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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
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Fünfzehntes Kapitel: Vater und Tochter

Hätten sie geahnt, daß um dieselbe Zeit in Hamburg eine Beratung zwischen Vater und Tochter stattfand, bei der die letztere ihren Überdruß an der immer noch dauernden überfeinen Erziehung kundgab!

»Muß ich denn wirklich noch bis nächstes Jahr in Genf bleiben?« fragte Leonore nachdrücklich. »Siehst du, Papa, ich habe wirklich schon eine Menge von ›dem Zeugs‹ gelernt, was du selbst manchmal in schwachen Augenblicken für recht überflüssig für uns Mädel erklärst!«

»Na, na,« unterbrach der Vater mit leisem Murren, »was hast denn du da aufgeschnappt?«

»Ja, Pa, ich habe eben feine Ohren! Und es ist auch wahr: weitere Gelehrsamkeit ist überflüssig für mich, da ich doch eine Landwirtin werden will. Du weißt schon, Papa!«

Der alte Herr war gerührt.

»Hast du dir das wirklich in den Kopf gesetzt, Deern?«

»Aber ganz fest! Und du, Papa, sei doch froh! Unser schönes Grünweide muß einmal einen wirklichen, echten Herrn bekommen!«

»Und dieser Herr wolltest du sein, Nelli?«

»Natürlich!«

»Und dein künftiger Mann? Wie denkst du dir die Sache denn eigentlich, mein Deern?«

Es klang gutgelaunt, und so wiederholte Leonore in schelmischem Ton: »Mein Mann? Ja, erstlich ist der noch lange nicht vorhanden, und wenn – ja, könnte der denn nicht auch Freude an der Gutswirtschaft haben, ein richtiger Landmann sein?«

Herr Menkhausen dachte schnell an den Sohn eines Hamburger Geschäftsfreundes, eines entfernten Verwandten seiner Frau, den er sich unwillkürlich seit langer Zeit zum Schwiegersohn ausersehen hatte, wenn schon Albert, der prächtige Junge, der nahen Verwandtschaft wegen dies nicht werden konnte, und es schien ihm, daß Henry Fedders ebensowenig jemals richtiger Gutsherr sein würde, wie er selbst. Aber jetzt plauderte das Kind schon weiter, nichts ahnend von des Vaters Gedanken, sprudelte es heraus: »Also, Papa, du überlegst dir's, ob nicht wirklich schon reichlich genug für meine Bildung getan ist – ob wir die Sache nicht mal bei einem anderen Ende anpacken können. Sieh mal, Französisch sprech' ich wie ein Wasserfall, und an meinem Englisch hat selbst Amy Rodberts nichts auszusetzen. Mein Klavierspiel, das ja im Grunde nicht weit her ist, hat doch bei den Amerikanern genügend Eindruck gemacht, so daß man sich auch wohl in ländlichen Kreisen damit zufriedengeben wird...«

Ihr Vater zwickte sie ins Ohr; da fuhr sie unbekümmert fort: »Zu malen braucht nicht jeder Mensch künstlerisch. Wozu soll ich Wälder und Felder auf die Leinwand zaubern, wenn die schönste Dorflandschaft mein eigen ist? Ich will lieber lernen, was der Acker trägt, und wie die Leute in ihren kleinen Häusern leben – will sehen, dass diese Häuser sich nicht bloß malerisch auf der Leinwand machen, sondern in gutem Stande sind mit heilem Dach und so weiter.«

Herr Menkhausen stand auf; er war ganz ernst geworden. Mit einem Male konnte er seine Leonore nicht mehr als ein Kind betrachten.

Woher diese gesunden Anschauungen, dieser klare Wille? Nun, sie war eben seine Tochter! Er hatte alles auf seine Einzige zu vererben, nicht bloß die äußeren reichen Güter, auch wohl die Züge seines festgeschlossenen Wesens. Daß er das alles nicht schon viel früher erkannt hatte, daß ihm die Kleine in dieser Stunde gleichsam neu zuteil wurde! Aber das kam davon, wenn man seine Kinder so Jahr um Jahr aus den Händen ließ, wenn die Entwicklung sich unter fremden Augen vollzog! Hatte doch Nelli neulich selbst drollig gesagt: »Das ist die Folge, wenn die Väter nie recht genau Bescheid wissen mit ihren Töchtern!« Das geschah damals, als sie so erschrocken war, in Amy Rodberts nicht einen gleichalterigen Backfisch zu finden, wie Papa verheißen hatte, sondern eine völlig fertige junge Dame. Na ja, vielleicht gelüstete es das Mädel, auch jetzt junge Dame zu spielen und nicht mehr Schulkind? Doch nein, er wollte Nelli nicht unrecht tun! Er hatte ihren Ernst vorhin recht gut durchgefühlt, wenn die Äußerung ihrer Gedanken an sich ihm auch jugendlich und phantastisch schien. Aber von Tändeln und Damespielen kam jedenfalls nichts drin vor.

Das Ergebnis dieses Gespräches war, daß Herr Menkhausen jetzt deutlich selbst das Verlangen spürte, die Tochter mehr in der Nähe zu behalten. Er wollte mit seiner Hausdame sprechen, vielleicht auch mit Frau Senator Fedders, der guten Freundin des Hauses. Wenn die nicht dagegen war, dann konnte dem Kinde die Pensionszeit etwas abgekürzt werden? er mochte selbst wirklich nicht daran denken, sie wieder herzugeben, die kleine Nell.

In den schönen Herbsttagen wollten ja die Amerikaner sich sein Gut ansehen, da mußte das Kind sowieso dabei sein! Vorher aber sollte noch in der Villa an der Elbe großer Empfangstag sein für den Hamburger Kreis, der doch auch seine amerikanischen Freunde kennen lernen mußte.

Fräulein von Selchow strahlte, endlich nach langer Pause einmal wieder ein feierliches Essen veranstalten und mit allem Glanz das Haus vertreten zu dürfen. Auch hatte sie viele Auseinandersetzungen mit Leonore, wie sie sich bei dieser Gelegenheit zu benehmen habe, denn ein so junges Mädchen könne beim ersten Erscheinen in der Gesellschaft gar nicht genug darauf bedacht sein, die Grenze zwischen Kind und junger Dame richtig innezuhalten.

Leonore war das sehr langweilig, und sie erlaubte sich in Gedanken manche schnippische Bemerkung. Sie freute sich aber, all die Bekannten wiederzusehen, zu denen sie in diesen so sehr besetzten Tagen noch nicht gekommen war, und stellte sich im Geist schon die Verwunderung vor darüber, daß sie noch da sei. All die Fragen, ob »das Gör«, »die Deern« noch nicht zur Schule müsse – und sie dachte sich aus, wie sie darauf antworten wolle, daß es mit der »Görigkeit« nun bald ein Ende habe. Aber ach, für voll nehmen würde man sie doch nicht! Leonore sah es kommen, wie die Vettern oder die Sühne befreundeter Häuser sie am Zopf fassen und von ihrem »Flügelkleide« faseln würden, mit dem sie ja doch demnächst wieder »in die Mädchenschule« gehen müsse. Dann überlegte sie ernstlich: »Was ziehe ich an?«

Amy Rodberts konnte man nicht fragen; die sprach nie von Kleidern, tat, als ob sie ihr ganz gleichgültig seien, und war doch stets so unbegreiflich schön angezogen. In Hamburg verstand man ohne Zweifel auch was von Putz, aber morgen würde die Amerikanerin sicher alle überstrahlen. Tante Fedders, die Senatorin, sah ja leicht ein bißchen geschmacklos aus, und ihre Tochter Alice hatte keine gute Figur; aber auch Edda Rüding, die sonst immer die »Eleganteste« war, würde gegen Amy Rodberts sicher nicht aufkommen.

Für sich selbst entschied Leonore sich nun, ein weißes Kreppkleid anzuziehen. Weiß paßte immer, und dieses war so hübsch gemacht, ein bißchen »erwachsener« als sonst und doch nicht zu sehr, Tante Pine würde die Grenze loben. Auch hatte Base Edda die Besprechung mit der Schneiderin geleitet.

Als Leonore sich ankleidete, dachte sie an Lotte. Wenn die doch auch dabei sein könnte! Wie die sich wohl hineinfände in die immerhin etwas steife Hamburger Gesellschaft! Ach was, wenn Lotte da wäre, würden sie beide immer zusammenhalten und nichts weiter vorstellen wollen als ein Paar Backfische. Aber nun, ohne die Freundin, mußte sie wohl versuchen, den älteren, den wirklichen Damen ein wenig die Wirtin zu machen.

Da ging es schon los! Fräulein von Selchow kam, musterte schnell und scharf Leonorens Anzug und sagte: »Jetzt in den Saal – eben fahren Herr und Frau Senator vor.«

Leonore eilte und kam gerade recht, Frau Fedders zu empfangen. Diese umarmte mütterlich das junge Mädchen und sagte halblaut: »Ich weiß schon, daß du noch hier bist, mein Nellichen, und Papa hat mir schon allerlei von deinen Wünschen erzählt; wir sprechen später davon.«

Nun trat auch der Senator heran und neckte, die Hände zusammenschlagend: »Der Tausend, hat die Deern sich herausgemacht! Man ist ja ganz paff, und wenn man nicht der alte Onkel wäre, getraute man sich nicht mehr, ›Du‹ zu sagen! Aber, Kind, was tust du hier noch in Hamburg? Hinter die Schule gelaufen?«

Nelli konnte nichts erklären, da neue Gäste kamen; aber Alice Fedders übernahm es, ihren Vater zu unterrichten.

»Du weißt doch, Pa, wegen der Amerikaner ist Neil hier geblieben! Bekommt man die denn noch nicht bald zu sehen? Die Tochter soll ja eine Schönheit sein.«

»Stimmt, Schwesterchen,« sagte jetzt Henry Fedders, der schon tags zuvor bei einer Fahrt auf der Elbe die Bekanntschaft von Miß Rodberts gemacht hatte. » Splendid indeed!« Er hatte sich leider angewöhnt, in seinem Äußeren wie in der Sprechweise ein wenig den Engländer nachzuahmen. »Aber unsere Nell,« fuhr er dann gemütlicher deutsch fort, »ist auch allerliebst geworden – bin ganz verblüfft! Ich glaubte sie noch mit der Puppe zu finden, und nun spielt sie fast so etwas wie die Dame des Hauses!«

»O nein, das läßt die gute Selchow sich noch nicht nehmen,« bemerkte etwas gönnerhaft Frau Konsul Röding, und ihre hübsche Tochter Edda fiel ein: »Aber niedlich ist die Nelli heute, wirklich – gar nicht mehr so lang und tolpatschig, wie ein junger Jagdhund. Das Kleid steht ihr; das hab' ich mit ausgesucht. Aber jetzt – die Sonne der Neuen Welt geht auf!«

Die Amerikaner waren eingetreten, und aller Augen richteten sich auf Amy Rodberts. Was diese heute trug, hätte Leonore vorläufig nicht zu sagen gewußt, aber sie fand die junge Fremde geradezu fabelhaft schön, und sie begriff nicht mehr, daß sie sonst doch schon einigermaßen vertraulich mit ihr umging. Heute erschien ihr das unmöglich und wurde auch wohl nicht von ihr erwartet.

Bild

Der Tausend, hat die Deern sich rausgemacht!

Amy wurde natürlich bald der gefeierte Mittelpunkt, und Leonore konnte sich nach allen pflichtschuldigen artigen Begrüßungen gern den jüngeren Mädchen widmen, die zwar alle schon einen Winter »ausgegangen« waren, aber doch der Sechzehnjährigen freundlich entgegenkamen. Natürlich aber klang es von allen Seiten: »Hast du noch Ferien? Wie kommt das? Bleibst du schon ganz zu Hause? Willst du diesen Winter ausgehen?«

Nein, für voll angesehen wurde sie noch nicht – bis Henry Fedders kam und ihr mit weltmännischem Anstand den Arm bot, mit den Worten: »Darf ich den Vorzug haben, die Tochter des Hauses zu Tisch zu führen?«

Nelli wurde rot. Als sie einander zuletzt gesehen hatten, pflegte Henry mit ihr herumzutollen und sie »fürchterlich« zu necken. Womit eigentlich, das wußte sie nicht mehr; nur, daß sie manchmal bis zu Tränen empört war. Und nun kam er dahergeschritten, so steifleinen wie ein Engländer, und behandelte sie wie eine Respektsperson! Aber sie traute ihm nicht; sie kannte den Schalk in ihm noch recht gut, und der war nicht englisch! Tat sie jetzt auch feierlich, lachte er sie gewiß aus und sagte im nächsten Augenblick: »Deern, wie hast du dich? Wir kennen uns doch gut genug!« Tat sie dagegen kameradschaftlich wie früher, würde er das vielleicht für einen Mangel in ihrer Genfer Erziehung halten, denn kritisch war er von jeher, das wußte sie.

So war es wohl am besten, sie schwieg einstweilen. Aber das war auch langweilig, steif an seinem Arm dahinzugehen, wie eine alte Dame. Und plötzlich kam ihr das erste Wort.

»Ich dachte, Henry, Miß Rodberts sollte deine Dame sein. Ich sah doch vorhin die Tischordnung, die Tante Pine gemacht hat.«

»Ganz recht,« entgegnete Henry Fedders höflich, »aber als ich erfuhr, daß meine Jugendfreundin Nell anwesend sei, bat ich um eine Änderung der Plätze. Wie kommt es übrigens,« unterbrach er sich lustig, »daß wir dies Vergnügen haben, Nell? Bist du denen in Genf durchgegangen?«

Leonore lachte erleichtert. Nun war er doch wieder der alte! Und er hatte angefangen in dem ungebunden lustigen Ton von früher; sie war nicht schuld! Sie kam auch recht gut ins Gespräch mit Henry, der ihr viel von seinem Aufenthalt in England erzählte, wo er nicht nur in den Kontoren der Haupthandelsplätze gesessen, sondern auch Gelegenheit gefunden hatte, das Landleben kennen zu lernen. Begeistert schilderte er ihr solchen Herrensitz in England mit seiner Gastfreundschaft, und besonders auch die großartigen Jagden, die er in Schottland mitgemacht hatte. Da er Nells lebhaftes Interesse wahrnahm, sagte er schließlich, seine Mutter habe ihm ein wenig von den Plänen der jungen Freundin verraten, und so kam es, daß Nell sich von dem necklustigen Freunde ihrer Kinderjahre, dem sie heute zuerst mit solcher Befangenheit entgegengetreten war, schließlich am besten verstanden sah in ihren Gedanken für die Zukunft.

Henry war eben nicht nur Kaufmann, sondern hatte daneben besonders viel Sinn für Sport, Jagd und schöne Pferde. Ein Großgrundbesitz schien ihm durchaus etwas Wertvolles und Schönes, wenn er sich freilich noch nicht im entferntesten in Nells Vorstellungen von dem beglückenden Arbeiten und Wirken unter den Gutsleuten hineinversetzte. Er machte es wie früher; er neckte sie tüchtig, wenn er sie auch nicht mehr an den Zöpfen zog – weil sie hochgesteckt waren und Nell sich überhaupt in allem und jedem schon wie eine junge Dame benahm.

Nell ließ sich das Necken von Henry gern gefallen, denn sie fühlte deutlich, daß es ihr nicht wehtun sollte. Und es war dann doch ihr liebes Grünweide, wovon die Rede war, immer wieder! Henry wünschte sehr, das Gut kennen zu lernen, und machte Nelli allerlei Vorschläge, wie und wann sie ihm eine Einladung dahin verschaffen sollte, worauf dann sie wieder neckte: »Wenn wir nun Amy Rodberts und ihren Eltern die Ridderfarm zeigen, da kannst du vielleicht mitkommen; dann ist es noch ein bißchen interessanter, mit den amerikanischen Gästen!« Worauf Henry wieder freundschaftlich versicherte, auf dem Lande würde es ihm am meisten Spaß machen, seine junge Freundin recht in ihrem Fahrwasser zu sehen.

Nun wurde es sehr gemütlich, und da an Nellis anderer Seite Georg Röding, der Primaner, mit ihrer ehemaligen Schulfreundin Ellen Schrader saß, so gab es hier eine lustige Ecke, wo man auch mal von Pensionsgeschichten sprechen konnte, ohne über die Achsel angesehen zu werden, und von Grünweide – ei!

Ellen fragte sogar nach Lotte Matersen, und Henry wollte ausführlich von der Lage des Gutes hören, ob auch schöne Jagd dort sei, ebenso Wasser, wo man fischen und rudern könne.

Dann wandte sich das Gespräch dem großen Wettschwimmen zu, das in den nächsten Tagen auf der Alster stattfinden sollte, und wo der Primaner einen Preis zu erringen hoffte. Nun war man gründlich beim Sport angelangt, wofür die Hamburger besonderes Interesse zeigten. Leonore trieb ja auch in Genf die verschiedensten Spiele, konnte also von Hockey und Golf mitreden; sie erzählte, daß in der Schweiz das Lawn-Tennis schon fast nicht mehr modern sei, daß sie aber in Grünweide doch noch neue Plätze dafür habe anlegen lassen, da für die anderen Spiele das Gelände nicht günstig sei. O ja, sie konnte schon mit, die kleine Nelli – und sie benahm sich überhaupt in jeder Weise allerliebst an diesem ersten Gesellschaftstage im Vaterhause, wo sie so richtig »mit dabei« war.

Das letzte Mal, ehe sie nach Genf kam, sah Leonore bei solcher Gelegenheit noch artig im Kinderzimmer, horchte ein bißchen nach dem Stimmengewirr aus den Gesellschaftsräumen und schmauste ausgiebig von all den guten Dingen, die ihr von der Tafel zukamen. Manchmal besuchten sie auch einige der jüngeren Gäste, und zum Nachtisch erschien sie wohl für kurze Zeit im Eßsaal. Ach ja, wie hatte das Schulkind es sich damals schön ausgemalt, wenn es auch endlich dazu gehören würde! Wie hatte noch der Backfisch vor kurzem gedacht, daß diese Gesellschaften das allergrößte Vergnügen sein müßten, weil alle so danach verlangten! Und nun?

Es war ja ganz hübsch; vor allem freute sie sich, daß sie sich so gut benommen hatte, daß man also ihre Erziehung wohl wirklich als abgeschlossen betrachten konnte. Aber wenn sie überlegte, daß nach der Heimkehr diese immer sich wiederholenden Gesellschaften der Hauptinhalt ihres Lebens sein sollten, wie bei manchen ihrer Schulfreundinnen, schien ihr das wirklich nicht genug. Nein, so durfte es nicht kommen – sie hatte anderes vor! Nur daß sie noch mit niemand davon sprach, ihren lieben Plan mit Grünweide wie ein Geheimnis behandelte!

Geheimrat Menkhausen dachte auch noch spät, als er seine Schlußzigarre rauchte, an seine junge Tochter, die er heute zum ersten Male so im Kreise der Erwachsenen gesehen und beobachtet hatte. Wirklich, Nell war kein Kind mehr; die Institutserziehung mochte ein Ende haben. Aber würde er sie dadurch für sich bekommen, für sein Haus? Ihre Pläne fielen ihm ein. Wie er dann so im Zimmer auf und ab ging, blieb sein Blick an dem ehrwürdig schlichten Bild seiner Mutter haften, und plötzlich schien etwas schon manchmal Geahntes zur Gewißheit zu werden.

Von einem Landgut hatte sich einst sein Vater die junge Frau geholt, und oft noch war in späteren Jahren davon die Rede gewesen, wie schwer die Mutter sich zuerst in der Stadt eingewöhnt, wie ihr Herz noch immer an den ländlichen Verhältnissen gehangen hatte. Nun war sie ja längst tot, die liebe alte Frau. Daß ihr Sohn, wie der Vater Großkaufmann, sich ein Gut kaufte, hatte sie nicht mehr erlebt und viel weniger noch die Entwicklung der einzigen Enkelin, in der sich so überraschend jetzt dieselben Anlagen und Neigungen zeigten, seitdem sie zum ersten Male mit deutlichem Bewußtsein das Leben in Grünweide in sich aufgenommen hatte.

Von Stund' an war Herr Menkhausen entschlossen, seiner Tochter nichts mehr in den Weg zu legen. Wie sich später alles ordnen würde, machte er sich jetzt noch nicht klar; nur das nächste, was zu tun war, entschied er gleich. Leonore wurde in Genf abgemeldet mit dem liebenswürdigen Zusatz, daß sie jedenfalls noch einmal kommen und den verehrten Leiterinnen der Pension Lebewohl und Dank sagen würde. Dann schrieb er nach Holstein, wo noch Verwandte seiner Mutter auf dem Lande lebten, in bescheidenen Verhältnissen zwar, aber gewiß um so mehr selbst tätig und daher vielleicht nicht abgeneigt, die junge Großnichte zeitweise bei sich aufzunehmen und recht gründlich in einen ländlichen Betrieb einzuführen.

Fast sprachlos war Leonore, als der Vater ihr die beiden Briefe zeigte und den Inhalt ungefähr mitteilte. Nur dämpfte es ihren Jubel etwas, daß sie nicht einfach in Grünweide ihre Lehrjahre durchmachen durfte, sondern zu den unbekannten Verwandten ins Haus sollte. Sie meinte sogar ziemlich altklug, daß es doch für später eigentlich praktischer sei, wenn sie alles an Ort und Stelle lernte. Frau Matersen und ihr kluger Sohn wären gewiß die besten Lehrmeister für sie.

Davon wollte aber der Vater nichts hören, sondern erwartete einfach, daß Nelli sich füge. Sie tat es auch ohne Widerspruch, natürlich, denn sie war ja im ganzen viel zu froh. Nur konnte sie es gar nicht erwarten, ihrer Lotte alles mitzuteilen – Lotte, die unbewußt so viel teil hatte an Nellis Plänen, weil sie als echtes Landkind so manches an Begriffen auf die Freundin übertragen hatte, was nicht bloß ländliches Vergnügen hieß, sondern Pflicht und Verantwortung.

Sehen würde sie Lotte doch noch einmal, ehe sie nach Holstein mußte? Ja, auch dieser Wunsch sollte sich bald verwirklichen. Die amerikanischen Gäste zeigten große Lust, ein deutsches Landgut kennen zu lernen, viel mehr noch als in ein Bad zu gehen, wovon zuerst die Rede gewesen war. So lag es auf der Hand, daß sie nach Grünweide eingeladen wurden, und da Amy fest entschlossen war, Anfang Oktober ihr Musikstudium in Leipzig zu beginnen, durfte man mit der Fahrt aufs Land jetzt nicht mehr zögern. Darum würde diese wohl gerade in die Michaelisferien fallen, während auch Lotte Matersen jedenfalls zu Hause war!

Leonore tanzte und sang und umgab den Vater mit einer solchen Zärtlichkeit, daß es den ernsten, vielbeschäftigten Mann geradezu rührte. Er sprach auch nicht davon, daß es ihm nicht sehr paßte, schon wieder vom Geschäft fortzugehen; es machte ihm selbst zu viel Vergnügen, dem Freunde sein schönes Besitztum zu zeigen, ihn und seine Damen in deutsches Landleben einzuführen. Noch mehrere von den Hamburger Bekannten erhielten Einladungen auf das Gut, wo in den schönen Herbsttagen jedenfalls eine große Jagd zu Ehren der Gäste veranstaltet werden sollte. Vor allem aber sollte auch Albert Menkhausen mitkommen und seinem Onkel helfen, den Wirt zu machen.

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