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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Fünftes Kapitel: Nellis Eifer

Oft kamen sie auf Nellis Zukunftspläne zu sprechen, und wie man es anfangen müßte, eine tüchtige, umsichtige Gutsherrin zu werden. Bei Mutter Matersen in die Lehre zu gehen, erschien ihr als das Nächstliegende für den Hausstand – nun, und die Außenwirtschaft, Feld- und Viehbestand, konnte sie ja beim Herrn Verwalter studieren.

»Nur ein bißchen freundlicher muß dein Bruder bis dahin wieder werden,« sagte Leonore, »jetzt sieht er meistens zum Fürchten streng aus.«

Sehr weit her schien aber die Furcht des jungen Gutsfräuleins doch nicht zu sein, denn als die beiden Mädchen bald nach diesem Gespräch eine Fahrt über die Felder machten, wobei der junge Gutsverwalter selbst die Pferde lenkte, tat sie lustig und unbefangen unzählige Fragen, mit denen sie den Grund zu ihrer Kenntnis der Landwirtschaft zu legen dachte. Wirklich war das Ergebnis dieser lehrreichen Fahrt, daß Leonore mit ziemlicher Sicherheit die Getreidearten unterschied, ja sogar von »Mengekorn« und »Wundklee« sprach. Als man schließlich einen Besuch in der Koppel machte, merkte sie sich besondere Kennzeichen an einzelnen Kühen und schwatzte munter mit den Mägden, ob die hübsche Rotbunte, die Line vor sich hatte, mehr Milch gäbe oder die Schwarzweiße, neben der Stine ihren Melkschemel eben aufstellte. Dann wurde sie belehrt, daß die beste Rasse die großen schweren Kühe von gelbweißer Farbe seien, und siehe da, das Fräulein erinnerte sich, solche im Berner Oberland gesehen zu haben.

»Richtig,« lobte der Verwalter, »dies sind Schweizer Kühe – das Wertvollste, was wir haben.«

»Wie gut, daß denen das Feuer nicht zu nahe gekommen ist,« rief Leonore, in der Freude über die ihr gewordene Anerkennung vergessend, daß das Feuer ein Punkt war, über den man lieber nicht sprach.

Abends erzählte sie bei Tische von ihren neuerworbenen Kenntnissen und ließ sich nicht stören durch die gelangweilte Leidensmiene des Fräuleins Philippine.

Der Vater freilich hatte heute auch nicht allzuviel Sinn für ihr Geplauder, denn er war mit der Abendpost beschäftigt. Dabei befand sich ein Brief in Sachen der neu zu besetzenden Schulstelle. Einige Zeit vor den Ferien war der alte Schullehrer von Grünweide gestorben; die Jugend des Dorfes erfreute sich seitdem einer allzu großen Freiheit, da mitten im Vierteljahr nicht sofort Ersatz zu schaffen gewesen war. Heute nun wurden von der Schulbehörde des Landes Anerbietungen gemacht. Darunter waren zwei weibliche Bewerber für die Stelle genannt und merkwürdigerweise gerade diese vorn Oberschulrat besonders warm empfohlen, sowohl die Ältere, die schon langjährige Erfahrungen aufzuweisen hatte, wie die erst unlängst vom Seminar entlassene junge Dame, die in der Arbeit an der Übungsschule während des sogenannten praktischen Jahres viel Lehrgeschick gezeigt hatte und vor allem die nicht zu unterschätzende Gabe besaß, mit Kindern aus dem Volk umzugehen.

Bei diesem letzten Punkt nickte der Gutsherr vor sich hin und sagte dann vernehmlich: »Die muß es werden.«

Neugierig fragte Nelli: »Welche muß es ... und was soll sie werden?«

»Fräulein Neugier,« neckte der Vater und klingelte ohne weitere Antwort dem Diener, der Hermann Matersen herbitten sollte.

Nelli aber beharrte bei ihrer Wißbegierde und schmollte: »Den ganzen Nachmittag habe ich mich angestrengt, Papa, zu deinem künftigen Wohl landwirtschaftliche Kenntnisse zu erwerben; nun darfst du mich auch nicht wie ein Kind abspeisen, wenn ich wissen möchte, was für eine Entscheidung dich so andauernd beschäftigt.«

Indessen war der Verwalter eingetreten, und die beiden Herren besprachen nun die Frage, ob man es einmal wagen solle mit dieser neuartigen Besetzung der Schulstelle. Nelli knöpfte beide Ohren auf, aber mitzusprechen wagte sie doch nicht, so sehr die Sache sie fesselte. Erst als der Verwalter gegangen war, bemerkte sie, sich an den Vater schmeichelnd: »Du nimmst also dies Fräulein Froben, die so gute Zeugnisse hat, Papa? Das find' ich mal nett. Siehst du, es ist doch wahr, was Lotte immer sagt: daß es jetzt so viele tüchtige, leistungsfähige Frauen gibt. Ich will auch eine werden!«

Herr Menkhausen strich gerührt über das junge Gesicht seiner Tochter, der im Augenblick eine solche Entschlossenheit und Unternehmungslust aus den Augen blitzte, daß die Ähnlichkeit mit dem Vater mehr denn je hervortrat.

»Du, Papa,« fing Leonore bald wieder an, »genügt denn wohl das alte Schulhaus noch? Ich meine, besonders die Lehrerwohnung? Für eine junge Dame müßte doch wohl manches ein bißchen anders eingerichtet werden. Sieh mal, so ein junges Mädchen bringt keine eigenen Sachen mit; die Möbel aber vom alten Schullehrer, die sind gewiß gründlich durchräuchert vom Tabaksqualm seiner Pfeife. Die können wir einer jungen Dame doch nicht zumuten.«

»O Kind« – Herr Menkhausen lachte – »diese ›junge Dame‹ und ihre Stellung im Dorf wird sicher nun dein Steckenpferd, das ahne ich schon, aber na – wir wollen sehen! Morgen spreche ich mit Frau Matersen, und wenn diese praktische, erfahrene Frau ihre Meinung abgegeben hat, dürft ihr beiden Mädel unter ihrer Leitung die Einrichtung für die Lehrerin übernehmen.«

Nelli fiel dem Vater um den Hals.

»Du guter Papa, welche Freude! Sieh, da habe ich doch gleich für die Ferien eine Aufgabe, vergnüglicher und auch – glaub' ich – nützlicher, als die endlosen Wiederholungen in allen möglichen Schulfächern, die man uns in Genf aufgezwungen hat.«

»Na, du Windbeutel, ganz dürfen mir diese auch nicht vernachlässigt werden,« warnte der Vater. »Umsonst will ich das schwere Geld für die Pension nicht zahlen.«

»O nein, Papa, ich gebe ja Lotte oft französische Stunden, zu ihrer und meiner Übung – denke, wie tugendhaft! Lotte findet, ich mache es recht gut und lehre sie vor allem eine vorzügliche Aussprache. Was sagst du nun?«

Bild

Nelli fand das Sofa im Fremdenzimmer sehr veraltet

Es wurde ein großes Vergnügen für die beiden Mädchen, als Frau Matersen ihnen den Gefallen tat, schon am nächsten Vormittag mit ins Dorf zu gehen und das verlassene Schulhaus einer genauen Durchsicht zu unterziehen. Da fand es sich allerdings, daß Nelli recht gehabt mit ihrer Vermutung, daß man sich um die Behausung der künftigen Lehrerin gründlich kümmern und manches verändern müsse. Daß weibliche praktische Erfahrung und jugendlicher Feuereifer da zusammen eine gute Wirkung erzielen würden, läßt sich denken, besonders wenn ein freundlicher Papa mit nicht allzu fest zugeknöpftem Geldbeutel dahinter stand und nur manchmal warnte: »Macht es nicht zu arg mit eurer Fürsorge, ihr Mädel! Großstädtische Räume braucht sie wohl nicht gerade, die junge Dorfschulmeisterin.« Nun, dafür war ja Mutter Matersen da, die das gar nicht zugelassen hätte. Zunächst hielt sie mit ihren beiden Gehilfinnen Umschau in den zahlreichen Fremdenzimmern des Herrenhauses. Dort stand noch manches Möbelstück, von dem es schade war, daß es nur einige Male im Jahr, oft auch gar nicht, zur Benutzung kam. Und fand auch Nelli das alte braune Damastsofa »einfach gräßlich«, so belehrte des Verwalters Mutter sie dahin, daß die Polsterung noch vortrefflich und die Bequemlichkeit dieses Möbelstücks dem Fräulein sicher mehr wert sein würde als eine hochmoderne Form. Ebenso erging es mit dem für eine Lehrerin so wichtigen Arbeitstisch. Zu gern hätte Nelli in der Stadt einen zierlichen Schreibtisch gekauft, wie sie selbst einen besaß; aber Frau Matersen erklärte den alten Mahagonisekretär, der da oben nie mehr seine Bestimmung erfüllte, für weit zweckmäßiger, und auch Lotte selbst meinte, diese zahlreichen kleinen und größeren Schubladen, wie das Schränkchen in dem oberen Aufsatz müßten riesig nett sein. Wie gut könnte man da seine verschiedenen Besitztümer recht in Ordnung halten, die Schulsachen von den anderen Papieren trennen, von den Briefen und – dem Tagebuch! Denn eine junge Lehrerin, die hier ganz allein hauste, würde doch natürlich ein Tagebuch führen, in Ermanglung von täglichem mündlichen Gespräch mit Hausgenossen.

Ein bißchen einsam mochte es ja für die junge Dame sein, aber sonst – eigentlich kamen Nelli und Lotte überein, daß sie dies Fräulein Froben fast beneideten. Zwar nicht so eigentlich um die Tätigkeit, die ihrer hier harrte, denn davon machten sie, besonders Nelli, sich noch keinen rechten Begriff, wie man das anfing, mit den Dorfgören fertig zu werden. Aber so eine eigene kleine Häuslichkeit – das war doch entzückend! Freilich, das braune Sofa wurde nicht schöner in Nellis Augen, und der alte Sekretär blieb ein »Monstrum«, bis Herr Matersen ihr den Kunstwert erklärte.

Nelli lachte wieder recht unbekümmert darüber.

»Ach was – Papa hat gar keinen Sinn für so alte Scharteken. Er sagt: ›Warum soll ich mich nicht mit den Erzeugnissen der Geschmacksrichtung meiner Zeit umgeben? Mein Zimmer soll kein Museum sein! Ich kaufe neue Sachen, die mit mir alt werden.‹ Na und ich,« fuhr sie listig fort – »Sie sollten sich freuen, Herr Verwalter, daß ich ein besseres Gedächtnis für die Rasse der Schweizer Kühe habe als für alte Möbel, die ich natürlich auch schon mal in einem Museum habe studieren müssen. Da bin ich doch noch nicht hoffnungslos verloren für eine künftige Landwirtin.«

So scherzten sie hin und her, suchten nach Mustern Tapeten und Vorhänge aus, und Hermann Matersen konnte nicht umhin, sich zu gestehen, daß Leonore Menkhausen in ihrem Eifer sehr liebenswürdig wirkte. Höchst drollig war es zu sehen, wie sie mit eigenen Händen die alten verräucherten Tapeten von den Wänden riß und dem Maurer zusah, während er die Küche »weißte«; ja, sie ruhte nicht, bis auch dort eine kleine farbige Randleiste angebracht wurde. Sie gab sogar eine hübsche Bluse dran, als sie beim eigenhändigen Pinselführen eine ausgiebige »Kleckerei« vollführte. Dann schalt allerdings Lotte, und auch Hermann setzte seine tadelnde Miene auf, wenn er gerade dazu kam. Er hatte natürlich öfter im Schulhause zu tun, wenn er Leute zu Hilfe geben sollte oder solche wieder abberufen mußte, weil er sie zu nötigerer Arbeit brauchte, als etwa im Schulgarten zu Harken und zu jäten, Holz für die Küche klein zu machen, oder was die Mädchen sonst noch für nötig hielten für ihren unbekannten Schützling.

Kam er so daher mit der »Miene des Regierenden«, wie Nelli der Freundin zuflüsterte, mit dein kräftigen Ton der Rede, der keinen Widerspruch zu dulden schien, vergaß Leonore auch, daß ja eigentlich sie die Herrin war, und fügte sich seinen Bestimmungen, selbst wenn sie in der eifrigsten Verschönerungsarbeit unterbrochen wurde. Lotte aber stellte wieder im stillen fest, daß trotz der Strenge und des Ernstes ihr Bruder Hermann so hübsch und stattlich war, wie niemand sonst in der Umgegend. Die schwesterliche Bewunderung übertrieb auch keineswegs. Hoch und breitschulterig, mit dem dichten blonden Haar, das nicht wie bei den Stadtherren fast kahl geschoren war, sondern in hübschem Schwung über der Stirne lag, die sich weiß von dem übrigen braungebrannten Gesicht abhob, mit den kühnen blauen Augen, deren Ernst durch den freundlichen Mund gemildert wurde – so war der junge Verwalter von Grünweide wohl eine anziehende Erscheinung, und Lotte dachte: »Sie hat wirklich recht, die alte Conradsch im Armenhaus, wenn sie Bruder Hermann so bewundert – nicht bloß seine Tüchtigkeit, sondern auch sein Äußeres. Wie war es doch drollig, als sie neulich begeistert sagte: ›Nimm mir dat nich äwel (übel), Lotting, äwer 'n staatschen (stattlicher) Minschen is hei doch, din Brauder; den'n künn ick sülvst glik frigen (den könnte ich selbst gleich heiraten)!‹«

Ausgelassen gelacht hatte das Backfischchen, daß die Alte, der die weißen Haare um das runzlige Gesicht standen, noch vom »Frigen« sprach. Aber die große Anerkennung für ihren Hermann, die darin lag, die freute sie doch insgeheim und entschädigte sie gelegentlich für die dummen Redereien der anderen, wenn ihr so etwas zu Ohren kam wie: »Dat uns' Entspekter sick vor Gericht nich bäter (besser) hett utreden (herausreden) künnt – wenn hei (er) man nich – füll (sollte) hei woll–?« und so weiter.

Solche Reden litt die alte Conradsch in ihrer Nähe nicht. Förmlich etwas Gebieterisches konnte sie haben, wenn sie sagte: »Mahlmannsch, wat kümmst du ümmer wedder mit dat dumme Tüg (Zeug), doar kannst du doch sülben nich an glöben (glauben), büst doch sünst so klaug (klug). – Und du, Derlinsch, süst (solltest) di wat schämen, du weitst doch von dinen Brauder am besten, wat an den Entspekter an is! So'n Kierl, un den willen's inspunnen (einsperren)!«

Zu gern hörte Lotte Matersen so was; sie konnte auch so nett mit den alten Frauen umgehen und hatte Nelli schon versprechen müssen, sie einmal ins Armenhaus mitzunehmen, denn die Freundin meinte, sie müsse das doch auch durchaus lernen, mit diesen Leuten zu verkehren.

»Nur Plattdeutsch kann ich noch immer nicht recht,« sagte Leonore, als sie zu Ende der letzten Ferienwoche ihren Besuchsgang antraten; aber Lotte versicherte: »Oh, es geht auch so! Einige von den alten Frauen sprechen mit Vorliebe Hochdeutsch. Du wirst sehen, wie sich Frau Mahlmann anstrengt, wenn Besuch von der Herrschaft kommt. Mich rechnen sie ja nicht dazu, aber wenn das Frölen vom Hof kommt –«

»So? Ach – du, Lotte, sag mir noch mal schnell, wie deine besondere alte Freundin, die mit dem hübschen Gesicht, heißt!«

»Mutter Conradsch meinst du, die frühere Gartenfrau?« Lotte lachte über den Eifer der Freundin. Wenn die Alte heute wieder so urdrollige Sachen sagte wie neulich, als sie so für Bruder Hermann schwärmte, was würde Neil schließlich davon denken?

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