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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Dreizehntes Kapitel: Wieder am Familientisch

An diesem selben Sonntag, an dem sich in der Hamburger Villa zwei so ungleiche junge Mädchen anfreunden sollten, herrschte im Verwalterhäuschen von Grünweide eine muntere Geschäftigkeit. Man hatte die Lehrerin, Fräulein Froben, zu Mittag eingeladen, und wenn Frau Matersen auch wieder so weit war, daß sie, auf ihren Stock gestützt, sich in der Küche umsehen konnte, hatte Lotte trotzdem noch genug zu tun.

Hermann, der sich an keiner Vorbereitung beteiligte, ging dennoch in einer gewissen Unruhe umher. Geladene Gäste waren etwas gar zu Seltenes im kleinen Hause. Jetzt zumal, da er so menschenscheu geworden war, schien es ihm eine schwierige Sache, diesen Sonntag durchzumachen. Daß er neulich ein so anmutiges Stündchen in der Schule verlebt hatte, schien von ihm vergessen zu sein. Heute war ihm die geprüfte Lehrerin mit ihrer ganzen Selbständigkeit wieder eine richtige Respektsperson.

Als sie dann kam, im hellen Sommerkleid und großen Strohhut, mit ihrem natürlich einfachen Wesen – als sie in herzlichem Ton nach dem Befinden seiner Mutter fragte, Lottes kleine festliche Anstalten fröhlich lobte und erzählte, daß sie sich schon all die Tage auf den Sonntag gefreut habe, an dem sie wieder einmal an einem Familientisch essen sollte: da schalt Hermann sich selbst schwerfällig und unbeholfen. Ja, er meinte sogar, es sei doch wohl nicht allzu weit her mit der Selbstherrlichkeit des Fräuleins, wenn es ein so einfaches Sonntagsvergnügen im Verwalterhause noch schätzen konnte, eben weil es ein Familienkreis war!

Es wurde nun wirklich sehr gemütlich. Der Mutter war es sichtlich eine Freude, einmal wieder jemand am eigenen Tisch zu bewirten wie in früherer Zeit, nicht bloß auf die große Tafel des Herrenhauses erlesene Speisen zu bringen und dann doch fremd dazusitzen, wenn sie sich nicht lieber ganz zurückzog. Ja, die Mutter hatte einmal nicht ihr Sorgengesicht. Lotte war fröhlich wie ein Kind, das eine liebe Freundin zum Besuch haben darf, und Hermann, der besann sich endlich darauf, daß er es doch im Grunde sehr gut verstand, den Wirt und den liebenswürdigen Gesellschafter zu machen.

Fräulein Froben schien sich aufrichtig wohl zu fühlen und äußerte mehrmals: »Hier sollte mich meine Mama sehen!« oder: »Wie würde dies meinem Vater gefallen!«

Da war es natürlich, daß man sie nach ihrer Heimat fragte und sie bewog, ausführlich von der kleinen Stadt zu erzählen, von ihren Eltern und von des Vaters ärztlicher Tätigkeit, wobei sie so manches Mal seine Helferin gewesen war, bis Hermann bemerkte: »Nun verstehe ich auch, daß Sie so trefflich und geschickt mit unseren Dorfkindern umzugehen wissen. In so einem Spital sind natürlich Kinder aller Art, aller Stände, besonders der sogenannten unteren, mit denen doch sonst eine gelehrte junge Stadtdame kaum in nähere Berührung kommt.«

Marianne Froben lachte frisch auf die Bemerkung des Verwalters.

»Wie eine Gelehrte müssen Sie mich nun gar nicht betrachten, Herr Matersen! Was ist heutzutage noch dies einfache Lehrerinnenexamen, wie ich es gemacht habe – heute, wo auch bei uns eigentlich nur noch richtig akademische Bildung für voll angesehen wird!«

»Wo soll das hinaus?!« warf Frau Matersen kopfschüttelnd ein, und Lotte rief ungestüm: »Ich sage es ja immer, ich hätte mein Abiturium machen und zur Universität gehen müssen – mit dem bißchen Seminarbildung erreicht man ja heute nichts mehr!«

»Charlotte,« bemerkte jetzt Hermann in mißbilligendem Ton, »du solltest dich mehr vorsehen – heute, wo wir gerade ein Beispiel vor Augen haben, was man auch ohne Universitätstudium leisten und sein kann. Warst du denn noch gar nicht in der Schule bei Fräulein Froben?«

Lotte hatte längst reuevolle Augen und sagte abbittend: »Natürlich, Männe, du hast ganz recht! Aber diese Schule, diese Art von Unterricht – ich bilde mir ein, das ist Fräulein Froben angeboren! Das könnte zum Beispiel ich nach allem Studium nicht halb so!«

Fräulein Froben fiel ablenkend ein: »Also mit der Gelehrten, als welche Sie mich hinstellen wollten, Herr Matersen, ist es wirklich nicht weit her, und mit der Stadtdame auch nicht. Ich habe nie das Leben einer solchen geführt, was man gewöhnlich darunter versteht. Wir hatten wenig gesellschaftlichen Verkehr. Ein Arzt kann das kaum durchführen, und mein Vater liebt es überhaupt nicht – und Mutterchen, ja, die lebt eben nur für den Vater, wenn er zu Hause ausruht. Ich endlich – ich war ein bißchen sein Gehilfe, bis er bestimmt wünschte, daß ich mich doch für einen festen Lebensberuf vorbereite. Da hieß es, wieder in die Schule gehen, und die Kinder im Spital warteten vergebens auf mich.«

Am Nachmittag dieses freundlichen Sonntags führte Lotte die neue Freundin in den großen Gutsgarten und öffnete auch die Tür zum Herrenhause, um an das Klavier im kleinen Gesellschaftszimmer gelangen zu können. Fräulein Froben hatte nämlich geäußert, das einzige, was ihr im Schulhause fehle, sei ein Klavier. Auf der Geige, die sie beim Gesangunterricht brauchte, sei sie zu wenig Meisterin, habe nur eben das gelernt, was zum Examen erforderlich und für die Dorfschule allerdings ausreichend sei. Aber daß sie ihr Klavierspiel nicht fortsetzen könne, entbehre sie doch sehr.

Nun sagte Lotte: »Wäre doch Nelli hier! Die würde sofort Rat schaffen! Versuchen Sie einstweilen das Instrument im Herrenhause, liebes Fräulein; dann wollen wir weiter sehen. Haben Sie Noten mitgebracht?«

»In meinem Koffer liegen sie noch, aber ich spiele einstweilen mal auswendig, wenn niemand weiter zuhört als Sie.«

Dies war ungefähr zur selben Stunde, als in Hamburg in der Villa Menkhausen die schöne Amerikanerin am kostbaren Flügel saß mit dem Wunsch, singen zu können wie eine Deutsche. Wer ihr »drüben« gesagt hätte, daß eine schlichte Dorfschullehrerin, die sie vielleicht gar nicht beachtet hätte, es ihr in diesem Punkt zuvortun würde!

Das alte Pianino, das, wie so manches Stück Hausrat aus älterer Zeit, der Villa an der Elbe nicht mehr würdig befunden und in das schlichte Landhaus verpflanzt worden war, konnte sich natürlich nicht mit dem kostbaren »Steinweg« messen; aber unter Mariannes Händen klang es weich und angenehm, und als sie gar ihre Stimme dazu erhob, dachte man überhaupt nicht mehr an das Begleitinstrument.

Hermann, der auf dem sonntäglich stillen Hof einen Rundgang gemacht hatte, horchte überrascht auf die Töne, die aus dem sonst verlassenen Herrenhause drangen. Er trat an eines der Fenster, sah die beiden Mädchen am Klavier, hörte gedampft das liebliche Singen und drehte sich recht ärgerlich um, als unversehens der alte Statthalter ihn anredete: »Herr Entspekter, mit Verlöw (Verlaub), ich mein' man, soll die Hundehütte nu weg? 'n Hund kommt da doch woll nich wieder ein, und wenn nu die neue Scheune fertig is, paßt der alte Kasten da man schlecht zu.«

»Ja, ja – wir haben ja schon davon gesprochen, Prüter,« antwortete Hermann ungeduldig, »heute am Sonntag wollen wir doch wohl nicht daran gehen.«

»Nee, Herr Entspekter – ich wollt' auch man (nur) sagen: grad' heut an'n Sonntag hab' ich wieder den Hinrich Stoppsack da reinkriechen sehn. Was hat der Bengel da zu suchen? Früher war er ja immer hinter dem Hund her, aber nu? Was soll das noch?«

Über des jungen Verwalters Gesicht zuckte es schmerzlich. Der Hund war ja mitverbrannt – er mochte gar nicht daran erinnert werden! Im Hause klang noch das Singen, aber er wandte sich jetzt ab und ging, den Statthalter verabschiedend, mit gefurchter Stirn nach jener Ecke des Hofes, wo die alte Hundehütte stand.

Gerade kroch aus derselben eine schmächtige Knabengestalt und wollte scheu wieder zurückfahren, als der Verwalter sich näherte, aber dieser rief laut: »Halt – komm mal sofort da 'raus, Hinrich! Was tust du da überhaupt?«

»Nix,« stieß der Junge hervor, indem er aus der kriechenden Haltung emporschnellte und sich eilig aus dem Staube machte.

»Sollte es Anhänglichkeit sein?« dachte Hermann. »Sollte auch dieser verwilderte Junge eine weiche Stelle im Gemüt haben, die den Hund vermißt – daß er deshalb in die alte Hütte kriecht? Wenn man ihm nur beikommen könnte! Aber er steht ja niemals Rede. Ob wohl Fräulein Froben was mit ihm anfangen könnte?«

Da kam sie eben mit Lotte über den Hof. Sie hatten genug musiziert und wollten einen Spaziergang machen. Ob er sich ihnen anschloß? Ja, wenn sie etwa nach dem Eichhorst zusteuerten, konnte ein männlicher Begleiter nicht schaden. Nach jener Seite hin wurde die neue Bahnstrecke gebaut; da waren so viel fremde Arbeiter um den Weg – da lag die Kantine nicht weitab – natürlich, er mußte mitgehen.

Frau Matersen saß am Fenster, sah den jungen Mädchen nach und freute sich, als auch der Sohn sich zu ihnen gesellte.

»Wozu doch meine dumme Fußgeschichte noch gut ist,« dachte sie still. »Dadurch haben wir Lotte jetzt hier, es wird gesellig bei uns, und mein guter Junge wird von seiner düsteren Stimmung abgelenkt.«

Die drei wanderten einträchtig hinter den ersten Dorfhäusern auf dem Wege, der gleich ins Feld führte. Sie sahen in manches Gärtchen oder auch durch offenstehende Hintertüren ins Haus, wobei sie unwillkürlich auf die Bewohner zu sprechen kamen. Bei der alten Botenfrau konnten sie in die Küche blicken, wo Hinrich, der vor dem Verwalter vorhin so schnell davongelaufen war, gerade wieder im Begriff war, auf dem Herd Feuer anzumachen, denn die Alte wollte noch zum Sonntagsvergnügen Kaffee kochen.

»Das versteht er einzig gut, der Junge,« sagte Marianne Froben. »Er ist auch oft schon mein Hilfsmann in der Küche gewesen.«

Hermann erzählte, wie er den Jungen einmal beim Holzsammeln für das Fräulein getroffen habe; Marianne wiederum kam bei einigen Erzählungen aus der Schule darauf, daß sie tags zuvor mit den Kindern über die verschiedenen Jahreszeiten gesprochen und sie aufgefordert habe, ihr zu sagen, welche Zeit sie am liebsten hätten, und warum wohl. Da war denn allerlei Drolliges, aber doch Leichtverständliches zutage gekommen. Der Frühling war beliebt wegen der kleinen Gösseln (Gänse) auf der Weide, der Sommer wegen der Kirschen und Stachelbeeren, einer aber hatte den Herbst genannt, und Hinrich Stoppsack hatte ungefragt hinzugesetzt: »Von wegen das Kartoffelfeuer! Dat rükt (riecht) so schön.«

Während sie dies erzählte und sich dabei seinen eigenartig funkelnden Blick vorstellte, schien ihr ein neuer Gedanke zu kommen, und sie schaute still vor sich hin. Lotte hatte eine alte Frau aus dem Armenhaus erblickt, der sie schnell ein paar Worte sagen mußte; so gingen die beiden anderen vorauf, näherten sich bald dem Walde, und Marianne rief überrascht: »So kurz ist der Weg nur – und ich soll nicht allein dorthin!?«

Gleich darauf sahen sie eine etwas fragwürdige Erscheinung auf sich zukommen, einen Arbeiter, der des Sonntags wegen des Guten entschieden etwas zu viel getan hatte. Er war sehr unsicher auf den Füßen, so daß Lotte, die eben auch herankam, ängstlich nach ihres Bruders Arm griff und flüsterte: »Wie gut, Männe, das; du bei uns bist!«

»Nicht wahr?« gab Hermann zurück. »Wenn auch mein tapferes Schwesterlein das sonst nicht einsehen will!«

»Herr Matersen, war der Bahnbau damals schon im Gange?« fragte Marianne, als der Mann vorüber war. »Ich meine, waren die fremden Arbeiter schon in der Gegend, als der erste Brand auskam?«

Hermann verneinte.

»Warum fragen Sie, Fräulein Froben?«

»Oh, ich dachte nur, unter diesen zusammengelaufenen Gesellen sind doch gewiß manche, denen man allerlei zutrauen könnte! Verzeihen Sie, daß ich daran rühre, aber ich denke so oft darüber nach – die Sache muß doch ans Licht.«

Hermann war überrascht. Sie dachte darüber nach? Wie rührend ihm das erschien! Aber jetzt – nein, an diesem schönen Abend und auf diesem köstlichen Wege sollte nicht davon die Rede sein! Er bat Fräulein Froben, lieber ein Lied zu singen, und gestand, daß er sie vorhin belauscht habe.

»Wir wollen alle singen,« sagte Marianne freundlich. »Ihre Schwester kann es, und wie ist's mit Ihnen, Herr Matersen?«

»Wer hat dich, du schöner Wald,« stimmte sie dann ohne weiteres an, und die Geschwister fielen beide kräftig ein.

Lotte war froh und bemerkte glücklich ihres Bruders offenen hellen Blick. Dann erzählte sie von Nellis Brief, ihren Beschreibungen der schönen Amerikanerin, und sie lachten alle drei darüber, daß jene gesagt habe: »Deutsche Volkslieder sind so sehr gefragt in Amerika.«

»Ob sie die jemals lernen wird?« bemerkte Hermann und blickte auf Marianne, die ein wenig voraus war und wieder leise vor sich hinsang.

»Grün war die Weide,
Der Himmel blau,«

klang es lieblich, und Hermann rief überrascht: »Oh, Sie besingen wohl gar den Namen unseres Dorfes.«

»Der ist so hübsch,« sagte Marianne und wiederholte:

»Grün war die Weide,
Der Himmel blau,
Wir gingen beide
Auf glänz'ger Au –«

»Wir sind aber drei,« scherzte Lotte, »ich bin auch noch da.«

Jetzt sprach Marianne schnell von den alten Bäumen, dem leuchtenden Moos, dem huschenden Eichhörnchen, und – siehe da: ein Reh!

Marianne war es, die es zuerst bemerkte, und Hermann scherzte: »Sie scheinen wirklich keine Stadtdame zu sein, Fräulein Froben. Die Städter sehen gewöhnlich nichts, wenn man ihnen aber was zeigt, schreien sie: ›Wo, wo?‹ und verscheuchen das Wild sicherlich.«

»Oh, machen Sie uns nicht so schlecht,« schmollte Marianne, »die so wenig sehen und hören, sind ja nur zu bedauern,« worauf Hermann ernsthaft einlenkte: »Sie haben recht: wer in Wald und Feld aufwächst, hat kein Recht, über andere zu spotten, die es in dieser Hinsicht nicht so gut haben, sonst aber in vielem uns überlegen sind: Mich soll doch wundern, wie lange Sie es hier aushalten in der Einsamkeit!«

»Ach, das ist doch keine Einsamkeit! So nahe noch bei aller städtischen Kultur! Man hat täglich seine Post und Zeitung – man sieht schon wieder eine neue Bahn bauen – man kann im Dorf einkaufen, und was es dort nicht gibt, bringt die Botenfrau – man kann sein Schuhwerk ausbessern lassen und sogar philosophische Gespräche dabei führen –«

»So – sind Sie auch schon Kundin des Hans Sachs von Grünweide? Nun, der wird sich freuen! So wortkarg er im allgemeinen sich gibt, so empfänglich ist er für ein Gespräch mit Menschen, die ihn verstehen. Und wen beehren Sie denn sonst mit Ihren Besuchen, Fräulein Froben?«

»Anning Kasten und ihre Mutter,« sagte Marianne. »Der zarten, kleinen Frau rede ich gern ein wenig zu; die Zwillinge muß ich alle paar Tage bewundern, dem Anning zuliebe, und dem stillen, gutmütigen Mann suche ich auch ein Wort abzulocken.«

»Ja, ja,« erwiderte Hermann treuherzig, »Sie können hier viel wirken und bauen, wenn Ihnen der Sinn danach steht. Ihr alter Vorgänger war zu manchem nicht mehr recht fähig, und überhaupt – die Schule allein tut's nicht. Und nicht nur die gutgearteten Kinder braver Eltern warten auf Sie, wie Anning Kasten und die Thielkeschen Jungen; wir haben auch Häuser, wo es nicht so zugeht, wie es sollte, wo die Kinder unter schlechtem Beispiel verkommen könnten.«

»Es gibt auch vielleicht Kinder mit eigenen schlechten Trieben,« schloß Marianne ernsthaft.

Da kam Lotte heran mit einem großen Strauß. Dunkelblaue Glockenblumen, feine Gräser und die ersten roten Beeren der Eberesche hielt sie der jungen Lehrerin hin, und während diese sich an jedem einzelnen erfreute, bemerkte Hermann: »Schon Quitschbeeren! Das bedeutet frühen Herbst.«

»Ach, schade,« rief Marianne, »diese Tage finde ich nun so wunderschön, daß ich wollte, sie dauerten noch recht lange. Aber freilich, die weißen Fäden fliegen auch schon.«

»Fürchten Sie sich doch nicht vor dem Winter,« bat Lotte zutraulich. »Ich glaube, es wird Ihnen auch dann hier gefallen! Und Weihnachten – da komm' ich ja auch wieder!«

»Aber dann – dann reise ich nach Hause,« sagte Marianne.

»O natürlich – das ist ja wahr! Aber zu Michaelis auch?«

»Nein – denken Sie, Lotte, dann möchte mich meine Mutter besuchen! Sie ist doch ein wenig unruhig, und ich will sie gern überzeugen, daß ich hier wirklich bleiben kann.«

»Bravo!« sagte Hermann in Gedanken, und die beiden Mädchen fuhren fort, sich auszumalen, wie es der Frau Doktor im Schulhause gefallen würde.

»Wenn Vater doch auch kommen könnte,« sagte Marianne, »aber bis der sich einen Urlaub gönnt – außer den paar Wochen an der See, die ihm so bitter nötig zu sein pflegen! Aber wer weiß: nächstes Jahr begnügt er sich vielleicht einmal mit Landluft, wenn ich es ihm sehr behaglich mache!«

»Wenn Ihnen im Schulhause irgend etwas zu dieser Möglichkeit fehlt, brauchen wir nur an Leonore Menkhausen zu schreiben,« rief Lotte lebhaft, und Marianne erwiderte: »Wenn Ihre Freundin so gutmütig ist, wie ich nach Ihren häufigen Bemerkungen glauben muß, liebe Lotte, dann können die Leute von Grünweide sich ja beglückwünschen, wenn die junge Dame es wahrmacht und hier später dauernd ihren Wohnsitz nimmt.« »Hermann will es immer nicht glauben« – Lotte lachte –»und dann neckt Nell ihn, er fürchte sich vor ihrer Herrschaft, was dann natürlich wieder der Herr Verwalter gewaltig übelnimmt, denn wie könnte ein Mann wohl ernsthaft Weiberregiment fürchten, nicht wahr?«

Bild

Die beiden Mädchen fuhren fort, sich auszumalen, wie es der Frau Doktor im Schulhause gefallen würde.

So plaudernd, bald ernsthaft, bald scherzend, kamen die drei endlich wieder auf dem Hofe an. Fräulein Froben mußte noch das Abendessen dort nehmen und ging dann, von den Geschwistern begleitet, in ihr Häuschen zurück. Lotte steckte ihr die Lampe an und erinnerte sich, mit welchem Eifer sie diese damals zum Einzug der neuen Lehrerin putzten, wie sie beide so neugierig waren auf diese Fremde, die nun heute – »das darf ich doch sagen: schon jetzt meine gute Freundin ist, während Leonore immer noch auf die Bekanntschaft warten muß und statt dessen jene schöne stolze Amerikanerin mit Aufmerksamkeiten umgibt, woraus doch wohl nie eine richtige Freundschaft werden kann«.

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