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Das Rätsel von Ravensbrok

Hans Hyan: Das Rätsel von Ravensbrok - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleDas Rätsel von Ravensbrok
publisherEduard Kaiser-Verlag
year1943
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid5cee7dc1
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Vierzehntes Kapitel

Es war am Nachmittag. Der große Gefängnisbau lag so still und ruhig; und doch pulste unter diesem erzwungenen Schweigen das emsige Tun und Schaffen von anderthalb tausend Menschen, die wie Räder in einem gewaltigen Triebwerk jeder an seinem Teil ihre Pflicht taten.

Der Gefangene in Zelle 725 hatte seine Eßschüssel ausgewaschen, sie an den dafür bestimmten Platz in den kleinen braunen Schrank gestellt, der neben dem großen Gitterfenster an der Seitenwand der Zelle bei dem in Haspen hängenden und hochgeklappten eisernen Bettgestell hing. Nun nahm er seine Arbeit vor. Stark beschäftigte sich mit Zeichnen, das Material durfte er sich von eingezahltem Geld kaufen. So saß er und zeichnete Kindergruppen.

Aufseher Liedke, der eben in die Zelle kam, sah mit bewegter Freude die zierlichen Geschöpfe auf dem bunten Grund spielen und sich tummeln. Immer stärker ward die Gewißheit in ihm: dieser Mensch konnte kein Mörder sein! Wer so sonnige, unschuldsvolle Seelen im Bild formen konnte, der konnte unmöglich einen Freund meuchlerisch erschlagen haben –

Stark erhob sich von seinem Schemel und stellte sich vorschriftsmäßig an der weißen Wand zwischen dem hochgeklappten Eisenbett und dem Wandschränkchen auf.

»Sie haben vorhin geklingelt?«

Stark nickte.

»Ich bitte um Vormeldung zum Herrn Direktor.«

»Sie wissen, daß erst morgen, Sonnabend, Vormeldung zum Herrn Direktor ist –«

»Ich will ein Geständnis ablegen, Herr Aufseher!«

»Was – was wollen Sie – ein Geständnis ablegen?«

»Zu Befehl, Herr Aufseher! Ich habe es mir überlegt – ich werde es doch gewesen sein –«

Aufseher Liedke schüttelte den Kopf.

»Haben Sie sich das auch gut überlegt, Stark? Ich muß es ja melden, wenn Sie es sagen – aber Sie sollten doch erst mal darüber nachdenken. Sie können ja in einer Stunde nochmal läuten und mir dann Ihren Entschluß mitteilen.«

»Verzeihung, Herr Aufseher, aber mein Entschluß ist gefaßt – ich werde wohl doch der Täter sein –«

»Sie werden wohl doch? Aber so was, das muß man doch wissen – das weiß man doch!«

»Ja, Herr Aufseher, jetzt weiß ich es auch! Ich habe es mir so lange überlegt – und habe nachgedacht – Tage und Nächte lang – jetzt bin ich mir klar: ich habe den armen Kerl, den Berwin, erschossen.«

»Stark, ich frage Sie noch einmal: Bestehen Sie darauf, daß ich dem Herrn Direktor Ihre Meldung weitergeben soll?«

Der Beamte blickte ernst und eindringlich in das fahle Gesicht des Gefangenen.

Der aber sah starr vor sich hin und wiederholte wie ein Automat:

»Jawohl, Herr Aufseher, ich will ein Geständnis ablegen.«

»Dann muß ich Ihre Meldung weitergeben.«

Tief Atem holend, wandte sich der Beamte und verließ die Zelle.

Der Gefangene ging wieder an den Tisch, als wollte er seine Arbeit fortsetzen. Aber die Reißfeder entsank seiner Hand – was hatte er denn noch für einen Zweck, zu arbeiten, es war ja doch alles zu Ende! –

Zuerst hatte er sich gegen den Gedanken gewehrt – er hatte mit aller Kraft die Möglichkeit, daß er den Berwin erschossen hätte, von sich gewiesen. Aber mit der Zeit – wenn man sich die Situation immer wieder vorstellt – er war ja im Nebel kreuz und quer umhergetaumelt – und er hatte dreimal in den Wald hineingeschossen – auf Geratewohl – ja, er hatte vorher auch einen Knall gehört – aber er hatte so oft darüber nachgedacht. Genau wußte er es nicht mehr – er wußte überhaupt nichts mehr genau. Sein Kopf war wie eine Turbine, in der die Gedanken brausend und strudelnd kreisten – aber das wußte er: er hatte dreimal geschossen – dreimal! Und da hatte der arme Kerl, der Berwin, das Pech gehabt und war gerade in die Schußrichtung hineingelaufen.

Natürlich, man würde es ihm ja hier nicht glauben. Der Untersuchungsrichter würde das für einen geschickten Schachzug erklären, um wenigstens den Hals zu retten. Aber das war ja nun auch alles gleichgültig – ob er verurteilt würde wegen Mordes oder wegen Totschlages – eine jahrelange Strafe war das mindeste – und dann Ehrlosigkeit und Verachtung von allen Seiten. Nein, das könnte er doch nicht ertragen! Da muß man als anständiger Mensch ja wohl Schluß machen! Er war eben fertig – vollkommen fertig! –

Aufseher Liedke kam, um ihn zum Direktor zu führen.

Hannes Stark vertauschte die schlappenden Lederpantoffeln mit den festen Schuhen, die ihn stets drückten – denn seine eigenen Kleider hatte man ihm, wohl wegen der Fluchtgefahr, fortgenommen –, und ging vor dem Aufseher her den Gang bis zur Treppe, in den ersten Stock, wo ihn ein anderer Aufseher übernahm und ihn zum Direktionsbüro brachte.

Direktor Scherenberg war ein rascher, munterer Mann. Er war ein Menschenalter Gefängnisbeamter und hatte in dieser Tätigkeit Menschen und besonders Asoziale beurteilen gelernt. Daß Stark kein Mörder war, hatte er sich sofort gesagt. Ob jemand aber einen Totschlag begangen hat oder nicht, das kann auch der in solchen Dingen Erfahrenste niemals mit Sicherheit behaupten. Und trotzdem traf den Direktor die Ankündigung von Starks Geständnis gänzlich unerwartet. Man sah da wieder, wie man sich irren konnte, und daß man niemals einem Menschen ins Herz sehen kann!

Hannes Stark trat mit dem Aufseher ein.

»Sie haben mir eine Mitteilung zu machen, Gefangener?«

Herr Scherenberg sagte absichtlich nicht »ein Geständnis«.

»Jawohl, Herr Direktor. – Ich habe den Reisenden Berwin in der Heide erschossen.«

»Absichtlich – mit Überlegung?«

»Nein, Herr Direktor. Ich habe drei Schüsse abgegeben, um Berwin aufmerksam zu machen – und da ist er wahrscheinlich in der Nähe gewesen und ist in den Schuß hineingelaufen.«

Herr Scherenberg schwieg eine Weile und sah den Maler nachdenklich an.

»Sie werden Ihr Geständnis vor dem Herrn Untersuchungsrichter wiederholen müssen, Stark. Und ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß Sie da dem ärgsten Zweifel begegnen werden. Die gegen Sie erhobene Anklage lautet auf Mord! Dadurch, daß Sie jetzt zugeben, Sie hätten den Berwin zufällig erschossen, wollen Sie der Anklage auf Mord den Wind aus den Segeln nehmen – könnte man annehmen! Es ist leicht möglich, daß der Richter Ihrem Geständnis keinen Glauben beimißt!«

Stark hob die Schultern.

»Dann kann ich mir nicht helfen, Herr Direktor – ich sage nach bestem Wissen und Gewissen, wie es gewesen ist.«

Der Aufseher führte den Gefangenen hinaus und übergab ihn Herrn Liedke. Der brachte Stark in seine Zelle. Er sagte kein Wort zu dem Gefangenen. Aber er glaubte durchaus nicht an dessen Geständnis. Wollte der Maler um den Mord herumkommen – oder war das Ganze nur die Ausgeburt einer Haftpsychose, wie sie Leute, die zum ersten Male im Gefängnis sitzen, so leicht bekommen?

»Gut, Sie können abtreten.«

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