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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Achtzehntes Kapitel: Allerlei Verkehr

Schon in den nächsten Tagen kam Lehrer Langreuther nach Grünweide, um seine Braut im Verwalterhause vorzustellen, und kehrte dann auch in der Schule ein. Klassenprüfung konnte ja nicht stattfinden, da die Schule leer und alle Kinder auf dem Felde beschäftigt waren; aber dem jungen Mann lag auch viel mehr am Herzen, seine Braut mit Fräulein Froben bekannt zu machen, und dieser wiederum war es wichtig, einmal richtig Gäste bei sich zu empfangen und mit der künftigen Lehrersfrau gute Nachbarschaft zu verabreden.

Luischen Blank, die Braut, war ein hübsches, aufgewecktes Mädchen, Tochter eines Gutsjägers in Roggenfelde und Spielgefährtin von dem Schullehrersohn Otto Langreuther. Außer der Schule von Ottos Vater hatte sie kaum noch Ausbildung erhalten; aber sie war, wie gesagt, ein allerliebstes, heiteres Mädchen mit gutem Verstand und nettem Benehmen, so daß Marianne sich wohl denken konnte, daß sich ein recht angenehmer Verkehr zwischen ihnen entspinnen könnte. Denn die junge Lehrerin besah keine Spur von irgendeinem geistigen Hochmut wegen ihrer höheren wissenschaftlichen Ausbildung, sondern gab viel mehr auf Herzensbildung und freundliche Wesenszüge, die sie auch in den einfachsten Menschen zu erkennen wußte.

Natürlich kamen sie auf allerlei wirtschaftliche Dinge, und Marianne entzückte ihren jungen Kollegen geradezu damit, daß sie sagte, von ihm, nicht nur von seiner künftigen Frau, hoffte sie auch noch etwas in dieser Hinsicht zu lernen. Er müsse ihr helfen, einen Bienenstand einzurichten, denn ein richtiger Dorfschullehrer müsse doch Imker sein.

Als sie so plaudernd zusammensaßen, kamen sie natürlich auch auf die Familie Matersen zu sprechen, und der Lehrer beklagte sehr, daß noch immer über dem kleinen Hause jene Wolke ruhte, die seinen Freund Hermann völlig verändert habe. Marianne schwieg dazu und dachte das ihre. Sie wollte ja zu niemand von ihren Vermutungen reden, um keine Hoffnung zu erwecken, die leicht trügerisch sein konnte. Auch bei Pfarrer Treumund, der sie nach verschiedenen Kindern fragte, hatte sie nichts über Hinrich Stoppsack geäußert, obgleich sich mehr und mehr der Gedanke in ihr festsetzte, daß der Junge mit dem rätselhaften Feuer in Zusammenhang stehen müsse.

An diesem Tage wandte sich sowieso noch einmal die Rede darauf, denn Lottes verheiratete Schwester Hermine, die schon über eine Woche zum Besuch da war, kam nun auch noch ins Schulhaus mit der Versicherung, sie könne nicht abreisen, ohne die neue Freundin ihrer Familie kennen gelernt zu haben. Lotte habe ihr gesagt, mit Fräulein Froben zu sprechen, sogar über den Verlust ihres kleinen Lieblings, könne ihr nur tröstlich sein.

Marianne war gerührt von dieser Äußerung der jungen Freundin und fand mit ihrem seinen Herzenstakt allerdings auch gerade das Rechte heraus, was der traurigen jungen Frau wohltun konnte.

Hermine war mehr still im Wesen, ganz anders als Lotte; sie wurde nur lebhafter, als sie davon sprach, daß die Nachricht von dem Tode ihres Kleinen gerade an dem Tage in Grünweide angekommen sei, an dem Hermann eine Hochzeit im Dorf mitmachen sollte. Dem Bruder sei nun die Lust vergangen; er habe auch die Mutter nicht allein ihren trüben Gedanken überlassen mögen und daher eine Absage ins Dorf geschickt. Diese sei ihm von dem Hochzeiter sehr übelgenommen worden; alberne Reden von hochmütiger Zurückhaltung seien aufgekommen, und als gar am selben Abend auf dem fast verlassenen Hof das unselige Feuer ausbrach, da seien der Verleumdung Tür und Tor geöffnet gewesen.

Ganz aufgeregt wurde die junge blasse Frau bei diesen Worten, und Marianne erfuhr nun auch noch, daß schon länger eine Art Abneigung zwischen dem Verwalter und jenem jungen Bauernsohn, der Hochzeit machte, bestanden habe, zurückzuführen auf eine Eifersucht von jenem, der für sich einst auf die Verwalterstelle beim Geheimrat Menkhausen gerechnet habe, da er als der jüngere Sohn den väterlichen Hof nicht erben konnte und überhaupt immer gern etwas höher hinaus wollte.

»Der Hochmut ist ganz auf seiten des August Banzkow zu suchen, statt bei meinem guten Bruder Hermann,« klagte Frau Hermine, »und nun mußte mein armer kleiner Engel in aller Unschuld den Anlaß geben, daß Hermann sich jenen jungen Menschen völlig verfeindete. Aber wer kann so etwas ahnen! Begreifen Sie die Sache überhaupt, Fräulein Froben?«

Betrübt schüttelte Marianne den Kopf und erwiderte: »›Sei so rein wie Schnee – du wirst der Verleumdung nicht entgehen können!‹ An dies Wort habe ich schon oft gedacht, Frau Werber, und mir den Kopf zerbrochen, wie Licht in die Sache kommen könnte. Ich gebe die Hoffnung nicht auf; Gott zeigt einem manchmal wunderbar den Weg, wo Menschen keinen mehr sehen.«

Dankbar drückte die junge Frau ihr die Hand und kehrte zu Mutter und Geschwistern zurück mit den Worten: »Ja, ihr könnt euch wohl freuen, dies liebe Mädchen hier zu haben; solch einen Verkehr im Dorf, da kann man sich beglückwünschen! Wird sie es denn hier aushalten auf die Dauer?«

»Ich hoffe es,« sagte Hermann Matersen fest.

 

Leonore Menkhausen feierte ihren siebzehnten Geburtstag und zwar, wie sie ausdrücklich gewünscht, mit einer richtigen Jungmädchengesellschaft. »Kein Festessen,« hatte sie gesagt, »keine alten Herrschaften, auch keine jungen Herren! Wir jungen Mädchen unter uns – recht viel Kuchen und süße Speisen!«

Amy Rodberts nannte zwar diesen Plan langweilig und backfischmäßig, aber zum ersten Male hatte Leonore sich nicht daran gekehrt. Sie wollte nun noch einmal Backfisch sein, nichts weiter; ihr war so, als sei es zum letzten Male, denn ganz aus freiem Antrieb war sie in letzter Zeit »mächtig gesetzt« geworden. Das fand auch Lotte und meinte sehr einverstanden: »Sei nur noch einmal unsere lustige Nell – das gravitätische Fräulein Leonore kannst du noch lange genug vorstellen.«

»Na, gravitätisch,« entgegnete die Freundin, »das wird wohl nie meine Sache sein, und es ist ja wohl auch nicht durchaus nötig zu dem, was ich in Zukunft vorhabe. Man kann doch auch eine lustige Herrin sein und es dabei im Grunde ernst genug meinen, nicht wahr? Dein geliebtes Fräulein Froben scheint mir auch keine finstere ›Schulmonarchin‹ und wird hoffentlich in unserem Kreise morgen kein Spielverderber sein! Weißt du, Lotte: gerade ihretwegen möchte ich es so recht harmlos gemütlich haben; sie kommt dann sicher lieber, als wenn es feierlich zugeht, da sie doch hier noch so fremd ist.«

Lotte nickte dazu und fand es wieder sehr liebenswürdig von dem jungen Gutsfräulein, so viel Rücksicht auf die Lehrerin zu nehmen.

»Wer kommt denn aus der Nachbarschaft, Nell?« wollte sie noch wissen. »Kenne ich alle?«

»Ich denke doch, Lotte: außer unseren Hamburger Hausgästen nur Emmi von Dahlen, Anna und Mariechen Klaus – die anderen sind zu alt; die kann ich nicht mit solcher Einladung beehren. Hurra, Lotte, was wollen wir für Unsinn machen! Weißt du nicht einen rechten Ulk? Ich bin nun schon so lange aus der Pension fort – zwei Monate im ganzen; weiß nicht mehr, was sie inzwischen da angestiftet haben.«

Lotte Matersen machte ein bedenkliches Gesicht. Sie war nicht besonders geübt im »Ulkmachen«. Ihre Pension war sehr einfach; sie und ihre Gefährtinnen bereiteten sich sämtlich ernsthaft auf einen Beruf vor. Endlich schlug sie »Verkleiden« vor – »das mochten wir früher immer so gern, Nell!«

Die Freundin lachte hell; das sei eigentlich das Allerkindlichste, aber vielleicht könnte man gerade durch Überraschungen wirken.

Sehr wenig entzückt von diesem Geburtstagsplan waren die jungen Herren. Albert Menkhausen und Henry Fedders fanden es unerhört, an diesem Tage ausgeschlossen zu sein, und schworen den jungen Mädchen Rache. Auch Emmi von Dahlen schrieb, ihre Brüder seien empört; so was gäb's doch gar nicht auf dem Lande, daß nicht die ganze Familie zu einer Geburtstagsfeier kommen dürfe. Und nun gerade in Grünweide, wo fast das ganze Jahr über das Haus verschlossen sei – und wenn man gerade Ferien habe!

Leonore lachte sehr über dies Klagelied der Dahlenschen Kadetten und antwortete, sie würden ja schadlos gehalten durch die nächstens stattfindende Jagd; dann würde zur sogenannten »Nachjagd« familienweise geladen.

Am Geburtstagsmorgen empfand Nelli übrigens deutlich den Abschnitt in ihrem Leben. Die Pensionszeit war aus; nun sollte das wirkliche Leben seinen Anfang nehmen. Dieser siebzehnte Geburtstag war wie ein Grenzstein; nach ihm durfte man nie mehr als Backfisch bezeichnet werden; darum »heute, nur heute« noch einmal recht harmlos lustig sein!

»Und das muß durchaus ohne uns vor sich gehen,« schmollten die jungen Hamburger Freunde. »Sind wir denn solche Spielverderber?«

»Na, wißt ihr,« begann Nelli zögernd; sie mochte nicht weiter mit der Sprache heraus, sagte aber später zu ihrer Lotte: »Wenn Henry, Albert und die anderen Jungen dabei sind, läuft es doch immer darauf hinaus, daß sie alle der schönen Amy den Hof machen, und die spielt dann die Königin. Wir wollen aber heute mal gleichberechtigt und quietschvergnügt sein.«

Am Nachmittag um die Kaffeezeit hieß es, der Wagen aus Schönlanke sei vorgefahren und habe einen Kadetten mitgebracht.

»Was will denn der?« rief Leonore in gespielter Entrüstung. »Na, der wird schön erschrecken, wenn ihn hier diese Matrone empfängt!«

Sie selbst war nämlich eben in einem gestreiften Kleide von Frau Matersen erschienen, hatte eine große Schürze vor, den Schlüsselkorb am Arm und nahm, am Schreibtisch sitzend, anscheinend den Vortrag ihres Verwalters entgegen, aber nicht etwa eines jungen, von der Art Hermann Matersens. Den derben Leinenrock, in dem der Vater früher manches Mal über Feld gegangen war, füllte zwar Lottes anmutige Gestalt keineswegs aus, und ihr junges Gesicht sah überraschend unter dem alten verwitterten Strohhut hervor, den sie vor der Herrin zwar vorschriftsmäßig in der Hand zu halten, aber vorläufig noch keck auf das braune Haar gedrückt hatte, da sie sich eben erst zum Empfang der Gäste einübten.

»Wo nur Amy bleibt?« sagte Leonore. »Sie wird uns doch die Ehre ihrer Gesellschaft nicht entziehen, weil sie den Backfischkranz für langweilig erklärt?«

Da trat die Amerikanerin ein und stellte sich als reisenden Photographen vor, der um den Vorzug bat, das Geburtstagskind und seine Gäste zu »nehmen«. In der Hand hatte sie ihren Apparat nebst Stativ und unter dem Arm eine Mappe mit Photographien, die der Gesellschaft zu ihrer Kunst Lust machen sollten. Gekleidet war sie in ihres Vaters Gehrock, unter dem sie den geteilten Rock ihres Sportkostüms trug, dazu eine flotte, künstlerisch geknüpfte Krawatte: so sah sie höchst unternehmend aus. Leonore klatschte denn auch entzückt in die Hände, da sie so viel liebenswürdiges Entgegenkommen von der sonst meist etwas kühl überlegenen jungen Schönheit nicht erwartet hatte.

Jetzt erschien auf der Schwelle auch der vermeintliche Kadett, aber es war nur Emmi von Dahlen in ihres Bruders Uniform. Sie stellte sich lachend vor und behauptete, eine kleine Witterung gehabt zu haben, daß eine derartige Maskerade hier heute angebracht sein könnte.

»Oh,« rief Amy Rodberts, »Sie dachten wie ich: nichts als weiße Kleider, das ist ein langweiliges Bild! Sie und ich, wir machen den Abwechsel – tun wir nicht?«

»Ja, ihr seid großartig, die ihr die Herren der Schöpfung vorstellt,« rief Nelli lachend, »aber ihr seht, so ›ganz ungemischt‹ war die Gesellschaft schon nicht mehr. Hier mein wertgeschätzter Verwalter – wir stellten nämlich eben eine Kornrechnung auf.«

Lotte machte einen altväterischen Diener und drückte dann auf die Klingel, da die Herrin Kaffee befahl.

Herein traten nun zwei Hamburger Dienstmädchen mit schwarzem Kleid, zierlicher Schürze und dem bekannten weißen Häubchen, wie man sie in allen guten Häusern von Hamburg sieht. Es waren Alice Fedders und Edda Röding, die sich von ihrer mitgebrachten Jungfer so hatten einkleiden lassen und nun mit wichtiger Geschicklichkeit Kaffee und Kuchen auftrugen.

Eben erschien auch Fräulein Froben, die in ihrer Rolle bleiben durfte; nur hatte sie ihre äußere Würde etwas unterstützt durch ein Rohrstöckchen, das sie unternehmend schwang, und eine Fensterglasbrille, die dem jungen Gesicht einige Strenge verleihen sollte.

Nun saß man beim Kaffee, und alle zeigten mehr oder weniger ein jugendliches Verlangen auf Kuchen, daß die Schüsseln sich schneller leerten, als Leonore gedacht hatte. Sie winkte den beiden Freundinnen im Häubchen, die alsbald verschwanden, um frische Zufuhr herbeizuschaffen. Bei ihrer Rückkehr hörte man ein Wortgefecht vor der Tür, wo sie mit einem großen, hübschen Bauernmädchen zusammentrafen, das ebenfalls einen hochgetürmten Kuchenberg trug, oder vielmehr – nein, das war ja ein ganzer Baumkuchen, von dessen Vorhandensein das Geburtstagskind bisher keine Ahnung hatte! Ja, und das Mädchen, das sich da so munter vordrängte, diente doch gar nicht auf dem Hof! Oder waren diese blauen Augen, die sie da anlachten, ihr doch nicht völlig unbekannt?

Natürlich, jetzt lachte auch der Mund, und obwohl der nicht den kleinsten Anflug eines Bärtchens trug: es war Henry Fedders, der sich auf diese Weise Zutritt in den gefeiten Jungmädchenkreis erzwingen wollte und mit der Stiftung eines Baumkuchens Verzeihung erhoffte.

Ohne sich anfechten zu lassen, übernahm er auch gleich die Stubenmädchenpflicht des Meldens. Er ließ eine tiefverschleierte Dame ein, die sich in gewählten Worten der gnädigen Gutsherrin empfahl, wenn etwa die Stelle an der Dorfschule neu zu besetzen sei. Sie habe gehört, ein alter »Haudegen« regiere hier das kleine Volk; vielleicht sei bald eine mehr neuzeitliche Kraft erwünscht.

Die Stimme hinter diesem dichten Schleier war die des Albert Menkhausen, der nun, ernsthaft vor Marianne Froben tretend, beteuerte: »Mein gnädiges Fräulein, Sie hat man aber verleumdet! Die Bezeichnung Haudegen hängt nur am historischen Namen, wie ich sehe; jedenfalls ziehe ich meine Ansprüche auf die hiesige Schulstelle zurück und versuche anderweitig mein Heil. Herr Verwalter« – er wandte sich an Lotte – »sind Sie vielleicht ein Nachkomme vom seligen Bräsig? Und können Sie etwa einen Fritz Triddelfritz brauchen?«

Den Schleier hatte Albert längst zurückgeschlagen, denn seine tiefe Stimme mußte ihn doch bald verraten; aber in weiblicher Tracht setzte er sich noch an den Kaffeetisch und nahm aus den eigenen Händen der »Gutsherrin« die Tasse entgegen.

»Zigaretten habe ich aber nicht,« sagte diese schelmisch, »das sei nun eure Strafe, daß ihr ohne diesen Genuß auskommen müßt.«

»Das müssen wir doch meistens in eurer Gesellschaft, mein Bäschen,« versetzte Albert ernsthaft, »und es ist kein Opfer!«

Nelli war entzückt, daß ihr gewünschter kindlicher »Ulk« so viel Entgegenkommen fand, und behauptete, zunächst müsse diese besondere Kaffeerunde photographisch festgehalten werden.

»Bitte, Amy, befehlen Sie ›Ruhe‹!«

Unter Lachen, Necken und manchem mißglückten Versuch kam endlich eine Aufnahme Zustande. Leonore belobte alle Mitwirkenden, die, ob vorbereitet oder aus dem Stegreif, ihre Sache so gut gemacht hätten, und Henry sagte: »Ich finde, wir sind mindestens so genial zu Werk gegangen, daß wir es mit der Rüpelkomödie im Sommernachtstraum aufnehmen könnten. Großer Shakespeare, verzeihe den Vergleich!«

Jetzt kicherte es verstohlen hinter der Tür. Als Leonore nachsah, zog sie zwei frische Mädel herein, in rosa Kattunkleidern, steif gestärkt und mit großen Puffärmeln, aus denen die runden gebräunten Arme hervorsahen. »Lining und Mining,« stellten sie sich mit schüchternem Knicks vor; aber es waren Anna und Mariechen Klaus, die Leonore schon im stillen vermißt hatte und nun fast mit Gewalt in den Kreis führte.

»Wir trauten uns nicht herein,« sagte jetzt eines der als Zwillinge auftretenden Mädchen, »weil wir Herrenstimmen hörten und glaubten, der Backfischkaffee sei doch zuschanden geworden. Emmi hatte uns nämlich verraten, daß heute hier nach alter beliebter Sitte Verkleiden gespielt würde, und da wir nichts Rechtes an phantastischem Putz hatten, machten wir uns schnell zu den bekannten Twäschens aus ›Mine Stromtid‹. Fritz Reuter wird doch jetzt überall so gefeiert.«

»Ganz großartig macht ihr euch,« rief Nelli. »Es ist nur schade, daß nicht noch jemand auf den Gedanken gekommen ist, sich als ›Kandidat‹ vorzustellen, damit ihr ›süßen Druwäppel‹ ein Gegenstück hättet.«

»Einer nützt nur nicht,« sagte Emmi von Dahlen. »Schau –«

Indem hörte man Gepolter draußen, und das kleine Fräulein aus Schönlanke berichtete: »Als ich Bruder Egons Uniformrock haben wollte, fragte er empört, was er denn so lange tragen sollte, oder ob ich ihn geradezu einsperren wollte. Na, schließlich paßte ihm das Zivil von Kurt noch einigermaßen und – da sind die beiden Kandidaten!«

Egon und Kurt von Dahlen in schwarzen Gehröcken und schwarzen Krawatten traten ein, und wenn sie auch im Vergleich zu den Druwäppels sehr modern und weltmännisch wirkten, wurde doch auch der Versuch dieser Maske sehr beifällig aufgenommen. Die Heiterkeit war noch immer im Wachsen begriffen.

Einige kleine Verrätereien waren natürlich geübt worden, daß der »Backfischkaffee« diese Ausgestaltung hatte gewinnen können, aber allen wurde verziehen und »harmlose Lustigkeit mit recht viel süßen Speisen« blieb die Losung des Tages.

»Was die Mädel nur alles an den Tag geben mögen?« sagte der alte Herr Menkhausen, als er draußen am offenen Fenster vorbeiging und die Ausgelassenheit hörte. »Uns, mein lieber Matersen,« fuhr er zu seinem Verwalter fort, »ist ja leider der Zutritt versagt.«

Hermann lächelte fein. Natürlich hatte Lotte geplaudert, und er war mit im Geheimnis dieser Geburtstagsfeier! Wie wohl Fräulein Froben sich in dem ausgelassenen Schwarm fühlen mochte?

Oh, Marianne war sehr vergnügt, ging auf alles ein und freute sich schon, ihrer Mutter hiervon zu erzählen, damit jene sich trösten sollte, daß ihre Tochter nicht immer nur in der Würde der Lehrerin zu denken sei und im Verkehr mit wenig gebildeten Dorfbewohnern. Denn das war der zarten Frau Doktor doch öfter noch ein drückender Gedanke. Heute nun würde sie sich wohl über ihre Marianne beruhigt haben, die in diesem jugendlich vergnügten Kreise von allen als ihresgleichen behandelt wurde. Bald wollte Mama Froben ja selber kommen und sich nach allem umsehen; nur wollte sie noch nicht in der vorliegenden Geselligkeit stören, von der das Töchterchen geschrieben hatte.

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