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Das Räthsel des Lebens und andere Charakterbilder

Paul Heyse: Das Räthsel des Lebens und andere Charakterbilder - Kapitel 7
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleDas Räthsel des Lebens und andere Charakterbilder
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
printrunVierte Auflage
year1897
firstpub1897
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welsh@gmx.net
created20180219
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Ein Mädchenschicksal.

(1896.)

So viele Jahre seitdem vergangen sind, so lebhaft steht der Glanz jenes Sommermorgens mir vor Augen, da ich zum letzten Mal auf einem der großen Rheindampfer stromaufwärts fuhr.

Ich hatte einen Freund und Studiengenossen in Bonn besucht, der nun dort eine Professur bekleidete. Bis Godesberg wollte er mir doch noch das Geleit geben; die zwei Tage, die wir zusammen gewesen waren, hatten nicht ausgereicht, die Fülle unserer studentischen Erinnerungen zu erschöpfen.

Kaum aber hatten wir uns auf dem Verdeck niedergelassen, dessen größter Theil von einem zu einem Frühschoppen ausschwärmenden Corps eingenommen war, als der Freund mich anstieß und mit einer bedeutungsvollen Geberde mir zuraunte: Du hast wahrhaftig Glück, Du bekommst noch zu guter Letzt das schönste Mädchen unsrer Stadt zu sehen, nach dem Mancher wochenlang vergebens herumspäht, da dies junge Fräulein sich rar zu machen liebt. Sieh dorthin, drüben auf dem Feldstuhl neben dem bequemeren Sitz der alten Dame. Es ist ihre Mutter, eine würdige Matrone, die auch zu ihrer Zeit eine lebensgefährliche Schönheit gewesen sein soll. Doch matre pulchra filia pulchrior. Nicht wahr, wir können uns mit dieser unsrer Lorelei sehen lassen?

Lorelei? fragt' ich.

So heißt sie bei der Studentenschaft, und schon seit diversen Semestern. Denn sie ist längst aus den Backfischjahren, so in den ersten Zwanzig. Und daß man sie Lorelei genannt hat, verdankt sie nicht sowohl ihrem Gesange – so viel ich weiß, spielt sie nur Klavier – als ihrem blonden Haar und der verhängnißvollen Macht, die Herzen zu bestricken, ohne sich sonderlich viel daraus zu machen, wenn wieder einmal die Wellen »Schiffer und Kahn verschlingen« oder, unlyrisch ausgedrückt, ein guter Junge sich so toll in sie vergafft, daß er hernach durchs Examen fällt, da er fleißiger zu ihrem Fenster hinaufgeschmachtet hat, als er ins Colleg gegangen ist. Sie lebt dabei ruhig fort mit der alten Mama, die in sehr guten Verhältnissen ist, und hat eine erstaunliche Uebung im Flechten von Körben. Denn, wie du denken kannst, auch reifere Männer werden von der Hexe Lorelei angelockt. Ich kenne selbst ein paar Collegen, die dem Zauber erlegen sind. Und nun ist das Merkwürdige geschehen, daß diese unnahbare Verführerin der Jugend ihr Herz selbst an einen von der grünsten Jugend verloren hat, einen Studenten der Philosophie, der Gott weiß wie eine Empfehlung an die Mutter hatte und Zutritt in dem vielumworbenen Hause erlangte. Der Juvenil soll sogar etwas jünger sein als sie, sehr arm, nicht schön von Gesicht oder Gestalt, hat bisher Niemand durch seine geistige Bedeutung imponirt, und doch – er hat nun einmal das Glück gehabt und die Braut gewonnen. Denn sie sind, wenn auch erst heimlich, ganz regelrecht verlobt, worüber alle Saxo-Borussen, Westfalen und Alemannen wüthend sind. Der glückliche Bräutigam aber gehört keiner Verbindung an und geht seiner stillen Wege, so daß nicht leicht an ihn zu kommen ist und kein eifersüchtiger Hitzkopf ein Müthchen an ihm zu kühlen vermag.

Ich hatte, während der Freund mir dies mittheilte – er nannte mir auch den bürgerlichen Namen des schönen Fabelwesens, der hier Nichts zur Sache thut – Zeit gehabt, das berühmte Fräulein zu betrachten. Auf den ersten Blick, wie sie so mit gesenkten Augen, vornübergebeugt und die Hände still im Schooß zusammengelegt, auf dem niederen Stühlchen saß, wollte mir nichts sonderlich Bezauberndes an ihr auffallen. Eine voll aufgeblühte, aber biegsame Gestalt in einfachem grauem Kleide, das um die nicht überschlanke Taille von einem breiten schwarzen Gürtel umschlossen wurde. Den Hut hatte sie abgenommen und hielt ihn an den Bändern, ihn leise hin und her wiegend. Das »goldene Haar« war ein zartes Blond, in weichen, kunstlosen Massen einfach aufgesteckt und im Nacken durch einen Kamm zusammengehalten. Auch die Formen des vorgeneigten Gesichts schienen mir nicht von besonderem Reiz, und ich war eben im Begriff, eine ketzerische Bemerkung über den Abgott der schwärmenden Jugend zu machen, als sie sich aufrichtete und den Jüngling in der Cereviskappe, der vor ihr gestanden und mit selbstgefälliger Sicherheit in sie hineingesprochen hatte, mit einem ruhigen, großen Blick plötzlich verstummen machte.

Nun sah ich, wie wundersame Augen sie hatte, nicht groß, aber von einem eigenen halbverschleierten Glanz der großen grauen Sterne, dazu die dunklen Wimpern und Brauen, die dem zarten Blondinengesicht etwas Fremdartiges gaben. Jetzt, da sie aufgestanden war, zeigte sich auch das herrliche Ebenmaß ihres hohen Wuchses, und der plumpe junge Herr ihr gegenüber – seinem selbstbewußten Auftreten nach offenbar der Senior des Corps – machte der fürstlichen Erscheinung gegenüber eine ziemlich klägliche Figur, als er das bunte Cereviskäppchen lüftete und sich mit einer linkisch-verlegenen Verbeugung beurlaubte

Er schien etwas gesagt zu haben, was das Fräulein unpassend fand. Ihr Gesicht – auch jetzt sagte ich mir, daß man es nicht regelmäßig schön nennen konnte – hatte einen kühl-ironischen Ausdruck angenommen, der etwas zu volle, aber schön gezeichnete Mund blieb fest geschlossen, und sie trat langsam von dem Verabschiedeten weg an den Bord des Dampfers, wo sie stehen blieb und sich in den Anblick des zurückfliehenden Ufers versenkte.

Nun fiel der Sonnenschein auf ihren Scheitel, den das Leinendach des Verdecks bisher verschattet hatte – und in der That, über das reiche Haar flog ein Schimmer, der es ganz golden erscheinen ließ. Ich konnte die Augen nicht von der märchenhaften Erscheinung abwenden und nickte nur wie halb abwesenden Geistes, als der Freund mich zu necken begann, ich scheine ja nun auch unter dem Zauber zu stehen, und es sei merkwürdig rasch damit zugegangen.

Zu meinem Bedauern war es ebenso rasch damit vorbei. Denn auch die Schöne verließ mit ihrer Mutter in Godesberg das Schiff; ich konnte nur noch sehen, wie der Freund, von dem ich eben Abschied genommen hatte, höflich grüßend an die beiden Damen herantrat und, nach dem Dampfer zurückdeutend, wahrscheinlich der Mutter vertraute, daß ihre Tochter im Fluge eine neue Eroberung gemacht habe. Mütter hören so etwas immer gern, wenn sie auch, wie diese, ein Kind haben, dessen Herz in festen Händen ist und bei solchen flüchtigen Abenteuern ungerührt bleibt.

*

Ich hatte der anmuthigen Erscheinung längst nicht mehr gedacht, außer etwa, wenn das Heine'sche Lied gesungen wurde, wo mir das goldene Haar und die grauen Augensterne darunter plötzlich wieder aufleuchteten, als ich eines Tages einen Brief des Bonner Freundes erhielt, der zunächst von litterarischen Dingen handelte, dann aber zu allerlei Persönlichem überging. Ob ich mich noch der Bonner Lorelei erinnerte, die es mir vor fünf Jahren angethan habe? Das gute und schöne Geschöpf sei im vorigen Winter in tiefe Trauer versenkt worden. Bei ihrem Verlobten habe sich der Keim einer tödtlichen Brustkrankheit überraschend schnell entwickelt, da er sich eben zum Doctorexamen vorbereitet habe. Sofort sei seine Braut mit ihm und der alten Mama an die Riviera gereist, doch zu spät. Der unglückliche junge Mann sei dort in ihren Armen verschieden, in der für so Viele verhängnißvollen Zeit des ersten Frühlings, und um das Maß des Unheils voll zu machen, habe sie vier Wochen früher ihre sehr geliebte Mutter begraben müssen. Daß sie trotzdem ihren jungen Freund Tag und Nacht weitergepflegt und nichts Ungehöriges in dieser nahen Gemeinschaft gefunden habe, werde ihr nur von sehr wenigen prüden alten Jungfern verdacht. Alle edel und unbefangen Denkenden hätten sie bei ihrer Heimkehr mit der innigsten Sympathie empfangen. Sie aber habe sich allen Aeußerungen der Theilnahme entzogen und lebe nun weltabgeschieden nur der Erinnerung an ihre Todten. Man bekomme sie fast niemals zu sehen, dann mache die stille Würde ihrer jugendlichen Gestalt immer einen ergreifenden Eindruck; doch sich ihr zu nähern, könne sich Niemand ein Herz fassen, und so sei es ein Jammer, ein so seltenes Wesen, das den besten Mann überglücklich zu machen geschaffen sei, ihre Jugend einsam vertrauern zu sehen.

Ich merkte, daß nun auch der Freund, der sich lange genug dagegen gewehrt hatte, unrettbar dem Zauber verfallen war. Zu seinem Glück erhielt er bald darauf einen Ruf an eine andere Universität, und von den ferneren Schicksalen der bräutlichen jungen Wittwe war zwischen uns nicht mehr die Rede.

*

Wieder vergingen Jahre, zehn oder zwölf, in denen ich der Bonner Lorelei kaum noch gedachte.

Da erhielt ich durch die Post ein kleines Packet aus einer rheinischen Stadt, von unbekannter Hand überschrieben. Ein sauberes Manuscript lag darin, mit der Aufschrift: »Lyrisches Tagebuch einer einsamen Seele«, dabei ein Brief, der mich bat, diese Blätter zu lesen und der Schreiberin unumwunden zu sagen, ob diese Gedichte verdienten, aus dem Dunkel eines sehr zurückgezogenen Lebens an das Licht der Oeffentlichkeit hinauszutreten.

Unterzeichnet war der Brief mit dem Namen, den mir mein Bonner Freund an jenem Morgen auf dem Rheindampfer genannt hatte, als er meine Blicke auf das gefeierte schöne Mädchen lenkte.

Zusendungen dieser Art, die nicht selten an mich gelangen, pflegen nicht eben willkommen zu sein, nicht wegen der Mühe des Lesens, die sie mir zumuthen, da eine alte Uebung schon nach wenigen Stichproben erkennen läßt, ob sich's der Mühe des Weiterlesens überhaupt verlohnen möchte. Aber die Pflicht, das mir geschenkte Vertrauen nicht zu täuschen und redlich meine Meinung zu sagen, bringt mich nur allzu oft in einen unliebsamen Conflict mit dem Wunsch, ein harmloses Dilettantengemüth nicht völlig einzuschüchtern durch das Bekenntniß, daß jeder andere Zeitvertreib ersprießlicher sein würde, als diese hoffnungslosen Bewerbungen um die Gunst der Muse. Der eine Trost kommt dann freilich dem zartfühlenden Beurtheiler zu statten, daß ein richtiger lyrischer Dilettant kaum jemals durch eine noch so deutliche Warnung sich abschrecken läßt, in seinen Sonntagsritten auf dem Pegasus fortzufahren.

Mit dem Manuscript der rheinischen jungen Poetin – so ganz jung konnte sie freilich nicht mehr sein, da sie bei unserm Begegnen vor sechszehn oder siebzehn Jahren die Zwanzig bereits überschritten haben sollte – mit diesem ihrem »lyrischen Tagebuch« hatte es nun doch eine andere, ganz eigene Bewandtniß.

Es enthielt Bekenntnisse einer leidenschaftlichen Seele, die zwar noch unbefangener sich über alle noch so berechtigten Forderungen an Reim und Rhythmus hinwegsetzten, als mir dies sonst schon begegnet war, dafür aber durch die Eigenart des Ausdrucks, den Reiz einer elementaren Kraft und gelegentlichen Anmuth der Empfindung reichlich entschädigten.

Meist waren es freie Phantasieen über das schwermüthige Thema ungestillter Sehnsucht, geschwundener Illusionen, der Aufschrei eines starken Herzens, das vergebens in der Oede des Lebens nach einem verwandten Herzen verlangt, an dessen Wärme es seinen heißen Pulsschlag vor dem endlichen Erlahmen und Vereisen bewahren könnte. Eine verhaltene Sinnenglut durchströmte diese Monologe, die meist in einsamen Nächten auf ein verschwiegenes weißes Blatt hingeschrieben zu sein schienen und kaum bei hellem, kühlem Tageslicht hie und da eine Aenderung, eine nachträgliche Feile erfahren hatten. Doch fehlte es auch nicht an einem Auflehnen des Stolzes gegen die Uebermacht der Natur, die sich ihrer wonnevollsten Rechte beraubt sah, einer herben jungfräulichen Resignation und feierlichen Gelübden, sich nicht wegzuwerfen an das Gemeine: dann wieder glühende Leidenschaftsergüsse, die einem entfernten Geliebten galten und nicht viel Anderes waren, als unendliche Variationen des berühmten Stoßseufzers der Sappho:

Der Mond ist untergegangen

Und die Plejaden …
Ich aber schlafe allein.

Ich hatte Blatt für Blatt in tiefer Bewegung umgewendet und, als ich das Heft aus der Hand legte, lange über dem freilich alltäglichen Räthsel gebrütet, wie die ewigen Mächte es verantworten könnten, eine so reiche, warme und reine Natur zum Darben am Glück zu verurtheilen, da so viel Geringeren über ihr Bedürfniß, jedenfalls über Verdienst davon zu Theil wird. Jenes herbe Erlebniß an der Riviera lag weit hinter ihr. Die Wunde konnte unmöglich noch fortbluten. Auch deuteten die Confessionen des Tagebuchs auf spätere Erlebnisse. Warum war die Schreiberin noch immer darauf angewiesen, sich selbst mit ihrem einsamen Saitenspiel in Schlaf zu lullen, statt einem goldhaarigen Kinde ein Wiegenlied zu summen und alle unruhigen Wünsche ihres Herzens damit zur Ruhe zu bringen?

*

Ich ließ ein paar Tage vergehen, eh' ich antwortete. Hier sei in der That mehr, schrieb ich, als ein unzulänglicher Drang, sich der landläufigen dichterischen Sprache zu bedienen, um anempfundenen alltäglichen Gefühlen Ausdruck zu geben und wenigstens in den eigenen Augen für einen Dichter zu gelten. Niemand werde diese Blätter lesen, ohne im Innersten von der Wahrheit und Macht des Herzensschicksals, das sie offenbarten, ergriffen zu werden. Doch wie die talentvollsten musikalischen Phantasieen einer technischen Durchbildung bedürften, um sich als Kunstwerke zu legitimiren, so liefen poetische Eingebungen, die einer festen Form entbehrten, Gefahr, in der Menge der zünftigen litterarischen Producte völlig unbeachtet zu bleiben. Ich erlaubte mir sogar anzudeuten, je intimer und rücksichtsloser solche Improvisationen die leidenschaftlichen Geheimnisse einer Frauenseele beleuchteten, um so mehr müßte darauf gesehen werden, daß sie durch die reife künstlerische Gestaltung geadelt und in die reine Sphäre des Schönen erhoben würden.

So viel Mühe mir dieser Brief gemacht hatte, so unzufrieden war ich mit seinem immerhin etwas pedantisch lehrhaften Ton. Wie viel lieber hätte ich der Schreiberin nur meine warme Sympathie mit ihrem kunstlosen Gesange ausgesprochen, meine Erinnerung an ihr reizendes Jugendbild erwähnt, wie mit einer alten Freundin über die Räthsel des Menschendaseins mit ihr phantasirt. Sie verlangte aber einen Rath und ein Urtheil, und ich fand die Form nicht, beides persönlicher und erfreulicher einzukleiden.

Schon nach wenigen Tagen kam ihre Antwort, die mich wenigstens darüber beruhigte, daß sie meine Auseinandersetzungen im rechten Sinne aufgenommen hatte. Sie dankte mir mit einfachen, herzlichen Worten für die Mühe, die ich mir mit einer Unbekannten gegeben. Sie fühle, wie Recht ich hätte, ihr von der Veröffentlichung des Tagebuchs abzurathen. Doch bereue sie es nicht, ihr Inneres hüllenlos wenigstens Einem verstehenden Menschen gezeigt zu haben. Es sei nicht aus Eitelkeit geschehen, nur weil es eine weltabgeschiedene Seele auf die Länge zu ersticken drohe, nie einem fremden Ohr ihr Leid zu klagen. Sie werde vielleicht auch fernerhin sich mit dem Geist der Nacht besprechen, aber die Blätter sofort den Flammen übergeben.

*

Zwei Jahre später wurde ich von meinem Arzt in ein Seebad geschickt, nach Sylt, wo ich einige Wochen so ungesellig und unfroh verlebte, daß ich wohl auch ein »Tagebuch einer einsamen Seele« hätte verfassen können, hätte die Zeit der Lyrik nicht längst hinter mir gelegen.

Eines Vormittags, da ich von meiner Strandwanderung in das Hôtel zurückkehrte – eines der kleineren, stilleren, das ich dem lärmenden Strandhôtel vorgezogen hatte –, fand ich unten im Hausgang vor dem Conversationszimmer einen kleinen Menschenschwarm, der dicht geschaart, aber lautlos die Glasthür umstand und andächtig durch den schmalen Spalt, der offen geblieben war, in das geräumige Gemach hineinhorchte: Portier, Oberkellner, einige Mägde, auch ein paar Badegäste, die ihr Seebad bereits absolvirt hatten.

Als ich näher kam, begriff ich sofort, was diese Ansammlung in dem engen Hausflur verursachte. Im Conversationszimmer wurde Musik gemacht, nichts Ungewöhnliches, doch sonst eher ein Grund, Zuhörer fern zu halten, da die Engländerin, die hier Händel'sche Arien zu singen pflegte, mehr frommes Pathos als Talent und Stimme besaß und die kleine Hamburger Bankierstochter über Czerny's Etüden noch nicht hinausgekommen war.

An diesem Tage aber klang ein Chopin'sches Nocturne und darauf eine seiner leidenschaftlichen Mazurkas so meisterhaft vorgetragen zu uns heraus, daß das alte, so oft schwer mißhandelte Instrument sich seiner jungen Tage zu besinnen schien und Töne von sich gab, die wohl eine bewundernde Zuhörerschaft hier festhalten konnten.

Ich spähte über die Köpfe des kleinen Schwarmes hinweg durch die Glasthür und sah eine stattliche Dame am Klavier sitzen, nur vom Rücken, und hin und wieder die linke Hand, die sehr weiß und schlank war. Ihre Besitzerin konnte nicht mehr ganz jung sein. Ein silberner Schimmer lag über dem vollen, leicht gewellten Haar, das tief im Nacken zu einem kunstlosen Knoten zusammengewunden war. Sie spielte ohne Noten, und nachdem sie die Mazurka beendet hatte, ging sie in ein freies Phantasiren über, bei dem mir unwillkürlich die Verse aus einer verschollenen Dichtung einfielen:

Wie wenn ans Ufer einer Brust sich würfen
Unstäte Wellen eines Meers von Gram.

Der Eindruck, selbst auf die dienstbaren Geister des Hauses, war nicht zu verkennen. Das Zimmermädchen seufzte hörbar, der Portier schnäuzte sich mit einer nachdenklichen Miene. Dagegen schien ein kleines ältliches Frauenzimmer, das drinnen nahe bei der Spielerin mit einer Häkelarbeit saß, gegen den melancholischen Zauber der Töne gefeit zu sein, da sie nur verdrießlich vor sich hinsah und zweimal ihre Uhr hervorzog, offenbar um zu sehen, ob die Stunde des Diners nicht endlich herankommen wolle.

Hinter mir hörte ich den Oberkellner auf die Frage einer Dame flüstern, die Fremde sei gestern Abend gekommen, habe für sich und ihre Gesellschafterin zwei Zimmer mit Balkon bezogen und sich ins Fremdenbuch als Fräulein N. N. aus Bonn eingezeichnet.

Bei diesem Namen durchfuhr mich's wie ein elektrischer Schlag, Meine Bonner Lorelei, die »einsame Seele« – hier sollte ich ihr endlich in Fleisch und Bein begegnen. Und so wußte sie auch in » Tönen« zu sagen, was sie leide.

In diesem Augenblick endete sie das Spiel, stand auf und wandte uns das Gesicht zu. Ja, das war sie. Die zwanzig Jahre hatten die unvergessenen Züge freilich ihres jugendlichen Schmelzes beraubt, aber wenn es erlaubt ist, wie man von self-made-men redet, auch von »selbstgemachten Gesichtern« zu sprechen, so war dies schöne, voll ausgereifte Antlitz eines von ihnen, da die weichen Züge der ersten Blütezeit von innen heraus durch die bildende Arbeit des Geistes und Gemüths sich charaktervoll ausgeprägt hatten, während bei den Durchschnittsmenschen die Jahre nicht viel Anderes bewirken, als ein Welken und Einschrumpfen oder ein ins Breite und Stumpfe Ausarten, ohne daß für die schwindende Anmuth der Form ein geistigerer Ausdruck entschädigte.

Die Gestalt des Fräuleins war indessen auch frauenhafter geworden und, wie gesagt, das »goldene Haar« im Begriff, sich in ein silbernes zu verwandeln. Aber die ganze Erscheinung war noch die eines herrlichen Weibes in der Fülle seiner Kraft, und der Glanz, der aus den ruhigen Augen brach, konnte noch manchem »Schiffer im kleinen Schiffe« verhängnißvoll werden.

Sie sagte ein Wort zu ihrer Begleiterin, die sich schweigend erhob, und wandte sich dann der Thüre zu. Im Nu zerstob das lauschende Häuflein nach allen Seiten des Hausgangs, als fürchte es, auf seinem erschlichenen Genuß ertappt zu werden, und ich selbst trat beiseit, die stolze Gestalt an mir vorbeizulassen.

Ein flüchtiger Blick der großen Augen streifte mich, es war, als überlegte sie eine Secunde lang, ob sie mich anreden sollte, dann aber verneigte sie sich nur leise, meine höfliche Begrüßung erwidernd, und stieg mit der Gesellschafterin die Treppe hinauf.

Bei Tische erwartete man sie vergebens. Das Fräulein wünschte sich auf dem Zimmer serviren zu lassen, sagte der Oberkellner. Ich war es halb und halb zufrieden, daß sie nicht unter den fremden Gesichtern auftauchte. Denn ich wußte nicht, ob es ihr lieb sei, ihrem Beichtvater in Person hier zu begegnen. Geschehen doch auch die Confessionen anderer gutkatholischer Frauenherzen im Dunkel eines Beichtstuhls, ohne daß der Seelsorger das Gesicht Derer, die ihm ihr Inneres ausschütten, zu sehen bekommt.

*

In der Voraussetzung jedoch, daß sie mir auszuweichen wünsche, hatte ich mich getäuscht.

Am kühlen Nachmittag war ich zu der abgelegenen Stelle des Dünenwalls gegangen, wo ich meine Siesta zu halten pflegte. Hierhin verirrte sich selten einer der Badegäste, und ich konnte ungestört langausgestreckt auf dem dürren Grasboden in die Wolken starren, dem Gekreisch der Möwen lauschen und mich von dem eintönigen Brausen der heranwogenden Seeflut in einen helldunklen Traum wiegen lassen.

Ich that das auch an diesem Nachmittage, und nachdem ich eine gute Weile die seltsamen grauen Augen der schönen Wohlbekannten mir hatte vorschweben sehen und in der unendlichen Melodie der Brandung Accorde eines elementaren Nocturne zu hören geglaubt hatte, fielen mir endlich die vom Sonnenglanz überreizten Augen zu, und ich versank in einen Halbschlummer, aus dem ich erst auffuhr, als ich nahe an meinem Ohr einen Schritt vernahm, der gerade auf mich zugekommen war.

Als ich mich umwandte, sah ich sie vor mir stehen, sie selbst in ihrer hohen Leibhaftigkeit.

Ich wollte in einiger Verwirrung einen Scherz stammeln, aber sie kam mir zuvor.

Ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich Ihre Siesta gestört habe, sagte sie mit einer sanften Altstimme, die ich ihr übrigens auf ihr Gesicht hin zugetraut hatte. Ich las im Fremdenbuch des Hôtels Ihren Namen und freute mich, Ihnen hier zu begegnen, wollte Sie aber nicht im Hause anreden, wo man immer vor so viel Ohren spricht, sondern ließ nur fragen, wohin Sie Nachmittags zu gehen pflegen. Nun sind Sie wohl gewohnt, zu ruhen, das Bad pflegt ja anzugreifen, und so will ich mich zurückziehen bis auf eine bessere Gelegenheit.

Ich war natürlich sofort aufgesprungen und beeilte mich zu versichern, daß mir Nichts angenehmer sein könne, als wenn sie mir erlaube, unsere kurze briefliche Bekanntschaft nun etwas ausführlicher von Mund zu Mund fortzusetzen.

Sie nickte freundlich, doch nur mit den Augen ein wenig lächelnd, während ihr Mund seinen geschlossenen ernsten Ausdruck behielt.

Es ist mir ein Bedürfniß, sagte sie, Ihnen zu danken für die Mühe, die Sie sich mit mir gegeben haben. Nein, sagen Sie nicht, ich hätte das bereits gethan. Als ich Ihnen schrieb, war es doch noch unter dem frischen Eindruck der Enttäuschung. Ich hatte doch heimlich gehofft, etwas Werthvolleres zu Stande gebracht zu haben, was als eine künstlerische Leistung gelten könnte. Mein Gott, wenn man so gar nicht weiß, warum man auf der Welt ist, Niemand zur Freude, sich selbst oft zur Last so hinlebt, was gäbe man nicht darum, Etwas schaffen zu können, was einem ein Lebensrecht gäbe, auch in den Augen der Andern. So aber – meine Musik, mein bischen Poesie – Sie hatten ganz Recht, es mit dem Klang einer Aeolsharfe zu vergleichen, es ist die Stimme der Natur, die darin erklingt, Nichts, was »befestiget mit dauernden Gedanken« uns überleben und Zeugniß dafür ablegen kann, daß wir doch etwas mehr waren, als dort eine der Wellen, die am Strande verschäumen. Die werfen wenigstens Muscheln auf den Sand. Aber so eine unfruchtbare Menschenwelle –

Sie wandte das Gesicht ab und sagte nach einer Pause: Ist es Ihnen Recht, wenn wir hier oben über die Dünen eine Strecke weit gehen? Ich will Sie aber nicht lange belästigen, vielleicht waren Sie gerade mit irgend einer Conception beschäftigt –

Wenn ich ehrlich sein soll, sagte ich, nur mit Ihnen und Ihrem Schicksal und dem freundlichen Zufall, der mich hier mit Ihnen zusammengeführt hat. Wissen Sie, daß es nicht das erste Mal ist, daß ich Sie von Angesicht sehe?

Sie heftete ihre Augen erstaunt auf mich, ob ich im Ernst spreche. Nun erzählte ich ihr von jener Rheinfahrt, wo ich sie mit ihrer Mutter auf dem Dampfer angetroffen hatte.

Ja, sagte sie und nickte ernst vor sich hin, seitdem ist beinah ein sogenanntes Menschenalter verflossen. Aber ein Menschen leben, das den Namen verdiente, hat es nicht umfaßt. Was ist ein Leben, ohne daß ein rechter Mensch sich voll auslebt? Und wie ich gelebt habe –

Nun, mein verehrtes Fräulein, warf ich ein, mir wenigstens werden Sie nicht bestreiten können, daß Sie die Zeit redlich benutzt haben, sich wenigstens innerlich voll auszuleben. Sie haben mich ja in Ihr Inneres blicken lassen, und dem Novellisten von Metier werden Sie es nicht verdenken, wenn er zwischen den Zeilen jenes Tagebuchs mehr als Einen Roman herausgelesen hat, freilich nur in schwankenden Umrissen. Und lassen Sie mich auch gestehen: da ich das Bild der Verfasserin vor Augen hatte, konnte ich mich der Verwunderung nicht erwehren, warum es bei so gerechten Ansprüchen auf einen befriedigenden Schluß doch nicht dazu kommen konnte.

Sie meinen, zu dem banalen und doch so erwünschten Schluß, daß sie sich am Ende »kriegen«?

Nun ja, sagte ich, nennen wir es mit diesem trivialen technischen Ausdruck. Daß viele edle und liebenswürdige weibliche Wesen einsam durchs Leben gehen, ist ja leider der Welt Lauf. Aber ein Weib, wie Sie, so in jeder Hinsicht – verzeihen Sie, es widerstrebt mir, Ihnen Etwas zu sagen, was nach einem faden Compliment aussehen möchte.

Sie blieb stehen und blickte von mir weg über die weite Meeresfläche. Der Wind spielte mit den Löckchen über ihrer Stirn, und die langen, dunklen Augenwimpern zitterten leise. Sie sah unglaublich reizend aus, da ihre kräftigen Wangen sich rötheten.

Warum sollten Sie nicht sagen dürfen, versetzte sie, was eine offenkundige Thatsache ist? »Ein Weib wie ich« – nicht dumm, nicht schlecht, nicht arm, nicht ganz talentlos und, wie ich zum Ueberdruß habe hören müssen, vor Zeiten auch nicht häßlich – und doch hat sie keinen Mann gefunden? Aber vielleicht ist sie zu eigensinnig wählerisch gewesen, und jetzt, als femme de quarante ans, muß sie nun die Folgen tragen? Mißverstehen Sie mich nicht: ich bin nicht übermäßig anspruchsvoll, habe mir kein Mannesideal geträumt und vornehm gewartet, bis »der Rechte« käme, so ein Ausbund aller männlichen Gaben und Tugenden, der nur in Gartenlaubenromanen existirt. Das Bedürfniß, zu lieben und geliebt zu werden, war auch in mir stark genug, um durch die unvermeidlichen Menschlichkeiten, die dem besten Geliebten anhaften, mich nicht abschrecken zu lassen. Nur freilich, mit dem ersten Besten vorlieb zu nehmen, hatte mir der Erste, der Eindruck auf mich machte, verleidet. Er war auch nur ein sterblicher Mensch, kein Halbgott, aber welch ein seltenes Herz und ein wie hoher und freier Geist und ich zwanzig Jahre und mit Leib und Seele in ihn verliebt!

Sie schwieg eine Weile. Ich glaubte ihr das Bekenntniß schuldig zu sein, daß ich von diesem ihrem ersten Herzensschicksal so viel wisse, wie alle Welt.

Da wissen Sie nicht viel, sagte sie rasch. Sehen Sie, wir werden ja von früh an belehrt, daß die Männer in der Liebe nur eine Episode sehen, eine oder mehrere, da sie einen anderen Beruf haben, der nur in den Flitterwochen gegen diese Nebensache zurücktritt. Das ist schlimm für unser Geschlecht, da wir ganz und immer von unsrer Hingabe ausgefüllt werden und über die spätere Abkehr des Mannes uns nur durch den Vollbesitz der Kinder trösten – bis auch der uns untreu wird, wenn wir sie in die Welt hinaus entlassen müssen. Andere Männer, die nur für die Frau leben, giebt es wohl auch. Aber so schmeichelhaft ihre fortdauernde Huldigung scheinen mag, – ein rechtes Weib, das keine selbstsüchtige kokette Närrin ist, nimmt doch lieber mit dem Liebespflichttheil eines Mannes vorlieb, der einen Beruf, einen Wirkungskreis hat. Sie braucht darum nicht zum bloßen Schatten einer andern Person zu werden. Und nun sehen Sie, wie eigen sich das in meiner ersten Liebe traf: mein Bräutigam hatte den Kopf voll wissenschaftlicher Probleme, aber sie trennten ihn nicht von mir, er versuchte mich in seine Gedankenwelt einzuführen, und der Versuch gelang. Ich durfte sein Leben theilen, wie es Wenigen vergönnt ist, und welch ein herrliches, ideales Leben bewegte diese feurige junge Seele! Nur zu feurig; denn die Glut verzehrte sein zartes Nervengewebe, und so verlor ich ihn lange vor der Zeit und ehe sich mir in der Verbindung mit ihm das große Geheimniß des Glücks enthüllt hatte.

Vielleicht war es besser so. Wer weiß, ob er Alles gehalten hätte, was mein Herz sich von ihm versprach. Aber wie er nun war, er blieb mir lange der Maßstab für allen Menschenwerth, dem freilich die Wenigsten genügen konnten. Doch man wird schon dazu gebracht, seine Ansprüche zu ermäßigen. Als ich nach den ersten Jahren des Grams wieder an das Leben zu glauben und etwas von ihm zu erwarten begann – ich war fünfundzwanzig Jahre alt, und wie sagt Emilia Galotti? »Auch meine Sinne sind Sinne so gut wie andere« – nun, ich fühlte den Druck meiner Einsamkeit und zog mich nicht mehr so hartnäckig von menschlicher Gesellschaft zurück. Ich verlangte sehr danach, Jemand glücklich zu machen, traute mir auch die dazu nöthigen Eigenschaften zu, nur wünschte ich nicht bloß zu geben, sondern auch etwas dafür zu empfangen, und da hatte ich nun eben kein Glück. Den vielen Männern, die sich um mich bewarben, merkte ich nur gar zu bald an, daß es ihnen nur darauf ankam, sich in den Besitz der mancherlei begehrenswerthen Dinge zu setzen, die sie an mir wahrnahmen, um sie, solange sie daran Gefallen fänden, behaglich zu genießen, daß aber nicht Einer danach fragte, ob auch ich dabei zu meinem Schaden käme, ich meine: das erhielte, was meine arme Seele nun einmal bedurfte, um sich nicht zu sehr übervortheilt zu fühlen.

Darin haben es unscheinbare, weniger bevorzugte Mädchen vor einem sogenannten Schooßkinde der Natur voraus: wenn sie begehrt werden, so dürfen sie überzeugt sein, daß wirklich ihr Selbst, ihre innerste Natur es ist, die den Bewerber anzieht, während die Andern, die wie ein Licht die Motten heranlocken, wenn sie gescheidt sind, sich sagen müssen, daß die armen Narren sich vom Schein blenden lassen. Das Gleichniß hinkt, wie ich an Ihrem Lächeln erkenne. Aber Sie wissen ohnehin, was ich meine.

Nein, mein Fräulein, versetzte ich, ich lächle nicht über das Gleichniß. Nur darüber, daß Sie die bevorzugten Erscheinungen dazu verurtheilt glauben, keine echten und wahren Empfindungen zu erwecken. Ihre lyrischen Confessionen haben mir ja auch verrathen, daß Sie selbst eine solche Leidenschaft entflammt haben, und nur warum es dennoch nicht zu Ihrem Glücke führen konnte, ist mir ein Räthsel geblieben.

*

Wir waren während dieses Gesprächs langsam auf der Höhe der Dünen fortgewandelt, so weit von den bewohnten Stätten entfernt, daß nur ganz im Nebelduft die höchsten Schornsteine Westerlands im Norden noch auftauchten. Der Meerwind hatte sich gelegt, die Brandung rauschte schwächer aus der Tiefe zu uns herauf, nur selten flog noch eine versprengte Möwe um die Klippen, da der große Schwarm sich in der Nähe des Badeplatzes zu halten pflegt.

Meine Begleiterin stand plötzlich still.

Wenn es Ihnen recht ist, lassen wir uns hier ein wenig nieder, sagte sie. Ich bin das Gehen auf dem rauhen Dünenboden noch nicht gewohnt, und auch mein erstes Bad heut am Morgen hat mich erschöpft. Sehen Sie, hier ist es schön, hier könnte eine Männerfeindin, wofür ich, mit Unrecht allerdings, zu gelten pflege, sich's wohlsein lassen, angesichts des unermeßlichen, unfruchtbaren Meeres. Es ist freilich ein Mann an meiner Seite, aber Beichtväter zählen ja nicht, selbst für Klosterfrauen, und ich fühle mich gedrungen, die Confession meines Tagebuchs, die Ihnen räthselhaft geblieben, zu vervollständigen. Hoffentlich absolviren Sie mich hernach.

Sie glitt in das spärliche graue Strandgras nieder, und ich setzte mich neben sie. Doch dauerte es eine Weile, bis sie wieder das Wort nahm. Sie blickte unverwandt über die Meeresweite, und ich sah, daß von der Spannung des Schauens ihr endlich leise die Augen übergingen. Aus ihren Zügen war das jugendliche Roth geschwunden. Das Gesicht hatte eine maskenhafte Blässe erhalten, aber der innere Adel, der aus jedem Zuge sprach, machte sie nur anziehender.

Ja, sagte sie endlich, einmal habe auch ich davon geträumt, es so gut haben zu können, wie Andere, einen Mann nach meinem Herzen zu besitzen und vielleicht liebe Kinder und endlich, wenn das Leben ausgelebt wäre, es nicht für eine verpfuschte Skizze von der Hand eines launenhaften Schöpfers halten zu müssen, der etwas Schönes und Absonderliches damit im Sinne gehabt, dann aber sie in einen Winkel geworfen hätte.

Ich war auch erst achtunddreißig Jahre alt, mein Haar noch nicht angegraut, und es war Sommer, ein schönes, fruchtgesegnetes Jahr, das einen köstlichen Wein bescheren sollte. Die allgemeine Freudigkeit, die deßhalb durch die Rheinlande ging, hatte auch mich angesteckt, obwohl ich keine Weinzunge habe, und ich war gern der Einladung einer Verwandten gefolgt, ein paar Herbstwochen in ihrer liebenswürdigen Familie zuzubringen.

Sie hatten eine schöne Besitzung am Rhein, wo mir alles Liebe und Freundliche erwiesen wurde. Auch meine Gewohnheit, wenigstens ein paar Stunden des Tages ganz für mich zu bleiben, wurde respectirt. So zog ich mich, wenn die Tagesglut sich etwas verkühlte, gewöhnlich in ein Wäldchen zurück, das hinter den Weinbergen aufstieg, nahm zum Schein ein Buch oder eine Arbeit mit und blieb bis zu dem abendlichen Bade im Rhein unsichtbar.

Sie müssen nicht denken, daß ich die schöne Ruhezeit damit verdarb, Verse zu machen. Dazu kam ich erst später, als ich mir nicht anders zu helfen wußte, um mein ungestümes Herz in Schlaf zu singen.

Nun also, eines Nachmittags saß ich wieder auf meiner Bank unter dem großen Nußbaum, ein Buch im Schooß, die Augen auf den Fluß tief unten geheftet, in allerlei Träume versunken. Da hör' ich plötzlich dicht neben mir ein wüthendes Hundegebell, und gleich darauf stürzen zwei riesige Doggen auf mich zu, so daß ich erschrocken auffuhr und mich umsah, wohin ich mich flüchten könnte. Indem ich aber ein paar ungeschickte Schritte mache, gleite ich auf dem abschüssigen Boden aus und fühle sofort, da ich niedersank, daß mit einem meiner Füße, der gegen einen Stein gestoßen, etwas nicht richtig war. Denn wie ich mich hastig aufrichten wollte, versagte er den Dienst.

Ich dachte in meiner hülflosen Lage nicht anders, als nun würden die wilden Ungeheuer über mich herfallen und mich zerfleischen. Doch hörte ich eine starke Männerstimme aus dem Wäldchen heraus ihnen zurufen: Cora! Nelly! zurück! – und wie durch einen Zauber gebändigt, standen die Thiere drei Schritte vor mir still, bewegten knurrend die Schwänze und verschlangen mich nur mit den großen, rothunterlaufenen Augen.

Gleich darauf trat ihr Herr um die Krümme des Waldwegs hervor, ein Mann in einem dunklen ländlichen Anzug, mit einem breitkrämpigen Strohhut, den er höflich lüftete. Ich bedaure unendlich, sagte er, daß die Hunde Sie erschreckt haben, gnädiges Fräulein, und wie ich sehe, haben Sie sich noch nicht wieder erholt. Erlauben Sie mir –

Er trat heran, mir beim Aufstehen behülflich zu sein. Ich sagte ihm, daß ich befürchtete, mir den Fuß übertreten zu haben. Ich könne in der That nicht stehen, noch weniger den Weg hinunter wagen, und würde ihm sehr dankbar sein, wenn er mir von unten Hülfe schicken wolle.

Er betrachtete den verletzten Fuß und kniete nieder, den Schaden näher zu untersuchen, indem er den Knöchel fest zwischen seine großen, braunen Hände nahm,

Sie haben leider Recht, sagte er. Sie können den Fuß nicht brauchen. Aber wenn Sie ein paar Minuten hier ausharren wollen, – ich werde gleich wieder bei Ihnen sein und dafür sorgen, daß Sie bequem hinuntergebracht werden.

Er schlug einen Seitenweg ein, der wieder in Rebengärten auslief, die Hunde mit gesenkten Köpfen hinter seinen Fersen, alle Drei waren verschwunden. Mir aber, wie ich so in meiner Unbehülflichkeit allein zurückblieb, war trotz des Unfalls doch nicht unglücklich zu Muth, vielmehr hatte die dumme Geschichte einen heimlichen Reiz für mich.

Denn auf diese allerdings etwas unbequeme Art war ich dazu gekommen, eine Bekanntschaft zu machen, zu der sonst nicht die geringste Aussicht gewesen wäre, und die doch meine weibliche Neugier schon lange beschäftigt hatte.

Fünf Minuten nämlich vom Hause meiner Gastfreunde entfernt lag auf einer freien Erhöhung des Ufers ein großer, etwas verwilderter Garten. Wenn man unten auf dem Fluß vorbeifuhr, konnte man die Villa unter dichten Nußbäumen vorschimmern sehen, ein altmodisches, schlichtes Haus ohne andern Schmuck als die herrlichsten Rosen, die an der sonnigen Wand hinaufkletterten. Ueber den Besitzer dieses Hauses gingen sonderbare Gerüchte um, manche, die sich widersprachen, alle aber darin übereinstimmend, daß er ein Menschenhasser und besonders ein unerbittlicher Weiberfeind sei. Denn in den sieben, acht Jahren, daß er hier haus'te, war nie ein weiblicher Fuß über die Schwelle des großen eisernen Gitters gekommen.

Seine Küche besorgte ihm ein mürrischer alter Diener, für den Garten hatte er ein paar Knechte gemiethet, die aber nach Feierabend wieder weggingen. Freunde oder nur Bekannte besaß er nicht, war dagegen ein großer Thierfreund. Denn außer den beiden Ulmer Doggen, deren Bekanntschaft ich leider hatte machen müssen, wimmelte es von andrem Gethier, Katzen, Eichhörnchen, einem zahmen Reh, einem Affenpaar und zumal einer Menge Vögel. Oft, wenn wir vorübergingen an dem verwunschenen Hause, standen wir still vor dem Gitterthor und horchten hinein. Es gluckte, krähte, schnalzte und gurrte unfern vom Eingang, da das riesige Vogelhaus sich bis in die Nähe des Thores erstreckte, wir sahen ein paar schöne Pfauen frei herumspazieren und hörten das zornige Kollern der Truthähne, die sich auf dem Kriegsfuß mit ihnen zu befinden schienen.

Den Herrn selbst hatten wir nie zu Gesicht bekommen.

Meine Verwandten aber waren im Lauf der Zeit genau über ihn informirt worden. Sie wußten, daß er der Sohn eines reichen Fabrikanten sei, aber auf den Wunsch des Vaters, der sich in ihm einen rechtskundigen Vertreter des Geschäfts erziehen wollte, Jura studirt habe, wohl gegen seine Neigung. Der französische Krieg hatte diese Studien unterbrochen, als er eben sein Examen überstanden. Er war als Lieutnant wieder in sein Regiment eingetreten, hatte sich das eiserne Kreuz geholt und so viel Geschmack am militärischen Beruf gefunden, daß er hernach dabei blieb und es bis zum Hauptmann brachte. Dann starb der Vater, der Sohn mußte die Fabrik übernehmen. Aber auch aus diesem Beruf wurde er wieder herausgerissen, da seine Arbeiter, so human er sie behandelte, sich einem großen Strike anschlossen. Man erzählte, ein tückischer Geselle, den er hatte entlassen müssen, habe Feuer an sein Wohnhaus gelegt, eine Schwester, die er sehr geliebt, sei in den Flammen umgekommen.

Aber noch etwas Anderes hatte ihm das Bleiben in seiner Heimath – er stammte aus Thüringen – verleidet. Er hatte geheirathet, die Frau war ihm untreu geworden, so daß es zur Scheidung kam. Da verkaufte er die Fabrik und zog weit fort, siedelte sich hier am Rhein an und führte seitdem das Eremitenleben, das Alle von außen kannten. Wie es im Innern beschaffen sein mochte, wußte kein Mensch zu sagen. Denn der alte Diener, der den Verkehr mit der Außenwelt vermittelte, ließ sich mit Niemand in ein Gespräch ein und knurrte unberufene Frager so grimmig an, wie ein bissiger Haushund.

Sie begreifen, daß man sich mit dem seltsamen Charakterkopf vielfach beschäftigte, zumal er, wie man bei flüchtigen Begegnungen bemerkte, noch ein ganz ansehnlicher Mann war, der nicht danach aussah, als müsse er mit dem Leben abgeschlossen haben.

Ich selbst hatte ihn nie zu Gesicht bekommen und nur seine Thierliebe machte ihn mir interessant; auch daß man so viel von der hülfreichen Hand erzählte, die er für alle Nothleidenden stets offen hatte, immer ganz im Stillen durch den Diener und mit dem strengen Verbot, ihn ja nicht mit Dank zu belästigen. Doch über das Interesse an einer Romanfigur, die einem schwarz auf weiß geschildert wird, ging das meinige an dem Sonderling nicht hinaus. Ich ließ mich ruhig von dem Manne meiner alten Freundin necken: das wäre so eine passende Partie für mich, der Weiberhasser müsse die Männerfeindin heimführen und Beide einander gründlich bekehren.

Und daran knüpfte der schalkhafte alte Herr die abenteuerlichsten Projecte, wie man den Hauptmann – so wurde er schlechtweg genannt – ins Haus locken oder in seines sich einschleichen könne.

Nun war auf die einfachste Weise durch einen Zufall das Eis gebrochen und die Bekanntschaft angeknüpft.

*

Hierüber empfand ich, wie gesagt, eine heimliche Genugthuung, die mich meine Schmerzen geringachten ließ. Ich hatte den Unnahbaren von Angesicht gesehen, und er war mir ritterlich begegnet. Er gefiel mir in seiner ernsten, ruhigen Haltung, sein Gesicht, sehr gebräunt, bartlos bis auf einen militärischen Schnurrbart, war etwas derb geschnitten, aber ein Paar schöne, ganz eigenthümlich helle Augen, die aus dem dunklen Antlitz hervorblitzten, machten dasselbe anziehend. Er war hochgewachsen, von sehr starken Gliedern, aber wohlproportionirt. Jedes Frauenauge mußte Gefallen an ihm finden.

Wie er jetzt zurückkam, das Gesicht von Eile und Eifer geröthet, übrigens mit demselben fast steinernen Ausdruck, erschien er mir wie ein alter Bekannter, und ich rief ihm ein paar freundliche Worte entgegen, einen Dank für seine Bemühung. Er antwortete aber Nichts. Er hatte irgendwo in einer Weinbergshütte einen Burschen aufgetrieben und trug mit diesem einen alten Holzstuhl, der über einer festen Stange schwebte. Ohne viel Umstände hob er mich auf diesen schwankenden Sitz und wies den Burschen an, das eine Ende der Stange zu regieren, während er das andere mit den beiden Fäusten umspannte.

Nun aber muß ich Sie bitten, mein Fräulein, sagte er, daß Sie die Arme um unsre Nacken schlingen. Sie würden sonst auf diesem improvisirten Tragstuhl nicht fest sitzen und uns den sicheren Schritt erschweren. Wohin wünschen Sie gebracht zu werden?

Ich gestehe Ihnen, daß mich ein ganz wunderliches Gefühl überkam, als ich meinen Arm um den Hals des fremden Mannes legte, so leicht, wie irgend möglich war, ohne den Halt zu verlieren. Mein Aermel hatte sich aufgestreift, sein Ohr und Nackenhaar drückte sich gegen meinen bloßen Arm, es überlief mich ein leiser Schauer, der mich erröthen machte. Doch war die Situation nicht dazu angethan, mich zu zieren, ich schloß nur die Augen und überließ mich dem stillen Wohlgefühl, so schwebend den Hang hinabgetragen zu werden, über mir die helle, sonnige Luft und ringsum der Segen der Rebengärten. Manchmal öffnete ich halb die Augen, und mein Blick streifte flüchtig den dunklen Männerkopf, den ich umfaßt hielt. Das Profil war in der That schön zu nennen, nur die Stirn düster gefurcht, in dem schwarzen Haar schon ein paar Silberfäden. Von dem andern Träger zur Linken hatte ich keine andere Empfindung, als wenn er eine Maschine gewesen wäre, die mir zur Stütze dienen sollte.

So hatten wir den Weg von zehn Minuten rasch zurückgelegt. Kein Wort war gesprochen worden. Als wir bei dem Gartenthor ankamen, gab der Hauptmann dem Burschen einen Wink, den Sessel niederzulassen, und zog dann rasch die Glocke neben dem kleineren Eingangsthürchen. Auf meine Frage, was er vorhabe, sagte er: Sie sehen so blaß aus, mein Fräulein, Ihre Freunde würden erschrecken, wenn Sie ihnen in diesem Zustande ins Haus gebracht würden. Sie müssen durchaus erst wieder Farbe auf den Wangen haben.

Ohne auf meine Einrede zu achten, gab er dem herbeigeeilten Diener einen Befehl, und nach fünf Minuten kam der Alte zurück, eine Flasche tragend und einen grünen Römer auf einem geschliffenen Krystallteller. Es half nichts, ich mußte gehorchen und ein volles Glas leeren. Dann ging unser Zug weiter, zu großer Verwunderung aller Begegnenden, die beiden Doggen hinter uns, immer mit der kleinlauten Miene, als wären sie sich bewußt, daß sie das ganze Unheil verschuldet hatten.

*

Sie können denken, welch ein Aufsehen diese meine Heimkehr bei den Freunden machte. Mein ritterlicher Beschützer hatte sich ohne viel Worte verabschiedet, nachdem er mich sicher abgeliefert hatte, sein Gehülfe war königlich belohnt worden, was er erst nicht annehmen wollte, weil ihm schon der Herr Hauptmann ein großes Trinkgeld gegeben habe, ich lag auf meinem Ruhebett in einem schattigen Zimmer und duldete mit ziemlicher Standhaftigkeit die Einrenkung des verletzten Fußes durch den Arzt und, als Alles in schönster Ordnung war, die schalkhaften Stachelreden des alten Hausherrn, der darauf schwor, nun werde seine Prophezeiung doch noch in Erfüllung gehen.

In mir selbst aber sah es wunderlich aus.

So viele Männer hatten sich mir genähert, daß ich mit der Zeit eine große Uebung darin erlangt hatte, rasch zu beurtheilen, weß Geistes Kind ein Jeder war, und was ich von seinem Charakter zu halten hatte. Doch war dazu nöthig, daß sie sich um mich bewarben. Denn bei keiner andern Gelegenheit – Sie werden mir das zugeben – verräth selbst der Verschlossenste, Rückhaltigste sein Naturell so wehrlos, als wenn er wahrhaft liebt oder auch nur, was man so nennt, verliebt ist. Alles Edle und Gemeine kommt da wider Willen zu Tage, während wir Frauen, wenn wir merken, unser Herz sei betheiligt, dann erst recht uns zu verstecken wissen. Wir werden ja dazu erzogen, unsre innersten Gefühle ja nicht zu verrathen, da wir uns suchen lassen müssen und der Schein der Unnahbarkeit die Männer zu reizen pflegt.

Nun, dieser Mann hatte mich nicht gesucht, nicht das geringste Zeichen gegeben, welchen Eindruck ich auf ihn gemacht hatte, mich am Wege aufgelesen und mir einen Samariterdienst geleistet, wie er der ersten besten Bettlerin auch gethan hätte. Kaum die nöthigsten Worte hatte er an mich gerichtet, sein Gesicht hatte ich nur verstohlen betrachten können, und doch wußte ich ganz entschieden – oder glaubte wenigstens zu wissen – was für ein Mann er war, und daß ich einen besseren nie angetroffen hatte.

Während meiner Quarantäne – ich mußte vier Wochen den Fuß unbeweglich halten – hatte ich Zeit genug, mich in dieser Ueberzeugung, die so ganz auf einem ahnungsvollen Gefühl beruhte, zu bestärken. Gerade daß er nicht mit einem Wort oder Blick mir gehuldigt hatte, unterschied ihn vortheilhaft von allen Andern. Auch blieb er bei dieser Zurückhaltung, wie es ja bei seiner bekannten Weiberfeindschaft zu erwarten war. Am Tage nach dem Unfall schickte er den alten Murrkopf von Diener zu mir, er sollte mir das Buch bringen, das mir oben bei der Bank vom Schooß geglitten war, als die Hunde mich aufschreckten. Und sich erkundigen sollte er, was der Doctor gesagt habe. Ich gab ihm auf meiner Chaiselongue ruhend selbst die Antwort, trug ihm auf, seinem Herrn vorläufig meinen Dank zu bestellen, als ich aber nach dem Portemonnaie griff, machte der Alte Kehrt, wie wenn sich's um einen Verkauf seiner ehrlichen Seele gehandelt hätte.

Nach acht Tagen kam er noch einmal wieder. Da ich ihm sagen konnte, daß die Heilung normal verlief, ließ er sich nicht weiter blicken.

Doch daß es nun damit aus sein sollte zwischen mir und dem einsamen Manne, dem ich einmal den Arm um den Hals geschlungen hatte, konnte ich nicht ertragen. Ich gestand mir je länger je leidenschaftlicher, daß ich ihn nie vergessen und, wenn ich ihn nicht wiedersähe, eine unstillbare Sehnsucht davontragen würde.

Ich hatte nie an den Blitzstrahl glauben wollen, der nach der Sage zwei Herzen, die für einander geschaffen sind, beim ersten Anblick zusammenschmelzen soll. Ja, wenn sie beide jung genug sind und noch nichts von Liebe wissen, als daß es eine sehr liebliche Sache darum sei! wenn sie beide vor Allem darauf brennen, das auch einmal zu erfahren! Aber ich, die ich eine so ernste und tiefe Neigung schon einmal gefühlt und begraben hatte! – Und gehörten denn nicht zu einem solchen Blitzwunder Zwei? Ich aber wußte zu gut, daß die Flamme nur in mir fortbrannte.

Ich entschloß mich endlich, den Versuch zu machen, ob sich nicht trotz der scheinbaren Hoffnungslosigkeit ein Faden anspinnen ließe, der aus diesem Labyrinth von Hoffen und Verzagen hinausführte.

Sobald ich wieder einen weiteren Gang wagen durfte, als durch den Garten am Hause, machte ich mich eines Morgens heimlich auf und schlug den Weg nach der Villa des Hauptmanns ein.

Mit welchem Herzklopfen zog ich die Glocke am Gitterthor! Und wie erst mußte ich mich zusammennehmen, als ich durch das Schreien und Krähen aus der Volière hindurch das wilde Gebell der beiden Doggen hörte und gleich darauf einen Männerschritt auf dem Kies des Gartenpfades!

Es war aber nicht der Herr, sondern bloß der Diener, der langsam herankam und fragte, was ich wünsche.

Seinem Herrn meinen Besuch zu machen. Er möge ihm meine Karte bringen und fragen, ob er zu sprechen sei.

Der Herr Hauptmann sei nie zu sprechen für Frauenzimmer. Es sei ganz überflüssig, daß er erst anfrage.

Vielleicht mache er doch einmal eine Ausnahme. Ich hätte ihm nur danken wollen und würde ihn nicht lange stören.

Meine Bitte durch ein Trinkgeld zu unterstützen, hatte ich nicht den Muth, nach jener ersten Erfahrung. Auch war's nicht nöthig. Der graubärtige Haushund schielte mich von der Seite an, knurrte etwas zahmer und gab den Doggen, die immer wie rasend an dem Gitter hinaufsprangen, einen Schlag mit einem Stecken, sie zu beruhigen. Dann nickte er vor sich hin und sagte: Wenn das Fräulein hier warten will – aber es wird nichts helfen.

Es half wirklich nichts. Nach fünf Minuten kam er zurück: der Herr Hauptmann lasse sich entschuldigen, er könne keinen Besuch annehmen, wisse auch nicht, wofür man sich bedanken wolle.

Ich mußte mich drein ergeben und mit gesenktem Kopf abziehn. Als ich mich nach dem Gitter noch einmal umwandte, sah ich den Alten noch dahinter stehen und mir nachschauen. Er schien zu ahnen, wie es in mir stand, jedenfalls ein menschliches Rühren für mich zu fühlen.

*

Es war aber schon zu weit mit mir gekommen, als daß ich mich dabei hätte beruhigen können.

Am Abend desselben Tages setzte ich mich hin, um ihm zu schreiben. Ich bat ihn, zu entschuldigen, daß ich seine Hausordnung hätte stören wollen. Ich wisse, daß er durch Besuche nicht belästigt zu werden wünsche. Aber es sei mir ein zu tiefes Bedürfniß, ihm für seinen ritterlichen Beistand zu danken. Wenn er nicht so ungroßmüthig sei, zu wünschen, daß ich die Last einer Verpflichtung für alle Zeiten tragen möchte, solle er mir eine kurze Begegnung gönnen. Ich würde mich morgen in aller Frühe – ich nannte die Stunde – bei der Bank unter dem Nußbaum einfinden und überließe es ihm, ob er es über sich gewinnen könne, mich dort anzutreffen.

Ich verschone Sie mit der Schilderung des Zustandes, in dem ich die vierundzwanzig Stunden hinbrachte. Meine Gastfreunde waren ernstlich besorgt, der Ausgang habe mir geschadet, ich hätte ein Fieber mit heimgebracht. Wohin ich gegangen war, hatte ich natürlich verschwiegen.

Ich hatte gar keine Hoffnung, daß er kommen würde. Stellen Sie sich nun vor, wie mir zu Muthe war, als ich ihn nun dennoch schon von fern im Hinaufsteigen oben auf der Bank sitzen sah, diesmal ohne die Hunde. Ich meinte, ich könne den Rest des Weges nicht zurücklegen, obwohl der geheilte Fuß wieder seine Schuldigkeit that.

Sobald er mich erblickte, stand er auf, schien einen Augenblick zu zaudern, ob er mir entgegenkommen sollte, und war dann in ein paar großen Sätzen bei mir.

Nehmen Sie meinen Arm, sagte er ruhig, aber gebieterisch. So steile Wege sollten Sie noch nicht wieder aufsuchen. Wenn es durchaus sein mußte, hätten Sie mir ja auch einen andern Ort bezeichnen können.

Dann, als wir oben waren – ich konnte noch nicht zu einem ruhigeren Athemzug gelangen – sagte er mit gerunzelter Stirn: Sie hätten sich das ersparen sollen. Was ich Ihnen leisten konnte, war nicht der Rede werth und Ihr schriftlicher Dank mehr als genug. Ich weiß freilich, daß das auch nur ein Vorwand war. Aber setzen Sie sich nur erst. Sie dürfen noch nicht stehen.

Er nöthigte mich, auf der Bank Platz zu nehmen, blieb aber selbst vor mir stehen, ohne mich anzusehen.

Ein Vorwand? fragt' ich; was meinen Sie damit?

Leugnen Sie es nicht, sagte er, doch ohne Schärfe im Ton, Sie haben gehört, wie man über mich spricht. Ich gelte hier in der Gegend für einen Sonderling, man nennt mich den Menschenfeind, und Sie fühlten ein Verlangen, das Wunderthier sich noch einmal genauer in der Nähe zu besehen. Ist es nicht so, mein Fräulein?

Nein, wahrhaftig, so ist es nicht, sagt' ich. Aber ich sehe, daß die Leute Recht haben, die Sie des Menschenhasses zeihen. Denn Sie argwöhnen in der unschuldigsten Regung etwas Niedriges, und wär' es nur eine verzeihliche Neugier. Was mich dazu trieb, Sie noch einmal zu sehen, war ein herzliches Gefühl. Aber ich verzichte darauf, Sie davon zu überzeugen.

Die Ruhe, mit der ich das sagte, schien nun doch Eindruck auf ihn zu machen.

Mag es denn sein, versetzte er. Sie mögen eine Ausnahme machen. Hätte ich nicht so etwas geahnt, so wäre ich auch nicht hergekommen auf Ihre Bitte. Aber so wenig wir miteinander zu theilen hatten, ich gestehe Ihnen, daß ich Werth darauf lege, gerade von Ihnen nicht falsch beurtheilt zu werden.

Ich habe nicht bloß an mir selbst erfahren, sagt' ich, daß Sie sich mit eigener Unbequemlichkeit der leidenden Menschheit annehmen, sondern ich weiß auch, wie Vielen in der Stille –

Oh! machte er und wehrte lebhaft mit der Hand ab, reden Sie doch von so etwas nicht. Auch der kälteste Egoismus könnte ja dabei bestehen, daß man sich damit kitzelt, den Wohlthäter zu spielen. Nein, die Menschen haben eine richtige Witterung dafür, wie man sie schätzt. Sie verzeihen einem die größte Härte und Grausamkeit eher, als daß man sie entbehren kann, weil das ihre Eitelkeit, das Hauptlaster der Menschheit, am Empfindlichsten verletzt. Und um nicht zugeben zu müssen, daß sie wirklich verdienen, ohne Kummer entbehrlich gefunden zu werden, schieben sie einem lieber eine krankhafte Feindseligkeit unter. Menschenhaß! Wenn ich Wölfen und Schlangen lieber ausweiche, als mich unter ihnen niederzulassen, hass' ich sie darum? Sie sind so, wie die Natur sie haben wollte. Was sie damit für Zwecke verfolgte, ist mir unergründlich. Ich lasse diese mir fremden Geschöpfe daher ihrer Wege gehen und ziehe eine Mauer um das Haus, in welche sie nicht eindringen können.

Ich konnte mich eines Lächelns nicht enthalten.

Sonach hätte ich die Wahl, sagt' ich, ob ich mich für eine Wölfin oder für eine Schlange halten soll, für ein reißendes Thier oder für ein giftiges.

Er bohrte seinen Stock in den felsigen Grund, auf dem er stand.

Ich dächte, ich hätte Ihnen bewiesen, daß ich Sie von dieser großen Heerde ausnehme. Wäre ich sonst hier? Aber es wird Zeit sein, unser Gespräch zu enden. Der Tag verspricht heiß zu werden, und der Heimweg in der Sonne möchte Sie erschöpfen.

Er sagte das so resignirt, so traurig, ich fühlte das tiefste Mitleid mich überwallen. Also rührte ich mich nicht von meinem Sitz.

Aus dem, was Sie mir sagen, muß ich schließen, daß Sie sehr trübe Erfahrungen mit den Menschen gemacht haben, wagte ich zu bemerken. Aber da Sie mich schon ausnahmen, die Sie doch nicht wirklich kennen gelernt haben, räumen Sie doch auch ohne Zweifel ein, daß es noch viele Ausnahmen giebt. Und von denen sich so völlig abzuschließen – ist das nicht ein schwerer Verlust, wenn nicht gar ein Unrecht? Sie machen es allen Denen, die guten Willens sind, unmöglich, Ihnen etwas Liebes zu erweisen. Sie wollen nur geben, nie empfangen. Ich zum Beispiel, wie glücklich wäre ich, irgend Etwas thun zu können, was Ihnen ein bischen lieb wäre, da ich eine warme Hochachtung für Sie empfinde, trotz ihres bösen Rufs. Aber dazu lassen Sie es ja nicht kommen.

Er schwieg eine Weile. Irgend ein Etwas schien in ihm zu arbeiten; das er nicht gleich über die Lippen brachte. Endlich athmete er tief auf und sagte dumpf: Ist das wahr, was Sie mir da sagen? Sie möchten etwas thun, was zu meinem Besten wäre?

Ich sah ihn ruhig an. Zweifeln Sie an meinem aufrichtigen guten Willen?

Nun wohl, sagte er, wenn Sie es gut mit mir meinen, so reisen Sie je eher je lieber ab und kommen nie wieder hierher zurück!

*

Ich war so bestürzt von diesen heftig hervorgestoßenen Worten, daß mir nicht einen Augenblick der Gedanke kam, sie möchten einen Sinn haben, der nichts weniger als feindselig wäre. In meiner Verwirrung, während ich mich von der Bank aufrichtete, konnte ich's nur zu der unbeholfenen Erwiderung bringen:

Es scheint nun doch, als ob es Ihnen nicht Ernst damit sei, mich von Ihrer allgemeinen Ansicht über mein Geschlecht auszunehmen. Aber damit Sie sehen, daß es mir ernst damit war, Ihnen etwas Angenehmes zu erweisen – leben Sie wohl! Ich werde morgen abreisen, und Sie sollen mich nie wiedersehen.

Damit verneigte ich mich förmlich gegen ihn und wollte an ihm vorbei den Weg zu Thal einschlagen. Er faßte aber noch meinen Arm und hielt mein Handgelenk mit seiner starken Faust umspannt.

Bleiben Sie noch! sagte er gebieterisch. Ich muß erst das Mißverständniß aus dem Wege räumen, als hätten Sie es mit einem groben, ungezogenen Menschen zu thun, dem es auf eine Unhöflichkeit nicht ankomme, um sich eine unbequeme Bekanntschaft vom Halse zu schaffen. Wär's weiter nichts, so braucht' ich mich ja nur in meine Burg zurückzuziehen und wäre darin hinlänglich verschanzt, um keinen Ueberfall besorgen zu müssen. Nein, mein Fräulein, ich wünsche Ihre Entfernung, weil ich hoffe, daß ich dann Manns genug sein werde, mich gegen Ihre Macht zu wehren. Ich muß es Ihnen geradezu gestehen: seit ich Sie hier zuerst getroffen, ist mir Ihr Bild auf Schritt und Tritt nachgegangen, ich habe meinen gesunden Schlaf verloren, da ich mich mit unsinnigen Gedanken herumzuschlagen hatte – manchmal war die Geisternähe Ihrer Erscheinung so unheimlich, daß ich an meinem Halse den Druck Ihres Arms wieder ganz leibhaftig zu fühlen glaubte. Und wenn ich Ihnen noch sage, daß ich seit vier Wochen aus keinem andern Glase getrunken habe, als aus dem Römer, den Sie an Ihre Lippen gesetzt, werden Sie mir zugeben, daß es die höchste Zeit ist, der Tollheit ein Ende zu machen.

Das Alles hatte er hastig und eintönig so vor sich hin gesprochen, ohne mich anzusehen, wofür ich ihm dankbar war. Denn so sehr ich geübt war, zu Liebeserklärungen die geziemende Miene zu machen, – eine so sonderbare hatte ich noch nie empfangen, keine, über deren Beantwortung ich so in Zweifel gewesen war.

Sehen Sie, mein Fräulein, fuhr er dann fort, als ich noch immer keine Worte fand, wenn ich zehn Jahr jünger wäre, schiene mir die Sache gar nicht so verzweifelt. Erstens, weil es immer in jüngeren Jahren eine herrliche Empfindung ist, so eine besinnungslose Leidenschaft in sich zu tragen, die den ganzen Menschen über sich hinaushebt, gleichviel, ob sie zu einem glücklichen Ziele führt oder zu einer grimmigen Enttäuschung. Und dann, ich bin Soldat gewesen, ich würde die Flinte nicht gleich ins Korn werfen, wenn es auch äußerst unwahrscheinlich wäre, daß ich Gegenliebe fände. Heute aber, mit meinen Achtundvierzig, nach Allem, was ich erlebt habe – nein, mein Fräulein, ich bin kein Geck, Ich weiß ganz genau, in welchem Werthverhältniß ich zu Ihnen stehe. Nein, davon ist gar nicht zu reden!

Er wandte sich ab und stieß immer heftiger mit dem Stock gegen den Boden. Ich fühlte, daß ich nun endlich auch zu Worte kommen müsse.

Ich bin sehr erstaunt, sagt' ich, daß Sie mir das Alles sagen, da ich Ihnen doch völlig unbekannt bin, bis auf mein Aeußeres, das bei achtunddreißig Jahren doch auch nicht dafür verantwortlich sein kann, solches Unheil angerichtet zu haben. Ich bedaure das sehr, aber ich hoffe allerdings, es ist nur eine flüchtige Laune der Phantasie, und in wenigen Tagen, wenn ich aus Ihrem Gesichtskreis entschwunden bin –

Nein, unterbrach er mich und richtete jetzt die Augen zum ersten Mal fest auf mich, so wie ich Sie da vor mir sehe, werden Sie mir ewig ins Gedächtniß eingegraben bleiben. Sagen Sie nicht, daß ich Sie nicht kenne. Ich habe meinen Blick leider durch Irren und Fehlsehen geschärft, ich weiß, daß Sie eine sehr hohe und reine Natur sind. Es ist nicht Ihre Schönheit allein, die mich berückt hat, obwohl die auch mit im Spiel ist, sondern daß Sie nichts von den allgemeinen Weiberschwächen an sich haben. Ich weiß auch allerlei aus Ihrem Leben. Mein alter Veit – dem haben Sie's auch angethan, er ist sonst ein ganz andrer Weiberverachter als sein Herr, über Sie aber hat er die Mädchen in Ihrem Hause ausgeforscht, na und da kam er zu mir ganz voll von Ihnen, und ich that, als ginge mich das nichts an, aber ich sog ein jedes Wort so begierig ein, wie ein Durstiger einen herzstärkenden Trunk. Und doch wieder, nein, nun erst recht mußte ich einsehn, daß es Wahnsinn sei, mich diesen Träumen hinzugeben.

Kommen Sie, fuhr er fort, setzen Sie sich dort noch einen Augenblick. Ich muß Ihnen sagen, was mich zu dem festen Entschluß gebracht hat, das sogenannte Ewigweibliche, von dem so viel Rühmens gemacht wird, mir fern zu halten. Vom Haß ist dabei keine Rede, so wenig wie dem armen stärkeren Geschlecht gegenüber. Selbst was mir persönlich von Weibern Unholdes geschehen – ich habe nach der ersten schmerzlichen Empfindung die Sache nicht anders betrachtet, als wenn mein Hund, den ich gefüttert und nie geschlagen habe, mir in einer plötzlichen Aufregung einen Biß versetzte. Ich hatte eine Schwester, die ich vergötterte und für das Ideal eines hochsinnigen Weibes hielt. Wir lebten zusammen in der innigsten Kameradschaft. Dann warf sie sich doch weg an einen Menschen, der nicht werth war, den Staub zu küssen, den ihr Fuß betrat. Was wollen Sie? Blut ist nicht Wasser. Das große Geheimniß, das alle Weibersinne beschäftigt, reizte sie eines Tages bis zur Verzweiflung. Sie hat schwer gebüßt, ich denke ihrer mit brüderlichster Sehnsucht. Und als ich dann die Thorheit beging, die Tochter eines adeligen Gutsnachbarn zur Frau zu nehmen, ein schüchternes Fräulein von achtzehn Jahren, das mich wie einen Erlöser anbetete, da die Eltern eine strenge Hauszucht führten, – nun, ich bildete mir nicht ein, eine schwärmerische Liebe erwecken zu können. Aber am Ende, sie hatte es gut bei mir, freilich nur so, wie ich es verstand. Denn sie verstand's doch anders, und nach ihrem Naturell mochte sie Recht haben.

Es fand sich da ein junger Vetter meiner Frau bei uns ein, der hatte alle die blaublütigen Eigenschaften, die mir fehlten, und da er im Alter besser zu ihr paßte, so kam es, wie es oft gekommen. Ich überwand das leichter, als mancher Andre. Nachdem ich vollends die Beiden zusammengethan und, wie es schien, damit die Natur in ihre Rechte wieder eingesetzt hatte, war mir in meiner Wittwerstille sogar wohler als vorher. Nun aber begannen die Belästigungen, denen ein einzelner Mann, der für wohlhabend gilt, von Seiten der jungen und alten Jungfern mit und ohne Mütter ausgesetzt ist. Sie haben keinen Begriff, mein Fräulein, was ich an plumpen und feinen Kriegslisten zu meiner Eroberung auszustehen hatte, und wenn ich darüber nicht wirklich zum Weiberhasser wurde, muß es das Andenken an meine edle, vortreffliche Mutter gewesen sein, was meinen Zorn und Ekel in Mitleiden verwandelte. Aber der Erfolg war nun doch, daß ich mir gelobte, so einsam zu bleiben, wie Sie mich sehen, und mich nie mehr von einem Trugbild des Glücks in Gestalt eines Weibes verlocken zu lassen.

Dies alles Ihnen mitzutheilen, war eigentlich überflüssig, schloß er seine lange Rede und stand auf. Da ja nicht die entfernteste Aussicht dazu ist, ein Mädchen wie Sie, von so festem, klarem Sinn, einem grilligen Sonderling irgend geneigt zu machen, so hätte ich Sie mit meiner Vivisection verschonen können. Verzeihen Sie, es war stärker als ich, und gar zu unlieb kann es einem Weibe ja niemals sein, zu hören, daß sie einen Mann sich zu eigen gemacht hat.

Er machte Miene, sich zu verabschieden. Ich fühlte, wenn ich jetzt nicht spräche, wie mir's ums Herz war, würde ich es ewig bereuen. So nahm ich all meinen Muth zusammen und sagte: Ich bin Ihnen Vertrauen für Vertrauen schuldig, Bekenntniß gegen Bekenntniß. Mir ist es ähnlich gegangen wie Ihnen, ich habe mich seit jenem Unfall beständig mit Ihnen beschäftigt und das Bedürfniß, mich Ihnen zu nähern, ist endlich so stark geworden, daß ich um jeden Preis Sie noch einmal sehen mußte. Und nun sollen wir uns trennen, ohne zu wissen, ob dieser gegenseitige Eindruck nicht vielleicht ein dauernder sein möchte, ob nicht vielleicht ein gütiges Schicksal das Alles so gefügt habe, um Ihnen doch noch eine bessere Meinung von meinem Geschlecht beizubringen, ob nicht doch am Ende –

Ich stockte bei diesen Worten, ich fühlte, wie mir alles Blut ins Gesicht schoß, und mein Herz klopfte so stark, daß ich es bis in die Kehle hinauf spürte. Dazu sah er mich unverwandt an, und ich konnte den Blick nicht aushalten. Er aber sagte:

Bereuen Sie es nicht, theures Fräulein, mir dies Geständniß gemacht zu haben. Es entlastet mich sozusagen von dem Vorwurf, den ich mir vielleicht machen würde, mein Herz nicht besser verwahrt zu haben. In der Sache freilich kann es nichts ändern. Ich will nicht untersuchen, was das ist, was Sie für mich empfinden. Zum größten Theil wird es ein hochherziges Mitleiden sein mit einem Menschen, dessen Freudlosigkeit Sie dauert, dem Sie gern den Glauben an die Menschheit wiedergeben möchten. Aber wenn es auch wirklich etwas Anderes wäre, so etwas von dem elementaren Zuge einer Natur zu der andern, es ist zu spät, um noch eine frohe Lebenshoffnung darauf zu gründen. Ein dauerhaftes Glück zweier Menschen miteinander muß wie eine Art Wunder zu Stande kommen, in den Jahren, wo man sich noch selbst über nichts, was köstlich ist, zu verwundern pflegt, weil man ein Recht auf alle Lebensschätze zu haben glaubt und das Beste gerade gut genug für einen findet. Wir aber, wir sind zu klug, zu geprüft, zu hellsichtig geworden, und in unsre Verbindung mischte sich neben dem Unergründlichen so viel Nüchternes, daß Einem oder dem Andern doch eines Tages der Gedanke kommen müßte, ob es nicht eine große Thorheit war, der ersten Regung nachzugeben. Um so schlimmer, wenn dieser Gedanke nur Einem kommt, wenn Sie dieser Eine sein würden, was schwerlich ausbleiben könnte. Denn ich habe zu sehr die Gewißheit, daß ich nicht liebenswürdig bin. Zu lange habe ich Zeit gehabt, in Junggesellengewohnheiten einzurosten. Wie würde Ihnen zu Muth werden, wenn Sie meine Weltabgeschiedenheit theilen, mit der Gesellschaft des alten Veit und meiner Hunde und Vögel vorliebnehmen sollten? Und dann – einen neuen Schnitt durchs Leben – nein, ich bin zu alt, um das noch überwinden zu können, und Sie sind mir zu werth, Sie einem solchen Unheil auszusetzen, oder gar dem noch ärgeren, daß Sie Ihre Enttäuschung verhehlend mit unbefriedigter Seele neben mir fortleben sollten.

Er hatte das in tiefster Bewegung gesprochen, seine Stimme zitterte, mein ganzes Herz flog ihm entgegen, ich hatte es auf der Zunge, auszurufen: Aber das sind ja alles armselige kleine Schreckgespenster, du bist ja viel, viel liebenswürdiger als du ahnst, und ich der Liebe eines Einzelnen viel, viel bedürftiger, als daß ich nicht, wenn dies große Glück mir noch beschert werden sollte, Alles, was die Menschenwelt sonst zu bieten hätte, mit Freuden darum hingäbe.

Aber ehe ich mich noch besinnen und ihm mein Innerstes offenbaren konnte, hatte er meine Hand ergriffen, einen langen, heißen Kuß darauf gedrückt und »Dank! ewigen Dank!« stammelnd, den steilen Weg eingeschlagen, der durch das Wäldchen zu den felsigen Höhen hinaufführte.

*

Wir saßen, als sie ihre Erzählung geendigt hatte, eine geraume Zeit schweigend nebeneinander. Die Dämmerung war hereingebrochen, und mit der Flut, die unten höher und höher über die Klippen schäumte, kam ein scharfer Abendwind über die weite See heran, der die Spitzen des Dünengrases beugte und feine Körner des dürren Sandes über unsre Füße fegte.

Ich sah, wie sie leicht zusammenschauerte, und gleich darauf richtete sie sich auf.

Lassen Sie uns heimgehen, sagte sie. Es ist Nichts weiter hinzuzufügen. Was noch folgte, haben Sie in dem Tagebuch gelesen. Aber glauben Sie nicht, daß die drei, vier Jahre, die seitdem vergangen sind, nur mit solchen unfruchtbaren Kritzeleien und etwas Klavierspiel ausgefüllt worden seien. Ich habe mich redlich bemüht, für die sogenannten Nebenmenschen zu leben, da ich für mich selbst nichts Erlebenswerthes zu erwarten hatte. Volksküchen, Mädchenrettungsvereine, Arbeitsschulen – mein Tag war wirklich ausgefüllt mit sehr nützlichen Pflichten, so daß ich nicht auf den Gedanken kommen konnte, mir in Katzen oder Schooßhunden oder Papageien würdige Lebensgefährten zu erziehen. Aber ehrlich gestanden – mit dem besten Willen ist es mir nicht gelungen, einen Stein für Brod zu halten. Und vielleicht ist es ein großes Unrecht, ein egoistischer Anspruch, etwas für sich haben zu wollen. Ich werde Ihnen klein und schwach erscheinen, da so Viele in meiner Lage ein heiteres Gesicht machen, ja wohl gar von Herzen zufrieden sind. Wohl ihnen! Und doch kann ich sie nicht beneiden. Jedem muß es erlaubt sein, nach seiner Façon unselig zu werden. – –

Wir kehrten langsam, ohne noch viel zu sprechen nach Westerland zurück. Sie ging sogleich auf ihr Zimmer und kam den Abend nicht wieder zum Vorschein. Auch in den wenigen Tagen, die ich noch auf der Insel zubrachte, sahen wir uns nur selten, grüßten uns wie alte Freunde und gingen nach ein paar gleichgültigen Worten über das Wetter und unser Befinden wieder unsre eigenen Wege.

Auch als ich am letzten Morgen von ihr Abschied nahm, unterließ ich es, auf jene Bekenntnisse zurückzukommen. Mit leeren Trostsprüchen sie zu beleidigen, konnte mir nicht einfallen. Nur als ich ihre Hand zum letzten Mal drückte, bat ich sie, wenn ihr Lebensgeschick eine günstige Wendung nehmen sollte, es mir mitzuteilen.

Sie sah mir mit einem träumerischen Blick, wie in ganz andre Gedanken verloren, ins Gesicht. Gewiß, ich verspreche es Ihnen! sagte sie.

Ich dachte nicht, da sie so geistesabwesend vor mir stand, daß sie gewußt hätte, was sie mir versprochen.

*

Um so überraschter war ich, als ich etliche Jahre nach dieser Begegnung am Meeresstrande einen Brief erhielt, dessen Aufschrift mich die wohlbekannten feinen und festen Züge erkennen ließ.

»Ich kann heute mein Versprechen erfüllen, mein verehrter Freund«, schrieb sie. »Die günstige Wendung, von der ich Ihnen berichten sollte, ist eingetreten. Es wird wohl nicht viele Wochen mehr dauern, so lischt das Licht aus, das nur dazu diente, mir zu zeigen, wie grau der Tag um mich her war. Was mein Lebensöl aufzehrt, ist ein Fieber, das keinen wissenschaftlichen Namen hat. Mein alter Doctor freilich nennt es eine Folge hochgradiger Hysterie. Aber was weiß so ein Mann von einer Weiberseele!

Glauben Sie nicht, daß ich mich ohne Kampf in diesen Bankrott aller Kräfte ergeben hätte. Ich habe nicht zu Grunde gehen wollen. Doch zuletzt mußte ich die Waffen strecken. Seit Monaten schon konnt' ich nur immer weniger Nahrung zu mir nehmen, und jetzt bin ich auf eine Tagesration herabgekommen, bei der ein Kanarienvogel nicht bestehen würde.

Ich habe mir auch bei einem Seelenarzt Raths erholen wollen. Wie lange hatte ich als schlechte Katholikin keinem Beichtvater meine arme Seele enthüllt, außer Ihnen! – Nun, er sprach sein eingelerntes Sprüchlein von einer Entschädigung im Jenseits für alle Entbehrungen, die wir im irdischen Jammerthal ertragen müssen. Aber, mit Heine zu reden, ist das eine Antwort? Auch wenn mir im Jenseits die allerköstlichste Mahlzeit aufgetischt würde, himmlischer Nektar und Ambrosia, kann das den Hunger vergüten, den ich an Seele und Sinnen fünfundvierzig Jahre lang gelitten habe?

So ist's denn bald vorbei, was meinetwegen nie hätte anfangen sollen. Aber die Natur ist eine Verschwenderin, Was liegt ihr daran, ob alle Blütenträume reifen?

Leben Sie wohl und haben Sie Dank für Ihre Nachsicht und Geduld.

Ihre L.«

Dem Brief war ein einzelnes Blatt beigelegt, auf dem die folgenden Verse standen, die nach der flüchtigen Handschrift und dem Ton und Stil dieser trübsinnigen Confession als das Schlußwort in dem »lyrischen Tagebuch einer einsamen Seele« erschienen:

Nun werd' ich bald in deinen Schooß mich flüchten,
Uralte, ewige, mitleidsvolle Nacht!
Gern auf die Sonne will ich ja verzichten,
Die wenig Freuden mir gebracht.

Lang war der Tag und schwül. Ich habe
Den Dornenweg vollendet unverdrossen,
Netzte mir auch die Lippen keine Labe,
Hab' ich auch keine süße Frucht genossen.

Nun aber ist's genug. Nun will
Dies sehnsuchtsmüde Herz bei dir sich betten,
Mutter! Oh nur den einen Wunsch erfüll':
Vor holden Träumen meinen Schlaf zu retten!

Denn träumte mir im letzten Schlummer je
Von einem Glück, wie ich es nie erlebte,
Von einem Herzen, das in Wohl und Weh
An meinem heiß und selig bebte,

Ich stünde nicht dafür, daß ich den Stein
Auf meinem Grab nicht doch noch einmal sprengte,
In die verhaßte Oberwelt hinein
Um Mitternacht, ein arm Gespenst, mich drängte,

Und an die Brust mich schmiegend mild und süß,
Die lebend zu umarmen mir verboten,
Das Herzblut tränke Deß, der mich verstieß,
Und ihn hinunterrisse zu den Todten!

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