bei uns eintreten? Haben Sie Ihr Arbeitsbuch bei sich?«

Ich gehorchte eilends und überreichte meinen Pappendeckel mit einer neuerlichen tiefen Verbeugung, indem ich schüchtern aufblickte. Ich stand vor einem großen, breitschultrigen Mann, der wie ein Maler aus den Witzblättern aussah und auch so gekleidet war. Er hatte einen mächtigen, zurückgekämmten Haarschopf, eine gewaltige Hakennase, die seltsam fremd zwischen den roten Pausbacken hervorragte, und einen Napoleonsbart, an dem er fortwährend herumzupfte. Eine schwarze Samtweste und ein ebensolcher Rock bedeckten seinen Oberkörper, dessen Sockel ein stattliches Bäuchlein war. Die hellblaue Künstlerschleife flaggte wie eine Fahne auf seiner Brust.

Der Chef nahm weiter keine Notiz von mir und beschäftigte sich nur eingehendst mit der genauen Durchsicht meines Arbeitsbuches.

O weh, dachte ich mir, das ist einer von den Arbeitgebern, die von einem Hilfsarbeiter, den sie für einige Monate Saisonarbeit aufnehmen, mindestens dreijährige Zeugnisse und alle möglichen Fähigkeiten verlangen!

Richtig donnerte es auch gleich darauf durch das Zimmer, daß Fenster und Schreibmaschine klirrten:

»Na, Lieber, viele Talente und Ausdauer besitzen Sie wohl nicht! Sie haben ja nur zwei Jahreszeugnisse und waren noch nie in einem ähnlichen Etablissement, wie es das unsere ist, angestellt! Ich weiß wirklich nicht, ob Ihnen der Ernst und das Verständnis für die bei uns zu leistende Arbeit zuzutrauen ist. Hm, hm –«

Zweifelnd schüttelte er das Riesenhaupt.

Da murmelte ich in meiner Verzweiflung alle möglichen und unmöglichen Versicherungen meiner Treue, Ergebenheit, meines Fleißes, meiner bewunderungswürdigen Anpassungsfähigkeit herunter, wurde ein wahrer Dichter in der Aufzählung meiner bisher geleisteten Taten als Arbeiter und schloß mit dem Hinweis auf die Empfehlung der Dame, die mich hergeschickt hatte. Die Miene des Herrn wurde darauf etwas freundlicher, und er sagte gönnerhaft: »Nun, ich will es mit Ihnen versuchen. Zeigen Sie sich der Fürsprache der gnädigen Frau, die Sie hersandte, würdig und seien Sie dessen eingedenk, daß Sie in ein Haus als Arbeiter eintreten dürfen, das Weltruf besitzt! Ich gebe Sie in die Schleiferabteilung. Als Anfangsgehalt bekommen Sie zwanzig Heller die Stunde. Wir haben achtstündige Arbeitszeit und vollständige Feiertagsruhe!«

Das letztere sang er wie ein Heldentenor. Da die Fenster offen waren, konnte es auf der Straße gehört werden. Offenbar war er auf seinen Achtstundentag in der Fabrik sehr stolz.

Meine Freude, die Stelle erhalten zu haben, wurde etwas beeinträchtigt durch die Tatsache, daß ich nur zwanzig Heller für die Stunde erhalten sollte. Eine Krone sechzig Heller bei acht Stunden Arbeit! Aber es war doch besser als nichts, und vielleicht war es möglich, durch besonderen Fleiß bald eine Zulage zu erhalten.

So dankte ich in bewegten Worten für die Güte, die mir bewiesen wurde, und versprach nochmals das Blaue vom Himmel herunter.

Der Chef nickte gnädig und drückte auf den Knopf seines Läutewerks. Sogleich erschien ein Mädchen, eine angehende Magazineurin, die den Befehl bekam, mich in die Abteilung des Herrn Kwapil zu führen. Die Fabrik mußte wohl bedeutend größer sein, als es von der Straße den Anschein hatte. Denn durch lange Gänge, an vielen Türen vorbei, hinter denen Werkgeräusche zu hören waren, eine Treppe hinauf und wieder eine hinunter und dann nochmals einen Korridor entlang mußte ich meiner Führerin folgen. Und überall, wo ich vorbei kam, klebte der fettschimmernde Gipsstaub und kitzelte einem die Kehle wund. Das vor mir hinhuschende, flachbrüstige Mädchen hüstelte auch in einem fort, und so genierte ich mich nicht und krächzte mit einer wahren Wollust in die staubgesättigte Luft hinein.

Wir machten vor einer Tür halt, die mit der Bezeichnung »Abteilung IX, Schleiferei« versehen war. Die schmächtige Kleine neben mir hustete noch einmal in die hohle Hand hinein.

»Huastens Ihnan aus, der Herr Kwapil hat's net gern, wan ma huast!« sagte sie dann zu mir und klinkte, als ich ihrer Aufforderung nachgekommen war, die Tür auf, die in einen großen Saal führte.

Dieser war im Rechteck gebaut, hatte frontseitig zehn Fenster, unter denen die Stille einer alten Währingerstraße dahinfloß. Vor jedem Fenster stand ein Holzblock und auf diesem irgendeine rohe Gipsfigur, die von einem Arbeiter mit Glaspapier geschliffen wurde. Trotz der offenen Fenster standen die Arbeiter in Wolken von Staub.

Vor dem ersten Holzblock, auf dem ein reizendes Tänzerinnenfigürchen, noch in der halbrohen Nacktheit seines Werdens, thronte, hockte auf einer Art hohem Schusterbock ein breitschultriger Mann mit tief eingesunkener Brust und ohne Hals. Der Kopf schien gleich aus dem Rumpf zu kommen, und ich mußte bei seinem Anblick an die Nußknackerfiguren aus Holz denken, bei denen man auch meist den Hals vergessen hatte. Auch sonst hatte der Mann viel Ähnlichkeit mit diesen Männlein. Der Schnurrbart war wohl einen viertel Meter lang und bestand aus Borsten, die wie Spagatschnüre das Gesicht in zwei Hälften teilten. Der Mund stand immer offen, als erwarte er den Einwurf einer Münze. In die mächtige Stirn hingen einige Strähnen graublonder Haare, über den kleinen, verschwollenen Augen standen gelbbraune Schutzgläser.

Meine Führerin hatte mich ihm mit ein paar gemurmelten Worten als neuen Hilfsarbeiter vorgestellt und war gleich wieder davongeeilt. Nun stand ich vielleicht schon fünf Minuten vor ihm, ohne daß er aufgeblickt oder ein Wort gesagt hätte! Überhaupt herrschte in dem Raum eine unheimliche Ruhe. Nur das Kratzen und Scharren der Arbeit war zu vernehmen; waren denn die Leute stumm oder das Sprechen verboten? Endlich ließ sich ganz hinten im Saal eine helle Stimme vernehmen:

»Bitt schön, Herr Kwapil, der Neuche könnt vielleicht glei dö Kaminfigur zum Grobschleifen anfangen; dö sollt murgen scho gliefert wem, hat der Herr Melichar gsagt!«

Da hob der alte Nußknacker das Haupt, zwei kleine, entzündete Äuglein huschten wie graue Spinnen auf mich zu und blieben auf meinem Gesicht stehen.

Aus einer großen Zahnlücke knurrte es hervor: »Se san der neiche Arbeiter, den mer der Alte aufn Buckl gschickt hat. Viel Rechts wern Se nich kennen, hat er mer runtertelephoniert. Aba wanns an uffenen Nischl ham, su wern Se das Zeig schon kapiern. Fangens holt glei an; de Frau Bischof dohintn sull Ihnen zeign, was Se zu tun ham. Adje.«

Ich begab mich in die Richtung, aus der früher die Aufforderung zur Hilfe gekommen war, und traf dort auf eine Frau von vielleicht fünfzig Jahren. Sie hatte ein volles, rotes Gesicht mit braunen, lustigen Augen und trug trotz der heißen Jahreszeit und der Schwüle im Saal ein dickes Umhängetuch und Pulswärmer. Mit faulen Bewegungen schabte sie an einem Zwerg herum, der auf einer Uhr saß und eine Lampe in der einen Hand hielt. Mit einem freundlichen Nicken sagte sie, ohne von der Arbeit aufzuhören: »Der Bock da neben mir ghört Ihna, und durt in Winkel der große Ritter is zum Aschleifen. Schmirgelpapier und d' Hölzer san in Ihnan Schubladel!«

Ich stellte nun die vielleicht einen Meter große Ritterstatue, die gerade vom Guß gekommen schien, auf den Bock – damit war aber meine ganze Weisheit erschöpft. Was sollte ich nun mit dem hochmütig auf mich herabblickenden Rittersmann und dem Schmirgelpapier anfangen? Ich räumte unschlüssig noch den Gipskitt und die verschiedenartigsten Modellierhölzer aus meiner Schublade und stand dann betrübt davor. Frau Bischof aber erhob sich ächzend, watschelte auf mich zu und meinte gutmütig-vorwurfsvoll: Ja ja, i siech scho, Sö habn ka Idee von dera Arbeit, do wer i Ihnan müassen d' Sachn a bisserl explizieren. Also passns auf: Segns, so kummt d' Figur aus da Brennerei. Jetzt müssns z'allererst d' Wimmerl, was durtn dawischt hat, aschleifn. Nocha schauns, ob ihr nirgends a Stückerl fehlt. Segns, wia da beim Uhrwaschl. Da nehmens a bisserl an Kitt und modellierns das, was fehlt, dazua. Segns so. D' Löcher muaß ma a verschmiern. Aber 's Aschleifn is d' Hauptsach. A jede Figur muaß nachn Schleifn so fei zum Angreifn sein wir a Kinderpopoderl. Alsdann probierns amol, Herr ... wia haßns denn eigentlich! So, Petzold! Leicht zan mirken. Sans vielleicht gar mit den Selchermaster in der Ottakringerstraßn vawandt? A na, richti, der haßt ja Patzelt. Ja ja.« Damit setzte sie sich wieder umständlich nieder und überließ es mir, die schwierige Aufgabe zu lösen.

So fing ich mit dem sorgfältigen Abschleifen der Figur an, was gar nicht so einfach war, denn sie bestand ja nicht aus weichem Gips, sondern aus gebrannter Tonerde, wie mir meine Lehrerin erklärte. Sie rief mir von ihrem Sitz aus auch öfters aufmunternde Worte zu und entschuldigte auch gleich selbst einen ungeschickten Handgriff, den ich tat. Wohl an die zwei Stunden schabte, kratzte, wischte, rieb und feilte ich wie wahnsinnig mit Sand- und Glaspapier an dem geduldigen Ritter herum. Kaum daß ich einmal aufblickte, um meine nähere Umgebung ein wenig zu mustern. Was ich so in der Eile erfassen konnte, waren außer dem komisch-dürftigen Werkmeister und meiner Gönnerin noch sechs Arbeiter, von denen fünf in meinem Alter sein mochten oder eher noch jünger waren, während der sechste ein uraltes Männlein vorstellte, dessen zausiger Kaiserbart wohl ein Viertel des verschrumpelten Körpers deckte. Sie standen oder hockten auf einem hohen »Schusterbankerl« und leisteten den Büsten und Figuren aus Ton oder Gips den gleichen Liebesdienst wie ich meinem Ritter. Wir drehten alle dem Fenster den Rücken, standen ihnen aber doch so nahe, daß wir beinahe jedes Geräusch der Straße deutlich hören konnten und der heiße Druck der Sommerluft immer im Nacken zu verspüren war.

Ich hatte mir gleich zu Beginn der Arbeit den Rock ausgezogen. Nun folgte ihm auch die Weste mit dem waschbaren Gummikragen und der zerschlissenen Krawatte. Die Fenster hatten Südseite, und die Sonne fand unbehindert Einlaß in unsern Raum, da die gegenüberliegenden Häuser niedriger waren als die Fabrik. Man durfte ihr ihn auch nicht verwehren, da wir zu unserer Arbeit volles Tageslicht brauchten. Bald war kein Faden an mir trocken, und mir wurde es in diesem Dampfbad fast unheimlich zumut. Ganz unverständlich war es mir, daß Frau Bischof trotz ihrer dichten Umhüllungen und der Schwüle so trocken und kühl weiterarbeitete – wenn ich sie ansah, wurde mir noch heißer, und ich vermeinte bersten zu müssen. Und dabei diese hobelnden Bewegungen der rechten Hand und die grelle Sonne, die einem das Auge blendete und die Gegenstände, die man bearbeiten sollte, zerriß! Die Luft war geschwängert von den Millionen von Gips- und Tonstäubchen, die sich in die Nase, die Augen und den Mund der Arbeitenden setzten. Ununterbrochen ging ein Schnäuzen, Räuspern und Husten in der Reihe herum.

Als ich die Figur abgeschliffen hatte, zeigte ich das Ergebnis meiner Lehrmeisterin. Die sagte nach genauer Untersuchung gönnerhaft und zufrieden: »Na segns, ganz guat is ganga, nix is gschegn. Jetzt schauns halt no, ob dem Klachl irgendwo was föhlt. Segns, da an der Nasn und do auf seiner Lanzn san Stückl außabrochn, do müaßts no dazumodellieren. Und do san a Massa Gußlöcha, dö wern an no verschmiert.« Ich tat, wie mir geheißen, und muß sagen, daß mir diese Verschönerungsarbeit Spaß machte. Auch konnte ich dabei ein wenig ausruhn, da es möglich war, sitzend zu arbeiten. Dennoch sehnte ich sehr die Mittagspause heran, Das Allzuviel an Licht und Wärme hatte mir Kopfschmerzen gebracht. So machte ich einen innerlichen Luftsprung, als das Nebelhorn den Beginn der einstündigen Mittagspause anzeigte. Frau Bischof gab mir ein Tuch zur Bedeckung meines Ritters, dann band ich meinen eleganten Gummikragen und die Krawatte um, schlüpfte in Rock und Weste und war im Nu draußen. Im Vorbeigehn steckte mir der Portier eine Kontrollmarke zu und rief mir nach: »Pünktli sein, Achtasiebzger; sunsten wird a Stund azogn!« Ich steckte meine Nummer Achtundsiebzig in das leere Geldtäschchen und rannte wie besessen von Währing nach Ottakring. Dort wohnte ich in der Küche einer Witwe, die mir um fünfzig Heller ein reichliches Mittagessen gab; zumeist gab's Suppe, ein großes Stück Pferdefleisch und viel Gemüse. Verhetzt, aber voll Freude, der Quartierfrau von dem Glück meiner Anstellung erzählen zu können, nahm ich im Hause gleich drei Stufen auf einmal und platzte mit meiner Neuigkeit durch die Tür der dritten Stockwerkwohnung. Frau Nemetz saß schon mit ihren zwei Töchtern an dem langen Küchentisch, und sie ließen sich die ersten Marillenknödel gut schmecken. Hastig erzählte ich mein Erlebnis, denn viel Zeit hatte ich ja nicht übrig. Schnell hieß es das Mittagessen hinunterstopfen, wollte ich um ein Uhr wieder in der Fabrik sein.

Das versorgte und verhärtete Gesicht meiner Kost- und Quartierfrau erhielt durch meine Mitteilung einen milderen Ausdruck, und recht aus der Seele kam ihr: »Gott sei Dank!« Nun hatte sie ja Aussicht, daß ich meine Bettmiete und das tägliche Kostgeld bezahlen würde. Zwei Wochen war ich nun schon in ihrer Schuld, und sie war so sehr auf die paar Kronen angewiesen! Die zwei Töchter verdienten kaum so viel, wie sie selbst brauchten, der geringe Verdienst, den sie als Heimarbeiterin am Samstag in die Hände bekam – sie nähte Militärwäsche –, reichte gerade für den Zins und die allernotwendigsten Bedürfnisse. Dazu war ihr jüngstes Kind und einziger Sohn, ein elfjähriger, hübscher und gescheiter Bub, seit einigen Jahren an beiden Füßen gelähmt. Die Mutter mußte ihn jeden Tag in das nahe Spital bringen, wo er elektrisiert wurde.

So rauchte ich noch eiligst einen »Tschick«, deren ich eine Handvoll von einem Nachbarn bekommen hatte, und flog dann eiligst wieder bei der Tür hinaus und die Treppe hinunter.

Zwar wie ein dürstender Hund mit der Zunge jappend, aber noch fünf Minuten vor Arbeitsbeginn kam ich in der Fabrik an, hing befriedigt meine Marke an den Nagel, der dazu bestimmt war, fragte und suchte mich in dem Irrsal der Stiegen und Gänge zur Tür meiner Werkstätte hin und begann dort gleich wieder an meiner Figur zu arbeiten. Diese, nur aus Gips, war leichter zu bearbeiten, weil das Material weicher war. Dafür aber rauchte der grellweiße Körper beim Abschleifen ganze Wolken feinsten Staubes aus, so daß ich bald wie ein Müllerknecht aussah. Der Staub drang durch die Kleidung, verband sich mit dem Schweiße, bildete ein breiiges Gesprengel und überzog mich mit einem unangenehmen Jucken; bei dieser Plage, der ich nun am Nachmittag anheimgefallen, war es nur zu gut, daß die Sonne sich gedreht hatte und uns nicht mehr mit ihrer großen Liebe überschütten konnte. Wie wohltuend war das schmale Schattenband, und mit welcher Freude bemerkte ich sein stetes Breiterwerden, je mehr der Abend heranrückte. Als ich die Gipsstatue, eine nackte Krugträgerin, zur Hälfte abgeschliffen hatte, watschelte Herr Kwapil auf mich zu. Er hatte schrecklich krumme Beine, war aber trotzdem nicht klein, ja überragte mich sogar beinahe um eine halbe Kopflänge. Mit kurzsichtigem Augenzwinkern fuhr er mit dem Kopf von allen Seiten über die Figur hin, als röche er daran. Dann schnurrte er irgend etwas und schlürfte zu einem anderen Arbeiter hin. Gern hätte ich gewußt, ob meine Leistung sein Miß- oder Wohlgefallen erregt hatte.

Obwohl ich um fünf Uhr, beim sonstigen Arbeitsschluß, sehr müde und wieder mit Kopfschmerzen belastet war, hörte ich es ganz gern, daß Überstunden gemacht werden mußten. Mit neidischem Blick hungerte ich mich an dem Jausenbrot der andern Arbeiter vorbei, trank dafür einige Gläser voll Wasser, was mir ein entferntes Gefühl des Sattseins gab. Der kleine dickbäuchige, Zeiger auf der riesigen Runduhr kroch in den Überstunden dreimal so langsam auf die teilnahmslosen Ziffern zu als vorher. Er schien sich gar nicht mehr bewegen zu wollen, und es dauerte eine Ewigkeit, bis er auf der behäbigen Sieben stand. Dabei wurde ich fortwährend von einem quälenden Husten befallen, meine Kehle war wie ein Reibeisen geworden, auf dessen Rauheit sich jeder Atemzug zu einem Husten zerrieb. Frau Bischof riet mir: »Tschecherns's net so viel Wasser, dös ratzt d' Lungen! Bindens Ihnan a Halstüchl übern Mund und d' Nasn, daß der Staub net so eina kann!« und fügte tröstend hinzu: »In ana Wochn spürns des net mehr so gach, da sans d' Husterei scho gwöhnt!«

Nicht sehr entzückt von dieser Aussicht, den Husten als ein notwendiges Übel für die ganze Zeit meines Hierbleibens mit in Kauf nehmen zu müssen, ließ ich weiter unter meinem Glaspapier Staubwolke um Staubwolke aufsteigen. Wie ein Irrsinniger arbeitete ich die Zeit tot. So sah ich kaum, daß ein mir unbekannter Mann die Werkstätte betreten hatte. Erst der warnende Zuruf der Frau Bischof: »Aufgeschaut, jetzt kummt da Macher!« ließ mich die neue Erscheinung erblicken. Es war ein unerhört magerer und langer Mensch, in Kniehosen und Wadenstrümpfen, von denen ein schwarzer Rock mit langen Schößen seltsam abstand. Das Gesicht war zitronengelb und ganz flach, als läge es nachtsüber zwischen den Seiten eines dicken Buches. Unter der zu großen Sportmütze lugte spärliches Haar, das an Kokosnußfasern erinnerte, hervor. Er blieb bei jedem Arbeiter stehen und beschaute mit starren, wimperlosen Augen dessen Arbeit. So kam er auch zu mir.

»Sie sind Hilfsarbeiter?« fragte er mich mit nasser Stimme. »Wann haben Sie die Arbeit begonnen? ... So, um neun Uhr, und da haben Sie bis jetzt noch nicht einmal die zweite Figur fertig? Wenn Sie nicht fleißiger sind, können wir Sie nicht brauchen!«

»Und Sie, Frau Bischof«, er schwenkte seinen Oberkörper über diese, »sollen dem, was vor Ihren Augen gemacht wird, mehr Aufmerksamkeit schenken!«

Ohne mein entschuldigendes Stottern und die halbe Entrüstung der Vorarbeiterin zu beachten, geisterte er ohne Gruß zur Tür hinaus. Der junge Arbeiter neben mir beehrte ihn verstohlen mit einer langen Nase, Frau Bischof aber brummte etwas von »ewiger Sekkatur« und »wandernder Leich« und erklärte mir dann, daß dies der Prokurist Melichar gewesen sei, der jeden Tag »an Grillen und a Speckseitn von aner Fliagn ißt; drum is a so spindeldürr und vagunnt kan Menschen an Minuten zum Ausschnaufen!«

Die Angst vor dem neuerlichen Stellungsloswerden, die der Tadel des Vorgesetzten hervorgerufen hatte, ließ mich meine Kräfte bis aufs äußerste anspannen; vielleicht gelang es mir, die angefangene Arbeit bis Tagesschluß zu beendigen. Als die Glocke ertönte, konnte ich meine Figur auch wirklich Frau Bischof übergeben. Für den Heimweg am Abend brauchte ich aber doppelt so lange wie am Mittag, mir war, als fülle der ganze Staub der Werkstatt die Höhlungen und Knochenröhren meines Körpers.

Wie wohl tat mir die sanfte Abendluft, die – von nahen Wäldern und Gärten ausgeatmet – durch die Großstadtgassen strömte. Ich ging wie durch ein reinigendes, kräftigendes Kräuterbad. Daheim schüttete ich einen halben Eimer Wasser über meinen verfilzten Haarschopf und die verklebten Poren. Mit brennenden Augen und stechenden Schläfen aß ich in halbem Fieber die Überbleibsel des Gemüses vom Mittagessen auf und dehnte mich dann sofort ins Bett hinein. Ein heißer, schmerzlicher Schlaf deckte mich zu, und ich träumte, ich sei in einem sibirischen Kalkbergwerk lebenslänglich gefangen und sähe jahrein, jahraus nichts als die gelbweißen, leichenhaft glänzenden Wände der Brüche und die kreidig verstaubte, tote Landschaft.

Schon sieben Wochen fraß ich den Staub dieser Arbeit, rannte ich jeden Tag zu Mittag in gehetztem Lauf zu meiner Mahlzeit und zurück in die Fabrik, erhielt ich an einem Samstag so viel Lohn auf die Hand gezahlt, daß ich nicht wußte, wie die einzelne Krone umdrehn und dehnen, um damit auszukommen. Wenn ich auch jeden Tag mit Ausnahme des letzten Wochentages drei Überstunden aufschreiben konnte, mehr als zwölf bis dreizehn Kronen hatte ich nie in dem Papiersäckchen, in dem jeder Arbeiter seinen Lohn ausgehändigt bekam! Von diesem Verdienst hatte ich Herrn Kwapil eine Krone zwölf Heller für Krankenkasse und Unfallversicherung zu geben, da die Firma dazu keinen Kreuzer beisteuerte. So blieben mir zumeist nur elf Kronen, mit denen ich meinen Mietzins, die mittagliche Verköstigung, das Frühstück und Nachtessen bestreiten sollte, von den übrigen einfachsten Bedürfnissen eines zur Anspruchslosigkeit erzogenen Menschen ganz zu schweigen. Dabei geschah es noch, daß ich eines Tages von Herrn Melichar wegen meines angeschmutzten Kragens gestellt wurde und eine arge Rüge hinunterschlucken mußte:

»Sie sind in einem Kunstinstitut und nicht in einer Leimfabrik, wir können nur sauber gekleidete Menschen in unserer Fabrik beschäftigen«, meinte er.

Seine Macht und meine Not hießen mich schweigen. So gut es ging, wusch ich mir am Sonntag vormittag selbst die Kragen aus, die mir dann eine der Töchter meiner Mietfrau bügelte; zu dieser Kunst erwies ich mich trotz aller Mühe zu ungeschickt. Die übrige Wäsche reinigte mir für wenige Heller die Frau eines ehemaligen Kameraden. Dieser hatte als Eisenbahnarbeiter einen Fuß verloren, so daß seine Frau gezwungen war, durch Waschen die Familie zu erhalten. Wenn ich auf den allzu geringen Betrag, den sie verlangte, beschämt einige Heller draufzahlen wollte, wurde sie beinahe böse und sagte, ich sei mit meinem gebrechlichen Körper ja geradeso ein armer Teufel wie ihr Mann; sie wisse von meiner Quartierfrau, wie elend meine Entlohnung sei, und es tue ihr nur leid, daß sie meine paar Fetzerln nicht umsonst waschen könne.

Als ich eingearbeitet war, wurden mir als zuletzt eingetretenem Arbeiter die größten und am meisten staubenden Stücke zugewiesen, die ich auf Gebot Herrn Melichars zur gleichen Zeit abliefern sollte, wie meine Kollegen die kleineren. Gelang mir dies beim besten Willen nicht, so erschien wie ein Gespenst der Prokurist und gab mir zu verstehen, daß ich ohne Kündigung zu jeder Stunde entlassen werden konnte. So trug ich zur Last der schweren, ungesunden und schlecht entlohnten Arbeit auch stets die Furcht mit mir herum, Knall und Fall wieder auf der Straße zu sitzen, was jetzt im Hochsommer, wo alle anderen Fabriken und Werkstätten Arbeiter entließen, statt aufzunehmen, eine Katastrophe werden konnte.

So schwieg ich alle Erbitterung in mich hinein und wagte nie die schüchternste Erwiderung. Hätte ich die Erbärmlichkeit dieses Menschen wie den Staub ausspucken können! Aber so zerfraß sie mir die Seele und verklebte mir das Herz für manche Freude.

Was übrigens den Staub betrifft, so hatte ich an manchen Tagen so viel einzuatmen, daß ich des Abends oft kaum etwas essen konnte, so nahm er mir die Eßlust, füllte Lunge, Magen und Kehle mit seiner zähen Masse; nachts litt ich infolgedessen an Magenschmerzen, Atembeschwerden und Husten. Nur an Regentagen war es besser. Dann war der Gipsabfall feucht und zerstäubte sich nicht in die winzigen Öffnungen der Kleider und Poren der Haut hinein. Dafür verschmierte er sich dann auf den regennassen Hosen und Westen, machte diese schmutzig und steif wie ein Brett. Gegen die Bürsten war er unempfindlich, und ich sah mit Trauer dieses sein Zerstörungswerk an meinen wenigen Kleidungsstücken fortschreiten, ohne helfen zu können. Eine Zeugbluse, ja, das wäre die richtige Kleidung für diese Arbeit gewesen. Aber erst hieß es für die durchgelaufenen Stiefel, die auch an den Seiten mehrere Luftlöcher aufwiesen, Ersatz schaffen, was mir ohnehin nicht wenig Kopfzerbrechen verursachte. Nicht lange dauerte es, und ich war der ärmlichst Gekleidete in der Werkstätte, wo ich mich immer hinter meine Arbeit duckte, wenn Herr Melichar erschien. Die anderen Arbeiter steckten während der Arbeit in grauen oder schwarzen Zeugkitteln, die sie vor dem Heimgehen ablegten, wechselten wohl auch ihre Schuhe und waren überhaupt besser gekleidet als ich. Da sie bis auf einen jungen Burschen gelernte Porzellanarbeiter und in der Gewerkschaft gut organisiert waren, verdienten sie das Drei- bis Vierfache als ich. Selbst dem anderen Hilfsarbeiter erging es besser als mir, da er bei seinen Eltern, Kutscher- und Hausmeisterleuten, wohnte. Abgesehn von Frau Bischof, die ja meine unmittelbare Vorgesetzte war, hatte ich bis jetzt nur mit einem Arbeiter nähere Bekanntschaft geschlossen. Er war vielleicht um fünf Jahre älter als ich, klein und mager von Gestalt, die nach oben hin ein runder Blondschädel abschloß. Das gelbweiße Gesicht war von Pockennarben übersät, ein dünner, rötlicher Christusbart bedeckte Kinn und Backen. Der Mund stand immer etwas offen, was dem Gesicht im Verein mit den großen, wasserblauen Augen den Ausdruck frohen Erstaunens gab. Ich hatte ihn in der Werkstatt, wo er den dritten Fensterplatz von mir aus einnahm, nie sprechen gehört und war nur dadurch auf ihn aufmerksam geworden, daß er in jeder freien Minute, unbekümmert um alles um ihn her, ein Buch hervorholte und daraus schnell einiges las, Dabei bewegte er die Lippen andächtig und voll Ehrfurcht vor dem Gedruckten, wie ein Schulkind oder buchstabierender Bauer. Einmal könnte ich den Titel des Buches erspähen: es war die Volksausgabe zu einer Mark von Dehmels Gedichten. Helle Teilnahme für diesen Arbeiter flammte in mir auf, und da in seinem freundlichen Jüngergesicht keine Spur von dem Hochmut zu finden war, den andere gelernte Arbeiter gegen den Hilfsarbeiter zur Schau tragen, nahm ich mir vor, ihn bei der nächsten Gelegenheit anzureden. Diese fand sich bald an einem Morgen, als wir zehn Minuten vor Beginn der Arbeit in die Werkstätte kamen. Ich fragte ihn gleich ohne weiteres, wie ihm Dehmel gefiele, und er ließ einen begeisterten Hymnus auf den Dichter los, der auch mir tief ins Herz gewachsen war, und uns beiden schien es, als wären wir seit langem befreundet.

Am Abend des gleichen Tages verließen wir zusammen die Fabrik. Robert Schindler war ein Steiermärker von Geburt und wohnte mit seiner alten Mutter wie ich in Ottakring, nur etwas näher, so daß wir den gleichen Weg gehen und uns näher kennenlernen konnten.

Es packte mich fast wie Neid, als er mir von seiner kleinen Bücherei erzählte, in der sogar Bücher von Liliencron, Bierbaum und Henckell standen, welche Dichter ich nur durch die Anthologie von Benzmann kannte. Er mußte mir den Wunsch, diese Bücher kennenzulernen, aus den Augen gelesen haben, denn am nächsten Tage brachte er mir die Kriegsnovellen von Liliencron und die Neuland-Gedichte von Karl Henckell.

Das war für mich ein kühles, schönes Glück in diesen heißen, harten Arbeitstagen. Ich arbeitete viel froher und dünkte mich nicht mehr gar so armselig, wenn ich an das dachte, was mich am Abend zu Hause in den Büchern erwartete. Schindler war ein fanatischer Sozialist, welcher Weltanschauung er mit religiöser Schwärmerei anhing. Im Sozialismus sah er das Heil, die sittliche Erhebung des Menschen. Sprach er davon, so leuchtete sein ganzes Wesen vor Ergriffenheit und Hingebung. Dabei hatte er aber für alle bösen Erscheinungen des Lebens eine Entschuldigung. Nie kam ein Schimpfwort, nie ein Fluch über seine Lippen. Allem Niederträchtigen sah er mit den erstaunten Augen des Kindes zu, das sich ja auch bei den schrecklichen und verfluchtesten Dingen zu keinem Gefühl der Rache und des Abscheus hindenkt, sondern alles mit dem halb ungläubigen, halb verzeihenden Fühlen eines Traumwandlers erlebt. Leid fügte ihm nur die rein materialistische Auffassung des Sozialismus seiner Kameraden zu, die in diesem nur die Lösung einer der internationalen Magenfragen sahen und dessen geistiges Durchdringen für komisch und schädlich hielten. Er dagegen fand im Sozialismus eine neue Religion, die ihm Ekstasen, Erhöhung und flammendes Götterleben schenkte. Dieser reine Tor hatte nicht die Furien des unbarmherzigsten Kampfes und ein Dasein hinter sich, das ihn in den blinden Haß und in die Verachtung gegen die Gesellschaftsordnung trieb, für die er nur Mitleid empfand. Ich konnte dieses Mitleid nicht verstehn und wollte es nicht verstehn, denn ich haßte diese Welt, in der ich bei elf- und zwölfstündiger schwerer und ungesunder Arbeit hungern mußte, mir nicht die kleinste Sonntagsfreude vergönnen durfte, wenn sie aus anderen Dingen als aus der freien Zeit bestand.

War dieser Schwärmer je so arm gewesen wie ich, hatte er jemals so viel Demütigungen empfangen wie ich? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte sich sicherlich auch seine sanfte Ruhe in aufrührerischen Lärm verwandelt, sein klagendes Mitleid in fluchenden Zorn.

Sein evangelisches Wesen übte trotzdem eine große Anziehungskraft auf mich aus, milderte, ohne daß ich es gleich merkte, viele meiner anarchistischen Ansichten, ließ mich das Leben um mich herum durch hellere Gläser sehn, und ich hätte im Laufe der Zeit noch viel Gutes, Schönes, Klärendes aus Schindlers freundschaftlicher Seele schöpfen können, wäre das Schicksal unserer jungen Freundschaft günstiger gewesen und hätte es uns nicht, kaum daß wir uns gefunden, wieder auseinander gerissen. Aber so – Arbeiterfreundschaften sind oft so kurz wie die Liebe der Eintagsfliegen; steigt für diese der rasche Tod aus der sonnenlosen Nacht, kommt er für jene aus der düstern Ungewißheit der Proletarierexistenz.

Schon länger als eine Woche plagten mich stechende Schmerzen in der linken Seite. Wenn ich hustete, so wurden sie zum Aufschrein stark und steigerten sich oft bei meinem Schnellauf zu Mittag so, daß ich in einen Hausflur treten mußte, um den Schmerz, schwer nach Atem ringend, durch minutenlanges Ausschnaufen zu dämpfen. Kälte- und Hitzewellen rollten durch meinen Körper, und um das Gehirn spannte sich eine stählerne Spange, die beinahe immerfort glühte. Des Nachts lag ich in klebrigem Schweiß, der auf der Haut eisig brannte. Aber erst, als mein Magen die Nahrung nicht mehr behalten konnte, eine krampfartige Erregung die Eingeweide umstülpte, der Boden meine Füße von sich stieß, trotzdem sie schwer, wie mit Blei ausgegossen waren, dämmerte es furchtbar in mir auf: Du bist krank! Was hält der Arbeiter nicht an Schmerzen und Übelkeiten aus, bevor er sich fügt und zugibt, daß er krank ist und abtreten muß! Die Fabriken und Werkstätten der Großstadt wären halb leer, könnte der Arbeiter, der den Keim einer Krankheit in sich fühlt, sich krank melden, ohne Angst vor der Arbeitslosigkeit. Aber wie viel kostbares kräftiges Leben würde dann der Arbeit im Staat erhalten bleiben, und wieviel weniger Krüppel und Schwächlinge würde es dann geben!

So siechen die Menschen in den vielen tausend Betrieben der Industrie vor ihrer Maschine und Werkbank dahin, schleppen sich fiebernd, hustend herum, im Innern die fressende Krankheit, nach außen Gesundheit heuchelnd, um nicht auf die Straße geworfen zu werden.

Ich bat den Werkführer um die Legitimation für die Bezirkskrankenkasse, die er mir mit unwilligem Brummen gab. Der Krankenkassenarzt, dem ich zugeteilt war, ordinierte von zwei bis drei Uhr nachmittags. In einem engen, düsteren Vorzimmer drängten sich schon an zwei Dutzend kranke Männer und Frauen, alles »Arme-Leut«-Gestalten. Viele von ihnen husteten erbärmlich, sahen elend und fiebrig aus, andere trugen Verbände an Arm, Fuß oder Kopf. Karbol- und Äthergeruch vermischte sich mit der Ausdünstung der Kranken. Eine dicke böhmische Dienstmagd schob sich sanft durch uns und verschwand in einem Zimmer, erschien wieder und lud den Erstangekommenen ein, hereinzutreten.

Es war längst drei Uhr vorbei, als die Reihe an mich kam; der Doktor war ein kleiner, dickbäuchiger Jude mit einem schwarzen Krausbart und goldenem Kneifer, hinter dem zwei verschleierte Augen gelangweilt hockten. Ich trat zum Schreibtisch, als mich der Arzt mit barscher Stimme anschnarrte: »Bleiben Sie gefälligst bei der Tür stehn, bis ich Sie rufe. Sagen Sie schnell, was Sie wollen!« Schleunigst zog ich mich zurück und begann verschüchtert von meinen Beschwerden zu reden. Aber der Doktor schnitt mir nach einigen Sätzen das Wort ab:

»Redens nicht so viel; also bisserl Seitenstechen habens und husten tuns. Rennens halt nicht so viel den Mäderln nach und lassens das Zigarettlrauchen. Übrigens, ma weiß eh, was es bei dem schenen Wetter gschlagen hat. Bisserl Faulenzia habens halt, mei Lieber. Da messen Sie sich, werden ja gleich sehn, was Wahres an Ihrer Räubersgeschichte.« Dabei reichte er mir ein Fieberthermometer, das ich, ganz verzagt und unglücklich über den Empfang bei dem Arzt, von dem ich Verständnis für meinen armen Körper und Hilfe erwartet hatte, durch das geöffnete Hemd unter die Achsel schob. Nach einer Minute, während welcher er sich eine Zigarre beschnitt und anzündete, verlangte der Doktor das Thermometer zurück, warf einen flüchtigen Blick darauf und sagte triumphierend: »Sehens, was ich gsagt hab, kaum 37.4 Temperatur. Da hab ich ja bei einem Schnupfen mehr. Gehens nur schön brav arbeiten, und wenn's weiter sticht, machens halt in der Nacht einen kalten Umschlag um die Brust. Adieu, und kommens mir nicht wieder mit solche Sachen!«

Mit dieser Ermahnung war die Ordination zu Ende, ein anderer Patient kam an die Reihe.

Meine große Begeisterung für den ärztlichen Beruf, den ich als die herrlichste aller menschlichen Betätigungen angesehn, hatte eine arge Dämpfung erlitten. Also war auch für den Arzt ein Arbeiter immer nur ein faules, arbeitsscheues Wesen, dem es darauf ankam, durch jeden möglichen Schwindel die Interessen der Industriellen zu schädigen und auf deren Kosten ein feines Leben zu führen.

Ich schleppte mich wieder in die Fabrik zurück und hatte nur die einzige Hoffnung, daß mir die kalte Einpackung in der kommenden Nacht einige Linderung bringen würde. Deshalb bat ich den Werkführer, mir für den Abend die Überstunden zu erlassen, und eilte nach dem gewöhnlichen Arbeitsschluß so schnell wie ich konnte heim. Meine Quartierfrau half mir beim Anlegen des Umschlags, tröstete mich mit vielen guten Worten und kochte mir außerdem einen »Kramperltee«, dem sie Wunderkräfte zuschrieb. Bis über die Ohren mit Kotzen, Umhängetüchern, Winterröcken und Jacken zugedeckt, lag ich zehn greuliche Stunden schlaflos in einer Brühe von Schweiß. Ich ertrug diese Roßkur dabei ohne zu »mucksen« – denn wenn sie nicht half, was sollte dann helfen?

Beim Aufstehn am nächsten Morgen war ich so schwach und schwindlig, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. In der Werkstätte spürte ich anfangs eine kleine Erleichterung, wenigstens war der so schmerzhafte, stechende Druck in der Herzgegend geringer als sonst. Ich atmete erleichtert auf, war voll Freude über die Besserung und legte mich bei der Arbeit tüchtig ins Zeug, um das Versäumte nachzuholen. Aber als die Sonne höher stieg und wieder in jede Ecke des Saales ihr gelbes, grausames Feuer warf, kroch die stechende Pein neuerlich aus ihrem Schlupfwinkel in meinem Brustkasten auf das Herz zu und quälte es noch mehr als die Tage vorher. Fieber überstürmte mich, von Schläfe zu Schläfe donnerte ein Schnellzug dahin, meine Augen sahen kaum mehr die Arbeit, und der Körper glühte. Ich stierte mit verstohlenem Blick vor mich hin, auf die Wände, die Kleider der übrigen Arbeiter, um irgendwo Linderung, Kühlung, Erlösung zu suchen. Dann verwandelte sich auf einmal alles um mich, eine rotgrüne Dämmerung wogte um die Dinge und wischte sie fort. Nur die weißen Gipsstaubwolken blieben. Gipsstaub? Ach wie ich mich täuschte! Das waren ja die weißen, weichen Betten im Elternhaus. Vater und Mutter standen daneben und warteten auf ihren kranken Sohn, um ihn gesund zu pflegen. Und beglückt mit dem leisen Jubel: Nun wird alles, alles gut, legte ich mich selig in die schönen, kühlen, weißen Betten zu einem langen schweren Schlaf nieder. Aus weiter Ferne hörte ich noch die aufgeschreckte Stimme der Frau Bischof um Hilfe rufen und viele Menschen auf mich zu rennen; dann wurde es still und kühl in weitem Kreise. Als ich wieder aufwachte, lag ich schon den dritten Tag in einem weißen Spitalbett des Allgemeinen Krankenhauses, und die freundliche Nonne sagte mir, daß ich eine Herzbeutel- und Rippenfellentzündung hätte und mich sehr ruhig verhalten müsse. Als ich etwas später in meinem Nachtkästchen etwas suchte, fand ich in der Lade mein Arbeitsbuch mit einem kurzen Zeugnis der Wiener Kunstanstalt. Die vorsichtige Firma hatte es gleich dem Sanitätsdiener des Krankenwagens der Rettungsgesellschaft mitgegeben, der mich ohnmächtig Gewordenen ins Krankenhaus brachte.

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