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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Siebentes Kapitel: Alles bereit

Nun legten sie die letzte Hand an im Schulhause. Mit kühnem Satz sprang Lotte von der Trittleiter, wo sie seit geraumer Zeit herumturnte und Gardinen aufsteckte. Schneeweiß und klar schwebten sie jetzt vor den kleinen grünumrankten Fenstern, und Leonore erklärte sich zufrieden.

»Jetzt erst sieht es hier nett aus,« rief sie. »Deine häuslichen Künste haben das Beste getan, Lotte.«

»Sage das nicht, Nell; das Beste tat doch dein Papa, der immer wieder in die Tasche griff und dich einkaufen ließ. Sieh, einen so reizenden kleinen Teppich läßt sich das Fräulein gewiß nicht träumen!«

»Ach, er ist ja altmodisch, Lotte; aber dein Bruder meinte, mit diesem Blumenmuster und der Kante passe er gerade gut zu den alten Sachen.«

»So, sind wir nun fertig? Blumen hinzustellen, ist es noch zu früh; die verwelken bis übermorgen, und dann – dann sind wir ja fort, wir armen Schulmädel. Eigentlich zu schade, nicht wahr, Lotte? Da hat man sich so um die ganze Einrichtung gekümmert, und nun soll man das Fräulein nicht mehr empfangen!

Und niemand hätte sie doch so gut einführen können, wie wir!« Auch Lottes seufzte.

»Mutter verspricht zwar, sich sehr nett um Fräulein Froben zu kümmern, aber –«

»Aber das hilft unserer Neugierde nicht –« Nelli lachte – »ich hätte sie auch zu gern gesehen, vor allem, um festzustellen, wie jung sie eigentlich ist.«

»In dem Briefe der Schulbehörde war damals von einer älteren und einer jüngeren Lehrerin die Rede/' erinnerte Lotte. »Wenn die eine nun etwa sechzig Jahre zählte, kann man dagegen eine Dreißigjährige vielleicht jung nennen.«

»Aber brr –« Leonore schnitt ein abwehrendes Gesicht; für sie war es dann schon eine angehende »alte Jungfer«, und für eine solche wollte sie sich eigentlich nicht so lange geplagt haben.

Bild

Sie trugen den Korb nach der kleinen Speisekammer

»Geplagt?« wiederholte Lotte lachend. »Ich denke, es war dir ein Vergnügen, Nell?«

»Na ja, weil ich immer dachte, es wäre für ein junges Mädchen – nicht viel älter als wir – daß wir dann mit vergnüglicher Feierlichkeit empfangen und mit dem wir später nett verkehren könnten. Nun bekommt man sie nicht mal zu sehen und weiß noch lange nicht, wie sie aussieht. Ich hatte mir so was Niedliches vorgestellt, aber wer weiß?«

»Na,« unterbrach Lotte ziemlich zurechtweisend, »niedlich! Du glaubst, daß das die Haupteigenschaft einer Dorflehrerin sein müßte – daß sie mit ›Niedlichkeit‹ die Gören regieren könnte?«

»Alter Pedant,« schalt Nelli, »muß sie denn gleich häßlich sein, wenn sie ein Tugendspiegel ist, was man wahrscheinlich von ihr verlangt? Ich hatte mir nun einmal unter dieser Marianne Froben was Niedliches vorgestellt. Der Name klingt so nett, obgleich eigentlich altmodisch.«

»Schon wieder, Nell?«

»Nun – da paßt sie ja gut Zu den altmodischen Sachen im Schulhause; niedlich kann sie darum doch sein. Aber wenn du nun von dreißig Jahren sprichst –«

»Ach, ich weiß es ebensowenig; ihren Geburtsschein haben wir doch nicht gesehen. Halt! Ob Hermann den wohl hat? Es hieß einmal, die ›Papiere‹ der neuen Lehrerin seien angekommen und müßten gut verwahrt werden. Aber nun komm nur, Nell! Mehr Zeit können wir nicht damit verbringen, über Fräulein Froben und ihr Alter zu grübeln, sonst findet sie am Ende eine leere Speisekammer, und unser Werk bliebe ungekrönt! Komm – faß an.«

Damit hoben sie den nicht ganz leichten Korb, den sie eigenhändig vom Hof hergeschleppt hatten, und begaben sich in die kleine Speisekammer neben der Küche. Nelli zählte die Eier in das neugekaufte kleine Gestell, und Lotte freute sich über den prächtigen Schinken.

»Milch, Butter und ein frisches Brot schickt Mutter übermorgen her – so, nun noch Salz!«

»Soll ich nicht Kaffee mahlen?«

»Kannst du! Sind Streichhölzer da?«

»Natürlich – Hauptsache!«

»Ach, eins ist vergessen, Seife!«

»Aber Lotte, die führt doch jeder gebildete Mensch bei sich.«

»Ich meine nicht Seife für den Waschtisch, Nell, sondern Schmierseife für die Küche.«

»Muß das sein? Sie wird doch nicht gleich scheuern wollen, die Lehrerin – es ist ja alles sauber.«

»Einerlei, es gehört sich so. Wenn wir einmal einrichten, müssen wir an alles denken.«

»Gut – ich laufe zu Thielke – bin gleich wieder da – ein Pfund?«

So kam es, daß das kleine Gutsfräulein Leonore Menkhausen beim Dorfkrämer erschien und ein Pfund Schmierseife erhandelte, deren Geruch ihr sonst so unleidlich war. Aber sie benutzte die Gelegenheit, noch etwas anderes zu erstehen, womit sie Lotte überraschen wollte, die dies noch viel Wichtigere vergessen hatte.

»Da hast du deine Seife,« rief sie, »und ich – ich fülle das Tintenfaß! Siehst du, das finde ich noch viel wichtiger, Lotte!«

»Nur nicht über dem weißgescheuerten Tisch,« warnte Lotte, »sonst wird meine Seife noch das Allernötigste!«

Nun waren sie aber wirklich fertig, und mit einem fast zärtlichen Abschiedsblick überschauten sie die kleinen Räume, in denen sie sich so eifrig getummelt hatten.

Dann ging es nach Hause, ans Kofferpacken, und dann war der Abschied da – Abschied vom Landleben, von der Ferienfreiheit, von dem täglichen freundschaftlichen Beieinander.

»Jetzt schreiben wir uns aber,« versicherten die Mädchen einander, »auch wenn wir sonst in Anspruch genommen sind und wenig Zeit haben. So ein Fremdtun darf nicht wieder vorkommen!«

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