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Das Ratstöchterlein von Rothenburg

Else Ury: Das Ratstöchterlein von Rothenburg - Kapitel 8
Quellenangabe
authorElse Ury
titleDas Ratstöchterlein von Rothenburg
publisherA. Anton & Co.
yearo.J.
printrunDritte Auflage
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180904
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7. Kapitel

Wie der siebzehnte Geburtstag endet

Was am Abend schwer und dunkel vor einem liegt, erscheint beim Morgenlicht nur halb so arg und bedrückend. Und währte es auch Tage, bis Magda mit der harten Enttäuschung, nicht als Wandervogel ihre Schwingen regen zu dürfen, fertig wurde; die Vöglein draußen im lichten Geäst der alten Hoflinde jubilierten so sangesfreudig, und jeder junge Morgen warf ihr mit vollen Händen Duftwellen von Blauveilchen zum Gruß entgegen, wenn sie auf ihren kleinen Luginsland hinaustrat. Konnten da unfrohe, mit dem Schicksal hadernde Gedanken wohl standhalten?

Heute aber schaut das Ratstöchterlein zum ersten Male wieder so recht strahlend in das tief unter ihm sich wohlig im Morgentau badende Taubertal. So hell und licht ist die Welt. Der durch das Wiesengelände sich schlängelnde Fluß blitzt wie ein silbernes Band. Die verwitterten Türme rings haben sich mit ihren lustigsten, feuerroten Ziegelmützen geschmückt; das alte Mauerwerk hat aus allen Ritzen junges Frühlingsgrün herausgehängt. Denn heute ist ja ein Freudentag: Das Ratstöchterlein feiert seinen siebzehnten Geburtstag.

Frei und leicht, hell und froh ist dem Geburtstagskinde heute ums Herz. Es war ja kindisch, einem nicht gestatteten Vergnügen nachzutrauern. Ihr Streben ging doch auf ganz anderes, hatte sich doch wirklich ernstere Ziele gesetzt. Die Hauptsache, daß sie diese Wünsche, die für ihr ganzes Leben von Bedeutung waren, beim Vater durchsetzte. Ach, es würde noch alles gut werden – gewiß!

Ganz deutlich fühlte sie es heute. Erneute sich nicht alles jetzt? Durchdrangen nicht jeden alten Baum, jeden noch so knorrigen Ast junge, frische Säfte? Und nur das alte Patrizierhaus sollte unempfänglich sein für neues Werden?

Nur das Herz des Vaters sollte so am verdorrten Alten hängen, daß es für junges Wünschen kein Verständnis besaß? Nein – nein – Magda konnte es nicht glauben.

Wenn sie heute an ihrem Geburtstage mit ihren Zukunftsplänen hervortrat, würde der Vater ihren Wunsch gewiß leichter erfüllen. Ja, heute mußte sie ihn bitten, sie aufs Gymnasium zu schicken und studieren zu lassen. Kein anderer Tag war so günstig.

Diese Erkenntnis stand plötzlich klar vor Magdas Seele und wollte ihr die eben noch so freibeschwingte doch ein wenig niederdrücken und verzagt machen.

Aber tapfer holte sie sich beim Frühlingssonnengeflimmer, bei all den winzigen kleinen Knospen da draußen neuen Mut. Dann folgte sie Trautchens heller Stimme, die sie herunterrief.

Aus noch blankeren Augen als gewöhnlich schaute das alte Patrizierhaus heute drein. Nicht umsonst hatte Tante Brigitte und Barbara die Reinmachefluten hindurchbrausen lassen: Jedes Stück blitzte und funkelte, als sei es nagelneu und nicht längst dahingegangenen Zeiten entstammend.

In der roten Stube, dem Topplerschen Wohnzimmer, stand der Geburtstagstisch. Blütenweiß gedeckt, mit Tannengezweig, aus dem Krokus, Schneeglöckchen und Leberblümchen lugten, umwunden. Wie hübsch hatte Tante Brigitte das gemacht! Von der Mitte des Tisches flammte ein Kranz von Lichten, achtzehn an der Zahl, das dicke, große Lebenslicht die siebzehn kleineren überragend. Das erste, worauf Magdas Blick fiel, war ein Bildnis ihrer Mutter. Nach dem kleinen Pastellbilde, das drin im Wohnzimmer hing, hatte der Vater es ihr nacharbeiten lassen. In wortlosem Dank schmiegte sich Magda an seine Brust. Wortlos bat sie ihm insgeheim den Zweifel ab, daß er kein Verständnis haben sollte für das Wünschen seines Kindes.

»Mache mir Freude wie bisher, mein Mädel, und werde ein würdiges Glied unseres alten Geschlechts.« Der Vater küßte seine Tochter auf die Stirn. Für allzu lebhafte Zärtlichkeitsbezeugungen waren die Topplers nie gewesen. Das Tantchen schien darin keine echte Toppler zu sein. Das wollte Magda gar nicht wieder aus dem Arm lassen, als könne es dieselbe so am besten bewahren vor all dem Schädlichen, das von außen auf die junge Mädchenseele eindrang.

»Gott schütze dich, Magdachen, und führe dich stets den rechten Weg,« begann die alte Dame gerührt. Denn Rührung gehörte bei ihr vor allem zu einem richtigen Glückwunsch.

Aber Trautchen hatte unmöglich Zeit, so lange zu warten, bis Tante Brigitte mit ihrer Rührung und all ihren Wünschen fertig war. Die hängte sich einfach an Magdas Rücken und rief: »Ich gratuliere dir hundertmillionentausendmal, Magdachen. Und ich schenke dir den kleinen Silberpantoffel aus meinem Stickkasten, ich hab' ihn ganz allein bestickt.«

Stolz hielt die Kleine ihr das in leuchtendsten Farben prangende Kunstwerk entgegen.

Es war ein reicher Gabentisch, des alten Patrizierhauses würdig. Einen großen kunstvoll gearbeiteten Anhänger mit herrlichem Smaragd an feinem Silberkettchen hängte der Vater ihr um den zarten Hals.

»Der stammt noch aus Dürers Zeit. Von ihm oder seinem Vater gearbeitet. Die Töchter unseres Hauses haben ihn stets bei feierlichen Gelegenheiten getragen.«

Magdas ausgeprägter Schönheitssinn verstand das Kunstwerk gebührend zu würdigen. Und sie verstand auch, daß der Vater das Wandervogelverbot, das sie so hart getroffen, durch seine kostbare Gabe gut machen wollte. Vor lauter Bewundern fand sie kaum Zeit für ihre andern Geschenke.

Aber Trautchen sorgte schon dafür, daß dieselben nicht in Vergessenheit gerieten. »Magdachen, sieh doch nur, eine Uhr hast du ja auch geschenkt bekommen. Vater sagt, damit du jetzt immer pünktlich bist. Au – und das feine mattblaue Seidenkleid – richtige Wirtschaftsschürzen – haach, und die schöne Schokolade! Von Werner kriegst du auch noch was, aber erst, wenn er aus der Schule kommt. Und von Tantchen ist das dicke Buch. Liest du mir daraus nachher ein Märchen vor, Magdachen?«

Ein Buch – und noch dazu von Tante Brigitte? Magda glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Seit ihrer Einsegnung hatte sie keine Bücher mehr vom Vater oder der Tante geschenkt bekommen. Der Ratsherr, der seine Tochter als Leseratte kannte, wünschte, daß dem nicht noch mehr Vorschub geleistet werde.

»O Tantchen« – – – dankbar drückte sie der guten Tante die Hand. Nicht einmal das erste Ballkleid kam gegen das Buch auf. Sie griff nach dem umfangreichen Band. Der blaugraue Leinendeckel zeigte keine Inschrift. Magda schlug das Buch auf.

»Kochrezepte, selbst ausprobiert und niedergeschrieben für meine liebe Nichte Magdalena Toppler von ihrer alten Tante Brigitte,« prangte auf dem Titelblatt in Tantes feinen Schriftzügen.

Kaum vermochte Magda ihre Enttäuschung zu verbergen.

»Eine Handarbeit, Magdachen.« Mit schüchternem Lächeln wies die Tante auf die Blätter. »Wenn deine alte Tante längst nicht mehr da ist, wird dir dieses Buch sicher noch gute Dienste leisten.«

»Tante Brigitte hat wieder mal den Vogel abgeschossen. Das ist ein ebenso schönes wie praktisches Geschenk, das lob' ich mir. Und die große Arbeit und Mühe, welche dazu gehört. Aber dafür hat es auch bleibenden Wert. Paß auf, Tante Brigitte, statt einer Familienchronik, die wir Topplers ja leider nicht besitzen, wird sich dein Kochbuch von Generation auf Generation vererben.« Also ließ sich der Ratsherr anerkennend vernehmen.

»Ach nein, Heinrich, so ist es nicht gemeint,« wehrte die Tante bescheiden ab. »Es soll nur dem Magdachen ein wenig zur Seite sein, wenn ich es mal nicht mehr kann.«

Das »Magdachen« hatte zum Glück indessen Zeit gefunden, ihre Enttäuschung niederzuringen. Das gute alte Tantchen durfte dieselbe keinesfalls merken. Und als Magda jetzt zwischen all den Knödeln, Gelees, Braten und Leckereien zu blättern begann, da ging auch ihr die Größe der liebevollen Mühe auf, und sie vermochte sich herzlich, wie es sich gehörte, für Tante Brigittens Kochbuch zu bedanken.

Insgeheim hoffte das Ratstöchterlein, dasselbe so wenig wie möglich zu benutzen.

»Nun aber zum Frühstück, Kinder, der Magen hängt mir schon schief,« mahnte der Vater.

Die blitzende messingene Kaffeemaschine summte alsbald, und Barbara erschien im Feststaat, dem grauen Gingankleid, das wie Seide glänzte, und ihrer schönsten gefältelten Haube. In den Händen trug sie den mit Blumen geschmückten Geburtstagskuchen, in dessen Mitte ein großes Marzipan-M prangte. Dieser Kuchen war Barbaras Spezialität. Sie hatte ihn schon gebacken, wie sie als junges Ding das erstemal den Geburtstag von Magdas Großmutter selig mitfeierte. Seitdem durfte er bei keinem Familienwiegenfest fehlen. Er blieb immer gleich gut, nur der Buchstabe wechselte.

»So, Magdachen, da wäre der Geburtstagskuchen. Und ich gratuliere auch vielmals und wünsche dir einen recht netten Mann,« damit stellte Barbara ihr Kunstprodukt auf den Frühstückstisch.

»Ach, Bärbchen, ich will gar keinen Mann.« Magda wurde rot im Gedanken an ihre ganz anderen Ziele.

Aber Barbara ließ sich nicht irre machen. »Und hier wären auch wieder ein Dutzend selbstgestrickter Aussteuerstrümpfe, Magdachen. Darin läuft man bis zur Silberhochzeit.«

Magda dankte der treuen Alten und wandte sich den Postsachen zu. Nur ein schriftlicher Glückwunsch war eingetroffen. Aus Stuttgart von einer ehemaligen Schulfreundin, die dort in Pension war. Aber daß der Heinz gar keine Zeile gesandt hatte! Es fehlte Magda ordentlich etwas, daß sie den Glückwunsch ihres Lieblingsbruders entbehren mußte.

»Er wird bei all seinen Examensarbeiten den Geburtstag vergessen haben, der Junge. Ist ja auch kein Wunder. Zuviel lernen verdummt bloß,« scherzte der Vater gut gelaunt.

Der Heinz ihren Geburtstag vergessen – ausgeschlossen! Und wenn er auf dem Mond wäre, er würde ihr einen Gruß senden.

»Gewiß kommt ein großes Paket von ihm und was Feines drin,« meinte Trautchen pfiffig. Für sie waren die Geschenke wichtiger als die Glückwünsche.

Ja, es kam ein großes Paket. Als die Hotelwagen von der Bahn zurückholperten, wurde ungestüm an der blitzblanken Türklingel gerissen. Die alte Barbara konnte nicht schnell genug öffnen, da erklang die Schelle schon ein zweites Mal, noch ungeduldiger.

»Na, kann der sich nicht hübsch Zeit lassen!« brummte die Alte ärgerlich.

Nein, der Einlaßbegehrende hatte keine Zeit. Im Frack und weißer Binde stand er vor der ihn mit verwunderten Augen anstarrenden alten Dienerin – der Sohn des Hauses.

»Hurra, Bärbchen – durch! Hurra – da habt Ihr einen frischgebackenen mulus

»Frisch gebacken, ei freilich, wir haben tüchtig gebacken. Napfkuchen, Topfenstrudel und Mohnstolle, aber Mulus, nein, den haben wir nicht gebacken.« Barbara schüttelte den alten Kopf, und alle Tollfalten ihrer weißen Haube schüttelten mit.

Heinz lachte laut. Und sein Lachen lockte im Augenblick die gesamte Familie Toppler, Peter und Mohrchen einbegriffen, auf die Diele hinaus.

»Der Junge – da ist er ja – na, alles gut gegangen – gratuliere!« Der Vater klopfte dem Sohn erfreut den Rücken.

»Vom Mündlichen befreit, Vater – sonst müßte ich heute noch Blut schwitzen, anstatt hier mitzufeieren. Wo ist denn unser Geburtstagskind?«

Da stand es schon hinter ihm, mit strahlenden Augen und wehenden Goldzöpfen. Denn Magda war gerade beim Anziehen gewesen. Ungestüm warf sie sich dem Bruder an die Brust und küßte ihn so zärtlich, als gelte es zu beweisen, daß die Toppler das trotz alledem verstanden.

»Das ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk, Heinz.«

»Ich hab's gewußt – ich hab's geahnt! Habe ich's denn nicht gesagt, daß der Junge heute kommt! Die ganze Zeit hat's mir schon in den Knochen gelegen!« Das Tantchen pflegte immer alles vorher gewußt und geahnt zu haben, wenn es – bereits eingetroffen war.

»Jetzt kommt erst das eigentliche Geschenk, Magda,« aus allen Taschen seines Überziehers zog Heinz ein Paket, jedes von gleichem Format.

»Bücher?« Magda fragte es herzklopfend, während sie die Schnur löste. Es würden doch nicht auch wieder Kochrezepte herauskommen?

Nein, Ibsensche Dramen waren es, mehrere Bände – »ach, Heinz, wie freue ich mich!« ganz heiß und rot wurde Magda.

»Ibsen?« Der Ratsherr zog die Stirn kraus. »Ich glaube, damit hast du keinen glücklichen Griff getan. Junge. Ibsen ist für junge Mädchen keine geeignete Lektüre.«

»Aber Vater, meine Freundinnen lesen ihn doch alle, es gehört doch zur heutigen Bildung,« Magdas Freude kam ins Wanken.

»Du weißt, deine Freundinnen sind mir nicht immer maßgebend, Kind. Ich will keine moderne Tochter haben mit Nerven und überspannten Ideen. Echt weiblich, wie es die Topplerschen Frauen stets waren, wünsche ich meine Töchter.«

In Magdas zartem Gesicht kam und ging das Blut. War es nicht gerade, als ob der Vater wußte, was sie sich für den heutigen Tag vorgenommen hatte? Als ob er im voraus jede Bitte abschnitt?

»Ja, die Topplerschen Frauen von früher haben sicher nicht Ibsen gelesen,« seufzte da Tante Brigitte. Nun wußte sie ja, woher Magda ihre modernen Anschauungen hatte.

»Nein, ganz gewiß nicht, Tantchen,« wie aus einem Munde riefen es Heinz und Magda lachend.

Dann eilte das Geburtstagskind wieder in sein Stübchen hinauf, um sich ganz rasch in den festlichen Staat zu werfen. Denn die Gratulanten konnten bald kommen.

Sie ließen nicht auf sich warten. Als der Zeiger der schön gemalten Standuhr in der Dielenecke eben zum zwölften Schlage ausholte, begann die große Cour. Alle die Honoratiorendamen des Städtchens mit ihren Töchtern, der ganze hochwohllöbliche Rat Rothenburgs, wenigstens der weibliche Teil desselben, bewunderte umschichtig Magdas erstes Ballkleid und Tante Brigittes köstliche Nußkremetorte. Der Tisch füllte sich mit Blumen und Konfekt.

Da dachte wohl manch eines der jungen Mädchen heimlich: »Was ist doch die Magda Toppler beneidenswert! Bildhübsch und reich, ein jeder Wunsch wird ihr erfüllt – wer's doch auch so hätte!« Sie ahnten nicht, daß es sich mitunter beim lebhaftesten Plaudern und hellsten Lachen plötzlich wie ein eiserner Reif um die Seele des so fröhlich scheinenden Geburtstagskindes legte. Die Aussprache mit dem Vater! Du grundgütiger Gott, wenn sie doch erst vorüber wäre! So oder so – nur nicht mehr dieser entsetzliche Zustand in der Schwebe.

Ach, Magda sollte diesen Druck noch bis zum Abend mit herumschleppen. Keine ruhige Minute fand sich im Laufe des Tages zu einem derartigen ernsten Gespräch.

Gleich nach dem Mittagessen wurde der große Ausziehtisch auseinandergeschoben und die Kaffeetafel gedeckt. Behutsam gab Tante Brigitte aus den tiefen Nürnberger Schränken die Familienerbstücke, die nur bei feierlichen Gelegenheiten das Licht erblickten, heraus. Jedes einzelne Stück, sorglich und liebevoll: Die alten Blümchentassen, die wie Rokokodamen auf zierlichen Füßen dastanden, die schwersilbernen Kannen und Kuchenkörbe und vor allem die hohe Zuckerschale, die in feinster Silberfiligranarbeit Bilder aus Rothenburgs mittelalterlicher Blütezeit zeigte.

Zwischen all den antiken, kostbaren Geräten prangten die Erzeugnisse heutiger Kunst: Der riesige Rosinennapfkuchen, Topfenstrudel, Mohnstolle und Torten. In solcher Menge, als gelte es den mittelalterlichen Vers zu bewahrheiten:

»In Rothenburg uff der Tauber
Ist das Mühl- und Backenwerk sauber.«

Ja, in solcher Fülle, daß kein Mensch es merkte, wenn Werner, so oft er durch das Speisezimmer ging – und das war nicht selten –, jedesmal ein Stück mitgehen hieß.

Zum Geburtstagskaffee wurden die Freundinnen erwartet. Auch verschiedene von Urzeiten her mit dem Topplerschen Hause verschwägerte Familien, mit denen man sich sonst das ganze Jahr nicht besuchte, hielten es für angemessen, an solchen wichtigen Tagen ihren Familiensinn und ihren guten Appetit zu bekunden.

Magda überließ Tante Brigitte die Repräsentation des Hauses und die Unterhaltung mit den Verwandten zehnten Gliedes. Die hatte heute genug mit ihrer Änne und Ursel zu bereden.

Wie sie es dem Vater wohl am besten beibrachte, ob allein oder in Gegenwart von der Tante und Heinz. Ach – und wie sollte sie es bloß sagen? »Ursel und liebste Änne, könnt ihr nicht zum Abendessen dableiben und mir sekundieren? Ich glaube, ich bin mutiger, wenn ich euch mir zur Seite weiß.«

»Aber Magda,« lachte Änne, »du tust doch gerade, als ob du aufs Schaffot solltest. Wie nett war dein Vater vorhin, als ich dir mein Bildchen schenkte. »Diese Kunst lasse ich gelten,« sagte er sogar.«

»Ja, bei andern allenfalls. Und weil es unser liebes altes Rothenburg war, aus dem du den malerischen Winkel genommen.«

»Bitte sehr, zu mir war dein Vater genau so freundlich. ›Ei, das habe ich ja noch gar nicht gewußt, daß Apothekerlehrlinge auch Pralinés fabrizieren können,‹ neckte er mich. Nur als ich es dann wagte, noch mal Sturm zu laufen, ob du nicht doch noch unserm Wandervogelverein beitreten dürftest, machte er ein Gesicht, als ob er mich fressen wollte.«

»Na, siehst du! Also, ihr wollt nicht bleiben?« Magda schien recht kleinlaut.

»Vater geht heute abend fort, da habe ich Dienst in der Apotheke.«

»Und ich muß dem Onkel das Abendbrot richten, Magda. Ich finde es auch deiner nicht würdig, daß du dich hinter uns verkriechen willst.«

Das Letzte traf. Das Ratstöchterlein blickte zu dem kleinen Bildnis der Magdalena Hirsching an der Wand herüber und schämte sich vor ihr, deren Namen es trug, seiner Feigheit.

Und nun waren die Gäste alle gegangen. Die lange Tafel war wieder zum gemütlichen Familientisch zusammengeschrumpft, die helle Lichterkrone erloschen. Nischen und Wölbungen des Raumes erfüllten tiefe Schatten. Nur den Sofaplatz bestrahlte sanftes Licht.

Magda hatte Klein-Trautchen ins Bett gebracht.

»Deine Backen sind so heiß wie Feuer, Magda, und deine Hände kalt wie ein Schneemann,« sagte die Kleine beim Gutenachtkuß.

Ja, Magda fieberte förmlich vor Erregung. Wenn nur Tante Brigitte sich nicht einmischen und auch ihrer Meinung Ausdruck geben wollte! Hätte sie das Tantchen am Ende nicht doch lieber verständigen sollen? Nun war's zu spät.

Nur der Vater und Heinz saßen um den runden Tisch, als Magda zurückkehrte. Werner war von seinen allzu häufigen Wanderungen durch das Eßzimmer und dem damit verbundenen Kuchengenuß so kreuzelend geworden, daß Tante Brigitte ihn mit den Universaltropfen aus ihrer Hausapotheke versorgen mußte.

Jetzt war die günstigste Gelegenheit – wie ein Hammer schlug Magdas Herz plötzlich bis in den Hals hinein.

Der Vater besprach gerade mit Heinz seine zukünftigen Studien.

»Jura und Nationalökonomie, das läßt sich hören. Auch damit bin ich einverstanden, mein Junge, daß du ein Zimmer bei der Mutter deines bisherigen Lehrers Dr. Lindner beziehst. Da weiß ich dich wenigstens in guten Händen.«

»In den besten, Vater. Ich kenne keinen zweiten, der so anzuregen weiß und soviel Verständnis für uns junge Menschen aufbringt wie Dr. Lindner.«

»Ei, so schweigsam, Magda? Warum sitzt du denn da hinten im Dunkeln? Komm nur an den Tisch – ich will mich heute an meinen beiden Großen freuen,« wandte sich der Vater jetzt zu der sich im Hintergrund aufhaltenden Tochter.

Langsam trat Magda näher. Machte das Licht das Mädel so bleich?

»Ist dir was, Kind? Doch wohl ein bißchen anstrengend, sich den ganzen Tag unterhalten zu müssen, was?«

Magda schüttelte stumm den Kopf. Keinen Ton brachte sie heraus.

»Am Ende nicht mit den Geschenken zufrieden?« Oft war Vater nicht in so guter Stimmung.

»Ja, unser Geburtstagskind hat noch einen Wunsch auf dem Herzen,« kam Heinz da, wie ein Mädel errötend, als treuer Bruder seiner Magda zu Hilfe.

»Der Tausend – solche anspruchsvolle Tochter habe ich? Also heraus damit! Wo fehlt's denn noch? Ein Band – eine Nadel – – –«

»Nein Vater, es ist ganz etwas anderes.« Magda hielt die Augen krampfhaft auf das Bild der Urahne Magdalena gerichtet, als müsse sie sich aus deren lieblichen Zügen Mut holen. »Laß mich etwas lernen, Vater!« Ein tiefer Atemzug hob die junge Brust – nun war's heraus.

»Das sollst du, Kind – je mehr, je besser! Tante Brigitte und Barbara werden dich in allem unterweisen, was es im Hause zu lernen gibt. Auch an eine Schneiderstunde für den nächsten Winter habe ich schon gedacht und – – –«

»Nein, Vater, nein – das füllt mich nicht aus. Ich möchte wie Heinz mein Abiturium machen und studieren.«

Magda schloß für eine Sekunde die Augen.

Ging die Welt jetzt unter?

In der nächsten Sekunde aber riß sie dieselben wieder erschrocken auf. Ein Lachen hatte ihr Ohr getroffen, ein höchst belustigtes Lachen. Vater lachte – er nahm ihre Worte gar nicht ernst.

»Famoser Witz, Mädel! Von dieser ulkigen Seite habe ich dich ja noch gar nicht gekannt. Das mußt du von dem seligen Großonkel Balduin her haben, der konnte auch mit ernstestem Gesicht die komischsten Dinge sagen.« Wieder lachte der Ratsherr.

Was fragte Magda in diesem Augenblick nach dem seligen Großonkel Balduin!

»Lieber Vater,« begann sie noch einmal, während sie ihre Nägel in die Handflächen einbohrte, »es ist mein heiliger Ernst mit dem, was ich sage. Die Menschen sind doch nicht alle gleich. Die einen sind mehr für häusliche Beschäftigung, die andern fürs Lernen. Mich haben Bücher immer mehr interessiert. Ein jeder muß sich doch seinen Beruf nach seiner Persönlichkeit wählen. Ich habe mich bereits allein mit Heinzens Schulbüchern bis zur Obersekunda vorbereitet. Schicke mich nach Würzburg oder München aufs Mädchengymnasium, Vater – lieber Vater!« Mit bittend erhobenen Händen stand das liebliche Mädchen vor ihm.

Das Lachen war dem Ratsherrn vergangen. Die Zornesfalte, die gefürchtete, erschien drohend über der Nasenwurzel. Aber noch hielt er an sich.

»Also aus dem Hause willst du laufen – in die Welt hinein – ein verrücktes emanzipiertes Frauenzimmer werden – und heiliger Ernst ist es dir damit, wie?«

Magda nickte stumm. Des Vaters gewaltsame Ruhe schüchterte sie mehr ein als sein Zorn.

»Nun, so sage ich dir, solange ich lebe, solange die Mauern dieses alten Hauses stehen, wird nichts aus solchen hirnverbrannten, unweiblichen Plänen. Eine Frau gehört ins Haus. Beruf – Persönlichkeit – sind in diesen Räumen wohl schon mal derartige moderne Schlagworte von Frauenlippen erklungen? Schämst du dich denn gar nicht, Magdalena, vor den Augen deiner Vorfahren hier, die mit Entsetzen auf einen solch entarteten Sproß herabblicken müssen? Sittsam und häuslich waren sie alle, die Frauen und Töchter unseres Geschlechtes – und meine Tochter – meine Tochter hegt derartige abenteuerliche Pläne!« Die scharfblauen Augen des Ratsherrn sprühten Blitze, seine Stimme donnerte, das Gewitter entlud sich.

»Vater, in Würzburg sieht man junge Damen aus den besten Kreisen die Universität besuchen. Es gehört sogar dort schon zum guten Ton, seine Töchter aufs Gymnasium zu schicken.« Wieder versuchte Heinz der Schwester beizuspringen.

»Hier bei uns in Rothenburg ist das gottlob noch nicht der Fall. Und wird es auch niemals werden. Nie! Hier hält man fest am Alten, Hergebrachten. Wie es unsere Voreltern gehandhabt haben, so tun auch wir es, denn dabei allein ist Segen. Nur im Alten findet man das Glück. Aber die heutige Jugend kennt ja keine Pietät mehr, leider Gottes!«

»Doch Vater, ich liebe das Alte grade so wie du.« Magda fand endlich die Sprache wieder. »Aber deshalb darf ich doch meine Augen nicht vor dem Neuen verschließen, darin allein finde ich mein Glück. Ich bin ein Kind der neuen Zeit. Jeder Mensch soll doch seine Kräfte ausnutzen. Ich spüre in mir die Fähigkeiten zum Lernen. Es ist meine Pflicht, dieselben nicht verkümmern zu lassen.« Temperamentvoll warf Magda den Kopf mit den Goldflechten zurück.

»Deine Pflicht – – –« die Zornader schwoll wieder an – »deine Pflicht hast du hier im Hause zu tun. Ich denke, es gibt hier gerade genügend Betätigung für dich: Die Tante vermag es kaum noch zu leisten. Dem Vater das Heim hell und traulich zu gestalten, den mutterlosen Geschwistern die Verstorbene zu ersetzen, das sollte dein Streben sein. Oh, sie ist glücklich, daß sie das nicht an ihrer Tochter hat erleben müssen!« Sein Auge suchte das Pastellbildchen über dem Sofa.

»Sie würde mich verstanden haben, eine Mutter versteht ihr Kind,« rief Magda am ganzen Körper vor Erregung bebend.

»Schweig – kein Wort will ich mehr von dir hören – die Sache ist ein für allemal für mich abgetan. Nur durch treue Pflichterfüllung im Hause kannst du mich allmählich den Schmerz vergessen machen, den ich heute um meine ungeratene Tochter erleiden muß.«

Da senkte das Ratstöchterlein das Blondhaar tief, ganz tief. Schwerfällig schritt es zur Tür. Nun war alles aus – alles!

Am Türpfosten lehnte, an allen Gliedern zitternd, das alte Tantchen. »Ich hab's ja geahnt, ich hab's gewußt, daß es mal eine Katastrophe geben würde. Mein Gott – o du mein Gott und Vater!« so jammerte es leise vor sich hin.

Schritt für Schritt schlich sich das Geburtstagskind die gewundene Treppe hinauf, die es heute morgen so fröhlich herabgesprungen. Und durch die offengebliebene Tür klang noch Tante Brigittes ängstlich begütigende Stimme zu ihr: »Heinrich, du darfst dem Kinde nicht allzu böse sein. Das Magdachen kann wohl nichts dafür! Es ist das welsche Blut der Urahne Magdalena, der sie Zug um Zug gleicht, das in ihren Adern wieder spukt.«

So endete der siebzehnte Geburtstag.

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