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Das Rätsel von Ravensbrok

Hans Hyan: Das Rätsel von Ravensbrok - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleDas Rätsel von Ravensbrok
publisherEduard Kaiser-Verlag
year1943
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid5cee7dc1
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Zweites Kapitel

Amtsgerichtsrat Doktor Walfeld steckte eben den letzten Happen von seinem Frühstücksbrot in den Mund. Es war elf Uhr, und er hatte heute schon zwei Fälle erledigt.

Aber all das war doch wie vorüberhuschende Irrlichter, an diesem seltsamen Fall gewesen, der jetzt in Doktor Walfelds Amtsleben trat.

Kopfschüttelnd ging der Untersuchungsrichter ein paarmal in dem großen, hellen Gemach auf und ab. Er war Jurist mit Leib und Seele.

Seine Kollegen, die in den Kammern saßen, sagten von ihm: Wo Doktor Walfeld die Untersuchung führte, da bliebe für sie so gut wie nichts mehr zu tun. Er selbst aber hatte, wenn er sich abends schlafen legte, ein gutes Gewissen und die tiefe Beruhigung, daß er nichts versäumt habe, um der Gerechtigkeit zu ihrem für die Menschheit so wichtigen Sieg zu verhelfen.

Er wandte sich um nach dem Platz des Gerichtschreibers. Aber, es fiel ihm ein, er hatte den schon älteren Mann für kurze Zeit beurlaubt.

Sonderbar, dieser Mensch litt, so sagte et wenigstens, an plötzlichem Blutandrang nach dem Kopf, Und in dem Zustand vergaß er alles. Wie froh und seinem Gott dankbar war er, Doktor Walfeld selbst, für seine eiserne Gesundheit! Nicht auszudenken, wenn er so an Gedächtnisverlusten gelitten hätte.

Er drückte auf den Knopf der Tischklingel. Er drückte lange und energisch, denn er kannte die Gepflogenheit mancher Justizwachtmeister, sich bei solchem Klingelruf Zeit zu lassen.

Aber diesmal erschien der Beamte sogleich.

»Ist Fräulein Winkel da?«

»Jawohl, Herr Amtsgerichtsrat!«

»Also lassen Sie sie eintreten!«

Der Wachtmeister verschwand. Doktor Walfeld nahm Platz am grünen Tisch. Er hielt es für richtig, dem Rechtsuchenden mit der ganzen Würde des Rechtsprechenden entgegenzutreten.

Er sah auf die Uhr an der Wand. Die Viertelstunde war um. Simmerlich, der Gerichtschreiber, mußte wieder erscheinen.

Wachtmeister Mahnke öffnete die Tür und ließ Maria eintreten.

»Setzen Sie sich!« sagte Doktor Walfeld

Maria nahm Platz auf der dem Richtertisch gegenüberstehenden gelben Bank. Sie hatte sich fest vorgenommen, energisch und mutig zu sein, auf alle Fragen wahrheitsgemäß zu antworten, aber auch jede Unbilligkeit zurückweisen.

Bei der polizeilichen Vernehmung hatte sie manches einstecken müssen. Der ein wenig bärbeißige Beamte hatte sie anfangs als eine Art Mitschuldige des Mörders angesehen. Maria aber hatte ihm klar und eindeutig gesagt, daß sie selbst gar nichts mit dem Fall zu tun habe. Und daß sie außerdem für Hannes Starks Unschuld einträte. Und da hatte der Kriminalbeamte langsam den Ton gewechselt und hatte die am Ende doch in Tränen ausbrechende Maria ganz väterlich getröstet.

Doktor Walfeld sah wieder hinauf zur Wanduhr. Wo blieb bloß dieser Mensch, der Simmerlich? Aber das hat man davon, wenn man den Leuten so außerdienstliche Vergünstigungen zubilligt! Er entschloß sich, vorläufig ein rein informatorisches Gespräch mit der übrigens recht anmutigen Zeugin anzuknüpfen. Er nickte Maria zu:

»Sind Sie schon lange verlobt mit – mit dem Verhafteten?«

Maria stand auf. »Ja – zwei Jahre –«

»Setzen Sie sich doch bitte. Hm – Sie wollten auch bald heiraten?«

»Ja,« nickte Maria, der die Augen naß wurden, »jawohl – in einem Monat – spätestens im März, Herr Rat.«

Eine Pause.

Dann, nach kurzer Überlegung, der Richter, nicht um der jungen Person weh zu tun, sondern um sie auf das Notwendige, Unausbleibliche vorzubereiten:

»Daraus wird ja nun kaum etwas werden.«

Und als er das heftige Erschrecken sah, das Gesicht und Hals der Blonden überflammte:

»Ich meine, das notwendig werdende Gerichtsverfahren kann in so kurzer Zeit nicht beendet sein.«

Maria schluchzte auf. Und ihr Schnupftuch hervorziehend, sagte sie stockend:

»Wo er doch aber gar keine Schuld hat!«

Doktor Walfeld sah ein: er kam so nicht weiter. Und dieser Unglücksmensch, der Simmerlich, kam immer noch nicht. So lächelte der Richter, fast ein bißchen verlegen. Er fühlte etwas wie Rührung in seiner Brust aufsteigen und war sich sofort klar, daß Derartiges einem Richter – und gar erst einem Untersuchungsrichter – nicht passieren dürfe. Darum sagte er ernst, mit harter Stimme:

»Über Schuld und Unschuld des Verhafteten kann ich mich nicht mit Ihnen unterhalten. Ich will Sie nur einiges fragen. Sie wollten in Kürze heiraten? Dazu brauchten Sie doch Geld, nicht wahr?«

Maria, deren offener Kopf den Sinn dieser Frage sofort erfaßte, nickte zustimmend: »Jawohl, Herr Rat. Dazu hatte ich mir vierhundertfünfzig Mark durch meine und meiner Mutter Arbeit erspart.«

»So – und das Geld ist noch vorhanden?«

Maria nickte froh: »Gott sei Dank, ja.«

»Und Ihr Bräutigam, Fräulein Winkel? Ich meine, der hat wohl nichts gespart?«

Maria, ohne jeden Hintergedanken, in ihrer instinktiven Wahrheitsliebe, schüttelte mit einem schmerzlichen Lächeln den Kopf:

»Er konnte ja nicht, Herr Rat! Er ist doch Maler! Und der Verdienst ist ja so schwankend bei den Künstlern –«

»Ja, und da kam der Lotteriegewinn natürlich wie gerufen. So mit einem Schlag eine Handvoll Tausendmarkscheine – da kann einer schon den Kopf verlieren, nicht wahr?«

Maria merkte den schaurigen Doppelsinn dieses Bildwortes gar nicht. Dem Richter treuherzig zunickend, meinte sie:

»Doch, Herr Rat, leider! Das hat er auch, mein armer Hannes! Er war ganz aus dem Gleise, dazu kam, daß ihm der Berwin von dem Geld nichts abgeben wollte, weil Stark doch seinen Losanteil nicht rechtzeitig bezahlt hatte –«

»Ja, ja.« Der Richter blickte Maria in das klare, schöne Auge, und dabei ward es ihm unbehaglich zumute: vor soviel gläubigem Vertrauen schien ihm sein wohlberechnetes Herausholen der Wahrheit unvornehm und häßlich. Aber er besann sich auf seine Amtspflicht,

»Und wenn man so nötig Geld braucht und hat es zu verlangen, und der Schuldner weigert sich und gibt nichts her, um das Verrecken nicht – da« – er sah dem Mädchen noch eindringlicher in das gespannte Gesicht –, »da kann ein Mensch schon die Besinnung verlieren! Da packt ihn Zorn und die Wut! Die Waffe fliegt aus der Tasche, ohne daß er es will. Keine Seele ist in der einsamen Heide. Nur der Mond am Himmel. Kein Menschenauge sieht es. Er schreit: ›Gibst du mir das Geld? Ja oder nein?‹ – Der Finger ist am Abzug. Es knallt! Wer hat denn geschossen? Da liegt der andere – da liegt er – und ist tot!«

Der Richter hielt plötzlich inne in seiner dramatischen Schilderung des Verbrechens. Maria starrte voll Entsetzen auf Doktor Walfeld.

»Wer denn?« fragte sie, und ihre Lippen bebten. »Wer soll denn geschossen haben? Mein Hannes?« Ihre Augen wurden ganz dunkel. Ihr Kopf flog in heftiger Abwehr. »Nein, mein armer Hannes, der war es nicht! Der tut keinem Menschen was zuleide!«

Sie dachte an den oft wie Feuer ausbrechenden Jähzorn ihres Verlobten, und sie erschrak im innersten Herzen. Aber ihr Mund redete mechanisch weiter:

»Mein Hannes beraubt keinen und tut keinem etwas! Er ist nicht der Mörder!«

Das Letzte hatte sie laut hinausgeschrien. In ihrer Aufregung und Entrüstung wandte sie sich zur Tür. Da ging diese auf, und der Protokollführer trat herein.

Er hatte sich im Lokal verplaudert und war statt einer Viertelstunde eine halbe Stunde ausgeblieben. In der Suche nach einer Ausrede stieß er fast mit Maria Winkel zusammen. Er sah auch, daß der Richter sich in einer ihm unerklärlichen Bewegung befand; so nahm er seinen Vorteil wahr und entschuldigte sich laut und wortreich: er sei ohnmächtig geworden und habe sich so länger ausruhen müssen.

Doktor Walfeld war solche Unterbrechung beinahe angenehm. Er kam so aus einem nicht recht geglückten Privatverhör zur regelrechten Vernehmung der Zeugin. Aber siehe da: aus der harmlosen, gläubig aufgeschlossenen Maria war eine harte, in sich vergrabene, jedes Wort wie ein Wertstück abwägende Zweiflerin geworden. Nichts bekam der Untersuchungsrichter von ihr zu hören, nichts, was er nicht schon wußte, was auch nur das schwächste Fünkchen Licht in diese dunkle Wirrnis gebracht hätte.

Dieser Mißerfolg seiner geschmeidigen, vergeblich hart mit weich auswechselnden Inquirierkunst machte den Richter nicht freundlicher. Aber straffe Selbstzucht verbot ihm, seinen Ärger an der auszulassen, die ihm diese Niederlage bereitet hatte. Auch jetzt war er zu Maria so gleichmäßig gehalten wie am Anfang ihres Gesprächs.

* * *

Aus dem Untersuchungsgefängnis gefesselt herübergeführt, sah der Maler seine Maria auf dem Gerichtskorridor an dem hohen Fenster stehen.

»Nanu?« sagte der Gefangenenwärter, der ihn bewachte, als Stark plötzlich stehenblieb. »Was wollen Sie denn?«

Der Maler, dessen früher so blühendes Gesicht erdfahl war, holte tief Atem. »Da drüben steht meine Braut, Herr Aufseher – lassen Sie mich doch ein Wort mit ihr sprechen! Bitte!«

Der Beamte winkte ab mit seiner knochigen Hand. »Das kann ich nicht – ist gegen die Vorschrift!«

»Ach bitte, Herr Aufseher, bitte!«

»Nein, kommen Sie! Vorwärts!«

Da stand Maria vor den beiden. Und als sie den Mann in der Uniform mit ihren Madonnenaugen, die vom Schmerz verklärt noch schöner waren, ansah, da trat der brummend und scheltend beiseite und sah nicht hin, wie Stark sein Mädchen in den freien Arm nahm und küßte.

Dann war Maria wieder allein und blickte den Männern nach, die hinter der Tür zu Doktor Walfelds Zimmer verschwanden. Die Tränen rannen über das junge Gesicht, das selbst in diesem Augenblick der Erniedrigung seinen kindlichen Zauber nicht verlor.

In diesem Augenblick ging ein großer, schlanker Mann an ihr vorbei. Er lächelte ihr zu und sprach:

»Fürchten Sie sich nicht! Auch das schwerste Leid geht vorüber!«

Maria blickte auf. Sie sah in ein Gesicht, das große graue Augen hatte, die, von innerem Licht erfüllt, alles überstrahlten.

Und als sie verwirrt wieder lächelte, da blieb der Fremde stehen und verbeugte sich.

»Ich heiße von Bernewitz und bin Rechtsanwalt. Vielleicht kann ich Ihnen helfen?«

Maria nickte dankerfüllt. So wenig sie in Gerichtssachen Bescheid wußte – daß ein Angeklagter einen Rechtsanwalt, einen Verteidiger, brauchte, das wußte auch sie. Noch war ja nicht einmal Anklage in der »Mordsache Stark« erhoben. In all dem Jammer und Schmerz der fünf Tage, die seit Starks Verhaftung vergangen waren, hatte weder sie noch die Mutter an einen Anwalt gedacht. Hannes Stark mußte ja frei werden!

Als Maria an der Seite des Anwalts aus dem Altonaer Justizgebäude die Wilhelm- und die Gustavstraße hinunterging nach dem Heiligengeistfeld zu, da ward es der Blonden bewußt, daß ein guter Geist ihr den Mann zugeführt hatte, der ihrer ratlosen Seele helfen und sie stützen würde. Und im Vertrauen auf die Vorsehung, das sie durch ihr ganzes Leben begleitet hatte, nahm sie dieses Kennenlernen wie ein Geschenk des Himmels hin, für das man Dank schuldet, über das man sich aber gar nicht wundert.

Sie ahnte kaum, mit was für einem Menschen sie der gütige Zufall zusammengeführt hatte. Aldo von Bernewitz hieß bei seinen Kollegen nur »der Armenanwalt«. Und was ihm Maria auf dem weiten Weg bis zum Hamburger Rathaus – den sie ganz zu Fuß machten –, was ihm die Blonde da erzählte, erfüllte den Anwalt mit höchstem Interesse.

Das war der Fall, die große Sache, auf die er alle Zeit schon lauerte. Ein Mensch war in Not! Der rief nach ihm! Das Beil blitzte über des Unglücklichen Nacken! Tod und Schmach drohten ihm und den Seinen! Sollte er da nicht helfen?

Aber war Hannes Stark unschuldig? Eine liebende Frau glaubt noch, wenn der Verurteilte schon auf dem Schafott steht, an des Geliebten Unschuld!

Noch heute wollte Aldo von Bernewitz hin zu dem Verhafteten. Er besaß die Gabe, in den Gesichtszügen der Menschen ihren Charakter zu lesen.

Maria und er sprachen und redeten. Der weite Weg erschien den beiden zu kurz. Und als sie über den Graskeller gingen, war von Bernewitz sich klar darüber, daß er seine Kraft in eine Sache einspannte, die – wie sie immer ausgehen mochte – seiner wert war. Er war deswegen froh. Und lange, nachdem Maria ihn verlassen hatte, sah er noch ihr vor Dankbarkeit leuchtendes Gesicht.

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