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Das rauhe Leben

Alfons Petzold: Das rauhe Leben - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeautobiography
authorAlfons Petzold
titleDas rauhe Leben
publisherAufbau-Verlag
printrun1. Auflage
year1985
firstpub1920
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel

Zughunde

Der Morgentau lag auf den Bogen und Pfeilern der eisernen Brücke und versilberte die Bäume der spärlichen Allee, ihnen einen Duft von unsichtbaren Wäldern im Rücken der Großstadt verleihend.

Ich betrat das hölzerne Stöckelpflaster der Brücke, deren stählerner Leib leise stöhnte im Vorahnen der Lasten des Tages. Unter mir brausten die Personen- und Lastzüge in den Dunst des Morgens, in den sich der fette Dampf unzähliger großer und kleiner Essen mischte. Milchkannen, Obstkörbe, Versandmaterial aller Art säumten in kleinen Hügeln die Schienen, auf denen es anscheinend wie irr und planlos hin und her rollte: zischende Lokomotiven mit ratternden Wagen. Hier und da zuckte ein rotes Fähnchen auf, ertönte ein schrilles Pfeifen, gab eine winkende Hand Ziel und Richtung dem rußigen Durcheinander. Der Früheilzug kam in herrlichem Tempo angeflogen, in Gold und Silber verschwand der letzte Wagen. Neben mir sagte jemand gutgelaunt und stolz über sein Wissen: »Dös is der Orient-Expreß, der halt erst in Sankt Pölten.«

Neid fraß mich an und ohnmächtiger Zorn: diese glücklichen Reichen! Fahren dahin, schlafen vielleicht noch, und wenn sie aufwachen, sehen sie keinen Fabrikrauch mehr, keine schmutzigen Zinshäuser und keine armen, traurigen Leute. Wälder und Wiesen liegen vor ihnen, zeigen ihre Blüten und geben ihnen Duft und Gesundheit, und wenn der Zug hält, so können sie Zeitungen lesen und Kaffee trinken.

Giftig spuckte ich vor mich hin und gewahrte dabei den warnenden Blick eines Wachmannes, der eben vorbeistolzierte. Der sah wohl schon den künftigen Anarchisten in mir? Verheißungsvoll lächelnd wandte ich dem Behelmten den Rücken und trabte meinem ersten Ziel zu.

Ich trug wieder einmal seit Wochen den »Pappendeckel« (Arbeitsbuch) mit mir herum. Erst gestern abend hatte mir ein alter Kamerad verraten, daß eine große Kartonagenfabrik den Hausknecht Knall und Fall entlassen habe und Ersatz suche. Ich war nun auf dem Wege nach dieser Fabrik und voll der Ungeduld eines Spielers, der stets Pech hat, aber immer wieder glaubt, endlich einmal zu gewinnen.

Die Brücke mündete in die Straße, wo sich die Kartonagenwerkstätte befinden sollte. Links und rechts stiegen riesige Fabrikgebäude auf, meist aus rotem Ziegel aufgeführt und mit riesigen Toren versehen, vor denen Heere von Arbeitern warteten. Als ich vorbeischritt, krachte schon eins der Tore auf, und über den Köpfen der Hineindrängenden trompetete siegreich das Nebelhorn. Nun beschleunigte ich meine Schritte. Wollte ich die Stelle haben, so mußte ich womöglich der erste sein, auf den der Blick des Menschen fiel, der über mein Schicksal zu entscheiden hatte. Ich rannte in der Eile einer Kräutlerin den Korb mit Grünwaren um, was diese mit einer Flut von Schimpfworten in wienerisch-böhmischer Mundart belohnte.

War's ein gutes oder schlimmes Zeichen? Ich drehte mich um: das schimpfende Weiblein war eine junge hübsche Tschechin. Ich mußte also die Stelle erhalten! Grenzgasse Nummer sieben. Hier sollte ich mein Glück versuchen. Das Haus war ziemlich verwahrlost. Große Stellen nackter Ziegel bleckten hervor, wo noch der Mörtel hing, war er naß und klebrig. Die Fenster waren mit zerkratzten Blindscheiben versehn, manche davon auch durch Pappendeckel ersetzt. Über dem schmutzigen Eingangstor hing schief und locker ein langes, von Hitze und Regen zerrissenes Schild; einige Buchstaben waren kaum zu erkennen. Endlich hatte ich den Namen entziffert. Es war die Firma, die ich suchte: Y. & Comp. Meine ganze Kraft anwendend, stieß ich das schwere Tor auf. In der Einfahrt engte mich ein Schachtelgebirge ein. Ich hörte mancherlei Lärm, auch menschliche Stimmen, konnte aber niemand erblicken. Es war, als ob es aus dem Innern der Schachteln redete. Da hatte ich den Stiegengang entdeckt, und nun erschien eine Angestellte der Kartonfabrik, eine Säule von Schachteln vor sich tragend. Ich wandte mich schüchtern an sie: »Bitt schön, wo ist denn das Kontor, ich möcht wegen dem Hausknechtposten fragen.« Hinter der Säule gellte eine Mädchenstimme: »Im ersten Stock, glei rechts d' erste Tür, 's pickt eh a Zettel drauf.«

Die redende Säule verschwand wieder in der Toreinfahrt, ein anderes Mädchen nickte mir hinter ihrer Last freundlich zu und meinte: »Viel Glück und a schöns Wetter!«

»Dank schön, schöne Fräuln«, gab ich schnell zurück und fühlte den Mut in mir wachsen; ich hätte es mit zehn Fabrikbesitzern aufgenommen.

Ich hatte auf meinen Gängen durch Fabriken, Werkstätten und andere Orte viel Schmutz und Verwahrlosung gesehn, aber so arg wie hier war es noch nirgend gewesen. Das Stiegengelände zeigte riesige Sprünge, das abschließende Eisengitter hing zerbrochen in die Tiefe, und die Stufen der Treppe waren eine Ewigkeit nicht mehr gewaschen worden. Die Wände waren glänzend und fettig, unflätige Worte waren allenthalben zu lesen. Wie ein schleimiges, ekelerregendes Tier kam der Gestank von Leim, Kleister und Unrat auf mich zu. Ich kam mir wie ein Kanaltrotter vor. Übelkeit stieg mir aus meinem leeren Magen auf, und jeden Augenblick vermeinte ich, Ratten an mir emporkriechen zu fühlen.

Na, Gute Nacht, dachte ich mir, wenn es schon hier so hübsch aussieht, wie wird es da erst in den Werkstätten sein! Vom Gang des ersten Stockwerks sah ich in mehrere Säle hinein, wo an langen Tischen die Arbeiterinnen saßen und Kartons klebten. Einige Heft- und Schneidemaschinen krächzten wie Raben in das schwirrende Geplauder der Mädchen. Im übrigen gab's nur Schachteln und wieder Schachteln. Riesige Hutkartons und Haufen winziger Apothekerschächtelchen. An der Milchscheibe einer geschlossenen Tür stand zu lesen: Büro der Kartonagenfabrik Y. & Comp. Sprechstunden von neun bis zwölf und drei bis sechs. Zu dumm, nun war ich zwei Stunden zu früh gekommen, denn es war ja erst sieben Uhr vorbei!

Aber hinter mir klärte mich eine Stimme auf: »Gengans nur nei, dös Zettl gült nix!« Ein graubärtiger Arbeiter war der Sprecher; aus dem großen Kleistertopf, den er in der Hand trug, duftete es liebreich zu mir empor.

Kurze Zeit darauf stand ich vor einem riesigen Schreibtisch. Ich leierte meinen Spruch herab: »Bitt schön, brauchns kein Hausknecht? Hab Jahreszeugniss', bin fleißig und ehrlich und kenn mich auf der Post aus.«

Mein Arbeitsbuch wurde begutachtet. Die längste Zeit schob es der Mann am Schreibtisch vor seinen kurzsichtigen Augen hin und her, um endlich zu bemerken:

»Se warn schon amal a Nagler auf Kartons. No so kennens es ja probiern. Se missn halt liefern fahrn und die Gäng machen. Die erst Woch bekommen Se zwölf Kronen, und wenn's geht, zahln mer dann fünfzehn Kronen die Woch. Natürlich missen Se abends so lange dableibn wie der Chef. Kennen Sie gleich eintreten?« Auf meine frohe, bejahende Antwort machte er einen Schritt zum Fenster hin, riegelte es mühsam auf und schrie mit einer Purzelbaum schlagenden Stimme in den Hof hinab: »Linna, kommen Se sofort herauf, a neuer Hausknecht ist da!« und dann zu mir gewandt: »De Linna is unser Laufmädchen, se werd Ihnen sagen, was Se zu tun haben. Vor allem müssen Se sein ehrlich wie unser Zughund, der Tyras, und rein und ordentlich, denn Se sein in an anständigen Haus. Tuns mir auch nix a Liebschaft anfangen mit einer von de Arbeiterinnen, denn, wie gesagt, mer sein a anständige Firma.«

Das Mädchen, dessen Bekanntschaft ich vorhin im Stiegenaufgang flüchtig gemacht hatte, störte durch ihr Eintreten die Anrede meines nunmehrigen Chefs. Sie warf mir einen freundlichen Blick zu und fragte nach den Wünschen des Herrn, nachdem sie sich mit der Schürze über das erhitzte Gesicht gefahren war.

»Se solln dem neien Hausknecht zeigen, was er zu tun hat; er kann dann gleich mit 'm Tyras zum Lemberger liefern fahren«, versetzte mein neuer Herr, und zu mir gewendet meinte er: »Ich wer Se nicht Alfons nennen, das is zu nobel, so heißt ka Hausknecht in ganz Wien, mer wern Se Karl rufen! Also machen Se Ihr Sache gut, dann kennen Se bei uns bleiben, bis Se grau sind.« Das dürftige Männchen versank wieder in dem Durcheinander des Schreibtisches, während ich mit Lina das Büro verließ. Zuerst zeigte mir diese die Kleisterküche. »Hier müssens alle Tag auf die Nacht fünf Kilo Stärk und drei Kilo Dextrin kochen, 'n Leim siadn si die Pickerinnen selba. Gelns«, lachte sie, als ich die Nase vor dem greulichen Gestank zuhielt, »wiar in an Parfümeriegschäft riacht's do net!« Aus einem der Säle nahmen wir jedes einen Stoß Schachteln mit und balancierten mit diesen die Stiege hinunter. Im Hofe, der von den Rückseiten der Häuser eingesäumt war, stellte mir Lina den Tyras vor. Er war ein rechtes Gemisch von allen möglichen Rassen, so recht mager in den Flanken, der Kopf war so groß wie der eines Kalbes. Das eine Auge schielte weiß Gott wohin, dafür blickte mich das andere um so treuherziger an. Als ich ihn ein wenig am Kopfe kraute, war er ganz begeistert und wedelte dankbar mit dem Schwanzstummel. Der Wagen war ein ganzes Ungetüm, beinahe wie ein kleiner Möbelwagen, die Seiten waren mit grauer Leinwand bespannt, die an der Decke mit Eisenstäben verbunden war. Ein leichtes Gruseln überfiel mich, als ich mir vorstellte, daß ich mit diesem Vehikel durch die verkehrsreichsten Straßen Wiens fahren sollte. Auf dem Granitstöckelpflaster des Hofes standen schon eine Reihe weißer Kartons, auf denen in vornehmster Aufmachung »Made in Austria« zu lesen war. »Die ghörn in die Miederfabrik Lemberger in der Schmalzhofgassn und müassn no vur zwölfe gliefert wern; tragn ma no die letzn aba und raman mas eina, kummans, Karl!«

Wir schleppten nun noch eine Menge Schachteln herunter, gleichzeitig machte mich Lina auch mit einer oder der anderen der Arbeiterinnen und Arbeiter bekannt. Letztere waren Nagler der Postkartongestelle und Zuschneider, die ihre Nase etwas hoch trugen, weil sie die höchstbezahlten waren. Der blonden Lina aber kamen alle freundlich entgegen, nahmen aus ihren Augen Lachen und Aufmunterung zu harmlosen Witzen.

Der Handwagen mußte außerhalb des Hauses gepackt werden, da er sonst nicht durch die niedere Toreinfahrt gekommen wäre. Über tausend große Schachteln schichtete ich in sein Inneres, die übrigen türmte ich auf dem Dach auf. Nun holte ich mir den Tyras, der sich geduldig in die Deichsel spannen ließ. Auch dabei half mir die alles wissende Lina, sie brachte Ordnung in das Durcheinander des schmierigen Halfterzeuges, hing die Wasserschüssel des Hundes an die Querachse und gab mir manch guten Ratschlag. Hätte ich mir nur den einen oder anderen gemerkt und befolgt! Aber alle Worte des hilfsbereiten Mädchens versanken in mir wie die Steine im Wasser, denn mich beschäftigte die Angst vor meinem Debüt als Hundekutscher, der selbst anziehen und mitlaufen mußte.

Alles war zur Abfahrt bereit. Der Hund zog ungeduldig an den Strängen, ich holte den Lieferschein und legte fatalistisch das »Scheibband« um die Brust. Die Sonne stach unerbittlich auf die Straßen herunter. Hitze sickerte aus Holz, Fenster, Stein und Eisen; die abfallende Granitfläche der Fahrbahn schoß wie ein glattes Eisfeld in die Hauptstraße des Bezirks, von der die roten Trambahnwagen beim Vorübersausen wie riesige Pfingstrosen heraufleuchteten. Gegen meine Brust stemmte sich die halbe Stadt. Der Wagen hinter mir schien ein rollendes Riesenquadrat, dessen obere Fläche den Himmel streifte. Immer rasender stieß er mich die abschießende Straße hinab. Feuer sprühte vor meinen Augen auf, drang mir ins Gehirn und zerriß mir die klare Überlegung. Vergebens versuchte ich, mich gegen die Vorderwand des Wagens zu stemmen und den wilden Lauf zu hemmen. Seine treibende Schwerkraft spottete der ohnmächtigen Anstrengung meiner Muskeln. Dazu zog Tyras keuchend und nach Kräften in den Riemen und war weder durch meine Zurufe noch durch Schläge, die ich in der höchsten Angst gegen seinen Kopf führte, von seinem Eiltrab abzubringen. Ein Mann, der sich uns entgegenstellte und den Wagen aufhalten wollte, wurde zur Seite geschleudert. An schreienden, mit den Händen herumfuchtelnden Leuten, an träge dahinschleichenden Lastfuhrwerken, kreischenden Kindern und bellenden Hunden sauste ich mit meinem irrsinnig gewordenen Hundefuhrwerk vorbei. Ein Weib, das die Gasse eben überquerte, verlor bei der Flucht vor uns ihren Sonnenschirm; unter Füßen und Rädern krachte er zusammen. Durch einen Wirbel von Schimpfworten und Gelächter ging es weiter. Was vorauszusehen war, wurde blitzschnell zum Ereignis. In unaufhaltsamem Wurf schleuderte mich der Wagen in die Hauptstraße gegen die elektrische Straßenbahn. Mitten in dem Geprassel und Krachen hatte ich das Gefühl, eine Fliege zu sein, die von einer riesigen Hand an eine Wand gedrückt wird. Die Deichsel riß mich und den Hund, dessen Riemenzeug alt und morsch wie ein Bindfaden, in die Höhe, um uns dann auf die Seite zu stoßen. Sie selbst brach mitten auseinander. Das war in einer Sekunde geschehen. Ein rotnasiger Mann mit einer weißen Schürze half mir aus meinem Schachtelhaufen heraus. Dicht um mich stand eine Menschenmauer. Neugierige, mitfühlende, aber auch boshafte und ausdruckslose Augen waren auf mich gerichtet. Und hundert Fragen, Ratschläge, Ermahnungen schwirrten auf mich ein:

»Wia is Ihnan denn dös Malör geschehn?«

»Na so was, da hättns Ihnan aber schön auszahln können.«

»Hams Ihnan recht weh tan?«

»Trinkens schnöl a Glasl Wei, sö san ja kasweis in Gsichtl!«

»Meiner Söl, heutzutag haben's dö Viecher bald bessa wia d' Menschen! A so an Möblwagen soll a Mensch dazahn!«

»Ihnan Herrn sollt man zehn Tag einspirren, den Leutschinder!«

Ein Wachtmann hieß gravitätisch die Menge schweigen, zog ein dickes Notizbuch hervor und notierte sich umständlich meine Personalien und die Adresse meines Brotgebers.

»Vergessens die Halsweite nöt, Herr Gschaftlhuber«, erhielt er aus dem Menschenknäuel zugerufen.

Außer Hautabschürfungen geringfügiger Art verursachte mir nur eine Verletzung am rechten Ellbogen arge Schmerzen. Doch ich achtete jetzt der Schmerzen nicht, war ich doch voll Sorge über das Schicksal meines Wagens und dessen Ladung. Glücklicherweise fand ich ihn aber fast unbeschädigt vor; nur die Deichsel war zerbrochen und eine Planwand zerrissen. Freilich von der Ladung, die sich auf dem Dache befunden hatte, waren zehn bis zwölf Schachteln beschädigt worden. Da ich ohne Lenkstange nicht weiterfahren konnte, räumte ich die Schachteln wieder auf den Wagen hinauf, schob den Wagen mit viel Mühe in eine stille Seitengasse und begab mich klopfenden Herzens in die Fabrik zurück, um mein Unglück zu melden. An meiner Seite trabte in größter Seelenruhe Tyras. Auf der Stiege begegnete ich Lina, der ich mein Mißgeschick erzählte.

»Dös kann an jedn geschehn mit dera Bablatschn. Gehns nur auffi zun Herrn, er wird Ihnan net fressen«, tröstete sie mich.

Mein Chef hörte den Bericht wirklich gelassen an; er strich sich jedes Haar seines Ziegenbartes und notierte einige Zahlen. Als ich zu Ende war, meckerte er vorwurfsvoll: »Se haben doch e Zeugnis als Nagler in einer Kartonagenfabrik. Als solcher müßten Sie doch mit an Handwagen und an Hund fahren kennen! Wir kennten Sie gleich wieder entlassen, aber mer wolln ä Aug zudricken, weil Se sonst ka übler Mensch sein. Für de zerbrochene Deichsel wer ma Ihnen fünf Kronen de Woch abziehn. Sein Se einverstanden? De kaputten Kartons müssen Se uns auch ersetzen.«

De- und wehmütig nahm ich den Vorschlag an, da ich doch nicht wieder auf der Straße stehen wollte. Freilich, den Hosengurt hieß es bei den Abzügen beinahe ebenso fest um den Leib schnüren, wie wenn ich arbeitslos gewesen wäre.

Mit einem kleineren Reservewagen karrte ich von der Unglücksstätte die Kartons in die Schmalzhofgasse, wo ich von dem Herrn zehn Heller Trinkgeld erhielt; in einer nahen Volksküche erstand ich dafür eine Schale Reis.

Der Wagnermeister, der die Reparatur des zerbrochenen Wagens übernahm, erklärte mir, daß die Reparatur fünfzehn Kronen betragen werde. Dazu kamen noch mindestens, fünf Kronen für die Schachteln. So hatte ich den übrigen Tag nicht mehr viel Freude an der Arbeit, vergaß über dem Grübeln sogar die Schmerzen am Ellbogen. Erst spät am Abend, als ich daran gehen wollte, den kleinen Wagen einer Reinigung zu unterziehen, bemerkte ich beim Aufkrempeln der Hemdärmel, daß mein rechter Unterarm ganz beträchtlich geschwollen war und wie Feuer brannte. Auch Lina, die in meiner Nähe Stärke zerstampfte, bemerkte es:

»Jessas, Marand, Joseph«, schrie sie entsetzt, »wia schaun denn Sö aus; und do sagns net amal was, Sö leichtsinniger Kampl! So kennan ja brandig wern!« Sie lief eiligst davon und kam nach einer Weile atemlos mit einem Fläschchen und reiner Leinwand zurück. »Guat is«, sagte sie glücklich, »daß d' Apothekn glei ums Eck is. Da hab i a essigsaure Tonerdn kauft. Dö wird Ihna bis murgn die Geschwulst nehma. Aber Sie müssn fleißig Umschlag machen! Dös Wagelwaschen lassens jetzt steh, jetztn kann der Dreck a no a paar Tag draufpicken. Gehns glei ham, den Kleister kann i für murgn kochn.«

Mit flinken Händen machte sie mir einen kühlenden Verband um den Arm, während mir Tyras teilnahmsvoll, zärtlich die Finger schleckte. In der darauffolgenden Nacht träumte ich in meinem harten Mietbett einen der schönsten Träume meines Lebens. Ich war in einem tiefen Walde als ein von Räubern halbtot geschlagener armer Handwerksbursche von einer wunderschönen Prinzessin aufgefunden und von Jägern auf ihren Befehl in ihr Schloß gebracht worden, wo ich nun königlich in seidenen Kissen lag und von weichen Prinzessinnenhänden auf das liebreichste gepflegt wurde und so weiter, wie es eben schon in einem solchen Märchentraum zuzugehen pflegt. Und daß meine süße Traumprinzessin die Gesichtszüge und Gestalt meiner kleinen Samariterin in der Schachtelfabrik hatte, brauche ich wohl auch nicht besonders zu erwähnen.

Am nächsten Morgen kaufte ich für meinen vierfüßigen Leidensgefährten Tyras eine Pferdewurst um vier Heller. Sodann schlich ich mich, in Erinnerung meines ehemaligen Trapper- und Indianerdaseins, vorsichtig und immer zur kühnsten und schnellsten Flucht bereit, in einen öffentlichen Park und raubte weißen und blauen Flieder zu einem mächtigen Strauß zusammen. Der Gott der Diebe, vielleicht auch ein bißchen der Gott der ... Liebe beschützten mich. Heil kam ich mit meiner Beute in die Werkstätte.

Lina lachte festlich, als ich ihr, rot wie ein Hahnenkamm und mit stotternden Worten, den Flieder überreichte, und der Glanz ihrer Augen machte im Verein mit dem süßen Duft der Blüten das dunkle, stinkende Stiegenhaus, in dem sich diese Szene abspielte, zu einem schön geschmückten, sonnigen Saal.

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