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Das Ratstöchterlein von Rothenburg

Else Ury: Das Ratstöchterlein von Rothenburg - Kapitel 5
Quellenangabe
authorElse Ury
titleDas Ratstöchterlein von Rothenburg
publisherA. Anton & Co.
yearo.J.
printrunDritte Auflage
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180904
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4. Kapitel

Tante Brigitte ist »altfränkisch« und versteht nichts von modernen Frauenbestrebungen

Lange hielt Magdas sanftmütige Stimmung nicht an. Das stille Sichfügen war nun mal nicht ihre Sache.

Als Bruder Heinz über den Sonntag heimkam, als er sie wegen ihrer fast fehlerlosen lateinischen Arbeit lobte und ihr liebevoll auf den Rücken klopfte: »Paß auf, Magda, du wirst noch mal ein gelehrtes Fräulein Doktor!« da quoll alle niedergehaltene Aufsässigkeit, die sich in dem jungen Mädchenherzen eingenistet, wieder stürmisch empor.

»Jawohl – das glaubst du doch selber nicht, Heinz! Vielleicht hier bei diesem geisttötenden Zeug?« Und sie schleuderte die seidenfeine alte Damastserviette, auf der eine Jagd eingewebt war, und die sie, da Tante Brigittes Augen streikten, nach dem Muster ausstopfen sollte, temperamentvoll in die Ecke. Dann sprang sie mit einem Satz von ihrem Nähtischplatz auf und blickte durch das Butzenscheibenfenster in den Hof hinaus. Still verträumt lag der mit seinen Schneegalerien zwischen den engen Wänden des Hauses. Der alten efeuumsponnenen Linde in der Mitte hatte der Rauhreif ein silbernes Glitzerkleid übergestreift; jeder Ast, jedes Zweiglein hatte sich wie zu einem Fest mit funkelnden Eisdiamanten behängt. Goldige Sonnenlichter blitzten in den verschwiegenen Winkeln des alten Hofes auf, der Magdas Phantasie stets wie aus verwunschenen Zeiten emporgestiegen erschien. Aber heute empfand sie nicht das Märchenhafte des verschneiten Hofgärtchens – nur das Eingeengte, das den Blick ins Freie hemmte.

Die andere Seite des Eckzimmers ging nach der Stadtmauer hinaus. Ein winzig kleiner, dreieckiger Balkon war wie ein Schwalbennest dem Stübchen angeklebt. Magda öffnete das niedere mit blütenweißen Tüllgardinen bespannte Türchen und trat mit einem tiefen Atemzug hinaus.

Ach – das tat gut! Lier fiel alles Beengende von einem ab. Frei schweifte der Blick über den schneeigen Doppelring der Stadtmauer hinweg, hinaus über das hochtürmige Burgtor, weit hinaus ins weiße sonnenleuchtende Taubertal.

»Schau, Heinz.« Magda wandte sich zu dem neben sie tretenden Bruder. »Schau, früher wenn ich den alten dräuenden Gesellen dort an der Wallbiegung, den Strafturm, betrachtete, dann meinte ich immer, grausamer als die Kerkerhaft sei es gewesen, daß man ihn grade hierher mit dem Blick ins freie Land, auf die ragenden Berge und lockenden Wälder hingebaut habe. Um wieviel furchtbarer mußten die armen Eingesperrten dadurch ihre Freiheitsberaubung empfinden. Aber jetzt, wo ich mir selbst oft wie solch armer Gefangener vorkomme, jetzt weiß ich, daß es grade umgekehrt ist. Der einzige Trost, den man hat, ist der, daß man weiß, mal wird die Last zu Ende gehen, und dann fliegt man hinaus ins weite lockende Land.« Das junge Mädchen hatte beide Arme in die Luft gebreitet, als wolle es schon in der nächsten Sekunde davonfliegen.

Der Bruder blickte auf die erregte Schwester, für dessen feines Köpfchen die goldene Haarlast beinahe zu schwer erschien. Ganz verdutzt und verständnislos blickte er, dann aber lachte er laut auf.

»Magdachen, du bist ja ein großartiger Kerl! Seit wann sitzt du hinter Schloß und Riegel? Warst du nicht heute vormittag höchst fidel mit deinen Freundinnen auf den Stadtwiesen zum Eislauf? Ich glaube nicht, daß dies früher den Gefangenen erlaubt worden ist. Und unser gemütliches altes Haus vergleichst du gar mit dem ungeschlachten Steinriesen, dem Strafturm? Wenn nur jeder solch einen Kerker hat wie du!«

»Ach, Heinz, du willst mich heute nicht verstehen. Und doch bist du der einzige, der es begreifen kann, daß ich schlimmer dran bin als hinter Schloß und Riegel. Ich meine es natürlich nur in geistiger Beziehung. Aber gibt es wohl noch mal jemand, dessen Geisteskräfte so gefesselt werden wie die meinen? Heinz, Junge, um wieviel besser hast du es! Und wenn du auch augenblicklich tüchtig zum Abiturium büffeln mußt, du weißt doch wenigstens, wozu du es tust. Du wirst nachher die Universität beziehen, studieren – und unser Vater ist außerdem noch stolz auf dich. Ich aber – denke nur mal – hinter verschlossenen Türen muß ich mir das bißchen Geistesgut mühsam zusammensuchen. Und wozu? Um alte Damastservietten auszubessern, um mit Tante Brigitte im Verein die schadhaften Tüllgardinen der hochseligen Urahne Gisela zu applizieren. Und Anerkennung? Du lieber Gott! Ich zittere vor dem Augenblick, wo Vater erfährt, daß ich noch für was anderes Interesse habe, als die ehrsamen Topplerschen Frauen von anno dazumal. Weißt du, Heinz, es kommt noch so weit, daß ich unser liebes altes Haus, an dem ich doch mit jeder Faser hänge, zu hassen beginne. Denn das ist doch ganz allein mit seinen Traditionen daran schuld, daß kein frischer Geisteszug in sein altes Gemäuer Einlaß findet.«

Der Oberprimaner lachte nicht mehr. Fast erschreckt blickte er der Schwester in die flammenden Augen, die ihm noch nie so samtschwarz erschienen waren wie eben jetzt.

»Magda, du siehst genau aus wie das Bildnis der Magdalena Hirsching unten im Wohnzimmer – so sehr ist mir die Ähnlichkeit noch niemals aufgefallen,« sagte er schließlich.

»Gliche ich ihr doch auch innerlich, dann wäre ich sicher dem Vater gegenüber nicht so feige, wie ich es jetzt bin. Aber fast glaube ich, es ist leichter, den blutdurstigen Feldherrn Tilly um das Leben der zu Galgen und Rad verurteilten Ratsherren der Stadt Rothenburg anzuflehen, wie es Magdalena Hirsching getan, als unsern Vater, mich aufs Gymnasium zu schicken.« Dieser Vergleich kam Magda nun doch wohl selbst etwas kühn vor. Denn die Grübchen in ihrem zarten Gesicht vertieften sich. Wider Willen mußte sie lachen.

Der Bruder stimmte befreit mit ein. »Gott sei's getrommelt, daß du wieder verständig bist und die Sache von der humorvollen Seite nimmst. Aber so darf's nicht bleiben, Magda, wir müssen überlegen, wie man Rat schafft. Komm, Kleine, hol' deine Pelzmütze. Wir wollen auf die Wälle. Dort haben wir doch noch immer einen Ausweg gefunden, wenn wir mal als Kinder in der Patsche saßen.«

Die »Kleine«, die fast ebenso groß war wie der schlanke Oberprimaner, hatte bereits die dunkle Mütze auf das lichte Haar gestülpt.

»Ja, komm ins Freie, Heinz – das ist ein guter Gedanke. Beim Spazierengehen spricht man sich am besten aus. Ach, Junge – wenn du mir helfen könntest!« Magda schloß die Balkontür und sah ein wenig besorgt auf die schwärzlich nassen Tapfen, welche sie von draußen mit hereingebracht hatten. Bärbchen würde über ihre blankgebohnerten Dielen schimpfen.

Als die beiden Geschwister die korkenzieherartig gewundene Eichentreppe – immer zwei Stufen auf einmal – herabsprangen, trafen sie in der Diele mit dem Vater zusammen, der sich grade zum Ausgehen rüstete.

»Na, wohin, junge Herrschaften?« Des Ratsherrn Auge überflog in stolzer Vaterfreude die beiden jugendlich schönen Gestalten.

»Hinaus auf die Wälle – ich muß jedesmal, wenn ich Sonntags hier bin, unser liebes Rothenburg von allen Seiten genießen, soll ich doch die ganze Woche davon zehren.«

»Brav, Heinz, du hast die Heimatsliebe und den Sinn für die Scholle der Väter von uns Topplern geerbt. Bewahre sie dir auch später, draußen im Leben. Es ist das Beste, was wir unsern Kindern mitgeben können.« Herzlich legte der Vater dem Sohn die Hand auf die Schulter.

Der junge Heinz Toppler, das Ebenbild des alten, nur daß seine Züge weicher waren und seine blauen Augen fast noch den ungetrübt frohen Kinderblick hatten, meinte lebhaft: »Wo ich auch immer sein werde, Vater, über unser schönes Rothenburg wird mir nichts gehen!«

»Mir sicher auch nichts – wenn ich nur erst mal Gelegenheit hätte, es mit andern Städten zu vergleichen,« ließ sich Magda, einen kaum merklichen Seufzer unterdrückend, vernehmen.

Dem Ratsherrn schien derselbe nicht entgangen zu sein. Eine kleine Falte grub sich in seine eben noch wolkenlose Stirn.

Ehe er aber etwas erwidern konnte, kam Trautchen wie ein Gummiball aus einer der vielen Türen herausgesprungen.

»Ach, geht ihr weg? Ich möchte auch mit, bitte, bitte, nehmt mich doch mit, ja, Magdachen?« zärtlich angelte das Kleine an der großen Schwester empor.

»Ein andermal, Trautchen, heute möchte ich gern mit Heinz allein gehen.« Magda wurde rot in dem Gedanken, was eigentlich auf dem Spaziergange besprochen werden sollte.

»Nimm das Kind doch mit, Magda. Es hat Stubenfarbe, und ein Spaziergang wird ihm gut tun.« Gegen Vaters bestimmten Ton gab es keine Widerrede.

»Ja, ich hab' Stubenfarbe – von welcher Stube habe ich denn die Farbe, von der blauen oder von der roten? Hurra – ich darf mit!« Trautchen drehte sich jubelnd wie ein Kreisel.

»Von der grünen Stube, du Quack! Nun aber flink, wenn du mit willst,« lachte der große Bruder.

Magda hatte bereits Mantel und Hütchen der Kleinen aus dem tiefbauchigen Säulenschrank genommen.

Aber sie kamen noch immer nicht fort.

Trautchens Jubel war bis zu Werner gedrungen. Der ließ seine Festung nebst Soldaten im Stich und stürzte eiligst heraus.

»Machen wir einen Ausflug, ja?« Schon hatte Werner seine Pelzmütze vom Nagel gerissen und stand fix und fertig da.

»Nein, ich will mit Heinz bloß ein Stückchen spazierengehen. Da braucht doch nicht gleich eine Familienlandpartie daraus gemacht zu werden.« Magda kam sich wieder höchst bedauernswürdig vor. Nicht nur geistig wurde sie geknebelt. Konnte sie wohl einen Schritt allein machen? Hängten sich die Kinder nicht stets wie Kletten an sie?

Diesmal kam ihr der Vater zu Hilfe.

»Nein, Werner, du bleibst zu Haus. Barbara ist in der Nachmittagskirche, und wir können Tante Brigitte unmöglich allein lassen. Du wirst ihr Gesellschaft leisten.«

Selbst der kecke Werner wagte keine Einwendung. Vaters Wort war für die Topplerschen Kinder unumstößlich. So trollte er sich betrübt zu Tante Brigitte.

»Auf Wiedersehen, Tantchen – wir bleiben nicht lange fort,« schnell nickte Magda noch einen Abschiedsgruß in Tante Brigittes friedliches Reich.

Aber als sie sich dann von dem Vater, der einen Besuch machen wollte, getrennt hatten, als sie aus der Stadtmauer hinaustraten in die silbernzarte Rauhreifwelt, da tat es Magdas gutem Herzen doch leid, daß der arme Werner hatte daheimbleiben müssen.

Wie unfreundlich war sie soeben zu den Geschwistern gewesen, denen sie doch die fehlende Mutter ersetzen mußte. Wirklich, sie bekam häßliche Gedanken durch die geistige Unterdrückung. Und die Heimlichkeit verstrickte sie in ein Netz von Unaufrichtigkeiten, das ihrer stolzehrlichen Natur nicht würdig. Da war sie glücklich wieder am Ausgangspunkt ihrer Gedanken angelangt.

»Heinz – ein vernünftiges Wort läßt sich doch heute nicht reden, da hätten wir schon lieber in meinem Stübchen bleiben sollen.« Magda stieß den Bruder vielsagend mit dem Ellenbogen an.

»Ich bin mit meinen Überlegungen schon ziemlich ins Reine gekommen, Magda. Ich werde dir gleich erzählen – – – –«

»Ach, ja – erzählen, bitte, bitte!« Trautchen ließ die Hand der Schwester los und hängte sich an den Arm des langen Bruders.

»Jawohl, ein Märchen vom bösen Wolf,« lachte dieser.

»Nein, lieber von der alten Burg, die hier mal gestanden haben soll, Heinz. Und von den Rittern und Knappen und den schönen Edelfrauen. Wie ich neulich mit Vater spazierenging, hat er mir davon erzählt. Und die alten Steine hat er mir gezeigt, die noch von der zerstörten Burg übrig geblieben sind. Aber jetzt kann man sie nicht sehen, weil alles verschneit ist.«

»Suche doch mal, Trautchen, vielleicht findest du sie doch heraus; Magda und ich möchten sie auch gar zu gerne sehen,« meinte Heinz mit einem kleinen spitzbübischen Lächeln.

Wirklich, Trautchen ging auf den Leim. Sie begann den verschneiten Burgplatz, den man zu einer prächtigen Parkanlage umgestaltet hatte, die der Rauhreif jetzt in einen kristallenen Wald verwandelt, nach den Ruinen abzustreifen.

»Also ich werde mit dem Vater sprechen – heute noch, wenn du willst, Magda,« sagte Heinz, als die Kleine außer Hörweite war.

»Heute schon?« Magda erschrak bis in ihr innerstes Herz. »Heinz, das kann ich unmöglich von dir annehmen, daß du für mich die Kastanien aus dem Feuer holst. Du verbrennst dir dabei ebenso die Finger wie ich – oder vielmehr den Mund. Nein, Heinz, ich bin dir von Herzen dankbar für dein Anerbieten, aber du darfst den Vater nicht erzürnen. Wo er sich von einem Sonntag auf den andern freut, daß du wieder heimkommst.«

»Ich tue es gern für dich, Magda – – –«

»Das weiß ich, mein guter Junge. Aber ich weiß auch, was Vater sagen würde. Sicherlich was von deiner Grünjungenhaftigkeit und daß du noch nicht mal trocken bist hinter den Ohren. Er würde dich, und was du ihm sagen willst, wahrscheinlich gar nicht ernst nehmen. Heinz, das hat wenig Zweck – – –«

»Wenn nur mein Dr. Lindner mal mit dem Vater reden könnte. Der würde sicherlich die richtigen Worte finden, um ihn von der notwendigen Bildung auch für Mädel zu überzeugen. Er sprach schon mal davon, daß er mich vielleicht gelegentlich nach Rothenburg begleiten würde. Unsere alte Stadt interessiert ihn als Geschichtsforscher sehr. Aber wer weiß, wann was draus wird.«

»Nein, Heinz,« sagte nun Magda mit aller Bestimmtheit, »einen Fremden mag ich nicht mit dem, was mir am meisten am Herzen liegt, betrauen. Und wenn es zehnmal der von dir so verehrte Lehrer ist.«

»So stecke dich hinter Tante Brigitte. Ja, Magda, das tu', das ist ein großartiger Gedanke. Wenn du das Tantchen dafür gewinnst, kriegst du den Vater am Ende auch herum. Vater gibt was auf ihr Wort, weil sie ihn doch erzogen hat. Und wenn solche alte Dame, die gewiß das Recht dazu hat, in alten Anschauungen zu stecken, sich deiner Sache annimmt, so muß sich Vater, der doch immerhin einer neueren Zeit angehört als sie, auch dazu bekehren. Ja, versuche es mit Tante Brigitte – – –«

»Heinz – ist das wirklich dein Ernst?« hellauf lachte Magda jetzt. »Das ist doch grade, als ob ich unsere Ahnengalerie, sämtliche Ahnfrauen, die so streng und tugendsam auf mich ungeratenen Sprößling stets herabzusehen pflegen, zu meinen Fürsprechern machen wollte. Tante Brigitte und moderne Frauenbestrebungen – hahaha – es ist ja zu komisch! Unser altfränkisches Tantchen, das es gar nicht fassen kann, daß ein weibliches Wesen noch für anderes als für Kochtopf und Nähnadel Interesse hat.«

Auch Heinz mußte jetzt über seinen Vorschlag lachen. Und hell zwitscherte in das Lachen der beiden Großen plötzlich ein Kinderlachen. Trautchen war unbemerkt von den beiden zurückgekehrt. Ob und wieviel sie von dem nicht für ihre Ohren bestimmten Gespräch erlauscht hatte, konnte man nicht wissen.

Magda hielt es für das beste, die Gedanken des Kindes abzulenken. Von dem alten grauen Pharamundsturm begann sie zu erzählen, der vor vielen, vielen Jahrhunderten einst hier gestanden, lange bevor die Burg erbaut wurde. Wo der Hang am steilsten gegen den Fluß abfällt, hätte ihn Pharamund errichtet, als Trutzburg gegen die Alemannen.

»War das der Pharao, dem Josef in Ägypten mal seine Träume deuten mußte? Den kenne ich schon, Tante Brigitte hat mir von ihm erzählt,« unterbrach Trautchen sie stolz.

»Nein, Herzchen, das war ein ganz anderer. Der in Ägypten, der lebte noch viele Jahrhunderte früher,« lachte Magda.

»Noch früher, das gibt's gar nicht,« entschied Trautchen. Die gewaltige Spanne der Zeiten vermochte ihr kleines Köpfchen noch nicht zu fassen. Da keine Edelknappen und schöne Ritterfräulein in der Schwester Erzählung vorzukommen schienen, fand sie es interessanter, auf dem vereisten Steig lieber ein wenig zu schlittern.

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Magda lauschte Dr. Lindners tröstenden Worten

»Doktor Lindner hätte dich eben hören sollen, Magda, für den würde es entschieden interessanter gewesen sein als für Trautchen. Also wenn du weder von mir noch von Tante Brigitte etwas wissen willst, dann bleibt dir nichts weiter übrig, als selbst eine günstige Gelegenheit beim Schopf zu packen. Sobald der Vater grade mal recht guter Laune ist – – –«

»Ja, Heinz, anders wird es sich wohl nicht bewerkstelligen lassen – schließlich – den Kopf kann es ja nicht kosten. Und nun wollen wir uns an der wundervollen Abendbeleuchtung freuen. Sieh nur, die Giebel mit ihren Dachschuppen sehen heute wie silbergepanzerte Ritter aus. Und die Engelsburg drüben in der glühroten Wintersonne scheint zu flammen und zu brennen.«

»Wie der gläserne Berg, den der dumme Hans in meinem Märchenbuch nicht heraufreiten konnte, sieht sie heute aus.« Trautchen hielt in ihrer Rutschpartie inne und beteiligte sich ebenfalls an der Bewunderung der in die Schönheit ihrer Heimat versunkenen Geschwister.

Durch das Spitaltor mit seiner gewaltigen siebenbogigen Bastei, die wie aus feinstem Alabaster gegen den graurosa erblassenden Himmel stand, erreichten die Geschwister wieder das krause Gewirr der Gassen.

Daheim war Tante Brigitte bereits mit den Vorbereitungen zum Abendbrot beschäftigt. Eigentlich war es noch viel zu früh dazu. Aber die alte Dame war überpünktlich und pflichttreu. Wer konnte wissen, ob Barbara sich nicht irgendwo bei Bekannten festgeschwatzt hatte. Und der Ratsherr durfte keinen Augenblick warten – um Himmelswillen nicht – solch eines Verbrechens gegen die Hausordnung machte sich das Tantchen nie und nimmer schuldig.

Auch war Werner seiner Aufgabe, der Tante Gesellschaft zu leisten, nicht grade zu ihrer Freude nachgekommen. Erst hatte er ihr liebes Lorchen, den grauen Papagei, solange geneckt, bis er mit dem Schnabel nach ihm zu hacken begann. Als der Streit von der Tante mit sanften Worten geschlichtet war, kam ihr braves Mohrchen, der alte Kater, heran. Werner wollte ihn durchaus aus seiner beschaulichen Sonntagnachmittagsruhe hinter dem grünen Kachelofen hervorlocken. Da Mohrchen aber dazu wenig Lust zeigte, so ergab sich bei der Meinungsverschiedenheit der beiden bald ein lebhafter Kampf. Mohrchen machte einen Buckel und fauchte, und Werner versuchte ihn am Schwanz vorzuzerren. Wieder mußte Tante Brigitte ihr Andachtsbuch im Stich lassen und Frieden stiften. Da sie es nicht noch abwarten wollte, daß auch Peter, ihr Pudel, mit dem kleinen Strick zusammengeriet, schickte sie Werner lieber wieder zu seiner Festung und verzichtete auf seine weitere allzu anregende Gesellschaft.

Als man dann aber abends um den mit blütenweißem Damast gedeckten runden Eichentisch bei der Sonntagssülze saß, und der Ratsherr wohlgelaunt fragte: »Na, Tantchen, hat dich dein Kavalier auch heute nachmittag nett unterhalten?« da brachte die Gute doch keine Anklage gegen den Schlingel vor.

»Ei freilich – ei ja – es war nett,« lächelte das Tantchen, während Werner ein so unschuldiges Gesicht machte, als ob er kein Wässerchen trüben könnte. Er wußte es schon: das Tantchen verklatschte ihn nicht.

»Nun, Werner, ich hoffe, du bist nicht zu laut gewesen,« der Ratsherr warf einen prüfenden Blick auf den in Gemütsruhe Schmausenden.

»Bewahre – i bewahre,« beeilte sich die Tante dem Kleinen zu Hilfe zu kommen. »Mein Lorchen und mein Mohrchen waren ein wenig laut und – – –«

»Und das kannst du wohl nicht mehr vertragen, Tante Brigitte, weil du schon so altfränkisch bist?« unterbrach sie Trautchen da mit ihrer hellen Kinderstimme.

»Was bin ich, Seelchen?« die Tante verstand nicht recht. Magda verfärbte sich. Erst wurde sie blaß bis in die Lippen, und dann flammend rot bis zum Stirnhaar. Da hatte das Kind doch richtig was aufgeschnappt.

Heinz versuchte die Situation zu retten. »Du meinst ja alt, Trautchen, nicht wahr – – –«

»Nein, altfränkisch!« beharrte die Kleine. »Magda hat doch vorhin gesagt, Tante Brigitte wäre so altfränkisch, daß sie nichts mehr von modernen Frauen – – – von modernen Frauenkleidern verstände.«

Heinz atmete auf. Gottlob, Klein-Trautchen hatte sich das zurechtgelegt, wie sie es eben verstand. Magda aber fühlte sich durchaus nicht erleichtert. Es tat ihr in der Seele weh, das gute Tantchen, das jedem einzelnen im Hause nur Liebes erwies, zu verletzen. Das hatte sie doch wirklich nicht beabsichtigt.

»Hast du das tatsächlich gesagt, Magdalena?« erklang da des Vaters strafende Stimme. »Wie kann solch ein grünes Ding es wagen, eine derart unehrerbietige Äußerung über eine Respektsperson zu machen. Das ist wohl jetzt modern unter der heutigen Jugend, wie? Da sieht man es ja wieder, daß sie für nichts Ernstes mehr Sinn hat, nur für Firlefanz, Putzsucht und schöne Kleider.«

»O nein, Vater, mein Sinn steht ganz gewiß nicht nach Kleidern und Firlefanz. Nach etwas ganz anderem strebe ich. Ich – seit Monaten schon – Vater, ich habe – – –« Magda mußte eine sekundenlange Pause machen. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen, jetzt, da sich das schwere Geständnis von den Lippen ringen wollte.

Auch das treue Bruderherz von Heinz schlug kaum weniger erregt. Da aber rief der Vater schon stirnrunzelnd: »Ich will gar nichts mehr von dir hören – wenn du nicht einmal ein Wort der Entschuldigung findest. Gehe auf dein Zimmer, Mädchen, und schäme dich!«

Und Magda ging in ihr Zimmer und weinte bitterlich.

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