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Das Rätsel von Ravensbrok

Hans Hyan: Das Rätsel von Ravensbrok - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleDas Rätsel von Ravensbrok
publisherEduard Kaiser-Verlag
year1943
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid5cee7dc1
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Achtes Kapitel

Es war der erste schöne Tag im Jahr. Im Lenzhauch strich ein Sonnenwind durch die Gasse, in der Arnold Müller seine Feilenfabrik betrieb.

Die Fenster standen offen in dem nicht sehr großen Arbeitsraum, und die hurtigen Hammerschläge Martin Dummers hallten hinaus in die blaue Luft.

Müller trat eben aus dem kleinen Kontor. Sein spitzbärtiges dunkles Gesicht zeigte das listige Lachen, das ihm eigen war, als er zu dem Gesellen trat und ihm die Zigarrentasche mit den Worten hinhielt:

»Da, Dummerchen, nu' stecken Sie sich mal eine unter die Nase! Morgen, denk' ich, kann ich Ihnen die letzten fünfzig Mark geben – dann sind wir endlich quitt und könn' 'ne neue Rechnung aufmachen!«

»Das Geschäft geht woll jetzt besser,« lachte der Geselle, »da bin ich froh – für Sie, Meister! Denn ich komm' schon aus mit mein' Geld – aber sagen Sie mal, was is denn mit dem Maler, dem Stark? Man hört doch gar nichts von dem Prozeß?«

Arnold Müller tat einen langen Zug aus seiner Zigarre und pustete den Rauch in breiter Wolke von sich.

»Der Prozeß,« sagte er dann so gleichgültig, als hätten ihn die Beteiligten nie interessiert, »tja, das weiß ich auch nicht – und wissen Sie, lieber Dummer, ich meine, es ist am besten, wenn man seine Nase gar nicht in solche Sachen 'neinsteckt. Ich bin ja neulich auch wieder vernommen worden, vierzehn Tage können 's her sein. Sie waren damals krank an Grippe, sonst hätte ich's Ihnen sicher erzählt.«

»Na, und was war denn, Meister? Was hat denn der Stark ausgesagt, und was wollte das Gericht von Ihnen?«

»Sie sind ja ordentlich aufgeregt, Dummerchen! Was konnten sie von mir groß wollen? Ob ich gehört habe, daß der Stark den Berwin bedroht hat? – Na, das habe ich allerdings gehört, unten in ›Bestmanns Keller‹, an dem Abend vor dem Mord. – Und ob ich dem Maler die Tat zutraue, wollte der Untersuchungsrichter wissen.«

»Und was haben Sie darauf gesagt, Meister?«

»Was ich sagen mußte: Ich traue dem Stark alles Mögliche zu! Nicht, daß ich ihn gerade für 'n Meuchelmörder halte, das nicht! Aber in seiner Wut, da kennt er sich selber nicht, der Hannes. Und wenn sie da draußen nachts in der Heide zusammengeraten sind, die beiden, und war kein Mensch in der Nähe – und – die Waffe hatte der Hannes doch immer bei sich –«

Müller machte eine Pause:

»Wer weiß? Es hat ja keiner weiter zugesehen, wie die Nacht – und die war obendrein so nebelig –« Müller verzog das Gesicht, aber er lachte nicht.

Martin Dummer zweifelte:

»Ich glaub's nicht, Meister! Stark ist kein Mörder!«

»Tja!« Müller kratzte sich den Kopf, »'s kann so sein – und 's kann auch so sein – die Hand ins Feuer leg' ich für keinen!«

Der Geselle wollte erwidern, aber er überlegte sich's. Nahm den Hammer und eine neue Feile vor, als sein Meister noch sagte:

»Sitzen tut der Stark nu' schon zehn Wochen, und mich soll's bloß wundern, was dabei 'rauskommen wird. Wo soll der denn das Geld für den Rechtsanwalt hernehmen?«

Indem klopfte es an der Eingangstür.

»Nanu, wer is denn das? Etwa 'n Kunde?«

Müller ging öffnen. Dann trat er mit einem hohen, schlanken Herrn in dunklem Ulster, einem Schlapphut auf dem starken Schädel, wieder ein. Und dahinter kam im blauen Samtmantel, ein schwarzes Pelzkäppchen auf dem Haupt, Maria Winkel.

Der Geselle legte sogleich seinen Hammer hin und reichte der Blonden die Hand, die er zuvor an seiner Arbeitsschürze abwischte. Dann wandte sich Martin Dummer an den Chef:

»Soll ich solange 'nausgehen, Herr Müller?«

Der winkte:

»Ach, bewahre! Was hier gesprochen wird, können Sie ebensogut hören.« Er sah nach dem schlanken Herrn hin: »Das ist Herr Doktor von Bernewitz, Starks Rechtsanwalt, und« – nach der anderen Seite hin blickend – »Fräulein Winkel, die kennen Sie ja!«

Von Bernewitz ließ seine Augen im Zimmer umhergehen: »Sie sind Feilenhauer, Herr Müller? Welch ein interessanter Beruf! In unserer mit Fabrikation und Industrie geladenen Zeit sieht man solch urwüchsiges Handwerk kaum noch. Lohnt es denn? Ich meine, kann der Kleinbetrieb gegen die großen Firmen aufkommen?«

Müller zuckte die Achseln:

»Gott, man hat's nicht leicht heutzutage – die Konkurrenz macht einem natürlich zu schaffen – na, Sie wissen ja, Herr Rechtsanwalt, was brauch' ich da viel zu reden! Aber womit kann ich Ihnen dienen?«

Es schien, als habe der Anwalt die Frage nicht vernommen. Seine großen grauen Augen waren auf des Feilenhauers Gesicht gerichtet. Müller hielt dem Blick ruhig stand. In seinen schwarzen Lichtern flinkerte der Spott, als von Bernewitz sprach:

»Ich darf Ihnen sagen, Herr Müller, ich bin enttäuscht über Ihre Aussage, die ich im Gerichtsprotokoll gelesen habe.«

»Wieso, Herr Rechtsanwalt? Sie meinen doch den Starkschen Prozeß?«

»Allerdings. Was Sie da ausgesagt haben – Sie waren doch Freunde, Hannes Stark und Sie, soviel ich weiß.«

Müller nickte. »Was man so Freunde nennt! – Gute Bekannte ist wohl richtiger!«

Doktor Bernewitz hatte den Ulster aufgeknöpft. Nun ging der Anwalt ans Fenster, blieb dort stehen und blickte zu dem Gesellen hinüber, der leise mit Maria, redete.

Und plötzlich griffen diese merkwürdigen Augen wieder nach Müllers Antlitz. »Ich komme nicht hierher, um Sie in Ihren Aussagen irgendwie zu beeinflussen, Herr Müller. Das ist so selbstverständlich, daß ich es nicht zu betonen brauche. Aber ich möchte gern wissen, wie Sie den übeln Eindruck von dem Beschuldigten gewonnen haben, den das Protokoll Ihrer Zeugenvernehmung offenbar wiedergibt!«

Müller, der sich auf einen Schemel niedergelassen hatte, rückte mit den Schultern, als sei der Rock ihm unbequem. Endlich meinte er:

»Ich kann das auch nicht sagen, Herr Rechtsanwalt,« er stockte, »wahrscheinlich hat er sich so benommen, der Stark – er war eben immer schon ein Draufgänger.«

»Ja, aber ein Draufgänger ist doch noch kein Mörder!«

»Das nicht, aber –« Müller zuckte die Achseln.

»Also gut, lassen wir das.« Der Anwalt zog ein goldenes Zigarettenetui aus der Westentasche, bat um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen und bot dem Meister die Dose. Der bediente sich und zündete erst Doktor Bernewitz' und dann seine Zigarette an.

»Aber sagen Sie mir eins, lieber Meister: Sie waren doch auch mit von der Partie in jener Nacht. Warum haben Sie die beiden sowieso schon aufeinander erbosten Menschen denn bloß allein gelassen?«

»Das ist ganz einfach, Herr Rechtsanwalt! Ich habe in der ›Kajüte‹ zwei alte Freunde getroffen, und mit denen bin ich weitergegangen.«

»Und Stark – und Berwin?«

»Ach, der Berwin, der wollte nicht dableiben! Da kam doch der Wolfank, den sie nachher aufgegriffen haben, der kam in die ›Kajüte‹, und da war Bruno Berwin nicht mehr zu halten. Er hatte Angst vor dem Menschen.«

»Wieso denn?«

»Das weiß ich auch nicht.«

»Hm – und ging Stark gleich mit Berwin mit?«

»Ja, Stark wollte doch seinen sogenannten Gewinnanteil haben!«

»Den er nach Ihrer Meinung eigentlich nicht zu beanspruchen hatte, Herr Müller?«

Der Meister hob wieder die offenen Hände. »Gott, das will ich nicht sagen – es bestand ja so was wie ein Abkommen zwischen den beiden.«

Der Anwalt sah auf seine langen schmalen Finger herab. »Und so sind Sie denn mit Ihren beiden Bekannten noch in der ›Kajüte‹ geblieben? – Übrigens, sagen Sie, Herr Müller, sind die beiden Männer, Ihre Freunde, auch vernommen worden?«

»Nein – die wußten ja auch nichts. Wir drei sind noch ein paar Stunden zusammen gewesen, und dann sind die beiden nach dem Bahnhof – ich glaube, sie wollten nach Hannover – und ich bin hierher in die Werkstatt. Da drin im Kontor,« er wies lachend hinüber, »steht ein Kanapee, da mach' ich mich lang, wenn ich mal 'ne Nacht in Hamburg bleibe.«

Der Anwalt hatte sein Notizbuch hervorgeholt. »Wie heißen denn die beiden, Ihre Freunde mein' ich, mit denen Sie noch zusammengeblieben sind?«

Müller stutzte. »Wieso?«

»Na, man könnte sie eventuell als Zeugen laden. Etwas werden sie ja auch beobachtet haben – und in solcher Sache ist die allergeringste Kleinigkeit wichtig!«

Müller legte die nur halb aufgerauchte Zigarette in den Aschenbecher und drückte sie mit dem Daumen aus. »Ich glaube kaum, daß Sie die beiden finden werden, Herr Rechtsanwalt. Die wollten zu Fuß weiter, über Hannover nach Bremen, und dann vielleicht nach Süddeutschland.«

Von Bernewitz nickte. »Ja, ja, ich verstehe. Aber wie sind die Namen?«

»Der eine heißt Vollmöller – Karl Vollmöller – und der andere Anton Engel – bloß, ich fürchte, Sie werden sie kaum auftreiben, Herr Rechtsanwalt.«

Bernewitz notierte die Namen und steckte, ohne zu antworten, sein Taschenbuch ein. Dann ging er in das kleine Kontor und sah sich die Schlafgelegenheit an. »'n bißchen primitiv,« lächelte er, als er aus dem Verschlag trat, »aber können Sie sich erinnern, Meister, was Sie in jener Nacht da drin auf dem Kanapee geträumt haben?«

Müller schien ärgerlich. Er antwortete nicht gleich. Und seine schwarzen Augen blickten böse, als er sagte: »Wollen Sie mich etwa hier verhören, Herr Rechtsanwalt? Wie soll ich denn, heute noch wissen, was ich damals geträumt habe!«

»Es ist ja auch nur 'ne Frage!« lächelte Bernewitz. »Man träumt, manchmal die tollsten Dinge. Ich selbst zum Beispiel, ich habe schon mehrfach von Verbrechen geträumt, die erst geraume Zeit danach begangen wurden. Aber ich will Sie nicht weiter aufhalten, Meister! Schade nur, daß wir so wenig Positives erfahren haben. Aber vielleicht fällt Ihnen noch was ein. In dem Fall bitte ich Sie, mich anzuläuten! Ich bin jederzeit für Sie zu haben. – Kommen Sie, Fräulein Winkel! Ich fahre Sie nach der Bahn! Und Sie, Herr Dummer, Sie interessieren sich ja auch für meinen Mandanten, nicht wahr? Ich bin jeden Tag in meinem Büro Große Bleichen 27 von sechzehn bis zwanzig Uhr zu sprechen.«

* * *

In dem Restaurant »Zum Senator« war trotz früher Stunde schon großer Betrieb. Doktor von Bernewitz, hier ein häufiger Gast, bekam in einer Ecknische einen guten Platz für sich und seine Begleiterin.

Maria war der Besuch solcher Lokal nichts Ungewohntes. Ihr Liebster wurde trotz seiner Armut sofort ein König, wenn er einmal einen größeren Geldbetrag für seine Arbeit hereinbekam. Dann stand für ihn – der aus vermögendem Hause stammte und in Wohlstand aufgewachsen war, bis ihn die Kunst aus der Familie und aus all ihren Verbindungen riß – jede Pforte zum Genuß offen. Leider aber fiel sie so bald wieder zu, und zwischen den Festen gab es für Stark graue Zeiten der Armut und Entbehrung.

Als Maria vor dem Anwalt an dem hohen Pfeilerspiegel des Vorraums vorbeikam, hatte sie ein rascher Blick belehrt, daß sie sich in der Öffentlichkeit neben ihrem Begleiter wohl sehen lassen konnte.

Der Anwalt beobachtete seine Nachbarin, die in ihrem Sinnen mit großen Augen, als wäre sie selbst noch ein Kind, in das Gewühl der eleganten Gaststätte blickte. Hier kannten Bernewitz viele, und manch forschender Blick flog von ihm zu seiner Begleiterin herüber. Er sah Maria an und wunderte sich über ihre heitere Sicherheit. Aber mit jedem Tag, den er das schöne Mädchen länger kannte, begriff er mehr und mehr ihre bei aller Einfalt so klare und starke Menschlichkeit. Und je mehr sie ihm – der alles andere, nur kein Schürzenjäger war – näherrückte, desto mehr nahm er sich zusammen. Er wollte sein Herz nicht an diese Frau verlieren, die so deutlich jenem anderen gehörte.

Von Bernewitz war sechsunddreißig Jahre alt. Mit sechsundzwanzig hatte er sich verheiratet, mit einem Mädchen, um das ihn jeder beneidete. Selbst der Tod! Der nahm sie ihm nach zwei Jahren urplötzlich fort. Ein Insektenstich, ein Nichts als Ursache. Blond war sie gewesen – hellblond, wie die neben ihm. Und wenngleich sonst auch nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen den beiden war, so hatte Maria doch etwas, was sie dem Mann so über die Maßen liebenswert machte. Seine Ala war gerade so natürlich gewesen wie Maria. Das Leben mit seinen ewig wechselnden Formen erschien ihr so selbstverständlich, daß sie bei aller Herzensreinheit keine Spur von Prüderie hatte. Darin war die Verblichene Maria auch zum Erstaunen ähnlich gewesen! Die war ebenso natürlich und von einer bezwingenden Güte.

Der Kellner brachte die Suppe. Während sie aßen, betrachtete Bernewitz den Mund der Blonden. Und es war ihm, als sei es Alas Mund, den er so oft geküßt hatte. Nun riß er sich zusammen. Er wollte Marias Anwalt sein, nichts weiter!

Er legte den Löffel hin und sagte:

»Haben Sie Ihren Argwohn gegen den Feilenfabrikanten überwunden, Maria?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich kann mir nicht helfen, Herr Rechtsanwalt, wenn ich den Menschen ansehe, werde ich das Mißtrauen nicht los! Er war mir schon immer unsympathisch – er hat auch Stark nie leiden können.«

»Aber Sie sehen doch ein, daß er nicht irgendwie beteiligt ist an der Tat. Er hat sich in der ›Kajüte‹ von Stark und Berwin verabschiedet. Dann ist er mit den beiden Sachsen, seinen Freunden, weitergegangen. Die sind nach Hannover oder nach Bremen gefahren – ich werde mich danach noch erkundigen –, und Müller ist in seine Werkstatt und hat da in dem kleinen Verschlag, den er sein Kontor nennt, geschlafen. Außerdem muß ich Ihnen sagen, ich halte den Mann einer solchen Tat nicht für fähig. Das ist kein Wüterich. Er ist auch nicht jähzornig. Überhaupt, glaub' ich, kein leidenschaftlicher Mensch.«

Er sah Maria bei diesen Worten die Farbe verändern. Ihr leicht bewegliches Blut kam und ging bei jeder Regung. Und auf ihrer klaren Haut zündeten eben jetzt die Empfindungen eine helle Flamme an. »Was ist denn, Maria? Sie werden ja so rot?«

Sie lachte und errötete noch mehr. »Ach, nichts! Nur eine dumme Erinnerung.«

»An wen? Etwa an den Feilenhauer?«

Maria nickte.

»Ja, warum soll ich's Ihnen nicht sagen? Der Mensch hat mich mal regelrecht überfallen, als ich allein im Haus war.«

»Ach nee!«

»Doch!« Jetzt lachte Maria ausgelassen, wie ein Backfisch. »Ich hab's ihm aber eingetränkt mit dem Waschknüppel! Es war bei uns in der Küche und ich gerade beim Wäschekochen!«

»Hatten Sie mit ihm gescherzt, ihn vielleicht ein bißchen ermutigt?«

Sie nickte. »Das ist möglich. So genau weiß das ja eine Frau nicht. Mein Hannes hat mir oft gesagt, ich bin noch wie solch Schulgör!«

»Haben Sie es denn Ihrem Bräutigam erzählt – nachher?«

»Um des Himmels willen! Der hätt' ihn kaputt geschlagen! Nein, ich kann mich schon selber meiner Haut wehren!«

»Aber seitdem haben Sie 'ne Pike auf den guten Müller?«

»Gut ist der ganz sicher nicht! Das weiß auch seine Frau. Alice kommt mir immer vor, wie das Kaninchen vor der Schlange.«

»Liebt sie denn ihren Mann nicht?«

»Sie ist ganz – na, wie soll ich sagen, ganz –«

»Hörig, meinen Sie, ja?«

»Ja, ja, das ist das Richtige! Ganz hörig ist sie ihm. Sie muß alles tun, was er will. Und tut es auch. Ob sie ihn liebt? Ich weiß nicht – das kann man schwer sagen.«

Die blauen Augen, in die der Anwalt blickte, sehen ihn jetzt gar nicht. Sie waren nach innen gekehrt und erblickten weit zurückliegende Bilder: Die im Schein der Abendsonne aufleuchtenden Reflexe auf dem rotbraunen Haar der Freundin, die in wilder Erregung und mit ihren wie aus der Asche funkelnden Augen mit zitternder Stimme rief: Nein, ich will ihn nicht mehr, Maria! – Ich will ihn nicht haben! – Geliebt hab' ich ihn nie! Er zwingt mich bloß! Und ich kann mich nicht wehren gegen ihn. – Ach, manchmal da möcht' ich, daß einer von uns beiden tot wäre!

Dieses grelle Bild aus der Seele ihrer sonst so stillen und scheuen Freundin flammte wieder aus der Erinnerung vor Maria auf. Aber sie sprach nicht davon. Es überkam sie plötzlich eine Scheu. Sie hatte aufblickend in das Gesicht des Anwalts gesehen. Und da wurde es ihr auf einmal so heiß in der Brust. – Sie hatte Angst. – Wovor? – Sie wußte es nicht.

»Sie werden am Telephon verlangt, Herr Rechtsanwalt.«

»Ich bin bald wieder hier – essen Sie inzwischen etwas, ja?«

Maria sah ihm nach und, als er ihren Blicken entschwunden war, sah sie trotzdem noch das freie, stolze Gesicht mit den leuchtenden Augen. Sie sah sich wieder voller Angst auf dem Gerichtskorridor stehen und hörte des Vorübergehenden Stimme, und hörte die Worte aus seinem Mund, die Worte: Fürchten Sie sich nicht, auch das schwerste Leid geht vorüber.

Und plötzlich kam ihr wieder der Gedanke, den Alice Müller eines Tages in ihr angeregt hatte: Hätte von Bernewitz auch so gesprochen, hätte er sie überhaupt angeredet damals, wenn sie – ihm nicht so gut gefallen hätte? Eigentlich dachte Maria: Wenn du nicht so hübsch wärest – sie lachte, das half ihr über die dummen Gedanken hinweg. Und doch durchbebte sie eine Empfindung, vor der ihre Seele die Augen schloß, die sie nicht fühlen wollte. Wieder und wieder stieg die Frage in ihr auf: Darf ich denn seine Hilfe jetzt noch annehmen? – Bezahlen mit Geld konnte sie ihn und seinen Beistand nicht. Und – und – Sie schloß die Augen, wie es Kinder im Dunkeln tun, wenn sie sich vor Dingen fürchten, die sie nicht kennen und kaum ahnen.

* * *

Die Klingel am Eingang der Feilenfabrik ging. Martin Dummer, an der Esse stehend und den kleinen Blasebalg ziehend, daß aus dem glostenden Feuer die Funken stoben, hörte das Läuten nicht. Er wurde erst aufmerksam, als der, der geklingelt hatte, in die Werkstatt trat.

Das war ein schlanker, gut gewachsener Bursche, der eine Art Jägeruniform trug: grünen Lodenrock, schwarze Reithose, blanke Stulpen und einen Hut mit Gamsbart. Aber ziemlich große, silberne Ohrringe in den beiden, oben spitzen Ohren. Dazu der kühne Schnitt des bronzefarbigen Gesichts und eine wirkliche Habichtsnase – die richtige Deubelsfratze! – dachte Martin Dummer.

Der junge Mensch wollte den Meister sprechen, Herrn Müller.

»Er muß bald kommen!« gab der Geselle dem Fremden Bescheid. Ob er warten wolle?

»Wie lange?« fragte der Jagdliche.

Dummer hob die breiten Schultern.

»Eine Stunde – vielleicht bloß eine halbe.«

Der Zigeuner – man sah ihm sein Volkstum an – zeigte das blendende Gebiß im Lachen. Und schüttelte den Kopf.

»Zu lang' – hab' kein' Zeit!«

Und ging, den Jagdhut rückend, hinaus.

Dummer wollte eben wieder zu seinen Feilen und nahm den Hammer zur Hand, da klang draußen die Glocke abermals. Aber diesmal trat jemand ein, bei dessen Anblick sich Martin Dummers grobes Gesicht verschönte.

Zuerst sprang Fritz Müller auf ihn zu und begrüßte den Gesellen freudig; aber danach kam Frau Alice in einem hellen; duftigen Kleid, das ihre schönen Beine sehen ließ.

Der Geselle sah nicht danach, sein entzückter Blick hing an dem schmalen Gesicht, das heute, nicht so bleich wie sonst, einen sanftrosigen Schimmer zeigte. Dazu die dunklen Augen, das überflammte Haar unter einem breitrandigen Hut von blauer Farbe – das war zuviel für ein so braves, tieffühlendes Herz, wie es Martin Dummer besaß.

Dann kamen sie ins Plaudern. Der Geselle langsam, obwohl sein Herz danach brannte, ihr Liebes und Gutes zu sagen.

Sie, als Frau, die längst wußte, wie es um ihn stand, war gleich im freundlichen Hin und Her: Was er denn mache? Ob die Arbeit vorwärts ginge? Und womit er seine freie Zeit verbringe? Ob er denn noch immer keine gefunden, die's ihm angetan hätte?

Bei der Frage ging mit dem starken Mann eine Veränderung vor, die Frau Alice zuerst erschrecken ließ. Er sagte nichts, aber seine Augen strahlten so deutlich seine Liebe, sein ganzes Gesicht war von einer so rührenden Ergriffenheit und Anbetung, daß Alice sich Vorwürfe machte, sie hätte den Armen in Hoffnungen verlockt, die sie doch nicht erfüllen konnte. Jetzt geriet sie selbst ins Zittern. Und der Geselle sah, wie ihr glühendheiß wurde.

Wie gern hätte er sie in seine Arme geschlossen und geküßt. Um sie nie mehr von sich zu lassen! Aber Martin Dummer war eine zu ehrliche Haut! Die Empfindungen in dieser breiten Brust waren stark und schwer. Er konnte sich nicht so leicht über Moral und Sitte hinwegsetzen. So stand er, wie vor einem schönen Blumengarten, der kein Schutzgitter hat und dessen Blühen man doch nicht antastet, weil er einem anderen zu eigen ist.

Sie standen sich gegenüber, die zwei, und redeten Belangloses, während es in ihren Herzen stürmte.

Da ging die Außentür, der Meister kam.

Er trat in die Werkstatt, sein gewohntes Lächeln um die bärtigen Lippen. Er sah wohl, was zwischen Alice und dem Gesellen vorging. Er lächelte aber, weil er sie beide in ihrer Unschuld und Ehrlichkeit kannte. Scherzte auch noch ein wenig und meinte:

»Na, so allein und so stumm?«

Der Geselle sagte tief atmend:

»Ja, es war jemand hier, Meister! Wie so 'n Zigeuner sah er aus – der hat nach Ihnen gefragt.«

»So,« sagte Müller, »wer kann denn das gewesen sein? 'n Zigeuner? Kenn' ich doch gar nicht. Was er wollte, hat er nicht gesagt?«

Dummer schüttelte den Kopf.

»Nein, Meister, – aber er kam mir wie solch Jäger vor.«

Der Fabrikant zuckte die Achseln.

»Wollte er denn wiederkommen?«

»Davon hat er nichts gesagt.«

Indem kam der Fritz aus dem Kontor. Er begrüßte den Vater und hielt ihm eine große gelblederne Brieftasche hin.

»Kann ich die haben. Vater? Sie hat unter dem Sofa gelegen!«

Müller nahm die Tasche und sagte eine Weile nichts. Dann steckte er sie in die Innentasche seines Rockes und meinte:

»Die hat wohl ein Bekannter hier neulich liegenlassen.«

Alice, die ihren Mann dabei zufällig ansah, war es, als sei er blaß geworden. Aber dann lachte er und ging in das kleine Kontor. Darin blieb er eine Weile. Als er wieder herauskam, meinte er:

»Ich muß leider gleich wieder weg. Warte nicht auf mich, Frau, ich komme heute nicht nach Hause.«

Dann war er fort.

Alice und Dummer standen verlegen nebeneinander. Und der Geselle hätte ihr so gern gesagt, wie lieb er sie habe. Aber er konnte sie nur ansehen und sie im stillen vergöttern.

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