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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Zweiundzwanzigstes Kapitel: Freude überall

Am anderen Morgen war Lotte Matersen schon früh auf und husch, hinüber zu ihrer Freundin. Die lag noch im Bett, im wohligen Nachgenießen des vergangenen Tages. Da ging stürmisch die Tür; Lotte, die vom Stubenmädchen überall und zu jeder Stunde beim jungen »gnädigen Fräulein« vorgelassen wurde, flog herein und setzte sich auf den Bettrand.

»Nell, ich habe ja kaum schlafen können – das Geheimnis drückte mir fast das Herz ab, weil ich bis heute damit warten mußte!«

»Na, da schieß doch endlich los,« sagte Nelli und reckte sich noch etwas schlaftrunken.

»Ach, sieh nicht so schläfrig aus –« sie schüttelte die Freundin geradezu an den Schultern – »wach doch auf! Das Feuer –«

»Was? Brennt es etwa schon wieder?«

»Nein, aber wir wissen jetzt, wer es getan hat! Denk nur, Fräulein Froben –«

»Lotte, du faselst!«

»Aber nein, Nell, höre doch nur! Also, Marianne Froben hat es 'rausbekommen – hat einen schrecklich verwahrlosten, halb blödsinnigen Jungen zum Geständnis seiner Untat gebracht!«

»Wie heißt er?« fragte Leonore streng, und dann: »Solche Kinder gibt es in meinem Dorf?! Lotte, Lotte, ich werde viel zu tun haben unter meinen Leuten!«

Lotte hatte die Freundin im Arm und wiegte sie hin und her.

»Kleine Nell, wie alt bist du eigentlich neulich geworden? Du sprichst so großjährig!«

»Ich komme mir auch fast so vor, weil Papa gestern sagte, das Gut soll mir allein gehören, wenn ich an meinem einundzwanzigsten Geburtstage noch genau so denke wie jetzt. Nun, daran ist ja kein Zweifel; also habe ich gewissermaßen schon heute das Gut und bin großjährig. – Aber nun erzähle doch von jenem kleinen Unhold! Ich brenne ja vor Neugierde! Da ist er also wieder an einem Feuer schuld? Erzähle!«

»Ja, kann ich denn?« sagte Lotte bedächtig. »Läßt meine liebe Nell mich zu Wort kommen?«

Nelli legte sich in die Kissen zurück und versetzte: »Beinahe wird es zu viel auf nüchternen Magen – aber es geht nicht anders!«

Nun endlich kam Lotte zu Wort und trug die ganze Begebenheit in Fräulein Frobens kleiner Küche höchst anschaulich vor, mit all den Kartoffelpfannkuchen, dem Eingemachten, aber alle Augenblicke unterbrechend »und diese kluge Marianne« oder »diese süße Marianne«, bis Neil entschlossen sagte: »Höre, ich stehe jetzt auf und frühstücke schnell; dann, ehe jemand von den anderen Langschläfern erscheint, laufen wir ins Dorf. Die Heldin im Schulhause muß doch gefeiert werden!«

»Das konnte ich mir denken,« rief Lotte, »aber du, sie mag so was nicht – ebensowenig, wie mein Bruder!«

»Der – natürlich, das weiß ich noch, daß er einmal gesagt hat, äußere Ehrungen nützten ihm nicht; das sähe aus, als wollte man seine innere Ehre damit wieder weiß waschen. Hör mal, Lott', es war eigentlich zu dumm, daß überhaupt ein Mensch je glauben konnte, dein Bruder habe irgendwas mit dem Feuer zu tun!«

»Das find' ich auch,« entgegnete Lotte kurz, und dann half sie Leonoren, die jetzt gar nicht schnell genug in die Kleider schlüpfen konnte.

Wirklich gelang es den beiden Mädchen, unbemerkt aus dem Hause zu kommen; Nelli ließ sogar den Kaffee im Stich, weil sie schon Herrenstimmen im Eßzimmer hörte.

»Wirtin gespielt habe ich gestern genug, nun mag Tante Pine wieder allein das Vergnügen haben. Ich gehe einfach durch.«

»Gut, daß du doch noch nicht ganz großjährig bist, Neil,« spöttelte Lotte schelmisch; dann liefen sie die Dorfstraße entlang.

»Ob sie wohl schon auf ist? Sie hat ja Ferien – schläft vielleicht auch mal lange!«

Nein, am Schulhause standen schon die Fenster offen; die Morgensonne fiel ins Wohnzimmer, und auf dem Herde brannte Feuer. Die Lehrerin kochte gerade ihren Kaffee.

»Dürfen ein paar hungrige Wanderburschen mit frühstücken?« rief Leonore übermütig hinein. »Es riecht hier so gut, und mein Magen ist so leer, Geistiges und Seelisches kann ich wirklich nicht mehr vertragen – erst einen Schluck Kaffee! Bitte, bitte!«

Freundlich trat ihnen die Lehrerin entgegen und fragte: »Was hat Sie denn so früh auf die Landstraße getrieben, Fräulein Menkhausen?«

Dabei stellte sie schon zu ihrer einsamen Tasse zwei weitere, und Nelli sprudelte weiter: »Was? Fragen Sie lieber wer? Herausgerissen aus Morpheus Armen hat mich diese grausame Lotte, aber wer dahinter stand, das ist die Heldin aus dem Schulhause, der Untersuchungsrichter am Herd.«

»Nun trinken Sie nur erst ein Schlückchen,« warf Marianne ein und zog die Übermütige an den Tisch im Wohnzimmer. »Viel ist ja nicht da zum Frühstück, nur Brot und Butter – leider kein Honig, da ich noch kein richtiger Schulmeister mit einem Bienenstock bin, aber –«

»Hören Sie, das ist nun wieder reizend gesagt,« Leonore lachte – »Schulmeister – Bienenstock – überhaupt, Fräulein Froben, Sie –ich muß Ihnen notwendig eine schwärmerische Erklärung machen! Sie sind das zwar gewohnt, denn Lotte Matersen wird das wohl alle Tage tun, aber bitte – kommen Sie, lassen Sie sich auch von mir einen Kuß gefallen! Ich bin doch Ihre Gutsherrin!«

Damit hatte sie die Lehrerin in beide Arme genommen, küßte sie herzlich und sprudelte weiter: »Wie Sie das gemacht haben! Einfach großartig! Lotte hat mir ja alles haarklein beschrieben –«

»Und ist doch nicht dabei gewesen,« warf Marianne ein.

»Einerlei, sie hat's begriffen, und ich auch, und ich finde, Sie verdienen einen Orden, Fräulein Schulmeisterlein! Was wohl die klugen Herren Juristen in der Stadt sagen werden? Von einem jungen Mädchen übertroffen zu sein!«

»Ach, Fräulein Nelli, lassen wir die Richter ganz aus dem Spiel: die konnten eben nicht ahnen –«

»Sie hätten ahnen müssen, daß ein Mann wie Hermann Matersen nie verdächtigt werden durfte,« behauptete Leonore.

»Oh, Fräulein Nelli, vor Gericht gibt es kein Ansehen der Person. Aber ich fand es ja allerdings auch völlig naturwidrig, und darum ließ es mir keine Ruhe; ich sann und forschte – sowie ich den allerkleinsten Anhalt in Gedanken hatte, ließ ich Hinrich Stoppsack nicht mehr los.«

»Das war ja eben das Schlaue! Wie kamen Sie nur darauf, Fräulein Froben?«

»Ja, sehen Sie, Fräulein Leonore, da setzt es eben ein, das geheimnisvolle Walten innerer Kräfte – für die man gar nicht verantwortlich ist! Wie eine Eingebung war es, daß ich von vornherein dachte: ›Diesen Jungen darfst du nicht aus den Augen lassen. Gewinnst du über den nur den geringsten Einfluß, ist das vielleicht mehr wert, als wenn die anderen dreißig aufs herrlichste Lesen und Schreiben lernen.‹ Oh, ich war ja immer schon überzeugt, daß es damit in meinem Beruf nicht abgetan sein darf, und ich bin so dankbar, daß ich meinen ganzen Ernst für diese Sache zu bekunden vermochte. So viele haben mich nämlich nicht begriffen; sogar meiner eigenen Mutter ist es noch immer schwer, daß ich mir diesen Platz wählte. Aber jetzt will sie kommen und alles kennen lernen, meine Arbeit und meine Freuden –«

»Und Ihre Freunde,« setzte Nell warm hinzu.

Da erschien gerade vor dem offenen Fenster der Postbote und meldete: »Ein Brief für Fräulein Froben.«

Marianne sprang auf, und die Schrift erkennend, rief sie froh: »Von Mama!« Schnell öffnete sie und verkündete: »Morgen mittag kommt sie.«

Freundlich nahmen die jungen Mädchen teil, und Leonore bot sofort an: »Darf ich Ihnen etwas für die Küche schicken? Wir haben ja so schöne Braten von der Jagdbeute. Und vor allen Dingen sagen Sie, mit welchem Zuge Ihre Frau Mutter kommt, daß ich einen Wagen für sie bestelle! Lotte, erinnere daran, daß wir gleich mit deinem Bruder sprechen; der Herr Verwalter hat ja doch die eigentliche Macht über die Pferde. Und was meinen Sie, Fräulein Froben, fährt Ihre Frau Mutter wohl im offenen Wagen, oder soll lieber der kleine, halbgedeckte genommen werden?«

»Sie sind wirklich zu freundlich, Fräulein Leonore,« sagte Marianne gerührt. »Ich dachte, mir das Stuhlwägelchen vom Wirt zu bestellen – aber wenn Sie es so wollen, wie Sie sagen –«

»Dann also Landauer,« entschied Leonore rasch. »Das Wetter ist schön, und im Notfall kann er zugemacht werden. Und nun – bei dem Wagen fällt mir ein, ich glaube, wir müssen schleunigst nach Hause, Lotte – ich wenigstens, denn einige unserer Gäste wollten heute abreisen. Himmel, wie wird man sich am Kaffeetisch über meine Abwesenheit gewundert haben!«

Wirklich war es viel später geworden, als die drei jungen Mädchen vermuteten. Vor dem Herrenhause stand schon ein Wagen angespannt, der einige der Gäste zur Bahn bringen sollte, denn die alten Herren trieb es jetzt zu Kontor und Börse zurück, nachdem sie ein paar Tage die ländlichen Freuden genossen hatten.

Leonore kam noch gerade recht, um von Onkel Fedders eine kleine Abschiedsrede entgegenzunehmen.

»Das sage ich dir, mein Deern: wenn du erst hier auf dem feudalen Landsitz thronst, dann vergiß deinen alten Onkel nicht! So eine Jagd wie gestern – alle Wetter!«

Henry, der vom Bock aus kutschieren wollte, sah Leonoren auch schon ungeduldig entgegen und rief: »Was ich dir noch vorschlagen wollte, Nell: später mußt du hier richtige Hetzjagden einrichten! Es ist ja das schönste Gelände dazu, die Heide hinter dem Eichhorst! Lege dir nur beizeiten eine gute Meute zu, und wenn du dann wieder befiehlst, erscheinen wir alle im roten Frack, nicht wahr? Und nun, leb wohl für diesmal – es waren prächtige Tage!«

»Es freut mich, das; es dir bei uns gefallen hat,« sagte Leonore. »Nicht wahr, Grünweide ist es wert, daß ich einst dafür leben und sterben will?«

»Na, ich weiß nicht,« versetzte Henry Fedders, »Hamburg ist doch auch nicht zu verachten!«

»Ja, für euch,« rief Nelli, »aber was soll unsereins dort anfangen!«

»Kinder, beeilt euch mit dem Abschied,« mahnte Konsul Röding. »Wir erreichen den Zug sonst nicht, und die Börse ist geschlossen, ehe wir in Hamburg ankommen. Leb wohl, kleine Nell – wo hast du übrigens so lange gesteckt? Noch in den Federn?«

»O bewahre,« eiferte Nelli, war aber froh, nichts mehr erklären zu müssen.

Jetzt zogen die Pferde an; gleich darauf rollten zwei der Wagen mit ihren Insassen vom Hof.

»Wie gut, daß du noch bleibst, Papa! Ich habe dir ja eine Welt zu erzählen,« sagte Nell und hing sich an den Arm des Vaters.

»Oho,« neckte dieser, »wird denn dieser eine Tag dazu reichen? Und heute, mein Deern, mußt du dich auch recht niedlich den alten Damen widmen!«

»Ach, die sind ja noch hier; das hätt' ich beinahe vergessen!«

»Ei, ei, Nell – Gäste vergessen, nicht am Kaffeetisch erschienen – was ist mir das für eine Gutsherrin!«

»O Papa, noch bin ich Lehrling! Verzeihe, und nun komm, ehe uns wieder jemand stört!«

Sie zog ihren Vater in dessen Privatzimmer, um endlich ihre große Neuigkeit loszuwerden. Das mußte natürlich unter vier Augen geschehen; konnte denn jemand wissen, oh die Hamburger überhaupt daran Anteil nahmen?

Papa sah selbstverständlich die ganze Wichtigkeit jener Entdeckung Fräulein Frobens ein; aber wenn Leonore immer wieder darauf zurückkam, daß Herr Matersen nun endlich völlig makellos dastände, sagte er doch bedächtig: »Nun, nun, mein Deern! übertreibe nicht! Geglaubt hat kein Mensch etwas Ehrenrühriges von unserem jungen Freund! Einmal vor Gericht sich verantworten hat schon mancher müssen, der es sich nie träumen ließ! Ich glaube sogar, wenn der junge Mann sich etwas mehr Mühe gegeben hätte, den angedeuteten Verdacht sofort zu entkräften, es hätte ihm gelingen müssen.«

»Dazu war er zu stolz,« erwiderte Nelli ungestüm und wurde dunkelrot, so daß der Vater sie forschend ansah und dann bedächtig fragte: »Na, was vergab er sich denn, wenn er ein paar Worte mehr machte? Seine hartnäckige Zurückhaltung bei den Aussagen wird die Richter nicht für ihn eingenommen haben.«

»Aber was sollte er denn sagen, Papa?« rief Nelli wieder erregt. »Ich an seiner Stelle hätte es auch nicht anders gemacht!«

»Das hättest du wahrscheinlich doch, Lütting, denn die Frauenzimmer können nicht so gut den Mund halten. Hm?«

»Na ja, Papa, ich kann ihn auch jetzt nicht halten, muß noch mal fragen: Wie sollte Herr Matersen sich denn verteidigen, wenn sie ihm auf den Kopf zusagten: ›Sie waren an dem Abend allein auf dem Hof, hatten einzig die Verantwortung; wenn kein Brandstifter gefunden wird, bleibt noch die Möglichkeit der Verwahrlosung irgendwie –‹. Siehst du, das hat natürlich dieser gräßliche August Bantzkow aufgebracht! O Papa, daß man Verleumder nicht auch vor Gericht fordert!«

Immer erstaunter horchte Herr Menkhausen. Daß seine Tochter in dieser Sache so genau Bescheid wußte! Wahrlich, der junge Verwalter hatte zwei weibliche Anwälte, die sich sehen lassen konnten! Die Lehrerin – alle Achtung, die hatte ihre Sache gut gemacht! Nun fragte es sich, was weiter geschehen sollte mit jenem unglücklichen Jungen. Wahrscheinlich mußte jetzt ein Arzt zu Rate gezogen werden. Na, das alles zu überlegen, dazu war ja noch der ganze Tag übrig; am folgenden mußte er unwiderruflich nach Hamburg. Allzulange schon meinte er in diesem Herbst den Gutsbesitzer zu spielen.

Nun aber wollte er zunächst den Verwalter aufsuchen und ihm seine Freude aussprechen, daß sich alles so geklärt habe.

»Nicht wahr, so meint es meine kleine Nell doch?« schloß er freundlich und schob sie hinaus.

Freudige Stimmung herrschte im Verwalterhäuschen, wenn sie sich auch nicht in vielen Worten äußerte. Um Jahre verjüngt erschien die Mutter, und keinmal konnte sie an ihrem Sohn vorbeikommen, ohne ihm etwa über Arm und Hand zu streichen, oder ihm tief in die Augen zu schauen, bis Hermann endlich etwas reuevoll sagte: »Nun sehe ich erst, wie ich dich gequält haben muß, Mutter – bist deinem Schwarzseher von Sohn gewiß recht gram gewesen! Hab' ich übertrieben, Mutting?«

»Vielleicht,« gestand sie leise, »aber ich kann es dir nicht verdenken.«

»Na, das ist nun vorbei,« erwiderte er und reckte die Arme, »nun kommen wieder andere Zeiten.«

In seiner Stimme war es wie ein heimliches Frohlocken, fast so, als hätte er noch einen anderen Grund zur Freudigkeit als diesen, den alle wußten.

Daß es ihn den ganzen Tag über nie lange an einer Stelle litt, fiel ihm selber auf. So faßte er nachmittags seine Schwester ab, die auch nicht recht mit sich hinwußte, da Leonore sich nun endlich den noch weilenden Gästen widmen mußte, und schlug ihr einen weiten Gang über Feld vor. Froh hing sich Lotte an seinen Arm und konnte kein Ende finden, immer wieder von Fräulein Froben und ihrer menschenfreundlichen Tat zu sprechen.

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