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Das Ratstöchterlein von Rothenburg

Else Ury: Das Ratstöchterlein von Rothenburg - Kapitel 21
Quellenangabe
authorElse Ury
titleDas Ratstöchterlein von Rothenburg
publisherA. Anton & Co.
yearo.J.
printrunDritte Auflage
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180904
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20. Kapitel

Warum das Ratstöchterlein des Vaters Weinberg mit Tränen netzt

Und doch hatte Erwin Lindner mit seiner heilsamen Medizin recht behalten. Magda gesundete allmählich wieder seelisch. Als die Blauveilchen ihre Grüße aus dem Burgmauerwinkel emporsandten, vermochte auch sie den einziehenden Lenz mit erwachender Freude zu grüßen. In emsiger, zielbewußter Geistesarbeit gelang es ihr, nach und nach ihren Schmerz zu überwinden.

Tante Brigitte wußte nicht mehr, was sie von den Zeiten zu halten hatte. Das Unterste war ja jetzt zu oberst gekehrt. Nicht nur draußen in der Welt, wo der Kampf mit unverminderter Heftigkeit auf der Erde, in den Lüften und unter den Wassern weiter tobte. Auch in ihrer kleinen Welt, in dem alten Patrizierhause zu Rothenburg.

Die schönen großen Kupferkessel, in denen die Topplerschen Frauen jahrhundertelang ihr Obst eingekocht, hatte Barbara widerwillig zur Metallsammelstelle tragen müssen. Das Vaterland brauchte sie. Die prachtvollen alten Zinnhumpen und Krüge, die im Eßzimmer auf den Wandbrettern standen, aus denen manch Ratsherr seinen Wein geprobt, wanderten ebenfalls dorthin. Ja, sogar das kunstvolle Messing, die herrlichen Leuchter, Lampen und antiken Blaker, die einstige Freude des Hausherrn. Nichts von alledem behielt er zurück. Er hatte dem Vaterlande ja mehr opfern müssen.

Auch Magda gab, was sie an Goldschmuck besaß, so sehr sie auch an manchem alten Stück hing. Tante Brigitte aber wollte nichts davon wissen, daß sie ihre schwere goldene Uhrkette, die ihr seliger Mann ihr zur Hochzeit geschenkt, mit einer eisernen vertauschen sollte. Das war doch gegen alle Pietät.

Überhaupt Pietät – wo war die jetzt noch im Topplerhause zu finden! Hatte sie nicht mit eigenen Ohren gehört, wie Dr. Lindner beim Abschied zu ihrem Neffen gesagt: »Sie werden es nicht zu bereuen haben, Herr Rat, daß Sie Ihre Tochter studieren lassen.«

Das Magdachen studieren – sie aus ihrer mühsam errungenen Weiblichkeit wieder herausreißen, dem ererbten welschen Blut Tür und Tor öffnen! Und der Vater, der einst so jähzornig dagegen gewettert, machte keine Einwendungen mehr? Stiegen denn die würdigen Ahnenbilder nicht Einspruch erhebend von ihrer Wand? Das Tantchen griff sich an die Schläfen. Und der Doktor war es, der den Vater dazu bestimmte, dem sie doch ganz andere Absichten zugetraut! Nein, ein alter Kopf fand sich nicht mehr zurecht in dieser verkehrten Welt.

Magdas Zeit war jetzt vollauf ausgefüllt. Zum unfruchtbaren Grübeln blieb keine Minute. Trotz angestrengter Pflege im Lazarett hielt sie ihre festen Arbeitsstunden zur Vorbereitung auf das Abiturium morgens und abends inne. Erwin Lindners Beifall, der freudig wahrnahm, daß ihre Zeilen frischer und frischer wurden, spornte sie stets von neuem an.

Dabei bekamen ihre Wangen wieder Farbe, ihre Augen Glanz. Das Ratstöchterlein erblühte in voller Jugendschöne, nur ein ernster Zug um die Mundwinkel war geblieben und erzählte von erfahrenem Leid. Mit Klein-Trautchen vermochte Magda wieder zu lachen, des Tantchens endlose Klagen über die schrecklichen Zeiten mit einem Scherz zu besänftigen. Am wohltuendsten aber empfand der Vater ihren Einfluß und die rührende Liebe, mit der Magda ihn umsorgte. Sie war es, die wieder Interesse in seiner stumpf gewordenen Seele zu wecken wußte. Sie ging mit ihm in seine Weinberge hinaus, dort kam ihm wieder allmählich die Freude am Werden in der Natur. Freilich viel langsamer als bei ihr selbst, einem jungen Menschen, hob der gebrochene Lebensmut im Herzen des Ratsherrn aufs neue das Haupt. Aber allmählich machte auch die Zeit bei ihm ihren heilenden Einfluß geltend.

Von seiner Einwilligung zu ihrem Studium sprach er nicht. Aber wenn sie mit einem Lehrbuch neben ihm saß, wagte sie es, ihn hin und wieder nach irgendetwas zu fragen. Dadurch bekam der Vater auch Interesse für ihre Arbeit und gewöhnte sich daran, von ihr zu Rate gezogen zu werden. Und es waren Augenblicke, wo er sich zugestehen mußte, daß Magda trotz Latein und Mathematik auch nicht das geringste von ihrer Weiblichkeit einbüßte und ihren häuslichen Pflichten getreulich nachkam.

So vergingen die Monate. Aus Frühling ward Sommer, und aus Sommer Winter. Und wieder zog der Lenz anemonenbekränzt ins Taubertal, und des Ratstöchterleins Gedanken wanderten, wie einst die ihrer Urahne Magdalena, über die blauenden Berge gen Süden. Warum hatte Erwin Lindner so lange nichts von sich hören lassen?

Am Pfingstsonntag war's. Seit Kriegsbeginn fand kein historischer Festzug mehr zu Rothenburg statt. Magda war vom frühen Morgen an mit dem Vater im Weingarten, wo es jetzt allerlei zu richten gab. Der Ratsherr hatte zu Magdas Genugtuung wieder angefangen, dort zu arbeiten. Die Sonne schien so golden, allenthalben sang und zwitscherte es.

Trautchen brachte ihnen in einem Körbchen die Frühstücksbrote. Mizi, das Kriegskind, die Postsachen. Ein Brief an Fräulein Magda Toppler war dabei. Er zeigte eine fremde Damenhandschrift und war aus Meran abgestempelt.

Magda öffnete ihn mit einer gewissen Neugier.

»Mein liebes Fräulein Toppler,« las sie erstaunt. »Sie sind mir keine Fremde mehr. Mein Sohn hat mir soviel von Ihnen und Ihrem lieben Vaterhause berichtet, daß ich mich in meiner Sorge an Sie zu wenden wage. Ich befinde mich hier im Lazarett bei meinem armen Sohn, der eine schwere Verwundung davongetragen hat. Es gilt vor allem, seine Nerven, die sehr gelitten haben, zu beruhigen, da dieselben von großem Einfluß auf das örtliche Leiden sind. Er soll in ein Erholungsheim in der Nähe von Würzburg. Und da hat er selbst den Wunsch ausgesprochen, das Wildbad bei Rothenburg zu wählen. Ich bin glücklich, daß er nur überhaupt mal wieder etwas wünscht. Gott gebe, daß es das Richtige für ihn ist und Genesung bringt. Es ist mir eine große Beruhigung, daß Sie, liebes Fräulein Toppler, selbst als Pflegerin dort tätig sind. Da weiß ich meinen Sohn körperlich wie seelisch in den besten Händen. Denn mir wird man wohl nicht gestatten, die ganze Zeit über bei ihm zu bleiben. Nur für die ersten Tage bitte ich Sie herzlich, mich, wenn irgend möglich, dort mit unterzubringen. Wenigstens so lange, bis er sich eingelebt hat. Verzeihen Sie einer Mutter, daß sie sich in ihrer großen Sorge an Sie wendet. Wir gedenken morgen schon abzureisen und werden diesem Briefe wohl auf dem Fuße nachfolgen. Nehmen Sie im voraus meinen wärmsten Dank und die besten Grüße von meinem Sohn und Ihrer

Marie Lindner.«

 

Längst waren die Kinder lachend den Berg heruntergejagt, längst hatte der Vater nach der Zeitung gegriffen. Und immer noch saß Magda reglos und starrte auf die feinen Schriftzüge. Sie verschwammen vor ihrem Auge – ein feuchter Schleier trübte ihr den Blick. Schien denn die Sonne nicht noch ebenso golden? Jubilierten die Vöglein denn nicht noch grade so hell? Warum war die Welt denn plötzlich verändert – grau – düster? Glänzende Tropfen lösten sich von den Wimpern des Ratstöchterleins, perlten hernieder und netzten den Weinberg des Vaters. Du lieber Gott, waren es denn noch nicht genug der Opfer, die das Vaterland von ihr gefordert? Sollte sie auch den noch verlieren, der ihr teurer war, als sie es sich selbst in mädchenhafter Scheu bisher hatte eingestehen mögen?

»Schwer verwundet« schrieb seine Mutter. Grundgütiger, was konnte das nicht alles sein. Hatte er eines seiner Glieder eingebüßt, kam er als Krüppel heim? Das Gespräch fiel ihr ein, das sie einst mit einem der Verwundeten gehabt, der sich davor bangte, seiner Braut mit einem Bein vor die Augen zu treten.

»An meinen Gefühlen würde das nichts ändern, wenn er nur überhaupt lebt« – ohne daß es ihr zum Bewußtsein kam, murmelte Magda diese Worte erregt vor sich hin.

»Sagtest du etwas, Kind?« Der Vater blickte von seinen Kriegsnachrichten auf. »Nanu, du weinst, Magda; hast du irgendwelche schlechte Nachrichten erhalten?«

Das junge Mädchen nickte. Es mußte sich gewaltig zusammennehmen, bevor es sprechen konnte. »Die Mutter von Doktor Lindner schreibt mir, daß ihr Sohn schwer – schwer verwundet ist.« Magda mußte eine Pause machen. Die Stimme wollte ihr nicht mehr gehorchen.

»Nun – nun – verwundet, das ist doch noch nicht das Schlimmste, Kind. Es tut mir natürlich von Herzen leid, aber ich wünschte, unser Junge wäre nur verwundet gewesen – – –«

Ja, der Vater hatte recht. Sie hatte noch allen Grund, Gott dankbar zu sein, daß der Freund überhaupt wieder heimkehrte. Jetzt war keine Zeit zum Klagen, jetzt hieß es handeln, und alles für seinen Empfang vorbereiten. Oh, glücklich mußte sie doch sein, daß sie ihn pflegen, für ihn sorgen durfte!

Hier in dieser nervenstärkenden Ruhe und idyllischen Natur würde er sicher bald genesen. Energisch wischte das junge Mädchen die Tropfen von den Augen.

»Ich will gleich ins Wildbad hinunter, Vater, und Doktor Lindner anmelden. Auch das Zimmer für ihn und seine Mutter auswählen – heute können sie ja wohl nicht mehr kommen. Aber zu morgen ist, glaube ich, ein Lazarettzug gemeldet.« Sie nickte dem Vater zu und eilte leichtfüßig den Weinberg hinab.

Der Ratsherr sah nachdenklich hinter seiner Tochter her. Die Tränen gaben ihm zu denken. Grade so wie damals der alten Tante Brigitte. Nun ihm wär's schon lieber für sein Kind als das Studium. Wenn er ihr auch beim Studieren nichts mehr in den Weg legen wollte, so recht befreunden konnte er sich noch immer nicht mit dem Gedanken.

Inzwischen hatte Magda mit dem Chefarzt gesprochen. Ein helles, freundliches Zimmer, dessen Fenster zur Engelsburg hinausgingen, hatte sie Erwin Lindner hergerichtet. Durch ihre Fürsprache war es ermöglicht, daß Frau Lindner das erst in drei Tagen belegte Zimmer nebenan bis dahin bewohnen durfte.

Nun war der zweite Pfingsttag herangekommen und der Lazarettzug signalisiert. Mit einigen Krankenwärtern und Schwestern erwartete Magda ihn. Unruhig schritt sie den Bahnsteig auf und nieder. Wie oft hatte sie hier einen Transport Verwundeter in Empfang genommen. Nie hatte sie etwas anderes dabei empfunden als warmes Mitleid. Und heute diese quälende Beklommenheit, dieses Bangen und gleichzeitig scheues Freuen und Hoffen. Wie würde sie ihn wiedersehen?

Schwarze Dampfwolken – Rattern und Schnaufen – der Zug mit dem leuchtend roten Kreuz auf weißem Grunde läuft ein. Magda muß noch einen Augenblick stehen bleiben, das Herz klopft ihr zum Zerspringen. Dann eilt sie wie die andern, beim Aussteigen zu helfen.

Suchend gleitet ihr Blick von Abteil zu Abteil. Da – vom Ende des Zuges her kommen langsam zwei näher. Der seldgraue stützt sich auf den Arm einer älteren Dame – schon ist Magda bei ihnen. Ihr angstvoller Blick überfliegt die Gestalt des Freundes – Gottlob, er geht auf seinen beiden Beinen! Die Arme sind nicht im Verband ... erregt forscht sie weiter in seinen Zügen ... da – eine große, schwarzgläserne Brille macht ihn fast unkenntlich. Die Augen – – – Magda muß an sich halten, um nicht laut aufzuschreien vor Schmerz. Seine lieben Augen ...

Und dann vermag sie doch das kaum Mögliche, die sympathische Dame mit denselben feinen, klugen Zügen, wie der Sohn sie hat, ehrerbietig zu bewillkommnen und dem Freund beide Hände zu reichen.

»Grüß Gott, lieber Herr Doktor! Wie schön, daß Sie zu uns ins Wildbad kommen. Sie sollen mal sehen, wie schnell wir Sie wieder ganz gesund pflegen!«

Der Doktor lauschte der jungen hellen Stimme. Sein geschärftes Ohr hörte die gezwungene Heiterkeit heraus.

»Sehen – Fräulein Magda, damit ist es für immer vorbei. Ich hätte gewünscht, die Kugel hätte besser getroffen,« fügte er leise hinzu.

Entsetzt wandten sich Magdas tränenfeuchte Augen an die Mutter. Ach, in deren blassen Zügen las sie wenig Hoffnung. Laut aber sagte Frau Lindner: »Du weißt es doch, mein lieber Sohn, was der Arzt uns in Meran beim Abschied gesagt hat. Sorgen Sie dafür, daß Ihr seelisches Gleichgewicht sobald als möglich wieder hergestellt wird. Innere Ruhe und Heiterkeit ist das beste Heilmittel für Ihre kranken Augen. Dann kann man später auch an eine Operation denken.«

»Ja, du hast recht, Mütterchen. Es ist egoistisch von mir, daß ich dir's noch schwerer mache. Hast schon genug Sorge mit mir. Und nun komme ich hierher und quäle Sie auch noch, Fräulein Magda.«

»Dafür danke ich Ihnen, Herr Doktor,« antwortete diese schlicht. Dann zog sie den freien Arm des Patienten durch den ihren, und so schritt Erwin Lindner zwischen den beiden Frauen, die ihm die liebsten waren, zum Wagen.

Durch die alten Rothenburger Gassen holperte das Gefährt. Aber der, welcher sonst begeistert gewesen von jedem malerischen Renaissancegiebel, von den reinen gotischen Linien der Kirchen, er vermochte sie heute nicht zu schauen. Da war der entzückende Feuerleins Erker – jedes Wort kam Magda ins Gedächtnis, das der Doktor darüber einst voll künstlerischer Freude zu ihr gesprochen. All die Stätten, die sie zusammen durchstreift, die alten Höfe mit den blühenden Sträuchern, da – das Burgtor, an dem sie ihn grade heute vor drei Jahren zum erstenmal gesehen.

»Lieber Gott, hilf – er kann nicht ausgestoßen sein von dieser schönen Welt!« So betete Magda aus Herzensgrunde.

»Sind wir schon am Marktplatz vorbei, Fräulein Magda?« erkundigte sich da Erwin Lindner, der wohl ähnliche Gedanken hatte wie sie.

»Wir fahren grade durch das Burgtor.« Sie schwiegen beide und dachten das Gleiche.

»Wie schön ist es bei Ihnen, Fräulein Toppler.« Die Stimme seiner Mutter riß Magda aus ihrer Versunkenheit. Sie mußte sich zusammennehmen. Es kam ja alles darauf an, ihn ruhig und heiter zu stimmen.

»Fühlen Sie nicht schon den erfrischenden Tauberwind, Herr Doktor, und den Fliederduft von der Stadtmauer? Warten Sie, ich breche Ihnen einen Zweig.« Sie reckte sich zur Höhe, das blühende Geäst zu fassen.

»Oh, das tut gut.« In tiefen Zügen sog der blasse Mann den süßen Duft ein.

»Es ist der tiefblaue, der an der St. Blasiuskapelle wächst,« erläuterte Magda.

»Ich werde mich wohl jetzt daran gewöhnen müssen, durch anderer Augen zu sehen.« Da war der Freudenschein, den der Blütenzweig bei ihm geweckt, schon wieder erloschen.

»Lieber Herr Doktor, Sie haben mich erst richtig die Schönheit unseres Städtchens sehen gelehrt. Da ist es doch nur recht und billig, daß ich meine Augen jetzt für Sie mitgebrauche,« warm klang Magdas Stimme.

»Ja, einst habe ich Sie gestützt, wenigstens geistig, jetzt ist es umgekehrt,« seufzend ließ sich der Doktor von seiner jungen Pflegerin dem Hause zuführen.

Hinter ihnen schritt die Mutter. Sie blickte auf die beiden vor ihr in der Sonne Gehenden, auf das liebreizende Mädchen, das so sorglich jeden Schritt des Sohnes leitete. Niemals war das Grausame seines Geschickes dem armen Mutterherzen schmerzvoller zum Bewußtsein gekommen, als in diesem Augenblick. Mit feinem Fraueninstinkt und dem nicht irregehenden Gefühl der Mutter ahnte sie es, daß ihr Sohn noch mehr verloren hatte als das Augenlicht – sein Lebensglück.

Das hellste, freundlichste Zimmer hatte Magda für ihren Patienten ausgesucht, und nun saß er in diesem lichten Raum – im Dunkeln. Die Engelsburg im Frühlingsgrün vor den Fenstern, an der er sich freuen sollte, vermochte sein Auge nicht wahrzunehmen. Nur die Teerose, die das junge Mädchen von ihrem eigenen Rosenstock auf dem Balkon geschnitten, hielten seine Finger.

Als Frau Lindner nach drei Tagen wieder heimfuhr, konnte sie so beruhigt sein, wie es den Umständen nach nur möglich war. Ihr Sohn war denkbar gut aufgehoben. Wenn irgendwo, mußte er hier Heilung finden. Seine junge Pflegerin aber hatte in den wenigen Tagen das Herz der Mutter gewonnen, wie das ihres Sohnes.

Regelmäßig gab Magda Frau Lindner Berichte. Sie klangen stets befriedigend und zuversichtlich. Aber in Magda selbst sah es nicht immer so hoffnungsfreudig aus, wie sie sich den Anschein gab. Sie litt entsetzlich mit dem Manne, dem ihr Herz gehörte. Und das Schwerste war, daß sie es unterdrücken, selbst froh und heiter erscheinen mußte, um ihn aus seiner Schwermut aufzurütteln. Manchmal kam sie sich gradezu grausam dem Freunde gegenüber vor, wenn sie seine leisen Klagen, die ihr das Herz wund machten, mit einem Scherz abtun mußte.

Nun hatte sich das erfüllt, was Erwin Lindner einst heimlich gewünscht. Er lag im Liegestuhl auf der blühenden Terrasse des Wildbades, und Magda saß neben ihm, glättete ihm die Kissen, brachte ihm Erfrischungen und plauderte ihm die trüben Gedanken fort. Ach – wie gern hätte er jetzt zurückgetauscht!

Wenn sie ihm vorlas, nahm er den melodischen Klang ihrer Stimme in sich auf, ohne oft den Sinn der Worte zu verstehen. Daß er ihren holdseligen Anblick entbehren mußte, schmerzte ihn mehr, als daß er den blühenden Frühling nicht schaute.

An ihrem Arm schritt er die Wege entlang, die ihm einst lieb geworden. Magda hatte sich daran gewöhnt, für den Freund mitzusehen. Da war kein Silberwölkchen am Himmel, kein zartes Birkenbäumchen und kein altersgrauer blumenüberwucherter Mauerwinkel, an dem sie sich freute, den sie nicht auch ihm leuchtend malte und ihn so an ihrer Freude teilnehmen ließ.

»Wissen Sie, Schwester Magda –« er hatte sich daran gewöhnt, sie wie die andern Patienten zu nennen – »einmal möchte ich noch meine Augen gebrauchen können, wenn ich nun schon zu ewiger Nacht verdammt sein soll,« sagte er eines Tages sinnend zu ihr. »Können Sie raten, wozu, Schwester Magda?« Sie waren auf dem Wege zum Topplerhause. Zum erstenmal wollte der Doktor es nach seiner Erkrankung auf Bitten des Ratsherrn wieder betreten. Aber er ermüdete noch immer schnell. Sie ließen sich auf einer Bank am Wege nieder.

»Vielleicht möchten Sie unser liebes Rothenburg von der Engelsburg aus wieder im Abendlicht sehen?« Das junge Mädchen errötete in Erinnerung an ihr letztes Beisammensein dort oben. Da hatten ihr seine klaren, tiefen Augen, die jetzt die schwarze Brille deckte, verraten, wie er für sie empfand.

»Von der Engelsburg auf die im Abendschein brennenden Stadtgiebel und Türme herabsehen – ja, das möchte ich auch wohl noch mal. Aber das meine ich nicht. Sehen möchte ich, wie Sie selbst jetzt ausschauen, Schwester Magda. Ob die bleichen Wangen, die ich das letztemal bei Ihnen wahrgenommen, wieder rosig geworden, ob der ernste Zug um die Mundwinkel fort ist und die Augen wieder so froh wie früher aufleuchten können. Das möchte ich noch mal sehen und mir das Bild für immer einprägen.«

Es dauerte ein Weilchen, bis seine heißerrötende Begleiterin den jähen Gefühlssturm in ihrer Brust so weit beschwichtigt hatte, um einigermaßen ruhig erwidern zu können: »Meine Backen sind rot wie bei einem Bauernmädele Herr Doktor –« da sprach sie in diesem Augenblick wirklich die Wahrheit – »und meine Augen sind wieder ganz froh – – –« aber ihre Stimme bebte dabei, und die dunklen Sterne, die froh blicken sollten, standen voll Wasser. Sich mit Gewalt zur Ruhe zwingend, fuhr sie fort: »Das danke ich Ihnen. Sie haben mich dadurch, daß Sie mich wieder zur Aufnahme meiner Abituriumvorbereitungen veranlaßt haben, aufs neue zu einem brauchbaren Menschen gemacht. Und nun habe ich eine Bitte – eine riesengroße, lieber Herr Doktor. Ich möchte nicht immer Ihnen zu Dank verpflichtet sein, ich möchte so gern mal Gleiches mit Gleichem vergelten – – –«

»Das tun Sie schon, Schwester Magda, mehr als zuviel. Täglich, stündlich opfern Sie sich für mich auf. Es liegt mir schwer genug auf der Seele, daß ich Ihren Jugendfrohsinn mit meiner verdunkelten Existenz hier verdüstern muß. Aber Sie sprachen von einer Bitte – – –«

»Ja – Sie haben mich durch geistige Arbeit gesund und froh gemacht, als mich der Gram um Heinz niederdrückte. Sollte das bei Ihnen nicht auch möglich sein? Damals sagten Sie mir: »Nur schwache Seelen lassen sich vom Schmerz unterkriegen, starke Menschen werden größer durch denselben und bezwingen ihn. Lieber Herr Doktor – heute spreche ich zu Ihnen, wie Sie damals zu mir: Fangen Sie wieder an zu arbeiten! Schreiben Sie den zweiten Teil Ihres Geschichtswerkes!«

»Ich schreiben – arbeiten – – –« er lachte gequält auf. »Ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, Schwester Magda, sonst würde ich glauben, Sie wollten meiner spotten. Nein, damit ist es für immer vorbei! Schrieb ich Ihnen nicht mal scherzhaft aus der Kaserne, ich wollte vielleicht nach Beendigung des Krieges statt der Professur den Posten einer Scheuerfrau annehmen? Nicht einmal dazu tauge ich noch. Ein unnützes Mitglied der menschlichen Gesellschaft bin ich geworden, das ist das bitterste von allem!«

»Nicht doch – so dürfen Sie nicht sprechen, lieber Herr Doktor,« bat Magda mit tränengepreßter Stimme. »Es wird sicher alles noch gut mit Ihren Augen. Aber auch bis dahin sollen Sie den Mut nicht sinken lassen und wieder arbeiten. Sie haben doch Ihre Gedanken, Ihre großen Kenntnisse behalten – – –«

»Und wer schreibt die Gedanken nieder, wer ergänzt die Kenntnisse durch Nachlesen in Büchern, wer ersetzt mir meine Augen?«

»Ich –« sagte Magda leise.

Still, ganz still wurde es zwischen ihnen. Irgendwo im Buschwerk schlug die Nachtigall.

Vor den verdunkelten Augen des Gelehrten war ein heller Schein aufgeleuchtet. Sekundenlang – dann löschte er ihn selbst aus.

»Nein« – sagte er mit voller Bestimmtheit. »Das nicht – das nicht auch noch! Wohl habe ich einst davon geträumt. Aber es ist an den Trümmern eines Lebens genug. Sie sollen Ihr Dasein in der Sonne leben, Magda. Sie sollen studieren und das Glück finden, für das Sie geschaffen sind.«

In des Ratstöchterleins junger Brust stürmte und wogte es. Das welsche Blut, das ungestüme, das Magda von der Urahne ererbt, es strömte ihr jäh zum Herzen. Es ließ sie die Schranke des Mädchenhaften, Hergebrachten niederreißen. Was vor ihr nie eine der sittsamen Frauen aus dem Topplerhause getan – das Ratstöchterlein tat es. Beide Hände des Freundes ergriff es, und mit bebender Stimme rief es: »Ich finde mein Glück nur darin, wenn ich Ihnen wieder Freude in Ihr Dasein tragen darf. Ich will nicht studieren! Ich will bei Ihnen bleiben, Herr Doktor, als – als – Ihre Sekretärin,« setzte sie schnell verwirrt hinzu. Jetzt erst kam sie zur Besinnung dessen, wozu ihr Herz sie getrieben.

Der Doktor zog die schlanken Mädchenhände an seine Lippen.

»Ich danke Ihnen, Magda – von Herzen danke ich Ihnen für Ihre guten Worte. Sie haben mir Ihre ganze Seelengröße offenbart. Ich will dieselben als Geleit mit mir nehmen, dann wird es niemals ganz dunkel in mir sein. Denn annehmen darf ich Ihr Opfer nicht. Dazu müßte ich Sie – weniger lieb haben, als es der Fall ist.«

Da war es heraus, das Wort, auf das Magda so lange sehnsüchtig gewartet. Aber keine himmelhochjauchzende Freude löste es in ihr aus. Tief senkte sie das goldblonde Haupt, und ein heiliges Gelübde stieg in ihrem Herzen empor: Wohin sein Lebensweg auch führen mochte, ob zur Nacht oder zum Licht – sie gehörte von diesem Augenblick an zu ihm.

Wie die Nachtigall in den Frühlingsbüschen schluchzte!

Der Doktor hatte sich erhoben. »Wir wollen weitergehen, kommen Sie, Magda.«

Arm in Arm schritten sie durch das blühende Frühlingsgelände – und leise, ganz zaghaft lächelte die Hoffnung wieder den zweien entgegen. Aus tausend Blumenkelchen, aus jedem flirrenden Sonnenstrahl schaute sie das bewegte Mädchen an. In süßem Vogellaut und säuselndem Blätterrauschen kam sie zu dem stillen, in sich gekehrten Mann. Hoffnung, du holdestes Patengeschenk, welches das Leben dem Menschen gab!

Von ihrem Erkerplatz aus, im traulichen Verein mit Peter, Mohrchen und Lorchen, sah das alte Tantchen den beiden Näherkommenden entgegen. Und es mußte daran denken, wie der eingemauerte Spiegel schon einmal die zwei gezeigt. Lieber Gott, sah der arme Doktor elend aus! Und wie das Magdachen ihn behutsam, Schritt für Schritt, führen mußte – – – Ein tiefer Seufzer der Erleichterung hob die Brust des Tantchens: Es war doch gut, daß sie sich damals geirrt hatte! Was hätte das jetzt für Katastrophen gegeben!

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