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Das Ratstöchterlein von Rothenburg

Else Ury: Das Ratstöchterlein von Rothenburg - Kapitel 4
Quellenangabe
authorElse Ury
titleDas Ratstöchterlein von Rothenburg
publisherA. Anton & Co.
yearo.J.
printrunDritte Auflage
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180904
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3. Kapitel

Was Magda auf der verschneiten Stadtmauer zu suchen hat

Draußen hatte sich das Bild inzwischen verändert. Die alabasterweißen Schneesäulen des Rathauses leuchteten nur noch ganz verschwommen in der Halbdämmerung des aufziehenden Winterabends. Der lustige Schlittenkorso war eingestellt; mit beginnender Dunkelheit traten die Schularbeiten in ihre Rechte. Nur ab und an kam noch ein kleiner Faulpelz mit hellem »Juchhu« die vereinsamte Bahn herabgerutscht.

Nirgends Trautchens grünes Käppchen, ihr roter Schlitten. So angestrengt auch Magda über den Marktplatz in die schmalen Gäßchen hineinäugte, nicht die geringste Spur von dem Schwesterchen. Ob die Krabbe auf eigene Faust nach Hause gegangen war, anstatt, wie ihr angesagt, in die Apotheke zu kommen?

Kein Mensch zu sehen, der ihr Auskunft geben konnte. Der heilige Georg auf dem Herterichbrunnen war der einzige, der Bescheid wußte um Trautchens Verbleib. Aber der träumte schon wieder von mittelalterlichen Zeiten, träumte und – schwieg.

Magda hastete schnell vorüber, die Herrengasse hinauf heimwärts. In der schönen alten Diele des Hotels Eisenhut saßen die guten Rothenburger beim Dämmerschoppen. Auch der Vater war wohl darunter. Da er selbst Weinberge besaß, liebte er einen guten Tropfen Tauberwein.

Wie um Mitternacht lag das verschneite Städtchen still schlummernd in seinen weißen Federbetten. Ab und zu huschte gelblicher Lampenschein aus einem unverhangenen Fenster über den Schnee. Und doch hallten von der benachbarten Jakobskirche erst sechs Schläge, schwer und dumpf.

Auch Magdas Vaterhaus reckte seine hohen Giebelzacken gleich einer gewaltigen Schneetreppe verschlafen in die Winterdämmerung. Alles dunkel. Nur durch die schöne alte Kunstschmiedearbeit der Fenstergitter des Eckzimmers zitterten Lichtflecke hinaus. Dort war Tante Brigittes Reich.

Die Kinderzimmer lagen nach dem Hof zu. Magdas Finger setzten ungestüm die blitzblank gehaltene Türklingel in Bewegung.

Es dauerte lange, bis sich schlürfende Schritte auf der Diele hören ließen. Das junge Mädchen verging vor Ungeduld. Mechanisch las sie zum soundsovielten Male die Inschrift der Steintafel über dem Portal, die besagte, daß Kaiser und Könige dereinst in diesem Hause zu Gaste gewesen. Sonst war das Ratstöchterlein stolz darauf; heute ließ es sie völlig gleichgültig.

»Bärbchen, sind die Kinder zurück – ist Trautchen zu Hause?« kaum hatte das Portal in den Angeln gequietscht, da rief es Magda schon mit gedämpfter Stimme durch die Türspalte.

Aber sie hatte in ihrer Aufregung nicht mit der Schwerhörigkeit der alten Dienerin gerechnet.

Bärbchen, oder vielmehr Barbara, erschien den Topplerschen Kindern von kleinauf, als sei sie das älteste Inventar des uralten Hauses. Sie hatte schon bei den Großeltern gedient und wußte in der Familiengeschichte fast so gut Bescheid wie Tante Brigitte.

Bärbchens runzliges Gesicht unter einer vorsintflutlichen weißen Faltenhaube nickte dem jungen Fräulein freundlich zu.

»Zieh dir nur die Überschuhe gleich hier draußen aus, daß du keine Schneetapfen auf meine schön gebohnerten Dielen machst – willst du heißen Tee, Magdachen?« Es war Bärbchens stillschweigend zugestandenes Recht, alle Topplerschen Kinder bis zu ihrer Verheiratung zu duzen.

Magda mußte sich dazu bequemen, die ihr am Herzen liegende Frage lauter zu wiederholen. Wenn nur Tante Brigitte nichts merkte! Ihre Herzensgüte war mit einer geradezu lächerlichen Ängstlichkeit gepaart. Die wäre sicher sogleich aus dem Häuschen.

»Bärbchen, ist unser Kind zu Haus?«

»Ja, ja, der Wind draußen, bei solchem Wetter bleibt man am besten daheim,« pflichtete Bärbchen bei.

»Das Trautchen – ob Trautchen da ist?« ganz langsam und akzentuiert sprach es Magda, trotz ihrer Ungeduld, damit ihr die Alte die Worte von den Lippen lesen konnte.

Und wirklich – Bärbchen verstand.

Die schöngetollte Haube geriet in aufgeregte pendelartige Bewegung. »Nein, Kind, das Trautchen ist doch mit dir fortgegangen. Um aller Heiligen willen, es wird ihm doch nichts zugestoßen sein?«

»Was soll Trautchen denn in unserem Nest hier passieren!« trotzdem Magda es möglichst leichthin sagte, war ihr nicht ganz wohl dabei zumute.

»Und der Junge, Bärbchen?«

»An der Lunge? Du lieber Gott, meinst du wirklich, daß sich unser Kind was an der Lunge holen kann?« Bärbchen packte entsetzt Magda bei ihrem Flauschmantel.

Da gab diese endgültig eine Verständigung auf. Den Zeigefinger auf die Lippen gelegt, wies sie mit der andern Hand zu der dunkelgebeizten Ecktür, die zu Tante Brigittes Zimmer führte.

Bärbchen begriff. Wenn ihre Ohren auch nicht immer mehr ihre Schuldigkeit taten, mit dem Herzen war die treue Alte gewöhnt, jedem im Hause seine Wünsche abzulauschen. Die Haube geriet in heftigere Schwankungen, beteuernd legte Bärbchen die Hand auf die Brust.

»Schön – schön Bärbchen – ich bin bald wieder da,« das Ratstöchterlein trat aufs neue in den Winterabend hinaus.

Aber noch einer hatte sich mit durch die geöffnete Tür durchgeklemmt – Peter, Tante Brigittes Pudel. Es schien, als habe das kluge Tier, das dem Gespräch in der Diele gefolgt, mehr davon begriffen als die alte Barbara. Aufmunternd bellend umsprang er seine junge Begleiterin.

Die hielt ziemlich ratlos in der ausgestorbenen Straße Umschau. Es hatte aufgehört zu schneien. Aus jagenden Wolkenfetzen lugte ab und an die fast volle Mondscheibe auf das krause Giebelgewirr der alten Stadt Rothenburg hernieder. Die bildete die Hauptbeleuchtung. Denn die spärlichen Gaslaternen blinzelten müde und trübselig.

Wo nun hin? Wieder zum Innern der Stadt zurück oder hinaus auf die Wälle, die mit ihren heimlichen Verstecken zu jeder Jahreszeit den liebsten Tummelplatz der Stadtjugend bildeten.

»Ja, Peter, wo gehen wir hin – wo ist Trautchen?« unbewußt wiederholte Magda die Frage, die ihr am Herzen lag, noch einmal laut.

Der Pudel sah sie mit fast menschlichem Verständnis an. Er begann in die klare Luft zu schnuppern. Dann lief er mit gesenkter Nase ein Endchen in der Richtung des Marktplatzes zu, kam wieder zurück, schnupperte, wandte sich zu dem gegenüberliegenden Franziskanerkloster und schlug nun auffordernd bellend den Weg zum Burgtor hinaus ein.

»Peter – Peter – hierher – zurück!« Es war ja nicht denkbar, daß die Kleine, die so furchtsam war, sich in der Dunkelheit zur Stadtmauer hinausgewagt hatte. Sicher war sie irgendwo bei Bekannten, um sich aufzuwärmen.

»Peter – hierher!« Aber das sonst so gehorsame Tier rührte sich nicht von der Stelle. Nur sein kurzes überzeugungsvolles Geblaff erklang in Zwischenräumen.

Ob sie sich Peters Führung überließ? Magda kreuzte die Straße und trat zu dem jetzt freudig wedelnden Hunde.

»Zu Trautchen, Peter – führ' mich bloß zu Trautchen!« Der Schwester große Sorge löste sich in diesem an ein unvernünftiges Tier gerichteten Hilferuf.

Der Hund senkte aufs neue die Nase. Dann lief er spornstreichs Magda voran, der Stadtmauer zu. Hin und wieder wandte er den zottigen Kopf, ob sie ihm auch folge.

Ja, Magda folgte. All ihre Hoffnung setzte sie auf den schwarzen, wolligen Knäuel da vor sich, der eiligst über den weißen Schnee dahinrollte.

War dort nicht eine Schlittenspur? Sicher, eine ganz schmale, daneben eine etwas breitere – und hier, das waren doch Tapfen von kleinen Füßen. Magda strengte die Augen bis aufs äußerste an ... Da aber löschte eine große dunkle Wolke die Mondlaterne am Himmel aus – stockfinster war's plötzlich. Nur das weiße Rund des gewaltigen Burgtors und die riesigen Schneehauben der uralten Wachtürme verbreiteten ein wenig Helligkeit.

Magda war ein beherztes Mädchen. Aber es wurde ihr doch unheimlich hier draußen in der menschenverlassenen Gegend. Und da sollte sie ihren kleinen Liebling suchen? Die verschneiten Weinberge außerhalb der Stadtmauer fielen zur Tauber ab. Dieselbe war jetzt vereist, aber wenn sie doch irgendwo noch offene Stellen hatte ... wenn Trautchen mit ihrem Schlitten dort hineingeraten ... Magda fühlte, wie ihr Herz bei dieser Vorstellung aussetzte.

»Lieber Gott – du, mein lieber Gott, strafe mich nicht so hart. Ich will mich ja nie wieder über mein Los beklagen, ich will ja zufrieden sein in der Enge unseres alten Hauses, nur das Kind gib mir unversehrt wieder!« Schon als Zwölfjährige hatte Magda das hilflose quakende Bündel, das die sterbende Mutter zurückließ, getreulich gewartet und behütet. Heute, zum erstenmal hatte sie bei den Freundinnen ihre Pflicht dem Schwesterchen gegenüber vernachlässigt.

Da – ein leises Weinen – alles Blut jagte es Magda zum Herzen.

Peter schlug an. Er blieb vor einem Schneetreppchen, das zum Wehrgang des inneren Mauerringes führte, stehen und blaffte freudig.

»Trautchen ...?« Magda vermochte es kaum, den Namen in die Stille hineinzurufen. Die herzklopfende Erwartung schnürte ihr die Kehle zusammen.

»Hier bin ich –« schluchzend klang es von der obersten Treppenstufe herab – »ach, bitte, bitte, hole mich doch, ich graule mich ja so sehr!«

»Gottlob!« mit ein paar Sätzen war Magda oben. »Kind – Trautchen – wie kommst du denn bloß hierher?« sie riß die Kleine an sich und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen.

»Mir ist so kalt – au, meine Hände und Füße sind ganz erstarrt – und ich habe mich ja so gefürchtet,« weinte es statt jeder Antwort weiter.

»Aber Trautchen, wie konntest du denn bloß so unartig sein, fortzulaufen und noch dazu in aller Nacht hier auf die Wälle.« Magda nahm das leichte Dingelchen auf den Arm und trug es durch den hohen Schnee die Treppe herab.

»Der Werner – der Werner hat doch gesagt, ich soll mitkommen, die feinste Rodelbahn sei hier am Burgberg, hat er gesagt. Und wir wären längst zu Hause, bis du kämst. Aber dann war es so dunkel da draußen und so kalt – ach, und als ich mich fürchtete, da hat der Werner mich eine »Memme« geschimpft. Und dann hat er gesagt, ich soll mich nur da oben auf die Treppe setzen, da wäre es schön warm, da käme der Wind nicht hin. Zehnmal wollte er bloß noch den Berg herabrodeln. Aber er ist bestimmt schon zwanzigmal hinuntergefahren, und ich muß inzwischen frieren.« Trautchen begann aus Mitleid mit sich selbst wieder heftiger zu schluchzen.

»Ihr seid beide ganz böse Kinder, die man gar nicht mehr lieb haben kann,« dabei riß die große Schwester den eigenen Mantel auf und schlang ihn um das zitternde Kind. So fest, so zärtlich, daß es Trautchen schwer wurde, an den Ernst der strafenden Worte zu glauben.

»Werner – Werner – sofort kommst du hierher!« Magda rief es sodann temperamentvoll in das schlafende Taubertal hinaus.

»Juchhu!« da sauste es von der einstigen Burg herab in schneidiger Fahrt auf die beiden zu – »juchhu« – strahlend schwenkte der Schlingel noch seine wollene Rodelmütze.

»Bengel!« in die schweigende Einsamkeit des alten Mauerwerks knallte eine kräftige schwesterliche Ohrfeige. »Dir werden wir das abgewöhnen, dich den ganzen Nachmittag herumzutreiben und mir auch noch das Kind dazu zu verleiten. Auf den Tod kann es sich ja erkälten – – –«

»Magdachen – ach, Magdachen, glaubst du wirklich, daß ich mir den Tod geholt habe?« weinte es aus dem warmen Flauschmantel der großen Schwester heraus. Offenbar konnte sich Klein-Trautchen gar nichts darunter vorstellen, nur das Wort war ihr unheimlich.

Aber noch einer heulte. Werner war sein jauchzendes Juchhu vergangen. Erst die Ohrfeige hatte es ihm zum Bewußtsein gebracht, daß er sich noch nie so arg gegen die Ordnung und die Hausgesetze vergangen hatte wie heute. Es war aber auch noch nie so schön gewesen.

»Sag' dem Vater nichts, Magdachen,« bat er zerknirscht, als man das Haus beinahe erreicht hatte. »Er wird so böse sein, und dann prügelt er mich – – –«

»Die Prügel hast du auch rechtschaffen verdient, mein Junge – nein, diesmal vertusche ich deine Heldentat nicht, wie schon so oft.« Trotzdem Magdas gutes Herz gern dem Vater den Ärger und dem Bruder die unweigerlichen Hiebe erspart hätte, blieb sie diesmal fest. Werner mußte mit Strenge genommen werden, sonst trug sie selbst die Schuld daran, wenn der Elfjährige sich zu einem kleinen Vagabund auswuchs.

Zwei Stunden später bestrahlte die alte Messing-Moderateurlampe, die dereinst durch Öl gespeist wurde, und in der sich die elektrische Glühbirne jetzt merkwürdig genug ausnahm, ein friedliches Familienbild. Tante Brigitte war in ihrer grünen Sofaecke über einem alten Gartenlaubenroman sanft eingenickt. Der Vater im schwarzledernen Großvaterstuhl rauchte wie allabendlich sein Pfeifchen und blickte zufrieden auf den goldigflimmernden Scheitel seiner ältesten Tochter. Der war tief über zerrissene Kinderstrümpfchen geneigt. Emsig zog die schmale weiße Mädchenhand Faden auf Faden durch das Gewebe. Kein Gedanke flog neidisch zu den Freundinnen, die jetzt im Operngenuß schwelgten. All die sich auflehnenden Empfindungen Magdas schwiegen heute abend. Sie waren inniger Dankbarkeit gewichen.

Droben im Kinderzimmer schlief Klein-Trautchen, nachdem Bärbchen ihr vorsorglich süßen Lindenblütentee gebracht – denn der hilft selbst gegen den Tod – sanft und friedlich ihren Kinderschlaf.

Werner hatte nach Entgegennahme der väterlichen Hiebe mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit noch sein Schulpensum erledigt.

Sie selbst aber fühlte den zufriedenen, liebevollen Blick des Vaters über ihre weibliche Tätigkeit. Und mit ihm schauten sämtliche Ratsherren aus ihren Spitzenkrausen heraus, sämtliche Frauen des ehrwürdigen Toppler-Geschlechts von der Wand herab wohlwollend auf den heute den alten Traditionen des Laufes getreuen Nachkömmling hernieder.

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