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Das Ratstöchterlein von Rothenburg

Else Ury: Das Ratstöchterlein von Rothenburg - Kapitel 6
Quellenangabe
authorElse Ury
titleDas Ratstöchterlein von Rothenburg
publisherA. Anton & Co.
yearo.J.
printrunDritte Auflage
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180904
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5. Kapitel

Graue Regentage und helle Sommerkleider

In den nächsten Tagen kam Magda fast nur zu den Mahlzeiten ins Erdgeschoß herunter. Tagsüber hockte sie an ihrem alten Schreibtisch und versuchte die Gedanken bei mathematischen Formeln zu sammeln. Aber es wollte nicht recht gehen. Immer wieder machte sie sich Vorwürfe, daß sie die günstige Gelegenheit, wo sie dem Vater endlich ihre Wünsche hätte offenbaren können, verpaßt habe.

Und noch eins ließ sie die Wohnräume möglichst meiden: Mazda schämte sich in der Tat. Vor der Tante Brigitte schämte sie sich, die sie gekränkt, und die doch tat, als sei nicht das geringste vorgefallen. Kein ernstes Wort, keine Vorhaltung hatte das Tantchen für sie gehabt. In stiller Milde schien es das häßliche Wort gar nicht im Gedächtnis bewahrt zu haben.

Wenn Magda sich nur hätte entschuldigen können. Aber das brachte sie nicht fertig. Nicht mal dem Tantchen gegenüber vermochte sie ihren eigensinnigen Stolz niederzuzwingen. Darin hatte sie bei aller mädchenhaften Weichheit ganz den harten Schädel ihres Vaters. Schon als Kind war ihr eine Abbitte nur schwer über die Lippen gegangen. Aber die Mutter hatte es verstanden, in ihrer klugen liebevollen Art den kleinen Trotzkopf zu brechen. Nach ihrem frühen Heimgange jedoch war aus dem kleinen Trotzkopf ein großer geworden. Nicht einmal die gefürchtete Strenge des Vaters vermochte dabei etwas auszurichten. Magda war nur mit Liebe zu lenken. Die gutherzige Tante, die ihr allen Willen ließ, war nicht die richtige Leiterin für einen derartigen Charakter. Der jungen Magda fehlte die liebevolle, aber energische Hand einer verständigen Mutter.

Ja, wenn Mutter noch gelebt hätte! Der hätte sie sich längst anvertraut, die würde ihr Kind verstanden haben. Die hätte es auch fertig gebracht, des Vaters eingefleischte Vorurteile zu besiegen.

Magdas große Augen füllten sich langsam mit glänzenden Tropfen. Ärgerlich wischte sie dieselben fort. Gräßlich, was für eine Trauerweide sie geworden war. Daran hatte sicherlich nur der graue Regen draußen schuld. Bei Sonnenschein sieht sich alles hell und licht an, aber solch trübseliges Wetter mußte ja niederdrückend wirken.

Das schlohweiße Schneekleid des alten Patrizierhofes zeigte heute häßliche schwärzliche Färbung. Die Linde sah nicht mehr wie eine zum Fest geschmückte Prinzessin aus, sondern glich einem frierenden, regendurchweichten Bettelkinde. Hu – wie der Wind sie bei ihren feuchten Zweighaaren zauste. Die kleinen Steinputten, die am Brunnenrand hockten, hatten ihre warmen Schneepelzchen ausziehen müssen. Splitternackt, vor Kälte zitternd, saßen sie jetzt unter der feuchten Himmelsbrause. Und drüben auf der andern Seite, ins freie Land hinein, war es heute auch um nichts besser. Ihr liebes Tal war ein einziges graues Wolkengewoge. Die Berge hatten dicke graue Nebelkapuzen aufgestülpt; der Wald war ein schemenhaft mit den Wolkenfetzen verschwimmendes Etwas. Nur der alte Strafturm ragte noch viel riesenhafter und düsterer als sonst aus dem ihn umbrodelnden Grau heraus.

Nein, hier wurde einem heute auch nicht freier zumute. Ob sie sich ans Klavier vor all den sie bedrängenden Gedanken flüchtete? Die Musik machte ihr das Herz sicher leichter.

Das Klavier stand unten im Empirezimmer. »Die blaue Stube« nannten die Kinder es stets. Es war das Staatszimmer, das nur benutzt wurde, wenn fremder Besuch kam – und das geschah selten genug. Zum Klavierüben bloß kamen die Kinder in die blaue Stube. Wenn Werner seine Tonleiter dort herunterleierte, pflegte sogar Tante Brigitte auf einem der steifbeinigen, mit Leinenschonern bezogenen Damastsessel mit ihrem Strickzeug daneben zu sitzen und ängstlich darüber zu wachen, daß ihrem Heiligtum von dem wilden Jungen nur kein Schaden geschah. Die blaue Stube hatte ihren Eingang durch des Vaters Arbeitszimmer. Wenn er sie anhielt und sie noch einmal wegen ihrer unehrerbietigen Kritik über Tante Brigitte zur Rede stellte? Dann mußte sie entweder Farbe bekennen oder die Unwahrheit sagen. Beides wollte sie nicht. Nein, heute konnte sie nicht mit dem Vater sprechen, dazu mußte sie frohen, zuversichtlichen Herzens sein, um ihn zu überzeugen.

Aber halt – stand nebenan in der Rumpelkammer nicht ein altes Spinett? Magda, die den Sinn für das Alte von dem Vater geerbt hatte, liebte es, dort unter dem alten Gerümpel zwischen den verstaubten Truhen und Kisten vergangener Jahrhunderte zu kramen. Manch wertvolles antikes Stück hatte sie dabei schon zutage gefördert. Heute sollte das Spinett wieder zu neuem Leben erwachen. Sorgsam entfernte sie den Staub von dem morschen Holz. Wer von all den Ahnfrauen mit den hohen, steifen Kragen mochte wohl dereinst die Tasten hier berührt haben? Keine von ihnen konnte Magda sich am Spinett vorstellen – nur die eine, nach der sie hieß, der sie glich.

Leise fuhren Magdas schlanke Hände über die Tasten. Sie waren noch ganz, es ging. Bald klangen in zittrig dünnen Tönen Mozarts holde Weisen in das Erdgeschoß herab.

Der Ratsherr drunten im Arbeitszimmer hob das scharfe Profil von seinen Schreibereien.

Ein Eisenkopf, dieses Mädel! Ein echt Topplerscher Dickschädel. Sie konnte sich nicht dazu bequemen, um Entschuldigung zu bitten. Bei einer Frau war solch Starrsinn ganz ungehörig. Ein weibliches Wesen mußte sanft und nachgiebig sein. So waren die Topplerschen Frauen stets gewesen. Die Männer dagegen hart und markig – seinem Heinz, seinem Jungen, wäre solch ein Dickschädel, wie ihn die Magda nun mal leider hatte, zuträglicher. Der war ihm viel zu weichherzig, der Junge. Hatte er nicht Sonntagabend kaum noch was von dem Essen angerührt, weil ihm die Sache mit der Magda so nahe gegangen? Solche Gefühlsduselei taugte nicht für einen angehenden Mann, und für einen Toppler schon gar nicht.

Während der Ratsherr dieses dachte, lauschte er still dem Spiel seiner jungen Tochter, das wie verloren aus weiter Ferne zu ihm herabzitterte. Sie spielte gut. Sie hatte was gelernt bei dem Organisten der Jakobskirche. Und soweit es ihre Jugend zuließ, war sie auch in den Geist der klassischen Meister eingedrungen. Der Vater, selbst ein tüchtiger Cellist, hatte seine Freude an dem Spiel der Tochter. Und ihm selbst unbewußt, wurden seine strengen Züge immer weicher, immer milder – wenn die Magda ihren Vater so gesehen, hätte sie vielleicht doch den Mut zu einer Aussprache gefunden.

Auch mittags beim Essen hatte des Ratsherrn Blick, sobald er auf Magda fiel, nicht mehr das Abweisende wie die Tage zuvor. Glücklicher als Magda selbst schien darüber Tante Brigitte zu sein. Ihrem gütigen Wesen war jede Spannung zwischen den Familienmitgliedern furchtbar. Nun da der gestrenge Hausherr nicht mehr allzusehr zürnte, wagte sie auch das, was sie gern schon gleich getan: Magda aus ihrer selbstgewählten Einsamkeit wieder zu sich heranzuziehen.

Am Nachmittag, als die Großnichte nach dem Kaffee gleich wieder in ihre höheren Regionen verschwinden wollte, hielt das Tantchen das junge Mädchen zurück. Fast verlegen, als ob es selbst der schuldige Teil sei und nicht umgekehrt, klang's, als die Tante bat: »Ach, Kind, vielleicht hast du ein Stündchen Zeit für mich. Ich möchte gern die Sommergarderobe der Kinder mit dir durchsehen. Der Frühling kommt und – – –«

»Der Frühling kommt?« Magda warf einen komisch erstaunten Blick auf die regenberieselte Straße, in der sich der aufgeweichte Schnee in einen unsterblichen Schmutz verwandelte.

»Nun ja, sobald die Schneeschmelze beginnt, haben wir auch den Frühling da. Und du weißt, dann kann man der Schneiderin überhaupt nicht habhaft werden, so überlaufen ist dann Fräulein Nachtigall. Ich mache alles gern beizeiten.«

Ja, das wußte Magda. Im Hochsommer ging es schon an die eingekampferten Wintersachen, und wenn der Schnee noch lag, an die Sommergarderobe. Aber heute wagte Magda kein scherzhaftes Wort wegen der Überpünktlichkeit der Tante. Im Gegenteil, sie empfand es fast beschämend, daß diese trotz ihres Alters durch all das häßliche Regengrau hindurch bereits den kommenden Frühling sah, während sie selbst, ein junger Mensch, ihre Stimmung so davon beeinflussen ließ.

Der großen, umfangreichen Truhe im Dielenwinkel entnahmen die beiden Damen Berge von hellen Waschsachen. Damit ging es in Tante Brigittes Stube. Bald lag das kleine schwarze Ledersofa mit den weißen Porzellanknöpfen, die alte Filetdecke auf dem Mahagonitisch, all die geschweiften Stühle, die spiegelblanke Kommode und das Bett, ja selbst die niedrige gläserne Servante, in der Tante Brigitte all ihre Andenken verwahrte, voll von Kleidern, Mänteln und Knabenhosen.

Zwischen all diesen aufgestapelten Boten des kommenden Sommers aber hopste selig Trautchen herum, denn das war heute ein Fest für das Kind in der einförmigen Langweile eines Regentages.

Lorchen hatte sich in seinen Bauer geflüchtet. Mohrchen mauzte unbehaglich unter einer Kleiderwolke hervor, die ihn auf einem bestickten Korbsessel, wo er behaglich geschnurrt, plötzlich begraben hatte. Und selbst Peter, der sonst allen Wünschen und Regungen der Familie Toppler als kluger Pudel Rechnung zu tragen pflegte, sah unzufrieden in die Anordnung des sonst peinlich aufgeräumten Zimmers.

Auch dem Tantchen schwirrte der alte Kopf etwas. Magda aber packte fest zu. Zuerst das wie Quecksilber bewegliche Trautchen.

»So, Liebling, nun wollen wir mal das feine rosa Battistkleid hier anprobieren.«

Trautchen stand stramm wie ein Grenadier. Die Arme ängstlich vom Körper abgestreckt, sah das Putzlieschen ehrfürchtig auf den Staat herab.

»Nein, was ist das Kind gewachsen; um eine ganze Handbreit muß das Kleid verlängert werden. Trautchen, Seelchen, wenn das so weiter geht, bist du ja bald so groß wie deine alte Tante;« das Tantchen konnte sich gar nicht beruhigen.

Magda hatte inzwischen bereits Nummer zwei übergestreift. Dieselbe Sache – dieselbe Verwunderung von Tante Brigitte. So ging es von Kleid zu Kleid, bis das bewegliche kleine Ding das Stillstehen satt hatte.

»Bei dem langweiligen Anprobieren wachse ich doch nicht mehr, und wenn alle Kleider um eine Handbreit zu verlängern sind, brauche ich sie doch gar nicht erst alle anzuziehen,« meinte sie mit einer für eine fünfjährige Dame bewunderungswürdigen Logik.

»Das verstehst du nicht, Seelchen;« bei Tante Brigitte mußte jedes Ding gründlich sein.

»Aber ich bin doch noch gar nicht so altfränkisch wie du, Tante Gittchen« – – – die Kleine hatte Magdas Ausspruch vom Sonntag noch immer nicht vergessen. Im Gegenteil, der Eindruck hatte sich noch vertieft, weil die große Schwester deshalb »Flügelchen bekommen« hatte. Das war Werners Bezeichnung, wenn er – was öfters geschah – aus dem Zimmer flog.

Trautchens unbedachtes Wort hatte das eben noch recht gute Einvernehmen zwischen der alten Tante und Magda wieder mit einem Schlage zerrissen. Die Schwester wurde röter als das rote Musselinkleidchen, an dem sie den Saum auftrennte. Auch das runzlige Gesicht des Tantchens überzog eine feine Verlegenheitsröte. Die schwarze Spitzenbarbe rutschte vor Erregung auf das linke Ohr, ohne daß die akkurate alte Dame daran dachte, sie wieder zurechtzurücken.

Eine Kluft gähnte plötzlich wieder zwischen den beiden, die gemeinsam das Kinderkleid in Augenschein nahmen.

Magda fühlte die Notwendigkeit, der Tante jetzt irgendein gutes Wort zu sagen. Aber welches? Sie fand es nicht.

»Geh', Trautchen, du bist fertig, rufe den Werner. Er soll seine Waschanzüge überprobieren,« sagte sie schließlich. Vielleicht fand sie im Alleinsein mit der Tante eher eine erklärende Begütigung.

Trautchen hüpfte erleichtert davon, aber ihrer großen Schwester ward es nicht leichter zumute. Im Gegenteil. Von Sekunde zu Sekunde senkte sich das Schweigen in dem gemütlichen Stübchen bedrückender auf ihre Seele. Sie war doch sonst nicht um ein Wort verlegen. Was sagte sie bloß? Die Wahrheit?

»Halt's Maul!« klang es da plötzlich grob hinter Magda in ihre Überlegungen hinein.

Sie fuhr zusammen. Das war sicher Werner! Kein anderer wagte es, in diesem gesitteten Hause solch einen ungehörigen Ausdruck zu gebrauchen.

Aber nirgends eine Spur von dem Schlingel.

»Ach Gott,« klagte Tante Brigitte, die Magdas suchendem Blick gefolgt war, »mein wohlerzogenes Lorchen hat mir der Nichtsnutz, der Werner, ganz außer Rand und Band gebracht. Lauter Ungezogenheiten hat er es gelehrt.«

»Halt's Maul!« ganz freundlich kam's wiederum aus Lorchens Ecke. Tante Brigitte war geradezu entsetzt über ihren ungezogenen Liebling. Sollte Lorchen, das so unschuldig dumm vor sich hinglotzte, wirklich so verwildert sein und sie selbst gemeint haben?

»Ich bitte mir aus, daß du jetzt aber deinen Schnabel hältst, Lorchen,« die Tante erhob verweisend die Finger.

Lautes Jungenlachen erfolgte. Von der Tür her kam's. Dort stand der Werner und hielt sich die Seiten vor Lachen über seinen wohlgelungenen Streich. Und Magda, die erwachsene Schwester, die jetzt eigentlich strafend dazwischen hätte treten sollen, konnte sich nicht helfen – sie lachte mit.

»Ja, ja, Kinder, wenn man alt wird, wird man ausgelacht. Aber früher in der guten alten Zeit, da hat man sowas doch nicht gewagt. Da hatte die Jugend noch Respekt vor dem Alter.« Das Tantchen schüttelte betrübt sein zierliches, verwelktes Köpfchen. Und die schwarze Spitzenbarbe rutschte zur Abwechselung mal auf das rechte Ohr.

»Aber Tantchen – liebe Tante Gittchen, wer denkt denn bloß daran, dich auszulachen!« beeilte sich Magda erschreckt zu beteuern. Sie hatte doch grade schon genug auf dem Kerbholz. »Es war doch nur so furchtbar komisch, wie Lorchen – – –« das junge Mädchen mußte aufs neue lachen.

»Ich finde daran nichts Komisches, nur recht Ungehöriges.« Tante Brigitte schüttelte noch immer ihren Kopf.

»Na, du kriegst natürlich deine Keile dafür, Werner, daß du Lorchen sowas beigebracht hast,« versuchte Magda ihr Lachen wieder gut zu machen und griff nach des Bruders krausem Schopf. Doch erschreckt zog sie die Hand wieder zurück. »Junge, du bist ja naß wie eine Padde, regnet das etwa in deinem Zimmer durch?«

»I bewahre.« Werner beschäftigte sich bereits nützlich damit, mittelst kleiner Papierkugeln nach Peters schwarzer Nase zu zielen.

»Bist du ohne Erlaubnis fortgewesen?« jetzt war Magda ganz strenge Schwester.

»Reg' dich nicht unnütz auf, reg' dich nur ruhig wieder ab, Magda,« meinte der Bengel mit Gemütsruhe. »Ich habe bloß 'ne kleine Brause genommen.«

»Ja, hat das denn Barbara zugelassen? Sie ist doch eben erst mit dem Scheuern des Badezimmers fertig geworden,« mischte sich jetzt auch die Tante hinein.

»Ach – Badezimmer – brauchten die alten Burgritter, die einst hier in Rothenburg gehaust, vielleicht sowas?« höchst verächtlich klang es von den Lippen des Quartaners. »Die machten es sicher wie ich, legten den Kopf einfach aus dem Fenster unter die Dachrinne und – fein war's!« Seine blauen Augen strahlten.

»Und der Matrosenkragen ist ganz durchnäßt und verdorben. Werner, Junge, laß das nur Vater sehen – –«

»Bis zum Abendbrot ist der längst wieder trocken.« Da der Pudel seine Nase nicht länger als Zielscheibe hergeben mochte und unter das Bett kroch, verlegte Werner seine Treffkunst jetzt auf den Schnurrbart von Mohrchen. Das aber war weniger friedliebend als Peter. Es sprang gegen seinen erklärten Feind Werner an, der ihn mit »kß – kß – kß« noch immer mehr zu reizen suchte.

Tante Brigitte kam heute aus dem Kopfschütteln gar nicht heraus. »Du müßtest in energische Hände, Werner. Ich bin schon zu alt, um dich wilden Jungen zu zügeln, und Magda ist wohl noch zu jung dazu. Du solltest einen Hauslehrer bekommen, der dich streng nimmt –«

»Ach, Vater genügt, der ist grade schon streng genug,« versicherte Werner. Aber der Hinweis auf den gefürchteten Hauslehrer brachte es doch zuwege, daß der Junge von dem wütenden Kater abließ und sich dazu bequemte, in die Sommergarderobe zu schlüpfen.

War das Anprobieren schon eine schwierige Sache bei dem beweglichen Trautchen, so war es bei dem wilden Werner gradezu ein Kunststück. Sobald die Tante ihm mit Stecknadeln nahte, um die Länge abzustecken, oder Magda gar mit einer Schere, so schrie der Schlingel aus Ulk, als ob er am Spieße stecke. »Ihr piekt mich, au – ihr piekt mich ja! Magda, du schneidest mir ins Bein – ich meine ins Hosenbein – fang' mich doch – fass' mich doch!« Und er raste in dem sonst so stillen Tantenstübchen johlend herum, und wenn ihm einer zu nahe kam, sprang er von einem Bein auf das andere, daß es ganz unmöglich war, zu irgendeinem Resultat bezüglich der ausgewachsenen Anzüge zu kommen.

Das arme Tantchen hielt sich den Kopf. Und die drei andern Bewohner des Zimmers, Peter, Lorchen und Mohrchen, blickten höchst mißbilligend auf den kleinen Ruhestörer. Ja, selbst die alten Familienmöbel, die Schäferin auf der Kommode und die schwarzen, scharfgeschnittenen Silhouetten an den Wänden, schienen recht unzufrieden mit der lauten Jugend von heute zu sein. Sie hatten es in den vielen, vielen Jahren wohl vergessen, daß die Topplerschen Jungen früher auch keine Duckmäuser gewesen.

Als Magda des Bruders endlich habhaft wurde, kam sie noch immer nicht dazu, seine Hosenlänge festzustellen. Sie brauchte nämlich ihre Hände anderweitig notwendiger. Eine temperamentvolle Ohrfeige besiegelte Werners Ausgelassenheit.

Mit dieser war es nun vorbei. Das Geheul wurde echt, und die Anprobe konnte ohne Störung jetzt ihren Verlauf nehmen.

Aber als Magda die Sachen nun alle ordentlich wieder beiseite räumte, als aus dem wüsten Kleiderchaos wieder das gemütliche Tantenstübchen erstand, da atmete Tante Brigitte doch auf. Es war kein kleines Opfer, welches sie ihrem Neffen, dem Ratsherrn, brachte, daß sie bei ihren siebzig Jahren immer noch dem lebhaften Haushalt mit all seinen Anforderungen vorstand. Sie hatte schließlich nach einem arbeitsreichen Leben einen ruhigen beschaulichen Feierabend verdient. Es war eigentlich Zeit, daß Magda weniger bei ihren Büchern hockte und sich daran gewöhnte, mehr in die komplizierte Haushaltsmaschine einzugreifen. Solch ein altes Rad wie sie konnte leicht mal versagen und stillstehen.

Vorläufig stand Magda still. Bei ihren eigenen Sommerkleidern, all den duftigen, luftigen, zartfarbigen Gebilden, stand sie und zögerte, dieselben fortzunehmen. Die Tante machte so gar keine Anstalten, sich wie alljährlich in die notwendigen Auffrischungen mit ihr zu vertiefen.

»Tante Gittchen, wollen wir meine Kleider auch noch ansehen, oder bist du heute zu abgespannt?« fragte das junge Mädchen schließlich.

»Ja, Kind« – die alte Tante wurde verlegen – »es ist wohl richtiger, du besprichst das diesmal mit deinen Freundinnen. Ich bin wirklich schon ein bißchen zu alt und zu unmodern, um junge Damen in ihren Toilettenfragen richtig zu beraten.« So freundlich klang's wie alles, was Tante Brigitte sagte, und doch gab es der jungen Magda einen Stich ins Herz.

»Tantchen – ist es – ist es wegen neulich?« Ganz blaß wurde sie bei dieser Frage. Alles Blut drängte sich ihr zum Herzen.

»Nun ja, Kind – nicht daß ich dir etwa deshalb böse bin – du hast im Grunde ja ganz recht gehabt – ich verstehe das auch wohl nicht mehr so. Darum eben sollst du diesmal ganz freie Hand haben – – –«

»Aber Tante Gittchen, du irrst dich wirklich! Trautchen hat falsch verstanden. Ich sprach gar nicht von Kleidern. Ich sagte, du verstehst nichts von modernen Frauenbestrebungen.«

»Moderne Frauenbestrebungen – ich?« Tante Brigitte streckte in entsetzter Abwehr beide Hände von sich. »Bewahre mich der Himmel vor solchen Ausgeburten verrückter Mannweiber. Solange unser altes Topplerhaus steht, und solange es stehen wird, es weiß sicher seine Schwelle von solchen krankhaften Auswüchsen der heutigen Zeit frei zu halten.«

»Tante Brigitte, du verurteilst, und weißt nicht was. Ist es nicht ein Segen für uns Mädchen, daß einsichtige, vorurteilslose Frauen uns den Weg bahnen zur geistigen Betätigung? Daß sie uns Berufe und Zukunftsmöglichkeiten eröffnen, die uns Befriedigung gewähren und unsern geistigen Fähigkeiten entsprechen? Soll man denn sein Pfund vergraben? Oder gar in seinen vier Pfählen beim Strumpfkorb und Kochlöffel auf den Mann warten? Ist es nicht wertvoller, man baut sich selbst sein Lebensglück?«

Die Wangen der jungen Sprecherin glühten, ihre schwarzen Sterne blitzten. Unbeschreiblich schön war sie in diesem Augenblick.

Aber weshalb hingen die Blicke der Tante denn bloß so entsetzt an den holdseligen Zügen? Tante Brigitte bedeckte beide Augen leise stöhnend mit ihren feinädrigen Händen. »Da ist es, das welsche Blut, das nur Unglück in die Familie bringt,« flüsterte sie vor sich hin. »Ich hab's geahnt, ich hab's gewußt, daß sie nicht nur äußerlich der Urahne Ebenbild ist, sondern daß auch in ihren Adern wieder der Tropfen heißen Bluts fließt, der hinausdrängt aus den Grenzen des weiblichen Empfindens. Barmherziger, wenn der Vater nur niemals zu dieser Erkenntnis kommen möge – das gäbe Katastrophen! O mein Gott – mein Gott!« Die arme Tante rang die Hände.

Sanft versuchte Magda ihr dieselben zu streicheln. Die Erregung des alten Tantchens schmerzte sie. Für heute durfte sie nicht weiter gehen.

»Aber Tante Gittchen, da ist ja gar kein Grund, sich so aufzuregen. Gedanken sind zollfrei. Ein jeder Mensch darf doch seine Meinung haben. Du bleibst bei der deinen, ich bei der meinen. So kommen wir einander absolut nicht ins Gehege.«

Aber das alte Tantchen hörte gar nicht. Tränen, große Tropfen rannen langsam die runzligen Wangen herab. »Es gibt eine Familienkatastrophe – ich ahne es. O mein Gott, woran habe ich es fehlen lassen bei deiner Erziehung, Magda? Bin ich schuld daran, daß du solchen unweiblichen Ansichten huldigst?«

»Nein, ganz gewiß nicht, Tante Brigitte. Wenn ich deinen Erziehungsprinzipien treu wäre, müßte ich das bravste, gehorsamste Haustöchterchen sein, daß sämtliche seligen alten Topplers ihre Freude an mir haben könnten. Darüber kannst du dich wirklich beruhigen.«

Aber das gelang der alten Tante so schnell nicht. Lange nachdem die junge Großnichte sie verlassen, saß sie noch mit gerungenen Händen da, schmerzlich auf die gestickte Fußbank niederstarrend. Peter war mit klugem Instinkt hervorgekommen und versuchte seine Herrin, mit dem Quastenschwanz wedelnd, von ihrem Kummer abzulenken. Mohrchen rieb sich zärtlich den Kopf an ihrem Kamelotterock. Lorchen aber übte fleißig das von Werner Gelernte.

Magda und Lorchen – die beiden Entarteten der Familie Toppler! Es war zu viel für einen Tag!

Droben an ihrem winzigen Balkon stand die junge Magda.

Stürzten die Mauern des alten Topplerhauses denn nicht ein, daß sie es gewagt hatte, ihre hier verpönten Ansichten ganz unverblümt zu äußern? Ordentlich leicht war ihr zumute. Sie blickte über den steinernen Stadtgürtel hinweg ins Freie. Es hatte aufgehört zu regnen. Der erste Sonnenblitz zerteilte das Nebelgrau.

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