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Das Räthsel des Lebens und andere Charakterbilder

Paul Heyse: Das Räthsel des Lebens und andere Charakterbilder - Kapitel 9
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleDas Räthsel des Lebens und andere Charakterbilder
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
printrunVierte Auflage
year1897
firstpub1897
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welsh@gmx.net
created20180219
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Das Räthsel des Lebens.

(1896.)

Ich war noch nicht lange in München, meiner zweiten Heimath, angesiedelt, als mir im Theater ein Mann auffiel, immer auf demselben Platz, dem letzten der ersten Sitzreihe im Parket dicht vor dem Orchester, und immer in dem nämlichen sonderbaren Aufzug.

Obwohl es ein sommerlich warmer Herbst war, erschien der seltsame Herr stets in einem grauen Mäntelchen, nach Art der altmodischen Kutschermäntel mit drei kleinen, treppenförmig abgestuften Kragen über seinen schmächtigen Schultern. Auf diesen saß ein ansehnlicher, viereckiger Kopf, das dichte, leicht angegraute Haar sträubte sich um eine hohe weiße Stirn, unter der ein dunkles Augenpaar, von buschigen schwarzen Brauen verschattet, mit einem eigenen Ausdruck schwermüthigen Trotzes hervorblitzte. Das glattrasirte Gesicht war farblos, der feine Mund gewöhnlich fest zusammengekniffen. Erst wenn er seinen Platz eingenommen hatte, nahm er die graue Schirmmütze ab und behielt sie in den Händen, die er auf dem hakenförmigen Griff seines derben Krückstocks zusammenlegte. Der Theaterdiener war angewiesen, Stöcke und Schirme abzufordern. Nur dieser Stammgast schien wie für seinen Mantel, den man sonst in der Garderobe abzugeben hatte, so auch für seinen Stock einen Freibrief zu haben.

Mehrmals hatte ich die wunderliche Figur aus der Ferne beobachtet und nie ein Zeichen irgend eines Antheils, weder des Beifalls noch der Unzufriedenheit, an ihm wahrgenommen. Er schien ganz unbeweglich dazusitzen, wie der steinerne Gast, so daß man glauben konnte, er genieße hier eines sanften Theaterschlafs. Ich erkundigte mich bei dem Thürhüter und erfuhr nichts weiter, als daß es ein Herr Arnoldi sei, ein alter Musiker, der vor Jahren einmal eine von ihm componirte Oper der Intendanz eingereicht und eine Ablehnung erfahren habe, dafür aber die Vergünstigung des freien Eintritts bei allen Opernvorstellungen. In der That war er auch im Schauspiel nie zu erblicken.

Der Zufall brachte mich eines Abends auf einen Platz seitwärts hinter ihm, und ich sah nun, wie er, ohne sich sonst zu regen, die Vorstellung mit dem lebhaftesten Mienenspiel begleitete, bald die Brauen mißbilligend zusammenzog, die Nase rümpfte, den Mund zu einer höhnischen Grimasse verzerrte, dann wieder über das ganze Gesicht wie verklärt lächelte, wobei er ein leises Schnurren und Grunzen von sich gab, wie ein Kater, der behaglich in der Sonne sitzt. Nur manchmal, wenn er mit dem Tempo nicht einverstanden war, markirte er durch ungeduldiges, nicht ganz leises Aufstoßen des Stockes ein schneller! oder langsamer! ohne auf das unwillige Umschauen seiner Nachbarn zu achten, wie wenn das Orchester nur für ihn allein spielte und die Sänger und Sängerinnen sich mehr nach seinem Stock, als nach dem Stäbchen in der Hand des Kapellmeisters zu richten hätten.

Beim Hinausgehen nach dem Ende der Oper fügte es sich, daß ich im Gedränge dicht an seine Seite kam, und da er seine Mütze fallen ließ und sie nicht gleich wieder aufheben konnte, bückte ich mich rasch und fischte sie glücklich zwischen den Füßen der Hinauseilenden herauf. Er nickte mir, ohne ein Wort zu sagen, mit seiner gewöhnlichen mürrischen Miene zu, und wir erreichten neben einander den Ausgang.

Da uns aber der Heimweg durch dieselben Straßen führte, machte sich's von selbst, daß ich ihn nach einer Weile anredete mit der Frage, wie er mit der Aufführung zufrieden gewesen sei? Ich hätte aus seinen Geberden schließen müssen, daß er ein sachverständiges Urtheil habe, wohl selbst Musiker sei.

Er sah mich erst mißtrauisch von der Seite an, schüttelte dann mit einem kurzen Achselzucken den Kopf und brummte: Gewesener Musiker! Was sie heutzutage Musik nennen, ist meistentheils nur Katzenmusik. Obwohl, nein! ich will den Katzen nicht Unrecht thun. Sie haben viel feinere Ohren, als die heutigen sogenannten musikalischen Genies. So zum Exempel, was wir soeben haben schlucken müssen – (ich muß einschalten, daß ich mich nicht entsinnen kann, welche Oper wir gehört hatten) – für einen Viergarten mag es hingehen. Aber daß da von wahrer Kunst nicht die Rede sein kann –, überhaupt, was man so Oper zu nennen pflegt, der lächerliche Unsinn, gewöhnliche Menschen ihre Leiden und Freuden im Dreiviertel- oder Sechsachtel-Takt hinausschreien zu lassen – kein vernünftiger Mensch kann sich das gefallen lassen.

Ich merkte an der leidenschaftlichen Schärfe, mit der er diese Worte herausstieß, daß ich es mit einem hitzköpfigen Sonderling zu thun hatte, und hütete mich, ihn ernstlich zu bestreiten.

Sie mögen sehr Recht haben, sagte ich. Nur wundert es mich, daß Sie trotz dieser entschiedenen Abneigung gleichwohl die Oper so häufig besuchen, da ich Sie heute nicht zum erstenmal im Theater gesehen habe.

Er blieb stehen und spuckte heftig gegen das Pflaster aus.

Es ist auch eine Narrheit, sagte er, und ich schäme mich jedesmal, wenn ich, sobald die Theaterzeit herankommt, doch wieder mich hinlocken lasse. Aber theils ist es die alte Gewohnheit – ich habe als grüner junger Mensch selbst einmal den Taktstock geschwungen, und wer jemals Orchesterluft geathmet hat, ist wie ein alter Militärgaul, der die Ohren spitzt, wenn draußen vor seinem Stall die Regimentsmusik vorbeizieht; dann aber, da ich sonst nicht viel aus meiner Höhle komme, brauch' ich den abendlichen Aerger und Ingrimm zu meiner Verdauung. Denn so ein Tenor, der, wenn er den Dolch in den Rippen oder das Gift im Leibe hat, noch eine Arie von vierzig Takten flötet und auf dem hohen O verendet, schüttelt mich durch und durch. Auch merk' ich auf der Stelle, wenn irgend einer der Herren Hofmusiker einen halben Ton zu hoch oder zu tief bläs't oder geigt, und möchte mit einem Donnerwetter dreinfahren. Hernach wird mir aber in meiner stillen Stube um so wohler, und ich genieße einen desto erquickenderen Schlaf.

Sie sind also nicht der Meinung, daß wir an unserem Franz Lachner einen trefflichen Operndirigenten haben? warf ich ein.

Oh, der Lachner, der wäre der Schlimmste nicht! Er hat sein Theil gelernt und auch gute Suiten und sonstige Concertstücke componirt, obwohl seine Katharina Cornaro auch von der üblichen Opernsorte ist. Aber wenn er zehnmal talentvoller wäre und über den landläufigen Unsinn genau so dächte wie ich – gegen den Strom könnte auch er nicht schwimmen, schon weil er Kapellmeister am Theater ist. Sehen Sie sich doch das verehrliche Publikum einmal an – (er sagte Pöblikum) –, ist da von Tausenden nur ein Halber, der etwas Anderes zu hören wünscht, als besten Falls ein bischen bessere Musik als auf dem Tanzboden oder bei der Wachtparade, und dem nicht überhaupt das Hören Nebensache wäre, wenn er nur recht viel zu sehen bekommt? Von dem, wozu die Musik eigentlich in der Welt ist, von dem Symbolischen, was sie allein ausdrücken sollte, haben ja auch die Herren Aesthetiker nur selten eine entfernte Ahnung.

Er blieb wieder stehen, sah mich mit einem prüfenden Blick von der Seite an und sagte: Sind Sie etwa auch Musiker?

Ich erwiderte, daß meine Erziehung in diesem Punkte leider vernachlässigt worden sei, da ich mich nur einer laienhaften Liebe zur Musik rühmen könne; meines Zeichens sei ich Schriftsteller.

Sie machen auch Verse? sind wohl gar Dramatiker?

Ich kann es nicht leugnen, daß ich Beides von Jugend an eifrig betrieben habe.

Das ist mir ungemein lieb zu hören, sagte er und reichte mir mit einem plötzlich völlig verwandelten Ausdruck die Hand – eine kleine, kühle Hand in einem Zwirnshandschuh. Hören Sie, lieber Herr, am Ende ist's eine providentielle Fügung, daß mir heute die Mütze entfallen ist und Sie neben mir gingen und Sie aufzuheben die Güte hatten. Vielleicht werden Sie im Stande und geneigt sein, mir einen noch größeren Liebesdienst zu erweisen.

Ich gestehe, daß ich ein wenig erschrak. Ich wußte, wie eifrig alle Musiker auf einen gutmüthigen Poeten fahnden, der ihnen einen Operntext zu liefern Willens wäre. Und dieser Verächter alles gesungenen Reinmenschlichen und Verehrer des »Symbolischen« – wie sollte ich hoffen, daß wir Zwei uns über ein gemeinsames Werk verständigen könnten!

Ich stellte mich aber ganz arglos und fragte, womit ich ihm etwa dienen könnte?

Nein, nicht jetzt! sagte er. Erst müssen wir uns näher kennen lernen. Geben Sie mir etwas von Ihren Sachen, und ich werde Ihnen, wenn es Ihnen recht ist, einen Einblick in meine innere Welt eröffnen. Mein Name ist Arnoldi, noch gänzlich unbekannt, und der Ihrige?

Ich nannte mich. Er hatte nichts von mir gehört als durch die Zeitung, daß ich vor Jahr und Tag nach München berufen worden war. Entschuldigen Sie mich, sagte er, ich erfahre von der Welt um mich her so gut wie nichts und lese immer dieselben alten Bücher.

O, sagte ich lachend, auch bei meinen besten Freunden bin ich nur erst ein hoffnungsvoller Anfänger. Und wenn Sie sich meiner musikalischen Bildung annehmen wollen, werde ich Ihnen aufrichtig dankbar sein.

Wir plauderten dann von anderen Dingen, wobei er die drolligsten, weltfremdesten Ansichten vorbrachte, bis wir an meinem Hause angekommen waren.

Als wir uns schon zum Abschied die Hände geschüttelt und er mir seine Wohnung genannt hatte, sagte er plötzlich:

Sie sind doch verheirathet? Nun, das ist gut. Also, wenn Sie mir die Freude Ihres Besuches gönnen wollen – ich bin zwar den ganzen Tag zu Hause, aber Vormittags arbeite ich. Am besten ist's, Sie kommen gegen Abend, an Operntagen so zwischen Fünf und Sechs. Es war mir sehr angenehm –

Damit wandte er sich, die Mütze höflich lüftend, ab und ging, den Stock taktmäßig aufstoßend, die Straße hinab, dem äußeren Stadttheile zu, in welchem seine Wohnung gelegen war.

*

Ich versprach mir, ehrlich gesagt, nicht eben viel von einer Fortsetzung dieser Bekanntschaft. Ein malcontenter Musiker, ein verkanntes Genie, das sich zu seinem Trost eine eigene Theorie zurechtgemacht hatte, um sein Unvermögen für eine besondere Stärke ausgeben zu können – ich bereute fast, mich mit ihm eingelassen zu haben. Doch konnte ich den Umgang ja nach Belieben abbrechen, wenn er mir lästig zu werden drohte, und jedenfalls war es der Mühe werth, diesen eigensinnigen Charakterkopf noch etwas gründlicher zu studiren.

Nach einigen Tagen also machte ich mich auf den Weg zu ihm. Die Hasenstraße, in der er wohnte, war damals noch nicht ausgebaut, und ihr gegenüber breitete sich das steinige Feld in trostloser Oede und Leere unabsehlich aus. Doch für einen Musiker mußte die tiefe Stille hier draußen, da keinerlei Wagen vorbeirollten, noch geräuschvolle Gewerbe betrieben wurden, höchst erwünscht sein.

Ich stieg drei steile Treppen eines neugebauten, alleinstehenden Hauses hinauf und klingelte an der Thür, an der ich auf einer Visitenkarte den Namen Heinrich Arnoldi las. Erst auf das zweite Klingeln erklang ein leichter Schritt von innen, und eine sanfte Frauenstimme fragte, wer draußen wäre.

Ich nannte meinen Namen, und sogleich wurde ein Riegel zurückgeschoben, und ich stand einer schlanken weiblichen Gestalt gegenüber, deren Gesichtszüge ich in der frühen Dämmerung nicht deutlich erkennen konnte. Doch hatte ich den sicheren Eindruck eines liebenswürdigen jungen Wesens, das seinem ganzen Betragen nach keine Dienerin zu sein schien.

Herr Arnoldi sei zu Hause, sagte die melodische Stimme, und sofort öffnete sich mir eine Thür, die dem Eingang gegenüberlag. Ich kam nicht dazu, erst anzuklopfen. Es schien, daß ich schon jeden Tag um diese Zeit erwartet worden war.

Das Zimmer, in das ich eintrat, war ziemlich groß, durch zwei Fenster mit weißen Vorhängen drang noch hinlängliches Abendlicht herein, um die einfache Einrichtung und sogar die wenigen Bilder an der Wand erkennen zu lassen. Zunächst fiel mir ein altes Tafelklavier ins Auge, über welchem die Köpfe von Gluck und Mozart in alten Kupferstichen mit verblichenen Goldrähmchen hingen. Gegenüber ein kleines Harmonium, von dessen Höhe die Bildnisse Bach's und Beethoven's herabsahen, alle diese vier musikalischen Hausgötter mit vergilbten, vertrockneten Lorbeerkränzen geziert.

Das Klavier war geschlossen und schien als Schreibpult zu dienen; wenigstens stand ein Tintenfaß darauf, und beschriebenes Notenpapier lag daneben. An der einen Wand, zunächst der Thür, ein schmales, mit schwarzem Leder bezogenes Sopha, ein Tisch davor und ein paar Rohrstühle; an der Wand gegenüber ein altmodischer Glasschrank, der eine kleine Büchersammlung und Stöße von Musikalien enthielt. Am Fensterpfeiler eine Console, auf der unter einem Glassturz ein verschossenes Sammetkissen ruhte, darauf ein schmuckloser, etwas gebräunter Taktstock und ein Papierstreifen davor, mit der Inschrift, die ich erst bei einer späteren Gelegenheit entzifferte: Requiescat in pace.

Denn beim ersten Umblick nahm die Gestalt des Bewohners dieses Gemachs meine Aufmerksamkeit ausschließlich in Anspruch. Der Musiker stand mitten im Zimmer, in einem Anzug von grobem grauem Drillich mit gelben beinernen Knöpfen, um den entblößten Hals ein dünnes schwarzes Tuch geschlungen, die Füße in ausgetretenen gestickten Pantoffeln. Das zu weite, bis oben zugeknöpfte Röckchen hatte einen Schnitt, der der freien Eingebung eines Winkelschneiders entsprungen zu sein schien, und hing in ungeschickten Falten um die hagere Gestalt. Und doch ließ die energische Haltung des großen Hauptes und das Feuer der schwarzen Augen kein Lächeln aufkommen.

Ich freue mich, daß Sie Wort halten! rief der alte Herr, indem er mir mit einer höflichen Verbeugung die Hand entgegenstreckte, ohne doch seine Stellung zu ändern. Die Einsiedler in der libyschen Wüste können nicht dankbarer sein, wenn einmal ein Pilger sich zu ihnen verirrt. In den sieben Jahren, seit ich hier meinen Wanderstab in den Winkel gestellt habe, sind kaum mehr als sieben Menschen unter mein Dach getreten. Nehmen Sie gefälligst Platz, Herr Hofrath. Erlauben Sie mir Ihren Hut.

Er wies auf das Ledersopha und bemächtigte sich meines Hutes.

Ich bat ihn lächelnd, mir keinen Titel zu geben, der mir nicht zukomme. Er schien aber überzeugt zu sein, daß Jedem, der an den Symposien des Königs Max theilnahm, wenigstens die Hofrathswürde gebühre, und ließ sich auch später noch zuweilen diese Anrede entschlüpfen. Ueberhaupt war es mir auffallend, mit wie devoter Höflichkeit er mich jungen Menschen behandelte, während er sich sonst mit Vorliebe in Kraftausdrücken erging und zumal gegen berühmte Musiker, deren Richtung ihm nicht zusagte, die massivsten Invectiven von sich gab.

Er nöthigte mich auf den harten Polstersitz und blieb selbst am Tische mir gegenüber stehen.

Wundern Sie sich nicht über die armselige Bude, in der Sie mich antreffen, sagte er. Ich könnte mich auch mit allem erdenkbaren Luxus umgeben, wenn ich schlechte Opern zusammenschmierte, wie die edlen Herren – er nannte eine ganze Reihe damals beliebter Componisten – so Cirkusmusik für den lieben Janhagel, dem's in die Tanzbeine fahren muß, wenn er die Hände zum Klatschen rühren soll. Aber mein künstlerisches Gewissen und die Unabhängigkeit der Ueberzeugung sind mir mehr werth als Plüschmöbel und persische Teppiche. Auch kann ich hier oben zwei Lebensbedürfnisse eines richtigen Musikanten in vollem Maße befriedigen. Weit und breit keins von den gottverfluchten Klimperkasten, die zur Strafe unserer Sünden in die Welt gekommen sind, also tiefste Stille, um den Eingebungen der heiligen Cäcilia zu lauschen, und vor den Fenstern nur Himmel und Erde, Blick in die Unendlichkeit, Schutz vor allem Grauen, das einem die platte städtische Cultur einflößen muß, wenn man rings von dem Elend seiner sogenannten Mitmenschen eingeschlossen ist, die in dumpfen Miethskasernen hausen. Hier oben bin ich Mensch, hier darf ich's sein. Aber nun genug von mir. Haben Sie mir etwas mitgebracht?

Ich verstand nicht gleich, daß er der Meinung war, ich hätte alle Taschen voll von meinen bisher edirten Sachen. Als ich erklärte, ich hätte nicht gewußt, ob es ihm wirklich darum zu thun sei, etwas zu lesen, was nicht »symbolisch«, sondern »reinmenschlich« gemeint sei –

O, sagte er, Sie haben mich mißverstanden. Gerade darum mag ich die gewöhnlichen Abenteuer und Liebesgeschichten mir nicht mit Orchesterbegleitung vorsingen lassen, weil ich finde, solche Stoffe werden von der Poesie allein weit besser erledigt, und jede Kunst müsse sich hüten, in das Gebiet einer anderen hineinzupfuschen. Was eine hohe Tragödie an Erschütterungen hervorbringt, ganz mit eigenen Mitteln, ist mir so ehrwürdig, daß ich mir's nicht verhunzen lassen will durch einen Gecken von Componisten, der sich einbildet, er müsse erst noch das Beste dazu thun und den Punkt aufs I setzen. Sehen Sie, Herr Hofrath –

Und nun erging er sich noch eine gute Weile in immer heftigeren Ausfällen gegen das Unwahre der üblichen Operntexte, wobei er an sehr scharfsinnige und tiefgründige ästhetische Principien die übertriebensten Folgerungen knüpfte.

Dabei schritt er oder schlich vielmehr auf seinen weichen Filzsohlen im Zimmer umher, spuckte zuweilen gegen den blankgescheuerten Fußboden aus und knöpfte das Röckchen abwechselnd auf und wieder zu.

So viel Merkwürdiges bei diesem Kunstgespräch zum Vorschein kam, ward mir's doch auf die Länge unheimlich.

Ich sehe über Ihrem Harmonium das Bildniß Beethoven's, unterbrach ich ihn endlich. Nun, dem Fidelio werden Sie doch wohl das Recht seiner Existenz zugestehen, all Ihren bilderstürmenden Theorieen zum Trotz?

Er blieb an dem Instrument stehen und heftete die Augen auf das Bild darüber. Fidelio! sagte er vor sich hin. Wenn ich vor diesem Einzigen meine Ueberzeugung verleugnete, wär's auch nur wieder eine Ausnahme, die die Regel bestätigte. Aber ich thu' es nicht. Was daran Musik ist, ist göttlich, das ist außer Frage. Ich sage nur, auf die Gefahr hin, als ein herzloser Barbar zu erscheinen, daß mich in ihrem Genuß die larmoyante Anekdote stört. Von dem ersten Akt vollends zu schweigen, wo das Liebesgetändel und die Verlobung der verkleideten Frau mit dem jungen Ding mir widrig ist. Aber auch der berühmte Kerkerakt – trauen Sie sich nicht zu, oder, wenn Sie für Ihre Person zu bescheiden sind, trauen Sie einem Shakespeare nicht zu, die »namen-, namenlose Freude« mit dem schlichten Wort ebenso gewaltig einem ins Herz zu schmettern, wie in dem famosen Duett, wo zum Ueberdruß dieselben Worte immer wieder herhalten müssen?

Ich wollte allerlei einwenden, gerade hier die sonst unerreichbare Wirkung einer Vermählung von Wort und Ton zu vertheidigen. Aber der seltsame Fanatiker schnitt mir die Entgegnung ab, indem er sich vor das offene Harmonium setzte und seine Finger über die Tasten gleiten ließ. Erst nur präludirend, dann aber ging er in eine Bach'sche Toccata über, die zufällig auch mir bekannt war, und nach dieser spielte er ein noch grandioseres Stück des großen Thomas-Cantors mit einer herrlichen Fuge und schloß endlich mit einem rührend machtvollen Choral. Es war mittlerweile ganz dunkel geworden. Ich saß wie in der Verzauberung eines Traums in meiner Sophaecke und hätte noch eine Stunde so sitzen und den wundersamen Klängen lauschen mögen.

Da wandte er sich nach mir um.

Sehen Sie, sagte er, das ist Musik nach dem Herzen Gottes und nach meinem Herzen. Aber da Sie sich selbst einen musikalischen Laien nennen, ist Ihnen der Sinn für Bach vielleicht noch nicht aufgegangen.

O, sagte ich, von früh an hat Keiner mir's so angethan, obwohl ich mir nicht klar machen kann, was vom technischen Standpunkt aus an seiner Musik bewundernswerth sein mag. Ich höre nie etwas von ihm, ohne daß mir zu Muth würde, als läge ich nackt am Meerstrande und die Wellen der Brandung rollten heran und überströmten mich mit einem Gefühl von Kraft und Frische, die mein Blut in eine wonnige Wallung bringt. Es ist eben ein elementarer Zauber, den ich sonst nur bei den herrlichsten symphonischen Sätzen Beethoven's ähnlich in mir erlebe.

Nun, brummte er, indem er aufstand, für einen Laien ist das ganz respectabel, wie Sie das zu schildern suchen, wenn man auch den Poeten erkennt, der immer ein Bild brauchen muß. Von da zu dem Aberwitz der Programmmusik ist der Weg nicht weit. Aber ich sehe, daß ich doch hoffen darf, von Ihnen verstanden zu werden, wenn ich Ihnen meine heimlichen Projecte enthülle. Sie müssen nämlich wissen –

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, und das Mädchen erschien, ein schlichtes hölzernes Brett mit ausgespreizten Armen tragend, auf welchem eine kleine brennende Petroleumlampe mit grünem Schirm stand, ferner ein Teller mit einem großen Stück Käse, ein halber Laib Hausbrot und eine mit einem hellröthlichen sogenannten Schillerwein angefüllte Wasserflasche, dazu zwei Gläser.

Das Alles stellte sie sacht mit behenden Bewegungen auf den Tisch vorm Sopha und glitt dann wieder geräuschlos, wie sie eingetreten war, aus der Thür.

Ich hatte aber doch Zeit gehabt, sie näher zu betrachten. Sie trug ein braunes, ganz dürftig zugeschnittenes Kattunkleid und eine blendendweiße Schürze, die über die schon reizend entfaltete Brust reichte. Das Gesicht war auffallend hübsch, nur etwas matt gefärbt, doch ungemein lieblich, als ihr während ihres häuslichen Geschäfts dem fremden Gast gegenüber eine leichte Röthe in die Wangen schoß. Die Farbe der Augen konnte ich nicht erkennen, da sie die langbewimperten Lider gesenkt hatte. Alles in Allem ein Bild holder, unberührter Jugend, wobei nur der Ausdruck einer müden, schwermüthigen Stimmung um die feinen Schläfen und den festgeschlossenen Mund befremdlich war.

Der alte Herr hatte die Eintretende mit einem finsteren Blick empfangen und schien ein heftiges Wort auf der Zunge zu haben, das er aber doch zurückhielt, gleichsam entwaffnet durch die wehrlose, demüthige Art, mit der sie ihr Geschäft verrichtete. Erst als sie gegangen war, knurrte er halblaut vor sich hin: Hätte auch warten können, bis sie gerufen wurde! Ewig die Weiber!

Dann näherte er sich dem Tisch und sagte: Sie kann eigentlich nichts dafür, daß sie uns gestört hat, als ich eben im Zuge war, Ihnen von meinem Plan zu sprechen. Sie ist angewiesen, täglich genau um dieselbe Zeit mein frugales Souper aufzutischen, und da sie so wenig Ueberlegung hat, wie eine gute Maschine in Fleisch und Bein, hat sie's auch heute nicht anders gemacht. Nun, es ist vielleicht besser so. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist doch nicht im Handumdrehen abzumachen. Sie geben mir wohl ein andermal die Ehre. Erst aber – wenn Sie meine bescheidene Kost nicht verschmähen –

Ich versicherte, daß meine Frau es mir verdenken würde, wenn ich ihrem eigenen Nachtessen nicht wie sonst alle Ehre anthäte.

So nehmen Sie wenigstens ein Glas von meinem Haustrunk, versetzte er. Das Fäßchen Landwein, das ich im Keller habe, ist mein einziger Luxus, der mir aber unentbehrlich ist, da das Bier mich träge und dumm macht, so daß meine Flügel mich nicht in die Höhen tragen können, wo meine richtige Lebensluft weht. Kommen Sie! Wir wollen auf ferneres gutes Verständniß miteinander anstoßen!

Ich mußte ihm nothgedrungen Bescheid thun und leerte das Glas, das er mir vollgeschenkt. hatte, auf einen Zug. Niemals hat ein Wein weniger verdient, als ein »Luxus« in Schutz genommen zu werden, als dieser säuerliche, dünne Trank.

Dann ließ der Alte sich's nicht nehmen, mir selbst mit dem Lämpchen die Treppe hinabzuleuchten. In der offenen Thür der Küche erschien zwar das Mädchen, das ihm die Leuchte abnehmen wollte. Er wies sie aber mit einem bösen Schütteln seines gesträubten Haarschopfs herrisch zurück, und ich sah nur noch, wie die schlanke Gestalt den Kopf demüthig senkte und nach dem Herde zurückging, auf dem ein zinnernes Küchenlämpchen ein schwaches, zuckendes Licht verbreitete.

*

Zu Hause angelangt, musterte ich meinen kleinen Vorrath an Gedrucktem und Ungedrucktem, da mir jungem Poeten doch daran lag, vor dem musikalischen Einsiedler, so schrullenhaft er war, in möglichst günstigem Licht zu erscheinen.

Nun fand ich freilich nichts, was als »symbolisch« in seinem mir noch unklaren Sinne, oder gar als »Poesie nach dem Herzen Gottes« hätte gelten können. Doch war vor Kurzem eine kleine mythologische Tragödie »Meleager« von mir in die Welt gegangen – nicht eben einen weiten Weg und jedenfalls »den Bühnen gegenüber Maculatur« –, aber der eigenartige Stil und vor Allem die märchenhafte Fabel selbst ließen mich hoffen, der curiose Fanatiker des Uebersinnlichen und Elementaren werde einiges Gefallen daran finden. Ein antikes Puppenspiel in Knittelversen, das die nachdenkliche Geschichte von Perseus und der Meduse behandelte, hatte selbst meinen Freunden mehr Kopfschütteln als Beifall abgewonnen, so daß ich diesen meinen heimlichen Liebling mit einem Seufzer zurückbehielt.

Ich packte also besagten Meleager mit einer Handvoll lyrischer Gedichte in Gottes Namen ein und schickte ihn in die Hasenstraße.

Schon am nächsten Tage brachte mir die Stadtpost einen Brief, der in einer wie mit dem Stiel der Feder hingestampften Handschrift ungefähr so lautete (ich habe ihn leider nur in der Erinnerung aufbewahrt):

»Hoch- und Höchstverehrter!

Tausend Dank! Habe gelesen! Sie sind ein Dichter. Weiß nun, daß Sie mich verstehen werden. Würde selbst kommen, wäre meine Toilette salonfähig. Ersuche Sie, sich baldigst zu mir zu bemühen. Habe Ihnen eine Ueberraschung zugedacht. Ganz ergebenst

Heinrich Arnoldi.«

Ich wußte nun, weßhalb der verkannte Meister auch im Theater seinen Kutschermantel nicht ablegte. Sein Drillichanzug war unzweifelhaft Alles, was er an sommerlicher Garderobe besaß.

So wenig ich mir nun auch auf seine »Hoch- und Höchstverehrung« etwas einbildete, da ich deutlich merken konnte, mit diesen devoten Complimenten sei es nur auf den zu liefernden Operntext abgesehen, war ich doch neugierig genug, was unter der verheißenen »Ueberraschung« verborgen sein mochte. So ging ich denn schon am dritten Tage in der Dämmerstunde wieder in die Hasenstraße.

Auf dem dunklen Treppenabsatz vor seiner Wohnung fand ich diesmal die Thüre offen. Das dienstbare Mädchen stand an der Schwelle in leiser Unterhaltung mit einem jungen Manne, die durch mein Auftauchen im Flur unliebsam, wie es schien, unterbrochen wurde. Der Mann grüßte mich hastig und eilte an mir vorbei die Stiege hinab. Das Gesicht des Mädchens, so viel das Küchenlämpchen erkennen ließ, war geröthet und die sanften Augen ein wenig feucht. Sie ließ mich, ohne ein Wort zu sagen, eintreten, und ich hörte schon durch die Thür ein lebhaftes Klavierspiel, das auch noch eine Weile fortging, nachdem ich sacht die Thür zu dem Zimmer des Musikers geöffnet hatte und eingetreten war.

Nun ward er doch endlich meiner Gegenwart inne, schloß mit einer rauschenden Passage und stand auf, mich zu begrüßen.

Da haben Sie schon die Ueberraschung weg, werthester Herr Hofrath, sagte er. Wissen Sie, was ich gespielt habe? Die Ouvertüre zu Ihrem Meleager, die in der letzten Nacht entstanden ist, einstweilen nur in meinem Kopfe. Warten Sie! Setzen Sie sich dorthin. Ich habe den alten Klimperkasten eigens neu stimmen lassen – der Klavierbändiger geht eben von mir – um Ihnen das Stück in möglichst reinlicher Gestalt vorzufingern. Es ist nicht das Schlechteste, was ich gemacht habe.

Auch mir schien es eine merkwürdige, tiefsinnige Composition, obwohl ich zweifelhaft bin, ob mich nicht die ungewohnte Ehre einer Ouvertüre, die eigens zu einem meiner Dramen componirt worden war, bestach. Und er spielte meisterhaft, und das Halbdunkel im Zimmer trug dazu bei, mich in eine träumerisch-mystische Stimmung zu lullen.

Als er geendet hatte und ich ihm meine Bewunderung aussprach, nur bedauernd, daß er seine Kunst an eine Dichtung verschwendet habe, die nie das Licht der Lampen erblicken würde, sagte er:

Seien Sie unbesorgt. Unsere Zeit wird kommen. Zunächst vielleicht nur im Concert, wo dann die Kunstphilister sich den Kopf darüber zerbrechen werden, welche Takte den Lauf der Atalante, welche anderen die Eberjagd oder gar das magische Holzscheit bedeuten sollen, das die grimmige alte Mutter in ihrer tödtlichen Eifersucht auf die Liebe des Sohnes in das Herdfeuer stößt, um sein Leben lieber sich verzehren zu sehen, als sein Herz einer Andern zugewendet. Solch ein Tollhäuslerspuk! Als ob Musik bestimmte Vorstellungen erwecken und ein Geschichtchen erzählen könnte! Nein, Ihr Drama besorgt das Alles selbst, und ein musikalischer Leser kann hernach höchstens die Stimmung ganz im Allgemeinen, in die ihn das Gedicht versetzt hat, auf Noten bringen. Mich hat es besonders gepackt, daß sich's in der alten Fabel nicht um eine ordinäre moderne Liebschaft handelt, sondern um die Urmächte des Menschenlebens in einer furchtbaren Symbolik! (Wieder sein Lieblingsausdruck.) Und nun halte ich Sie auch für reif, trotz Ihrer Jugend, in das Allerheiligste meines Schaffens einen Einblick zu gewinnen.

Er ging nach der Kommode und zog aus dem obersten Schubfach ein Heft hervor, das er mit einer großen Geberde auf den Tisch warf. Da sehen Sie, sagte er, das ist meine Oper –notabene, die erst noch gedichtet oder doch ausgedichtet werden soll, denn ich bin nur ein stümperhafter Reimschmied. Ich will Ihnen nur den Titel sagen, dann werden Sie schon merken, daß sich's um keine der schnöden Ritter- und Räubergeschichten, keine Schlittschuhläufer, Freikugelngießer oder singende Barbiere handelt: »Das Räthsel des Lebens!« Ha, wie anders wirkt dies Zeichen auf Sie ein? Merken Sie nun, daß ich von dieser Höhe mit einiger Berechtigung auf die heutigen Zöllner und Sünder herabschauen darf, da ich die Erlösung von allem Kunstjammer in der Tasche trage?

Seine schwarzen Augen sprühten ordentlich Funken, während er diese Worte hervordonnerte. Ich fühlte ein gewisses Grauen, als ob ich einen Irrsinnigen vor mir hätte.

»Das Räthsel des Lebens!« wiederholte ich mit unsicherer Stimme. Ein merkwürdiger Titel, gewiß, nur gesteh' ich, daß er mich über den eigentlichen Inhalt Ihres Werkes völlig im Dunkeln läßt.

Sehr natürlich und verzeihlich, versetzte er mit einem heiseren Lachen, das ist es eben, was ihn von allen anderen unterscheidet und schon an sich die richtige musikalische Stimmung vorbereitet. Nur eine einzige Oper nähert sich dem, was mir als das Wahre vorschwebt: die Zauberflöte. Auch da ist das Meiste symbolisch, und man wird nicht recht klug daraus und nimmt allerlei Fragezeichen mit hinweg. Daß ich als Musiker mich nicht erfreche, dem göttlichen Meister nahe zu kommen, der dies Wunderwerk geschaffen, brauche ich nicht erst zu versichern. Was aber den Text anbetrifft, glaube ich ihn doch zu übertreffen.

Und Sie haben wirklich für das Räthsel des Lebens eine Lösung gefunden?

Er sah mich mit einem mitleidigen Lächeln an.

So dumm bin ich nicht, sagte er. Wenn es eine Lösung gäbe, wäre es eben kein unendliches Problem und somit prosaisch und für die wahre Musik nicht besser geeignet, als irgend ein anderes Histörchen, dessen Helden am Schlusse sich kriegen oder eines melodischen Todes sterben. Nein, das Räthsel wird bei mir von einer richtigen Sphinx aufgegeben, die am Ende, da Niemand es lösen kann, sich selbst in den Abgrund alles Seins stürzt. Ich weiß wohl, die Sphinxe sind eigentlich männlichen Geschlechts gewesen, wenigstens die in Aegypten. Aber die Neugier, von den Menschen zu hören, was sie vom Leben denken, schien mir am passendsten für ein Frauenzimmer. Schon im Leben haben die Männer gewöhnlich mit ihren alltäglichen Geschäften so viel zu thun, daß sie auf die Räthselfrage gar nicht verfallen. Und ferner – ich brauche für meine Sphinx einen hohen Sopran, einmal, weil die Frage immer schriller und schneidender werden muß, je öfter sie gestellt wird, und dann im Gegensatz gegen die anderen Figuren,

Also haben Sie doch auch eine menschliche Handlung? Oder sind auch die übrigen Personen lauter mythologische Ungeheuer?

Behüte! Eine solche Menagerie würde eine mißtönende Partitur in lauter Naturlauten geben, da nur die Sphinxe als Halbmenschen Sprache haben. Aber was man so Handlung nennt – ein Geschichtchen, das Anfang, Mitte und Ende hat – damit befasse ich mich freilich nicht. Meine Personen sind alle nur symbolischen Charakters, nämlich Vertreter der verschiedenen Klassen und Stände der Menschheit, die nach einander auftreten und beschämt wieder abziehen, nachdem sie die Frage der Sphinx nur auf eine einfältige Art beantwortet haben.

Zuerst kommt ein Monolog dieser interessanten neugierigen Dame, die auf einem Felsen vor einer tiefen Kluft hingelagert ist, ihre Löwentatzen in der Sonne reckt und sich den Kopf darüber zerbricht, wozu sie selbst auf der Welt ist, da sie ebenso gern ihr berufs- und freudenloses Dasein aufgäbe. Und nun sieht sie einzelne Wanderer daherkommen, und wie ein Gensdarm reisenden Handwerksburschen den Paß abfordert, hält sie Jeden an und stellt Jedem die nämliche Frage. Die habe ich schon in einen Vers gebracht, der mir ganz leidlich scheint, nämlich:

Mensch, du fühlst, dich drückt der Schuh,
Dennoch ohne Rast und Ruh
Tag' und Jahre wanderst du.
Sag, o sag: wohin? wozu?

Für einen poetischen Dilettanten ganz hübsch, nicht wahr? Auch die Melodie dazu, die bei jeder Wiederholung in anderer Tonart erscheint, ist schon fertig. Aber das Weitere – man fordert zwar jetzt, daß der Componist auch Dichter sein soll, aber eine Kunst allein ist schon schwer genug, ich wenigstens verzichte auf diesen Doppellorbeer. – Ich habe ruhig – nein, auf die Länge doch ziemlich unruhig gewartet, bis mir einmal ein gelernter Dichter begegnen würde, der meine Ideen ausführen könnte. Und da Sie überdies zu Sr. Majestät, unserm allverehrten Könige, Zutritt haben, lebe ich der Hoffnung, daß mein Traum eines Tages zur Erfüllung kommen wird, wenn Sie sich erst für das Libretto selbst, dann für die Annahme beim Hoftheater interessiren.

Nun wußte ich also, warum der stolze Meister mir mit so ausgesuchter Artigkeit entgegengekommen war.

Verehrter Herr, sagt' ich, noch immer ist mir nicht klar, wie Sie sich den Inhalt Ihres Textes zurechtgelegt haben. Einstweilen scheint mir Ihre Idee mehr für ein Concertstück als für ein Drama, das aufführbar wäre, geeignet.

O, sagte er, dafür soll schon Rath geschafft werden. Gleich die Hauptperson, die Sphinx, in einer phantastischen Landschaft, wird sich in wechselnder Beleuchtung vorzüglich ausnehmen. Und nun die einzelnen Wanderer, erst ein Bauer, der die Frage, wozu er lebe, damit beantwortet, um Brod für die Menschen zu schaffen. Damit, wendet sie ein, schaffe er aber nur das Mittel zum Leben und könne nicht sagen, warum es überhaupt nöthig sei, ein Dasein zu verlängern, dessen Zweck man nicht einsehn könne. Der Bauer zieht dann kopfschüttelnd ab, und ein Kaufmann kommt, der auch nicht bessere Auskunft darüber geben kann, weßhalb er den Austausch der Producte und Waaren besorgt, so wenig wie der Gelehrte, was das Wissen für einen Sinn habe, der Soldat, warum er sich fürs Tödten vorbereite, wenn das Leben einen Werth hätte, der Geistliche, der von vornherein an der Lösung des Räthsels verzweifeln muß, da er sie erst von einem zweiten, jenseitigen Leben erwartet. Der Musiker vollends gesteht von vornherein seine Ratlosigkeit ein, indem er auf einer Geige nur ein elementares Echo dunkler Gefühle und Leidenschaften hören läßt, so daß endlich sämmtliche Examinanden sich zu einem Chor vereinigen und beklagen, daß sie durchgefallen sind. Wie sie sich dann dazu verhalten, daß die Sphinx an der richtigen Antwort verzweifelt und in die bodenlose Tiefe versinkt, ist mir noch nicht deutlich aufgegangen, und eben dazu, wie auch zur Ausführung der einzelnen Scenen habe ich mich mit einem Poeten associiren müssen und bin glücklich, verehrtester Herr Hofrath, daß Sie so freundlich auf meine Ideen einzugehen scheinen.

*

Er hatte mit solchem Feuer gesprochen und streckte mir jetzt so kindlich zutraulich über den Tisch weg seine beiden Hände entgegen, daß ich's nicht übers Herz brachte, ihn aus all seinen Himmeln zu stürzen, indem ich ihm erklärte, sein vermeintlicher Opernstoff sei nicht viel hoffnungsvoller, als wenn er sich damit trüge, das erste Buch Mosis in Musik zu setzen.

Ich sagte daher, die Idee sei ungeheuer originell, scheine sich freilich auf den ersten Blick mehr zu einem Oratorium zu eignen, doch lasse sich vielleicht etwas erfinden, um für das Nebeneinander der vorüberziehenden Figuren, das an einen antiken Fries erinnere, einen Mittelpunkt zu gewinnen und dadurch so viel Handlung in die Sache zu bringen, wie doch nun einmal für Alles, was sich auf den Brettern präsentire, unumgänglich nöthig sei.

Gleich nach dieser kecken Vertröstung, die ihn sehr zu beglücken schien, beeilte ich mich unter irgend einem Vorwand aufzubrechen, so hastig, daß ich nicht einmal danach fragte, ob er auch meine Gedichte gelesen habe. Ich war nämlich mit der stillen Hoffnung gekommen, die »Ueberraschung« bestehe darin, daß er eines oder das andere von den Liedern componirt habe, worauf ein junger Lyriker stets begierig ist. Er hatte ihrer mit keinem Wort erwähnt, sie wohl gar nicht einmal gelesen, da sie ihm nicht »symbolisch« genug vorkommen mochten.

Diesmal leuchtete er mir nicht die Treppe hinunter. Er war zu sehr in sein großes Zukunftswerk versunken. Das blasse junge Mädchen öffnete mir die Thür, blieb aber mit dem Küchenlämpchen auf dem obersten Treppenabsatz stehen, da ich ihre Begleitung verbat. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben, das sie mir sagen wollte, öffnete auch schon die kindlich zarten Lippen, brachte dann aber doch nur einen schüchternen »Guten Abend« hervor.

So tastete ich mich nachdenklich die Treppe hinab, nur von einem röthlichen Lichtstreifen aus dem Lämpchen oben geleitet, und zerbrach mir den Kopf, wie es anzufangen wäre, ihn aus der Schlinge zu ziehen, ohne den harmlosen alten Herrn, der auf meinen Beistand hoffte, zu kränken. Ich war schon unten angelangt, als sich die Thür der Parterrewohnung öffnete und eine dicke Frau in einer weißen Nachtjacke, wie die guten Bürgerinnen der mittleren Stände sie damals zu ihrer häuslichen Bequemlichkeit zu tragen pflegten, in dem dunklen Hausflur auf mich zutrat.

Verzeihen Sie, daß ich Sie einen Augenblick aufhalte, mein Herr, hörte ich sie mit halblauter Stimme sagen. Ich möcht' mir nur zu fragen erlauben: nicht wahr, Sie sind ein Freund von Herrn Arnoldi?

Nur ein guter Bekannter, erwiderte ich. Erlauben Sie mir zu fragen, Madame, warum Sie das wissen möchten?

Ich hab' die Ehr', mich Ihnen vorzustellen, ich bin die Hausbesitzerin – sie nannte nun ihren Namen, den ich vergessen habe – und der Herr Arnoldi wohnt seit sieben Jahren bei uns. Auf zehn Jahre hat er Contract gemacht, aber wenn die übrigen drei Jahre herum sind, könnt' er mir die doppelte Miethe zahlen, ich würd' ihn nicht länger in meinem Hause wohnen lassen. Nicht, daß ich mich sonst über ihn zu beklagen hätt'. 's ist so weit ein stiller Miethsherr, bis auf das bischen Musik, das mich ja nicht stört, weil's hoch oben gemacht wird, und er zahlt auch pünktlich den Zins. Aber das mit dem guten Mädel – nein, Herr, Alles, was recht ist, aber das kann ein Christenmensch nicht mit ansehn, ohne daß es ihm das Herz abdrückt.

Was ist's mit dem Mädchen? fragt' ich. Hält er sie nicht gut?

No, was das betrifft, es wird Manche schlechter gehalten. Er ist zwar sehr genau, gönnt sich selbst nichts Guts, und auch ihr Essen und Trinken könnt' wohl reichlicher sein. Was sie an Kleidern und Wäsche braucht – Sie haben sie ja gesehen, seidene Roben trägt sie grad' nicht und ist doch immer sauber bei einander, weil sie geschickt ist mit der Nadel und sich Alles selbst macht. Aber sonst – so ein junges Ding will doch auch sein bischen Unterhaltung haben und was anderes von der Welt sehn, als ihre vier Wänd' und so ein altes brummiges Gesicht darin. Er aber, wie ein bissiger Hund bewacht er sie und läßt sie die Sonne nur von ihrem Kammerfenster aus schauen. An keinem Sonntag hat sie ihren Ausgang, die drei Jahre, daß er sie bei sich hat, ist sie nur an die Luft gekommen, wenn er selbst spät Abends spazieren geht, außen um die Stadt herum, ich bitt' Sie, was kann ihr das für Freud' machen? Und wenn er selbst ins Theater geht, anstatt sie mitzunehmen, schließt er sie ein. Ein Mannsbild, wenn's nicht ein Verheiratheter ist, kommt nie über seine Schwelle. Stellen's Ihnen vor: damit sie nicht Mittags und Abends das Bier holen muß, trinkt er lieber keins und hat sich ein Fassl schlechten Wein eingelegt. Und sie, das arme Hascherl, erträgt Alles geduldig, ohne mit einem Wörtl sich zu beklagen, nicht einmal gegen mich, die so viel Mitleiden mit ihr hat. Man war doch auch einmal jung und kann sich vorstellen, wie einem zu Muth gewesen wär', wenn man sich von so einem Drachen hätt' müssen bewachen lassen. Zum Fenster wär' ich 'nausgesprungen und hätt' lieber das Genick gebrochen, als so um mein bischen Jugend zu kommen.

Wenn sie nun aber sich's gefallen läßt, was kann man dazu thun?

O, lieber Herr, fuhr die dicke Dame eifrig fort, ist's denn nicht Christenpflicht, sich seines Nebenmenschen zu erbarmen? Wenn sie nun so ein gutes dummes Ding ist, daß sie sich ohne aufzubegehren wie eine G'schlavin behandeln läßt, muß man sich nicht drum annehmen und ihr die Augen öffnen? Sie hat ja vielleicht keine Ahnung, wie sie sich um Ehr' und Reputation bringt, und wenn er stirbt und ein anständiger Mann sich dann nicht für sie findet, weil Jeder sich besinnt, Eine zu heirathen, die Jahre lang die Geliebte eines alten Sünders gewesen ist

Die Geliebte? Ist das Ihre wirkliche Meinung?

Sie sah mich groß an und schüttelte leise den Kopf, daß ich so naiv sein könne, nur einen Augenblick daran zu zweifeln.

Gehn's weiter! sagte sie. Das haben Sie doch selber längst sehen müssen. Wozu würd' er das Babettl sonst unter Schloß und Riegel halten, wenn er nicht so eifersüchtig wär' wie ein Türk? Und warum würd' sie sonst nicht sich zur Wehr' setzen und mehr Freiheit verlangen, wenn sie nicht dächt': 's ist doch Alles verloren, ich muß die Schand' halt weiter tragen –? Na, mich geht's weiters nicht an. Wenn er ihr hernach sein bisserl Vermögen vermacht, hat sie wenigstens zu leben. Aber da Sie sein Freund sind – Sie könnten ein gutes Werk thun, Herr, wenn Sie ihm ins Gewissen reden wollten, daß er ihr vergönnen thät', sich ein bissel mehr zu rühren, eh' sie ganz abmagert, statt sie wie ein gestohlenes Gut in einen Kasten zu sperren. Gelt, Sie denken dran, wenn sich einmal die Gelegenheit giebt; aber beileibe kein Wort davon, daß ich's Ihnen gesteckt hab'! Der rabbiate alte Herr wär' im Stand' und stecket' mir das Haus überm Kopf an. Pfüat Gott, Herr, und nichts für ungut!

Damit schlüpfte sie in ihre Thür zurück und ließ mich in einer sehr widerwärtigen Stimmung aus dem dunklen Hausflur den Ausgang suchen.

*

Daß diese Eröffnungen meine Unlust, mich weiter mit dem Alten einzulassen, nur steigern konnten, wird Niemand wundern. Ich suchte nur nach einem scheinbaren Vorwand, den Verkehr abzubrechen; denn ich mußte mir sagen, daß ich weder dem verrannten Tonkünstler in seinen künstlerischen Schrullen behülflich sein, noch der armen jungen Gefangenen aus ihrem Kerker heraushelfen konnte. So jung ich war, hatte ich doch schon gelernt, daß man die Hand nicht zwischen Stamm und Rinde stecken soll.

Doch seltsam genug – ein geheimer Zug, der mehr als Neugier war, lockte mich nach einigen Tagen doch wieder in das Haus, das ich nicht wieder hatte betreten wollen. Freilich war ich Anfangs geneigt gewesen, dem Bericht der Hausfrau vollen Glauben zu schenken, – nach und nach aber fing ich an zu zweifeln, ob der sonderbare Idealist, als der er sich in seiner Kunst gezeigt, wirklich im Stande wäre, an einem unschuldigen jungen Leben sich so gewissenlos zu versündigen. Die Begierde, das Räthsel dieses Lebens zu durchschauen, wurde endlich so mächtig in mir, daß ich eines Abends doch wieder die steile Treppe in der Hasenstraße hinaufstieg.

Ich hatte, um nicht mit ganz leeren Händen zu kommen, die ersten Scenen des Librettos skizzirt, die Unterredung der Sphinx mit dem Bauern und dem Kaufmann. Der Maestro war davon entzückt. Er bat sich die Blätter aus, um gleich andern Tags an die Composition zu gehen. Daß ich seine eigenen vier Verse in ihrem ganzen Wortlaut hatte bestehen lassen, schmeichelte ihm besonders. Er ging, sich beständig die Hände reibend, im Zimmer auf und ab, summte die Melodie des Sphinxspruches vor sich hin und war unerschöpflich, mich seiner Dankbarkeit zu versichern.

Da es darüber völlig Nacht geworden war, trug das Babettl die Lampe herein, stellte sie geräuschlos auf den Tisch und entfernte sich wieder. Nie war mir das liebe, hübsche Gesicht rührender erschienen, und da ich ihren Zwingherrn in so günstiger Stimmung mir gegenüber sah, glaubte ich einen Versuch wagen zu können, etwas mehr Licht in das geheimnißvolle Dunkel dieses Verhältnisses zu bringen.

Sie haben da eine sehr anmuthige Dienerin, sagte ich. Sie scheint ein wahres Muster an Fleiß und Anspruchslosigkeit zu sein. Finden Sie aber nicht, daß sie bedenklich zart aussieht, ein wenig hektisch, will mir fast scheinen? Sie sollten sie vielleicht mehr ins Freie schicken.

Er wandte sich hastig nach mir um und warf mir einen stechenden Blick zu. Alle Freudigkeit war plötzlich aus seinem Gesicht geschwunden.

Hat sie sich bei Ihnen über mich beklagt? stieß er murrend hervor.

Ich entgegnete, daß ich noch nicht vier Worte von ihren Lippen gehört hätte. Es sei nur so eine Vermuthung ihrem bleichsüchtigen Aussehen nach.

Sie wäre auch das undankbarste Geschöpf von der Welt, wenn sie mich verklagt hätte! fuhr er, ingrimmig die Stirne furchend, auf. Wenn Sie wüßten, was ich Alles für sie gethan habe! Ich will mich nicht selbst rühmen, aber vorm Verhungern und Verkommen habe ich ganz allein sie bewahrt!

Und nun fing er an, mir seine ganze Leidensgeschichte zu erzählen, immer mit großen Schritten das Zimmer durchschreitend und heftig gestikulirend. Viele Einzelheiten sind mir entfallen, so gespannt ich ihm zuhörte, da er die grellen Farben nicht schonte und manche Schilderungen seiner bunten Erlebnisse ein romanhaftes Interesse boten. Auch zeichnete ich hernach zu Hause Einiges davon auf. Die Blätter sind aber verloren gegangen.

Ich erinnere mich nur noch, daß er als ein Bauernsohn in einem kleinen Nest des bayerischen Waldes zur Welt kam, als Knabe Ziegen und später Kühe hüten mußte, bis der Schullehrer seine hübsche Stimme und sein gutes Gehör entdeckte. Da wurde er von dem Pfarrer, der selbst ein eifriger Musiker war, seiner besonderen Gunst gewürdigt und im Orgelspiel und den Elementen der Harmonielehre unterrichtet. Als den Eltern dann eine kleine Erbschaft zufiel, bewog sie der Geistliche, den talentvollen Buben in ein Priesterseminar zu schicken. Er sollte geistlich werden, hielt es aber, nachdem er zur Universität vorbereitet worden, in dem langen schwarzen Rock nicht aus, da er sehr weltliche Triebe verspürte, sondern warf die Soutane in die Nesseln und desertirte zu einer herumziehenden Sängergesellschaft, von der er die ergötzlichsten Abenteuer zu berichten wußte. Wie er's dann nach etlichen Jahren zu einem richtigen Kapellmeister an einem kleinen Stadttheater brachte, dort nur ein Jahr seßhaft blieb und nach Wien flüchtete und hier die Gunst eines musikliebenden hohen Herrn gewann, war eines der merkwürdigsten Kapitel seines Vagabundenromans. Plötzlich aber überkam ihn ein Heimweh nach seinem Geburtsort, wo nur die alte Mutter noch lebte. Er scheint dort in der Einsamkeit über dem Lesen gewisser mystischer Bücher den Grund zu seiner späteren »symbolischen« Kunstanschauung gelegt, auch sonst allerlei Denkwürdiges erlebt zu haben, über das er mit ein paar Andeutungen hinweghuschte. Dann starb die Mutter, und es zeigte sich, daß sie einen für ihre Verhältnisse ansehnlichen Schatz in Werthpapieren und harten Kronenthalern aufgespeichert hatte. Der Sohn verkaufte sofort das Gütchen und wandte sich nach Norden, um in Leipzig am Conservatorium ein paar Jahre gründlich zu studiren, immer sehr einsam unter seinen Kameraden, da er mit seinen eigensinnigen Maximen und Doctrinen gegen den herrschenden Geschmack sich heftig auflehnte. Dazu lebte er in einer cynischen Bedürfnißlosigkeit, die für Geiz verschrieen wurde.

Die Narren, rief er, die meinen, es gehöre zum Genie, mit bezahlten Weibern Sekt zu trinken und dem theuersten Schneider das Geld für ihren geckenhaften Anzug schuldig zu bleiben! Darüber kommen sie dann so weit, daß sie hernach zum gehorsamen Diener des lieben Pöblikums werden und Operetten schmieren müssen. Als ob eine unabhängige Gesinnung nicht ein stolzerer Schmuck wäre, als eine brillantene Cravattennadel! Ich brachte es mit meiner »Knauserei« und schäbigen Garderobe wenigstens so weit, daß ich mir einmal den Luxus einer sogenannten Gutthat gönnen konnte. Vor acht Jahren war's – ich hatte wieder einmal das einfältige Gelüst verspürt, die Wiesen und Hügel wiederzusehen, auf denen ich barfuß hinter meiner Heerde hergelaufen war. Da fand ich das Babettl, ein mageres Ding von dreizehn Jahren; die Mutter, ein lediges Frauenzimmer, starb an der Schwindsucht, ganz ohne Freunde und Verwandte, das Mädel fiel der Gemeinde zur Last. Da es eine hübsche Stimme hatte – so einer konnte ich nie widerstehen – und auch sonst trotz aller Armseligkeit ein sauberes und gutartiges Ding geblieben war, nahm ich ihre fernere Erziehung auf mich und gab sie zu guten Leuten in Pension, in Landshut, wo sie auch noch Unterricht bekam, besonders im Singen und Klavierspiel und ein bischen Französisch. Sie hielt sich auch ordentlich, über ihre Aufführung war keine Klage, aber sie hatte nun einmal keinen anschlägigen Kopf und ungeschickte Finger. Wie sie dann achtzehn Jahre geworden war und ich einsah, zur Sängerin wird sie's niemals bringen, nahm ich sie zu mir nach München, um zunächst zu sehen, wofür sie etwa Talent haben möchte.

Ich hatte hier schon eine gute Weile gelebt, meine erste Oper componirt, die mir die hohe Intendanz mit einem höflichen Schreiben als leider unbrauchbar zurückschickte. Sie hatte ganz Recht gehabt, es war so ein halbschlächtiges Unding, da ich der Meyerbeererei Concessionen gemacht hatte, ohne doch aus meiner Haut herauszukönnen. Ich würde mir jetzt die Augen aus dem Kopf schämen, wenn dieser »Gottfried von Bouillon« jemals das Licht der Lampen erblickt hätte, statt meinen Ofen eine Viertelstunde lang zu wärmen. Jede Halbheit rächt sich. Alles oder Nichts! muß das Motto jedes genialen Künstlerlebens sein.

Um nun aber auf das Mädel, die Babette, zurückzukommen: worüber kann sie sich beklagen? Es ist wahr, ich lasse sie nicht auf der Gasse herumlaufen. Sie soll mir nicht vor die Hunde gehen, wie Tausende, die man sich selbst, das heißt dem Teufel überlassen hat, der in so jungem Blute spukt. Ich war lange genug in Wien, um zu wissen, was das für ein Ende nimmt, und hier in München wird's nicht viel besser getrieben. Ich weiß, sie hat davon die blutarme Duldermiene und mag im Stillen mich für einen tyrannischen Kerkermeister halten. Später wird sie mir's danken. Wie? Ich sollte all das für sie gethan haben, um sie mir vom ersten besten Laffen, der Süßholz zu raspeln versteht, abspenstig machen zu lassen? Und wenn's Einer selbst ehrlich meinte und seine Frau aus ihr machen wollte, was wäre das für ein großmächtiges Glück? Ein paar leidliche Jahre, hernach die liebe Noth mit Kindern und Schulden – denn ein Reicher wird sich nicht finden, der ein so wenig gescheidtes, unbedeutendes Geschöpf bloß wegen ihrer hübschen Augen heimführen möchte. Ist sie nicht hundertmal besser daran, wenn sie geduldig wartet, bis ich an mein irdisches Finale gelangt bin, wo sie dann – das hab' ich ihr zum Trost mitgetheilt – als meine Universalerbin zurückbleibt und dann auf ihre eigene Hand so viel Dummheiten machen kann, wie ihr beliebt?

Er trat vor mich hin und sah mich mit einem herausfordernd überlegenen Blick seiner feurigen Augen an. Ich konnte mich aber doch nicht enthalten, zu erwidern:

Sie sind ein rüstiger Mann in den besten Jahren. Wenn das bewußte Finale noch dreißig Jahre auf sich warten läßt, glauben Sie, daß es sich für das gute Mädchen dann noch sonderlich lohnen möchte, einige vergnügliche Dummheiten zu begehen?

Er zuckte die Achseln.

Das müssen wir abwarten, sagte er. Jeder sorgt zunächst für sich. Ich habe so gut ein Recht, wie die Babette, mir das Leben nach meinem Geschmack und Bedürfniß einzurichten, ja mehr als so ein beschränktes junges Ding, da ich's nicht auf liederliche, vergängliche Freuden abgesehen habe, sondern der Welt ein hohes, ideales Kunstwerk bescheren will. Heute freilich ist mir durch diese unsere Unterhaltung die Stimmung verdorben, weiter davon zu sprechen. Ich möchte Sie daher freundlichst ersuchen, werthester Herr Hofrath, dies Thema nicht wieder zu berühren. Es regt mich zu sehr auf, und ich habe dann eine unruhige Nacht. Zum Schaffen aber braucht man gesunde, ausgeruhte Nerven.

*

Ich verließ den bösartigen Einsiedler in heller Empörung.

Nun zweifelte ich nicht länger, daß der Verdacht seiner Hauswirthin in Betreff seines Verhältnisses zu dem armen Mädchen, das er seiner unbedenklichen Selbstsucht opferte, gegründet sei. Diese vom Größenwahn befallenen Egoisten besinnen sich ja keinen Augenblick, alle Schwächeren, die ihnen in den Wurf kommen, ihren Launen und Lüsten zu opfern. Und mit einem solchen Menschen sollte ich noch ferner verkehren, aus Schonung für seinen Irrsinn ihm meine Zeit opfern? bei jedem neuen Besuch durch den Anblick des guten Wesens, dessen Gegenwart und Zukunft er zerstörte, mir das Herz bedrücken lassen?

Am folgenden Tage schrieb ich ihm ein kurzes Billet: eine größere Arbeit, die mich auf Monate hinaus in Anspruch nehmen würde, mache es mir unmöglich, an seinem Libretto mich ferner zu betheiligen. Auch zweifelte ich, ob wir uns wirklich verständigen könnten, da unsere künstlerischen und sittlichen Grundsätze – unterstrichen! – doch zu weit auseinandergingen.

Ich erhielt keine Antwort auf diese Absage. Um so besser! dacht' ich. Mag er doch gemerkt haben, wie ich über sein Verbrechen an dem unschuldigen Mädchen denke! Ich wenigstens habe keine Neigung, an dem Räthsel dieses Lebens mitschuldig zu werden.

So vergingen fünf bis sechs Wochen, der Sommer lag hinter uns, die ersten rauhen Nächte brachten einen Frühreif, der den Winter ankündigte. Mir war über anderen Erlebnissen der Mann in der Hasenstraße ziemlich aus dem Gedächtniß entschwunden, zumal von all meinen Bekannten kein Einziger ihm je begegnet war. Da traf es sich eines Abends, daß ich auf dem Theaterplatz von fern seiner ansichtig wurde. Er ging in seinem gewöhnlichen Aufzug, dem dünnen grauen Mäntelchen und der leinenen Schirmmütze, auf dem Trottoir vor dem Postgebäude eilig dahin, wohl um sich zu wärmen, da ich sah, daß er die Falten seines Mantels fest um die Schultern zog und den obersten der drei Kragen über den Kopf, zum Schutz gegen den rauhen Novemberwind, der ihm in den Nacken blies.

Ich fühlte nun doch trotz aller sittlichen Entrüstung eine Art Mitleid mit dem fröstelnden Alten und behielt ihn im Auge, wie er die Rampe vor dem Theater hinaufeilte, mitten zwischen den Equipagen und Droschken. Zu meinem Erstaunen aber, da ich eben meinen Weg fortsetzen wollte, sah ich ihn vor dem Portal umkehren und langsam die breite Freitreppe hinabsteigen, den Kopf gesenkt, mit der Haltung eines Menschen, der eine Enttäuschung erfahren hat.

Ebenso langsam kreuzte er den damals noch mangelhaft erleuchteten Platz und schlich dann wie ein Kranker, der seine Glieder nur mühsam fortbewegt, an den Häusern hin, jetzt nicht mehr vom Winde getrieben. Er erschien mir um zehn Jahre gealtert, wie er so gebückt, das Kinn auf die Brust gesenkt, von den Begegnenden, denen er nicht auswich, gestoßen, seinen Weg fast wie ein Schlafwandler fortsetzte. Ich konnte es endlich nicht übers Herz bringen, ihn mir aus den Augen entschwinden zu lassen, ohne ihn anzureden.

Als ich mit einem Guten Abend! seinen Namen rief, blieb er stehen, wie vom Blitz gerührt, und wandte sich zitternd nach mir um. Sein Gesicht war, so viel ich in dem Laternenlicht sehen konnte, völlig fahl und zwei Furchen am Munde tief eingegraben, die ich früher kaum wahrgenommen hatte.

Sie sind es! kam ihm heiser von den Lippen. Giebt es wirklich noch einen Menschen, der sich herabläßt, mich zu kennen, und sogar auf offener Straße mir nicht ausweicht? Ich danke Ihnen ganz ergebenst, aber bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Hofrath. Es ist Alles umsonst.

Ich sagte ihm, ich hätte ihn ins Theater gehen, doch vor der Thür wieder umkehren sehen. Ob ihm plötzlich zu unwohl geworden sei, um der Vorstellung beizuwohnen?

Unwohl – ja freilich, wenn Sie's so nehmen wollen. Der Orpheus von Gluck war angekündigt, eine der wenigen Opern, die ich noch mit vollem Genuß sehen und hören kann, wenn auch die symbolische Idee durch den abgeschmackten heiteren Schluß verhunzt wird. Ich soll aber kein Glück mehr haben! Wie ich zufällig den Theaterzettel noch einmal ansehe – wegen Unpäßlichkeit des Fräulein Soundso statt des angekündigten Gluck'schen Meisterwerks Flotow's Martha! Da hab' ich rechtsum Kehrt gemacht und will nun schnell in meine Höhle zurück.

Erlauben Sie, daß ich Sie eine Strecke begleite? sagt' ich. Ich habe so lange nicht das Vergnügen gehabt –

Er lachte bitter auf. Vergnügen? Ich wüßte nicht, daß es irgend Jemand Vergnügen machen könnte, mit einem Menschen umzugehen, gegen den sein eigen Fleisch und Blut – aber ganz nach Belieben, werthester Herr, ganz nach Belieben!

Sein Betragen war so wunderlich, er setzte den Weg plötzlich mit so hastigen, fast laufenden Schritten fort, daß ich merkte, wie wenig erwünscht ihm meine Gesellschaft war.

Ich bedaure, sagt' ich, daß ich bisher durch meine Arbeit abgehalten bin – ich dachte in diesen Tagen –

Oh, bemühen Sie sich ja nicht! fiel er mir ins Wort. Es ist ja doch Alles umsonst, und die Sphinx thäte klug daran, sich lieber von vornherein in den Abgrund zu stürzen, statt das alberne Fragespiel fortzusetzen. Ich allein weiß jetzt, wozu der Mensch lebt, das aber wird dem neugierigen Unthier Niemand verrathen. Es wird Alles mit schönen Worten verkleistert und verschleiert – Heuchlerpack die ganze Menschenbande!

Sie scheinen inzwischen unerfreuliche Dinge erlebt zu haben, bemerkte ich etwas schüchtern.

Er blieb stehen und sah sich forschend um, ob keine Horcher in der Nähe wären. Wir waren ganz allein auf dem windigen, dunklen Promenadenplatz.

Natürlich! stieß er knurrend hervor. Alte Leute sind zu nichts Anderm da, als daß die jungen auf ihre Kosten vergnügt sind. Was kann mir überhaupt noch Erfreuliches begegnen? Nicht einmal eine gute Oper soll ich hören, um ein paar Stunden lang meinen Grimm und Kummer zu vergessen. Und wenn ich jetzt nach Hause komme – was find' ich? Eine kalte Stube, keine Seele, mir auch nur meinen Abendtrunk aus dem Keller zu holen, und wenn's vollends Abend und endlich Nacht in meinem Leben wird, keine Hand, mir den Schweiß von der Stirne zu trocknen und die Augen zuzudrücken. Und dazu fünfundfünfzig Jahre sich täglich an- und ausgezogen – so viel Arbeit um ein Leichentuch! Es könnt' eine Sphinx erbarmen!

Er spuckte heftig aus und fing wieder an zu laufen.

Wie? rief ich, indem ich Mühe hatte, ihm nachzukommen, das Mädchen hat Sie verlassen? Sie sind nun völlig allein? Erzählen Sie mir doch –

Aber er schwieg eine ganze Weile, immer in sich hineinwüthend. Endlich blieb er erschöpft wieder stehen.

Sie haben immer zu gut von ihr gedacht, brachte er keuchend hervor. Und ich selbst – ich wußte ja, daß sie ein enges Gehirn hat, aber ein so enges Herz – nein, das hätt' ich ihr nimmermehr zugetraut. Aber stille Wasser sind tief. Seit Jahr und Tag hat sie das mit sich herumgetragen, und ich Blinder hatte keine Ahnung. Freilich, wenn man belogen wird – ich hatte ihm geglaubt, daß er verheirathet sei, aber der Schurke, nur um mich sicher zu machen – oh, ich könnte ihn erdrosseln!

Von wem reden Sie denn?

Von wem anders, als von dem Buben, dem Klavierstimmer. Er that immer so bescheiden und unterthänig; wenn er mich spielen hörte, lobte er mich über den Schellenkönig, der Heuchler; und ich hörte mich gern loben – mein Gott! wenn man noch so sehr weiß, was man werth ist, man ist doch kindisch genug, es auch einmal von Anderen hören zu wollen. Und so stahl er sich in mein Vertrauen ein, der Räuber, und wie er dachte, nun sei ich ihm sicher und er könne auf meine gute Meinung von ihm lossündigen – da, vor drei Wochen, stellen Sie sich vor, hat er die Stirn und tritt vor mich hin und sagt: Ich bin gekommen, verehrter Meister, Ihnen mitzutheilen, daß ich entschlossen bin, die Babette zu heirathen.

Ich starr' ihn an, wie wenn er Chaldäisch redete. Sie wollen heirathen? die Babette? Ist denn Ihre Frau gestorben, oder haben Sie sich scheiden lassen? Da lächelt er halb verlegen, halb unverschämt und gesteht, er habe mir nur was vorgeflunkert von seinem Ehestand, weil er gemerkt habe, ich würde ihn sonst nicht bei mir aus- und eingehen lassen. Er liebe die Babette und sie ihn, und alles Uebrige sei in Richtigkeit, und er hoffe, da sonst kein Hinderniß sei, würde ich nichts dagegen haben, zumal er schon Jemand wisse, eine sehr zuverlässige Person, die von jetzt an meine Aufwartung übernehmen könne.

Ich war noch immer wie vor den Kopf geschlagen, hätte den Menschen am liebsten mit einem Fußtritt zur Thür hinausgefeuert, nahm mich aber doch zusammen und versetzte: es bestehe doch ein Hinderniß, nämlich, daß ich meine Einwilligung nicht zu geben gesonnen sei. Worauf er, immer ganz sanftmüthig, der abgefeimte Komödiant, sich zu bemerken erlaubte, die Babette sei einundzwanzig Jahre alt, also mündig, und so leid es ihm thue – das Aufgebot sei auch schon bestellt –

Da fuhr es mir heraus: Sie haben die Rechnung ohne den Wirth gemacht, mein Lieber. Mündig mag sie sein, aber zum Heirathen, bis sie fünfundzwanzig ist, bedarf sie der Einwilligung ihres Vaters, und die werden Sie nicht kriegen, dafür steh' ich Ihnen.

Und er wieder ganz gelassen: Wir werden uns leider ohne den väterlichen Segen behelfen müssen. Die Babette ist ja eine Doppelwaise.

Mein Herr! rief ich und konnte die Worte kaum herausbringen, der Zorn wollte mich ersticken, Sie irren sich, der Vater lebt, und ich muß es wohl wissen, denn ich bin es selbst.

In dem Augenblick hörte ich einen leisen Schrei hinter der Thür. Das Mädchen stand natürlich draußen und hatte gehorcht. Der dreiste Mensch aber blieb ganz kaltblütig.

Sie werden verzeihen, verehrter Meister, sagte er, wenn ich diese unerwartete Enthüllung bezweifle. Haben Sie irgend welche Papiere, aus denen Sie Ihre Vaterschaft nachweisen können?

Das war ein Schlag, auf den ich nicht gefaßt war.

Ich habe Ihnen erzählt, daß ich die Mutter des Kindes in meinem Geburtsort gekannt hatte – nur zu gut gekannt. Sie war eine Bauerntochter, eine schöne, frische Person, ein paar Jahre jünger als ich, nicht klüger als ihre Tochter, und ich – unsere Höfe grenzten aneinander, und leichtes Blut hatten wir Beide – nun, sie war die Erste nicht. Ich kam bald zur Besinnung, daß ich einen dummen Streich gemacht hatte, aber ihn durch einen noch viel dümmeren wieder gut zu machen, indem ich das ganz ungebildete Wesen heirathete, fiel mir nicht ein. Ich machte mich davon, schickte ihr aus der Ferne ab und zu etwas Geld und, wie Sie wissen, nahm mich des Kindes an, als die Mutter mit Tod abging. Das alles konnte ich beschwören. Aber Zeugnisse darüber hatte ich nicht, und so war ich wehrlos dem Räuber gegenüber.

Er bemühte sich dann, mich zu begütigen, appellirte an mein Vaterherz, und daß ich dem Glück meines einzigen Kindes doch nicht im Wege stehen würde. Je schwächer meine Sache war, je wüthender wurde ich und sagte: Wenn Sie Lust haben, eine Bettlerin zu heirathen, so nehmen Sie sie hin. Ich hatte ihr im Testament mein ganzes Vermögen verschrieben, das werd' ich nun einer Anstalt zur Versorgung invalider Musikanten vermachen.

O, sagte er, vermachen Sie es, wem Sie wollen, oder werfen Sie's meinetwegen in die Isar; ich bin mit einem sehr guten Gehalt in der Pianofortefabrik angestellt und werde mit der Zeit vom Werkführer zum Compagnon aufrücken, ich nehme das Mädel, wie es geht und steht, und frage Ihrer Großmuth nichts nach. Haben Sie so viele Jahre Ihrem Kinde kein Vaterherz gezeigt, so wird ihr auch jetzt an Ihrem Segen nichts gelegen sein.

Wie er das herausstieß, nun auch hitzig geworden, stürzte die Babette herein, fiel mir zu Füßen und bat mit aufgehobenen Händen, ich möchte sie nicht unglücklich machen. Sie wisse ja, wie viel Dank sie mir schuldig sei, aber sie liebe nun einmal ihren Eduard und würde sich zu Tode grämen, wenn sie ihn nicht zum Mann bekäme.

Ich gestehe meine Schwäche, sie dauerte mich im Stillen; auch war ich erstaunt, woher sie alle die Worte fand, da sie sonst den Mund nicht aufthun konnte. Zugleich aber schwoll mir der Ingrimm, mich so betrogen zu sehen, zum Hirn hinauf, ich blieb wie steinern und erklärte: nie und nimmer würde ich sie einem Manne geben, der ein so tückisches Spiel mit mir getrieben. Er aber war wieder ruhig geworden und sagte nur: Du hast zu wählen, Babettl, ob du beim Vater bleiben willst, bei diesem Vater, oder mit mir gehen, gleich auf der Stelle, damit ich dich vorläufig zu meiner Mutter bringe und über drei Wochen mit dir vor den Altar trete. – Dann war's ein paar Minuten lang so still zwischen uns, daß man eine Stecknadel konnte fallen hören, und dann – eh' ich noch überlegen konnte, ob ich nicht doch andere Saiten aufziehen sollte, war sie vom Boden auf und ihm an der Brust, und während sie vor Schluchzen nichts weiter herausbringen konnte, als: Jesus Maria, was soll ich thun? – hatte er sie umfaßt und zur Thür mit ihr hinaus. – –

Er war bei diesen Worten auf eine der Bänke gesunken, die in den Anlagen standen, und athmete laut und schwer. Ich konnte mich des innigsten Mitleids nicht erwehren, fand aber kein Wort, es ihm auszudrücken. In der Sache mußte ich ihm ja Unrecht geben, aber wie er nun einmal war –!

Vom Dultplatz her kam eine lustige Gesellschaft, ihr Lachen und Lärmen weckte ihn aus seinem Brüten auf, er fuhr in die Höhe und sah sich ängstlich um. Kommen Sie fort! sagte er. Was ist da auch zu thun? Gestern haben sie Hochzeit gehalten, ich bin natürlich dazu eingeladen worden. Aber wenn ich's auch übers Herz gebracht hätte, wie sollt' ich hingehen, da ich kein hochzeitliches Gewand habe? Die Babette hat mich auch noch ein paarmal besuchen wollen – ich habe sie aber nicht eingelassen und ihre Wäsche und Kleider ihr hingeschickt, und sie hat mir einen langen Brief geschrieben, den habe ich ungelesen verbrannt, nein, ich will nicht lügen, gelesen hab' ich ihn doch, aber er hat mich nicht umgestimmt, ich habe kein Kind mehr und überhaupt nichts – nichts mehr auf der Welt!

Erlauben Sie, sagt' ich, Sie haben noch Ihre Kunst.

Was kann eine Kunst mir sein, die nie ins Leben hinausgehen wird? Sehen Sie, dieser Mensch, mein – Schwiegersohn, auch er hat kein Verständniß für mich. Ich habe ihn einmal in einer schwachen Stunde in meinen Opernplan eingeweiht, er hat mir gestanden, daß ihm die Sache hoffnungslos scheine. Haben nicht auch Sie, nachdem Sie mir Anfangs Muth gemacht, sich zurückgezogen?

Ich konnte den desperaten alten Mann nicht so ganz ungetröstet lassen; zumal ein Gedanke in mir aufblitzte, der noch eine glückliche Lösung versprach.

In einigen Tagen, sagt' ich, werde ich mit meiner Arbeit fertig werden, dann kann ich wieder an unsere Oper denken. Und sehen Sie, bei allem Uebel ist immer auch etwas Gutes, Ihr Erlebniß mit der Tochter hat mir soeben einen Gedanken eingegeben, der zu unserem Text auf einmal hinzubringt, was ich bisher vergebens gesucht habe: eine befriedigende Schlußwendung, Zwei Liebende müßten sich der Sphinx präsentiren und auf deren Frage: wozu sie leben, einfach erwidern: nun eben um zu leben und zu lieben. So wäre die Lösung des Lebensräthsels ganz einfach das Leben selbst, ein Dasein, das durch das Aufgehen in einem anderen so glorreich seine Erfüllung, seinen Zweck, seine Beseligung fände, daß es wahrlich der Mühe werth erschiene, gelebt zu haben, um das zu erfahren. Und dann könnte die Sphinx, als ein liebloses, ewig unfruchtbares und neidisches Ungeheuer, sich getrost in den Abgrund stürzen – die Zuhörer fänden doch ihre künstlerische und sittliche Befriedigung und nähmen aus dem Concertsaal – denn fürs Theater wär's doch vielleicht nicht geeignet – einen reinen symbolischen Gewinn mit nach Hause.

Ich dachte Wunder wie fein ich's angestellt hätte, den gebeugten Mann aufzurichten. Er blieb aber wieder stehen, blitzte mich, von der Seite an und murmelte: Sie spotten meines Unglücks! Ich soll meine eigene Schmach in Musik setzen? Ich danke ergebenst. Nein, das edle Liebespaar triumphirt ohnehin, und es wird das Beste sein, es zu machen wie das »lieblose, ewig unfruchtbare und neidische Ungeheuer«, womit Sie doch wohl mich gemeint haben, und sich ins Bodenlose zu retiriren. Uebrigens mögen Sie ja Recht haben, und ich bin Ihnen den schönsten Dank schuldig, werthester Herr Hofrath, aber ich bitte dringend, sich nicht ferner um mich zu bemühen, und wünsche Ihnen wohl zu ruhen!

Er riß sich die Mütze vom Kopf, wickelte sich dann wieder in sein Mäntelchen und rannte so eilig von meiner Seite weg, daß ich es als hoffnungslos erkannte, ihn einzuholen, um ihn von seiner irrigen Meinung zu bekehren.

*

Es war mir auf die Länge aber doch unmöglich, ihn in dem Wahn zu lassen, als hätte ich es nicht ganz freundschaftlich mit ihm gemeint.

Gleich am nächsten Mittag eilte ich in die Hasenstraße. Ich fand oben die Thür seiner Wohnung offen, er selbst aber kam mir nicht entgegen, sondern nur die Hausherrin, die damit beschäftigt war, eine große Kiste mit seinen Büchern und Musikalien vollzupacken, während Dienstmänner aus- und eingingen, die Möbel hinunterzuschaffen.

Herr Arnoldi sei am frühen Morgen zu ihr gekommen und habe ihr gesagt, er müsse unverzüglich verreisen und bitte sie, seinen sämmtlichen Hausrath verauctioniren zu lassen und den Erlös an seine Tochter zu schicken, nur die Bücher und Notenhefte solle sie ihm nachschicken, wenn er erst wisse, wo er sich niederlassen würde. In einem kleinen Nachtsack habe er ein bischen Wäsche mitgenommen, überflüssige Garderobe habe er ja nicht besessen, da er im Winter nur durch wärmere Unterkleider sich zu helfen gepflegt habe. Und so sei er fort, nachdem er Alles auf Heller und Pfennig bezahlt habe, was er ihr schuldig gewesen sei; und es habe sie recht »derbarmt«, wie elend er aus den Augen geschaut habe, zumal da sie ihm so lange Unrecht gethan wegen des Babettl, das ja sein leibliches Kind gewesen sei und nicht seine Geliebte. Auch Die thue ihr leid. Am Ende aber, wenn man zu wählen hat zwischen einem alten traurigen Vater und einem lustigen jungen Ehemann – es sei vielleicht nicht schön, aber die Natur lasse sich nicht spotten, und sie hätten den Papa ja auch zu sich nehmen wollen, auch schon bevor er ihr in einem Billet von drei Zeilen mitgetheilt, daß er sein Testament nicht umstoßen werde und ihr in Gottes Namen Alles vergebe, was sie ihm angethan.

Nun hoffe sie – die Tochter – nur noch, daß der arme Vater, wenn er noch älter und bresthaft geworden wäre, sich an sie erinnern und Nachricht von sich geben würde, daß er auf seinem Todbett seine Kinder und Kindeskinder segnen könnte.

*

Hierzu schien es indeßen nicht kommen zu sollen.

Etliche Jahre später, da ich der Wirthin einmal auf der Straße begegnete, erfuhr ich, von ihrem Miether sei noch immer keine Nachricht gekommen, und die Kiste mit seiner Bibliothek stehe, auf eine Adresse wartend, wohlverwahrt auf dem Speicher.

Ich sollte aber doch noch einmal an den Verschollenen erinnert werden. Ein mir befreundeter Maler, der aus Italien zurückkehrte, erzählte mir unter anderen Reiseerlebnissen, daß er einmal an der Klosterkirche der Passionisten am Monte Cavo vorbeigegangen und durch ein wundervolles Orgelspiel hineingelockt worden sei. Es sei nicht, wie gewöhnlich in italienischen Kirchen, eine Phantasie über weltliche Themata aus dem Trovatore oder der Lucia gewesen, sondern ein herrliches Bach'sches Präludium und dann eine kunstvolle Fuge, so meisterhaft gespielt, daß er sich still in einen Kirchenstuhl gesetzt habe und nicht müde geworden sei, dem seltenen Concert zu lauschen.

Eine kleine Schaar von Bewohnern der nächsten Landhäuser habe ebenfalls andächtig zugehört und einer derselben ihm auf seine Frage berichtet, der Spieler sei einer von der Bruderschaft, ein Deutscher seiner Herkunft nach, und führe den Namen Fra Arnoldo.

Seitdem ist das Kloster säcularisirt worden, die Brüder weggestorben, so daß ich, als ich selbst nach Jahren einmal in jene Gegend kam und das Kirchlein betrat, den öden Raum todtenstill und Niemand mehr antraf, der von Fra Arnoldo Auskunft zu geben wußte.

Ich konnte mich aber der Erwägung nicht enthalten, daß es doch am Ende eine übereilte Maßregel des geeinigten Königreichs Italien gewesen sein möchte, alle diese Asyle aufzuheben, in denen Menschen, die für das Räthsel des Lebens keine bessere Lösung gewußt, eine immerhin freundlichere Zuflucht finden konnten, als den Sprung ins Bodenlose.

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