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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Zwanzigstes Kapitel: Das Rätsel

An diesem Morgen, während sich draußen in Wald und Feld das lebhafte Treiben entwickelte und Schuß auf Schuß durch die Herbstluft dröhnte, war Marianne Froben weit abseits davon in ihrem Gärtchen beschäftigt. Zwischen ihren Blumenbeeten huschte sie herum und sah nur gelegentlich nach Hinrich Stoppsack, der sich bei den Kartoffeln beschäftigte.

Durch die Jagd waren alle anderen Dorfjungen für den Augenblick abgelenkt von der sonst so brennenden Anteilnahme an der Ernte der Schullehrerin, deshalb hatte sich niemand zum Sammeln eingestellt. Nur Hinrich strich ziellos am Hause vorbei und ließ sich bereitwillig von Marianne einfangen, als sie ihm die letzte Ecke im Garten überwies und einen Extraschmaus von Kartoffelpfannkuchen versprach, wenn er mit der Arbeit fertig würde.

Bild

Nicht mit auf die Jagd gegangen, Herr Matersen?

Während sie nun bei ihren Nelkenstöcken tätig war und dabei immer ihre Gedanken um den einen Punkt, nämlich Hinrich, kreisen ließ, kam der junge Verwalter am Gitter vorüber und hielt den Schritt an, ihr guten Morgen zu sagen.

»Nicht mit zur Jagd, Herr Matersen?« redete sie ihn munter an, und er gab zurück: »Dasselbe könnte ich Sie fragen, Fräulein Froben. Alle Damen sind zum Frühstück hinaus; meine Schwester rechnete sehr darauf, Sie auch dabei zu treffen.«

Marianne lachte frisch.

»O nein, zu dieser Gesellschaft passe ich nicht! Ich verstehe kein Jägerlatein und weiß, daß man nur ausgelacht wird, wenn man sich falsch ausdrückt oder dumme Fragen tut. Aber Sie, Herr Matersen, sind Sie nicht Jäger?«

»O ja, schießen kann ich recht gut,« gab Hermann zu, »und den Wildwechsel kenne ich so gut wie irgend einer der Herren. Aber ich habe zu tun – wir dreschen bereits. Es ist eine neue Maschine da, und ich fehle jetzt höchst ungern bei solchen Anlässen. Außerdem ist es mehr mein Vergnügen, allein auf den Anstand zu gehen, das Wild wie die Naturstimmung still zu belauschen, im Abenddämmer oder in der nebligen Morgenfrühe.«

»Aha – ›Im Felde schleich' ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr,‹« zitierte Marianne mit Lachen.

»Ja, sehen Sie,« fuhr Hermann fort, »heute dürfte ich doch nicht schießen, was mir vor die Büchse kommt. Die kapitalen Böcke oder gar der Zwölfender, den ich schon so lange kenne, müssen für die Fremden bleiben. Das ist eine Auszeichnung des Jagdherrn, wenn er seinen Gästen Gelegenheit gibt, solche Stücke zu erbeuten. Soll mich übrigens wundern, ob die Hamburger weidgerechte Jäger sind! Nun, heute abend wird man ja alle Abenteuer erfahren. Wie ist es denn, Fräulein Froben, kommen Sie nicht wenigstens zur Abendtafel? Das können Sie getrost wagen; da werden auch schon andere Töne angeschlagen als solche, die dem heiligen Hubertus gelten. Ich darf nicht fehlen, hat mir Herr Geheimrat eingeschärft – ich mag nun wollen oder nicht.«

Das letzte klang wieder etwas unwirsch; Marianne aber versetzte heiter: »Und ich darf auch dem liebenswürdigen Drängen von Fräulein Menkhausen nicht widerstehen. Sie meint, die einzige Gelegenheit, bei der es hier einmal gesellig zugehe, dürfte ich mir nicht entschlüpfen lassen. So habe ich zugesagt, denn es ist von dem jungen Fräulein sehr freundlich gedacht.«

»Also dann auf Wiedersehen,« sagte Hermann und ging dem Felde zu, wo er seine Arbeiter sprechen mußte.

Als er etwas später denselben Weg zurückkam, sah er Marianne Froben wieder im Garten. Diesmal saß sie unter dem Apfelbaum, und vor ihr im Gras hockte Hinrich. Das Fräulein sprach mit freundlichem Eifer auf ihn ein, dabei schälten sie beide Kartoffeln.

»Vergißt denn die junge Dame ganz die heutige Gesellschaft, daß sie sich zuvor noch die Hände verdirbt?« dachte Hermann, und weiter: »Ist wohl der Schlingel es wert, daß dies kluge liebe Mädchen sich so um ihn bemüht?«

Marianne rang allerdings heute förmlich um dies dumpfe, verstockte Gemüt. Sie hatte dem Jungen gesagt, sie sei so allein; er könne ihr nett Gesellschaft leisten. Da müsse er aber auch nicht so still sein, sondern immer hübsch antworten, wenn sie frage. Sie hatte auch erlaubt, daß er das Kartoffelkraut von der Ecke verbrenne, wo er allein gesammelt hatte.

»Aber vorsichtig,« setzte sie hinzu, »nicht zu nahe am Hause,« worauf Hinrich lebhaft einfiel: »Nee – ja nicht! Das springt leicht über, das Feuer.«

Nun kam Marianne unversehens auf die Brände auf dem Hof zu sprechen, besonders den letzten großen. Sie fragte, ob er auch beim Spritzen mitgeholfen, oder die Sache nur nahebei angeschaut habe, weil er doch Flammen so gern sehe.

»Wo warst du, als das Feuer ausbrach?« fragte sie endlich geradezu.

»In der Hundehütte,« antwortete er ohne Zögern.

»Was wolltest du denn dort?« forschte Marianne.

»Hm, bloß mal was nachsehen – ich hab' da alles, was ich mir so aufheben tu'.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Oh – Kornähren, die ich hinterm Erntewagen sammle, und Nüsse, Eicheln, Bucheckern –«

»Also ein richtiger Hamsterbau,« dachte Marianne, und in dem Augenblick sagte er noch: »Manchmal auch Zigarrenstummel, wenn ich welche find'.«

Nun horchte sie auf und fragte dann weiter: »Warst du immer allein, wenn du dich in der Hundehütte aufgehalten hast?«

Der Junge zuckte nur die Achseln.

»Und störte dich niemand?«

»Den Abend war auch gar kein' ein' von die Knechtens auf 'n Hof – waren all' hin tanzen, im Krug war Hochzeit. Bloß der Entspekter ging übern Hof und guckte in alle Ecken und alle Türen, aber in die Hundehütte nich – rauchen tat er nich, aber einen Zigarrenstummel nahm er von der Erde auf und schmiß ihn wieder hin – den langte ich mich nachher – war ganz kalt, aber ich kriegte ihn wieder in Brand.«

Zitternd vor Spannung fragte Marianne jetzt: »Hattest du in deiner Vorratskammer denn auch Streichhölzer?«

»Hab' ich ümmer bei mich,« prahlte der Junge und schlug triumphierend auf seine Hosentasche, in der es klapperte und rasselte.

»Und wie die Zigarre brannte, da –«

»Da raucht' ich sie auf – schmeckt fein.«

»Und dann?«

»Dann kroch ich 'raus, als allens still war.«

»Und dann? Weiter, Junge – gleich bekommst du den Pfannkuchen – und da –?«

»Da – ja, da brannt' es mit 'm Mal.«

»Mit einem Male? Ganz von selbst?«

»Hm ...«

»Besinn dich, Hinrich! Hast du nicht den Rest der Zigarre fallen lassen?«

»Nee, tu' ich nie – schmeckt zu fein – ich raucht' ümmerzu.«

»Wo kamen denn die ersten Flammen her?«

»Weiß ich nich, es brannt' bloß.«

Marianne verzagte.

»Nun komm' ich nicht weiter; er ist und bleibt verstockt,« dachte sie, und ihre Hände zitterten, als sie den Kuchen in der Pfanne wendete. Aber dann hielt sie ihn dem Jungen hin, zeigte auch Zucker und Eingemachtes und versprach ihm alles, wenn er weiter erzählte.

In seinem Gesicht stand die Gier, aber noch fragte er zögernd: »Krieg' ick ook kein Schacht'? Ward ick nich inspunnt (eingesperrt)?«

Marianne tat ein kleines Stoßgebet, daß sie es jetzt nur recht machte und nichts verdarb! Sie versicherte, daß ihm nichts geschehen sollte, daß er aber so viel Pfannkuchen bekäme, wie er nur irgend möchte, wenn er weiter erzählte.

Und dann war's auf einmal da, das Geständnis! Die brennende Zigarre hatte er – nicht fallen lassen, wie sie noch nachsichtig vermutete – sondern auf eine Handvoll Stroh geworfen, das er vorher aus der Hütte zerrte, weil er dachte, das müsse eine schöne Flamme geben! Die war denn auch bald aufgezüngelt, und so ging es weiter: ein Haufen Reisig, Bohnenstangen, die Holzmiete, die Stalltür!

Schmausend und schmatzend, daß Marianne kaum folgen konnte, erzählte Hinrich, ohne wieder zu stocken. Noch immer buk sie Pfannkuchen und schob sie ihm hin, denn solange er damit beschäftigt war, tat er ihr den Willen und sprach – vielleicht unbewußt selbst erleichtert, daß er endlich so weit war. Die Lehrerin schalt ja nicht, drohte nicht, hörte nur immer still zu, im Innersten erschüttert durch diese Einblicke in das gänzlich verwilderte Kindergemüt.

»Es ist sicher krankhaft, eine unselige Wahnvorstellung,« dachte sie dazwischen, »armes, armes Kind! Gott helfe und heile hier!«

»Bist du jetzt satt?« fragte sie am Ende ruhig. »Dann geh nach Hause!«

Einen Augenblick starrte er sie an, als könne er es nicht fassen, daß dies so ruhig abging, denn eine dunkle Vorstellung lebte doch in ihm, daß jeder andere Mensch nun mit dem Stock über ihn gekommen wäre. Aber das Fräulein, nee, die wollt' ja immer nichts von »Schacht« hören! So schnell er konnte, machte er sich aus dem Staube, als sollte er noch in der Tür festgehalten werden.

Aber Marianne rührte keine Hand. Still und erschüttert stand sie neben dem Herde und merkte nicht, daß ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Zu essen vermochte sie natürlich auch nicht. Mechanisch räumte sie ihre kleine Küche auf und ging dann ins Schlafzimmer. Dort lag schon das weiße Kleid bereit, das sie am Abend zum Jagdessen im Herrenhause anziehen wollte.

Wie ein Hohn auf ihre augenblickliche Stimmung erschien es ihr zuerst; sie nahm es vom Bett und trug es zum Schrank. Dann streckte sie sich selbst unwillkürlich auf ihr Lager, denn sie fühlte, wie noch immer ein Zittern durch ihre Glieder lief und sie ganz schwach machte. So plötzlich Untersuchungsrichter zu spielen war doch wirklich keine Kleinigkeit!

Sie trank noch ein Glas Wasser, deckte sich zu und schloß die Augen. Allerdings schlief sie nicht; das war sie am Tage zu wenig gewohnt. Aber sie wurde ruhiger, und andere Vorstellungen rückten allmählich in den Vordergrund. Nun, da sich ihr das Rätsel gelöst hatte, konnte sie ja davon sprechen, konnte Erleichterung bringen – in mehr als ein Herz. Das war es ja, was sie erstrebt, um was sie still gekämpft hatte, diese ganze Zeit! Und wenn sie sich ausmalte, daß sie noch an diesem Tage Gelegenheit haben würde, Lotte Matersen oder gar deren Bruder selbst Mitteilung zu machen, fühlte sie deutlich, wie lieb und wert ihr schon die Bewohner des kleinen Verwalterhauses waren.

Nun fing sie an, sich auf den Abend zu freuen, und die Scheu, die sie anfänglich vor der großen fremden Gesellschaft empfand, schwand bei dem Gedanken: »Ich habe doch wirkliche Freunde dazwischen, und denen kann ich heute Freude bringen!« Denn so traurig es auch war, was sie erfahren hatte: wenn es einmal um Hinrich Stoppsack so stand, war es entschieden besser, man wußte es endlich. Nur so konnte noch etwas für den Jungen geschehen, indem man die unheilvollen Anlagen seiner Natur zu bekämpfen suchte, ihn in geeignete Umgebung brachte, wo er vielleicht noch zu einem brauchbaren Menschen herangebildet wurde.

Und zugleich war Hermann Matersen von jedem noch so leisen Verdacht gereinigt! Wie würde die alte Mutter aufatmen, wie der Sohn sich endlich als der wieder fühlen und auch zeigen, der er eigentlich war!

Ja, Marianne wollte sich freuen auf den Abend. Wenn sie es auch nicht lassen konnte, über die großen Abstände in der Lebensführung der verschiedenen Menschen nachzusinnen, würde sie sich doch sagen, daß eben jeder an seinem Teil zum Ausgleich mithelfen mußte. Sie hatte ja auch heute auf solchem Wege den ersten schwachen Versuch gemacht; vielleicht war nun doch ein kleiner Anstoß zu einer baldigen Rettung gemacht!

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