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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Einundzwanzigstes Kapitel: Nachjagd

Wie sie so sann und träumte, wurden ihr doch allmählich die Augenlider schwer. Sie schlief fest ein und erwachte erst, als wiederholt rasches Räderrollen auf der Dorfstraße klang und etliche Herrschaftswagen dem Gutshofe zufuhren. Das waren die Damen aus der Nachbarschaft, die zur sogenannten »Nachjagd« kamen.

Marianne war schnell munter und sah erschrocken nach der Uhr. Höchste Zeit zum Ankleiden! Sie hatte ja eigentlich recht früh dort sein wollen, um nicht allein in eine versammelte Gesellschaft treten zu müssen. Das war nun verpaßt, aber schließlich – Lotte Matersen würde sich schon ihrer annehmen, wenn es auch im Grunde lächerlich erschien, daß eine selbständige Lehrerin sich einem Backfischchen an den Rock hängen wollte! Aber die Tochter des Hauses war ja so freundlich und entgegenkommend; die würde sie wohl auch heute nicht ganz übersehen!

Unter solchen Gedanken kämmte und flocht Marianne ihr schönes dunkelblondes Haar und legte das weiße Kleid an, das die Mutter ihr auf die neulich geäußerte Bitte schnell hatte machen lassen. Es paßte genau und war recht nach ihrem Geschmack: einfach und doch anmutig der Mode angepaßt; damit konnte sie sich in jedem Kreise sehen lassen.

Aber ein kleiner Schmuck gehörte doch wohl dazu. Eine frische Blume war wohl das am besten geeignete; sie mußte sehen, was sie noch im Gärtchen fand.

Nur Reseden und Astern – das patzte ihr nicht, sah zu herbstlich -ernsthaft aus. Da fiel ihr Blick auf die alte Eiche im Winkel des Schulgartens, auf die sie immer so stolz war. Die trug schon braun und rötlich gefärbtes Laub, jedoch auch noch einzelne ganz frische Triebe.

Schnell pflückte sie eine Handvoll; das gab vielleicht den passendsten Schmuck für den heutigen Tag. Farbig, halb verwittert und ganz jung und maigrün gemischt, stak dann das Sträußchen im Gürtel ihres weißen Kleides.

Als sie bald darauf in die Gesellschaftszimmer des Herrenhauses trat, kam ihr Leonore herzlich entgegen und stellte sie den älteren Damen vor, worauf dann sehr bald die Aufforderung zur Tafel erfolgte.

»Oho, Wild erlegt? Wer hat denn Sie mit dem Eichenbruch geschmückt, mein Fräulein?«

Mit diesen Worten näherte sich Geheimrat Menkhausen behaglich schmunzelnd der jungen Lehrerin. Diese errötete ein wenig in dem Gedanken, man könne es anmaßend finden, daß sie sich mit dem Abzeichen des glückhaften Jägers geziert habe. Aber so war die Bemerkung nicht gemeint, vielmehr setzte er noch hinzu: »Wir machen heute bunte Reihe wie in Ihrem Strauß – setzen jung und alt durcheinander. Da müssen Sie mir erlauben, Sie für eine Weile dem jugendlichen Kreise zu entführen, denn es scheint mir die erste und beste Gelegenheit, auch endlich die Leiterin meiner Dorfjugend kennen zu lernen, für die meine Tochter schon solch warme Anteilnahme hat.«

Damit bot der liebenswürdige alte Herr ihr den Arm und führte die Erschrockene weitab vom unteren Ende der Tafel, auf den Platz zwischen dem Hausherrn und dessen amerikanischem Freunde!

»Sehen Sie,« bemerkte er noch gutgelaunt, »meine Nell muß sich auch von einem alten Graubart führen lassen; später können Sie beide sich schadlos halten. Prosit, meine Deern! Siehst du, hier hab' ich deine neueste Freundin!«

Damit trank er seiner Tochter zu, die lachend und strahlend zu Marianne herübersah, so oft der alte Herr von Dahlen ihr Zeit dazu ließ. Der Nachbar aus Schönlanke hatte, wie er selbst sagte, »einen Narren an der kleinen Menkhausen gefressen«. Ihre Begeisterung für das Landleben, ihre ernsten Absichten für die selbsttätige Bewirtschaftung des schönen Gutes gefielen ihm, und die kindlichvergnügte »Geburtstagsfeier im Backfischkasten«, von der seine Emmi ihm erzählte, hatte ihm viel Spaß gemacht; all das schienen ihm Zeichen von gesunder Mischung im Wesen des jungen Mädchens. Er redete allen Ernstes mit ihm über Landwirtschaft und versprach auch für die Zukunft allzeit seinen nachbarlichen Rat.

Leonore war sehr vergnügt und empfand keinen Neid, wenn sie an das sogenannte »junge Ende« der Tafel blickte, wo Lotte mit Vetter Albert in angeregter Unterhaltung sah, wo das gebrochene Deutsch der Amerikanerin stets neue Heiterkeit verursachte.

Amy Rodberts wurde noch immer geneckt, daß sie Henry Fedders so einfach hatte »nehmen« wollen, und der junge Hamburger wiederum mußte sich allerlei Anfechtungen gefallen lassen, daß man solchen Sieg ihm noch streitig zu machen gesonnen sei.

Alles flehte dann, Miß Amy solle nach Tisch noch einige Aufnahmen mit Blitzlicht machen; aber sie sagte ruhig und bestimmt: »Unter keinen Fällen mehr heute!«

Neues Lachen, ein neues geflügeltes Wort: »Unter keinen Fällen!«

Es war eigentlich unglaublich, wie harmlos lustig es hier zuging, aber es war die natürlichste Vorbereitung auf das »Tänzchen«, das es später geben sollte.

»So ganz aus dem Stegreif,« sagte Herr Menkhausen, »denn was anderes als eine Treckfidel habe ich auf dem Dorf nicht zur Verfügung.«

Was das nun wieder sei, wollte Amy wissen, und bemühte sich, »Treckfiedel« zu sagen. Dabei geriet das T ein wenig zu weich, was wieder als lustiger Witz angesehen wurde. Man suchte nun der Fremden das Instrument zu erklären, fand es aber schließlich am bequemsten, jenen Knecht, der die Handharmonika so künstlerisch zu handhaben wußte, schon jetzt in den Saal zu entbieten.

Kaum waren die ersten Walzertakte erklungen, sehr flott und doch gefühlvoll, als ein allgemeines Stühlerücken begann. Die alten Herren brachen ihre schönsten Jagdgeschichten ab und wandten mit listigem Schmunzeln sich dem jüngeren Teil der Gesellschaft zu.

Schnell ordneten sich die Paare zu vorläufigem Rundgang durch die Zimmerflucht, die an den Eßsaal stieß, während dort die Dienerschaft die Tafel in Geschwindigkeit nicht nur abräumte, sondern ganz beiseite schaffte, damit Raum zum Tanzen werde.

Noch aber trat die Gesellschaft erst einmal durch die Glastür hinaus, um von der großen Freitreppe aus »die Strecke« zu besichtigen. Eine helle, kühle Mondnacht lag über dem herbstliche Düfte hauchenden Garten. Schwarze Schatten der uralten Bäume fielen über die hellen Kieswege; im weißen Mondglanz streckten sich die schlanken braunen Körper des erlegten Wildes, und das Herz manches Jägers klopfte hochauf, wenn er in Gedanken aus der Menge seinen Bock heraussonderte, oder gar, wie Henry Fedders, auf das stolze Hirschgeweih Anspruch erheben durfte, das ihn zu seinem eigenen Staunen zum Jagdkönig dieses schönen Herbsttages gemacht hatte.

Die meisten der Damen äußerten sich über die Jagd mit großer Sachkenntnis, und Amy Rodberts wunderte sich, warum denn sie nicht mit der Büchse bewaffnet mitmachten. Leonore aber dachte etwas kleinlaut: »Schießen werde ich nie lernen. Gut, daß es in hiesiger Gegend nicht Bedingung unserer Kreise ist!« Auch Lotte machte es mehr traurig, die gebrochenen Lichter der schlanken Rehe im Mondschein zu sehen; sie wäre am liebsten seitab in den Garten gegangen, wurde aber im Gespräch festgehalten, bis die Tanzweisen der Handharmonika wieder ins Haus lockten.

Zu Marianne war Hermann Matersen getreten, der ihr im Gesellschaftsanzug eine ganz neue Gestalt deuchte. Auch er sagte etwas über ihr Eichensträußchen, worauf sie schlagfertig erwiderte: »Wer weiß denn, ob ich heute nicht auch ein Wild zur Strecke gebracht habe, dem ich schon lange zu Gefallen ging!?«

Hermann lachte.

»Sie wollen sich nicht auf die Jägersprache verstehen? Das war doch eben tadellos weidgerecht ausgedrückt!«

Aber Marianne lächelte nicht mehr, sondern dachte an Hinrich Stoppsack, hinter dessen unseliges Geheimnis sie heute gekommen war, und sie meinte, keine solchen scherzenden Vergleiche anstellen zu dürfen, wie eben jetzt. Sie hoffte diese Sache noch in allem Ernst gegen Herrn Matersen zu berühren; aber jetzt war nicht der Augenblick dazu.

Bild

Der Tanz hatte begonnen; jeder Herr holte seine Tischdame.

Der Tanz hatte begonnen. Jeder Herr holte seine Tischdame wieder, aber Herr Menkhausen sagte im Vorbeigehen munter: »Mein junger Verwalter darf mich vertreten. Nimmt er mir treulich so viel Lästiges und Schwieriges ab, mag er auch einmal beim Vergnügen den Vorrang haben. Los, lieber Matersen!«

Der liebe alte Herr ging weiter. Er hatte sich bei Tische vorzüglich mit der Lehrerin unterhalten, Einblicke in ihr Leben wie in ihre Auffassung von der neuen Tätigkeit getan und sich daran gefreut. Mehr wollte er nun für heute nicht und dachte verständnisvoll: »Jetzt Jugend zu Jugend!«

Am erregtesten von den Tanzweisen war vielleicht Lotte Matersen, denn es war das allererste Mal, daß sie in einer richtigen Gesellschaft und mit wirklichen Herren tanzen sollte. Gelernt hatte sie es nie, aber musikalisch und voll angeborener Beweglichkeit, wie sie war, schien es ihr selbstverständlich, daß man es könnte, und kein neuer Rhythmus machte ihr Schwierigkeiten. Und in der Tat, wie schön war das! Wundervoll! Sie blühte und schwebte nur so, und Hermann dachte gerührt: »Kleine Schwester, endlich sehe ich dich auch einmal in festlichem Kleide und jugendfrohem Treiben! So kenne ich dich noch gar nicht.«

Er holte sie sich einmal, die fast nie ohne Tänzer war, und fragte herzlich: »Gefällt es dir, kleine Lotte? Du siehst so glücklich aus!«

Sie lachte und antwortete: »Soll ich nicht? Männe, du geliebter Pedant, du mußt doch selber finden, daß dies heute entzückend ist!«

So hingerissen, wie sie wünschte, schien ihr der Bruder noch nicht; aber er tat ihr doch den Gefallen, sie einmal im Walzer zu drehen, worauf sie versicherte, besser könne es keiner von all den Herren, mit denen sie schon getanzt hatte.

»Wirklich?« fragte er ernsthaft.

Dann ging er hin und holte Marianne Froben. Auch sie tanzte hübsch und leicht und wurde oft geholt. Im Gespräch mußte sie sich zwar viele neugierige Fragen gefallen lassen, weil niemand sich recht hineinversetzen konnte, wie eine so junge Dame Dorfschullehrerin werden konnte. Sie nahm das aber niemand übel und erklärte bereitwillig, was die Menschen wissen wollten.

»Aber ausgerechnet Dorfkinder,« wiederholte Albert Menkhausen noch einmal kopfschüttelnd. »Wie machen Sie das nur? Können Sie sich überhaupt mit diesen Gören verständigen, die doch eigentlich nur Platt sprechen?«

»Ich kann auch Plattdeutsch,« sagte Marianne schelmisch, »und mitunter erlaube ich mir dies sogar in der Klasse, wenn es gar nicht anders geht.«

Albert wunderte sich.

»Nun ja, das ist das Äußerliche in der Verständigung; aber wie ist es mit den Begriffen? Kommt Ihnen denn überhaupt irgendwelches Verständnis entgegen?«

»O gewiß! Es gibt ja Unterschiede, aber völlig vergebens habe ich noch selten mit den Kindern gearbeitet.«

Dabei dachte sie wieder an ihr Verhör vom Morgen. Wenn das ihr Tänzer ahnte! Das erzählte sie ihm aber nicht. Das sollten zuerst Lotte und ihr Bruder erfahren.

Letzterer hatte ja zweimal mit ihr getanzt, aber immer zeigte er die ernste, stille Miene, die sie nun so gern von ihm nehmen wollte, und immer war noch keine Gelegenheit dazu, ein so ernstes Gespräch anzuregen.

Bald darauf trat eine Pause ein. Die Jäger besannen sich, nach all den Anstrengungen des Tages draußen in Wald und Heide ein gewisses Recht auf Müdigkeit zu haben. Die älteren Herren setzten sich zu einem Spielchen; die jüngeren blieben im Damenzimmer. Erfrischungen wurden gereicht, und zwischendurch sprach jemand den Wunsch nach Musik aus. Längst war es bekannt, daß Miß Rodberts singe; so bat man sie lebhaft um ein Lied. Ohne Ziererei ging die Amerikanerin ans Klavier, wo schon Leonore zur Begleitung Platz genommen hatte.

Sie sang wieder eines der englischen Lieder mit den vielen Versen und der eintönigen Melodie; ihre Stimme klang voll und glänzend und erweckte gewisses Staunen. Aber »daß man nichts versteht«, raunten die alten Herren einander zu, »das ist doch 'n Jammer! Gute Stimme sonst, aber zu Herzen kann einem das nicht so gehen, wie wenn jemand von unserer Art ein Volkslied singt.«

»Ich schieß' den Hirsch im wilden Forst,« legte plötzlich der gewaltige Baß des Herrn von Dahlen los. »Kann das keine von den jungen Damen singen?«

Lotte stieß leise Marianne an und bat: »Fräulein Froben, Sie können es sicher! Aber wer weiß das hier in der Gesellschaft! Darf ich es sagen?«

Marianne wollte wehren, doch schon trat Leonore heran und sagte: »Sie singen auch, Fräulein Froben, ich weiß es. Bitte, machen Sie uns die Freude; Papa würde Ihnen dankbar sein. Tante Pine, unterstütze mich doch!«

Nun wiederholte auch Fräulein von Selchow aufs liebenswürdigste die Aufforderung. So setzte sich denn Marianne, die sich lieber selbst begleitete, ans Klavier und sang mit ihrer kleinen, aber sehr wohllautenden Stimme das alte »Siebenbürgische Jägerlied«, das gewünscht wurde. Sie horchten alle, und einer nickte dem anderen zu, als wollte er sagen: »Das ist was für uns! Das lassen wir uns gefallen!«

Marianne durfte auch nicht gleich aufhören, und da man wirklich keine Kunstleistungen zu erwarten schien, hatte sie Mut, noch ein paar einfache Volkslieder folgen zu lassen. Alles war so innig empfunden, daß kein Herz sich dem Eindruck entzog. Selbst Amy Rodberts, die noch kaum mit der jungen Lehrerin gesprochen hatte, kam jetzt zu ihr und sagte: »Oh, ich wünschte zu singen wie Sie, Miß Froben. Ich bin herübergekommen zu lernen deutschen Gesang; ich gehe dafür nach Leipzig. Wird das gut sein? Haben Sie auch da gelernt?«

Marianne war verlegen. Sie hatte noch so gut wie gar keine Ausbildung im Gesang genossen, und das Lob der stolzen Fremden bedrückte sie. Schnell sagte sie etwas von der schönen, bedeutenden Stimme der Amerikanerin, und diese gab unbefangen zu: »O ja, sie ist viel größer und stärker als Ihre, aber ich glaube nicht, daß mein Lied so gefällt. Kein Mensch dazu hat solch Gesicht gemacht wie eben,« schloß sie mit einem kleinen Lachen.

Marianne erwiderte: »Wenn Sie erst deutsch singen, Miß Rodberts, wird es anders sein.«

»O ja, die alten Herren wollen verstehen die Wörter, nicht nur die Töne – – –«

Nach mancherlei weiterem Tanzen und Singen war es endlich so spät geworden, dah man allmählich die Wagen bestellte. Ein Nachbar nach dem anderen rollte vom Hof.

Auch Marianne trat den Heimweg an, begleitet von Lotte und ihrem Bruder. Sie hatte zwar gemeint, allein gehen zu können, denn »der Nachtwächter ist ja mein Freund«, erzählte sie, »er hält die Ruhepausen zwischen den einzelnen Rundgängen auf meiner Gartenbank und würde, wenn er gerade unterwegs ist, mich sofort in seinen Schutz nehmen.«

»Trotzdem gehen wir mit,« sagte Hermann bestimmt. »Soll der Nachtwächter mehr Freundesrecht haben, als meine Schwester und ich, Fräulein Froben?«

»Nein, nein – ich dachte nur an Ihre Mutter, die wahrscheinlich auf Lottes Heimkommen wartet und nicht schläft.«

»Ich würde sie doch wieder aufwecken,« bekannte Lotte lachend. »Sie muß noch heute wissen, wie vergnügt ich war!«

»Nun, dann nehme ich Ihre Begleitung gern an, denn ich muß Ihnen auch noch etwas erzählen, Ihnen beiden! Hören Sie mal, Lottchen, kennen Sie Hinrich Stoppsack?«

»Ja,« sagte diese ziemlich gleichgültig, »den schrecklichen Jungen, den wir für halb blödsinnig hielten. Haben Sie den auch in der Schule?«

Sie war enttäuscht. Ihr lag der festliche Zauber des heutigen Tages in allen Gliedern; nun sollte schließlich eine Schulgeschichte kommen? Es schien also doch wahr zu sein, daß Lehrerinnen nie recht vom Fach abzukommen vermögen! Von Fräulein Froben hatte sie das eigentlich nicht gedacht; die konnte sonst so reizend jugendlich mit ihr und Nelli sein, daß man völlig vergaß, wie nahe sie schon den fünfundzwanzig war.

Sie zeigte also keine große Spannung; so wandte Marianne sich mehr an Hermann, indem sie einfach loslegte: »Ich hab's heraus, Herr Matersen: das Feuer – –«

Ein halb erstickter Laut unterbrach sie; ein unsäglich gespannter Blick der blauen Augen forderte zum Weitersprechen auf. So erzählte sie ungestört die Geschichte des letzten Vormittags.

Lotte hatte sie im Gehen umfaßt und nahm ihr jedes Wort von den Lippen, förmlich stöhnend vor Erregung. Das war allerdings was anderes als eine Schulgeschichte!!

Und Hermann? Der sagte einstweilen gar nichts; es schien ihn zu überwältigen. Erst als sie das Schulhaus erreicht und aufgeschlossen hatten, und im monderhellten kleinen Flur Lotte der Freundin in ausbrechendem Jubel um den Hals fiel, faßte auch er Mariannes Hand in festem Druck und sagte: »Dank, tausend Dank! Sie wissen nicht, was Sie mir mit dieser Aufklärung schenken!«

»Doch, ich weiß es,« erwiderte Marianne leise, »darum hat es mir ja keine Ruhe gelassen, bis ich den unglückseligen Jungen zum Sprechen brachte.«

»Was gewiß ein Kunststück war«, bemerkte Hermann.

»O ja, denn er ist ein ziemlicher Dickkopf! Aber Untersuchungen dieser Art sind wohl überhaupt keine Kleinigkeit; ich weiß selbst nicht, wie ich es habe durchführen können.«

»Der Gedanke mit den Kartoffelpfannkuchen war jedenfalls großartig!«

»Ein Untersuchungsrichter am Herd,« rief Lotte dazwischen, »höchst modern!« Dann umarmte sie immer wieder Marianne und fuhr fort: »Was tun wir nur – was fangen wir an? So etwas muß man doch feiern! Hätte Nelli es noch gehört, die hätte gleich die ganze Gesellschaft hieran teilnehmen lassen und die Sache ›mit Sekt begossen‹, wie die jungen Herren sich ausdrücken.«

»Gut, daß es nicht dazu kam,« fiel Hermann lebhaft ein, und Marianne gestand: »Das dachte ich auch; darum schwieg ich so lange, so oft es mir auch auf die Zunge wollte. Die Sache hat ja auch ihre zwei Seiten, nicht wahr? Man denkt an den unglücklichen Jungen ...«

»Gewiß, Fräulein Froben, und außerdem verstehen Sie es gewiß, daß ich bei Erzählung dieser Sache keinen Augenblick gern im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gestanden hätte, was sich gar nicht vermeiden ließ. Wollen Sie mir glauben, daß ich noch heute taktlose Anspielungen anhören mußte, wie damals alles eigentlich so habe kommen können?«

»Das hat nun für immer ein Ende,« tröstete Marianne, und der herzliche Ton lag den Geschwistern noch lange im Ohr.

Endlich war Marianne allein, müde zwar, aber zugleich so wunderlich erregt, daß sie an Schlafen nicht denken mochte. Die verschiedenartigen Eindrücke dieses Tages wirbelten in ihrem Kopfe durcheinander; sie mußte sehen, ob sie sich zur Ruhe schreiben konnte. So setzte sie sich an ihren Schreibsekretär, um einen Brief nach Hause zu beginnen.

»Liebste Mama!

Heute würdest Du mal zufrieden gewesen sein, hättest Du Dein Kind beobachten können, das Du immer noch ein wenig beklagen zu müssen meinst. Ich habe getanzt und gesungen; man war sehr, sehr freundlich gegen mich – sogar mein weißes Kleid fand Beifall! Ich habe eine Menge Menschen kennen gelernt, und manches nicht bloß oberflächliche Gespräch gefühlt, sogar in englischer Sprache mit einem klugen Amerikaner! Also, Mama, meine Kenntnisse, die in der Dorfschule nicht gerade alle zur Anwendung gelangen, brauchen deshalb nicht für immer brach zu liegen. Denke nicht, Dein Mädel habe sich völlig umsonst mit all den Wissenschaften geplagt, wie Du manchmal seufzest! O nein, da war heute so mancher Stoff, bei dem ich froh sein durfte, daß ich mitreden konnte. Herr Geheimrat Menkhausen, unser Gutsherr, ist ein sehr kluger Mann. Und denke Dir, der führte mich zu Tisch! Nun glaubst Du doch sicher nicht mehr an eine untergeordnete Stellung meinerseits? Aber genug davon! Bald alles mündlich – nicht wahr, nun kommst Du doch zu Besuch? Zehn Tage habe ich noch Ferien! Jetzt will ich noch schnell ein Wort mit Vater sprechen und dann gute Nacht!

»Vater, lieber Vater!

Es ist so, wie ich manchmal ahnte: mein Forschen hatte Erfolg – der Junge hat gestanden! Ich zittere noch immer, wenn mir der Augenblick wieder vorschwebt, obwohl schon so viel andere Eindrücke seitdem sich dazwischen geschoben haben. Die stehen in Mamas Brief – dies hier ist zunächst für Dich! Nachher könnt Ihr ja gegenseitig austauschen. Und nun schicke mir das Mutterchen recht bald, wenn Du sie auch ungern entbehrst! Ich darf ja nicht bitten: Kommt beide zu Eurer Marianne!«

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