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Das Ratstöchterlein von Rothenburg

Else Ury: Das Ratstöchterlein von Rothenburg - Kapitel 14
Quellenangabe
authorElse Ury
titleDas Ratstöchterlein von Rothenburg
publisherA. Anton & Co.
yearo.J.
printrunDritte Auflage
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180904
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13. Kapitel

Wie man eigene Wünsche am besten vergißt

Von dem krauszackigen Giebelgewirr der alten Rothenburger Häuser wehten die Fahnen. Schwarz-weiß-rot und blau-weiß flatterte es siegesfreudig aus jedem der malerischen Renaissance-Erker in die klare Herbstluft. Es war ein stolzer Siegeslauf, den die begeisterten deutschen Heere in jenen ersten Wochen des gewaltigen Krieges durchmessen hatten – Erfolg über Erfolg in Ost und West. Jeder einzelne, der hinauszog für die deutsche Freiheit, vom schwächlichen Knaben bis zum reifen Manne, ward zum ingrimmigen Helden, der mit dem letzten Tropfen Blut die teure Heimaterde, Haus und Herd verteidigte. Was war aus dem vermessenen Einzugsplan der russischen Kosaken in Berlin geworden? Ein eisernes »Halt!« hatte ihnen Hindenburg bei Tannenberg entgegengesetzt. Und mußten die Ostmarken auch bluten, tausend geschäftige Hände regten sich allenthalben im Deutschen Reich, Schmerz und Not der armen Vertriebenen zu lindern.

Die deutsche Frau war es, die nicht jammerte um ihre in Gefahr und Tod hinausgezogenen Lieben, sondern stolzfreudig ihre Sorge in gemeinnütziger Tätigkeit zu vergessen suchte. Heldinnen waren sie alle, die Mütter und Frauen, die in selbstloser Hingabe ihre Kraft dem Wohle der Allgemeinheit opferten.

Auch in dem kleinen Rothenburg an der Tauber war man geschäftig am Werke. Wenn das Städtchen auch noch so abgelegen von der großen Verkehrsader lag, opferfreudiges Blut pulsierte dort wie nur irgendwo im großen Reiche.

Mit Staunen sah der Rat Toppler, daß die Frau, deren Wirkungskreis nach seinen altüberlieferten Begriffen die vier Mauern des Hauses zu umschließen hatten, an organisatorischem Talent, an Tatkraft, Ausdauer und Selbstaufopferung dem Manne weit voraus war. Ja, daß sie mit ihrem weiblichen Empfinden und Verständnis bei Schaffung der neuen sozialen Einrichtungen ganz unentbehrlich schien. Ohne daß es dem Ratsherrn zum Bewußtsein kam, bewahrheitete sich das Wort Doktor Lindners – er lernte um.

Frau Apotheker Mergentheimer ging allen anderen Frauen Rothenburgs mit ihrem klugen, energischen Wesen, dem Einsetzen ihrer ganzen Persönlichkeit für die soziale Tätigkeit voran. Da erstanden Hilfskomitees zur Speisung notleidender Kriegerfamilien, eine Bekleidungsstelle, eine Kleinkinderkrippe und vor allem Lazarette und Erholungsheime für Verwundete.

Rat Toppler, der mit der Familie des Apothekers befreundet war, beobachtete verwundert, wie die Frau und die Tochter des Hauses fast den ganzen Tag nur für andere die Hände regten, und wie trotzdem das Hauswesen in keiner Weise darunter litt. Alles ging seinen akkuraten Gang; das Behagen des Mannes war in keiner Weise beeinträchtigt. Die Kinder waren wohlerzogen wie nur je. Trotzdem die Frau des Hauses viel auswärts war, hielt sie die Fäden ihres häuslichen Reiches fest in den Händen.

Ja, stellte dieser Krieg denn alles auf den Kopf? Auch die durch Jahrhunderte befestigte Ansicht, daß die Frau ins Haus gehöre? Es gab Zeiten, wo der Ratsherr nicht mehr ganz so sicher und unbeirrt seine Meinung vertreten konnte.

Auch in dem alten Patrizierhause, in dem jeder Schrank, jede Truhe, ja beinahe ein jeder Stuhl noch wie vor hundert Jahren stand, hatte der Weltkrieg die Dinge ein wenig verschoben.

Nur selten bekam der Spion im Erker noch seine gute Freundin, Tante Brigitte, zu sehen. War dieselbe doch als Vertreterin des ältesten Patriziergeschlechtes in den Ehrenausschuß des Rothenburger Hilfskomitees gewählt worden. Wohltätig waren die Topplers immer gewesen. Das gehörte schon mit zum guten Ton. Wo eine Sammlung veranstaltet wurde, stand ihr Name obenan. Auch zu Weihnachten hatte stets eine Bescherung für arme Kinder stattgefunden.

Nun aber verlangte die Kriegsnotlage plötzlich noch ganz anderes von dem alten Hause. Nicht nur Geld sollte man opfern, nein, vor allem Zeit, Kraft und Arbeit. Das siebzigjährige Tantchen, welches die moderne Frauenbewegung als Wurzel alles Übels verabscheute, bewegte sich plötzlich – sie wußte nicht wie – selbst unter fortschrittlichen Frauen. Sie konnte die Ehre, die man ihr antat, unmöglich abschlagen. Auch der Patriotismus verlangte es, daß sie jeden Mittag um halb zwölf das Essen in der neuerrichteten Volksküche verteilen half. Zuerst freilich fand die alte Dame, daß nur der Faulheit und der Bettelei dadurch Vorschub geleistet wurde. Bald aber lernte sie einsehen, wie segensreich die Einrichtung war. Den Frauen, welche ihre ins Feld gezogenen Männer in den Fabriken und Kalkwerken vertreten mußten, war es ganz unmöglich, für die hungrigen Kinder daheim das Essen zu kochen. Da mußte die Stadt einspringen. So geschah das Unglaubliche, daß die Tischzeit in dem alten Hause Toppler, die seit Jahrhunderten patriarchalisch auf den Glockenschlag zwölf festgesetzt war, um eine ganze Stunde verschoben werden mußte.

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Der Doktor vor dem Topplerschlößchen

Und trotzdem wankten die Mauern des Hauses nicht – Magda vermochte es kaum zu fassen. Doch es gab noch mehr, was die alten massiven Mauern des Topplerhauses an Neuerungen mit anschauen mußten. Jeden Tag erschien zum Essen ein »Kriegskind«. Das bekam nicht sein Schüsselchen, wie das sonst Sitte gewesen, draußen am Hofpförtchen, sondern saß mit am Herrschaftstisch. Das alte Haus ward auch dadurch nicht in seinen Fugen erschüttert, wohl aber die alte Barbara drunten in der Souterrainküche. Die konnte sich jetzt überhaupt nicht mehr in der Welt zurechtfinden. Barbara empfand den Patrizierstolz – wie das bei bejahrten Dienerinnen öfters der Fall ist – weit mehr als ihre Herrschaft. Nie hatten die Kinder auf der Straße oder vor den Toren, wenn sie dabei war, mit einfach bescheidenen Handwerkskindern spielen dürfen. Und jetzt kam ein Kind aus dem Volke, elend und zerlumpt, und setzte sich dir nichts, mir nichts, auf den geschonten Lederstuhl vor das schimmernde Damastgedeck, an dem die vornehmen Topplers stets gespeist. Wo blieb da noch Anstand und Sitte, Unterschied und Achtung vor dem Höhergestellten? Barbara begriff ihren Herrn einfach nicht.

Leicht war es dem Ratsherrn ganz gewiß nicht gefallen, den Kreis des Hergebrachten zu überschreiten und ein Kind der Armut an seinen reichen Tisch zu nehmen. Aber er mochte als einziger nicht dagegen sprechen. Apothekers gingen auch darin allen andern Familien mit gutem Beispiel voran. Sie wollten nicht nur den Magen des kleinen hungrigen Gastes laben, sondern dem auf sich selbst angewiesenen Kinde, dessen Vater im Felde war und dessen Mutter dem täglichen Erwerb nachgehen mußte, auch für Geist und Gemüt Labung reichen. Jede Honoratiorenfamilie hatte sich dazu bereit erklärt, einem Kriegskinde das Haus zu öffnen. Da durfte das Topplerhaus unmöglich zurückstehen.

Leider war die kleine Mizi ein unsauberes und schlecht erzogenes Kind. Für die schadhafte Kleidung hatte Tante Brigittes gütiges Herz bald Rat geschafft. Das verschmierte Gesichtchen und die rabenschwarzen Hände des kleinen Gastes bearbeitete Magda mit echt Topplerscher Energie und Seife. Aber die Unerzogenheiten, die sich bei Tisch ergaben, daß die Kleine mit den Fingern in das Essen griff, Flecke auf Barbaras gehütetes Damastgedeck machte und den Teller mit flinkem Züngelchen wie Mohrchen abzulecken pflegte, – das war schlimmer, denn Trautchen machte es ihr jubelnd sofort nach und mußte natürlich mit hergebrachter Strenge vom Tisch gewiesen werden. Auch außerhalb der Mahlzeiten zeigte sich Mizi von wenig günstigem Einfluß. Das stille Haus hallte jetzt von Toben und Schreien wider, trotzdem Werner, sonst der einzige Ruhestörer, die ganze Woche über auf Erntearbeit war. Selbst das allen Topplerschen Kindern heilige Mittagsschläfchen des Tantchens wurde nicht mehr geachtet. Kaum war Tante Brigitte auf ihrer veilchenbestickten Schlummerrolle eingenickt, so wurde sie sicher von kreischenden Kinderstimmen wieder aufgeweckt. Und was Mizi, das Kriegskind nicht tat, verursachte Lorchen. Ganz verwildert war Tante Brigittes einst so wohlerzogenes Lorchen durch den Krieg. Es hatte Werner und Trautchen das Hurraschreien, mit dem diese jede neue Siegesbotschaft zu begrüßen pflegten, abgelauscht. Zehnmal war wohl das mindeste, daß die sanft schlummernde alte Tante plötzlich durch lautes »Hurra – hurra!« emporschreckte. Dann saß das graue Lorchen auf seiner Stange und sah so unschuldig aus seinen schwarzen Äuglein drein, als ob es kein Wässerlein trüben könne. Doch kaum hatte Tante Brigitte sich wieder aufs Ohr gelegt und die erste melodische Schnarchmusik durchzog das stille Stübchen, so war auch Lorchens Patriotismus nicht länger zu bändigen. Das begeisterte Hurrageschrei begann aufs neue.

Auch Peter, Tantes bejahrter Pudel, war durch den Weltkrieg zu seinen temperamentvollen Jugendtagen zurückgekehrt. So oft das Ausrufen der Extrablätter die Stille des verträumten Städtchens unterbrach, war Peter nicht mehr daheim zu bändigen. Er kläffte und heulte, bis man ihm das Tor öffnete. Dann sprang er dem die Siegesnachrichten ausposaunenden Druckerjungen mit jugendlichem Feuer an die Beine und gab ihm in Gemeinschaft mit jüngeren, aber nicht weniger begeistert blaffenden Kollegen und der hurrabrüllenden Stadtjugend das Geleit von Gasse zu Gasse.

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Magda und Klein-Traudchen

Böse Beispiele verderben gute Sitten. Leider war es auch Trautchen eines Tages eingefallen, sich an diesem Extrablattumzug zu beteiligen. Ob Peter der eigentliche Urheber dazu war oder Mizi, das Kriegskind, ließ sich nachher nicht mehr genau feststellen. Genug – Klein-Trautchen, Mizi und Peter waren verschwunden. Auch zum Mittagessen stellte sich das tugendhafte Kleeblatt nicht ein, trotzdem es doch jetzt schon eine ganze Stunde später angesetzt war.

Tante Brigitte zitterte. Sie zitierte um ihren kleinen Liebling, und sie zitterte vor dem Zorn des Vaters. Barbara räsonnierte, was Stein und Bein hielt: »Da steckt kein anderer hinter als das unnütze Ding, die Mizi. Unser Kind ist brav, das denkt an kein Fortlaufen. Sowas kommt davon, wenn sich ein vornehmes Haus mit Lumpengesindel abgibt!« Wütend wackelte die große Tollhaube hin und her. Hinter all dem Schimpfen aber verbarg sich nur die Sorge der treuen Alten.

Als Magda mit dem Glockenschlage eins aus dem Spital heimkehrte, in dem sie ihre Ausbildung als »Helferin« empfing, kam ihr das Tantchen schon händeringend am Hausportal entgegen.

»Unser Kind ist fort – ach, du mein Herr und Vater – gewiß ist es in die Tauber gefallen! Die Mizi ist so wild bei allen Spielen – ach, und so ein gutes Kind war unser Seelchen!« Die Tränen kollerten dem jammernden Tantchen über die runzligen Wangen.

Trotz des Schrecks, den Magda bekam, konnte sie sich doch der Komik dieser etwas verfrühten Trauer nicht verschließen. »Aber Tante Brigitte, Trautchen ist sicher ganz munter, habt ihr schon in den Nachbarsgärten nachgeforscht?«

»Freilich – Barbara war schon überall herum. Ach, meinst du wirklich, Magdachen, daß unser Trautchen noch lebt?«

»Sicher – wenn es nicht ihr Geist ist, der dort in roten Wadenstrümpfen angehopst kommt!« Mit befreitem Auflachen wies Magda die sonnenbeschienene Herrengasse hinab, auf der vier farbige Kinder- und vier schwarze Hundebeine sich im Trab näherten.

»Hurra – großer Sieg bei Maubeuge« – wie der Druckerjunge sprachen die Kinder den französischen Namen als gute Patrioten echt deutsch aus. »40 000 Gefangene!« Trautchen und Mizi schrien es schon von weitem, während Peter in seiner Sprache ebenfalls die Siegesbotschaft verkündete.

Wie die Franzosen bei Maubeuge bekam aber auch leider das Topplersche Nesthäkchen die allerschönsten Keile. Das Fortlaufen wollte der Vater ihm ein für alle Male austreiben. Und sein Familienanschluß für das Kriegskind ging so weit, daß auch Mizi das ihr zukommende Teil Haue redlich abkriegte. Weder Tante Brigittes noch Magdas Fürsprache half heute. Während die Riesenfahne, die Fräulein Nachtigall genäht, aus der Luke der Bodenkammer so lustig hin und herflatterte, saß Klein-Trautchen in selbiger Bodenkammer zur Strafe eingesperrt und konnte es nachfühlen, wie den 40 000 Gefangenen zu Mute sein mußte.

Zwischen Peter und dem Kriegskind aber bestand seit jenem Tage eine geheime Feindschaft. Jeder gab dem andern die Schuld daran, daß Trautchen mit davongelaufen war. Bei Peter gesellte sich ein überhebendes Standesgefühl dem Kind aus dem Volke gegenüber noch dazu. Denn er war ein edler Patrizierhund und genau so stolz auf seine vornehme Herrschaft wie die alte Barbara. –

Ja, vieles war in den alten Mauern des Topplerhauses anders geworden durch den Krieg. Und besonders das kleine Eckzimmer droben nach der Stadtmauer heraus konnte sich nicht genug über die Veränderungen wundern. Seine hübsche Bewohnerin bekam es jetzt nur noch des Morgens und des Abends zu sehen. Weder der wuchtige Schreibtisch noch der zierliche Nähtisch konnte sich einer Bevorzugung rühmen. Magda hatte jetzt andere Pflichten. Der altmodische Spiegel in dem hellen Nußbaumrahmen über der geschweiften Kommode traute seinen Augen kaum, als das Ratstöchterlein zum ersten Male im weiß-blau gestreiften Schwesternkleide vor ihm erschien und sich das weiße Häubchen auf das rotgoldene Flimmerhaar setzte. Das hatten die alten Möbel, so lange sie auch zurückdenken konnten, noch bei keiner Frau des alten Topplergeschlechtes gesehen. Hätten sie aber erst mit angeschaut, wie das vornehme Patrizierfräulein im Spital die niedrigsten Arbeiten mit den zarten Fingerchen verrichten half, dann hätten sie wohl gleich Barbara den Kopf über solche verkehrte Weltordnung geschüttelt.

Als allererste hatte sich Magda Toppler in flammender Begeisterung dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt. Mit noch vierzehn andern jungen Mädchen ward sie im Spital, aus dem viele Schwestern in die Etappenlazarette gegangen, ausgebildet. Da hieß es, von der Pike auf lernen und vor keiner Arbeit zurückschrecken. Das wurde den jungen Damen nicht immer leicht. Besonders das Ratstöchterlein sah jetzt erst, wie verwöhnt es stets gewesen. Daß es, trotzdem Tante Brigitte es bald zu diesem, bald zu jenem im Haushalt herangezogen, sich doch niemals mit wirklich groben Arbeiten befaßt hatte.

Selbstüberwindung und Willenskraft gehörte dazu, die Flinte nicht ins Korn zu werfen. Denn auch das Gefühl des Ekels vor unsauberen Geräten und Kranken mußte mit aller Energie niedergekämpft werden. Wo die Energie nicht ausreichen wollte, sprang die patriotische Begeisterung in die Bresche. »Die da draußen tun mehr für uns!« Damit bezwang Magda eine jede Schwierigkeit, die sich im Anfang ihrer Samaritertätigkeit häuften.

Von großem Wert war es für das Ratstöchterlein, daß es mit seiner Freundin Änne zusammen den schweren Beruf auf sich nahm. Änne Griebel hatte ihre Malerei vorläufig ganz an den Nagel gehängt, denn was man tut, soll man ganz tun. Das stets zufriedene Temperament der Freundin gab auch der in ihren Stimmungen oft hin- und hergerissenen Magda Gleichmaß und Stetigkeit. Auch war Änne daran gewöhnt, im Hause des Onkels ohne Hilfe jede Arbeit zu verrichten und lachte das vornehme Patriziertöchterlein gutmütig aus, wenn es vor irgend etwas im ersten Augenblick zurückscheute. Die beiden Freundinnen waren bald die tüchtigsten von den jungen Helferinnen. Wenn die goldhaarige Schwester Magda mit sanfter Hand Wunden auswusch, brannte auch die schmerzendste nicht mehr so arg. Der mitleidige Blick der großen tiefschwarzen Samtaugen tat den Kranken ebenso wohl wie das freundliche Wort ihrer kirschroten Lippen.

Kam Magda dann abends todmüde von der ungewohnten Anstrengung heim, dann galt es oft noch den Kopf anzustrengen. Dreimal in der Woche fanden anatomische Vorträge und Verbandkurse beim Spitalarzt statt. Aber auch der Vater und Tante Brigitte, welche des Hauses Älteste jetzt den ganzen Tag entbehrten, freuten sich auf ein gemütliches abendliches Plauderstündchen. Und Klein-Trautchen war nicht zu bewegen, eher ins Bett zu gehen, bis die große Schwester heimkam und mit ihr betete.

Es tat Magda oft weh, daß sie sich jetzt so wenig um ihren kleinen Liebling kümmern konnte. Manches Mal fragte sie sich, ob sie auch recht daran täte, ihre Dienste Fremden zu widmen und sich dem Schwesterchen zu entziehen. Aber das Trautchen war ja daheim gut aufgehoben. Das saß auf seinem kleinen Stühlchen neben Tante Brigitte im Hofgärtchen, in dem jetzt die altmodischsteifen Georginen blühten, und mühte sich an dem ersten Pulswärmer für Bruder Heinz. Während der Berg feldgrauer Strümpfe, den das Tantchen aufstapelte, mit schier unheimlicher Geschwindigkeit von Tag zu Tag wuchs.

Am Sonnabend war Strickabend. Rothenburgs Töchter hatten wie allenthalben Deutschlands Frauen und Mädchen die beiseite gelegte Kunst der Großmütter aus der Vergessenheit wieder hervorgekramt. Wer Magda damals im Frühling gesagt hätte, als Tante Brigitte vorschlug, statt des Wandervogelvereins doch lieber ein Strickkränzchen zu gründen, daß dieser so verächtlich von ihr verlachte Plan so bald Wirklichkeit werden sollte! Wie einst im Mittelalter Rothenburgs ehrsame Bürgerstöchter mit Spinnrad und Kunkel zum »Lichten« zusammenkamen, so fanden sich jetzt im zwanzigsten Jahrhundert die jungen Mädchen, bewaffnet mit dem großen, grauen Strickstrumpf, ein! Und waren es auch keine gruslichen Gespenstergeschichten, die man dabei zum besten gab, die Schauergeschichten von der tierischen Roheit der russischen Kosaken standen ihnen nicht nach. Ebensowenig wie die kühnen Heldentaten, von denen aus Ost und West berichtet wurde, den Waffentaten der einstigen Ritter.

Fast alle hatten sie das Stricken erst wieder lernen müssen. Tante Brigitte strahlte, Magda über die schwierigen Klippen des Hackens mit geschickter Hand hinwegsteuern helfen zu können. Und auch der Ratsherr frohlockte, daß diese weibliche Kunst aus der guten alten Zeit wieder zu Ehren kam. So schaffte der Krieg, der mit seinen Neuerungen überall Bresche schlug in das Althergebrachte, doch auch Segensreiches. Denn Strickstrumpf und Frauenstudium – das vertrug sich unbedingt nicht miteinander. Wenn noch ein Restchen der wahnwitzigen Idee in dem hübschen Kopfe seiner Tochter Magda spuken sollte, vor dem Strickstrumpf aus Großmutters Tagen konnte es sicher nicht standhalten.

Ach, Magda dachte augenblicklich ganz und gar nicht an ihre früheren Wünsche. Aber nicht der feldgraue Strumpf, an dem sie eifrig die Nadeln klappern ließ, war schuld daran, sondern einfach der Umstand, daß ihr keine Zeit dazu blieb. Des Abends sank sie so müde in ihre Kissen, als ob sie Steine geklopft hätte. Da vermochte sie kaum noch ihre Gedanken zu Bruder Heinz hinzusenden, von dem die befriedigendsten Berichte einliefen. Er war jetzt fertig ausgebildet und brannte darauf, herauszukommen und seine Tüchtigkeit zu beweisen.

Nein, weder an Mathematik noch an Latein dachte jetzt Magda. Diese Wünsche waren alle verschlungen von dem Gedanken, den Dr. Lindner in ihr geweckt, sich nur als ein Teil der großen Volksgemeinschaft zu fühlen. Wohl aber machte die noch unvollendete Familienchronik ihr zu schaffen, denn der fünfzigste Geburtstag des Vaters nahte. Mitten beim Temperaturmessen und beim Verbandwechsel durchzuckte sie plötzlich der Gedanke an irgendeine der hochedlen Topplerinnen oder an einen der längst dahingegangenen Ratsherren. Sogar in ihren Träumen erschienen ihr die Damen mit dem turmartigen gepuderten Haaraufbau und die vornehmen Patrizier in Schnallenschuhen und grauer Zopfperücke. Aus ihren Rahmen traten sie, stiegen vom Familienzimmer unhörbar die gewundene Eichentreppe des alten Hauses empor, wie so oft bei Lebzeiten, und stolzierten im Menuettschritt in das Eckzimmerchen.

»Warum hast du uns aus unserer Vergessenheit gezogen, wenn du uns um neuer Pflichten willen doch wieder vernachlässigen willst?« fragte einer der stolzen Ahnherren mißbilligend den schlummernden Abkömmling.

Magda wälzte sich schweratmend in ihren Kissen. Keinen Ton vermochte sie zu antworten. Die Urgroßmutter mit Reifrock und Krinoline in dem geblümten Biedermeierkleid, das genau so aussah wie die Blümchentassen unten in der Servante, hob den spitzen Finger: »Was man begonnen, soll man auch ausführen,« sagte sie mit einer dünnen, hellklingenden Stimme, wie sie die alte Pendeluhr unter der Glasglocke besaß. Am Schreibtisch aber stand Magdalena Hirsching; grade so schaute sie aus, wie sie selbst zum Festspiel. Sie hatte Tränen in ihren schönen Augen, gewiß deshalb, weil von ihr bisher so wenig in der Familienchronik verzeichnet stand.

»Weine nicht, schöne Magdalena, du sollst nicht übergangen werden. Morgen ist Sonntag, da werde ich fleißig an dem angefangenen Werk arbeiten. Vielleicht gelingt es mir, auch von dir noch etwas zutage zu fördern,« so – wollte die schlafende Magda rufen, aber die Kehle war ihr wie zugeschnürt.

Die holde Ahnfrau mußte sie aber doch wohl verstanden haben. Denn sie nickte freundlich, wies mit der schlanken, weißen Hand vielsagend auf den alten Schreibtisch und schritt mit leichtem, wiegendem Schritt den anderen voraus, wieder die Treppe herab.

Magda fühlte wie der Druck, der ihr auf der Brust gelegen, plötzlich wich. Sie rieb sich die Augen und setzte sich im Bette hoch. Alles leer – der Traumspuk war zerflattert. Nur der Mond geisterte mit matt-weißen Lichtfingern zur unverhangenen Balkontür herein.

Da legte sich das Ratstöchterchen auf die andere Seite und schlief weiter.

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