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Das rauhe Leben

Alfons Petzold: Das rauhe Leben - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeautobiography
authorAlfons Petzold
titleDas rauhe Leben
publisherAufbau-Verlag
printrun1. Auflage
year1985
firstpub1920
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Die Nachfolge

In diesen Tagen des Hasses und Zusammenbruchs aller Lehren der Nächstenliebe will ich erzählen von der Zeit meiner Rückkehr zu den Geboten der Bergpredigt.

Ich bewohnte mit meinem Freund Ludwig eine enge und lichtarme Kammer in einem ziemlich reingehaltenen Hause auf dem Flohberg, einem Häuserblock in Hernals, der wegen seiner Dirnen und Zuhälter sowie seiner täglichen Messerstechereien in Wien berüchtigt war. Die Zuhälter hatten meist schon das Zuchthaus hinter sich oder trugen die Anweisung auf die Strafanstalten Stein und Göllersdorf bei sich. Lustige, verwegene, dabei aber feige Burschen waren sie alle. Sie fürchteten sich nicht vor dem »Antüpfen« mit dem »Vexierer«, scheuten nicht die Aussicht auf eine Sommerwohnung hinter Schloß und Riegel, wohl aber eine Tracht Hiebe oder gar, wenn sie nicht Wiener waren, den »Weisel«, den Schub in die Heimat. Ihre Mädchen waren nur zum geringsten Teil behördlich als Prostituierte angemeldet und ein ewiges Treibwild für die Sittenpolizei. Ludwig war zu dieser Zeit als Kutscher bei einem Knochen- und Hadernhändler angestellt und hatte als solcher bis in die Nacht hinein die Säcke, die mit stinkenden Knochen und Lumpen angefüllt waren, auf- und abzuladen. Ich aber war für den Wochenlohn von vierzehn Kronen als Walzenwascher, Wagenhund und Einkassierer von sieben Uhr früh bis acht Uhr abends in einer Buchdruckerei beschäftigt und den Launen eines Geschäftsführers ausgeliefert, der mich bis aufs Blut peinigte.

Trotz meiner langen Arbeitszeit war ich doch noch früher zu Hause als Ludwig, der meistens erst gegen zehn Uhr abends mit seiner Stallarbeit fertig wurde und dann oft mit blutig gescheuertem Rücken, schwer wie einer seiner Knochensäcke ins Bett fiel; dieses war ein auf der Erde liegender Strohsack, während ich als Wohnungs- und Möbeleigentümer,in einer wirklichen Bettstatt schlafen durfte. So räumte ich in der Zeit meines Alleinseins die kleine Kammer auf, wusch zweimal die Woche den Fußboden und setzte mich dann im Sommer auf das Brett des Gangfensters; im Winter an den Weichholztisch, wo ich im Schein einer Unschlittkerze ein Buch las und so den Freund erwartete. Kam er dann, so schmausten wir unser dürftiges Abendbrot, erzählten uns unsere Leiden und Freuden und lasen dann noch zusammen irgendein Buch; meistens war ich der Vorleser, da Ludwig, wie schon erwähnt, vor Müdigkeit kaum mehr sitzen konnte. So wurde es jeden Abend halb zwölf, zwölf Uhr, ehe wir die Kerze verlöschten und den Schlaf suchten. Selten geschah es, daß wir den Abend außer Haus oder getrennt verbrachten, und selbst sonntags hielt ich es nicht lange in anderer Gesellschaft aus.

Vor wenigen Wochen noch war es anders gewesen. Da hatten wir nach der Art anderer junger Arbeiter, so weit uns nicht der Geldmangel davon abhielt, samstagabends Gasthäuser besucht, sonntags die geliebten Stamm»tschecherln« aufgesucht und den freien Tag mit dem Besuch einer Tanzschule beendet. An den Wochenabenden aber hatten wir die Vorstadtparks durchwandert und waren auch hier und da den Mädchen nachgelaufen.

Seit kurzem nun waren wir zum Erstaunen und Spott unserer Kameraden richtige Jesuleute geworden, lasen die Bibel, sahen in der lebendigen Nachfolge der Evangelien das einzige Heil und beglückten uns durch das Gefühl irdischer Erniedrigung, murrten nicht mehr über unsere Herren, spürten im Knechtsein heimliches Königtum, verbannten die Zoten aus unseren Mündern, zwangen den Zorn nieder, betrachteten jede Frau als höheres Wesen und gaben unserer eigenen Schlechtigkeit die Schuld an fremden Sünden. Dabei mieden wir aber wie früher die Kirchen, nicht mehr aus gottesleugnerischem, alles Pfaffentum hassendem Gefühl, sondern im starken, naiven Bewußtsein des über allen Konfessionen stehenden Gottglaubens einer freireligiösen Menschengemeinschaft. Wie die Urchristen wollten wir leben, demütig, gütig, voll werktätiger Liebe zu allen Wesen, und in freudiger Ruhe an dem goldenen Zukunftsreich der Menschen ganz bescheiden mitbauend. Viel hatte zu dieser Umwandlung die kurze Bekanntschaft des sonderbaren Heiligen, des Kalligraphen, beigetragen, die ich während der Zeit meiner Obdachlosigkeit gemacht hatte: die wunderbare Ergebenheit in das furchtbarste Schicksal und die Zufriedenheit, um nicht zu sagen die Glückseligkeit dieses Menschen hatten einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Am meisten aber hatte die Lektüre der Bücher Tolstois auf uns gewirkt. Bei meiner Suche nach billigem Lesestoff für Ludwig und mich hatte ich einige zerlesene Exemplare in einem Makulaturgeschäft das Kilo zu vierzig Heller erstanden. Es waren zumeist die religiös-ethischen Werke des russischen Neuevangelisten, aber auch »Die Kreutzer-Sonate« und »Auferstehung« befanden sich darunter. Zuerst wollte ich die alten Bücher wegen ihres anscheinend langweiligen Inhalts nicht kaufen, und nur der geringe Preis veranlaßte mich, sie heimzuschleppen. Lange lagen sie unbenutzt im Winkel, und es zwangen uns erst einige unbezahlte Feiertage zur Lektüre. Verdrießlich und über unsere leeren Taschen schimpfend, voll Sehnsucht nach den grünen Spieltischen unseres kleinen Kaffeehauses, nach den lustigen Freunden und Freundinnen in der Tanzschule begannen wir, auf dem Gangfenster sitzend, unsere Lektüre. Je länger wir aber lasen, desto seltener irrten unsere Gedanken nach dem ersehnten Paradies; wir versanken allmählich in eine reinere, schönere Welt, um schließlich in einer Art Verzückung Wort für Wort und Seite für Seite in uns aufzunehmen, Mönchen gleich, die die Worte ihres Stifters lesen. Ludwig brach von Zeit zu Zeit in Rufe der Bewunderung oder Empörung aus:

»Herrgott, san mir a Gsindl! Recht hat er! Mir san d' Sunn net wert, die uns anscheint! Des is mei Mann, der redt am ins Gwissen! Alle mitanand soll da Teifl holn. So is, ja so is! Ana dadruckt in andan, weil mir alle neidige Luadan sein!« Wir ließen uns am Abend kaum Zeit, die vier Pferdeknackwürste zu verzehren. Beim huschenden Schein einer Kerze lasen wir bis in die Nacht hinein.

Das ging so eine Woche lang fort, bis wir alle Bücher von Tolstoi, die in unserem Besitz waren, ausgelesen hatten. Am nächsten Samstag kauften wir uns alles, was sonst noch von diesem Schriftsteller in Reclams Universal -Bibliothek erschienen war, dazu eine billige Ausgabe der Bibel. Freilich hieß es dafür Kaffee- und Gasthaus meiden, mit kalter Pferdewurst und Brot ohne Bier vorliebnehmen; und sonntags gab es in der Auskocherei keinen Rostbraten mit Häuptelsalat, sondern nur Würstel in Saft und Kartoffeln. Unsere Kollegen fragten uns deshalb mitleidig, ob wir vielleicht das Arbeitsbuch bekommen hätten, und verwunderten sich nicht wenig über unser ungewohntes Betragen. Strichen wir doch von nun an nicht mehr abends mit ihnen durch die Gassen, und wenn es doch ein oder das andere Mal geschah, so bewahrten wir den Mädchen gegenüber die größte Zurückhaltung und hüteten uns, in die erotischen Lieder einzustimmen, die die Burschen sangen. Als wir aber eines Abends einen verhungerten und zerfetzten »Hanseltipper« zu einem Nachtmahl einluden und Ludwig ihn mit seinen starken Fäusten vor den Spottreden der andern schützte, hielten sie uns für ganz verrückt und begannen uns allein zu lassen, was uns wiederum recht war. Von nun an kontrollierten wir streng unser tägliches Leben, erforschten wir unser Gewissen nach einem Fluch oder Schimpfwort, nach bösen aufrührerischen Gedanken, nach einer unwilligen Bewegung beim Anblick eines Bettlers. Dies geschah meistens abends, wenn wir schon im Bett lagen und das Licht ausgelöscht hatten; jeder war sein eigener Beichtvater und gab sich selbst harte Bußen auf, die meistens in der uns arg treffenden Form einer Geldgabe an noch Ärmere bestanden. Frühmorgens beim Abschied und abends beim Wiedersehen küßten wir uns und nannten uns Bruder.

Unser ganzes Sehnen ging danach, dem Nächsten werktätige Hilfe leisten zu können, wir träumten von Katastrophen, die von uns die größte Aufopferung verlangen würden, und dichteten uns die fürchterlichsten Geschehnisse, bei denen wir als Retter auftraten, um dann demütig zu verschwinden.

Diese überschwengliche Hingabe an das Gebot der Nächstenliebe gab allem, was wir dachten und taten, Richtung und Ziel. Hätten wir uns in der Einsamkeit industrieferner Natur, in der gedanklichen Unberührtheit eines früheren Jahrhunderts diesem Lebensinhalt hingeben dürfen, so wären wir vielleicht als glückliche Heilige gestorben. So aber riß es uns nach einigen Monaten dieses reinen, frohen Erlebens arbeitsschwerer Tage wieder in den lauten Irrsinn des früheren Lebens zurück und ließ in uns nur den Schein eines versunkenen Glücks zurück. Es fehlte uns eben doch der Mut des Bekennens und die Ausdauer gegen den ewigen Ansturm der Umgebung, die alle Bosheit, jedes Unverständnis, die tausend armseligen Ereignisse des Arbeiterdaseins gegen uns warf und uns zum Weichen brachte.

In den ersten Tagen unseres Rückfalls glaubten wir noch fest an unsere Berufung und kämpften zäh und freudig gegen die Versuchungen, die wir oft niederzwangen, oft aber auch zu unserer tiefsten Beschämung siegen ließen.

So geschah es an einem Samstag, daß wir der Einladung eines Kameraden, mit ihm ein Tanzlokal zu besuchen, nicht widerstanden. Wir zogen vorher in ein Volksbierhaus und betäubten unser mahnendes Gewissen dort mit einigen Krügeln Abzugbiers. An der Kasse des Tanzhauses, eines großen Holzriegelbaues, nahm uns eine kleine fette Frau die Eintrittskarten ab, der Ordner schob uns wie Puppen in das Innere, wo uns Musik entgegentönte, Staub, Schweiß und Speisengeruch an den Wänden klebte.

»Ise scho vull heut, wird wieder große Hetz! Ise gestern Erste gwesn, wo Dienstmadln Geld kriegt ham und heut tanzowat komman!«

Grinsend leckte er sich die schwammigen Lefzen und wandte sich ungelenk wie ein schlechtdressierter Tanzbär den Neuangekommenen zu. Wir setzten uns in der glasgedeckten Vorhalle, die durch eine Balustrade aus Holzklötzen von dem tiefer liegenden Saale getrennt war, an einen halbleeren Tisch. Der Ordner hatte nicht gelogen, es waren wirklich schon viele Tanzlustige hier. Eben war Pause, und um den Tisch drängten sich die schwitzenden, in den Gesichtern krebsroten Menschen; zumeist Arbeiter, dienstfreie Kellner, Soldaten, Dienstmädchen in ihrem Sonntagsstaat, der sie von den andern Mädchen im Saal meistens unterschied. Eingezwängt in billige, schlechtsitzende Modekleider hatten diese trotz der Hitze ihre großen, mit grellen Bändern und Blumen geschmückten Hüte auf den gebrannten Haaren sitzen. Die von der groben Arbeit aufgequollenen roten Hände waren in billige weiße Handschuhe gezwängt, die Taschentücher von schlechtem Parfüm durchtränkt, wenn da und dort nicht der »Gnädigen« Riechfläschchen dran glauben mußte. Wie angeleimt saßen sie mit ihren Liebhabern, die meistenteils Soldaten waren, an den Tischen und hatten ein glückliches, dummes Lächeln im Gesicht, wenn sie nicht unten auf dem gewichsten Tanzboden mit ihrer schwerfälligen, dampfenden Sinnlichkeit dahinwalzten. Die Mehrzahl von ihnen sprach Böhmisch oder zerhackte den Wiener Dialekt auf die schrecklichste Art. Die andern Mädchen, leichtlebige junge Fabrikarbeiterinnen, flott und einfach angezogen, fünf Vorstadtdirnen, die sich um eine Krone, ja auch um weniger, für eine Weile entführen ließen. Behängt mit der schäbigen, verwahrlosten Eleganz eines vor Jahr und Tag verlassenen Bordells, waren sie im Gegensatz zu den steifen, ehrbaren Dienstmädchen von einer springenden Lebendigkeit erfüllt. Auch die Fabrikarbeiterinnen warfen mit ihrer jungen Lustigkeit nur so über die Tische, als könnten sie nicht genug lachen, singen, mit Händen und Füßen zappeln, sich den Walzer und Polkas in die Arme werfen, um die sechs grauen Wochentage voll Fabrikdunst und Stubenluft zu vergessen. Ein schmieriger Kellner stellte jedem von uns ein Glas Bier hin, für das wir dreimal soviel zahlen mußten wie in den gewöhnlichen Schenken. Dafür tranken die Gäste hier auch meistens nur ein oder zwei Gläser und hielten es ebenso mit dem Essen. Man nahm dieses lieber vorher in einer der vielen billigen Stehbierhallen zu sich und aß dann im Tanzlokal höchstens ein Stück Käse zum Bier. Selbst der »Salamutschi«, der wandernde Käse- und Wursthändler, war diesem Publikum zu teuer. Eine Ausnahme machten die Köchinnen und Stubenmädchen. Sie brauchten viel Liebe und wußten, daß diese durch den Magen ging. Auch wollten sie den andern Mädchen, die sich über sie lustig machten und an die ihre Verehrer viele heimliche, sehnsüchtige Blicke verloren, imponieren. So traktierten sie die Männer an ihrer Seite mit Bier, Wein und den Herrlichkeiten der Speisenkarte. Sie selbst begnügten sich mit einem Gulasch, in dessen Saft sie die mitgebrachten Semmeln hineintunkten. Daheim erwartete sie ein Aufgespartes vom Mittagstisch. Ihre Liebhaber nutzten die Freigebigkeit der armen Dinger gehörig aus, tranken ein Glas Bier nach dem andern und erteilten zwischendurch ihre derben Zärtlichkeiten. Jeder Tanz trug etwas Eßbares ein, und wenn eine ja zu zaudern anfing, mit aufgeschrecktem Besinnen ihr hart verdientes Geld schwinden sah, so brauchte ihr Verehrer nur ein wenig abzurücken und auf die frechen, fröhlichen Fabriklerinnen begehrliche Blicke zu werfen, gleich war die Bedachtsamkeit der böhmischen Dienstmagd verschwunden, und der Kellner bekam eiligst Aufträge. Sie baten nie. Immer verlangten sie in einem vornehm sein wollenden, hochmütigen Ton die Dienste der Kellner. Vier Wochen lang der Fußboden für die Herrschaft; wollten sie wenigstens ein paar Stunden auch Stiefel sein und treten. Die frechen Frackträger rächten sich dafür, indem sie ihnen bei jeder Speise einige Heller mehr rechneten.

Jetzt begann wieder die Musik zu spielen, acht Mann hoch mit weiß-blauen Marinekappen. Unter der Woche bliesen sie in silberbetreßten Schwarzröcken Verstorbene auf den Friedhof hinaus. Einige von ihnen waren nebenbei Amts- und Postdiener. Königlichen Blickes thronten sie auf dem mit Tannenreisig umwundenen Podium wie Götter über den staubigen Wolken. Ihre blankgeputzten Instrumente blinkten sonnig über der schiebenden Menge. Eine Quadrille wurde angesagt. Der Tanzmeister, Schnurrbart und Haupthaar kunstvoll gekräuselt, in weißer Weste und einem zu engen Frack, tänzelte krähend durch die Reihen der Teilnehmenden. Dann hörte man eine halbe Stunde nichts als die sich immer wiederholende Strophe der Quadrille, das Schleifen Hunderter Füße auf dem Boden, das hohe Krähen des kommandierenden Tanzmeisters und ein fortwährendes Kreischen, Lachen, Prusten, Gurren der Tanzenden.

Ich tanzte zur Not Walzer, war aber während der Quadrille am Tisch geblieben. Hie und da, wie verloren warteten traurig noch einige Mädchen auf den Partner, der nicht kam. Und beim Ausgang paffte ein Wachmann hinter einem weißgedeckten Tisch eine dicke Zigarre; um seine Würde zu sichern, hatte man ein Täfelchen an das Salzfaß gelehnt mit der Inschrift: »Inspektion«. Jeden Samstag und Sonntag hatte der »eiserne Gustl« hier Dienst, und man wurde nicht müde, interessante Geschichten über ihn zu erzählen. So hieß es, er trüge unter dem Waffenrock ein engmaschiges Stahlnetzhemd zum Schutz gegen die ihm liebevoll zugedachten Messerstiche. Tatsache war, daß er noch aus keiner Rauferei mit Zuhältern, Verbrechern und betrunkenen Soldaten eine Stichwunde davongetragen hatte. Eingeschlagene Helme, zerrissene Uniformen und hier und da gelbgrüne Stirnbeulen konnte er dagegen genug vorweisen. Ohne kleinere oder größere Schlachten ging es ja an keinem der Tanzabende ab. Der Alkohol, der Geruch der Weiber, die Nacht machte die Menschen hier gegen Mitternacht halb toll. Die Frauen fingen an zu weinen, die Männer stachen mit ihren Messern herum und schlugen mit Gläsern und Stühlen drauf los. Da gehörte eine kräftige kühne Faust dazu, um Ordnung zu schaffen. Und die hatte der »eiserne Gustl« trotz seiner anscheinenden Fettleibigkeit und Gemächlichkeit. Auch jetzt blinzelte er gutmütig und zufrieden zwischen den dicken Backen hervor und schmatzte an Bier und der Zigarre; seine Augen ruhten auf dem Menschendurcheinander, als wären sie, wenn auch offen, vom Schlafe verhängt. Dennoch konnte man sicher sein, daß er dies nur vortäuschte und scharf in der Menge nach denjenigen suchte, von denen er ein paar Stunden später Schlimmes erwartete. Manchmal zog er seinen Dienstkalender heraus und machte einen Blick hinein, verglich wohl den Steckbrief und das Bild eines gesuchten Verbrechers mit einem der Tanzenden. Dann tauchte er seinen buschigen Schnurrbart wieder in das schaumige Bier und sah mich blöde an.

Als die Quadrille zu Ende war, strömte alles dampfend an die Tische zurück, mein Freund mit einem Mädchen, die ich mit Vickerl, unserem Verführer, tanzen gesehn. Ich blickte ihn fragend an, und er raunte mir zu: »A Frischgfangte und a rechts Hascherl!« Schüchtern begrüßte sie mich, setzte sich auf eine Kante des Stuhls, so als wollte sie gleich wieder forteilen, nippte kaum von dem frischen Bier, das der Kellner soeben gebracht hatte, und gab auf unsere halb lustigen, halb frivolen Fragen nur ganz leise und furchtsam Antwort.

Ein Dienstmädchen war sie nicht, dazu war sie zu unaufdringlich und geschmackvoll gekleidet, auch die feinen wohlgepflegten Hände konnten weder einer Köchin noch einem Stubenmädchen gehören. War sie Fabrikarbeiterin? Ich hatte doch sonst eine feine Nase für die Gerüche aller möglichen Werkstätten, roch sie selbst aus Sonntagskleidern, aber hier sog ich umsonst die Luft ein, die das Fräulein Mizzi umgab; diese Hände konnten weder von schmierigem Öl besudelt noch durch ätzende Säuren verbrannt werden, dieses Gesicht mit der dichten Braunhaarumrahmung schien sich nicht an Werktagen über Metall zu beugen, das poliert werden mußte, auch nicht über eine der Millionen Maschinen, die alle einen persönlichen Atem hatten wie die Menschen und Tiere.

Gehörte sie zu den armen Geschöpfen, die der öffentlichen oder geheimen Prostitution ergeben waren und die sich hier nicht selten mit ihren Zuhältern herumtrieben? Aber dazu fehlte ihr wieder alles; weder in ihrem Gesicht noch an ihrer Kleidung trug sie eine Spur des armseligen Daseins dieser Unglücklichen. Am ehesten glich sie noch der wohlbehüteten, sittsamen Tochter eines Kleinbürgers der Vorstadt. Mit diesem vollen, klaren Gesichtchen, der noch zarten, aber zur Üppigkeit neigenden Gestalt konnte ich sie mir ganz gut als Töchterlein eines Bäckermeisters in Hernals denken, das mit zierlicher Anmut die Kunden bedient, oder auch als Hausherrntochter, die auf einem Bürgerball den Wirts-, Kaufmanns- und Fleischhauersöhnen den Kopf verdreht. Wie aber kam sie dann hierher in dieses berüchtigte Tanzlokal, wo sich die Tugend nach zehn Uhr abends meistens verabschiedete?

Ludwig störte mich in meinen Vermutungen über die Herkunft des Mädchens.

»Du, jetzt kummt a Walzer vom Lehar, dös war was für die, geh, spann di ein! Da Vickerl is scho mit aner Trum Böhmin azogn.«

So reichte ich unserer neuen Bekanntschaft, um die sich auch sonst niemand kümmern wollte, den Arm und führte sie in den Tanzraum. Im nächsten Moment drehten wir uns in der wirbelnden Freude der Jugend an Rhythmus und Musik. Mizzi tanzte leicht, und wir schwebten wie auf den goldenen Strahlen, die die Instrumente auf den spiegelglatten Boden warfen, dahin. Als der Walzer zu Ende war, gingen wir eine Weile zusammen langsam auf und ab. Das Mädchen mußte wohl Zutrauen zu mir gefaßt haben und fühlte wohl auch das reine Interesse, das ich ihr ohne jeden Hintergedanken entgegenbrachte, denn sie fing auf einmal ohne Aufforderung an, von dem Schicksal zu erzählen, das sie schließlich in dieses verrufene Gasthaus geführt hatte. Sie sei fünfzehn Jahre alt, die Tochter eines Hutmachers, der auf der Wieden ein Geschäft im eigenen Hause hätte, die Mutter wäre vor Jahren gestorben. Seit ihrem Tode ging es im Hause drunter und drüber. Der Vater kümmerte sich wenig um die beiden Kinder – es war noch eine jüngere Schwester da –, war tagsüber immer seltener in der Werkstätte und des Nachts oft außer Hause, gab sich immer mehr dem Wein und den Weibern hin. Im Rausch aber überfiel er einmal des Nachts seine Tochter, um von ihr die Dienste einer Dirne zu verlangen. Sie entfloh, war tagelang obdachlos, weil sie weder Verwandte hatte noch aus Scham und Furcht vor Bestrafung des Vaters sich irgend jemandem anvertrauen wollte; sie hungerte sich am Tage durch die Straßen und fiel endlich vor einer Woche in die Hände einer alten Prostituierten, in deren Kammer sich ihr Schicksal erfüllte – und wo sie sich, von der Alten betrunken gemacht, irgendeinem Unbekannten hingab. Eine Woche lang war sie nun von der verbrecherischen Hexe auf den Strich geführt worden. Heute war es ihr gelungen zu entwischen. Einer ihrer Verehrer aus den letzten Tagen hatte sie aber auf der Straße getroffen und dazu überredet, mit ihm das Tanzlokal aufzusuchen. Hier aber hatte er sie im Stich gelassen, und sie war froh, uns kennengelernt zu haben.

Seltsam berührte mich ihre scheinbare Gleichgültigkeit gegen ihr jetziges Vagabundenleben, ja, es schien mir, als sähe sie darin ein Schicksal, gegen das zu kämpfen vermessen wäre.

Ihrer Schilderung, die sie in leisem Ton vortrug, war zu entnehmen, daß sie der Kupplerin nicht aus Ekel vor deren schändlichem Tun, sondern nur wegen des Schmutzes und der schmalen Kost, die es bei ihr gab, entflohen war. Mir tat dies angesichts der großen Jugend und sonstigen angenehmen Eigenschaften des Mädchens furchtbar leid, und ich fing an, mir den Kopf zu zergrübeln, wie ihr zu helfen wäre, damit sie aus dem Sumpf wieder herauskäme.

An den Tisch zurückgekehrt, erzählte ich Ludwig leise das eben Gehörte und erreichte damit, daß er bald ebenso voll Teilnahme war wie ich.

Einstweilen unterhielt sich Mizzi einsilbig mit Vickerl, der mit einem Schock schlüpfriger Witze und Redensarten versuchte, auf seine Zuhörerin Eindruck zu machen. Er war der richtige Wiener Arbeiter, intelligent, soweit es seinen Beruf betraf, immer guter Laune und in allen wirtschaftlichen und sozialen Dingen nach dem Vorsatz lebend: »Was mich nicht brennt, blas' ich nicht.« Und er arbeitete nicht, um als Mensch mit Würde zu bestehn, sondern um seinen Vergnügungen nachgehn zu können, mit denen er seine biegsame Jugend ausfüllte. Was wäre das Leben ohne Karten, Tanz und die leicht zu verführenden Mädchen gewesen? Ein schmutziger, elender Kerker. Darum teilte ich ihm auch mein Mitleid, meine Sorgen um Mizzi nicht mit. Er hätte mich ja wohl tüchtig ausgelacht.

Die Luft in den Gasthausräumen wurde ein Gewebe aus Rauch, Staub und Ausdünstung, in dem Rausch, Brunst und Rauflust brüteten. Schon fingen einige Soldaten an, lallend und brüllend fremde Männer anzustänkern, übergaben sich einige Frauenzimmer und mußten von den Freundinnen hinausgeführt werden. Die Tänze wurden immer wilder. Die Weiber schleuderten ihre entzündete Geschlechtlichkeit durch den Saal, und die Männer tanzten gierig um sie herum. Eine Schnellpolka jagte die andere, die übrigen Tänze waren der rasenden Lebensgier nicht mehr schnell genug. Zeitweise ging die schrille Musik in dem tollen Geschrei der Tanzenden unter, die sich durch gegenseitige Zurufe anfeuerten. Aber auch über den Tischen hing Geschrei, geiles Frauengelächter und der lallende Gesang Betrunkener: neue und alte Gassenhauer, die tränengesättigte Strophe eines Wiener »Schlagers«, Dirnen- und Strafhauslieder stiegen durch die dicke Luft. Neben uns sang ein junger Arbeiter, der ein fesches Fabrikmädel umfaßt hielt, mit noch ziemlich klarer Stimme:

»Geh i her über d' Alm,
Geh i her über d' Schneid,
Zwegn mein Dirndl z'liab,
Weil 's mi gar so gfreit.
Weil 's schwarzaugat is
Und so sauber is,
Drum geh i gar so weit
Her über d' Schneid.«

Ein kleines dickes Straßenmädel plärrte ihrem Verehrer, einem tränensäckigen Greisler oder Mehlmesser, melancholisch ins Ohr:

»Für mi leucht' ka Sterndal am Himmel,
I hab ja ka Glück auf der Welt.«

Und hinter uns brüllte ein böhmischer Kanonier:

»Weil i an su an alte Drahre bin,
Ja an su an alte Aufdrahre bin!«

Ein Strizzi, der vorüberschlürfte, die Drama schief im Mund, feixte einen glasig dreinschauenden Soldaten an, bog sich nachlässig wie eine Zigarette und gurgelte:

»Halt's Maul, böhmischer Hallawachl, glaubst vielleicht, du bist in Leitomischl? Schauts mar an so an vawertagelten Surm a! Wannst net glei dein Brotladn haltst, gib i dar ans, daß da de Gitschener aus dö Manschetten schlangelt.«

Der verdutzte Kanonier war zuerst sprachlos, dann bäumte sich plötzlich bäuerliche Wut in ihm auf, mit einem »Satrazena podwora« fuhr er in die Höhe, nach dem über die Sessellehne gehängten breiten Faschinmesser greifend. Aber der Stänkerer war auch gleich bei der Tat und stieß seine Faust dem Soldaten in die Magengegend. Der schlug zu Boden und riß im Fallen Tisch, Stühle und seine kreischende Köchin mit.

»A Murrer!« tönte es von allen Seiten. Hindernde Tische, Stühle, Garderobenständer wurden ohne weiteres auf die Seite geschoben, zum Teil umgeworfen, und sowohl Weiber wie Männer drängten sich an die raufende Gruppe heran. Der Kanonier hatte Hilfe bekommen, zwei Trainsoldaten waren über den Schmächtigen hergefallen und keulten mit ihren Tatzen auf ihn ein. Da gellte die verräucherte Stimme eines der Freimädchen:

»Blader, Habernschurl, Gselchter, spießts vüri, die Müllweiber wolln in Brauntoni murren! Gebts ehrna's Titschkerl!«

Auf diesen Hilferuf hin fuhren drei richtige Flohberg-»Pülcher« wie dünne Messerklingen zwischen die angestaute Menge durch auf den Menschenknäuel am Boden zu. Gleich darauf warf sich einer der Trainsoldaten in die Höhe und brüllte:

»I bin gstochn, helfts ma«, dann klappte er zusammen und fiel wimmernd in einen Sessel.

»Gstochn is aner wurn! Tupft is aner! Polizei, Wachmann, holts die Rettung!« So flatterte es im Saal durcheinander. Mit seinen mächtigen Gorillahänden hielt der »eiserne Gustl« einen der Messerhelden fest. Zwei Hausknechte, breitbrüstig und mit niederer Stirn, waren wie Bulldoggen aus dem Schankzimmer geeilt und entrissen die Plattenbrüder aus den Händen der wütenden Soldaten, deren es ein halbes Dutzend geworden waren. Schrill splitterte die Signalpfeife des Wachmannes den sonstigen Lärm durcheinander. Der Gestochene war einstweilen in ein Nebenzimmer gebracht worden, wo ihm ein zufällig anwesender Sanitätskorporal die erste Hilfe angedeihen ließ. Vom Ausgang her kam es warnend: »Aufgschaut! Hemänner kumman, dö Poli san scho do.«

Drei Pickelhauben funkelten auch gleich darauf hinter den Glastüren auf und bahnten sich energisch einen Weg zu ihrem Kameraden, dem eisernen Gustl, der noch immer in aller Gemütsruhe den einen Missetäter hielt, als wäre dieser ein zappelndes Huhn. Zwei der »Pülcher« waren entwischt, die beiden anderen wurden, weil sie bekannte Plattenbrüder waren, trotz ihres wilden Protestes und dem Geschrei ihrer Mädchen, die wie Furien oder Mutterkatzen auf die Wachleute lossprangen, an den Händen gefesselt und abgeführt, der gestochene Trainsoldat aber von der Rettungsgesellschaft durch einen andern Ausgang abgeholt und in das nächste Spital gebracht.

Fünf Minuten später schmetterten wieder die gelben Instrumente eine Polka-Mazurka an die geduldigen Wände. Nur zwei leere Tische und vor denen einige mit Sägespänen bedeckte Blutflecke gaben Zeugnis von der soeben stattgehabten Rauferei, die wahrscheinlich heute nicht die letzte war.

Es ging stark auf elf Uhr. Ludwig und ich, die wir so langen Aufenthalt in Staub und Rauch nicht gewöhnt waren, redeten Vickerl zu, aufzubrechen. Der machte ein unmutiges Gesicht: »Aber, Spezi, 's hat ja no net klo geschlagn! Jetzt geht erst dö Hetz an!«

Aber da auch Mizzi nicht länger bleiben wollte und er vor die Aussicht gestellt wurde, allein nach Hause gehn zu müssen, gab er mit einem mißmutigen »Oes seids aber fade Schnapper!« nach.

Als wir zu viert auf die Straße hinaustraten, hatte der arme, von den Menschen so arg mißhandelte Prater gerade angefangen, ein wenig Atem zu holen. Die schrecklichen Leierkästen waren für einige Stunden eingeschlafen. Das grausame Licht der unzähligen elektrischen Lampen war bis auf einige verlöscht. Die gellenden Stimmen der Ausrufer kreuzten nicht mehr die Straßen und Alleen, über denen nun wieder die Bäume glücklich rauschten, die fernen Sterne glühten und manchmal ein weltentrücktes Liebespaar heimzu ging.

Aus den Auen quakten die Frösche herüber und grüßten die Großstadt, deren Gegengruß, das gellende Läuten der elektrischen Straßenbahn, in das Dunkel der Gebüsche klang. Wenn die Türen der großen Gasthäuser aufgingen, strömte breit und ohne Ehrfurcht vor der Nacht neuerlich Lärm und Musik über das Parkland. Dann schrie ein Vogel erschrocken auf, flüchtete eine Katze in langen Sprüngen über den Weg. Ludwig ging mit Mizzi voran, Vickerl und ich folgten ihnen in kurzer Entfernung. Dieser sprach lange kein Wort, kaute nervös an seinem Virginiastummel und rempelte ein um das andere Mal leicht an mich an, so daß ich ihn schon eines leichten Rausches verdächtigte. Auf einmal puffte er mich noch stärker in die Seite und raunte mir zu: »Du, Alfons, was, dös is a gstellts Ban, die muaß heut mit uns zu dir gehn, in a Hotel lassns uns ja do nat eina, alle viere!«

Ich war auf diesen Vorschlag gefaßt, er sah unserem Freund Vickerl ganz ähnlich. Was kümmerte ihn der Seelenzustand eines armen Mädchens, wenn es galt, auf ungefährliche und billige Weise auf seine Kosten zu kommen! Er hatte ein Drittel ihrer Zeche bezahlt, folglich gehörte sie zu einem Drittel ihm, und meine Kammer war eine gute Gelegenheit und kostete nur ein Sperrsechserl an den Hausmeister.

Ich aber hatte meinen Entschluß gefaßt, und ich wußte, daß Ludwig ihn billigen würde: das Mädchen sollte, falls es kein anderes Obdach habe, bei uns schlafen, wir aber wollten ihr zeigen, daß es noch Männer gibt, die in einem Mädchen auch manchmal mehr sehen als einen käuflichen Gegenstand, wir wollten sie nicht berühren.

Vickerl war das einzige Hindernis zur Ausführung meines Vorhabens. Drum schwieg ich auch und gab zum Schein meine Einwilligung in sein Verlangen, angestrengt nachdenkend, wie ich ihn von uns entfernen konnte.

Bei der nächsten Gelegenheit weihte ich Ludwig in meinen Plan ein; der war Feuer und Flamme dafür und wollte kurzerhand den Vickerl davonjagen. Gott sei Dank konnte ich ihn davon abbringen, denn Vickerl wäre zwar sicherlich ausgekniffen, hätte aber morgen alle Kameraden mit Lug und Trug auf uns gehetzt. Vielleicht war es doch möglich, ihm mit Mizzi auf unschuldige Art entwischen zu können. Der Zufall kam uns zu Hilfe. Wir waren schon bei den Stadtbahnbögen, hinter denen der Häuserblock des Flohberges anstieg, als unser Kamerad auf einmal über Übelkeit klagte und noch in ein Kaffeehaus auf ein »Frackerl« gehn wollte. Wir traten deshalb in eines der großen Kaffeehäuser ein, die dort von drei Ecken ihre Lichtkegel auf die Straße warfen. Wir setzten uns an einem kleinen Rundtisch nieder, nahmen einen »Schwarzen« oder einen süßen Schnaps, Vickerl trank von diesem trotz unserer Abreden drei Gläser, vielleicht um zu imponieren. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Plötzlich machte er ein sehr unglückliches Gesicht und jammerte über schreckliche Kopf- und Herzschmerzen. Ich kannte diesen Zustand bei ihm, den er immer nach starkem Nikotin- und Alkoholgenuß bekam, und wo er stets fürchtete, einem Herzschlag zu erliegen. Aber so leid er mir jetzt auch tat, innerlich fühlte ich ein großes Frohlocken, hatte Vickerl doch keinen anderen Wunsch mehr, als nach Hause zu kommen. Ludwig übernahm bereitwilligst den Samariterdienst, ihn nach Haus zu begleiten oder vielmehr zu führen, denn der arme Teufel konnte vor Schmerzen kaum stehn. Während wir auf die Rückkunft Ludwigs warteten, machte ich Mizzi unsern Vorschlag, den sie mit Freuden annahm, nur fürchtend, daß sie mir dadurch Unannehmlichkeiten bei den Hausleuten verursachen würde. Ich beruhigte sie darüber, zahlte die kleine Zeche, und wir verließen mit dem nun zurückgekehrten Ludwig das Kaffeehaus. Der Hausmeister des Hauses, welches wir bewohnten, machte ein verdutztes Gesicht und glaubte wohl zu träumen, als wir mit einem Mädchen anrückten. Das hatte er von uns nicht erwartet, und weder das reichliche »Sperrsechserl« noch meine herausgestammelte halbe Entschuldigung, das Mädchen wäre meine Schwester, konnten seine stumme, entrüstete Miene in ein verstehendes Lächeln umwandeln. Doch sagte er kein Wort darüber, brummte nur einen Gruß und leuchtete wie sonst in das dunkle Stiegenhaus hinauf, bis wir die Tür zu unserer Kammer gefunden hatten. Unsere Kammer war wohl etwas zu klein, um drei erwachsene Menschen zu beherbergen. Wir einigten uns so, daß Mizzi mein Bett benutzen sollte, während Ludwig sein gewöhnliches Lager auf dem Boden einnahm und ich mir auf einem großen Koffer und zwei Stühlen ein solches zurechtmachte. Wir entfernten uns dann, um Mizzi sich ungestört ausziehn zu lassen, und tappten uns nach einer Weile in die dunkle Stube zurück, wo wir uns angezogen niederlegten.

Nun kann ich es ruhig sagen: Leicht ist es uns nicht geworden, dieses Ruhen in einer Stube mit dem jungen, blühenden Mädchen. Ein leiser Ruf hätte genügt, und ich wäre allen Vorsätzen untreu geworden.

Das Mädchen aber schlief sanft und tief.

Es war gut, daß der nächste Tag ein Sonntag war, denn wir konnten erst gegen Morgen einschlafen, und es war schon spät am Vormittag, als wir erwachten.

Mizzi saß auf ihrem Bett, war schon angezogen und lachte uns mit frischen Augen an.

Als wir ebenfalls fertig waren, beratschlagten wir, was nun zu tun sei. Ludwig hatte vorgeschlagen, das arme Ding zu seiner Schwester, einer Kutschersfrau, zu bringen, die ein Bett zu vermieten hatte. Die Miete für die erste Woche wollten wir schön aufbringen. Mizzi war damit einverstanden und des Dankes voll.

So ging's vorerst in ein Volkskaffee, wo wir lustig zu dritt frühstückten, dann zu Ludwigs Schwester, die mit dem Vorschlag einverstanden war und das Mädchen gut aufnahm. Vielleicht würde es ihr gar gelingen, sie in der Kunstblumenfabrik unterzubringen, wohin sie selbst seit Jahren zu Hause erzeugte Kunstblumen lieferte.

Mizzi blieb gleich bei Ludwigs Schwester, und wir beide verbrachten den ganzen Sonntag im Gespräch über unsern Schützling, der uns eine jüngere Schwester sein sollte. Wir fühlten uns wie reife Männer, da wir nun für einen andern, jüngern Menschen zu sorgen hatten. Und all die Pläne für die Zukunft, die wir schmiedeten! Der schönste davon war der, daß wir einmal eine größere Wohnung und Mizzi zu uns nehmen würden, damit sie uns die Wirtschaft führe. Und jeder wünschte sie dann dem andern zur Frau. Sie war ja so hübsch und auch noch unverdorben!

Ach, es kam ganz anders, als wir es uns in den schönen Träumen ausmalten!

Unser gerettetes, von uns umsorgtes Lämmchen brach schon am dritten Tag aus seiner schützenden Hürde und ließ sich von dem Wolf, der niemand anderer als Freund Vickerl war, in ein billiges Stundenhotel führen. Dann verschwand sie auf Nimmerwiedersehn. Wir aber, Ludwig und ich, standen mit ausgeraubter Seele da und wollten das Ende dieses Geschehnisses lange nicht für wahr halten. Wochenlang war noch ein Lauschen und Schauen in uns, auf den Schritt, nach dem süßen Gesicht des Mädchens.

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