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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Zweites Kapitel: Was die Leute sagen

Am nächsten Tage fuhren zwei Wagen zur Bahn, die Herrschaft zu holen.

»Ein Fuhrwerk allein für das Gepäck? Also Dauerbesuch!« frohlockte Lotte und tummelte sich vergnügt neben der Mutter in den Räumen des stattlichen Herrenhauses, jede Gelegenheit zum Aufsteigen und Klettern wahrnehmend, bis alles in schönster Ordnung war.

Indessen näherte sich bereits der geschlossene Wagen, der den Geheimen Kommerzienrat Menkhausen brachte nebst dem Fräulein Philippine von Selchow, die ihm schon etliche Jahre, seit dem Tode seiner Frau, den Hausstand führte oder vielmehr in seiner Villa »repräsentierte«, wie sich die Dame vornehmer ausdrückte. Eleonore oder Neil jedoch, die einzige Tochter des Kommerzienrats, war nicht zu bewegen gewesen, mit in den »muffigen Glaskasten« zu steigen, wie sie sagte. Vergnügt sah sie auf dem Gepäckwagen und kutschierte selbst.

»Muß doch mal sehen, ob ich's noch kann, Jochen,« hatte sie lachend gerufen und dem flachshaarigen Knecht einfach die Zügel abgenommen.

Der zog den Mund von einem Ohr zum anderen und antwortete: »Gnä' Frölen werden das woll noch nich verlernt haben!«

Gar zu schmeichelhaft kam es ihm vor, daß das Fräulein ihn noch bei Namen kannte und sich so munter mit ihm unterhielt. Vor allem fragte sie nach dem Feuer, wie alles dabei zugegangen sei, und wie denn Herr Matersen sich eigentlich bei dieser Geschichte gezeigt habe. Der Knecht lobte nun den Verwalter sehr auf seine Art, wie er beim Retten überall mit zugegriffen, sich auch Brandwunden zugezogen und einen Arm verletzt habe, als er bei den gefährdeten Schafen mehr leistete als selbst der Schäfer.

»Äwer, äwer, vör Gericht hett hei doch müßt,« schloß er, und das junge Mädchen saß mit verworrenen Gefühlen, als nun der Hof in Sicht kam und sie die zerstörten Gebäude sah.

Auch der Geheime Kommerzienrat und Fräulein von Selchow sprachen natürlich von dieser Sache, und sowie der Name Matersen fiel, bemerkte die Dame: »Was ich schon immer sagen wollte, Herr Geheimrat: die Freundschaft mit der Verwaltersschwester muß nun doch wohl möglichst eingeschränkt werden; ich habe es Ellinor bereits angedeutet.«

»Aber warum denn?« fragte Herr Menkhausen verwundert. »Die kleine Matersen war immer ein nettes, frisches Ding und schließlich der einzige passende Verkehr für meine Tochter.«

»Hm, ob sie das noch ist?« versetzte die Dame mit zweifelnder Betonung. »Ellinor selbst wird inzwischen andere Begriffe von standesgemäßem Verkehr bekommen haben.«

»Ach so, – in dieser verflixten Genfer Pension? Na, hören Sie, Verehrteste: ich bin froh, daß das Mädel noch so natürlich und unverbildet geblieben ist!«

»Reichlich natürlich,« seufzte das Fräulein und kam dann nochmals auf das Thema zurück, den Verkehr mit der Verwaltersfamilie in jeder Weise einzuschränken. Besonders jetzt, nach dem, was die Leute von dem jungen Matersen sagten, erschien es doch nur natürlich.

»Liebes Fräulein,« unterbrach der Geheimrat streng, »was die Leute sagen, geht uns gar nichts an. Mein bewährter Verwalter ist mir mehr wert als das Geschwätz übelwollender oder gar beschränkter Menschen. Ich bitte mir aus, daß Sie Nell in dieser Beziehung nichts in den Kopf setzen.«

Doch das war leider schon geschehen. Als jetzt die Kutsche in den Hof fuhr, gleich hinterher auch der Gepäckwagen, und nun der Verwalter mit achtungsvoller Verbeugung herzutrat, da wußte Leonore Menkhausen sich nicht anders zu helfen, als mit kaum merklichem Nicken hochmütig über die zum Helfen ausgestreckte Hand wegzusehen und desto eifriger an Diener und Mädchen ihre Weisungen wegen des zahlreichen Handgepäcks zu geben.

Oben auf der Freitreppe des langgestreckten Herrenhauses war indessen die Mutter des Verwalters erschienen; sie wurde, nachdem Herr Menthausen sie mit herzlichem Händedruck begrüßt, von Fräulein von Selchow mit einer gewissen herablassenden Güte angeredet.

»Nun, meine gute Matersen, kommen wir Ihnen auch nicht sehr ungelegen? Es tat mir leid genug, daß die Anmeldung nicht früher abgehen konnte, jedoch –«

»O bitte, gnädiges Fräulein, das macht ja gar nichts! Ich hoffe, daß gleichwohl alles einigermaßen in Ordnung ist. Belieben Sie nur zu befehlen, wenn etwas anders gewünscht wird.«

Bild

Der Verwalter begrüßte Leonore mit einer Verbeugung

Die alte Frau sprach sehr höflich, aber durchaus nicht unterwürfig; Fräulein von Selchow hätte manchmal gern einen etwas anderen Ton gehört von der Mutter des in ihren Augen zu sehr verwöhnten Verwalters. Frau Matersen versah im Herrenhause das Amt einer Kastellanin, wenn die Herrschaft abwesend war; außerdem hatte sie die Oberaufsicht über die große Hofwirtschaft nebst Molkerei, Geflügelzucht, Obst- und Gemüsebau. Zahlreiches Personal hatte sie unter sich, die alte Frau, aber mit Rüstigkeit und Arbeitsfreude stand sie allem vor, ebenso wie ihr Sohn in seinem Fach.

Soeben trat auch dieser ins Haus hinter dem Geheimrat, der ihn aufs liebenswürdigste begrüßt hatte und gerade sagte: »Ich freue mich, lieber Matersen, Sie schon wieder vorzufinden, – dieser kleine Zwischenfall in der Stadt war ein schlechter Scherz, den Sie möglichst bald vergessen müssen – nicht wahr?«

»Ich gebe mir alle Mühe, Herr Geheimrat,« entgegnete Hermann Matersen ernsthaft, »aber –«

Der Gutsherr legte die Hand auf die Schulter des jungen Verwalters und sagte: »Nun, nun, wir sprechen bald über alles! Sie sind jedenfalls zum Abendessen mein Gast.«

Gerade in dem Augenblick schlüpfte Leonore an den beiden vorbei. In Jungmädchenart war sie sofort durch alle Räume gerannt und kam nun wieder im Wohnzimmer an, überrascht, den Vater in so freundlichem Gespräch mit dem Verwalter zu finden.

»Ich dachte,« sagte sie sich im stillen, »dieser Herr Matersen sei in Ungnade gefallen samt seiner ganzen Familie – so wie Tante Pine es hinstellt – na, da soll nun einer klug daraus werden!« Schnell wandte sie sich zum Vater, sowie sie diesen allein sah, und fragte: »Der Verwalter soll mit uns essen, Papa? Das glaubte ich nicht. Damals, als im Kontor die Bücher von Herrn Blech nicht stimmten, wurde er doch von uns kaum noch angesehen.«

»Kind,« sagte Herr Menkhausen ernst, »laß dir keine Vergleiche dieser Art einfallen! Die Unordnung in Blechs Büchern war das sichere Vorzeichen von einer gleich darauf entdeckten Unterschlagung – der Mann hatte natürlich das Recht, an unserem Tisch zu essen, sofort damit verwirkt. Mein Verwalter dagegen –«

»Papa, die Leute sagen doch, das Feuer –«

»Schweig, Nell – komm mir nicht auch mit den ›Leuten‹ – kümmere dich überhaupt nicht um diese Angelegenheit!«

»Gut, gut, Papa – da erlaubst du also auch, daß ich weiter mit Lotte verkehre? Tante Pine meinte –«

»Ich meine, daß alles beim alten bleibt,« schnitt ihr der Vater das Wort ab, und Leonore klatschte in die Hände vor Vergnügen. Da rief das alte Fräulein aus dem Nebenzimmer: »Ellinor, sei nicht so entsetzlich laut; ich habe unerträgliche Kopfschmerzen.«

Das junge Mädchen flog zu ihr. »Arme Tante! Tätest du nicht besser, dich ins Schlafzimmer zurückzuziehen? Hier ist doch keine Ruhe; kaum ist der Verwalter weg, kommt der Statthalter. Der Schäfer wartet auch schon draußen, und eben sehe ich den Reitknecht.«

»Ach, diese Leute,« seufzte das Fräulein. »In der Stadt ist man nie sicher vor Angestellten oder Arbeitern aus dem Geschäft, und hier kommt einem auf Schritt und Tritt die Luft von Pferdestall und Milchwirtschaft zu nah!«

»Armes Tantchen, und das ist gar kein angenehmer Wohlgeruch für dich« – Leonore lachte ausgelassen – »das ganze Landleben ist nichts für dich. Du hättest doch lieber ins Bad gehen sollen.«

Tante Philippine seufzte. »Ich hoffte ja auch so sehr auf eine Reise ins Bad, aber dein Vater konnte es nicht erwarten, sich hier von dem Brandschaden zu überzeugen. Nun scheint es mir gar nicht so schlimm, nach dem, was ich beim Einfahren sah.«

»Aber, Tante, es ist schlimm genug,« eiferte Nelli. »Denke doch nur, die armen Schafe! Jochen sagt –«

»Verschone mich nur damit, was diese Leute sagen!«

Jetzt stampfte Leonore aber wirklich mit dem Fuß auf und rief: »Nun kommst du mir auch damit, daß ich nicht wiederholen soll, was die Leute sagen! Eben hat Papa es mir verboten. Vorher hast du aber mir doch gerade nach dem, was die Leute sagen, den Herrn Matersen verdächtigt und den Verkehr mit Lotte mir verleiden wollen. Was soll ich denn nun machen? Und Lotte läßt sich auch gar nicht sehen!«

Nein, allerdings, während der Begrüßung und ersten Unterhaltung mit der Gutsherrschaft war von des Verwalters Schwesterlein keine Spur zu sehen gewesen. Sie hatte als letztes in den Zimmern des Herrenhauses die Vasen mit Blumen gefüllt. Da waren unversehens die Wagen vorgefahren, und Lotte hatte nicht widerstehen können, erst einmal von fern und unbeteiligt die lange nicht gesehene Gespielin zu beobachten. Hinter dem Vorhang verborgen spähte sie hinab und sah die lange, etwas eckige Backfischgestalt in kühnem Satz vom Gepäckwagen springen. Sie wollte sich schon freuen, daß trotz der feinen modischen Kleidung noch so viel Urwüchsiges im Benehmen Leonores zu liegen schien; da sah sie das kurze hochmütige Nicken, womit jene Hermann begrüßte, und trat empört einen Schritt zurück. Das ihrem Bruder, ihrem geliebten, bewunderten Bruder, den Nelli doch früher als Kameraden und Helfer bei manch kühnem Unternehmen nicht verschmäht hatte? Oh, dies übermütige Benehmen verzieh sie der Freundin nicht! Aber natürlich! Das kam nur von dem Gerede, diesem öden Gerede, daß der junge Verwalter nicht ohne Schuld an dem Brande sein könnte – warum sei er sonst vor Gericht gefordert worden?

Jetzt stampfte auch Lotte den Boden und wandte sich blitzschnell, um aus dem Zimmer zu fliehen, ehe die Herrschaft eintrat.

So kam es, daß Leonore Menkhausen sich vergebens nach Lotte umsah, und daß die beiden Spielgefährtinnen, die sich so auf das Wiedersehen gefreut hatten, jede für sich ihren Ärger austobte und der anderen aus dem Wege ging...

Im Gartensaal des Herrenhauses war die Tafel gedeckt, und Frau Matersen hatte gezeigt, daß sie trotz der kurzen Vorbereitungszeit ein feines Mahl anzuordnen verstand. Mit zu Tisch zu kommen hatte sie dankend abgelehnt, müde von den vermehrten Anstrengungen dieses Tages. Daß Hermann eingeladen war und der Geheimrat ihn so freundlich wie immer begrüßt hatte, freute sie; nun konnte man hoffen, sie würden sich unverzüglich über alles aussprechen, was drückend über dem Verwalterhause lag, dem sonst so freundlichen Häuschen seitwärts vom Herrenhause, fast versteckt in Flieder- und Holunderbüschen.

Im kleinen, einfachen Wohnzimmer sah an diesem Abend Frau Matersen mit ihrer Jüngsten, der aber alle erste frohe Ferienstimmung schon verdorben war. Vollkommen schlechter Laune war Lotte, und da sie nicht mehr auf Leonore und »die Leute« schelten sollte, war sie nun auch nicht zum Plaudern aufgelegt, sundern nahm ein Buch und vertiefte sich anscheinend ganz, während die Mutter emsig strickte, nachdem sie zuvor einen Blick in die Zeitung getan. Unmutig hatte sie das Blatt bald wieder weggeworfen, denn da stand ja schon wieder etwas »zum Brande in Grünweide«. Immer noch zerbrachen sich die Leute die Köpfe darüber und kamen doch nicht weiter damit.

Drüben im Herrenhause legte der Geheimrat eben sein Mundtuch zusammen und sagte: »Nun, mein lieber Matersen, rauchen Sie noch eine Zigarre mit mir, und sagen Sie mir einmal recht gründlich Ihre Gedanken über die Sache! Angelegt muß es sein, behaupten Sie; aber irgendeinen Verdacht haben Sie nicht?«

»Keinen, Herr Geheimrat! Zu einer Rachehandlung liegt nicht der geringste Anlaß vor; persönlicher Feindschaft gegen mich kann ich auch niemand zeihen. Die Leute sind im ganzen hier zufrieden und ruhig, auch herrschaftstreu.«

»Und die fremden Arbeiter?«

»Unter den Schnittern ist bisher nichts vorgekommen, als höchstens mal eine Rauferei in der Kantine; Böswilliges kann ich nicht verzeichnen, im Gegenteil zu manchem Ort in der Gegend.«

»Und – Fahrlässigkeit halten Sie für ausgeschlossen?«

»Völlig, Herr Geheimrat,« lautete die Antwort. »Ich selbst hatte am Abend des Hauptbrandes alles nachgesehen und abgeschlossen – auch den Schafstall.«

»Ach – Sie selbst? Wie kam denn das nur?«

»Der Schäfer war zu einer Hochzeit im Dorf beurlaubt; auch die meisten Knechte waren gegen Abend in den Dorfkrug gegangen, um mitzutanzen.«

»So waren Sie ziemlich allem auf dem Hof?«

»Eine Zeitlang, ja.«

»Warum gingen Sie nicht auch zur Hochzeit, Herr Matersen? Sie waren doch sicher als Ehrengast geladen, und der Statthalter hätte Sie füglich vertreten können, da der Alte doch nicht mehr das Tanzbein schwingt.«

Ein flüchtiges Rot war über die Stirn des Verwalters gelaufen, doch sprach er ruhig weiter. Jener war der Herr und hatte das Recht, zu fragen. Daß es ein wenig wie Verhör klang, wußte er wohl selbst nicht.

»Ich war nicht in der Stimmung, Herr Geheimrat,« sagte Hermann. »Wir hatten an dem Tage eine betrübende Familiennachricht bekommen, so blieb ich abends still bei meiner Mutter.«

»Hm, ein bedauerliches Zusammentreffen! Daraus sind wahrscheinlich alle diese Mißverständnisse und Weiterungen entstanden.«

»Wahrscheinlich.«

»Wie ist das denn: wird die Untersuchung wieder aufgenommen oder bleibt die Geschichte jetzt liegen?«

»Ich bin schon wieder zu einem Termin geladen, Herr Geheimrat, aber es wird ebensowohl umsonst sein.«

»Ärgerlich, höchst ärgerlich! Nun – sagen Sie: haben Sie schon Ersatz für die Schafe? Es war solch gute Herde, wie mir schien.«

»Ich stehe in Unterhandlung, Herr Geheimrat, hatte ja aber, wie Sie wissen, nicht Zeit, den Kauf persönlich abzuschließen, da ich – fort war –«

»Der Schaden mit dem Schafstall ist natürlich der größte? Dagegen kommt die Weizenscheune nicht in Betracht, da sie alt war und gerade ziemlich leer.«

»Ja natürlich, die Schafe! Und das Schlimme ist, daß die Versicherungsgesellschaft Schwierigkeiten macht.«

»Wieso? Sie hat doch gezahlt!«

»Ja, aber der Vertrag mußte gerade in dieser Zeit erneuert werden; jetzt zögert sie, uns wieder aufzunehmen, solange die Sache nicht geklärt ist. Daher war die Gewittergefahr der letzten Tage von großer Bedeutung – binnen acht Tagen noch einen Brand, und es stände schlimm! Bis zum nächsten Ersten hoffe ich mit einer anderen Brandkasse abgeschlossen zu haben.«

Der Hausherr stieß seinen Stuhl zurück und sagte heftig: »Unerhörte Geschichten! Das ist ja doch alles verwickelter, als ich glaubte! Da kann einem der Gutsbesitzerspaß wirklich verdorben werden.«

Jetzt ließ sich Fräulein von Selchow zum ersten Male zur Sache vernehmen.

»Ich dachte auch schon immer,« begann sie klagend, »ob Sie nicht besser täten, Herr Geheimrat, das Gut wieder zu verkaufen. Es ist so viel damit verbunden, was zur Last werden kann für –«

»Für jemand, der eigentlich kein Landwirt ist, wollen Sie sagen, verehrtes Fräulein? Sie haben nicht ganz unrecht. Aber ich hatte doch bisher so große Freude daran, daß unsere Familie nicht länger ›ohne Ar und Halm‹ blieb; ich möchte es nicht wieder aufgeben.«

»O nein, Papa, tue es nicht,« fiel Leonore bittend ein. »Du und ich, wir sind doch immer so gern in Grünweide gewesen; die arme Tante ja freilich nicht – aber wenn ich nur erst etwas älter bin, Tantchen, dann brauchst du gar nicht mit herzukommen; dann gehst du in dein geliebtes Bad, und ich lerne die Wirtschaft, sorge für den Papa und habe auch auf alles draußen acht.«

Ein flüchtiger Blick streifte den Verwalter, aber der sah während ihrer kleinen Rede still vor sich hin und dachte: »Also das wird die künftige Oberaufsicht in der Verwaltung von Grünweide; das kleine Fräulein will mir zeigen, daß es auch bezweifelt, ob hier alles in treuen Händen ist.«

Hierin irrte er nun freilich; so weit gingen Nellis Gedanken nicht. Nur dem Vater den Einfall der Aufgabe von Grünweide ausreden wollte sie und durch ihr lebhaft gezeigtes Interesse für das Gut ihn überzeugen, daß man doch fernerhin seine Freude an diesem schönen Wohnsitz wieder haben könnte. Diese Zeit mit ihren dummen Mißverständnissen mußte ja vorübergehen, und der Schaden, den die Brände verursachten, nun, der konnte dem reichen Papa sicher nicht viel anhaben! Der war doch in erster Linie Kaufmann und hatte aus seinen überseeischen Unternehmungen jährlich so großen Gewinn, daß Grünweide mit seinen Erträgen aus Kornernte und Viehstand nur ein kleiner Nebenspaß war, wie der Vater vorhin selbst andeutete. Aber wenn ihm dieser Spaß nun gründlich verdorben wäre –! Ach, war das ein ungemütlicher Tag heute, auf den sie sich so lange gefreut hatte! Und diese Lotte Matersen, diese unbegreiflich zurückhaltende Freundin – warum war sie so? Hatten die Leute doch recht? Mußten die Matersens alle ein schlechtes Gewissen haben?

Aber nein! Da richtete Lottes Bruder das hübsche offene Gesicht auf und sah mit klaren blauen Augen den Geheimrat an, daß dessen Tochter sich des eben gehegten Verdachts schämte.

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