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Das Rätsel von Ravensbrok

Hans Hyan: Das Rätsel von Ravensbrok - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleDas Rätsel von Ravensbrok
publisherEduard Kaiser-Verlag
year1943
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid5cee7dc1
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Siebentes Kapitel

Es war einige Tage später. Arnold Müller und der Geselle Martin Dummer standen an der Arbeitsbank und redeten wieder einmal über die Mordsache.

Martin Dummer lehnte am Ambos. Er wog den Stahlmeisel in der Linken und stützte die Rechte auf den Feilenhammer. Seine blauen Augen, treu wie die eines gutes Hundes, schienen das böse Gezerre, das zwischen den beiden Lotteriespielern hin- und hergegangen war, gar nicht begreifen zu können.

»Aber das ist doch ganz gleich, ob der Maler die Hälfte des Lospreises gleich bezahlt hat oder später. Sie hatten's doch im Sinn, sie wollten zusammen spielen, und haben ja auch. Wie kann nur ein Mensch dem anderen sein bißchen Glück nicht gönnen – noch dazu, wo er selber reich wird! Nein, ich versteh' den Reisenden nicht, den Berwin! Der arme Kerl tut mir ja leid, daß er so früh hat ins Gras beißen müssen – aber mit dem Stark, das ist doch viel schrecklicher! Denn ich sag's nach wie vor: Stark ist unschuldig!«

Der Meister blickte seinen Gesellen an, er sah ihm tief in die graublauen ehrlichen Augen. Er sagte nichts, aber zuletzt brach er in das ihm eigentümliche dunkle, schrapende Gelächter aus, um dann plötzlich abzubrechen mit den Worten:

»Übrigens muß ich voranmachen, Dummer – ich will weg. Sind die sechs Dutzend Schlichtfeilen fertig?«

Der Geselle nickte und nahm mit beiden Händen ein Bündel fertiger, sehr feiner Stahlfeilen von der Bank. Prüfend ließ er sie durch die Hände gleiten. Aber der Meister sagte kopfschüttelnd:

»Man soll's gar nicht glauben, was Sie immer machen, Dummer! Das sind doch mindestens zweihundert Hiebe auf jeder Seite! So eine Kraft- und Zeitverschwendung! Wenn die hundertdreißig, hundertvierzig Einschnitte haben, das ist lange genug. Wir verschenken ja unsere Arbeit!«

Der andere schüttelte den vierkantigen Kopf:

»Nee, Meister, ich bin 'n Pommer. Und wenn's auch heißt, der Pommer ist im Winter noch dummer wie im Sommer: solche Kieterbietereien, die mach' ich nicht mit! 'ne Schlichtfeile hat zweihundert, auch zweihundertdreißig Striche. Dat war so, und dat bliewt so! Wenn ich nächstes Jahr vor die Lade trete und mache mein Meisterstück, dann will ich meinen Spruch ehrlich und mit gutem Gewissen sagen können und keine Freimeisterei und Mißbrauch treiben mit dem alten Handwerk – « Er bedachte sich einen Augenblick. »Ja, das will ich, Meister, aber wenn Ihnen das nicht gefällt und Sie wollen's anders, dann können wir ja Sonnabend abrechnen, und ich gehe.«

Müller horchte auf.

»Was, gehen? Warum wollen Sie denn gehen? Habe ich etwa was gesagt gegen Ihre Arbeit? Daß sie nichts taugt oder so was? – Nee, im Gegenteil, sie ist zu gut! Und dann sehen Sie mal her, Dummer, wenn Sie heute losgehen, da könnte ich Ihnen ja nicht mal Ihren Lohn auszahlen – Sie wissen doch, wie das ist.« Er hob bedauernd die Arme. »Ich hänge überall bei den Händlern. Die von mir was kriegen, sind wie der Deubel hinter der armen Seele her, und wo ich was zu fordern habe, da schlagen sie mir die Tür vor der Nase zu!«

Der Geselle winkte lachend mit der vom Eisen und Öl geschwärzten Rechten:

»Es eilt ja nicht, Meister – und was ich vorhin gesagt habe wegen Fortgehen und so, das war nicht so ernst gemeint – ich arbeite ja gern bei Ihnen –«

Müller nickte eifrig:

»Das freut mich, Dummer; Sie glauben gar nicht, wie ich mich darüber freue!«

Der Geselle wurde blutrot. Sein ehrliches Herz, so wenig er es sich selber auch eingestand, schlug heimlich und innig für die Frau mit den rotfunkelnden Haaren – ihm schien Alice Müllers bleiches Gesicht mit den blutroten Lippen wie ein Zauberbild, das ihn mit Zärtlichkeit ganz erfüllte. Müller aber kannte seinen Mann; er wußte, daß Alice der Köder war, mit dem man diesen stummen Fisch, wenn er von der Angel loswollte, immer wieder heranholen konnte.

* * *

Frau Winkel war allein im Haus. Sie ging die Treppe hinauf in das Mansardenzimmer, das Hannes Stark bewohnt hatte.

Kopfschüttelnd sah sich Frau Renate hier um. Ein Bild an der Wand, das war ja ganz hübsch, aber so viele – und die meisten hingekleckst, daß man kaum was erkennen konnte. Und so viele nackte Weiber – auch welche, wo man deutlich Maria drin erkannte –

Frau Renate, die in ihrem Herzen immer die schlesische Bäuerin geblieben war, hätte am liebsten da Ordnung geschaffen und wenigstens das »Weiberzeug« wie sie es heimlich nannte – von der Wand genommen. Bloß das getraute sie sich nicht. Aber das da oben, das mußte weg!

Die Ölskizze hing so hoch, Frau Renate war gezwungen, auf den Stuhl zu steigen. Als sie die über einen Blendrahmen gespannte Leinwand in den Händen hielt, blickte sie lange darauf hin. Sah sie wirklich so aus? – Ja, ihre Augen waren es und der Mund auch! Bloß die Nase, die war zu lang – und die großen Ohren – ja, die hatte sie – aber so deutlich hätte er es auch nicht zu malen brauchen, der Stark! Jeder will doch schließlich 'n bißchen hübscher sein, als er wirklich ist, auf dem Bild wenigstens! Na, das war nu' gleich – wenn die Polizei hier wieder herkam, dann wollte sie wenigstens hier nicht hängen. Sie war ihr Leben lang ehrlich und anständig gewesen und hatte nie etwas mit dem Gericht zu tun gehabt. Ihr war der Maler auch immer unheimlich gewesen, wenn er so schrie und tobte – was die Maria nur an ihm hatte! Sie wünschte ihm gewiß alles Gute, aber ihr Bild, das brauchte da nicht zu hängen –

So nahm Frau Renate das Bild unter die Schürze und ging schneller als sonst die steile Treppe hinab. Beinahe wäre sie ausgerutscht – das hätte noch gefehlt! Unten lief sie in die Kammer, wo ihre Lade stand, in der schon die Urgroßmutter den Brautstaat ins Haus gebracht hatte. Da tat sie das Bild hinein. Kam Stark wieder, dann konnte sie es ja herausholen und wieder oben in die Stube hängen.

Und wenn er nicht wiederkam? – Wenn er wirklich den Reisenden erschlagen hatte? – In ihrer Heimat, eine halbe Stunde ab vom Dorf, war ein sogenannter »Totschlag« gewesen. Da hatte ein Handwerksbursche seinen Wandergesellen ermordet. Den Mörder hatten sie hingerichtet. Aber an der Mordstelle im Wald lag Sommer und Winter ein hoher Reisighaufen. Und wer da vorbeikam, der brach einen Zweig vom Busch oder Baum und warf ihn auf den Haufen –

Ob sie dem Berwin auch so Zweige zum Haufen legen würden, da draußen bei Nasseeck in der Ravensbroker Heide? –

Die Tür ging, Maria kam. Aber Frau Renate, die doch sonst alles mit der Tochter besprach, sagte kein Wort von dem Bild –

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