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Das Ratstöchterlein von Rothenburg

Else Ury: Das Ratstöchterlein von Rothenburg - Kapitel 20
Quellenangabe
authorElse Ury
titleDas Ratstöchterlein von Rothenburg
publisherA. Anton & Co.
yearo.J.
printrunDritte Auflage
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180904
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19. Kapitel

Erfüllte Wünsche, die nicht glücklich machen

Wer den stolzen, jugendfrischen Rat Toppler lange nicht gesehen hatte, glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Was hatte der Schmerz aus dem trotz seiner fünfzig Jahre noch männlich schönen, elastischen Manne gemacht! Sein hoher Wuchs, der die kleinen Türen der alten Rothenburger Häuschen überragte, war nach vornüber geneigt, er schien kleiner geworden zu sein. Das scharfe, stahlblaue Auge, das so kühn über alles hinwegzuschweifen pflegte, hatte seinen hellen Glanz verloren, haftete jetzt meistens am Boden. Und das blonde Haar sowohl wie den Bart durchzogen lichte Silberfäden. Der Ratsherr war durch den Tod seines Sohnes ein alter Mann geworden.

»Ein Baum, dem man die Krone abgeschlagen und der nun in seinen Säften verdorrt,« den Eindruck hatte Erwin Lindner, als er im März auf kurzen Urlaub heimkam. Keiner konnte die Veränderung, die mit dem Ratsherrn vorgegangen, so gut beurteilen wie er, da er ihn viele Monate nicht gesehen hatte.

Aber noch jemand schien dem Doktor verändert, und das griff ihm eigentlich noch mehr ans Herz. Oder waren nur die düsteren Trauerkleider daran schuld, daß die Magda so blaß und ernst erschien? Wo war ihr überschäumendes Temperament, ihre erquickende Heiterkeit und entzückende Schelmerei hingekommen? Still und ernst trat sie dem Freund entgegen. Um Jahre älter und gereifter erschien sie ihm. Wohl strahlte es in den dunklen Augen auf bei ihrem Wiedersehen, wohl färbte zarte Röte die blaß gewordenen Wangen. Aber der Strahl erlosch so schnell, wie er gekommen, und der Mund, der zum Lachen geschaffen, wußte von nichts anderem zu sprechen als vom Tode des Bruders.

Tief hatte der Freund das schwere Geschick, welches das Topplerhaus getroffen, mitempfunden. Wie einen jüngeren Bruder hatte er den kindlich freimütigen Jüngling lieb gehabt.

Schon aus Magdas Briefen war ihm die Veränderung, die mit dem jungen Mädchen durch den Trauerfall vorgegangen sein mußte, entgegengetreten. Und ohne, daß Dr. Lindner es sich selbst eingestand, war das die Haupttriebfeder gewesen, daß er seinen Urlaub endlich durchgesetzt. Natürlich, er mußte doch wieder mal nach seiner alten Mutter sehen. Und nebenbei auch nach Rothenburg hereinschauen und die Magda aus ihrer stillen Schwermut aufrütteln.

Wie drängte es ihn, das liebe Mädchen tröstend in seine Arme zu ziehen, als es so still und bleich vor ihm stand. Es waren nicht nur Tante Brigittes Brillengläser und Klein-Trautchens aufgerissene Kinderaugen daran schuld, daß es unterblieb. Zu oft hatte der junge Gelehrte da draußen inzwischen dem Tod ins Antlitz geschaut. Er wußte, wie es sich oft nur um wenige Millimeter handelte, daß das Eisen traf.

Nein, er durfte nicht die Möglichkeit neuen Leids auf Magda häufen. Wenn der Frieden kam, wenn er dann noch gesund heimkehrte, ja, dann war es Zeit.

Aber inzwischen mußte etwas geschehen, daß Magda aus ihrem Trübsinn herausgerissen wurde. Er sprach mit ihr von ihrer Arbeit, warum sie ihm solange keine Ausarbeitungen ins Feld gesandt habe.

»Ich kann's nicht über mich gewinnen, Herr Doktor. Es erinnert mich zu sehr an Heinz, der doch mein erster Lehrer gewesen. Die Tätigkeit im Lazarett ist noch das Einzige, was ich zu erfüllen vermag. Je mehr ich körperlich zu tun habe, um so besser. Nur nicht denken müssen.«

»Das ist sehr unrecht von Ihnen, Magda« – sie zuckte zusammen – zum erstenmal nannte er sie so. »Grade in der Erinnerung an Heinz sollten Sie weiterarbeiten und nicht das, was er in Ihnen gesät, brach liegen lassen.«

»Es ist so schwer, Herr Doktor,« wie ein gescholtenes Kind neigte sie das goldene Haupt.

»Das sind schwache Seelen, die sich vom Schmerz niederdrücken lassen. Starke Menschen werden größer dadurch und bezwingen ihr Weh. Ihr Vater ist gealtert, das kleine Schwesterchen macht einen gedrückten Eindruck. An Ihnen ist es, Magda, wieder Jugendfrohsinn in das stille Haus zu tragen. Das wird Ihrem Vater besser tun, als wenn Sie mit ihm den Kopf hängen lassen und jammern. Halten Sie mich nicht für hart. Ich weiß sehr wohl, wieviel Sie mit dem Bruder verloren haben. Aber Sie gehören den Lebenden.«

»Wie soll ich dem Vater frischen Mut geben, wie mit Trautchen fröhlich sein, wenn es mir selbst so ganz an Lebensfreude gebricht,« klagte Magda, und dabei füllten sich ihre dunklen Augen schon wieder mit Tränen. Es tat ihr weh, daß Dr. Lindner, anstatt sie zu trösten, ihr Verhalten verurteilte. Und doch war es die einzige Medizin, die ihr helfen konnte.

»Nehmen Sie sich Ihre lateinische Grammatik und Ihr Mathematikbuch wieder vor, Magda. Grade bei geistiger Arbeit überwindet man einen Schmerz am schnellsten. Körperliche Arbeit betäubt ihn nur,« riet der Doktor herzlich.

»Ich will es versuchen, aber – es hat ja so wenig Zweck.« Wie mutlos klangen die Worte von den jungen Lippen.

Da nahm sich der Freund vor, das zu tun, was ihm am schwersten wurde. Er wollte mit dem Rat Toppler sprechen, Magda die Erlaubnis zum Studium zu geben. Wenn auch nicht gleich, vorläufig hatte sie ja noch andere Pflichten, aber doch nach Beendigung des Krieges. Nur dadurch konnte er ihr wieder Freude an der Arbeit und damit auch am Dasein erwecken, wenn sie ein festes Ziel vor sich sah, dem es zuzustreben galt.

Nein, leicht wurde es Erwin Lindner gewiß nicht, so zu handeln. Rückte er doch damit das Ziel, dem sein eigener Zukunftsweg zustrebte, in ungewisse Ferne. Wer konnte wissen, ob Magda nicht das Studium und freie wissenschaftliche Betätigung einem Leben an seiner Seite später vorzog. Aber an sich selbst durfte er jetzt nicht denken, nur an sie. Wie er sie am sichersten aus diesem trübseligen Hindämmern herausriß. Einem Wesen, das man lieb hat, gegenüber schweigt ja jede egoistische Regung.

Nach Tisch, als die beiden Herren bei der Zigarre im Arbeitszimmer des Hausherrn in den großen dunklen Ledersesseln beisammen saßen, als Rat Toppler leise davon sprach, welche Hoffnungen für ihn mit seinem Ältesten zu Grabe getragen seien, ging der feldgraue Doktor zum Sturmangriff über.

»Ihnen ist noch viel in Ihren andern drei Kindern geblieben, Herr Rat,« begann er. »Die Hoffnungen, die Sie auf den Heinz gesetzt haben, wird Ihnen Fräulein Magda erfüllen. Lassen Sie Ihre Tochter studieren – – –« der Ratsherr wollte auffahren, ihn unterbrechen. Aber gleich darauf sank er wieder müde und gleichgültig in sich zusammen. Und der Doktor fuhr fort: »Ihre Tochter hat glänzende Geistesgaben, Fleiß und Energie, sie wird sicherlich Ihre Hoffnungen weit übertreffen. Es wäre schade, solche Veranlagung nicht auszunutzen. Aber das ist es nicht allein, Herr Rat. Fräulein Magda ist seit dem Tode des Bruders seelisch krank. Sie kann nur dadurch gesunden, daß man ihr Streben wieder weckt. Die Arbeit im Lazarett tut sie mechanisch. Sie braucht Nahrung für ihren Geist. Machen Sie einen Versuch, Herr Rat!« Warm und eindringlich hatte der Freund des Hauses gesprochen.

Aber es war, als ob der müde Mann ihm gegenüber im Lehnsessel ihn gar nicht mehr gehört hätte. Teilnahmslos starrte er vor sich hin. Erst nachdem der Doktor schon eine ganze Weile geendet, kam ihm das Schweigen, das über dem kleinen Zimmer hing, wohl zum Bewußtsein. Er fuhr sich über die Stirn, als müsse er sich auf etwas besinnen.

»Ja – ja – wie meinten Sie, Herr Doktor? Studieren lassen sollte ich die Magda? Das ist wohl nicht Ihr Ernst. Meine Tochter soll sich weiblich betätigen, wie es ihre Mutter und ihre Großmütter getan haben.« Gleichgültig und matt klang die Stimme des Mannes, der früher sicher voll zorniger Energie solch ein Ansinnen von sich gewiesen haben würde.

»Andere Zeiten, andere Sitten, verehrter Herr Rat. Wir können die Zeiten nicht ändern, aber sie ändern uns und unsere Ansichten. Hier in Rothenburg merken Sie wenig davon. Aber schauen Sie draußen in der Welt um sich. Überall ersetzt die Frau den ins Feld gezogenen Mann. Im Kaufmannsstand, am Krankenbett, in den Apotheken, den Banken. Die städtischen Verwaltungen stellen Schaffnerinnen, Briefträgerinnen, elektrische Wagenführerinnen an. Unsere Munition wird zum großen Teil von Frauenhänden hergestellt. Und sie füllen ihren Platz überall voll aus, die Frauen. Glauben Sie, daß dies möglich wäre, wenn der Frau nicht schon jahrzehntelang andere Wirkungskreise als nur das Haus erschlossen wären? Unsere Kultur daheim müßte während des Krieges stillstehen, wenn die Frau nicht die Intelligenz und das Verständnis besessen hätte, Männerarbeit zu leisten. Es handelt sich ja auch nur um einen Versuch mit Ihrer Tochter. Vorläufig hält sie ja ihre Samaritertätigkeit noch. Aber wenn man ihr sagen könnte, daß nach Beendigung derselben ihrem Studium nichts im Wege stände – ich glaube, daß dies das Heilmittel ist, ihr den verlorenen Jugendmut wiederzugeben.« Erwartungsvoll blickte der Geschichtsforscher in die schlaffen Züge des Gegenübersitzenden.

Der schien gar nicht zu merken, daß der Doktor auf eine Antwort harrte.

»Darf ich Ihrer Tochter Ihre Einwilligung zu geistiger Betätigung bringen, darf ich ihr sagen – – –«

»Sagen Sie der Magda, was Sie wollen, Herr Doktor. Die Welt ist auf den Kopf gestellt. Die blühende Jugend sinkt dahin, und das Alter überdauert sie. Ich bin mürbe, lieber Freund. So mürbe, daß ich nicht einmal mehr ›nein‹ zu sagen vermag.« Der Ratsherr seufzte schwer.

Herzlich schüttelte der Doktor ihm die Hand. »Wenn Sie Ihre Tochter tatkräftig und lebensfreudig wieder haben, werden Sie selbst an ihrer Jugendfrische gesunden.«

Müde schüttelte der andere den Kopf. Für ihn war die Lebensfreude erloschen.

Als Magda gegen Abend aus dem Lazarett kam, traf sie Erwin Lindner am Wehrgang der Stadtmauer, wo er mal wieder nach langer Zeit historische Forschungen unternommen hatte. Ohne Umschweife begann er: »Ich habe heute mit Ihrem Vater gesprochen, Fräulein Magda. Er hat mir seine Einwilligung gegeben – – –«

Glühende Röte überzog das schmalgewordene Gesicht des Ratstöchterleins, und in den matten Augen strahlte es plötzlich von einem kaum faßbaren Glück auf.

Aber der Doktor an ihrer Seite war so in seinen Gedankengang vertieft, daß er die holdselige Veränderung nicht wahrnahm. Daß er nicht daran dachte, daß Magda gar nichts von seiner Absicht, die Einwilligung des Vaters zum Studieren für sie zu erlangen, wußte, und daher seine Worte anders auffassen konnte. Frohlockend über den Erfolg seines Planes fuhr er fort: »Ihr Vater hat nichts mehr dagegen einzuwenden. Wenn der Krieg zu Ende ist, dürfen Sie studieren.«

Vergebens wartete der Freund auf eine freudige Antwort. Fest war der Mädchenmund geschlossen. Die schwarzen Augen verschleierte Enttäuschung. Die Wangen schienen bleicher als zuvor.

»Nun, Fräulein Magda, was sagen Sie dazu, daß Sie endlich Ihre Wünsche erfüllt sehen sollen?«

Sie schaute auf in seine klaren hellgrauen Augen, die in dem gebräunten Gesicht, das keine Stubenfarbe mehr aufwies, noch heller erschienen. So gütig blickten sie dieselben an. Da zwang Magda die Enttäuschung mit ihrer einstigen Energie nieder.

»Wenn Sie es mir raten, zu studieren, wird es wohl das Richtige für mich sein, Herr Doktor. Ich werde wieder anfangen zu arbeiten,« versprach sie leise.

»Bravo, Magda!« Er drückte ihr erfreut beide Hände. »Sie werden den Segen der Arbeit kennen lernen.« Und ausführlich setzte er ihr auseinander, welche Bücher sie benutzen solle und wie sie sich das Pensum bis zum Abiturium am besten einteilte.

Seine junge Begleiterin aber hörte nur halb zu.

Nun hatte sie das, was sie jahrelang gewünscht, erreicht: Sie durfte studieren! Woran lag es nur, daß sie trotzdem dessen nicht froh werden konnte?

Das goldblonde Köpfchen des Ratstöchterleins war über den noch winterlichen Taubergrund hinweg zur Engelsburg gewandt. Immer wieder stieg die Frage in Magda auf: Hatte sie dort droben, als es noch Sommer gewesen, falsch in seinen Augen gelesen, die ihr doch damals so ganz anderes zu sagen schienen?

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