Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johanna Klemm >

Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel: Kleine Schulbesichtigung

»Hermann,« begann Frau Matersen in diesen Tagen beim Abendessen, »bist du noch nicht im Schulhause gewesen?« Der Sohn machte ein etwas reuevolles Gesicht und entgegnete: »Nein, Mutter, ich konnte noch nicht so weit kommen.«

»Ach was, das sind Ausreden!«

»Ja. Mutter, was denkst du, daß solche Dame sich aus meinem Besuch macht! Solche junge Gelehrte – was soll ich mit der sprechen!«

»Aber Hermann, tu nicht, als ob du ein Bauer wärest! Überhaupt – du hast den Gutsherrn zu vertreten, darfst also nicht hinter dem Gemeinderat zurückstehen, dem du doch auch angehörst.«

»Ach – so meinst du das!«

»Natürlich nur so! Als mein Sohn könntest du die Lehrerin ja ebensogut hier bei mir begrüßen. Aber du gehst ihr stets aus dem Wege. Nett finde ich das nicht, mein Jung', besonders, da ich ihr so gar nichts sein kann. Ach, es ist ein rechtes Kreuz, daß ich gerade jetzt so angebunden bin. Man müßte doch das Fräulein auch einmal einladen. Aber wie darf ich mir das jetzt aufbürden, da ich nichts leisten kann und keine Hilfe habe. Sie wird das ja vielleicht einsehen, aber doch sich schrecklich einsam fühlen!«

»Gut, ich gehe morgen hin, Mutter,« sagte Hermann entschlossen, »das heißt, erst muß ich notwendig nach der Ziegelei. Aber nachmittags oder gegen Abend sicher!«

»Ach, dann ist ja keine Schule.«

»Meinst du, daß ich gerade in der Schulzeit hingehen soll?^

»Gewiß! Dann kommst du sozusagen von Amts wegen, weil du dich doch mal umsehen mußt, ob alles in Ordnung ist und auch alle Unterrichtsmittel vorhanden sind, und wie sie mit den Kindern fertig wird.«

»Mutter, ich soll das Fräulein doch nicht etwa unter Aufsicht nehmen?«

»Nun, nein – so mein' ich's nicht, aber Interesse zeigen für ihre berufliche Stellung hier. An wen soll sie sich sonst schließlich wenden, wenn sie mal nicht weiter weiß?«

»Wäre zu ihrem Ratgeber nicht eigentlich der alte Pfarrer in Langendorf der nächste?«

»Na ja, der wird auch schon einmal kommen; er ist nur recht krank und jetzt doch im Bade, wie du weißt.«

»Ja dann, Mutter – also ich gehe und spiele den Gutsherrn! Führe mich etwa so ein: ›In Vertretung des Geheimrat Menkhausen möchte ich mich umsehen, wie –‹«

Er sagte es wie etwas Auswendiggelerntes, und die Mutter lachte.

»Sei doch nicht so schwerfällig, Männe! Die Sache ist sehr einfach.«

»Mir ist jetzt nichts einfach, Mutter,« klang es ernsthaft zurück. »Bei jedem Zusammentreffen mit einem Fremden ist es mir peinlich zu denken, daß er in die unseligen Feuergeschichten natürlich schon eingeweiht ist.«

»Dieses Mädchen ist nicht danach, daß es sich Zuträgereien von Klatsch gefallen läßt,« sagte Frau Matersen bestimmt, und Hermann schloß: »Gut, ich gehe also und bestelle vor allem einen Gruß von meiner Mutter, die das Fräulein schon entbehrte.«

»Mach' es, wie du willst, mein Jung'; im Augenblick wird dir schon das Rechte einfallen.«

»Glaubst du?«

Hermann lächelte schwermütig und dachte, daß ihm vor Gericht nie das Rechte eingefallen war, was zu seiner Entlastung hätte dienen müssen. Er war nur immer wie vor den Kopf geschlagen, daß er sich überhaupt verteidigen sollte. Hiermit nahmen seine Gedanken eine andere Richtung an. Er saß still da, schrieb aber nach Tisch noch einen Brief an Lotte und trug ihr auf, sich der Mutter wegen für einige Tage in der Schule freizumachen: er würde sie am übernächsten Tag von der Bahn abholen.

Als er dies der Mutter erzählte, war sie zu seiner Überraschung sofort einverstanden. Sie, die nie an sich dachte, nie etwas für ihre Bequemlichkeit und Unterhaltung verlangte, hatte allerdings auch andere Gründe, die Tochter herbeizuwünschen. Hermann machte ihr Sorge. Fortgesetzt war seine Stimmung trüb und schwer, aber er sprach sich zu ihr nicht aus, zu ihr, die selbst alles so schwer nahm. Lotte mit ihrer Beweglichkeit, ihrem raschen Verständnis, das sie bei aller Kindlichkeit für den älteren Bruder hatte, würde ihm gut tun. So sorgten diese beiden stillschweigend um- und füreinander; welchen Jubel aber der Brief bei der Empfängerin hervorrief, ahnten sie doch nicht.

Inzwischen ritt Hermann am nächsten Morgen nach der Ziegelei, sehr früh, um rechtzeitig zurück zu sein, auf daß er noch vor elf Uhr im Schulhause Besuch machen konnte.

Schön war dieser Ritt in der Morgenfrühe! Hermann mußte durch den Wald – den Eichhorst, nach dem Marianne Froben schon immer so sehnsüchtig hinübersah – und er genoß die Stille um sich her, einmal nicht umgeben von Leuten, deren Arbeitsleistung er zu beobachten hatte.

Durch die Stille drang jetzt ein Knacken wie von brechendem Holz. Er horchte und spähte, ob etwa ein Wildwechsel zu beobachten sei; aber er sah nur einen barfüßigen Jungen, der Holz sammelte. Hinrich Stoppsack war es, der schon ein großes Bündel trockener Reiser trug.

»Heute ist kein Holztag,« herrschte der Verwalter ihn an. »Warum bist du nicht in der Schule? War das Holz so notwendig?«

Hinrich nickte. »För de Schaulmeistersch ehr (ihre) Käk (Küche), sei will waschen.«

Hermann stutzte. Dieser Junge, über den man immer nur Klagen hörte wegen Faulheit und Aufsässigkeit, der allerdings auch diesen Augenblick hinter die Schule ging, versäumte sie diesmal, um der Lehrerin einen Dienst zu erweisen! Hermann fragte, ob das Fräulein ihn darum gebeten habe; der Junge grinste.

»Nee, äwer sei kann ümmer kein Füer anböten (Feuer anmachen)! Dit Holt (dies Holz) is schön drüg (trocken) un ick heww ook Keen« (ich habe auch Kien). Er zeigte stolz ein paar Stücke Tannenholz, ganz von Harz durchtränkt, die also für besonders geeignet zum Feueranmachen galten.

»Na ja, dann bring das dem Fräulein,« sagte Hermann versöhnt, »aber mach schnell, daß du noch in die Stunde kommst, sonst läßt sie dich nachsitzen!«

Der Junge schoß davon, und Hermann ritt nachdenklich weiter. Kurz vor der Ziegelei traf er die Kinder eines Arbeiters, einen Knaben und ein kleines Mädchen, das bitterlich weinte. Der Verwalter fragte nach der Ursache und hörte die Klage, daß man die Kleine hatte die Zeit verschlafen lassen, so daß sie nun nicht mehr rechtzeitig zur Schule kommen könnte. Die Mutter sei seit vier Uhr zum Waschen aus, und der Vater, ja, der habe eben nicht aufgepaßt. Der sechsjährige Bruder schien die Sache nicht schwer zu nehmen; er sah sehr vergnügt aus. Das kleine Mädchen aber klagte, gerade Montags sei es so schön in der Schule; dann singe das Fräulein so hübsche Lieder mit ihnen. Zum zweiten Male »das Fräulein«! Jetzt empfand Hermann auch etwas inneren Antrieb, ins Schulhaus zu kommen. Als er sein Geschäft in der Ziegelei abgetan hatte, das sich länger hinzog, als er dachte, ritt er in beschleunigtem Zeitmaß zurück. Im Gasthof stellte er sein Pferd ein und mußte noch einen Augenblick dem Wirt standhalten, der auch gleich von der Schule sprach.

»Ick segg Sei (ich sage Ihnen), Herr Entspekter, dat 's 'n Vergnäugen (Vergnügen), doar (dort) tautohüren (zuzuhören) und tau sehen, wo (wie) dat lütt (kleine) Frölen mit de Gören (Kinder) umspringt. De Schauster seggt dat ook« (der Schuster sagt das auch).

Hermann stutzte. Diese beiden biederen Dorfältesten hatten also schon von ihrem Recht Gebrauch gemacht, in der Schule zu »hospitieren«, wie ja wohl der Ausdruck lautete – und er, der die Herrschaft vertrat, hielt sich so fern bis jetzt! Merkwürdig, daß es ihm wie eine Aufgabe erschien, der er nicht gewachsen war. Besonders, daß er da irgendwie prüfen und urteilen sollte – lächerlicher Gedanke!

Aber nun ging er doch hinüber. Schon auf der Straße hörte er Gesang; dann klinkte er die kleine Gittertür auf und stand einen Augenblick im Vorgärtchen, von wo er einen Blick ins Schulzimmer warf.

Da saßen sie sittsam in Reihen, alle die ihm bekannten Kinder des Dorfes, und vor ihnen stand ein junges Mädchen im einfachen blauen Waschkleide, mit dem Rücken nach dem Fenster. Er sah nur einen dunkelblonden Haarknoten am leicht gesenkten Kopf und eine schlanke Hand, die den Geigenbogen führte. Das Fräulein gab Singstunde. »Deutschland, Deutschland über alles« hörte er deutlich und wartete den Schluß des Verses ab, ehe er eintrat.

Fräulein Froben kam ihm einen Schritt entgegen und schien nicht besonders überrascht, als er etwas verlegen seinen Namen nannte, sondern sagte freimütig: »Sie wollen einmal inspizieren, Herr Matersen? Ich habe Sie schon erwartet.«

»In Vertretung von Herrn Geheimrat Menkhausen,« begann nun Hermann seinen eingelernten Satz, fand sich dann selber furchtbar schwerfällig und lenkte rasch ein: »Zu inspizieren dürfte ich mir wohl kaum erlauben – nur guten Tag sagen wollte ich Ihnen und sehen, ob Sie sich einigermaßen hier eingewöhnen. Diese Art von Schulamtsbesetzung ist hier ja etwas ganz Neues bei uns, Frau – Fräulein –«

Nun wußte er wahrhaftig den Namen nicht – wie dumm! Die Mutter sagte immer nur »die Lehrerin« oder »das Fräulein«!

»Geht es denn einigermaßen mit den Kindern, Fräulein –«

»Marianne Froben heiß' ich,« sagte sie rasch, als sie ihn so verlegen zögern sah, und er fiel ein: »Natürlich, den Namen hat ja meine Schwester so oft genannt. Schade, daß sie nicht mehr hier ist! Da auch meine Mutter leider jetzt verhindert ist, würde Lotte Ihnen so gern zur Hand sein. Aber nun, bitte, sagen Sie, Fräulein Froben: störe ich Sie, oder wollen Sie im Unterricht fortfahren?«

»Es ist gleich Pause,« sagte Marianne. »Kinder, singt dem Herrn Verwalter noch ein hübsches Lied!«

Sie nahm wieder die Geige und stimmte an. Die Kinder fielen ein, nicht gerade sehr rein und sicher, aber mit ungeheurem Eifer. Dann war Frühstückspause, und die Klasse leerte sich einstweilen.

Auch Marianne trat mit ihrem Besuch in den Garten und sprach ihre Freude aus über dies grüne, blühende Fleckchen, das sie ihr eigen nennen durfte.

»Sagen Sie, die Obstbäume, gehören mir die auch, Herr Matersen – habe ich wirklich den ganzen Ertrag?«

»Gewiß, Fräulein Frohen; groß ist ja die Herrlichkeit nicht gerade.«

»Doch, doch! Die beiden Apfelbäume – sehen Sie nur, wie vielversprechend! Und die Birnen werden bald reif sein! Was für eine Sorte ist es? Ach, es ist doch köstlich auf dein Lande, so mitten zwischen all dem Gottessegen!«

Hermann war ganz erstaunt. Das war nun die gelehrte, selbständige Dame, vor deren Überlegenheit er sich so gefürchtet hatte, daß er fast die einfachste Höflichkeit versäumte!

Sie plauderten noch dies und das aus Dorf und Schule; dann ging es in die Klasse zurück, und Fräulein Froben forderte Herrn Matersen auf, sich noch etwas anderes anzuhören, als vorhin den Gesang.

Sie ließ jetzt rechnen. Das machte dem Zuhörer solchen Spaß, schlug so in sein Fach, daß er selbst anfing, ein paar Aufgaben zu stellen, nach einem höflichen: »Wenn Sie erlauben, Fräulein Froben –«

Er wandte sich zuerst an die Knaben. Nun aber wurden die Mädchen neidisch; sie wollten auch vom Herrn Verwalter gefragt sein. Da legte Fräulein Froben schnell die großen Anschauungsbilder heraus und sagte: »Sie haben so umsichtig für Unterrichtsmaterial gesorgt, Herr Matersen; überzeugen Sie sich einmal, ob Sie gut gewählt.«

Und da – wie es kam, wußte er selbst nicht – aber der junge Landwirt entpuppte sich plötzlich als Schulmeister! Bei dem Zeigen und Erklären der Lehrerin, das so frisch und natürlich vor sich ging, so ganz dem Auffassungsvermögen der Kinder entsprechend und sogar hin und wieder mit Plattdeutsch vermischt, da kam ihn die Lust an, selbst dazwischen zu sprechen, von den Bildern auf die Gegenstände in der Natur überzulenken, um zu prüfen, ob die Kinder im Freien recht ihre Augen zu gebrauchen verständen. Und es ging wie in Mariannes erster Stunde. Die großen Mädchen kicherten und störten durch Albernheit, die kleinen hingen an seinen Lippen, ja, Anning Kasten war mit solchem Eifer bei der Sache, daß Hermann nachher erzählte: »Immer hatte das Kind die großen Augen auf mich gerichtet, blau wie Kornblumen und mit einem rührend hingegebenen Ausdruck. Alle Augenblick den Arm hoch und mit ihren kleinen Fingern mir beinahe an die Nase! Beachtete ich sie nicht gleich, meldete sie sich, im Eifer ›Fräulein, Fräulein‹ rufend. Als ich dann sagte: ›Na, ein Fräulein bin ich ja nicht gerade‹ legte sie den Arm auf den Tisch, den kleinen Flachskopf darauf und schämte sich.«

Beinahe hätte er erwartet, die Lehrerin würde diese Haltung tadeln; aber sie lächelte nur und erwiderte: »Ein Ausnahmefall heute, Herr Matersen, sonst wird hier nicht gerekelt.«

Da freute er sich dieser Ausnahme und sagte: »Daß die Kleine mich schon Fräulein nennt, ist ein Beweis dafür, wie schnell und gern sie sich an diese neue Anrede des Schullehrers gewöhnt haben. Ich gratuliere Ihnen, Fräulein Froben.«

So endete dieser gefürchtete Besuch in der Dorfschule, und mit vergnügtem Gesicht trat der Verwalter den Heimweg an, unversehens zum Schulinspektor sich erhoben fühlend.

Da fiel ihm ein, daß er Hinrich Stoppsack doch nicht in der Klasse gesehen hatte, und über den wollte er ja gerade mit der Lehrerin sprechen. »Nun, wenn ich sie wieder treffe,« dachte er und pfiff munter vor sich hin, seit langer Zeit zum ersten Male.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.