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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Fünfundzwanzigstes Kapitel: Edler Wettstreit

Der junge Verwalter kam von der kleinen Reise zurück, die er unternommen hatte, um Hinrich Stoppsack in jene Anstalt zu bringen. Als er gegen Abend durch das Dorf fuhr, schien es ihm, als hätte Fräulein Froben das allernächste Anrecht auf seine Erzählungen und Eindrücke. Aber er lenkte doch zuerst dem Hofe zu, wo unterdessen die Mutter seine Gedanken erraten und Botschaft ins Schulhaus geschickt hatte, ob Fräulein Froben heute zum Tee kommen möchte.

Marianne ging erfreut hierauf ein. Als nun die alte Frau und das junge Mädchen behaglich plaudernd beisammensahen, fuhr bald darauf der Wagen vor, und Hermann Matersen dachte schon bei seinem Eintreten: »O wie freundlich ist doch heute das Zimmer!«

Als er seine Mutter begrüßte, legte er ihr eine Hand auf die Schulter und sagte froh: »Nicht wahr, Mutting, das ist heute ein anderes Heimkommen wie vor zwei Monaten damals aus der Stadt?«

Glücklich nickte die Mutter, und Hermann fuhr fort: »Wie merkwürdig hell ist es übrigens heute hier! Hast du den neuen Brenner für die Hängelampe gekauft, wie wir schon mal besprachen?«

»Nein, Hermann, noch immer nicht,« entgegnete Frau Matersen, wobei sie heimlich dachte: »Die Helligkeit hat heute wohl andere Gründe,« und verstohlen lächelnd auf Marianne Froben sah, auf deren liebem Antlitz auch Hermanns Blick voll Ausdruck ruhte. »Die Lampe brennt aber wirklich sehr gut,« sagte Marianne etwas verlegen. »Ich will das nur gleich benutzen und meine Handarbeit nehmen.«

Sie zog eine Stickerei hervor, und »Schon bei Weihnachtsarbeiten?« fragte Hermann, welcher noch hin und her zu gehen hatte, ehe er sich zu den Damen an den Tisch setzte, um seine vielen Erlebnisse auszukramen.

Hinrich Stoppsack, der kleine »Reisende wider Willen«, hatte seinen Begleitern noch einigermaßen zu schaffen gemacht. Wenigstens versicherte der Gastwirt, daß er ihn ein paarmal kräftig habe festhalten müssen, weil er dachte, der Junge springe ihm im vollen Fahren vom Wagen. Nur die »Bebons« hätten ihn zu beschwichtigen vermocht.

Auf dem Bahnhof hatte dann der Wirt ihn an den Verwalter abgeliefert, und dieser, nachdem er seine Schwester hatte abfahren sehen, war nicht ohne Schwierigkeiten mit dem Jungen in den anderen Zug gestiegen.

»Und glauben Sie wohl, Fräulein Froben: erst der Dampf und Rauch, das Zischen und Fauchen, das eine nahe Feuerstätte ankündigte, machte ihn etwas lenksamer. Bei jeder Haltestelle achtete er nun darauf und fing sogar an, Fragen zu stellen!«

Marianne nickte; mit demselben Lockmittel hatte sie ihn ja gestern vorwärts getrieben, als er noch immer nicht fort wollte.

Nun erzählte Hermann noch von der Anstalt, wo er die besten Eindrücke gewonnen und sich im Gespräch mit dem Leiter des Hauses über alles mögliche unterrichtet habe. Man dürfe jetzt wohl guten Mutes sein und dem Jungen, wenn man ihn auch keineswegs vergessen werde, doch keinen Einfluß mehr auf die Gegenwart einräumen.

Dabei sah der junge Matersen so hell und freudig auf Marianne, wie noch nie, und die Mutter, wieder so flink wie früher aufstehend, sagte: »Ich will nur mal nach dem Abendessen schauen.«

Damit ging sie hinaus und dachte, während sie in der Speisekammer Schinken und Wurst aufschnitt, bloß an das liebliche Bild: ihr Sohn, freudig, beredt und mutig, und daneben das liebe kluge Mädchen, dem sie alle so dankbar zu sein hatten!

Hermann kam indessen wieder auf die hübsche Stickerei zu sprechen und auf Weihnachten. Marianne erklärte, dies Kissen habe vorläufig nichts mit Weihnacht zu tun; das sei eine kleine Hochzeitsgabe für Lehrer Langreuther. Er und seine Braut hätten so herzlich gebeten, ihnen doch wenigstens zum Polterabend »die Ehre zu geben«, daß sie es dem Kollegen nicht habe abschlagen können.

»Richtig, im November ist die Hochzeit,« sagte Hermann lebhaft.

Da trat gerade die Mutter wieder ein, und ihre großen, froh erschrockenen Augen zeigten an, daß sie beinahe einen Augenblick ihres Sohnes Ausruf anders gedeutet hätte. Aber nein, so schnell ging das doch nicht bei ihrem Manne! Sie ließ sich also nichts merken, sondern bat gleich zu Tisch, und wieder sagte Hermann fröhlich: »Das ist ein anderer Abend, Mutting, als damals, wo uns immer wieder die Suppe kalt wurde und du schließlich Teller und Terrine abräumtest.«

»Suppe?« fragte Marianne schnell und freundlich. »Pflegen Sie immer Suppe zu essen? Dann sollten Sie nicht meinetwegen eine Ausnahme machen; ich esse auch sehr gern Milchsuppe.«

Hermann lachte und fand das zwar sehr gemütlich, aber beteuerte zugleich: »Und ich trinke so sehr gern mal Tee, bekomme nur keinen außer Sonntags, und dann – ganz schwach: anders findet meine Mutter ihn ungesund.«

Recht spitzbübisch sah sein hübsches ernstes Gesicht dazu aus; die Mutter aber entschuldigte sich, sie könne nach starkem Tee nicht schlafen, und denke immer, daß es anderen Leuten auch so gehen müsse.

Marianne, die schon nach dem blanken Kessel auf dem altmodischen Kohlenfaß gesehen hatte, bat nun zutraulich: »Vertrauen Sie mir einmal die Teebüchse an, Frau Matersen?«

Da erhielt sie mit freundlichster Miene ein ganzes Schlüsselbund, und die kleine Weisung »Im Eckschrank oben links« genügte vollständig, um Marianne gleich darauf in anmutiger Geschäftigkeit am Eßtisch zu sehen.

Der Tee wurde gut. Hermann trank drei Tassen und sah so genau zu, wie er entstand, als wollte er sich die Kunst dieser geschickten Bereitung recht fest einprägen: dies Anwärmen des Teetopfes, das Angießen, Nach- und Abgießen, damit er nicht zu lange ziehe. Die Mutter wollte zwar behaupten, er würde »kein Auge zutun« nach diesem Teegenuß. Aber er versicherte nur heiter, das würde er wohl sowieso diese Nacht nicht tun, und das schade auch nichts; es wache sich jetzt mitunter ganz vergnüglich. Auch sei morgen Sonntag; da brauche er nicht so früh heraus.

»Und wir Schulleute auch nicht,« bemerkte Marianne und brachte das Gespräch auf Lotte, die an diesem Abend auch gewiß gern mit am Tisch säße, statt über den Schulbüchern. Die Mutter erwiderte, von letzteren wolle Lotte in neuerer Zeit nicht viel mehr wissen. Ob sie Fräulein Froben auch eingeweiht habe in ihre neuesten Gedanken?

»In denen Sie Lotte hoffentlich nicht bestärkt haben,« fiel Hermann rasch ein, und als Marianne nur ein wenig den Kopf schüttelte, setzte er hinzu: »Sie sind jedenfalls davon überzeugt, daß ich für meine Schwester mit Freuden sorge, solange es nötig ist, und an ihrer Ausbildung nichts sparen will oder muß.«

»Genau so sagte ich zu Lotte,« erwiderte Marianne sanft, und Hermann sah sie dankbar an.

»Trotzdem,« versetzte Frau Matersen bedächtig, »wäre es ja wohl zu überlegen, wenn sich eine derartige Stellung bieten sollte. Denn – ich kann es nicht leugnen – die Lotte ihr ganzes Leben lang unter Büchern und im Schulzimmer zu wissen, das will mir manchmal nicht in den Sinn. Sie sieht ja frisch und gesund aus, aber – besonders kräftig ist sie nicht, und die Kopfschmerzen, die sich in letzter Zeit häufiger einstellen, beunruhigen mich doch oft. Ein wenig mehr Abwechslung in der Beschäftigung wäre ihr gewiß heilsamer.«

»Das ist dann freilich ein anderer Standpunkt,« gab Hermann zu, worauf Marianne noch erwähnte, daß ihr Vater neulich geäußert habe: »Reizend hübsches Mädchen, die Matersen, aber recht zart!«

Nun sah die Mutter beunruhigt auf, und Marianne beschwichtigte schnell: »So ernst ist es nicht gemeint, liebe Frau Matersen; es kam vielleicht nur im Vergleich zu Leonore Menkhausen, von der mein Vater sagte: ›Straff und tatbereit von innen und außen, aber ein bißchen grobknochig und großzügig‹ – wie so Ärzte reden,« fügte sie gleichsam entschuldigend hinzu. »Vater sprach sonst mit großer Hochachtung von unserem Gutsfräulein!«

»Die ja auch ein trefflicher Charakter ist,« schloß Hermann mit Nachdruck, und damit endete für diesmal das Gespräch. Für Lotte aber war es mehr als das flüchtige Aufblitzen eines Gedankens gewesen. Sie wünschte ernstlich, den Bruder zu entlasten, denn es war ihr, als würde sie sonst seinem Lebensglück im Wege stehen. Nun sollte er endlich einmal für sich selbst sorgen, an eine andere Lebenseinrichtung denken; er sollte – oh, Lotte wußte ganz genau, was er sollte, wenn es nach ihr ginge! Und sie glaubte, daß das auch nicht zu weitab von seinen Wünschen liege!

So dauerte es gar nicht lange, da hatte sie fein und geschickt einen Brief an Frau Senator Fedders verfaßt und diese würdige, menschenfreundliche Dame gebeten, bei vorkommender Gelegenheit an sie zu denken – ihr einen Platz in Hamburg zu verschaffen, von dem sie glaube, daß ein zwar noch junges, aber von dem besten Streben beseeltes Mädchen ihn ausfüllen könne. Sie erinnerte an das Gespräch in Grünweide am Tage nach der Jagd und sprach die Hoffnung aus, daß Frau Senator noch ebenso urteile wie damals und ihre gütige Empfehlung nicht versagen würde.

Dieser Brief, so ernsthaft und bescheiden gehalten, verfehlte seine Wirkung nicht. Bald schrieb Frau Senator Fedders, der die gewinnende Erscheinung des jungen Mädchens noch deutlich vorschwebte, sie glaube, schon in kurzem eine Stelle für sie zu wissen. Ihre Schwägerin, Frau Konsul Ohlstedt, wünsche einen Wechsel in ihrem Hause vorzunehmen und würde sich zur Zeit selbst an sie wenden, wobei dann die näheren Bedingungen erörtert werden sollten.

Was nun »zur Zeit« bedeutete, war ja nicht klar; aber Lotte glaubte zu wissen, daß in Hamburg derartige Verpflichtungen von Monat zu Monat laufen.

So traf sie entschlossen ihre Vorkehrungen. Sie meldete sich zu Neujahr vorläufig im Seminar ab und wollte dafür einem Kursus für Weißnäherei beitreten, sowie ein wenig in einer Schneiderstube mitnähen, wenn für ein richtiges Schneidernlernen die Zeit zu kurz war.

Natürlich hatte sie in einem Brief nach Hause noch einmal diese Sache besprochen und die Einwilligung von Mutter und Bruder eingeholt. Nur, da der erste Brief nach Hamburg schon vorher geschrieben war, konnte Hermann es sich nicht versagen, etwas von »eigenmächtigem Vorgehen« zu bemerken.

Bild

Nicht ohne Rührung las Hermann den Brief.

Nun schrieb Lotte erschrocken zurück, bat bei dem brüderlichen Vormund um Verzeihung und versicherte noch einmal zärtlich: »Manne, es ist ja hauptsächlich deinetwegen – versteh das doch! Hätte ich noch viel Worte vorher darüber gemacht, hättest du doch nur abgeraten, aber geradezu verbieten wirst du es mir nicht. Laß mich es nur mal versuchen, ob ich schon was nützen und – verdienen kann!«

Nicht ohne Rührung las Hermann diese Briefstelle, und die Mutter sagte: »Sie meint es ja wirklich gut, und ich – nun du weißt, ich habe nichts dagegen, wenn sie einmal etwas von den Büchern und der Schule abkommt.«

»Na ja, aber doch nicht meinetwegen,« brummte Hermann.

Frau Matersen lächelte.

»Sie hat wohl so ihre besonderen Gedanken, meine Junge. Sieh mal, als kürzlich Neuhof wieder verpachtet werden sollte und ich so hinwarf, das wäre vielleicht was für dich, wenn die Pachtsumme nicht zu hoch angesetzt würde – da konnte Lotte gar nicht von dieser Angelegenheit wieder abkommen. Sie wollte genau die Summe wissen, und um wieviel sie dir zu hoch sei – ob das Gut dir sonst recht und nicht zu klein sei – schließlich kam sie mit der Ansicht heraus, daß sie und ihre Ausbildung dich am Fortkommen hindere, und das leide sie nicht; du solltest glücklich werden, solltest heiraten – – ganz aufgeregt war sie, und nun siehst du, wie ernst es ihr war!«

Mit langen Schritten ging Hermann im Zimmer auf und ab und sagte vorläufig nichts. Endlich blieb er bei der Mutter am Nähtisch stehen.

»Mutter, vor einigen Monaten wäre ich gern von hier fortgegangen – das weißt du – die bösen und dummen Redereien hätten mich vertreiben können. Aber ich wollte die Stelle hier nicht fahren lassen; so einträglich und auch sonst angenehm findet man sie nicht alle Tage, und – ich stehe doch nicht für mich allein da – ich habe für Liebes zu sorgen in euch beiden!«

»Eines Tages wirst du Lieberes haben als Mutter und Schwester – so meint es Lotte, und – so meine ich es auch!«

»Mutter –– «

»Es ist das Natürliche, mein Sohn, und das, was für uns die größte Freude bedeuten würde. Darum ist es begreiflich, daß wir beide auf unsere Art darüber nachdenken. Hier in Grünweide, meine ich, kannst du nicht jahraus, jahrein mehr bleiben, obwohl jene Gründe, die du erst nanntest, jetzt wegfallen –«

»Gottlob,« warf Hermann ein, und seine Augen leuchteten, während er an die liebe kluge Helferin im Schulhause dachte.

»Du hast mir öfter die Ersparnisse genannt, die du hier jährlich zu machen pflegst. Glaubst du nicht, daß es nun bald dazu reichen könnte, ein kleineres Gut anzufassen, wenn die Bedingungen günstig sind, und wenn du daneben für niemand zu sorgen hast? Ich zum Beispiel –«

»Mutter, was willst du sagen?«

»Nichts Schlimmes, mein Sohn – leben möcht' ich noch gern ein wenig, wenn Gott so will –«

»Mein Mutting!«

»Aber ich könnte ja hier bleiben, einem neuen Verwalter die Wirtschaft führen und die gutbesoldete Stelle der Kastellanin im Herrenhause versehen; wenn dann auch Lotte eine auskömmliche Stelle in Hamburg hätte – –«

Jetzt nahm der Sohn das Gesicht der alten Frau in beide Hände.

»Mutting, soll ich gleich ins Schulhaus gehen?« fragte er schelmisch zärtlich.

Sie verstand ihn und antwortete schlicht: »Mir wäre es recht und lieb.«

Aber Hermann ging nicht, vielmehr setzte er sich an den Schreibtisch, um Lottes Brief zu beantworten.

»Versuche also dein Heil, Schwesterchen – ich tue es auch! In der Schule ist ja das Fragen erlaubt, und die Antworten, die es da gibt, müssen einem heilsam sein, so oder so.«

Dies schrieb er, zum Entzücken seiner Schwester. Aber so mutig es auf dem Papier sich auch ausnahm, er zögerte doch noch!

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