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Das Ratstöchterlein von Rothenburg

Else Ury: Das Ratstöchterlein von Rothenburg - Kapitel 18
Quellenangabe
authorElse Ury
titleDas Ratstöchterlein von Rothenburg
publisherA. Anton & Co.
yearo.J.
printrunDritte Auflage
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180904
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17. Kapitel

Klein-Trautchen ist aufrichtiger als Magda, und Werner schießt mit der Kartoffelhacke

Weitauf rissen die alten schmalen Giebelhäuser ihre kleinen Fensteraugen. Gab es doch etwas zu schauen, was sie in den vielen Jahrhunderten noch nicht gesehen. Landsknechte und Söldner aller Länder waren während der Kriegsjahre des Mittelalters durch Rothenburgs Tore gezogen. Aber rothosige Franzosen, wie sie jetzt morgens und abends in großem Trupp über das holprige Pflaster der Gassen stampften, die waren dem Tauberstädtchen neu. Die Schulkinder gafften mit offenen Mäulchen den Gefangenen nach, und Trautchen, das Häschen, lief, so schnell es nur konnte, vor den Feinden davon.

Noch einförmiger, noch gleichmäßiger als zuvor glitten die Tage in angestrengter Arbeit dahin. Oder erschien das dem Ratstöchterlein nur so? Da war kein Sonntag mehr, auf den man sich freuen konnte, denn der häufige Sonntagsgast blieb ja aus. Der scheuerte jetzt zu Fürth mit seinen feinen durchgeistigten Händen die Kaserne, hatte scharfen Dienst von der Früh bis zum Abend und ertrug doch die ungewohnten Strapazen, die derben Kernworte des Feldwebels mit Humor. Er tat es ja fürs Vaterland!

Die Post bildete jetzt noch die einzige Abwechselung für Magda. Ehe sie zum Frühstückstisch kam, schaute sie schon vom Erker nach dem alten Briefträger aus. Wie langsam er für ihre achtzehnjährige Ungeduld die Gasse heraufkam, hier und da sogar noch einen kleinen Schwatz machte. Nein, dauerte das ewig, bis sie endlich mit der Zeitung das Pack Briefe in Empfang nehmen konnte. Meistens enttäuschte sie das gesprächige alte Männchen. Fast immer waren es nur Postsachen für den Vater. Aber manchmal kam es doch vor, daß ein Feldpostbrief dabei war, der in markiger Aufschrift ihren Namen trug. Dann entwischte das Ratstöchterlein mit seinem Brief in das Eckstübchen, und nur der Löwenkopf auf dem Schreibtisch sah die freudige Röte, die das liebliche Antlitz der jungen Leserin überzog. Der ward auch der treue Wächter ihrer Briefe. Das Geheimfach, das dereinst die Tagebuchblätter der Urahne Magdalena so getreulich gewahrt, umschloß nun den Schatz der jungen Magda Toppler.

Sie zeigte keinem die Briefe Erwin Lindners. Wie eine Entweihung wäre ihr das vorgekommen, wenn noch andere Augen als die ihrigen sie gelesen. Dabei stand in den freundschaftlichen Zeilen des Doktors auch nicht ein Wort, das nicht vor der Kritik des Vaters und vor der strengen Moral des alten Topplerhauses hätte bestehen können. Er erzählte von seinem Dienst, schilderte drollig, wie ungeschickt er sich bei der ungewohnten Tätigkeit öfters ausnahm, und daß es leichter sei, ein Geschichtswerk zu schreiben, als links und rechts beim Exerzieren nicht zu verwechseln. Seine Scheuertätigkeit malte er in den komischsten Farben, und er wisse noch nicht, ob er nicht nach seiner Heimkehr den ehrenvollen Posten einer Scheuerfrau der angebotenen Professur vorziehen solle.

Hellauf mußte Magda lachen, und drunten beim Frühstück berichtete sie dann ausgelassen von des Doktors Zukunftsplänen. Denn sie verschwieg durchaus nicht, daß sie einen Brief von Dr. Lindner erhalten. Dazu war sie viel zu grade und zu ehrlich. Nur eins verschwieg sie. Das waren die mathematischen und lateinischen Aufgaben und ihre korrigierten Arbeiten, die dem Schreiben jedesmal beigefügt waren.

Zum Glück verlangte der Vater nicht Einsicht in die Briefe. Sonst wäre es wohl bei den harten Schädeln der beiden zu scharfem Aneinandergeraten gekommen. Tante Brigitte aber hätte gar zu gern einmal eines der Schreiben gelesen. Natürlich nicht aus Neugier – bewahre! Aber es war doch ihre Pflicht, als Stellvertreterin der verstorbenen Mutter die Korrespondenz der jungen Nichte zu überwachen.

»Wenn der Brief des Doktors so lustig ist, so hole ihn doch mal, Magdachen,« schlug das Tantchen freundlich vor.

»Es ist weiter nichts Lustiges drin, das ist die einzige Stelle, von der ich euch erzählte,« lehnte Magda deutlich ab.

Das nächstemal ging die mit ihren Mutterpflichten es so heiß nehmende Tante noch einen Schritt weiter.

»Warum zeigst du eigentlich nicht mal einen von Dr. Lindners Briefen, Kind?« fragte sie möglichst harmlos.

»Weil sie an mich gerichtet sind.« Die kleine Falte, die sie vom Vater geerbt, erschien über Magdas feinem Näschen.

»Nun – nun – andere Briefe aus dem Felde sind an den Vater gerichtet, und er liest sie trotzdem seiner Familie vor,« beharrte Tante Brigitte.

»Meine Briefe sind keine Familienbriefe.« So abweisend war Magda kaum jemals dem guten Tantchen gegenüber gewesen.

Das schwieg denn auch verletzt, mehr als zuvor davon überzeugt, daß ihre junge Nichte Liebesbriefe mit dem Doktor wechselte. War so was je in den Annalen des alten Topplerhauses erhört! Und hatte sie, die Tante, nicht die Pflicht, den Vater davon in Kenntnis zu setzen? Pflichtgefühl und Herzensgüte stritten sich in der Brust der alten Tante. Sie wollte dem Magdachen ja keine Ungelegenheiten machen – um Himmelswillen nicht! Aber war es nicht unrecht, daß das Kind so wenig Vertrauen zu ihr, ihrer mütterlichen Freundin hatte?

Gleich damals, als ihr eingemauerter Spion ihr den tränenreichen Abschied am Burgtor verraten, hatte Tante Brigitte auf den Busch geklopft. Aber statt eines Geständnisses, das dem Magdachen doch das Herz erleichtern mußte, hatte sie die Tante nur bittend angesehen, als diese fragte, ob ihr etwas ins Auge geflogen sei, oder ob sie am Ende gar geweint habe. Und Tante Brigitte? Ja, die hätte nicht das gute Tantchen sein müssen, wenn sie nicht den stummen Bitten der dunklen Augen Folge gegeben und geschwiegen hätte. Aber manchmal kam sie sich doch ein wenig zurückgesetzt vor, daß Magda sie nicht in ihre Herzensgeheimnisse einweihte. Sie hätte ihr den Weg zum Vater doch ebnen helfen können.

Wieviel aufrichtiger war doch Klein-Trautchen. Das erzählte der alten Tante auch das kleinste Schulerlebnis. Ob das Fräulein sie gelobt, oder – was auch vorkam – sie wegen Unaufmerksamkeit erinnern mußte. Ja sogar, daß Mizi, das Kriegskind, sie dazu verleitet, von den Chausseebäumen Pflaumen zu mausen, beichtete Trautchen unter heißen Reuetränen. Denn die Pflaumenbäume draußen auf der Landstraße gehörten doch dem lieben Gott. Darum war ihr Naschen doppelt schlimm. Daß die Obstbäume verpachtet waren, verstand das Kind noch nicht. Alles, was außerhalb eines Gartens wuchs, gehörte nach Klein-Trautchens Ansicht dem lieben Gott.

»Und Tantchen, glaubst du, daß es am Ende der Baum der Erkenntnis oder des Lebens gewesen sein kann, von dem ich genascht habe? Fräulein hat uns in der Religionsstunde erzählt, der Sündenfall käme auch heute noch vor, und es braucht gar nicht immer eine alte Schlange zu sein, die einen dazu verführt. Sag, Tantchen, glaubst du, daß ich nun vertrieben werde wie die Eva?« Ängstlich hingen die blauen Kinderaugen an dem runzligen Gesicht der alten Tante.

»Nein, Seelchen, es war ja kein Apfelbaum, sondern bloß ein Pflaumenbaum,« beruhigte diese gütig das verängstigte Kind.

Da war Trautchen wieder getröstet. Tante Brigitte mußte es doch wissen, die war ja schon so alt – beinahe so alt wie Adam und Eva.

Ja, Trautchen war ein aufrichtiges Kind. Ihr Bruder Werner dagegen hatte so manches zu vertuschen vor den strengen Augen des Vaters. Früher war es nur ein Loch in den Hosen gewesen, das der wilde Schlingel sich gerissen oder allenfalls mal eine schlechte Nummer im Extemporale. Jetzt aber, wo er die ganze Woche der gefürchteten väterlichen Aufsicht entronnen war und sich auch Dr. Lindner nicht mehr um ihn kümmern konnte, verwilderte er ganz in Würzburg. Andere Knaben in der Pension machten ihren schädlichen Einfluß auf den Jungen geltend. Anstatt ihre Aufgaben anzufertigen, spielten die Schlingel Karten um Geld und vernaschten es dann in der Konditorei. Dabei ging natürlich das vom Vater für Hefte, Federn und sonstige kleine Erfordernisse ausgesetzte Taschengeld drauf. Aber was noch viel schlimmer war, der Junge machte Schulden. Jeden Sonntag, wenn er heimkam, hatte er sich irgend etwas anderes ausgedacht, wozu er sein Taschengeld verbraucht hatte. Bald hatte er Liebesgaben ins Feld geschickt, bald zu einer Sammlung für Kriegsbeschädigte zugesteuert. Oder er hatte einem blinden Bettler, der zehn hungernde Kinder besaß, seine ganze Barschaft geschenkt. Einmal hatte er sein Portemonnaie verloren – kurz und gut, der Bengel war nie um eine Ausrede verlegen. Freilich vor den Vater wagte er sich nicht mit seinen Schwindeleien. Der wäre wohl auch sehr bald dahinter gekommen. Auch Schwester Magda hätte ihn am Ende durchschaut. Nein, mit seinen Bitten um neue Hilfsmittel wandte er sich nur an die gute Tante Brigitte. Das Tantchen konnte einem sobald nichts abschlagen, das glaubte Wort für Wort, was der Schlingel ihm vorlog und half immer wieder aus. So war Werner Toppler auf dem besten Wege, ein Tunichtgut zu werden.

Zum Glück wurde er durch die Ferien den gefährlichen Einflüssen für eine Weile entzogen. Er kam wieder zu einem Bauern aufs Land. Beim Kartoffelhacken, auf der Weide und in den Ställen konnte er kein Geld verschwenden. Da aber geschah etwas, daß dem halbwüchsigen Buben der Kamm mächtig schwoll und ihn mit einer Art Glorienschein umgab.

Beim Kartoffelhacken war's. Werner hatte allein auf dem Felde zu tun und strengte sich nicht allzu sehr an. Es machte ihm mehr Spaß, Greif, den Hofhund, zu ermuntern, ein Volk Rebhühner aus dem Krautacker aufzuscheuchen. Aufmerksam spähte er zu diesem edlen Zweck über das bräunliche Herbstland. Mit zitternden Nasenflügeln und erregt hin und her pendelnder Schwanzquaste stand Greif, zum Sprunge bereit, neben ihm.

Da schimmerte es rot zwischen den welken Krautstauden. War das der rote Rock der Hofmagd Resi? Dann durfte er die Rebhühner nicht aufstören, sonst erfuhr's der Bauer.

Hin und wieder blieb das rote Ding stehen, duckte sich nieder, um dann schnell wieder ein Ende weiter zu laufen.

Werner wurde aufmerksam. Nanu – spielte die Resi etwa »Versteckerl?« Mit seinem Falkenblick sah er schärfer hin – waren das nicht rote Hosen, die durch den Krautacker liefen?

Natürlich, das war ja ein Franzose! In den Kalkgruben hinter den Waldungen sollten Gefangene arbeiten. Aber wie kam denn der hierher? War er etwa durchgebrannt?

Blitzschnell drehten sich die Gedanken in dem blonden Jungenschädel. Alle Abenteuerlust, welche die Lektüre von Indianergeschichten in ihm erzeugt, erwachte in dem Zwölfjährigen. Sein Herz pochte. Ebenso erregt, zum Sprunge bereit wie Greif, verbarg sich Werner in einem der Bewässerungsgräben. Nicht umsonst war er bei allen Kriegs- und Indianerspielen der keckste Anführer gewesen.

Der Franzos pirschte sich ahnungslos näher. Da stürzten sich Werner und Greif mit wahrem Höllentumult auf ihn.

»Steh – oder ich schieße!« Tapfer wie nur einer seiner kühnen Vorfahren schwang Werner Toppler dabei seine Kartoffelhacke.

Der entlaufene Franzose dachte gar nicht daran, zu stehen. In langen Sätzen jagte er querfeldein. Mit wildem Indianergeheul Werner hinterdrein.

»Pack' ihn, Greif, pack' die Rothaut – – –« Der Junge war vollständig in seinem Indianerspiel.

Greif packte mit fletschenden Zähnen zwar nicht die Rothaut, sondern die Rothos.

Der Franzose mußte nun wohl oder übel stehenbleiben.

»Jetzt heißt's linksum kehrt!« Damit faßte das ihm nur bis zur Schulter reichende Bürschchen den Gefangenen beim Schlafittchen und transportierte ihn energisch zum Hof.

Nun war ja wohl weniger Werners imponierende Tapferkeit, als die gefährlichen Zähne des Wolfshundes der Grund, daß der Franzos nicht einen zweiten Fluchtversuch unternahm.

Im Hof lief alles zusammen. Der Bauer, die Frau, die Kinder und die Magd. Wie ein Wundertier begafften sie Werners Gefangenen von allen Seiten.

»Sakra, den ham mer derwischt,« sagte der Bauer und sperrte den Rothosigen in den Schweinekoben. Davor stand Werner, der Held des Tages, mit geschulterter Mistgabel und hielt Wache, bis der Sergeant kam.

Werners Ruhm flog von Dorf zu Dorf. Selbst die Zeitungen brachten eine Notiz über den mutigen Buben, der einen Gefangenenfluchtversuch mit Geistesgegenwart vereitelt. Auch nach Rothenburg hin strahlte natürlich sein Ruhmesstern, und im Topplerhause war man stolz auf den tapferen Sproß des alten Geschlechts. Ja, sogar Vaters Standpauke wegen des miserablen Oktoberzeugnisses fiel dadurch besänftigter aus.

Solches Heldentum, mit dem er in der Schule sich nicht wenig hervortat, hatte dem Schlingel nur noch gefehlt. Er schloß daraus, daß man ja gar nicht zu arbeiten und zu lernen brauchte, man konnte auch ohne das berühmt werden.

Etwas Ernsteres mußte erst kommen, um die guten Eigenschaften, die von den schädlichen Auswüchsen in Werners Herzen überwuchert wurden, zum Entfalten zu bringen.

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