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Das Rätsel von Ravensbrok

Hans Hyan: Das Rätsel von Ravensbrok - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleDas Rätsel von Ravensbrok
publisherEduard Kaiser-Verlag
year1943
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid5cee7dc1
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Sechstes Kapitel

Das letzte Haus auf dem Butenweg in Ravensbrok gehörte dem Werkzeugmacher Arnold Müller. Er und Amtsvorsteher Kleinert wohnten jeder in einer »Villa«, das heißt, diese »Villen« hatten das gleiche Maß an Grund und Boden, aber nicht, wie die anderen Häuser, nur eine Mansarde, sondern einen regelrechten Oberstock. Um jede dieser gelb und blau getünchten Fachwerkbauten zog sich ein Gärtchen, und über der langen Zeile der hellen Häuser und ihrer Gärten reckten fünfzigjährige Föhren ihre dunkelgrünen Wipfel in die fahle Winterluft.

Die grüne Staketentür des Müllerschen Grundstückes öffnend, trat Maria Winkel in den Garten. Das junge Mädchen kam heute nicht recht vorwärts; es war, als zögerten ihre Füße, dort einzutreten, wo sie hundertmal lachend und mit frohem Herzen hingegangen war, um ihre Freundin Alice Müller zu besuchen.

Aber das Leid heftet sich wie Blei an die Fußsohlen der Menschen. Und wenn auch kaum eine Woche vergangen war, seitdem der Gendarm Meinshausen Hannes Stark unter Mordverdacht davongeführt hatte, für Maria waren diese Tage wie ebensoviele Jahre gewesen.

Sie war in dieser Zeit zu keiner Arbeit gekommen. Sie hätte sich auch gar nicht hingetraut in die Wäschefabrik von Gebrüder Stavernaik, für die sie und ihre Mutter seit Jahren arbeiteten. Was sollte sie denn den Leuten sagen, wenn die sie nach Hannes fragten? Sie hätte sich auch nicht hierher gewagt, zu Müllers, wenn sie sich nicht von Alice die zehn Mark, die sie ihr letzthin geborgt hatte, hätte wiederholen müssen.

Mit Schrecken dachte die Blonde daran, daß sie jetzt genötigt sein würde, ihr für die Aussteuer Gespartes anzureißen! Aber vorläufig wollten sie – die Mutter und die Tochter waren eins in ihrem Denken und Fühlen – sich einschränken und möglichst wenig ausgeben. Es konnte, davon war sie überzeugt, ja doch nicht lange dauern, bis ihr Liebster wieder frei war!

So drückte Maria zaghaft auf den Klingelknopf. Sofort ging drin eine Tür, ein leiser Schritt kam durch den Flur, und Fritz, Alices Junge, stand vor Maria.

Einen Augenblick schien der Knabe nicht zu wissen, was er tun sollte. Aber dann hob er sich auf die Fußspitzen, legte seine Arme um Marias Nacken und drückte seine unschuldigen Lippen auf den roten Frauenmund.

»Es tut mir so schrecklich leid, Tante Maria,« sagte er leise, »aber das ist ja alles nicht wahr! Onkel Hannes ist es nicht gewesen!«

Da ging auch schon die Tür zur Wohnstube auf, und Müller stand im Rahmen.

»Fritz,« sagte er scharf, »Fritz, komm hierher!«

Maria war es, als stieße man ihr ein Schwert ins Herz. Aber ihre starke Seele ließ sich so leicht nicht überwinden. Das liebe Wort des guten Jungen hatte sie aufatmen lassen, nun wollte sie zeigen, daß sie an ihren Liebsten glaubte, daß sie sich nicht demütigen ließ, von niemand!

»Ah, Fräulein Winkel!« Müller dachte nicht daran, ins Zimmer zu gehen und Maria hineinzubitten. Dann, sich zu dem Kinde wendend, barsch: »Geh 'nauf in deine Stube, Fritz!«

Und während der Junge mit gesenktem Kopf und mit glühenden Wangen die Holztreppe hinaufstieg – ohne es klar zu empfinden, schämte das Kind sich für seinen Vater –, kam Müller der Braut seines einstigen Freundes näher und raunte ihr zu:

»Was wollen Sie denn? Solange Ihre Sache nicht klar ist, möchte ich nicht, daß Sie Alice besuchen!«

Maria ballte die weißen Hände, ihre Stimme klang hart und fest, als sie antwortete: »Ich komme, um mir die zehn Mark zu holen, die Alice sich geborgt hat und die sie mir heute, Sonntag, wiedergeben wollte.«

Da kam ängstlich, mit zögerndem Schritt, Alice heraus. Und hinter ihr ward Martin Dummer, Müllers Geselle sichtbar. Doch der blieb bescheiden zurück. Nun schien es dem Werkzeugmacher, als müsse er Maria hereinbitten. Aber die lehnte seine Einladung mit einem einfachen: »Ich danke sehr!« ab.

Müller kratzte sich den Kopf. Und zu seiner Frau sagte er:

»Alice – Fräulein Winkel sagt, du schuldest ihr noch zehn Mark? Warum sagst du mir denn das nicht?« Er holte das Portemonnaie aus der Tasche. »Hier, bitte, Ihre zehn Mark!«

Maria nahm das Geld und wollte gehen.

Alice, die ja für ihren Mann das Geld geliehen hatte, war viel zu sehr in seinem Bann, um die Wahrheit zu sagen. Sie, die so gut schweigen konnte, kam nun an Maria heran und führte sie, ihren Arm um den Nacken der Blonden legend, flüsternd zur Tür.

Aber jetzt war sich der Geselle, der Maria sonst nur wenig kannte, klar geworden über das, was hier vorging. Von dem Totschlag, dem Bruno Berwin zum Opfer gefallen war, hatte er genug gelesen und gehört. Noch eben hatte man ja drin in der Stube beim Kaffee lang und breit darüber geredet. Arnold Müller und er waren fast aneinandergeraten deswegen.

Der Meister war durchaus von Starks Schuld überzeugt. Er erklärte das voller Eifer:

»Den Weg hatten die beiden doch zusammen gemacht, der Stark und Berwin! Sie waren zusammen in Hamburg gewesen, hatten gekneipt und sich überall herumgetrieben! Und schon in ›Bestmanns Keller‹ hat Stark den Berwin bedroht. Er wollte sich das Geld mit Gewalt nehmen, wenn ihm Berwin nicht die Hälfte vom Gewinn abgäbe! Das hat sogar der Kriminalschutzmann gehört, der auch in ›Bestmanns Keller‹ war –

Ich habe doch dabeigesessen, wie die beiden sich fast den Kopf abgerissen haben. Erst saß Stark neben Frau Bestmann, und die redete ihm gut zu. Aber der Hannes lauschte immer nach drüben, wo Berwin mit dem sogenannten ›Engländer‹ heimlich Schnaps trank. Den hatte der Bruno mitgebracht, denn bei Bestmanns gibt es keinen! Und war schon ziemlich angegangen, der gute Bruno. Und der ›Engländer‹, der wohl so ne Art Nepper oder Erpresser ist, der wollte Berwin durchaus in ein anderes Lokal verschleppen. Bloß Berwin wollte nicht. Und da hätten sich die beiden beinahe zu fassen gekriegt. Indem kam so 'n Blumenmädel an ihren Tisch, und die flüsterte dem ›Engländer‹ etwas zu. Da konnte der gar nicht schnell genug aus dem Keller kommen. Er riß aus wie Schafleder! Und das war auch gut so! Denn fünf Minuten später war schon die Polizei da!

Der Kommissar Reimer und sein Assistent Lüders, die suchten den ›Großkarierten‹. Und dabei erfuhren sie, daß Berwin in der Lotterie gewonnen hätte. Der Bruno sagte es ihnen, und sofort sprang Stark auf und schrie:

»Das Los gehört mir auch! Wir haben Halbe-Halbe gespielt! Ich kriege die Hälfte ab!«

Natürlich brüllte der Berwin dagegen, und der lange Lüders, der Kriminalassistent, der mußte sich erst einmischen, sonst hätte Hannes den Reisenden vielleicht da schon fertiggemacht.

Und nachher – das habe ich mit meinen eigenen Ohren gehört – da sagte der Stark so halblaut zu Berwin:

»Ich will mein Geld haben, du! Meinen Anteil! Wenn du mir's nicht freiwillig gibst, dann nehm' ich mir's mit Gewalt!«

Sie haben mich doch vorgeladen auf das Stadthaus, gestern war ich da – und habe natürlich gesagt, was ich wußte –«

Der Geselle hatte dazu nur seinen großen, eckigen Kopf geschüttelt. Und wenn der Kriminale das zehnmal gehört und wenn es der Maler selbst hundertmal gesagt hätte – so sei es doch nicht wahr! Er, Martin Dummer, kannte den Stark! Er hätte ihn oft genug gehört und gesehen, um sich ein Urteil über ihn und sein Wesen zu bilden. Hannes Stark wäre kein Mörder! Wenn der sagte: Berwin habe ihm die dreitausend Mark freiwillig gegeben, die man nachher bei dem Maler gefunden hätte – er habe sie ja auch gar nicht verheimlicht – wenn der Stark das sagte, dann wär's auch so! Dann hätte sie Berwin dem Stark noch bei Lebzeiten freiwillig gegeben!

Wieso er denn zu dieser unumstößlichen Gewißheit käme? – hatte Müller den Gesellen gefragt. Aber der, ohne irgendwie an sich irre zu werden, hatte nur vor sich hingenickt und gelächelt. Und da Müller die Frage wiederholte, hatte Dummer von neuem genickt und gesagt, er habe einmal ein Jahr lang mit einem Menschen gearbeitet, der eines schönen Tages plötzlich verhaftet wurde, weil er seine Wirtin beraubt und erschlagen haben sollte. Der Mensch sei verhaftet und zum Tode verurteilt worden. Und man hätte ihn hingerichtet, wenn sich nicht im letzten Augenblick der wahre Täter verraten hätte.

Er, Dummer, wisse seitdem, wie ein schuldlos Angeklagter und beinahe unschuldig Verurteilter aussähe. Und er wisse auch, wie ein Schuldiger, ein Mörder aussähe! Auch das Gesicht könne er nicht vergessen! Noch jetzt, nach so vielen Jahren, sähe er manchmal im Traum diesen Menschen mit den hellblauen Augen, die so eiskalt blickten, und dem infamen Mund. Der Kerl habe sich hernach, kurz vor der Gerichtsverhandlung, in der Gefängniszelle mit einem Sacktuch aufgeknüpft.

Auf diese Erzählung hatte Arnold Müller nichts mehr gesagt. Fritz, der mit am Kaffeetisch saß, hatte mit leuchtenden Augen zugehört. Seine Mutter sah den Gesellen nur an. Und dieser hatte vor ihrem tiefen, nachdenklichen Blick einen ganz roten Kopf bekommen. Er fragte:

»Es ist Ihnen doch nicht unangenehm, Frau Müller, daß ich die Geschichte erzählt habe?«

»Aber nein, Herr Dummer, durchaus nicht! Ich hatte bloß Angst, daß Sie –« Alice schwieg. Und weder die Frage des Gesellen, weswegen sie Angst gehabt habe, noch das Zureden ihres Mannes konnten sie dazu bringen, den Grund ihrer Angst zu erklären.

In der Nacht darauf, als die Frau im Dunkeln neben ihrem schlafenden Mann lag, da löste sich der Bann ihrer Furcht, und erschauernd kam sie zu der Klarheit, daß einer wie Martin Dummer ihrem Leben gefehlt habe. Daß er hätte kommen müssen, um ihr Herz von seiner ewigen Scheu, von der Angst vor der Wahrheit zu erlösen. Nicht daß eine Leidenschaft für diesen kraftvollen und schwerblütigen Menschen sie befallen hätte – sie dachte und suchte heimlich nur den, der ihr das Tor ins Licht, in die Wahrheit öffnete. –

Auch über Martin Dummer kam plötzlich wieder seine Schüchternheit. Er ging sich umdrehend schnell ins Zimmer zurück.

Müller kam ihm gleich nach. Aber der Geselle wollte nicht mehr über die Mordsache reden. Er meinte nur: »Kommt Zeit, kommt Rat! Wir werden es ja erleben!«

Dabei sah er seinen Chef an, und da Müller glaubte, Dummer wollte ihn an seine Lohnschuld mahnen, so holte er seine Brieftasche hervor, kramte lange darin herum und nahm dann einen Fünfzigmarkschein heraus.

Den schob er dem Gesellen über den Tisch hin:

»Mehr hab' ich gestern nicht aufbringen können, Dummer! Nun sind es noch hundertundfünfzig. Aber ich denke, daß es jetzt 'n bißchen besser flecken wird und daß ich Ihnen bald den Rest zahlen kann.«

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