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Das Ratstöchterlein von Rothenburg

Else Ury: Das Ratstöchterlein von Rothenburg - Kapitel 11
Quellenangabe
authorElse Ury
titleDas Ratstöchterlein von Rothenburg
publisherA. Anton & Co.
yearo.J.
printrunDritte Auflage
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180904
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10. Kapitel

Der historische Festzug und was einem jungen Geschichtsforscher am besten daran gefällt

Immer näher rückte das Pfingstfest. Die Proben zu der Aufführung waren zur Zufriedenheit beendet, die Gruppen des Festzuges gestellt. Auch Magdas Freundinnen Ursel und Änne waren daran beteiligt. Das rundliche Apothekertöchterchen gab im Festwagen mit Magda zusammen die Bürgermeisterin jener vergangenen Tage. Die schlanke Änne aber gehörte zur Gruppe der reichsstädtischen Jungfrauen, welche die ehemalige freie Reichsstadt Rothenburg verherrlichten.

In den Gasthäusern und Hotels war jeder Winkel und jedes Fleckchen zum Empfang der vielen Gäste hergerichtet. Die Jahrhunderte alten Giebelhäuser hatten sich kokett wie nur die jüngste Schöne mit lichtgrünen Maien geschmückt. Aus den Kufen der vielen Röhrbrunnen rieselte es noch melodischer als sonst, und St. Georg auf dem Herterichbrunnen sah so kühn und verwegen drein, als wolle er es heute wieder mit einem Drachen aufnehmen.

Nur eins veranlaßte noch Bedenken, eines bewegte jede Brust noch mit banger Sorge. Würde auch das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen? Aber es war fast immer den Rothenburgern an diesem historischen Erinnerungstage hold gewesen. So hoffte man auch diesmal trotz des leichten Regenschauers, welcher die weißen frischgewaschenen Kleider des ersten Pfingstfeiertages noch einmal auswusch, auf Petrus' gute Laune.

Und die Hoffnung trog nicht. Die Pfingstsonne, die über die Berghöhen des Frankenwaldes daherspaziert kam, wußte ganz genau, was man heute von ihr erwartete. Daß es ihre Pflicht war, den traditionellen blauen Himmel beim Festzug nicht zuschanden zu machen.

Jeden noch so alten, noch so verrosteten Wetterhahn putzte sie mit ihrer Strahlenbürste, bis er wie pures Gold blitzte. Um die alten Wehrtürme, welche dem Ansturme der kaiserlichen Truppen unter Tilly so lange standhaft getrotzt, wob sie einen güldenen Glorienschein. Und die schaulustige, tausendköpfige Menge, welche die Gassen und Gäßchen, die Plätze, Tore, Wälle und Wehrgänge allenthalben füllte, versetzte sie durch ihren warmen Schein in gehobene Festesstimmung.

Was Beine hatte in Rothenburg, war heute unterwegs. Nur Tante Brigitte saß wieder daheim auf ihrem Erkerplatz vor dem Spion. Der Zug kam die Herrengasse entlang. So gut wie von hier aus konnte sie nirgends sonst sehen. Und eigentlich hatte sie schon genug gesehen. Nämlich, daß ihre junge Nichte Magda in all ihrem holden Liebreiz dem Bilde der Ahne Magdalena gradezu erschreckend glich. Wie von der Wand gestiegen erschien sie dem Tantchen. Was die andern mit Freude und Genugtuung erfüllte, bildete für Tante Brigitte den Gegenstand von Angst und Sorge. Wann würde das welsche Blut, das schon einmal Unglück über die Familie Toppler gebracht hatte, wieder aufbegehren?

Da – Musik. Helle Fanfaren. Sie kommen – vom Rathaus her setzt es sich in Bewegung. Tante Brigittes graue Sorgengeister müssen vor all dem Festesglanz, den der neugierige Spion widerspiegelt, entweichen.

Sie kommen – wie ein elektrischer Schlag geht es durch die harrende Menge. Die alten Gassen rahmen das Bild des mittelalterlichen Zuges in malerischer Harmonie ein. Zwei Eisenreiter sprengen voran, dahinter vier Fanfarenbläser zu Pferde. Jetzt recken sich die Hälse, ein allgemeines »Ah!« der Bewunderung wird laut.

»Der Festwagen kommt!« Von Knaben in kleidsamer Pagentracht, unter denen ein bildhübscher blonder Krauskopf besonders auffällt, geführt, rollt der vierspännige, über und über mit Blumengewinden geschmückte Festwagen heran. Von seiner Mitte grüßt die Rothenburgia, eine stolze Honoratiorentochter, als Idealfigur aufgefaßt, mit hellblonder, puppenähnlicher Lockenperücke. Ihr zur Seite die Frau Bürgermeisterin. Rundlich, behäbig und seelenvergnügt schaut die braune Ursel aus der hohen, steifen Halskrause heraus. Und nun zum zweitenmal ein lautes »Ah!« Es gilt der entzückendsten Figur des Festwagens, dem Kellermeistertöchterlein – Magdalena Hirsching.

Wie eine eben erblühte Rose, so jung und taufrisch steht sie da mit ihrem zinnernen Weinkrug in der Hand. Das zarte Mattblau des schlichten Gewandes hebt die zarte Schönheit des lieblichen Gesichts. Den Rücken herab hängen ihr die schweren Goldzöpfe. Und das Flimmern des Silberhäubchens kommt nicht auf gegen den metallischen Glanz der goldenen Haare. Die schwarzen Augen, die einen so seltsamen Gegensatz zu ihrer hellen Schönheit bilden, sind in die Ferne gerichtet. Sie nehmen die bewundernden Blicke der Menge nicht wahr.

Vor dem Burgtor haben die Ehrengäste, der Rat und der Festausschuß ihre Tribünen. Auf der hohen Stirn des Ratsherrn Toppler lagert eine leichte Wolke. Es verstimmt ihn, daß sein Ältester, der Heinz, nicht an diesem Erinnerungstage im Heimatsstädtchen weilt. Ein Mangel an Pietät dünkt es ihn. Von allen Seiten strömen die Fremden herbei und der Junge, der doch wahrhaftig allen Grund hat, heute stolz sein Haupt hier emporzutragen, zieht es vor, mit seinem ehemaligen Lehrer Dr. Lindner eine Pfingstwanderung in den fränkischen Jura zu unternehmen.

Aber als jetzt der Festzug beginnt, als der hübsche kleine Page dem Vater und dem danebensitzenden Trautchen einen Gruß heraufwinkt, als der Rat seine holde junge Tochter erblickt, da verflüchtigt sich das kleine Wölkchen. Vaterstolz erfüllt des Ratsherrn Brust.

Über das morsche Holzgitter des Wehrganges lehnen zwei Herren. Der eine mit blassen, feinen Zügen und klugen grauen Augen verleugnet auf den ersten Blick den Gelehrten nicht. Der andere, ein junger frischer Bursch, kann es kaum erwarten, daß der Festzug, dessen Fanfarenklänge ihn schon eine ganze Weile vorher ankündigen, naht.

»Herr Doktor, jetzt kommen sie, nun geben Sie acht. Das wird eine kostbare Fundgrube für Ihr neues Geschichtswerk werden.«

»Ich komme mir wie verwunschen hier vor, Heinz, als hätte ich mehrere Jahrhunderte zurückgelebt. Es war eine gute Idee von Ihnen, daß wir unsere Fußwanderung unterbrachen, um das historische Schauspiel in Rothenburg zu genießen – – –«

Dröhnende Fanfarenklänge übertönten die Worte.

»Da – Herr Doktor, der blonde Krauskopf, der den Rappen mit dem roten Federbusch führt, das ist mein kleiner Bruder Werner. Und jetzt der Festwagen – die Rothenburgia sieht aus wie ein blonder Pudel – Herrjeh, die Ursel Mergentheimer als Frau Bürgermeisterin, und die letzte – sehen Sie, Herr Doktor, die blaue – das ist Magdalena Hirsching, unsere Ahnfrau, von meiner Schwester Magda dargestellt.« Freudig leuchtete es in den hellen Augen des jungen Heinz Toppler auf.

Wie verzaubert lehnte sein Gefährte, Dr. Erwin Lindner, über die Wehrgangbrüstung. Seine Augen hingen an der liebreizenden Gestalt. In gretchenhafter Anmut schien sie das schönste, dem Mittelalter entstiegene Bild, umrahmt von dem steinernen Rundbogen des alten Burgtors.

Magdas Augen, die hinaus ins Taubertal gerichtet waren, die all die Bewunderung ringsum nicht gewahr geworden, wandten sich plötzlich wie unter einem hypnotischen Zwange dem Wehrgang zu und begegneten dem andachtsvoll versunkenen Blicke des Fremden. Die samtschwarzen und die grauen Augen tauchten ineinander – eine Sekunde nur – dann hatte Magda die hochaufgeschossene Jünglingsgestalt neben dem Fremden erspäht. Kaum vermochte sie den Jubelruf »Heinz« zu unterdrücken. Das Blut schoß ihr in die zarten Wangen, und die dunklen Augen grüßten und lachten den Unerwarteten glückstrahlend an.

Dann war der Festwagen vorüber – hinausgerollt in die blaue Unendlichkeit, die sich da draußen vor den Toren auftat.

In feierlichem Ornat schritten jetzt die Ratsherren aus dem 17. Jahrhundert, denen es fast an den Kragen gegangen, würdevoll einher.

»Der in der Mitte, Herr Doktor, der den großen Kaiserpokal trägt, stellt den ehemaligen Altbürgermeister Kaspar Nusch dar, welcher auf Befehl Tillys den »Meistertrunk« getan und dadurch den gesamten Rat gerettet hat. Drei Liter faßt der Pokal, auf einen Zug mußte er ihn leeren. Aber das hören Sie ja später beim Festspiel noch ausführlicher. Sehen Sie, jetzt kommt der Kellermeister mit seinem Faßwagen, nun das Rothenburger Fähnlein, das die Stadt so tapfer gegen die Übermacht Tillys verteidigte. Dort hinter dem Trupp Eisenreitern die Wache und Tillys Generalstab.« Einen besseren Erklärer hätte Dr. Lindner nicht finden können, als es der heimatsbegeisterte Patriziersohn war. Aber der junge Geschichtsforscher, der sonst von allem Historischen aufs höchste gefesselt wurde, schien weder Auge für das farbenprächtige Schauspiel, das sich da vor ihnen abrollte, noch Ohr für die Erläuterungen seines jungen Freundes zu haben. Er sah kaum das Gewühl der Fußtruppen, Schanzbauern mit Sturmleitern, Geschütze, Pulverwagen und Gespanne. Selbst der malerische Troß: die Kroaten zu Pferd, die farbenfreudigen Zigeunerwagen mit braunen Gestalten, die Marketenderinnen, Troßbuben, Saumpferde führend, der Feldscher und die berittenen und marschierenden Begleitmannschaften, ging fast eindruckslos an dem Gelehrten vorüber. Seine grauen Augen schweiften über das sich entrollende Bild aus dem Dreißigjährigen Kriege, für das er zu jeder andern Zeit sicher brennendes Interesse gezeigt hätte, hinweg, hinaus zu dem Torbogen. Dort sahen sie immer noch die längst entschwundene jungfräuliche Gestalt der holdseligen Magdalena Hirsching mit den Goldzöpfen und den dunklen Samtaugen.

»Wir müssen uns heranhalten, Herr Doktor.« Die Stimme seines jungen Gefährten weckte ihn aus seiner Versunkenheit. »Es wird heute früh bei uns zu Mittag gegessen, da das Festspiel im Rathaus um drei Uhr beginnt. Kommen Sie, damit sie uns noch was übrig lassen.«

Der Doktor schüttelte den Bann, der ihn gefangen hielt, mit Gewalt ab. »Heinz, ich werde im Gasthaus speisen und erwarte Sie dann im Kaisersaal des Rathauses. Ich kann doch unmöglich als ganz Fremder die Gastfreundschaft Ihres Herrn Vaters in Anspruch nehmen. Nach dem Festspiel werde ich mir dann erlauben, ihm meine Aufwartung zu machen.«

»Was – Sie wollen nicht mit mir zu Tisch kommen?« Ganz rot wurde Heinz Toppler vor Aufregung. »Wo ich tagtäglich die Gastlichkeit Ihres Hauses genieße und Ihre Frau Mutter für mich gradezu mütterlich sorgt? Das wäre ja noch schöner. Vater wäre mit Recht gekränkt. Und wie wird sich die Magda freuen, Sie kennen zu lernen. Ich habe ihr schon so viel von Ihnen erzählt.«

Ob der letzte Grund ausschlaggebend war, wollen wir dahingestellt sein lassen. Zwar wandte Dr. Lindner noch der Form wegen ein, daß man doch gar nicht auf ihn vorbereitet sei, aber das war kein stichhaltiger Einwand.

»Unsere alte Barbara bratet und backt zu den Festtagen soviel, daß noch sechs mitessen können.« So schleppte Heinz Toppler seinen verehrten Lehrer mit in das Vaterhaus.

Tante Brigittes Spion hatte die beiden in die Herrengasse Einbiegenden als erster erspäht. »Der Heinz – unser Heinz ist da – er bringt noch jemand mit – schnell, noch zwei Gedecke, Magda,« rief die Tante vom Erkerplatz mit ungewohnter Lebhaftigkeit.

Das Ratstöchterlein, das eben erst von seiner Rundfahrt heimgekommen, lachte wie ein Kobold. Kein Wort hatte es verraten, um dem Bruder die Überraschung nicht zu stören. Aber wer mochte ihn denn bloß noch begleiten?

Da ging bereits die Türschelle. Magda eilte hinaus, um den Bruder zu begrüßen, und – stand vor dem Fremden, dessen graue Augen sie heute so magnetisch angezogen. Über und über errötend, vergaß sie es ganz, den Bruder wie sonst zu umarmen und dem fremden Herrn ein Wort des Willkommens zu sagen.

Der Doktor schien das auch gar nicht zu erwarten. Dem genügte der Anblick des liebreizenden Mädchens mit den Gretchenzöpfen, das in der dunkelgetäfelten Diele des alten Patrizierhauses als holdeste Vertreterin der Vergangenheit auftauchte.

»Rate, wen ich euch mitbringe, Magda?« rief Bruder Heinz fröhlich.

Da besann sich der Doktor auf seine Pflicht. »Doktor Lindner« – er machte der jungen Haustochter seine Verbeugung. »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, daß ich es wage, hier so unaufgefordert einzudringen, aber ihr Bruder Heinz – – –«

»Junge, das hast du mal recht gemacht.« Der Ratsherr, das Nesthäkchen an der Hand, betrat in diesem Augenblick die Diele. »Hätte mir beinahe die Feststimmung verdorben, daß du heute Rothenburg fern bleiben wolltest. Und daß du mir gar deinen verehrten Lehrer mitbringst, ist mir eine ganz besondere Ehre und Freude. Seien Sie uns von Herzen willkommen, Herr Doktor Lindner.« Der Herr des Hauses bot dem Gaste die Hand.

Auch Magda fand inzwischen die Sprache wieder.

»Sie sind uns kein Fremder mehr, Herr Doktor. Der Heinz kann nicht genug von Ihnen und Ihrer Frau Mutter erzählen, wenn er am Sonntag zu uns kommt,« sagte sie mit der freimütig liebenswürdigen Art, die ihr so schnell die Herzen gewann.

»Auch Sie sind mir durch die Berichte Ihres Herrn Bruders bereits bekannt, gnädiges Fräulein,« gab der Doktor freundlich zurück. »Ich weiß, mit welchem Fleiß und mit welcher staunenswerten Energie Sie ohne Anleitung Ihre Gymnasialstudien betreiben – – –«

Ein erschreckt bittender Blick der großen schwarzen Augen ließ den Doktor noch erschreckter verstummen. Himmel – da hatte er wohl gar ein unliebsames Thema berührt. Ja, jetzt erinnerte er sich auch, daß Heinz ihm unlängst angedeutet, der Vater sei mit den Bestrebungen der Schwester nicht einverstanden.

Zum Glück schien dieser die Worte nicht beachtet zu haben. Er führte den Gast der alten Tante Brigitte zu, und bald saß man bei der Suppe um den gemütlichen runden Tisch.

Wie in einem Traum saß der Doktor da.

Was er aß, wußte er nicht. Die Pfingstgans auf seinem Teller hätte ebensogut ein Hase sein können. Bekümmert sah das Tantchen, daß der Gast die knusprige Haut, die Barbaras Stolz war, an den Rand des Tellers schob, wohl in dem Glauben, daß sie ein Knochen sei. Der Doktor hatte aber auch wirklich anderes zu sehen, als auf seinen Teller.

Das alte Patrizierhaus, aus dessen Winkeln, Ecken und Nischen allenthalben die Vergangenheit lugte, die schweren, wuchtigen Möbel, welche die Generationen überdauert, die stolze Ahnengalerie über dem grünen Ripssofa, das runzlige Gesicht Barbaras unter der vorsintflutlichen Tollhaube und vor allem das liebreizende Ratstöchterlein selber in seiner mittelalterlichen Tracht – alles dies war wohl dazu angetan, einen Geschichtsforscher zu begeistern.

»Barbara soll uns ein paar Flaschen Achtundneunziger aus dem Keller holen. Den ›Lump‹ müssen Sie probieren, eigene Zucht, Herr Doktor, von meinen Weinbergen. Und du, Magdalena Hirsching, kredenze uns als Kellermeistertochter den Wein,« ordnete der Vater in Festlaune an.

In feingeschliffenen alten Kelchen perlte der rötliche Tauberwein und löste die Zungen. Der Doktor mußte von seinem beabsichtigten kulturgeschichtlichen Werk, das alte fränkische Städte mit besonderer Berücksichtigung Rothenburgs behandelte, erzählen und fand bei dem Ratsherrn Toppler volles Verständnis und reges Interesse.

»Da hoffe ich Sie künftig sehr oft in diesen Mauern begrüßen zu können, mein werter Herr Doktor. Rothenburg ist ein wahres Eldorado für geschichtliche Forschungen. Kein Haus, das nicht mindestens seine zweihundert Jahre auf dem Rücken hat. Jeder Giebel, jeder Torbogen ist hier verkörperte Geschichte. Und dieses Haus besonders ist reich an Erinnerungen. Ich stelle Ihnen das gesamte Material, das unser Dach birgt, zur Verfügung. Hoffentlich machen Sie recht oft Gebrauch davon. Sie werden Ihre Freude an all dem Alten haben.«

Der Doktor verbeugte sich dankend und hatte vorläufig seine Freude an etwas Jungem – der jungen Magda, die mit blitzenden Augen rief: »Sie glauben gar nicht, Herr Doktor, was in unsern Rumpelkammern alles aufgestapelt ist. Alte Folianten, Pergamente und Urkunden, veraltete Waffen und allerlei Kleidungsstücke von anno Toback. Ich habe schon tüchtig dort herumgestöbert.«

»Es wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, wenn Sie, falls es Ihre Zeit erlaubt, gelegentlich mal die Führung durch diese kostbare Schatzkammer übernehmen würden, gnädiges Fräulein,« bat der Doktor.

Das Ratstöchterlein stimmte freudig zu, und auch der Vater meinte: »Ja, die Magda gibt eine ganz gute Führerin ab. Die weiß in den alten Urkunden fast besser Bescheid als ich selbst.«

Nur Tante Brigitte schien nicht allzu erbaut von dem Plan. Sie begriff ihren Neffen nicht. Gab man denn in diesem Hause nichts mehr auf Zucht und Sitte?

»Du wirst dich zum Festspiel rüsten müssen, Magdachen,« unterbrach das Tantchen vorläufig mal die nähere Besprechung des Planes.

Richtig – das Festspiel! Erschreckt fuhr Magda hoch. Das, was ihre Gedanken die ganzen Wochen vorher beherrscht hatte und sie sogar mit leiser Bangigkeit erfüllt, hatte sie jetzt über der interessanten Unterhaltung mit dem Fremden vollständig vergessen.

»Du kannst erst in Ruhe dein Stachelbeertörtchen aufessen, Mädel,« meinte der Vater.

Aber jetzt war kein Halten mehr bei Magda.

»Na, denn mach' deine Sache gut, Kind, und unserer Ahnfrau Magdalena Hirsching Ehre.«

Ja, Magda machte ihre Sache gut. Viel zu gut fand Tante Brigitte. Sie spielte die Magdalena Hirsching so echt, so temperamentvoll, daß nicht nur der Feldherr Tilly, von ihren schönen Augen erweicht, sich dazu herbeiließ, den Rat zu begnadigen, falls sich einer unter ihnen fände, der den Kaiserpokal auf einen Zug leere, sondern daß auch das Publikum von ihrem Liebreiz und ihrem feurigen Spiel ganz begeistert war.

Am begeistertsten aber war einer, der es am wenigsten zeigte. Als der junge Geschichtsforscher mit Heinz Toppler durch den linden Sommerabend in der überfüllten Kleinbahn heimwärts gen Würzburg dampfte, hatte die holde Gegenwart des gastfreien Patrizierhauses die Geister der Vergangenheit, die sonst in des Doktors Herzen hausten, gänzlich verdrängt.

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