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Das Rätsel von Ravensbrok

Hans Hyan: Das Rätsel von Ravensbrok - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleDas Rätsel von Ravensbrok
publisherEduard Kaiser-Verlag
year1943
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid5cee7dc1
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Fünftes Kapitel

Der Rechtsanwalt von Bernewitz hatte sich bei Doktor Walfeld als Verteidiger für Hannes Stark melden lassen. Die Herren kannten sich gut, und so durfte der Untersuchungsrichter dem Anwalt rückhaltlos seine Ansicht über die Schwere der Aufgabe sagen, die sich von Bernewitz mit der Übernahme des Falles Stark gestellt hatte.

Von Bernewitz lächelte verbindlich.

»Es liegt ja in der Natur der Sache, daß der Richter und der Anwalt verschiedene Ansichten über das Maß der Schuld eines Angeklagten haben können.«

»Sie halten also Stark für nicht schuldig, Herr Rechtsanwalt?« Doktor Walfelds Stimme bekam einen kühleren Ton.

Mit einem Neigen des feinen Kopfes sagte von Bernewitz:

»Verzeihung, Herr Amtsgerichtsrat! Ich sagte ausdrücklich: das Maß der Schuld eines Angeklagten …«

»Ganz recht. Sie glauben also, um es auf unseren Fall zu übersetzen, nicht an eine beabsichtige Tötung, an einen Mord, sondern Sie vermuten eine Affekthandlung, einen Totschlag?«

Von Bernewitz hob die Achseln.

»Ich habe den Angeklagten noch nicht gesprochen, Herr Amtsgerichtsrat. Da ist es schwer, sich schon ein Urteil zu bilden. Aber, das kann ich sagen, ich würde die Verteidigung kaum übernommen haben, wenn ich nicht der Überzeugung wäre, daß hier eine irgendwie geartete Tat des Augenblicks vorliegt.«

Der Richter nickte ein paarmal vor sich hin.

»Natürlich, ich kenne Sie ja, Herr Rechtsanwalt! Sie sind ein Idealist! Auch ein bißchen Schwärmer für das Gute und Edle, das in jeder Menschenseele stecken soll. Wir Richter und Untersuchungsrichter müssen die Welt leider aus einem anderen Gesichtspunkt betrachten. Wir sehen die harten Tatsachen. Denen können wir bei unserer Beurteilung nicht ausweichen. Aber Sie wünschen meine Genehmigung zum Besuch des Stark. Die kann und will ich Ihnen nicht verweigern. Ich möchte wünschen, daß Sie auch in der Sache Stark Erfolg haben – wenn ich es auch nicht glaube!«

Von diesem Besuch war Doktor von Bernewitz nachdenklich ins Untersuchungsgefängnis gegangen und nach der notwendigen Meldung zu dem Gefangenen Hannes Stark geführt worden.

Sie waren allein in der Besuchszelle.

Von Bernewitz sah die flackernden, von einem rötlichen Schein erfüllten Augen des Malers, und er fühlte in Haltung und Sprache die Abwehr des sichtlich hochgradig nervösen Mannes. Er bat Stark, sich zu beruhigen und den Hergang der Geschehnisse mit sämtlichen Nebenumständen in aller Ruhe zu erzählen.

»Das ist sehr schwer, Herr Doktor. Ich bin unschuldig! Ich habe den Berwin nicht ermordet!«

Von Bernewitz nickte leicht.

»Da kommen wir schon noch hin, mein Lieber! Vorläufig versuchen Sie einmal, sich ein wenig zur Ruhe zu zwingen. Vielleicht, helfen Ihnen dazu die lieben Grüße, die ich Ihnen von Ihrer Braut bestellen soll!«

Starks Züge verzerrten sich krampfhaft. Seine Lippen und selbst seine Augenlider zitterten, er mußte sich auf den Schemel niederlassen.

Von Bernewitz ließ ihm Zeit. Er sagte kein Wort. Denn er fürchtete, Stark würde ihm jetzt seine Schuld eingestehen.

Aber der Maler ermannte sich rasch, ja, er sprang plötzlich auf und rief:

»Es ist eine Schmach und Schande, einen Wehrlosen so zu drangsalieren!«

Der Anwalt schüttelte leicht den Kopf.

»Sie sind im Irrtum, lieber Freund! Die Justiz tut nur ihre Schuldigkeit. Es ist ein Mord geschehen, ein todeswürdiges Verbrechen! Und der Verdacht, die Tat begangen zu haben, fällt auf Sie.«

Stark wollte von neuem aufbegehren. Aber die Stimme des Anwalts, die bei aller Gehaltenheit wie eine Stahlsaite klang, brachte ihn zum Schweigen. Und als von Bernewitz ihn so ermahnte, hatte er das peinigende Empfinden, einem keineswegs Unschuldigen gegenüberzustehen. Für Augenblicke bereute er es, die Verteidigung übernommen zu haben. Aber dann tauchte Marias schönes, in allem Schmerz blühendes Gesicht in seiner Erinnerung auf. Ihr hatte er seine Hilfe zugesagt. Und er würde sein Wort halten.

Nun war er schon eine Stunde mit Stark in der Zelle. Es war dunkel geworden. Aber ein klares Bild hatte der Anwalt aus dem Erzählen des Malers bisher nicht gewinnen können. Stark mochte das selbst fühlen. Aber statt sich die Schuld zu geben, wurde der Maler unwillig und stellte so immer stärkere Anforderungen an die Geduld des Anwalts.

Der ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Nur empfand er es bedauernd, daß seine Sympathie für Stark schwächer wurde. Sein Denken schlug eigene Bahnen ein, er hörte kaum mehr, was der andere in seiner heftigen, unbeherrschten Weise hervorsprudelte. Und plötzlich fragte er den Maler:

»Sie sind wohl sehr jähzornig?«

Stark blieb der Mund offen. Ihm war, als habe man ihn mit kaltem Wasser übergossen. Er fragte ganz atemlos:

»Wieso, Herr Rechtsanwalt?« Ein trockenes Schluchzen kam aus seiner Brust. »Ich war es nicht! Ich bin es nicht gewesen!«

Der Rechtsanwalt tat, als habe er den wie ein verkapptes Eingeständnis klingenden Aufschrei nicht gehört. Er meinte nur:

»Ich komme vielleicht besser morgen wieder. Wenn Sie heute so aufgeregt sind, Herr Stark –«

»Nein, nein!« rief der Maler. »Ich will ja alles tun! Ich will mich beherrschen, Herr Rechtsanwalt. Nur gehen Sie jetzt nicht fort!«

Von da an war Stark vernünftiger und schilderte zusammenhängend und anschaulich jenen Tag, der seiner Verhaftung vorausging.

»Es war am fünfzehnten Januar früh um neun Uhr. Ich stand am Fenster von Berwins Stube, und da sah ich den Händler kommen, den Nathusius, bei dem wir das Los gekauft hatten. Ich erkannte ihn sofort an seinem Schlapphut. Er hob beide Hände hoch und dienerte: ›Seid mir willkommen, edler Meister! Seid Ihr's oder seid Ihr's nicht? Wem habe ich in jener weißen Nacht im Pfannkuchenkeller von Bestmann das Lotterielos verkauft?‹

Ich horchte ins Zimmer hinein, Bruno Berwin lag auf dem Sofa und schlief. Der hatte eine feuchte Nacht hinter sich; er war erst am Morgen schwer bezecht nach Hause gekommen. Und der hat gewonnen in der Lotterie? dachte ich. Wieviel denn? Wieviel denn bloß?

»Laßt mich herein über Eure helle Schwelle. Denn sehet: Morgenstunde trägt Gold im Munde!«

Der Mensch deklamierte immer weiter, aber ich achtete nicht auf die Worte, in meinem Kopf dröhnten die Fragen wie Hammerschläge: Wieviel? Wieviel hat er gewonnen? Und wie mache ich's, daß ich die Hälfte abkriege?

Da hörte ich hinter mir den Berwin fragen:

»Was ist denn, Hannes? Ist einer da?«

»Wir haben gewonnen,« sagte ich.

Es dauerte eine ganze Zeit, bis Berwin begriff. Aber dann riß es ihn, wie an einer Kette, vom Sofa hoch. Er war erdfahl im Gesicht.

»Was? Gewonnen? Wir? ... Ich? ... Sag' doch mal rasch, Hannes, wieviel?«

Inzwischen war der Kollekteur hereingekommen. Er schwenkte wieder den Schlapphut.

»Nathusius, zu dienen! Nathusius ist mein Name! Und ich komme zu Ihnen, meine Herren, als Sendbote der Göttin Fortuna.«

»Ja, ja,« sagte ich rasch. »Ich weiß ... wir wissen schon, aber ... aber wieviel? Wieviel haben wir gewonnen?«

Da lachte der Berwin laut auf:

»Wir? Wir haben gewonnen? Na, hör' mal, du, davon ist mir nichts bekannt. Ich besitze das Los. Ich habe es bezahlt. Ich ganz allein! Ich!«

»Na, ich habe doch das Los mitgekauft,« sagte ich, und mir war ganz übel vor Angst und Aufregung. »Ich bin dir das Geld dafür noch schuldig, Bruno, selbstverständlich! Aber von dem Gewinn muß ich trotzdem die Hälfte abkriegen. Was haben wir denn gewonnen, alter Herr?«

Der Kollekteur richtete sich hoch auf. Er sagte ordentlich feierlich: »Den Hauptgewinn in der ersten Klasse der Hamburger Staatslotterie, fünfmalhunderttausend Mark!«

Als Berwin das hörte, wurde ihm übel, er stürzte hinaus. Ich mußte lachen.

»Ist es denn wirklich wahr?« fragte ich.

Nathusius nickte wie ein Heiliger: »Wahr und wahrhaftig. Ich bin hier, um Sie zu holen und Sie zu dem Inhaber der Kollekte zu bringen. Herr Stoppenschmidt, Rathausmarkt 10, erwartet Sie und wird Ihnen den Gewinn auszahlen. Das heißt, wenn ich sage: Ihnen, so meine ich selbstverständlich den Gewinner, den Inhaber des Loses 21227.«

Ich sah mich um, die Tür ging. Im Rahmen stand Berwin mit einem graugrünen Gesicht.

»Was erzählen Sie denn soviel?« sagte er zu Nathusius. »Wir wollen 'reinfahren nach Hamburg und den Gewinn abheben!«

»Ja,« nickte ich. »Wir fahren rein und kassieren die Gewinnsumme!«

»Wir?« äffte Berwin mir nach. »Wir? Wieso denn wir? Du hast doch dabei gar nichts zu suchen! Das Los gehört mir, mir ganz allein! Du hast deinen Anteil nicht bezahlt, und darum hast du auch keinen Anspruch auf den Gewinn!«

Er trat vor den Spiegel und wollte sich Kragen und Schlips umbinden. Dabei sah er mein Gesicht im Glas. Da ritt ihn der Teufel, er lachte mich noch aus.

»Ja, nicht wahr, das ist peinlich, mein guter Hannes! Aber so ist es, wenn man überall was schuldig bleibt! Mir sagst du immer, ich soll nicht soviel trinken, aber du verputzt dein Geld, wer weiß wo. Das hast du nun davon. Jetzt bin ich ein reicher Mann, und du bleibst dein Leben lang ein armer Hund!«

Der Maler schwieg. So jammervoll und blaß, wie er an jenem Morgen ausgesehen haben mußte, so schaute er jetzt wieder ins Licht. Dann fing er von neuem an, aber er redete sehr langsam:

»Was Sie schon vorhin gesagt haben, Herr Rechtsanwalt, ich bin jähzornig, jawohl, ich kenne meinen Fehler. Aber der Junge, der Berwin, hatte mich bis aufs Blut gereizt! Und wenn ich mal erst da angekommen bin, dann kenne ich mich selbst nicht mehr. Und es handelte sich doch nur um knapp zwei Mark, die ich ihm noch schuldig war für das Los. Ja, um die zwei Mark ...«

Stark stand mit bebenden Händen da. Er stierte vor sich hin. So tat er dem Anwalt leid, und der wollte ihm helfen.

»Und da haben Sie ihn geschlagen, Ihren Freund?«

»Er war längst nicht mehr mein Freund. Ein kleinlicher, jammervoller Mensch, das war er!«

»Aber jetzt ist er tot,« wandte Doktor Bernewitz ein. »Von den Toten soll man nichts Übles reden!«

Des Malers Stirn rötete sich wieder. Man sah, wie er seinen Zorn niederkämpfte. Mühsam sagte er:

»Ich habe ihn beinahe erwürgt, den Berwin. Er röchelte nur noch. Aber da ging die Tür auf, und meine Maria kam 'rein. Das war sein Glück!« Stark zuckte die Achseln. »Und meins auch! Sonst hätten sie mich schon vierzehn Tage früher eingesperrt!«

»Aber dann haben Sie sich doch wieder vertragen mit Berwin?« meinte von Bernewitz.

Stark nickte. Er sah müde und alt aus.

»Ja, leider! Ich wollte, es wäre nicht dazu gekommen! Dann wären wir nicht zusammen die Nacht durch den Wald gegangen.«

Der Rechtsanwalt meinte abermals, Stark wolle seine Tat eingestehen, und hob die Hand.

»Vorläufig sind wir noch am Tage, lieber Freund.«

Hannes Stark nickte.

»Ja, am schlimmsten Tage meines Lebens!«

Draußen kommen Schritte. Die schwere Zellentür ging auf, und ein Aufseher bat den Anwalt:

»Herr Doktor! Ihr Büro hat angeklingelt, Sie werden dringend verlangt.«

Von Bernewitz ging mit freundlichem Gruß; er käme morgen wieder.

Hannes Stark sah ihm mit einem trostlosen Lächeln nach.

Der Gefangene überlegte lange. Der Schädel tat ihm weh von dem ewigen Nachdenken. Immer wieder stellte er sich die Situationen jener Nacht vor:

Sie standen in der »Langen Reihe« vor einem Restaurant, das zu ebener Erde aus vier Fenstern blutrotes Licht auf die Straße warf. »Der Paradiesvogel« hieß es und hatte regen Betrieb. Ein paar Taxi hielten davor.

»Willst du denn da 'rein?« hatte Stark Berwin gefragt. »Wollen wir nicht doch lieber nach Hause fahren?«

Nicht aus Sorge um den Reisenden war er so vorsichtig, der Berwin war ihm gleichgültig. Aber er fürchtete, der schon halb Trunkene möchte die Brieftasche mit dem vielen Geld loswerden. Denn Berwin hatte das Geld in zwei großen gelbledernen Brieftaschen in der Weste.

Und als Berwin nicht antwortete, hatte er nach einer Pause noch einmal gefragt:

»Könntest du mir denn wenigstens meinen Anteil jetzt ausbezahlen?«

Der Gefangene sah die Szene so deutlich, als spiegle sie sich auf der Zellenwand. Er sah den Berwin, der nach dem Tanzlokal hinlauschte und so nebenher fragte:

»Wieviel denn? Wieviel willst du denn?«

»Na, was wir ausgemacht haben – fünftausend!«

»Ach, wo haben wir denn das ausgemacht?«

»Na, in Bestmanns Keller! Du hast mir's doch versprochen!«

»Versprochen – versprochen hab' ich gar nichts! Ich hab' das Los bezahlt, und meins ist es!«

»Aber der Gewinn?«

»Der Gewinn gehört mir! Du hast gar nichts zu beanspruchen!«

Stark fühlte jetzt noch die Wut, die in ihm aufstieg bei Berwins letzten Worten.

»Na, da hat ja mein Hiersein wenig Zweck,« hatte er, Hannes Stark, gesagt, »dann müssen wir eben die Sache gerichtlich austragen. Auf Wiedersehen vor Gericht!«

Damit hatte er sich kurz umgedreht und war schnell fortgegangen.

Aber sofort war Berwin hinter ihm her.

»Hannes! Hannes! Na, so täuw' doch 'n beten! Du kannst mich doch hier nicht so einfach stehenlassen – wo ich – wo der verdammte Kerl, der Wolfank, jeden Augenblick wieder da sein kann!«

Stark hatte wütend gelacht.

»Ach so, als Nachtwächter bin ich gut genug! Aber wenn ich mein Geld haben will, was ich zu beanspruchen habe –«

»Zu beanspruchen hest do gor nix –«

Stark beschleunigte seine Schritte.

»Aber ich will dir ja was geben, Hannes! Wenn wi to Huus sind.«

Der Maier lief wie gejagt, Berwin konnte ihm nicht mehr folgen.

»Was brauchst du denn – noch hundert Mark?«

Da hatte Stark einen vorbeifahrenden Taxi angerufen. Aber ehe der Wagen hielt, sagte Berwin voller Angst:

»Ich geb' dir ja – tausend will ich dir geben.«

»Her damit! – Nein, drin im Lokal sollst du's mir geben!«

Er hatte dem haltenden Chauffeur fünf Groschen in die Hand gedrückt und dann Berwin beim Arm genommen.

»Wir wollen erst mal da 'rein!«

Dann waren sie beide in das Lokal gegangen, das von einer glühenden Dämmerung erfüllt war. Eine leise Musik ertönte, die im erhellten Hintergrund des Raumes drei in spanische Stierkämpferjacken, Grün mit Gold, gesteckte Künstler machten.

Der in der Mitte saß am Flügel und spielte und sang eben:

»Ich weiß nicht, wie mir ist,
Wer mich hat geküßt –
Ob du es oder wer es sonst gewesen ist?« –

Des Gefangenen durch tausend Ängste gereizte Phantasie zauberte ihm das Bild der bunten Nacht im »Paradiesvogel« so lebendig vor das innere Auge, daß er selbst die schmeichelnde Melodie jenes Liedes deutlich zu hören meinte. Und er dachte dabei damals wie jetzt an seine Maria, wie sie ihm überall, wo sein Gefühl berührt ward, gegenwärtig war.

Der Berwin, immer im halben Rausch, schwankte bei dem Vortrag zwischen Rührung und dummen Spott. Er klopfte mit dem Kaffeelöffel an seine Tasse. Stark verbot es ihm. Aber der Kellner hatte erst kommen müssen und es ihm untersagt.

Dann hatte Berwin, trotz Starks Abmahnen, eine Dame zum Tanz aufgefordert und gleich darauf der Länge nach am Boden gelegen. Auf der winzigen Tanzdiele sah das sehr komisch aus.

Alles lachte, und Berwin setzte sich, ärgerlich schimpfend.

Nun bestellte er Champagner und lud drei Damen ein, die allein saßen. Die kamen gern an den Tisch, und sie saßen noch gar nicht lange, als Berwin ihnen von einer Blumenhändlerin Rosen kaufte und ausführlich von seinem Gewinn sprach.

Der Maler verging vor Wut, daß er hier seine Zeit vertrödeln mußte. Er wollte nach Hause und seiner Maria von dem Geld erzählen. Aber dazu mußte er es doch haben!

Er war gewiß kein Spielverderber, aber in jener Nacht, in seiner schrecklichen Seelenspannung und voller Ärger über diesen albernen Menschen, der auch jetzt sein Versprechen nicht hielt, war er nicht mehr imstande gewesen, länger an sich zu halten.

Er war aufgestanden und hatte brüsk gesagt:

»Ich gehe, Bruno. Du bleibst wohl noch?«

Doch während er seinen Mantel anzog, sah er deutlich, wie das eine Mädchen, eine große Blondine mit einem hartkinnigen Gesicht und dreisten Augen, ihrer schwarzhaarigen Nachbarin Zeichen machte.

Die Schwarze kuschelte sich, die Begehrliche spielend, an Berwin an. Sie faßte ihn um und suchte dabei den Sitz der Brieftasche zu erkunden. Als sie das Portefeuille fühlte, meldete sie es mit triumphierendem Blick der Freundin an Berwins anderer Seite.

Stark blieb also noch, und sich zu Berwin niederbeugend, sagte er leise:

»Komm mit auf die Toilette!«

Der Reisende hatte zuerst nicht gewollt, aber seine stete Angst und Unsicherheit hatten ihn dann doch dem Freund nach hinausgetrieben.

»Du merkst wohl gar nicht, daß die Deerns da drin scharf sind auf dein Geld? Die dicke Schwarze hat's schon spitz, wo die Brieftaschen stecken.«

Berwin lachte ungläubig.

»Du willst mich bloß 'rauslotsen, Hannes! Warum gehst du denn schon? Es ist doch noch ganz früh –«

Stark zog seine Nickeluhr aus der Tasche.

»Etwas nach elf – um zwölf geht die letzte Bahn. Sonst mußt du nachher 'n Auto nehmen, und das kostet allerhand Geld!«

Berwin aber hatte nur verächtlich gelächelt. Er, der sonst, wenn er nicht etwa einen sitzen hatte, knauserig bis zur Lächerlichkeit war, war mit Alkohol im Leibe der richtige Verschwender. –

Die Hausglocke läutete draußen auf dem Gang rasch in kurzen Schlägen. Das hieß: sich niederlegen.

Der Gefangene 725 hatte mit diesem Glockenzeichen nichts zu schaffen. Für ihn galt das nicht. In seiner Zelle brannte das Licht die ganze Nacht. Die Aufseher, die spätestens alle halben Stunden durch den Spion blickten, hätten ja in der Dunkelheit sich nicht vergewissern können, ob der Gefangene 725 etwa die Finsternis dazu benutzte, sich fortzustehlen aus dieser Welt voller Angst und Jammer.

Und so zog Hannes Stark seine Kleider aus, legte sie auf den Schemel und sich selbst auf die harte Matratze, um weiter nachzudenken über sein Schicksal. –

Ja, in der Tat! Berwin hatte durchaus nicht allein fahren wollen. Hätte er es doch nur getan! Aber nein, er klebte wie eine Klette an Stark. Von Natur feig, machte ihn die große Summe, die er bei sich trug, gänzlich zum Hasenfuß.

»Bleibst du, wenn ich dir Geld gebe, Hannes?« hatte er, hin- und herschwankend, gefragt.

»Wieviel?« war Starks lakonische Antwort gewesen.

Und wieder hatte der elende Mensch gezögert, die Zahl war ihm blutsauer geworden.

»Tausend Mark.«

»Fünftausend!«

»Nein – zwei –«

»Fünftausend!«

Da hatte den Maler die Wut gepackt. Seine Gedanken waren der Zeit vorausgelaufen: er hatte sich schon mit dem Reisenden auf der Heimfahrt durch den Wald gesehen – ganz allein mit ihm in der nebligen, verschneiten Heide.

Wenn der Kerl ihm nicht freiwillig geben wollte, was Stark doch zustand – ja, schockschwerenot – er, Stark, war doch kein dummer Junge, mit dem man Fangball spielen konnte! Entweder der Berwin gab ihm, was ihm zukam, oder – sie waren ja in der Heide mutterseelenallein – da kam des Nachts kein Mensch entlang.

Nicht, daß er die Absicht gehabt hätte, dem Berwin etwas anzutun. Nur ein bißchen unter Druck hatte er ihn setzen wollen. Aber –

Der Schlüssel rasselte im Schloß. Die schwere Tür ging auf. Aufseher Liedke trat herein und hielt die helle Laterne hocherhoben.

Er sagte: »Der Gefangene Stark zur Nachtvernehmung!«

Der Maler stand auf, zog sich schnell an und sagte: »Am Tage ist wohl keine Zeit mehr, Herr Aufseher?«

Der Aufseher antwortete nicht.

Da trat der Gefangene Stark in die Zellentür, ließ sich, wie es bei ihm Vorschrift war, fesseln und folgte den beiden Beamten. Denn der zweite mit der gespannten Waffe hatte vor der Tür gewartet.

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