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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Dreiunddreißigstes Kapitel: Lotte

Wie hatte sie in ihrer Freude darauf schon Wochen und Tage gezählt, ja, ganz wie ein Schulmädel in ihrem Anschreibebüchlein Striche gemacht, von denen sie täglich einen weglöschte!

Nun aber – seit kurzem versäumte sie dies vergnügliche Geschäft manchmal. Vergessen?! Doch wohl kaum, dachte sie ja täglich an ihre Lieben und an die Reise nach Holstein, wo sie des Bruders künftiges Heim kennen lernen und einrichten helfen sollte. Aber so reizvoll diese Aussicht war, Lotte schien es jetzt doch erwarten zu können.

Hamburg erschien ihr, jetzt gerade, wunderschön, ein ganz anderes Bild als im Winter, und auch ihr Leben in mancher Beziehung anders. Sie ging viel mit den Kindern ins Freie. Auch die beiden Knaben verschmähten es nicht, sich manchmal dem Fräulein und den kleinen Schwestern anzuschließen, denn Haralds erstes Urteil: »Die ist ja jung,« behielt seine wertvolle Geltung. Es war zu nett, wie vergnügt man mit »Fräulein« sein konnte, und wie sie für alles Anteil hatte, was sie draußen sah und hörte. Die beiden kleinen Ritter, die Lotte damals zuerst in Hamburg einführten, konnten noch sehr oft erklärend und belehrend auftreten, und das mochten sie natürlich sehr gern.

Besonders hing aber Dagmar bei diesen Spaziergängen an ihrem lieben Fräulein. Das arme Kind mit dem schwerfälligen Körper ermüdete ja leicht und fühlte sich oft unbehaglich im Vergleich mit den vielen gesunden Kindern, die es draußen auf den Spielplätzen traf, und mit denen Sigrid nur zu gern Bekanntschaft machte – immer neue. Dagmar hielt sich an Lotte und war dankbar, wenn sie nicht immer gemahnt wurde: »Geh, Dagmi, spiele auch mit – sei nicht so träge!«

Ihr Fräulein saß nie auf einer Bank und häkelte oder schwatzte mit Bekannten, zufrieden, wenn die Kinder sich andere Gefährten suchten. Fräulein wußte es immer von selbst, wenn die kleine Verwachsene nicht mehr gehen mochte; dann setzte sie sich mit ihr an ein stilleres Plätzchen, zog wohl ein Buch aus der Tasche, aus dem sie vorlas, oder erzählte etwas Hübsches, und das war eigentlich am nettesten. Fräulein konnte wunderschön erzählen! Am liebsten von Grünweide. Dagmar glaubte auch schon, daß dies Landgut etwas ganz Besonderes sei, und wenn sie hörte, Leonore Menkhausen wolle dort später für immer wohnen und wirtschaften, sagte sie altklug: »Nelli ist nicht dumm!«

Ja, altklug war sie, die kaum Neunjährige, und oft recht unkindlich, aber Lotte fand auch dabei den rechten Ton, weil sie eben ein Herz für das Kind hatte und mitleidig voraussah, was es im späteren Leben würde entbehren müssen.

So nahm sie ihm auch kleine naseweise Bemerkungen, die von Zeit zu Zeit wiederkehrten, nicht übel, sondern brach ihnen geschickt die Spitze ab. Einmal zum Beispiel erzählte Dagmar: »Du, heute war eine Dame bei Mama, die dich sonst noch nicht gesehen hatte; die sagte: ›Ihr Fräulein möchte ich nicht im Hause haben; die ist ja zu hübsch.‹«

Da lachte Lotte einfach hellauf und versetzte: »Wie gut, daß die Leute so verschiedenen Geschmack haben! Deine Mama findet das gewiß gar nicht, Dagmi.«

»Nein, Mama sagte: ›Ach, das ist Nebensache; sie ist jedenfalls eine sehr brauchbare Person.‹«

Nun lachte Lotte nicht, sondern dachte nur: »Wie kann man ein Kind derartiges hören lassen!« Als sie etwas still dazu aussah, sagte die Kleine: »Du, das war doch nicht böse von Mama gemeint? Brauchbar ist besser als hübsch, sagen die großen Leute immer, wenn sie mich trösten wollen.«

Ihr kleines unschönes Gesicht verzog sich kläglich, und die hohen Schultern zuckten, als wollte sie weinen. Da nahm Lotte sie rasch in den Arm und tröstete lachend. »Klein-Dagmi, wir wollen gar nicht an so was denken. Du wirst jetzt immer gesunder – wirst noch ganz groß, glaub' ich, und –«

»Aber nicht wie Sigi,« unterbrach die Kleine ängstlich, so daß Lotte schnell versicherte: »Nicht wie Sigi, aber mir ebenso lieb, wenn du gut und freundlich bist und nicht immer horchst und den großen Leuten nachsprichst, was du nicht verstehst.«

Indem gingen zwei Herren vorüber und grüßten. Der eine war Albert Menkhausen, der sich bald darauf von seinem Begleiter trennte und noch einmal zu dem Platz zurückkehrte, wo Lotte und Dagmar sich gemütlich eingerichtet hatten.

»Hier sitzen Sie, Fräulein Matersen?« sagte er freundlich, aber mit einem gewissen Ausdruck, als fände er es nicht leicht für das junge Mädchen, an diesem herrlichen Maitage, während alle Welt sich vergnügte, nichts anderes vorzuhaben, als jenes wenig liebenswürdige Kind hier draußen zu betreuen und zugleich auf die ungestüme Sigrid zu achten, die in kleiner Entfernung mit anderen Kindern spielte.

Er setzte sich einen Augenblick mit auf die Bank; aber als er Dagmars altklug forschenden Blick bemerkte, fing er an, mit Lotte Englisch zu sprechen. Sie antwortete gewandt, doch es schien ihr nicht recht. So stand er bald wieder auf und bat nur noch: »Darf ich meine Mutter von Ihnen grüßen und ihr Ihren baldigen Besuch versprechen?«

»Wenn es mir noch möglich ist,« sagte Lotte ernsthaft, »denn in acht Tagen reise ich.«

Am Abend erzählte Dagmar richtig ihrer Mutter von dieser Begegnung und schloß: »Dann sprach Onkel Albert Englisch – ich sollte es wohl nicht verstehen – aber Fräulein sah etwas böse dazu aus; da fing er wieder deutsch an. Mein Fräulein will eben vor mir keine Geheimnisse haben.«

Frau Konsul sagte nichts hierzu, sondern dachte nur still: »Fräulein ist wirklich sehr zuverlässig; man kann gar nichts gegen sie haben, sondern darf ihr unbedingt vertrauen.« Als daher Lotte in den nächsten Tagen bat, noch einmal zu Frau Mathilde Menkhausen gehen zu dürfen, gestattete Frau Konsul es freundlicher als sonst.

Es war kein hübscher Tag, und zum ersten Male sah Lotte das kleine Besitztum draußen an der Elbe im Regen. Aber Frau Mathilde begrüßte sie sichtlich erfreut.

»Gerade bei solchem Wetter muß man es sich drinnen um so gemütlicher machen,« sagte sie.

Als dann auch Albert etwas früher als sonst aus der Stadt kam, weil das Wetter weder zum Rudern noch Segeln nach der langen Kontorarbeit einlud, war er froh überrascht, das junge Mädchen bei der Mutter zu finden. Er war sehr lebhaft, beinahe etwas erregt, sagte aber nicht gleich, was ihn so beschäftigt hatte.

Unablässig schlug der Regen an die Fenster, und mit einiger Sorge dachte Lotte an den Heimweg. Da sagte Albert einfach: »Ich bin doch zum Schutz da, Fräulein Matersen. Übrigens – vorläufig denken wir noch nicht an Abschied,« worauf er sich schnell zu seiner Mutter wandte: »Aber wir, Mutter – beim Wort Abschied fällt mir ein: vielleicht tritt dieser Begriff bald an uns heran!«

Die Mutter stutzte, und Albert fuhr fort: »Onkel sagte schon vor einiger Zeit, daß einer von uns wegen unserer Aktien in Venezuela nach drüben müsse. Heute nun hat er bestimmt den Wunsch ausgesprochen, daß ich ihn bei dieser Sache vertrete. ›Ich mag nicht mehr reisen,‹ sagte er, ›du aber, mein Sohn, mußt dir den Wind noch ein wenig um die Ohren schlagen lassen, jenseits von Hamburger Kontor und Börse.‹«

Die Mutter war still. Sie hatte es kommen sehen, aber der Gedanke schreckte sie doch. Dann wiederholte sie im stillen des Geheimrats Worte: »Mein Sohn!« So stellte sich also der Schwager, der reiche, einflußreiche Mann, zu ihrem geliebten Einzigen? Das war nicht zu unterschätzen – das bedeutete Alberts Zukunft! Aber Übergänge waren natürlich durchzumachen; darauf mußte eine verständige Mutter gefaßt sein. Wie dachte er denn selbst darüber, der Sohn? Sah er froh aus?

In diesem Augenblick, ja! Er sprach mit Lotte, die er recht blaß fand, und ließ sich versichern, daß ihr nichts fehlte. Er fragte auch nach ihren Ferienplänen, wohin und wie lange die Reise gedacht sei; ja, er, dem nun sozusagen die ganze Welt offen stand, der über das Meer in die Neue Welt gehen sollte, schien doch noch viel Sinn zu haben für jenes holsteinische kleine Landgut, wo bald das junge Glück einziehen sollte, von dem Lotte so gern sprach.

Daß Albert Menkhausen ein gemütvoller Mensch war, wußte Lotte längst, aber heute schien es ihr wieder besonders deutlich hervorzutreten. Wie gut würde der sich mit Bruder Hermann verstehen, dachte sie. Aber würden sich die beiden je nahe kommen? Hermann blieb ja nicht länger in Grünweide, und wenn dort künftig die Herrschaft zum Besuch kam, war auch Albert nicht mehr dabei; der ging ja nach Amerika. Würde er wohl lange drüben bleiben?

Sie hatte es mit leiser, etwas trauriger Stimme gefragt, und Albert antwortete, daß das gar nicht zu berechnen sei.

»Wenn das Geschäft abgewickelt ist, um das es sich zunächst handelt – hoffentlich glatt und günstiger, als Onkel fürchtet – dann findet sich vielleicht was anderes. Wenn man einmal drüben ist, muß man jede Gelegenheit ausnutzen.«

Er reckte ein wenig die Arme, als lockte ihn wohl die weite Welt und das bewegte Leben; dann aber schien er plötzlich etwas anderes zu denken. Er trat näher zu Lotte, die ganz still saß, und sagte herzlich: »Wenn ich dann wiederkomme, hoffe ich, Sie nicht mehr im Ohlstedtschen Hause zu finden, Fräulein Matersen,« und als sie etwas erstaunt aufsah, erklärte er: »Ich meine, daß ich Sie inzwischen bald an einem Platz wissen möchte, wo Sie lieber sind und es etwas leichter haben.«

Lotte mißverstand ihn nicht, wenn er auch sagte, er wünsche sie nicht mehr in Hamburg zu finden. Albert meinte es ja gut mit ihr, und auch sie hatte heute ein deutliches Gefühl davon, daß ihr etwas fehlen würde, wenn unter den mancherlei Bekannten, die sie nun schon in Hamburg hatte, Nellis liebenswürdiger Vetter nicht mehr zu finden sein würde. Auch hier draußen im Elbhäuschen nur eine einsame Frau!

Aber die wollte sie dann erst recht besuchen, solange sie noch bei Frau Ohlstedt war; Frau Mathilde würde sich doch vielleicht freuen.

Ja, eben sprach sie es aus, und Albert fügte hinzu: »Es wird mir ein Trost und eine Beruhigung sein, meine Mutter manchmal durch Sie, Fräulein Lotte, abgelenkt zu wissen von einsamem Grübeln und – von der Sehnsucht nach dem einzigen fernen Sohn,« schloß er schelmisch, worauf Lotte versprach, treu das Ihre zu tun.

Endlich schlug die Stunde, daß man sich trennen mußte.

Albert brachte Lotte bis zur Haltestelle der Straßenbahn, die allerdings nicht sehr nahe lag, so daß sie noch etwa zehn Minuten im Regen gehen mußten. Eine Droschke oder gar ein Auto wollte Lotte nicht, denn »was würde Frau Konsul sagen, wenn ich so großartig daherkäme!«

Albert gab ihr recht, fand es auch selbst viel erfreulicher, sie noch einmal zu beschirmen, im wahren Sinne des Wortes, da es doch für lange Zeit das letzte Mal sein würde.

Ziemlich zuletzt sagte Lotte: »Morgen schreibe ich an Nell; darf ich wohl grüßen von Vetter Albert?«

»Ja,« entgegnete er, »oder noch lieber: von Ihrem Freund Albert! Das freut meine Base, ich weiß es.«

Als er dann zur Mutter zurückkam, sagte er sogleich: »Mutter, es ist mir ganz klar, und dir, glaube ich, auch, daß ich in Lotte Matersen meine künftige Frau zu finden hoffe. Aber ich habe ihr heute noch nichts gesagt. Jetzt vor der ungewissen nächsten Zeit – nicht wahr, das hältst du auch für richtiger?«

Die Mutter gab Albert recht. Sie war durch seine Mitteilung nicht überrascht, versprach ihm nur freudig, in seiner Abwesenheit das liebe Mädchen immer näher an sich heranzuziehen, solange es noch in dem fremden Hause blieb, und Lotte auch später nicht aus dem Sinn zu lassen. Dann aber trat die Abreise des Sohnes nach Südamerika mit Macht in den Vordergrund.

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