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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Neunzehntes Kapitel: Die Jagd

Von allen großstädtischen Gästen, die, jeder auf seine Art, ihr ländliches Vergnügen suchten, schien Henry Fedders derjenige, der das größte Interesse für das Gutsleben zeigte. Auch wenn er den Maßstab seines in England erworbenen Urteils anlegte, fiel dieses norddeutsche Besitztum nicht sehr dagegen ab. Die Ausdehnung des Gutes und die anmutende Abwechslung im Gelände – Wald, Wasser und auch die große Heidestrecke hinter dem Eichhorst – hatten ganz seinen Beifall. Prächtig mußte es sich hier jagen! Von der Bewirtschaftung und den Erträgen der weiten Felder verstand er ja nicht viel, aber er machte sich öfter an den jungen Vermalter heran und ließ sich über allerlei Einzelheiten belehren. Dabei war der junge Hamburger in diesem Bestreben so liebenswürdig, daß auch Hermann Matersen sich zugestand: »Ein heller Kopf, und keine Spur von Einseitigkeit in den Lebensinteressen!« Eingehender darum, als er vorher für möglich gehalten hätte, kam er dem jungen Großkaufmann entgegen, der so sehr den guten Willen zeigte, sich in die hiesige Welt einzuleben. Als aber Henry sich wunderte, daß hier in Grünweide nicht so richtig Pferdezucht getrieben würde, verwies der Verwalter ihn an den Nachbar aus Schönlanke, den alten Herrn von Dahlen, der ein nicht unbedeutendes Gestüt hielt. So kam es, daß diese beiden recht verschiedenen Männer sich richtig anfreundeten, und daß Henry bald eine Einladung des alten Herrn in der Tasche trug, künftig auch Schönlanke einmal zu längerem Aufenthalt zu besuchen.

Mit Vergnügen beobachtete Nelli diese neuen Züge in dem Wesen des Jugendfreundes, die sie noch nicht gekannt hatte. Manches Mal machten die beiden auch kleine Streifzüge durch die Felder, die Wiesen und Koppeln; ja, Henry tat ihr den Gefallen, einmal mit ins Dorf zu kommen und sich sogar den Alten im Armenkaten vorstellen zu lassen, die mit ihrer Bewunderung für den hübschen, feinen jungen Herrn denn auch nicht zurückhielten.

Zwischendurch war er dann freilich wieder der Ritter der schönen Amerikanerin, was Nellichen auch durchaus nicht übelnahm. Als Wirtin war es ihr ja lieb, wenn die junge Fremde in Grünweide so viel Vergnügen wie möglich fand. Auch fühlte sich Nelli neben der großartigen Miß Amy immer wieder zu sehr als Backfisch, um nicht zu begreifen, daß Henry, der Vielgewandte, die Gesellschaft der schönen Fremden dem Umgang mit der Jugendfreundin oft vorzog.

Endlich kam nun der Glanzpunkt dieser festlichen Zeit in Sicht. Für den 30. September war große Treibjagd in Grünweide angesagt!

Der Morgen war neblig und kühl, aber man prophezeite einen schönen Tag, obwohl die Sonne noch nicht durchgebrochen war, als schon ein Jagdwagen nach dem anderen auf den Hof fuhr und auf der breiten Freitreppe des alten Herrenhauses sich alle Augenblick ein anderes Bild entwickelte. Muntere Begrüßungen unter den Nachbarn wurden getauscht und die fremderen Hamburger gleich nach Möglichkeit in die gemütliche Jagdstimmung hineingezogen, indem man wunderbare Abenteuer aus hiesigen Revieren erzählte und den Fremden großartige Jagdbeute versprach.

Endlich brachen alle Jäger auf. Die Damen blieben allein im Hause zurück, waren aber auch schon dabei, sich zu rüsten, um später zum »Eichhorst« nachzufahren, wo das Frühstück verzehrt werden sollte.

Leonore ließ es sich nicht nehmen, Frau Matersen auf Schritt und Tritt in Speisekammer und Keller zu begleiten, um zu lernen, was alles zu einem guten Jagdfrühstück erforderlich ist. Da Lotte natürlich nicht dabei fehlte, waren sie einmal wieder in munterster Geschäftigkeit zusammen, wie damals im Schulhause.

Als dann die großen Körbe gepackt und auf den Wagen gebracht waren, der zugleich dazu dienen sollte, später die Jagdbeute heimzubringen, wurde Befehl zum Anspannen gegeben. Auch die Damen stiegen zu Wagen, um die Jäger draußen zu begrüßen. Alle waren warm und dem Zweck entsprechend gekleidet, meist mit kleinen Jägerhütchen, dicken Handschuhen und festen Stiefeln.

Amy Rodberts fiel auf durch wundervolles Pelzwerk, das sie fast ganz und gar umhüllte, und wurde von jetzt ab Miß Blaufuchs genannt. Eigentlich hatte sie reiten wollen, wurde aber durch ihren Vater davon zurückgehalten, weil sie die Gepflogenheiten eines deutschen Jagdtages noch nicht kannte und leicht in eine Lage geraten konnte, die sich vorher nicht übersehen ließ. Nun saß sie fein artig im Landauer verpackt mit ihrer Mutter und den Hamburgerinnen, während Nelli und Lotte den kleinen Ponywagen für sich hatten und ziemlich erregt darüber tuschelten, daß Nell bei diesem Frühstück im Walde wahrhaftig und gewiß die Wirtin machen müsse, da die verehrliche Tante Pine zu Hause geblieben war, um eine »schauderhafte Migräne« soweit zu bessern, daß sie wenigstens später am Mittagessen teilnehmen konnte.

Die Sonne hatte endlich siegreich den Nebel durchbrochen. Auf einer Waldblöße im Eichhorst entwickelte sich bald ein belebtes Bild, als die Damen von den Jägern mit lautem Hallo empfangen waren.

In seiner aufgeräumtesten Stimmung war Herr Menkhausen, als er sein Töchterchen so eifrig an den Frühstückstischen hantieren sah und beobachtete, wie es von allen Gästen in scherzhafter Wichtigkeit als Wirtin behandelt wurde. Nelli würde wohl wirklich dereinst gut in diesen Kreis passen, eine echte Gutsherrin werden! So reizend wie die Lotte Matersen war sie ja nicht und eine Schönheit wie Amy Rodberts erst recht nicht. Ihre Gesichtszüge waren vielleicht sogar ein wenig männlich – »das hat sie von mir,« dachte der Vater lächelnd – aber es lag Ausdruck in dem Gesicht und im Wesen des jungen Mädchens, das in der letzten Zeit so überraschend schnell das Kindische abzustreifen verstand, wenn es auch neulich am Geburtstage noch alle in harmloser Heiterkeit übertroffen hatte. Wie nett kleidete Nelli auch heute das frische Wesen, mit dem sie sich den alten Herren widmete – wie verstand sie es, kleine Neckereien aufzunehmen und mit einem unschuldigen Spaß zurückzugeben, ohne je über die Grenze mädchenhafter Schicklichkeit zu gehen! Und wie stand es ihr an, als sie zu den Leuten, den Kutschern und Treibern trat, und auch den Dorfjungen, die man mit angestellt hatte, etwas Freundliches zu sagen wußte! Ja, es war Kern in dem Mädchen! Mochte sich die Zukunft gestalten, wie es kommen sollte – artete Nelli nun einmal nach der Großmutter, dann durfte man ihr die eigene Scholle nicht vorenthalten!

Aber Henry? Der würde wohl nie ein Landwirt werden, dachte der Vater! Übrigens – solche Erwägungen lagen ja eigentlich noch in weitem Felde; seine »Deern« war eben erst siebzehn Jahre alt geworden! Wunderlich genug, daß ihm überhaupt schon solche Gedanken kamen, während doch vor ganz kurzem nur von Schule, Pension, Zeugnissen und Ferien die Rede war. Da hatte das junge Fräulein plötzlich sein Leben selbst in die Hand genommen und gesagt: »Schulkind mag ich nicht mehr sein! Lernen will ich allerdings noch viel, aber anderes als aus Schulbüchern!« Und das entschlossene Töchterchen hatte wirklich den Papa besiegt, daß er ihm den Willen tat!

Hatte Nelli seine Gedanken erraten, als sie ihn eine Weile so still und nachdenklich unter der lauten, belebten Gesellschaft sah? Im grünen Tuchkleid, den Jägerhut über dem von der frischen Herbstluft geröteten Gesicht, trat sie an ihren Vater heran, legte eine Hand auf seine Schulter und sagte zärtlich: »Oh, Papa, wie dankbar bin ich dir, daß du mich zu Hause behalten hast – daß ich dadurch auch diesen schönen Tag miterleben darf! Heute ist es doch auf dem Lande so wunderherrlich, daß ich meine, es gibt keinen schöneren Ort auf der Welt als Grünweide!«

»Kleine Schwärmerin,« erwiderte Herr Menkhausen lächelnd, »wollen uns einmal in vier Jahren wieder sprechen! Denkst du dann noch ebenso, schenke ich dir zum Tage deiner Großjährigkeit das Gut.«

Leonore jauchzte leise auf und ließ ihren Arm fest um die Schulter des Vaters geschlungen.

Amy Rodberts, die beide einige Minuten lang beobachtet hatte, rief jetzt munter: »Oh, Elinor, mein Bildchen ist fertig und so hübsch geworden! Sie haben sich nicht gerührt, so getieft Sie waren mit Ihrem Pa!«

Ohne daß die Betreffenden es ahnten, hatte Amy ihren Kodak auf sie gerichtet.

»Also meuchlings festgenommen« – Herr Menkhausen lachte – »es geht dem Jagdherrn nicht besser als dem Wild! Da pirschen Sie sich nur auch anderswo an, Amy; es gibt hier gewiß noch manch hübsches Bild!«

Eben erschien Henry Fedders, der etwas abseits mit den Treibern gesprochen hatte, wieder auf der Bildfläche. Die ganze leidenschaftliche Jagdfreude stand in seinem hübschen Gesicht; seine Büchsflinte hatte er von der Schulter genommen, als könnte er es nicht erwarten, wieder zu Schuß zu kommen. So stand er unter einer gewaltigen Eiche, deren vielfarbiges Laub in der Sonne feurig leuchtete.

»Sie klappern schon wieder leise,« sagte er ungeduldig, als möchte er die noch behaglich tafelnde Frühstücksgesellschaft aufscheuchen. Da rief Amy Rodberts laut aus kleiner Entfernung: » Oh please, Mr. Fedders, stop a bit – ich will Sie nehmen!«

Der Kodak war auf den jungen Weidmann gezückt, und jedermann wußte, daß dieses »Nehmen« nur der vereinfachte Ausdruck war für »Bildaufnahme«; aber doch brach eine stürmische Heiterkeit los über dies gebieterische Wort der Amerikanerin. Die kümmerte sich um gar nichts, knipste in aller Seelenruhe und sagte » thanks«. In dem Augenblick tranken alle ihre Gläser aus, und es hieß: »Die Jagd geht weiter!«

Im Nu stand die gemütliche Frühstückstafel verlassen. »Hals- und Beinbruch!« riefen die jungen Mädchen noch statt des verpönten Glückwunsches den Jägern nach, und »Wiedersehen beim Halali!« Dann lag die Waldblöße ruhig in der klaren Herbstsonne; das Treiben zog sich in einen anderen Teil des »Eichhorst«.

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