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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
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Fünfunddreißigstes Kapitel: Herrin der Scholle

Mit Regen und Sonnenschein gingen die Jahre über Grünweide hin, wie über Lindenholm. Es gab auch wohl mal Unwetter und dürre Zeit, aber im ganzen waren es gedeihliche Jahre, sowohl für das große, reiche Besitztum in Mecklenburg, wie für das kleine holsteinische Gütchen, wo ein glückliches junges Paar in Fleiß und Tüchtigkeit und mit bescheidenen Lebensansprüchen haust. Zwei liebe kleine Mädchen folgen Frau Marianne Matersen fast auf Schritt und Tritt, wenn sie durch ihre Wirtschaft geht und überall selbst Hand anlegt; aber sie laufen auch dem Vater entgegen und wissen ihn schon geschäftig zu bedienen, wenn er vom Felde kommt, wo er als sein eigener Verwalter sich müde geschafft hat, immer allen voran.

Noch ist Hermann Matersen der Pächter des Geheimen Kommerzienrats Menkhausen, aber der Sparschatz, an dem er und seine Marianne eifrig sammeln, mehrt sich, und der Wunsch, dies Stückchen Erde, diese bescheidene Scholle dereinst als Eigentum zu erwerben, wird wohl kein Luftschloß zu bleiben brauchen. Sie sind ja jung und gesund, und »selbst ist der Mann« ist bei beiden der Wahlspruch.

Wie sie in der Wirtschaft überall das Auge haben und die Hände rühren, so denkt Marianne schon mit Vergnügen daran, daß sie später ihre kleinen Mädchen selbst unterrichten und möglichst die fremden Lehrkräfte sparen kann.

Noch ist es ja nicht so weit; erst zwei- und dreijährig laufen die rosigen kleinen Geschöpfe durchs Haus, und Hermann sagt wohl scherzend: »Ihr kleinen Druwäppel (Traubäpfel), wir hätten euch doch eigentlich Lining und Mining nennen müssen! Ihr seht wahrhaftig wie Twäschens (Zwillinge) aus!«

Aber sie heißen Lotte und Leonore, und das ist das Natürlichste, denn die beiden Jugendfreundinnen hatten wohl das nächste Recht zur Gevatterschaft an diesen Kleinen.

Die erste Patin, Leonore Menkhausen, sitzt nun wirklich seit Jahr und Tag als Herrin in Grünweide und strebt, ihre Jugendträume wahrzumachen.

Noch immer gibt es Leute, besonders in ihren Hamburger Kreisen, die Leonore nicht begreifen. Nur Henry Fedders, der Jugendfreund, der seine Gespielin sonst unbarmherzig zu necken pflegte, zeigt jetzt ernsthaftes Verständnis für diese und erklärte öfter: »Das ist kein Strohfeuer, das bald verpufft sein wird; die Nell hat sich zu einem ganzen Charakter entwickelt!«

Er selbst hat sich bei den wiederholten Jagdbesuchen in Grünweide mit dem alten Herrn von Dahlen angefreundet und war sogar manchmal zu Gast in Schönlanke, zu Leonores Überraschung als Gutsnachbar mit auftretend.

Auch unter den ländlichen Nachbarn sind zuerst oft Zweifel laut geworden, ob Leonore es würde durchführen können, ob sie den Leuten und den mancherlei Schwierigkeiten eines ländlichen Betriebes gewachsen sei. Aber immer seltener hört man solche Stimmen; man glaubt immer mehr an Fräulein Leonore Menkhausen, an ihre entschlossene Klugheit, wie ihre warmherzige Güte. Vor allem aber empfinden die Leute des Dorfes es dankbar, daß sie nun wieder eine »richtige Herrschaft« haben, die nicht nur ein paar Tage oder Wochen zum Besuch auf dem Gut weilt, sondern dort wirklich lebt und alles mit durchmacht, in guten wie bösen Tagen.

Das alte Herrenhaus steht von außen unverändert da, aber innen hat Leonore mit Hilfe eines geschickten Baukünstlers schon manches Hübsche geschaffen. Da ist vor allem die große »Wohndiele«.

Am Abend brennt dort im mächtigen dunkelgrünen Ofen ein helles Feuer von derben Buchenholzscheiten, und der Schein der Flammen läuft über das dunkelglänzende Holzgetäfel der Wände, an denen kunstvolle alte Truhen und Schränke stehen, während in der Mitte um den großen runden Tisch unter der Hängelampe bequeme Ledersessel sich reihen. Im Hintergrund führt die Treppe mit kunstreichem Geländer in den Oberstock, wo die Gesellschaftsräume und die Gastzimmer liegen. Neben der Halle befindet sich Leonores Arbeitszimmer mit dem großen Schreibtisch, an dem sie tagsüber oft zu finden ist; am Abend aber siedelt sie an den runden Tisch in der Halle über, und hier ist sie noch für manchen zu sprechen, der am Tage nicht bis zu ihr gelangen konnte.

Hier saß sie auch an einem stürmischen Novemberabend, der das Behagen dieses Raumes doppelt fühlbar machte. Ein großes Wirtschaftsbuch hatte sie vor sich, Rechnungen und Briefe.

Ein älterer bärtiger Mann, ebenfalls mit Papieren in der Hand, stand ihr gegenüber und erstattete Bericht. Er, der Verwalter, war eben aus der Stadt gekommen, wohin er eine Kornlieferung begleitete; nun mußte die junge Herrin alles aufs genaueste davon hören.

Wie Herr Bentin fort war, erschien ein junger Knecht mit Paketen im Arm, ein kleiner untersetzter Mensch mit rundem strohblondem Kopf und nicht gerade einnehmendem Gesicht. Aber Leonore sah ihm freundlich entgegen und sagte: »Schon da? Hinrich, das ist gut!«

»Mit Erlaubnis, gnä' Fräulein, ich bin mit 'm leeren Kornwagen 'rausgefahren.«

»Gut – hast du Postsachen?«

»Hier, gnä' Fräulein.«

Er reichte die verschlossene Ledertasche hin, und sein Gesicht zeigte einen bescheiden ergebenen Ausdruck, wie das Fräulein fragte: »Sonst noch etwas, Hinrich?«

»Ich hab' die Medizin für Großmutter noch mal machen lassen; weil der Doktor sagte, das müßte sein.«

»Natürlich, Hinrich! Laß dir in der Küche auch wieder von dem Tee geben, den Großmutter so gern trinkt. Hattest du heute viel in der Stadt zu besorgen?«

»Ja, siebzehn Sachen!«

»Kannst du es denn schon ebenso gut wie Großmutter?«

Hinrich Stoppsack lachte.

»Sie sagen's im Dorf!«

»Das ist gut; bis nach Weihnachten mußt du Großmutter die Botengänge jedenfalls abnehmen. Nachher willst du ja gern nach Schönlanke als Schweineknecht, höre ich!«

»Wenn Großmutter gesund ist, und wenn gnä' Fräulen erlauben; die Stelle könnt' ich kriegen.«

»Nun, wir werden sehen. Geh jetzt und schicke mir Anna herauf!«

Hinrich Stoppsack entfernte sich und Leonore blickte ihm sinnend nach.

»Doch noch was geworden aus dem kleinen Wildling! Freut mich, daß er nach Schönlanke will; allzu weit möchte ich ihn nicht fortlassen. Es interessiert mich doch so, zu erfahren, wie er sich fortdauernd macht. Nun aber endlich meine Post.«

Natürlich kam in Grünweide regelmäßig am Morgen der Landbriefträger, aber wenn Gelegenheit zur Stadt war, schickte Leonore doch gern die alte Ledertasche aus früherer Zeit zum Postamt. Wie sie jetzt aufschloß, fielen ihr mehrere Briefe entgegen.

»Ein offener aus Lindenholm?« sagte sie vor sich hin, und gleich darauf laut und froh: »Ah, der Stammhalter ist da! Hoch willkommen, kleiner Matersen! Welche Freude! Und hier? Schreibt Lotte? Ja, aus Hamburg!«

Jetzt trat ein hübsches Mädchen in ländlicher Tracht ein, und an den großen blauen Augen war Anning Kasten zu erkennen. Sie stand abwartend an der Tür, denn das Fräulein las noch; aber jetzt rief es freundlich: »Anning, nun möchtest du gewiß als Kindermädchen nach Lindenholm! Denke dir, da ist ein kleiner Junge angekommen!«

Das hübsche Mädchen schlug die Hände zusammen und sagte: »Ei, das ist fein! Aber nu hat Fräulein – ich mein' Frau Matersen – es 'n bischen schwer; denn was klein Lotting ist, die ist ja woll erst zwei Jahre alt.«

»Darum könntest du Frau Matersen eben helfen! Überlege es dir, ob du nach Holstein hinziehen willst!«

»Kann gnä' Fräulen mich denn entbehren?« fragte Anna bescheiden, worauf Leonore antwortete: »Ja, Anning, was tut man nicht aus Freundschaft! Und du mußt ja auch einmal weiter und was anderes kennen lernen! Ich nehme dann Mile Sievert; die wartet schon lange darauf, daß ein Platz auf dem Hof frei wird.«

»Ja, und die hat so viel in der Stadt gelernt – so viel kann ich ja lange nicht, gnä' Fräulein.«

»Du bist mir aber doch lieber,« dachte Leonore. »Nun, Frau Marianne soll jedenfalls ihren ehemaligen Liebling aus der Schule haben.« Laut sagte sie dann: »Nun hole mir Mademoiselle und bring Teewasser!«

Bald darauf kam die Gerufene, eine schlanke, anziehende Erscheinung, mit weißem Haar und tief dunklen Augen im klugen, freundlichen Gesicht, Leonores Gesellschafterin, jene treubewährte Mademoiselle aus dem Hause Fedders. »Ach, Melle, wie gut, daß man dich nun hat zum Plaudern,« rief Leonore und streckte ihrer Hausgenossin beide Hände entgegen. »Höre die guten Nachrichten! In Lindenholm ein Sohn! Nun wird Vater Hermann wohl nicht ruhen, bis er mir das Gütchen abgekauft hat, damit der Junge, wenn er zu Verstand kommt, gleich die eigene Scholle findet. Und hier – höre weiter – auch Lotte schreibt, für die du dich ja besonders interessierst.«

»Allerdings,« sagte die Schweizerin, »für Fräulein Matersen hatte ich von Anfang ein warmes Gefühl und dachte immer: Du liebliches Kind darfst nicht dein Leben lang durch die Fremde gehen! Gott mache es zu rechter Zeit anders mit dir als mit der alten Melle!«

Leonore umfaßte die ältere Freundin und sagte herzlich: »Weißt du, Tante Fedders hat mir das Allerwertvollste gestiftet, damals, als mir alle was schenkten für Grünweide, als sie meinten, mir so etwas wie Ersatz für nicht gebrauchte Hochzeitsgeschenke geben zu müssen! All die schönen Silber- und Kristallsachen kommen nicht auf gegen das goldene Herz meiner Melle, und ich vergesse es Onkel und Tante nie, daß sie sich meinetwegen von dir getrennt haben.«

Melanie Amhof hatte Tränen in den Augen und antwortete: »O Nell, daß du mich brauchen kannst! Daß du mir eine Heimat gibst, so lange, bis –«

»Bis?« unterbrach Leonore rasch. »Dich brauch' ich immer, und wir bleiben zusammen! Aber nun wollen wir sehen, was Lotte schreibt – unsere kleine Strohwitwe scheint heute so glücklich.«

Sie vertieften sich zusammen in den Brief, dazwischen sich aber immer wieder unterbrechend mit Erinnerungen und Betrachtungen.

»Uns' lütt Lotting, wie die alte Konradsch sagte, hat es noch immer am schwersten von uns dreien, die wir damals hier so jung-fröhlich waren,« sagte Leonore. »Zuerst die schwere Stelle in Hamburg, dann, als ich bestimmt erwartete, Vetter Albert würde sich mit ihr verloben, mußte der nach Südamerika. Papas überseeische Unternehmungen waren mir immer ein bißchen schrecklich, weil sie so viel Umstände erforderten. Stets mußte jemand unterwegs sein. Als Papa allmählich älter wurde und sich nicht mehr so darum kümmern mochte, mußte immer Albert vor. Das erste Mal, als ich Lottes wegen so enttäuscht war – obgleich wir nie darüber gesprochen haben – stand für unser Haus ziemlich viel auf dem Spiel; nur Alberts Tüchtigkeit rettete uns vor einem großen Verlust. Aber zwei Jahre gingen doch darüber hin, bis er wiederkam. Und Lotte –«

»Ja, Fräulein Lotte,« fiel Melanie Amhof lebhaft ein, »die hat nicht müßig auf ihn gewartet, sondern fleißig zum Examen gearbeitet – was ich damals so bewunderte, weil sie doch schon ein Jahr lang von den Büchern fort war. Nun aber wurde sie doch anstatt Ohlstedtsches Fräulein eine geprüfte Lehrerin und hatte sogar schon ein Amt, als Herr Albert kam ...«

»Ja, und ihr einfach die junge Würde wieder abnahm, um sie fix, ohne langen Brautstand, zu heiraten. Freilich, die kurze, schöne Zeit in der kleinen reizenden Häuslichkeit war wie ein Traum, sagte Lotte später. Albert mußte abermals nach Amerika, und nun nahm er Lottchen mit. Sie war auch gern dazu bereit, vertrug aber das Klima gar nicht, so daß ihr Mann sie im Schutz von guten Bekannten schleunigst wieder herüberschickte und seiner Mutter ›in Verwahrung‹ gab, wie er sich ausdrückte.«

»Wie zart sah sie damals aus, die kleine Frau; ganz beängstigend fand ich sie,« unterbrach Melanie, und Nelli fuhr fort: »Ja, Mutter Matersens Sorgengesicht sehe ich noch vor mir und begriff es gut. Aber Mutter Mathilde hütete und pflegte meisterhaft, hatte auch großstädtische Ärzte zur Seite, so daß Lotte sich erholte, und wir alle, bei denen sie wechselweise zum Besuch war, erwiesen ihr so viel Liebe, wie wir konnten. Aber schwer ist es doch wohl, nicht wahr, Melle, diese beständige Trennung, wenn man doch einmal jemand lieb hat.«

»Gewiß,« sagte die Schweizerin mit Nachdruck, und Nelli fuhr fort: »Aber nun, hoffe ich, hat das ein Ende. Papa schrieb mir schon vor längerer Zeit, daß die Lage drüben sich vereinfacht hat, weil sich manches abgeben ließ. Der ›kleine Chef‹ soll nun endgültig zurückkommen und hier zu Hause dem alten Chef die Last mehr und mehr von den Schultern nehmen. Denn länger, meint Papa, könne man es ja nicht verantworten, Lotte wie eine Seemannsfrau allein leben zu lassen. Und – im Vertrauen, Melle – Papa selbst hat Verlangen nach Albert; er liebt ihn wie einen Sohn, der ich ja leider nicht bin! – Also, nun schreibt Lotte heute glückselig, ihr Mann sei unterwegs und könne schon in vierzehn Tagen hier sein. Dann treffen wir uns vielleicht alle in Lindenholm zur Taufe. Ja, die Geschwister Matersen sind nicht so leicht zu ihrem Glück gekommen! Wenn ich denke, was Hermann erst durchmachen mußte, bis er dann gerade durch jene unseligen Geschichten zu seiner Marianne gelangte!«

»Ja, so ist das Leben,« sagte Melanie Amhof ernst.

Jetzt rief Nelli: »Aber nun, Melle, liebste Melle, gib uns endlich Tee und dann meinen Arbeitskorb und die Pakete! Wir müssen Jäckchen für den kleinen Prinzen von Lindenholm stricken! Hinrich Stoppsack, der jetzt an Stelle der Großmutter Botenfrau spielt, hat mir alles aus der Stadt dazu gebracht, nicht ahnend, daß es für sein ehemaliges Fräulein ist, für Marianne Froben, der er so viel verdankt, wie noch mancher in Grünweide.«

Sie fanden es beide so behaglich, wie sie dasaßen, und sehnten sich nicht hinaus, noch nach irgend welcher Veränderung. Und doch konnte Mademoiselle es nicht lassen, im Gespräch noch einmal auf das zurückzukommen, was Leonore vorhin gesagt hatte: »Wir zwei bleiben zusammen, meine gute Melle.« Sie wünschte der jungen Freundin ein anderes Los und spielte fein darauf an, daß diese gar manche Gelegenheit, sich zu verheiraten, habe vorübergehen lassen, was doch eigentlich schade sei.

Aber Leonore sagte munter: »Ach, Melanie, glaube doch, ich habe noch nichts versäumt, was zu bereuen wäre! Du weißt ja, woran es immer scheiterte.«

»Ja, du bist wie die Prinzessin im Märchen, die ihren Freiern schwere Aufgaben stellt, und jeden unbarmherzig heimschickt, der sie nicht löst.«

Leonore lachte herzlich.

»Sieh da, die gute Melle erzählt dem großen Kinde noch einmal Märchen! Aber ist es denn so unbegreiflich, daß ich gerade nur jemand möchte, der auch wirklich wahren Sinn für mein liebes Grünweide hat?«

»Ich weiß wohl einen, der das besitzt,« sagte die Schweizerin mit liebenswürdiger Schlauheit, und Leonore fiel ein: »Ah, du meinst Henry! Es ist ein rechter Streich, daß er sich in Schönlanke als Volontär angeboten hat. Das wird ihm bald über sein, ebensowohl wie dem alten Herrn von Dahlen. Mich wundert nur, daß der sich überhaupt darauf eingelassen hat.«

»Du irrst, Nell! Herr von Dahlen sprach sich neulich sehr lobend über seinen Volontär aus; er sei geradezu ein Bereicherung für den Winter.«

»Nun ja, Henry ist ein liebenswürdiger Gesellschafter, das ist gewiß ...«

»Weiter nichts, Leonore?«

»Doch, er ist klug und tüchtig, aber kein Landwirt.«

»Könnte er es nicht werden?«

»Ich denke, es ist alles ein Scherz!«

»Dafür hat er schon zu lange in Schönlanke ausgehalten und zu ernsthaft mitgearbeitet. Es muß ihm doch wohl Ernst sein. Henry war immer ein ehrlicher Junge.«

»Das ist wahr,« sagte Leonore nachdrücklich und blickte dann still in die Lampe.

Sie dachte an ein Gespräch, das sie neulich mit Henry führte, als er ihr wieder einmal durch die ganze Wirtschaft gefolgt war und so viel mehr Anteilnahme bekundet hatte, als man von dem Städter erwarten konnte.

»Alle Achtung vor deinen tüchtigen Kenntnissen und deiner zähen Beharrlichkeit, Nelli, aber –«

Da wurden sie unterbrochen, und noch öfter mußte Leonore an dieses »Aber« zurückdenken. Was hatte er sagen wollen? Von sich hatte er später noch geäußert: »Glaube mir doch, Nelli, daß ich nicht unter jeder Bedingung an dem Hamburger Leben festhalten muß. Ja, wenn ein eigenes Geschäft auf mich wartete, dann wäre es etwas anderes. So aber kann ich nicht in meines Vaters Fußtapfen treten; Hamburger Senator wird man nicht so einfach. Überseeer zu werden, dazu habe ich keine Lust. Also laß es mich doch einmal versuchen, ob ich die Landwirtschaft nicht so gut begreifen kann, wie eine gewisse Jugendgespielin von mir!«

Sie konnte ja nichts dagegen sagen; es fiel ihr sogar immer wieder ein – und nun kam Mademoiselles Wort dazu: »Henry war immer ein ehrlicher Junge!« Also war es auch wohl ehrlich, was jetzt oft in seinen Augen stand.

Am nächsten Morgen zog Leonore ihre hohen festen Stiefel an und machte schon vor dem zweiten Frühstück einen Gang über Feld, ohne besonderen Zweck. Sie hatte etwas Kopfweh, und die frische Winterluft lockte sie. Der Sturm vom vorigen Abend hatte ausgetobt; die Wege waren leidlich getrocknet. So wanderte es sich gut.

Ohne es zu merken, war sie nahe an die Grenze von Schönlanke gekommen. Da sah sie einen Reiter auf schlankem Goldfuchs, dessen Gangart anzeigte, daß er im Augenblick seinem Herrn nicht zu gehorchen wünschte. Leonore erkannte Henry Fedders und beobachtete gespannt, wie dieser mit dem edlen Tier kämpfte, bis es ihm gelungen war, ihm den Meister zu zeigen. Er hatte nur einmal von fern gegrüßt und sich nicht stören lassen; jetzt ritt er heran und rief fröhlich: »Verzeih, Bäschen, daß ich nicht gleich zu Diensten war; aber dieser Bursche da mußte durchaus erst folgen.«

»Natürlich,« sagte Leonore, »ich habe mit Vergnügen zugesehen, wie es dir gelungen ist, Henry.«

Dieser sprang jetzt ab und winkte einem Knecht, ihm das Tier abzunehmen, worauf er an Leonores Seite trat.

»Ein reichliches Stück Arbeit war es mit dem Fuchs, so daß ich wohl einen kleinen Spaziergang in angenehmer Gesellschaft verdient habe. Darf ich dich begleiten, Nell?«

»Gern; ich gehe sogar spazieren, ohne vorher etwas geleistet zu haben.«

»Desto besser,« versetzte Henry neckend. »Da braucht man nicht immer so ungeheuren Respekt zu haben!«

»Hast du denn das sonst nötig, Henry?«

»Gewiß; ich sagte es dir neulich, wie ich dich als Gutsherrin bewundere, Leonore.«

Das klang aufrichtig, und das junge Mädchen fiel rasch ein: »Doch brachst du mit einem ›aber‹ ab, Henry; gewiß wolltest du etwas sagen, das die Anerkennung wieder abschwächte.«

»Durchaus nicht,« sagte er jetzt mit ernster Entschiedenheit. »Ich wollte hinzufügen: Du leistest viel und bist eine ganze Persönlichkeit geworden, Nell, aber – ist es denn darum nötig, daß du allein bleibst auf der geliebten Scholle? Könntest du dich nicht entschließen, einen Lebensgefährten zu nehmen – nicht, weil du ihn brauchst, weil du nicht allein fertig werden kannst – du hast uns ja schon das Gegenteil bewiesen! Nein, sondern weil es schöner sein kann, in Gemeinschaft zu arbeiten und zu streben und die Freude am Erreichten zu teilen. Glaubst du nicht daran, Nell?«

Sie war ein wenig rot geworden, und in den klaren Augen, mit denen sie zu ihm aufsah, stand kein »Nein«.

Sagen konnte sie nichts, denn sie hatten jetzt den Hof erreicht. Leute grüßten oder kamen mit einem Anliegen heran; so sagte die junge Herrin nur: »Begleite mich ins Haus, Henry!«

Drinnen in der gemütlichen Wohndiele des alten Herrenhauses hatte Mademoiselle eben den Frühstückstisch gedeckt. Als sie das Paar herankommen sah, stellte sie zu dem Tee, den Leonore zu trinken pflegte, schnell noch eine Flasche Wein und Gläser. Dann ging sie den beiden entgegen, die mit winterfrischen, frohen Gesichtern eintraten.

»Melle, meine liebe alte Melle,« sagte Henry gleich mit gewinnender Herzlichkeit, »dich hier zu wissen, ist doch ein wundervoll beruhigender Gedanke. Hast du denn etwas Gutes für deinen kleinen Henry? Nasse Füße bringt er nicht mit herein, wie einstmals so oft, denn er hat sich die meiste Zeit heute auf Rosses Rücken gehalten, was ihm einen rechtschaffenen Hunger einbrachte. Leonore, deine edle Herrin, hat mich zum Frühstück eingeladen.«

»Komm nur, mein kleiner Henry,« erwiderte die Schweizerin heiter, »du sollst alles finden. Nur ein paar frische Eier hol' ich noch, denn die schon gekochten wirst du nicht mögen. Herrin Leonore ißt die Eier hart!«

»Wie ungesund,« tadelte Henry in scherzendem Strafton.

Dann sah er sich in den behaglich schönen Räumen um, und an Leonores Schreibplatz stehen bleibend, sagte er ernsthaft: »Hübsch und traulich hast du es dir gemacht, Leonore, und überall sieht man Spuren deines Wesens. Man wäre wahrlich grausam, dich je von hier fortnehmen zu wollen, aus dieser deiner eigensten Welt. Ich täte das nie; ich bitte dich nur, laß mich mit heimisch werden auf deiner Scholle, und glaube, daß ich dich ehrlich lieb habe, dich und deine selbstgewählte Art von Lebensführung!«

Als Mademoiselle zurückkam, war gerade das entscheidende Wort gefallen, und der sorglich bereitgestellte Wein konnte bald seinen Zweck erfüllen. Henry hob sein Glas gegen Leonore und sagte in warmem Ton: »Grünweide!«

»In Lust und Leide!« erwiderte sie ebenso, und die alte Freundin schloß: »Vereint ihr beide!«

Mit dieser kleinen poetischen Feierlichkeit aber klang die Stunde nicht aus. Leonore bestellte ihr Pferd, einen schlanken, zierlichen Rappen, und auch Henrys Goldfuchs, der so lange auf dem Hof untergestellt war, wurde herbeigeführt. Melanie stand am Fenster und sah zu, wie die beiden sich leicht in den Sattel schwangen und zum ersten Male zusammen ins Dorf ritten.

Bild

Henry hob sein Glas gegen Leonore und sagte in warmem Ton: »Grünweide!«

Und wie damals, als der junge Verwalter und die Dorfschullehrerin sich als neues Brautpaar zeigten, wenn auch etwas bescheidener als diese beiden stolzen Reitergestalten, ebenso schnell verbreitete es sich heute wie ein Lauffeuer im Dorf: »Uns' gnä' Frölen will frigen (heiraten) – ganz gewiß, wie kriegen 'nen Herrn,« und die Konradsch, die mittlerweile die Uralte des Dorfes war, aber immer die liebenswürdig neckische Weise, sagte, aus der Tür des Armenhauses an die Reiter herantretend: »Dat 's ook man gaut (gut), gnä' Frölen, dat Sei sick bisunnen hebben (besonnen haben), un nich allein bliwen (bleiben) willen, as (wie) ümmer seggt würd (gesagt wird). Up 'n (auf einen) Hof hürt (gehört) 'nen Herr, un tau (zu) 'ne junge Dam' hürt 'n Mann. Un hei (er) –« sie plinkte schelmisch nach Henry hin – »wat nu de Brüjam (Bräutigam) is, hei kann sick sehen laten (lassen); wi mögen em (ihn) all tausamen (zusammen) liden (leiden).«

Leonore lachte froh, und Henry, der junge vornehme Hamburger, versicherte: »Mehr kann ich nicht verlangen, und du auch nicht, liebe Nell. Wenn ich diese Probe bestehe, bin ich stolz und fühle bereits so etwas wie Bodenständigkeit hier in Grünweide.«

»Du hast schon damals die Herzen hier gewonnen, Henry,« sagte Leonore im Weiterreiten, »als du zum ersten Male auf der Jagd warst; da schwärmten die alten Frauen für dich, und ich habe mir manche Neckerei von der Konradsch gefallen lassen müssen, die bestimmt weissagte, wir würden noch ein Paar.«

»Bist du denn nun zufrieden, daß sie recht behalten hat?« fragte Henry schalkhaft, worauf Leonore froh nickte und herzlich antwortete: »Ich will nicht mehr selbständige Herrin der Scholle sein, sondern teile gerne mit dir.«

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