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Das Ratstöchterlein von Rothenburg

Else Ury: Das Ratstöchterlein von Rothenburg - Kapitel 13
Quellenangabe
authorElse Ury
titleDas Ratstöchterlein von Rothenburg
publisherA. Anton & Co.
yearo.J.
printrunDritte Auflage
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180904
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12. Kapitel

Auch das schlummernde Rothenburg wird vom Kriegsdonner geweckt

Im Hofgärtchen blühte die alte Linde. Mit Millionen von goldenen Blütenbüscheln hatte sie sich behangen. Schwerer süßer Duft wehte zu dem kleinen bleigefaßten Fenster hinauf, an dem das Ratstöchterlein bemüht war, kunstvoll einen Flicken in des wilden Werners Hosenboden einzusetzen. Auf dem weißen Häkeldeckchen des alten Nußbaumnähtisches lag Schere und Zwirn, und daneben aufgeschlagen die lateinische Grammatik. Und während Magda Stich um Stich an Werners Hosen machte, prägte sie Verb um Verb ihrem hübschen Köpfchen ein.

Dazwischen löste sich hin und wieder ein schwerer Seufzer von den kirschroten Lippen. Die Arbeit wollte heute nicht recht vorwärts, weder die Näharbeit noch die geistige. Die Juliglut, die draußen sengend in den engen Gassen brütete, schwebte selbst bis zu dem Eckzimmerchen an der Stadtmauer empor und lähmte die Schaffenskraft.

Aber mit eisernem Willen – wie er den Topplers nun mal eigen – zwang Magda die Hand zur Emsigkeit und die Gedanken auf das Buch. Sie hatte ihre Vornahme, die vernachlässigten Bücher wieder vorzuholen, durchgeführt. Ohne dadurch aber ihre Kraft dem Haushalt zu entziehen. Doktor Lindners Worte, daß die Frau von heute es verstände, Beruf und Haus vollwertig zu vereinen, waren ihr ein Vorbild geworden, dem sie nachstrebte. Sie wollte dem Vater beweisen, daß man, ohne seine häuslichen Pflichten hintenanzusetzen, ohne daß die Weiblichkeit darunter leiden müßte, sich auch geistiger Arbeit befleißigen konnte.

Tapp – tapp – Schritte kamen die Treppe hinauf. Kaum hatte Magda noch Zeit, das lateinische Buch in Werners Hosen verschwinden zu lassen. Tante Brigitte hätte wohl kaum Verständnis für solche Doppelarbeit gehabt. Es pochte. Und gleich darauf steckte Änne Griebel den feuerroten Kopf zur Tür hinein.

»Gut, daß du daheim bist, Magda. Ich muß es erst einer Menschenseele erzählen, sonst ersticke ich!« rief sie erregt, die Tür noch in der Hand.

»Aber Mädel, was gibt's denn bloß?« Magda eilte freudig auf die Freundin zu. »Menschenskind, bist du erhitzt. Da, reibe dir die Schläfen mit Eau de Cologne, setz' dich hier an den Balkon, Änne, da kommt wenigstens ab und zu noch ein Lüftchen. Warte, ich hole dir erst ein Glas Limonade herauf.«

»Nein – nein, bleibe hier, Magda. Du bist mir wichtiger als Eau de Cologne und Limonade. Also höre: Ich habe mein erstes Bild verkauft – hurra!«

Und »hurra!« stimmte auch Magda jubelnd ein und schwenkte Werners Hosen glückstrahlend wie eine Fahne in der Luft herum, daß die lateinische Grammatik polternd entsprang.

»Erzähle – sag' doch bloß, wie's kam,« drängte Magda, nicht minder aufgeregt als die Freundin. »Wer ist denn der – – –«

»Der Dumme? Das willst du doch hoffentlich nicht sagen. Trotzdem ich heute schon ganz anderes zu hören bekommen habe. Also knöpf' die Ohren auf. Du weißt doch, daß es jetzt hier in unserm lieben Rothenburg von Ausländern wimmelt. Besonders Engländer bewundern in den schönsten Gurgellauten an allen Straßenecken, an jedem Tor unser mittelalterliches deutsches Stadtbild.«

»Na, und ob, Änne!« fiel Magda lebhaft ein. »Jeden Tag schimpft Vater darüber, daß im Monat Juli und August hier in unserem urdeutschen Rothenburg Englisch fast schon Landessprache wird. Und blieben sie aus, die Fremden, wär's ihm sicher auch nicht recht. Denn sie bringen doch viel Geld in die Stadt. Und ich finde, für uns Junge kommt doch dadurch ein frischer Luftzug von der Welt da draußen in unsere stickige Geistesatmosphäre.«

»Na ja, also so'n langer Sohn Albions besuchte auch neulich den Spitalhof, wo eine ganze Menge Maler und Malerinnen immer ihr Atelier aufgeschlagen haben. Ich selbst arbeite dort grade an dem malerischen Hegereiterhäuschen mit dem merkwürdig geknickten Turmdach. Voll ungenierter Dreistigkeit, die diesen Englishmen nun mal eigen, stellt er sich hinter meinen Feldstuhl und schaut zu. Eine Weile laß ich's mir gefallen und denke, er wird sich ja wohl wieder verflüchtigen. Aber da er durchaus keine Anstalten dazu macht, sondern wie festgewachsen hinter meinem Stuhl stehen bleibt, drehe ich mich kurz entschlossen um und sage: ›Ich kann nicht malen, wenn einer hinter mir steht und zuschaut.‹ Drauf quetscht er › pardon me‹ durch seine dünnen Lippen und – stolziert weiter. Aber am nächsten Tag ist er schon wieder da. Trotz meines wütenden Blickes weicht er nicht. Jetzt steht er nicht mehr hinter mir, sondern zu meiner Rechten und beobachtet jeden Pinselstrich. Ich bin nicht nervös, aber ich werde doch dadurch unruhig. ›Was will die lange Hopfenstange eigentlich von dir – hast du oder dein Bild es ihm angetan?‹ überlege ich und gebe mir Mühe, ihn nur als Laternenpfahl zu betrachten.

Da tut der Laternenpfahl den Mund auf und sagt: › I shall get this image.

Ich sitze starr. Und er, wohl in der Meinung, ich verstände kein Englisch, wiederholt: ›Ich uerde kaufen dieser Bild.‹

Mein Herz hopst himmelhoch vor Freude. Trotzdem habe ich die Keckheit, ihm zu entgegnen: ›Sie wissen ja gar nicht, ob ich es verkaufen will.‹

»Aber, Änne, hast du denn einen Piepmatz? Die günstige Gelegenheit nicht gleich mit beiden Händen beim Schopf zu packen!« regte sich Magda auf.

»Er ließ sich dadurch keineswegs abweisen. ›Uenn ich uerde zahlen gutes Preis, Sie uerden geben mir der Bild,‹ meinte er mit Gemütsruhe. › How much do you want?

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Herrgott, beim ersten Bild ist man doch zaghaft. Wenn ich zuviel verlange, nimmt er's am Ende nicht – aber zu wenig wollte ich auch nicht sagen. Ob ihm zweihundert Mark wohl zu hoch erscheinen mochten?

Er legte mein Zögern anders aus. ›Well – ich uerde geben fünfhundert Marks für der Bild,‹ bot er. ›Uollen Sie lassen es dafür?‹

Ich nickte nur stumm. Kein Wort konnte ich herausbringen. Das Glücksgefühl schnürte mir die Kehle zu. Wieviel Tapeten mußte ich dafür entwerfen!

›Well – uerde ich kommen jeder Tag und sehen, bis der Bild ist fertig,‹ sagte er und verschwand.«

»Änne, du bist ein Glückspilz!« Magda umarmte die Freundin strahlend.

»Ja, hör' nur mal erst weiter. Kaum ist der Engländer fort, läßt sich zur Linken der alte berühmte Professor Hellmann aus München, der hier jeden Sommer malt, und der die Unterhaltung wohl mit angehört, brummend vernehmen: ›Ein Unsinn, daß Sie so'n Bild in die Welt hinausschicken.‹

.

Der Engländer und die Malerin

Das war ein kalter Wasserstrahl auf meine heiße Freude.

›Ist es denn so schlecht?‹ fragte ich ganz kleinlaut.

›Schlecht – nein, gut ist es. Aber Fehler sind noch drin. Sie müssen erst was lernen, ehe Sie Bilder verkaufen,‹ fährt er mich grob an.

Und ich muß dir gestehen, daß ich recht verstimmt dadurch war. Auf eine stolze Freude wirkt solch eine Einschränkung doppelt enttäuschend.

›Warum gehen Sie nicht nach München und lernen erst mal, wie man malt?‹ fragt er wieder.

›Weil ich kein Geld dazu hab,‹ gebe ich ihm nicht weniger deutlich, als er gegen mich war, zurück.

›So – hm. Na, der Engländer bezahlt ja das Bild ganz gut, das wäre für die erste Zeit zum Lebensunterhalt ausreichend.‹

›Malstunden kosten auch Geld,‹ werfe ich ein.

›Nicht bei mir – wenigstens nicht für Sie.‹ Als ob er mir die größte Grobheit an den Kopf würfe, so fährt mich der Professor an. ›Na ja – hm,‹ bequemt er sich auf mein bestürztes Gesicht hin zuzusetzen. ›Sie haben Talent – viel Talent sogar – aber wenig Ahnung von Malen. Und da das mal 'ne Ausnahme ist – denn meine meisten Schüler wissen, wie man malen soll, haben aber kein Talent – hm, da will ich auch mal 'ne Ausnahme machen. Also wenn Sie Lust haben, zum Winter nach München zu kommen, ich unterrichte Sie unentgeltlich.‹

›Herr Professor,‹ schrei ich los und spring' von meiner Staffelei und drück' ihm seine beiden Hände, ›wie soll ich Ihnen das jemals danken?‹

›Indem Sie was Ordentliches lernen und vorläufig nicht wieder solch unfertiges Zeug in die Welt hinauslassen. Hier ist meine Münchener Adresse, melden Sie sich zu Oktober bei mir.‹

Da hab' ich mein Malgerät zusammengepackt und bin schnurstracks zu dir, um meinem Herzen Luft zu machen. Ach, Magda, ich bin ja so unmenschlich froh. Noch tausendmal mehr darüber, daß der berühmte Professor Hellmann mich zu seiner Schülerin annehmen will, als über den Verkauf meines Bildes. Trotzdem die fünfhundert Mark für solch armes Kirchenmäuslein, wie ich es bin, ja auch nicht zu verachten sind.«

»Also von Herzen Glück, Änne! Nun wirst du doch noch eine berühmte Malerin werden und brauchst keine Tapetenungeheuer mehr zu entwerfen. Wie wird sich dein Onkel freuen!«

»Freuen – das ist mir mehr als zweifelhaft. Von Undank wird er auf jeden Fall reden. Hat er vorher geschimpft, daß er mich mit durchfüttern muß, so wird er jetzt räsonnieren, daß ich ihn allein lasse. Aber das hilft nichts. Die Jugend hat auch ihr Recht.«

Ähnliches hatte neulich Dr. Lindner gesagt. Magda hob das zur Erde gefallene lateinische Buch auf.

»Komm mit mir zum Winter nach München, Magda. Lern' auch du was Ordentliches dort. Das hier«, Änne wies auf das Buch, »ist ja gradeso Stückwerk wie bei mir.«

»Na, wollen mal sehen, Änne,« meinte Magda unternehmungslustig. »Bis zum Winter ist ja noch lange hin, da läuft noch viel Wasser die Tauber herunter. Bis dahin kann sich noch manches ändern.«

Ja, es änderte sich manches – aber anders, als das Ratstöchterlein sich das gedacht.

Es war nach dem Abendbrot. Man war mit einem Korb Kirschen auf den Weinberg gezogen. Dort kam noch am ehesten etwas Kühlung von der Tauber herauf.

Aber selbst hier war der Abend heute keine Erquickung. Bleiern schwer lag die Julihitze über dem Land. Kein Lüftchen bewegte sich. Kein Blättchen erzitterte. Die Vögel flogen zu Nest. Die Heimchen geigten, und der Fluß murmelte schlaftrunken. Gottesfrieden breitete seine Flügel über den erntereifen Talgrund.

Tante Brigittes fleißige Hände feierten selbst bei dieser Äquatortemperatur nicht. Sie strickten ein warmes wollenes Winterunterröckchen für Klein-Trautchen. Dabei perlten ihr die Schweißtropfen von der Stirn. Der Ratsherr war in seine Zeitung vertieft. Magda träumte mit offenen Augen in das Land hinaus. Indessen versuchte Werner unbemerkt einige Kirschen zu mausen. Das Nesthäkchen aber sprang trotz der Hitze mit seinem Ball um die Wette hin und her. Ihr sonstiger Spielgefährte Peter streikte heute. Alle Viere von sich gestreckt, wälzte er sich faul im Grase.

»Es ballt sich im Osten zusammen, Kinder,« sagte da der Ratsherr, ohne von seinem Blatt aufzusehen. »Kommt das Unwetter zum Ausbruch, dann sei uns der Himmel gnädig.« Bitterernst klang es.

Das Tantchen äugte denn auch über ihre Brille hinweg sofort ängstlich in den Abendhimmel. In mattem Grünblau stülpte der sich über das zur Ruh gehende Taubertal. Rosenrote Wölkchen erblühten am westlichen Horizont.

»Aber Vater,« auch Magda hatte Wetterumschau gehalten, »gen Osten ist ja alles klar. Wir kriegen heute nacht sicher kein Gewitter.«

Das Wort »Gewitter« hatte das Angsthäschen Trautchen an den Tisch getrieben.

»Gewitter – ach so – ja, wenn es das nur wäre. Aber was ich fürchte, ist schlimmer. Es droht Krieg mit Rußland.«

»Was – Krieg?« Das Tantchen sprang so entsetzt vom Bänklein, als habe der Feind es schon am Schlafittchen.

Magda aber blickte mit den ahnungslosen Augen eines Wickelkindes drein. Es war im Topplerschen Hause nicht Sitte, daß die Frauen dort Zeitung lasen. Allenfalls den Roman und die Familiennachrichten. Politische Sachen waren nur was für die Männer.

So hatte Magda denn keinen blassen Schimmer, um was es sich handelte.

»Krieg mit Rußland – ja, weshalb denn bloß, Vater?«

»Österreich hat an Serbien ein Ultimatum wegen des Thronfolgermordes gerichtet. Hinter Serbien steht Rußland. Man munkelt bereits, daß es allenthalben mobilisiere und starke Truppenmacht zur Grenze schaffe. Ist dies der Fall, muß Deutschland an die Seite seines Bundesgenossen Österreich treten. Aber was versteht ihr Frauen denn davon!«

»Doch Vater, das habe ich sehr wohl begriffen,« mit glühenden Wangen rief es Magda. »Ich schäme mich, daß ich bisher wie mit Scheuklappen herumgelaufen bin und nicht weiß, was draußen in der Welt vorgeht.«

»Nun – nun – mögest du's nie erfahren, mein Kind. Gott gebe, daß sich noch alles zum Guten wendet.«

Wo war die friedliche Stimmung des Sommerabends hin? Zerflattert vor einer Zeitungsnachricht. Der Vater, der seine Abendruhe auf dem Rebhügel sonst niemals preisgab, ging nochmals in die Stadt, um auf der Diele des »Eisenhuts« mit Bekannten seine Meinung auszutauschen. Tante Brigitte erzählte von 1870, wie es damals gewesen, als ihr verstorbener Mann Abschied nahm und gegen Frankreich zog, und wie sie daheim inzwischen Charpie gezupft. Und dazwischen jammerte sie: »Paßt auf, Kinder, es gibt wieder eine Katastrophe. Als ob ich es nicht geahnt hätte!«

Werner benutzte die günstige Gelegenheit der allgemeinen Erregung, um noch schnell einige Kirschen verschwinden zu lassen, ehe die Russen sie etwa holten. Klein-Trautchen lehnte schlafmüde in der großen Schwester Arm.

Ganz still saß Magda. Sie hörte kaum, was das Tantchen sprach. Ihr Innerstes war aufgewühlt, erschreckt.

Ihre junge Seele vermochte sich kaum eine Vorstellung von der furchtbaren Tragweite des Wortes »Krieg« zu machen. Derselbe hatte bisher für sie nur der Geschichte, der Vergangenheit angehört. Und nun sollte das Schreckenswort plötzlich Gegenwart werden? Es war ihr zumute wie einem Kinde, das bei einer Schauergeschichte ein Gruseln überläuft, und das trotzdem den prickelnden Reiz des Gruselns nicht missen mag. Würde durch einen Kriegssturm auch das einförmig dahinschleichende Leben in dem kleinen Tauberstädtchen aus seinen altgewohnten Bahnen aufgewirbelt werden?

Schon die nächsten Tage sollten Magda Antwort auf diese Frage geben.

In den Gassen, auf dem Markte, in den Weinstuben, allenthalben sah man jetzt erregte Gruppen, die politischen Aussichten lebhaft disputierend und die neuesten Depeschen ungeduldig erwartend. Auch die Frauen sprachen bei ihren Kaffeekränzchen nicht mehr von Backrezepten und Obsteinkochen, sondern davon, wer von ihren Angehörigen im Kriegsfalle mit hinaus müsse. Eine fieberhafte Erregung brütete mit der Julihitze zugleich in den alten Giebelgassen.

Und eines Samstags ward die aufs höchste gestiegene Schwüle plötzlich vom ersten Blitzstrahl der Gewißheit grell durchzuckt: Krieg – Krieg!

Vom Herzen des Deutschen Reiches, von der Hauptstadt her, wo der Kaiser vom Schlosse herab sein Volk zu den Waffen rief, flutete die Begeisterung durch alle Adern des gewaltigen Staatskörpers nach Nord und Süd, nach Ost und West.

In der Brust eines jeden Deutschen weckte sie ein Echo, glühende Begeisterung, gepaart mit grenzenloser Opferfreudigkeit. »Lieb Vaterland magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein« – Unter den Linden der stolzen Kaiserstadt erbrauste das deutsche Trutz- und Schutzlied aus Tausenden von Kehlen, und aus den engen alten Gassen des kleinen Rothenburgs klang es nicht minder jauchzend durch alle Tore ins Land hinaus.

Das stille Städtchen, in dem alles seinen gemächlichen Schritt wie zu Zeiten der Väter zu gehen pflegte, hatte der Kriegsdonner aus seinem Schlummer geweckt. In den ruhigen Bürgern war der ehemalige kriegerische Geist der alten Haudegen des Mittelalters wieder erwacht. Sie eilten zu den Waffen, den Heimatboden, den teuren, vor dem Feinde zu schützen. Die Dörfer rings im Taubergrunde leerten sich. In Scharen zogen Vaterlandslieder singende Burschen, mit dem bunten Nelkenstrauß der Liebsten geschmückt, durch die alten Tore zur Stadt hinein, dem Bahnhof zu. Und die wuchtigen Wehrtürme, die altersgrauen Wächter der Stadt, in deren Steinfugen das Moos der Jahrhunderte wucherte, blickten so kühn, so reckenhaft auf die ins Feld Ziehenden, als raunten sie ihnen zu: »Schaut uns an! Wir haben so manchem Kugelregen getrotzt und nehmen es heute noch mit jedem auf!«

Aus den Fenstern und Türen nickten Frauen und Mädchen und plünderten ihre Blumenstöcke für die tapferen Vaterlandsverteidiger. Auch das Ratstöchterlein warf mit vollen Händen und noch vollerem Herzen ihre sorgsam gepflegten Blüten den Davonziehenden herab als letzten Heimatsgruß.

Ach, wer jetzt ein Mann wäre! Wer mit hinaus könnte zu Schlacht und Sieg! Es trieb Magda in diesen gewaltigen Stunden, die ihr das begeisterungsfähige junge Herz erzittern machten, nicht müßig daneben zu stehen, teil zu haben an dem Großen, das ein jeder für das Vaterland vollbringen wollte. Gut und Blut hätte sie für die heilige Sache opfern mögen. – Magda ahnte nicht, daß die Zeit der Opfer erst für sie kommen sollte. Daß kein einziger davon verschont blieb.

Sie begriff Tante Brigitte nicht, die, nachdem der erste Schreck überwunden, schon wieder die Ruhe hatte, stundenlang vor ihrem Spion zu sitzen, der die lange Schlange der durchs Burgtor Marschierenden widerspiegelte. Sie selbst war wie aufgescheucht, zu keiner Arbeit fähig. Zu Hause hielt sie's schon gar nicht aus, in den wohlgeordneten, altmodischen Räumen, die ebenso ruhig wie das Tantchen das gewaltig pulsierende Leben da draußen an sich vorüberfluten ließen. Entweder trieb sie's zu den Freundinnen, die nicht weniger erregt waren, als sie selbst, oder zum Bahnhof hinaus, ob denn der Heinz nicht heimkäme. Sicher würde sich der Bruder sogleich dem Vaterland zur Verfügung stellen, Magda zweifelte keinen Augenblick daran. Aber er mußte doch vorher mit dem Vater sprechen – eigenmächtige Handlungen der Kinder waren im Topplerhause von jeher verpönt. Und nach einem andern noch schaute das Ratstöchterlein aus. Ob auch Dr. Lindner in den Kampf zog? Gewiß, wer so begeistert schon die Vergangenheit mitzuempfinden vermochte, wie würde der erst von der lebensstarken Gegenwart hingerissen werden!

Der sonst so stille Bahnhof wimmelte von Menschen, die Kleinbahn war vollgepfropft. Die Fremden verließen Rothenburg Hals über Kopf. Die deutschen Reisenden trieb es heim, und den Ausländern brannte der Boden unter den Füßen.

»Du, Magda, mein Engländer ist heidi.« Änne, die grade bei Ursel war, rief es dem in die Apotheke tretenden Ratstöchterlein lustig zu.

»Und die fünfhundert Mark, Änne?«

»Hat er natürlich mitgenommen.« Alle beide, Änne sowohl wie Ursel, brachen in helles Lachen über das bestürzte Gesicht Magdas aus.

»Und dann bist du so vergnügt, Änne?«

»Sag, was sind heute ein paar hundert Mark, Magda, wo doch wahrlich viel mehr, ganz anderes auf dem Spiele steht! Wie darf der einzelne da an sich und seinen Vorteil denken. Und es ist mir auch ganz recht, daß der Engländer mein Bild nicht hat. Der Herr Apotheker meinte vorhin, England sei auch nicht zu trauen. Nachdem Frankreich uns den Krieg erklärt hat, warten unsere englischen Vettern nur auf eine Handhabe, um ebenfalls über uns herzufallen.«

»Lieber Gott, Feinde von allen Seiten! Jede Kraft, jeden Arm braucht das Vaterland, alle dürfen sie mithelfen an dem großen Werk, und nur wir sind dazu verurteilt, untätig daneben zu stehen. Warum sind wir bloß Mädels!« Leidenschaftlich rief es das Ratstöchterlein.

»Kind, auch eurer harrt Arbeit, heiße Arbeit für's Vaterland. Untätig darf niemand in dieser großen Zeit bleiben.« Frau Apotheker Mergentheimer trat in Hut und Mantel zu den dreien.

»Ja, Charpiezupfen dürfen wir allenfalls, wie das Tante Brigitte schon 1870 getan hat. Was ist das für eine lächerliche Leistung, während die Männer da draußen ihr Blut vergießen!« Magdas Augen flammten.

»Auch die Arbeit der deutschen Frauen wird zum Gelingen des Ganzen beitragen, Kind. Unterschätze nicht die Pflichten, welche den Daheimbleibenden obliegen. Ich komme eben von einer Sitzung des Vaterländischen Frauenvereins. Uns steht es zu, die Wunden zu heilen, die draußen geschlagen werden und dem sozialen Elend, das der Krieg mit sich bringt, wirksam zu steuern. Das Rote Kreuz errichtet Helferinnenkurse im Franziskaner-Kloster, verschiedene Lazarette sollen hier eingerichtet werden. Da gibt es mehr als genug Arbeit, Magda.«

»Ach, Frau Apotheker, ist das wundervoll! Ach, ich bin ja so froh, daß auch wir fürs Vaterland was tun dürfen. Gleich bitte ich den Vater, daß ich mich als Rote Kreuz-Helferin melden darf.«

Und das Ratstöchterlein eilte heim, als dürfe es keine Minute versäumen.

»Tantchen, es werden Helferinnenkurse vom Roten Kreuz eingerichtet, ob Vater erlaubt, daß ich mich melde?« schon von der Diele rief es Magda durch die geöffnete Tür. »Uns Frauen braucht das Vaterland genau so wie die Männer, sagt Frau Apotheker, und – – –« da brach sie ab.

»Heinz!« sie flog auf den am Tisch sitzenden Bruder zu – »ach, Herr Doktor – wer hätte das am letzten Sonntag gedacht!«

»Ich komme nur noch mal herüber, um Abschied zu nehmen, Magda. Ich habe mich zu den Fliegern gemeldet; morgen schon muß ich zur Ausbildung nach Ulm fort.« Die blauen Augen des Jünglings strahlten in heller Begeisterung.

»Zu den Fliegern – Heinz, muß das herrlich sein, frei die Lüfte zu durchsegeln.« Wieder fühlte sich Magda an die Scholle gekettet. Die Arbeit daheim, die sie noch eben freudig beginnen wollte, kam ihr dagegen wieder gering und unwichtig vor.

»Und Sie, Herr Doktor – ziehen Sie auch hinaus – oder hält Sie Ihr neues Geschichtswerk hier fest?« In herzklopfender Spannung fragte es das Ratstöchterchen.

»Mein Werk nicht, Fräulein Magda. In dieser großen Zeit hat keiner Anspruch auf Eigenarbeit. Eines jeden Kräfte gehören der Gesamtheit, dem Vaterlande. Jetzt schreibt man keine Geschichte, man lebt sie. Lieber heute als morgen möchte ich mit hinausziehen! Und doch werde ich wohl meine Wünsche bescheiden müssen. Die Universität verlangt mich als einzigen meiner Fakultät für sich – ich muß den Platz ausfüllen, auf dem ich am meisten nützen kann. Man darf nicht in die Ferne schweifen, wenn das Gute nah' liegt.« Die stillen grauen Augen des Gelehrten leuchteten von innerem Glanz.

Wieder hatte das Ratstöchterlein das beglückende Gefühl, daß ihr der Doktor das rechte Wort gesagt. Alles, was er da soeben gesprochen, konnte sie auch auf sich anwenden, ließ ihr die Arbeit daheim wieder notwendig und vollgültig erscheinen. Und wie merkwürdig, daß er jenes Dichterwort gebrauchte, das sie von dem Orakel auf der Rothenburger Messe damals unter Scherz und Lachen als Wegweiser für die Zukunft erhalten!

»Sehen Sie, Herr Doktor,« hatte inzwischen der Vater sich geäußert, »mir geht es nicht viel anders als Ihnen. Auch ich fühle noch die Kraft und den Wunsch in mir, unter Deutschlands Fahnen zu treten. Aber als ich gestern im Rate nur eine leise Andeutung darüber machte, erhob sich ein wahrer Sturm. Sie brauchten mich hier notwendiger, als die draußen, hieß es. Es gelte zu organisieren, Neuerungen einzuführen, mit Rat und Tat, und nicht zuletzt mit dem Beutel bei der Hand zu sein. Ich sehe das ein, der Heimat gehört vor allem meine Arbeit. Dafür schicke ich meinen Jungen hinaus, der seinem Vater und dem Namen, den er trägt, hoffentlich Ehre machen wird. Wenn der Schlingel es auch nicht mal für nötig befunden hat, erst bei dem Vater vorher anzuklopfen, ehe er einen solchen Schritt tat.« Halb ernst, halb scherzhaft drohte der Ratsherr seinem jungen Sohne.

»Ich mußte mich schnell entschließen, Vater, sonst wäre ich bei der Truppe nicht mehr angekommen. Es ist ja alles überfüllt, jeder drängt sich dazu,« stotterte Heinz, wie ein Mädel errötend.

»Der Krieg verlangt überall Neuerungen, Herr Rat,« kam der Doktor seinem jungen Freunde zu Hilfe. »Wenn man auch noch so am Hergebrachten hängt, man wird jetzt in Vielem umlernen müssen.«

»Ich glaube es beinahe selbst,« seufzte Rat Toppler.

Magda blickte sinnend vor sich nieder. Ob der Vater auch in bezug auf das geistige Schaffen der Frau seine eingefleischten Ansichten durch den Krieg ändern könnte? Aber dachte sie da nicht schon wieder an eigene Arbeit? Mußte sie sich nicht vor Dr. Lindner schämen?

»Nicht wahr, Vater, ich darf mich morgen beim Roten Kreuz melden?« bat sie schnell, um das peinliche Gefühl zu beschwichtigen.

»Das Mädel fragt doch wenigstens noch. Überall hat der Krieg doch noch nicht die Zucht gelockert. Na ja, mein Kind, ich habe nichts dagegen. Es ist eine echt weibliche Betätigung. Vorausgesetzt natürlich, daß Tante Brigitte ohne dich fertig werden kann.«

»Tante Brigitte muß fertig werden,« fiel das Tantchen mit ihrem gütigen Lächeln ein. »Soll sie allein nicht ihre Kräfte verdoppeln in dieser großen Zeit?«

»Unser Lehrer hat heute gesagt, wir Buben müssen auch fürs Vaterland die Arme regen. Wir werden für die Ferien auf die Bauernhöfe in der Umgegend verteilt. Wir sollen bei der Erntearbeit helfen, weil soviel Männer fort müssen,« erzählte Werner stolz.

»Und du, Trautchen? Wirst du nicht auch was für das Vaterland leisten?« neckte der Doktor.

Das Kleinchen nickte ernsthaft. »Ei, freilich! Ich lerne bei Tante Brigitte stricken, und dann stricke ich für sämtliche Soldaten Strümpfe,« verkündete das kleine Mädchen.

Eine Stunde später zog des Ratsherrn Ältester nach festem Händedruck des Vaters und zärtlichem Abschied von den Geschwistern, bepackt mit Tante Brigittes vorsorglichen Ermahnungen und Barbaras längster Wurst, über die Schwelle des alten Patrizierhauses hinaus in den Kampf.

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