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Das Räthsel des Lebens und andere Charakterbilder

Paul Heyse: Das Räthsel des Lebens und andere Charakterbilder - Kapitel 5
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleDas Räthsel des Lebens und andere Charakterbilder
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
printrunVierte Auflage
year1897
firstpub1897
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welsh@gmx.net
created20180219
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Ehrliche Leute.

Ein Reiseerlebniß.

(1894.)

Es war im Spätherbst.

Wir hatten am schönsten Tage die Fahrt längs der Küste des Golfs von Neapel gemacht, im leichten Wägelchen, entzückt von allem Glanz des Himmels und der Erde, der uns überflutete. Als wir gegen Abend in Sorrent anlangten, fanden wir leider das Albergo Vittoria, das man uns gerühmt hatte, überfüllt, von Italienern und Engländern, die sich noch der Seebäder erfreuen wollten, trotz des späten Octobers. Der Brief, der uns Quartier sichern sollte, war nicht angekommen.

In etlichen Tagen würden einige Zimmer frei werden, versicherte der freundliche Wirth. Wenn er uns behülflich sein könne, einstweilen ein anderes Unterkommen zu finden –

Wir entsannen uns, daß wir unterwegs mit einem hochzeitsreisenden Paar zusammengetroffen waren, das in Sorrent längere Zeit sich aufgehalten hatte und uns die Croce di Malta nicht genug zu loben wußte. Es sei dort nicht so unruhig wie in der Vittoria, sehr gute Küche, das Haus werde von einer Engländerin gehalten, die einen Italiener geheirathet habe. Dazu prezzi discreti.

Empfehlungen von jungen Ehepaaren sind freilich nicht gerade die zuverlässigsten. Im Honigmond ist man geneigt, Alles in rosigem Licht zu sehen, zumal in einem Hôtel, wo das junge Glück vor neugierigen Blicken geborgen ist und sich ungestört von der kaltsinnigen Welt zurückziehen kann. Meiner Frau aber hatte die »englische Wirthin« sofort eingeleuchtet. Engländerinnen, meinte sie, haben strengere Begriffe in Betreff der Reinlichkeit und besseren Thee, als Italienerinnen. Dennoch hatten wir uns für die vielgerühmte Vittoria entschieden und uns über andere Hôtels nicht weiter unterrichtet.

Ich fragte den Wirth, ob es weit sei nach der Croce di Malta.

Nur vier Schritte. Es ist das nächste Haus neben dem unseren. Ja freilich, da werden die Herrschaften Platz genug finden, und da es nur für ein paar Tage sein soll –

Ist das Haus sonst zu empfehlen?

Eh! je nachdem! – der Mann machte eine zweideutige Geberde, indem er uns von Kopf bis Fuß musterte, welche Ansprüche wir wohl zu machen gewohnt seien. Die Herrschaften werden ja selbst sehen – eine schöne Lage – Terrasse überm Meer – im Uebrigen – Er zuckte die Achseln.

Das klang nicht gerade ermuthigend. Immerhin – wir konnten ja selbst sehen.

Also ließen wir unser Gefährt langsam den Weg nach der Croce di Malta einschlagen und schlenderten hinterdrein.

Der Wagen lenkte in eine enge Gasse ein, rechts und links von hohen Mauern eingefaßt, über welche dunkle Zweige von Orangen- und Limonenbäumen herübersahen, und hielt nach einer Weile vor dem verschlossenen Holzgitter eines breiten Gartenthores. Die beiden Pfeiler zu den Seiten trugen kleine drollige Löwen, die zerbrochene Wappenschilder in den Tatzen hielten. Durch die vielfach schadhaften Stäbe blickten wir in einen langen Gang, der durch eine Pflanzung von Oliven-, Feigen- und Orangenbäumen bis an ein einstöckiges Haus hinlief, darüber der silberne Abendhimmel. Ein junger Bursch – er konnte nicht über sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein – in Hemdsärmeln und barhaupt, wandelte durch die lichten grauen Schatten, Etwas im Arm haltend, das er sacht hin und her schwenkte, wobei er mit einer hellen, scharfen Stimme das Lied sang, das damals den ganzen Golf entlang von Alt und Jung gesungen, geschrieen und gepfiffen wurde, mit dem sehnsüchtigen Refrain:

Te voglio bene assaie,
Ma tu non pienz' a me!

Die heranrollenden Räder hatten den Sänger stutzen gemacht. Er wandte den Kopf, brach mitten in der Strophe ab und kam eilends uns entgegengelaufen. Nachdem er das Packet, das er geschwenkt hatte und in welchem wir jetzt ein zartes Kindchen erkannten, ins staubige Gras zwischen die Oelbäume gelegt hatte, schob er einen rostigen Eisenriegel zurück.

Croce di Malta?

Si, Signor.

Ob Zimmer frei seien? – O, so viel die Herrschaften begehren. Er wolle sogleich die Padrona rufen.

Damit lief er den Gang hinunter, das Kindchen unbesorgt unserem und des Himmels Schutz überlassend. Meine Frau nahm es auf. Es war ein rundes, braunes Mägdlein von etwa anderthalb Jahren, das uns sehr verständig aus seinen beerschwarzen Augen ansah. Es hatte das gelbe Tuch, in das es gewickelt war, abgestreift und reckte die nackten Beinchen sehr vergnügt in die laue Abendluft.

Da aber kam schon die Mama, vor dem jungen Burschen herschreitend, mit langen Schritten, so daß ihr die beiden tief herabhängenden blonden Seitenlocken über die Schultern zurückwehten. Ein echt englisches Gesicht, schmale, gerade Nase, lange Oberlippe, dürftiger Mund, dazu eine eckige Magerkeit der dahersegelnden Gestalt, die durch den bauschigen Schlaf- oder Hausrock nicht versteckt wurde.

Ihr Gesicht aber, das einen verhärmten, gespannten Ausdruck hatte, verklärte sich, als meine Frau sie englisch anredete und ihr unseren Wunsch vortrug, einige Tage hier zu wohnen.

Es seien gerade die beiden schönsten Zimmer frei geworden, wir würden gewiß so zufrieden sein, wie die anderen Gäste, zwei vornehme Damen, Polinnen – und was die Küche betreffe, die sei vorzüglich, ein Chef aus Neapel – schnalle die Koffer ab, Luigi, lesto, lesto! Will you be so kind as to follow me?

Wir hatten es zwar nicht so gemeint, vielmehr erst das Haus besichtigen wollen. Luigi aber war bereits eifrig dabei, mit Hülfe des Kutschers unser Gepäck abzuladen, und die Stille des Gartens und die Aussicht, schlimmsten Falls morgen ein anderes Quartier zu suchen, ließen uns jeden Vorbehalt unterdrücken. Indessen fing das Kleine im Gras an zu lamentiren. Never mind! sagte die Wirthin. Luigi sieht nach ihm. Damit ging sie voran, und wir hatten doch ein wenig das Gefühl wie zwei Fliegen, die von einer herzlosen Spinne in ihr Netz gezogen werden.

Der Mond war indessen aufgegangen. Als wir das Haus erreichten und durch einen mit Wein überrankten Pfeilergang auf die Terrasse traten, die mit röthlichen Ziegeln gepflastert vor der ganzen Länge des Hauses hingelagert war, überwältigte uns der Anblick der herrlichen Meeresfläche tief unter uns, in die der breite silberne Strahl des himmlischen Gestirns sich schimmernd und spielend eintauchte. Fern gegenüber die von tausend Lichtern blinkende Stadt, zur Rechten die dunkelviolette Masse des Vesuv, dessen Gipfel ein feines blaues Wölkchen in den durchsichtigen Aether hinaufsandte.

Wir waren Beide, an die Balustrade gelehnt, verstummt und vergaßen einen Augenblick, was uns hergeführt hatte. Stillschweigend hatten wir sofort den Beschluß gefaßt, wenn das Haus nicht gerade eine Räuberhöhle wäre, von dieser entzückenden Stätte uns nicht zu trennen.

Es sah aber drinnen, so weit das Zwielicht urtheilen ließ, in der That nicht so übel aus, selbst für ein Ehepaar, dem die Hochzeitsreise schon ziemlich weit dahinten lag. Durch ein großes, etwas kahles Zimmer, das sich auf die Terrasse öffnete, führte uns die Wirthin in das zweite, das zum Schlafzimmer diente. Betten und sonstige Ausstattung ließen Manches zu wünschen übrig. Die Padrona erklärte aber, seit die letzten Gäste, ein junges Ehepaar, hier gewohnt, habe sie noch nicht recht wieder aufräumen können. Während wir speis'ten – das Pranzo werde in einer Viertelstunde servirt werden – solle alles Fehlende herbeigeschafft werden.

Inzwischen erschien auch Luigi, mit einer Hand unser Handköfferchen nachschleifend, da er auf dem anderen Arm die jetzt wieder beruhigte bimba trug, während der Kutscher das übrige Gepäck hereinschleppte. In zehn Minuten waren wir installirt und fanden es nicht nöthig, erst eine Kerze anzuzünden, da die zauberhafte Mondnacht uns wieder hinauslockte.

Wir hatten aber noch nicht lange unter den hohen Oleanderbüschen an der Brustwehr der Terrasse gestanden, von lautlos schwirrenden Fledermäusen umflogen und leise vom Meerwind angeweht, der in den Blättern säuselte und unsere Stirnen kühlte, als sieben langsame Schläge vom Sorrentiner Kirchthurm herübertönten. Gleich darauf kam Luigi, uns zu Tische zu rufen.

Er hatte Toilette gemacht, sein dickes schwarzes Haar aus der Stirn gekämmt (wenn auch wohl nur mit seinen zehn Fingern), ein etwas fadenscheiniges, doch noch recht präsentables braunes Sammetjäckchen angezogen. Sein hübsches, mattgelbliches Gesicht mit den Feueraugen und rothen Lippen, seine lustige, zutrauliche Miene gefielen uns sehr. Welche Aemter und Würden er hier im Hause bekleide, fragten wir ihn.

Er sei Alles in Allem, gab er lachend zur Antwort und citirte Figaro's Sono il factotum della città. Als Cameriere sei er eingetreten, müsse aber auch den Garten in Stand halten, Michelina waschen und einwiegen, der Padrona, Signora Rosa, das Corset einschnüren, die Hühner rupfen, den Salat waschen und dazwischenspringen, wenn der Herr – er sei sonst ein sehr guter Herr – mit seiner Gattin handgemein werde. Dafür bekomme er zehn Lire monatlich und das Essen, natürlich auch die buona mano von den Herrschaften, und sonst – er schnalzte mit der Zunge; Figaro's »und Accidenzen giebt es in Fülle!« schien ihm darauf zu schweben.

Der Speisesaal lag ebenfalls nach der Terrasse. Als wir eintraten, sahen wir an dem ovalen Tisch in der Mitte zwei Damen sitzen, die unsern Gruß mit kühlem Kopfnicken erwiderten. Beide waren von ungewissem Alter, die Eine, eine sehr verblichene Blondine, mußte zu ihrer Zeit außerordentlich schön gewesen sein. Ein Gesicht, das am treffendsten mit dem oft mißbrauchten Ausdruck »Madonnenantlitz« zu bezeichnen war, eingerahmt von einem ehemals weißen Spitzentüchlein – echte, sehr kostbare, bemerkte meine sachkundige Frau –, das schmale Figürchen in ein seegrünes verschossenes Seidenkleid gehüllt, dessen Schnitt zehn oder fünfzehn Jahr zurückdatirte. Die Andere trug auf einer untersetzten, anmuthlosen Gestalt einen unschönen Kopf von entschieden slavischem Typus, das Gesicht aber war durch einen rührenden Ausdruck von harmloser Güte und Bescheidenheit belebt, und in den kleinen grauen Augen unter den dichten Brauen blitzte manchmal etwas wie ein Schimmer von Heroismus und Begeisterung.

Wir setzten uns den Damen gegenüber, die wir bequem betrachten konnten, da an den schmaleren Enden der Tafel zwei kleine Petroleumlampen mit etwas defecten Glasglocken brannten. Einige späte Rosen standen in einem blauen Porcellanväschen mitten auf dem Tisch, die beiden Damen schienen sich daran vergriffen zu haben, da Jede eine der dunklen Blüten im Haare trug. Anderer Schmuck war in dem dreifenstrigen Saal nicht zu entdecken, denn die paar englischen Kupferstiche in braunen Holzrahmen an der Wand waren dermaßen mit Staub und Fliegenspuren bedeckt, daß sie dem Raum nicht zur Zierde gereichen konnten.

Luigi trug die Schüssel mit Risotto herein, entschuldigend, daß das Gericht nicht reichlicher ausgefallen sei, der Koch habe es eben nur für die beiden Damen berechnet. Danach erfreuten sich diese eines ansehnlichen Appetits. Denn nachdem wir uns Alle bedient hatten, blieb noch genug übrig, um einen Hungrigen satt zu machen. Das blonde Fräulein hatte freilich auf eine leise Frage ihrer Schwester erklärt, sie könne wieder Nichts essen.

Doch schien dies für den Risotto nicht zu gelten. Und als dann die Fische hereingebracht wurden, that sie auch ihnen alle Ehre an, nicht minder hernach dem stufatino di vitello, mit welchem das Mahl der Hauptsache nach beschlossen war. Alles war schmackhaft zubereitet, in echt italienischem Stil, der freilich nicht Jedermanns Liebhaberei ist.

Nun aber, als Luigi den Nachtisch auftrug, Käse und Früchte, mußten wir wahrhaft staunen, wie viel von den Feigen und Trauben das zarte Madonnenwesen zu bewältigen im Stande war. Auch dem jungen Aufwärter, der im Essen doch gewiß seinen Mann stand, imponirte diese virtuose Leistung sichtlich. Denn er zwinkerte mit den lustigen schwarzen Augen zu uns hinüber, indem er eben zum dritten Mal ihren Teller füllte, was die Schwester nicht abhielt, auch ihrerseits eine und die andere besonders erlesene Frucht vor sie hinzulegen. Diesen Tribut nahm die so reich Begabte mit gelassener Würde wie etwas Selbstverständliches entgegen, und ihr Mater-dolorosa-Gesicht verlor seinen schwermüthig entsagenden Ausdruck nicht, während sie den ganzen herbstlichen Segen mit großer Zierlichkeit nach und nach verschwinden ließ.

Darüber verlängerte sich die Sitzung dermaßen, daß die anfängliche schweigsame Stimmung, ehe wir uns vom Tisch erhoben, einer ziemlichen Vertraulichkeit gewichen war.

Wir hatten uns schon beim Risotto den Damen vorgestellt und erfahren, daß wir zwei Fräulein von **owska gegenüber saßen, daß die ehemalige Schönheit Wanda, ihre jüngere Schwester Lilla – aus Elisabetha verkürzt – genannt werde, aus Warschau gebürtig, Töchter eines polnischen Edelmanns, der im Dienst der »nationalen Sache« sein Vermögen verloren habe. Eine jüngste Schwester sei an einen schwer reichen Warschauer Großhändler verheirathet. Da dieser Schwager aber wegen gewisser guter Dienste bei der russischen Regierung in Gunst stehe, habe es die beiden patriotisch gesinnten Schwestern in dem Hause der Abtrünnigen nicht gelitten. Sie hätten sich lieber selbst verbannt, als Wohlthaten anzunehmen, auf denen »der Fluch des Vaterlandes« ruhe. Seit Jahr und Tag hielten sie sich in Italien auf, wo sie mit ihren beschränkten Mitteln in der Verborgenheit anständig leben könnten. Ihr Gespräch drehte sich hauptsächlich darum, auf welche Weise sie dies zu Stande brächten. Sie besaßen eine erstaunliche Kenntniß aller billigen Hôtels und versicherten, es sei ihnen ein besonderes Vergnügen, dritter Klasse zu fahren, da man nur so Gelegenheit habe, »dem Volk ins Herz zu sehen«. Auch sei es nicht wahr, daß die Italiener die Fremden übervortheilten. Ueberall hätten sie »ehrliche Leute« gefunden (sie sagten »ärliche«, mit dem slavischen r), und dazu gehörten vor Allem auch die Wirthe der Croce di Malta, die ihnen einen noch niedrigeren Pensionspreis als uns gemacht hätten. Freilich begnügten sie sich mit einem sehr bescheidenen Zimmer und verzichteten auf das erste Frühstück.

Im Verlauf dieser ersten Unterhaltung wurden wir denn auch in das traurige Schicksal eingeweiht, das die Schönheit der Familie, das zu so großen Hoffnungen berechtigte Fräulein Wanda, betroffen hatte. Sie war mit einem der glänzendsten und reichsten jungen Adligen verlobt gewesen, natürlich auch ein glühender Patriot. Doch in eine der letzten Verschwörungen verwickelt, habe der Unglückliche, um der Verschickung nach Sibirien zu entgehen, seinem verlorenen Leben durch einen Pistolenschuß ein Ende gemacht. Die Braut, die ihm ihr ganzes Vermögen zu nationalen Zwecken geopfert, sei eine Zeit lang in Tiefsinn verfallen; nur die heitere Sonne Italiens habe ihr Gemüth wieder ein wenig aufgerichtet. Doch sei ihre Gesundheit seitdem unheilbar zerrüttet, und das Heimweh nach ihrem Mutterlande morde ihren Schlaf.

Dies Alles theilte uns die Jüngere mit, wie hinter dem Rücken der Betreffenden, die nur hin und wieder, so zwischen zwei saftigen Feigen, mit einem tiefen Seufzer den Bericht zu bestätigen schien. Sie kam sich offenbar wie ein Heiligenbild vor, daran gewöhnt, von andächtigen Zungen ihr Lob verkünden zu hören, in weltentrückter Seelenhoheit, was sie nicht hinderte, auch ihre gröberen irdischen Bedürfnisse zu stillen.

So drollig das Alles sich ausnahm, konnten wir uns doch der Rührung nicht erwehren, da wir sahen, wie selbstlos demüthig die unscheinbare Schwester in der Huldigung gegen die edle Dulderin aufging.

Als wir eben aufstehen wollten, erschien der Wirth des Hauses, Sor Carlino, ein noch junger, schwarzbrauner Neapolitaner in einem abgetragenen, ehemals eleganten Sommeranzug. Er hätte für einen hübschen Mann gelten können, wenn das gebräunte, regelmäßig gebildete Gesicht nicht durch einen Zug von selbstgefälliger Rohheit entstellt gewesen wäre.

Auch verbreitete er einen Weindunst, sobald er den Mund öffnete, und in seinen dunklen Augen flackerte ein bacchantisches Feuer.

Indessen betrug er sich sehr anständig, begrüßte uns mit dem Wunsch, es möchte uns »unter seinem bescheidenen Dache« behagen, verneigte sich vor den polnischen Damen und küßte der blonden Heiligen ritterlich die Hand. Wir sahen, daß ihr welkes Gesichtchen eine zarte Röthe überflog. Sie erwiderte seinen Gruß nur mit einem gnädigen Nicken, nahm noch eine große schwarze Traube vom Teller mit und verließ, auf den Arm ihrer Schwester gestützt, den Speisesaal.

Da sie, wie Fräulein Lilla erklärt hatte, »fast nur von Früchten lebte« – wie dehnbar dieses »fast« war, hatten wir freilich gesehen –, konnte man ihr diese Verlängerung des Nachtisches nicht verdenken.

*

Alles in Allem genommen gestanden wir uns, da wir allein waren, daß wir es weit schlechter hätten treffen können, als unter dem »bescheidenen Dach« dieses Maltheserkreuzes. Ja die lauten Stimmen, die aus dem nachbarlichen Garten der Vittoria herübertönten – wir hörten auch heftiges Klavierspiel und eine Arie aus dem Troubadour – ließen uns die einsame Nachtstille unter unsern Oleanderbüschen um so schätzbarer erscheinen. Denn daß Luigi drinnen im Hause die kleine Michelina wieder mit seinem Te voglio bene assaie in Schlaf sang, konnte die geheimnißvolle Magie der Mondnacht nicht stören.

Die Betten freilich entsprachen nicht ganz den Vorstellungen meiner Frau von englischer Sauberkeit und Comfort. Die Leintücher waren vielfach geflickt und hier und da zerrissen, die Matratzen dünn und durchgelegen. Auch sonst sah die Einrichtung heruntergekommen aus, schlimmer als in echt italienischen Gasthäusern, was ich, als alter Italianissimo, mich nicht enthalten konnte zu constatiren. Aber – »gut gegessen ist halb geschlafen« kehrte ich das Sprichwort um, und nach dem heißen Reisetage ließ auch der Schlaf nicht auf sich warten.

Der strahlende Morgen weckte mich in aller Frühe. Ich warf mich rasch in die Kleider und stahl mich ins Freie, um noch vor dem Frühstück einen Spaziergang nach der Punta di Sorrento zu machen, hauptsächlich um mich an dem morgendlichen Reiz des veilchenfarbenen Capri zu weiden, dessen Anblick uns auf unserer Terrasse durch den Nachbargarten entzogen wurde.

Ich hatte das Gitterthor des Baumgartens eben erreicht, als der Hausherr mir nachkam, gleichfalls zum Ausgehen gerüstet, ein Strohhütchen mit blauem Bande keck auf das buschige Haar gedrückt, von dem eine Locke unter dem Hutrand über die braune Stirn hereinhing, einen großen Korb am Arm.

Er lüftete den Hut, erkundigte sich, wie wir geruht hätten, und sagte dann, er gehe auf den Markt, die Spesa zu machen. Bekanntlich besorgen durch ganz Italien fast immer nur die Männer die Markteinkäufe, während ihre Frauen noch ein Morgenschläfchen halten, oder im Bett ihre Chocolade schlürfen. Dem Koch sei nicht zu trauen, er sei sogar drauf und dran, ihn wegzujagen. – Ich bedauerte das, da er, nach dem gestrigen Pranzo zu urtheilen, seine Kunst verstehe. – Darauf ging Sor Carlino nicht weiter ein, sondern rückte ohne Weiteres mit der Frage heraus, ob ich geneigt sei, ihm einen kleinen Vorschuß zu bewilligen. Seine Frau sei heute ganz früh weggegangen, eine Gevatterin zu besuchen, die im Wochenbett liege, und habe den Schlüssel zur Cassette mitgenommen.

Ich sah dem Biedermann an der dreisten Stirn an, daß er log. Doch wenn er wirklich mit leerer Tasche auf den Markt ging, stand es schlimm um unsere Verpflegung. Also sagt' ich, wenn es ihm recht sei, wolle ich ihm gleich heute unsere Pension – sie war allerdings mäßig genug – für eine Woche vorausbezahlen. Der »ärliche« Mann nahm die kleine Summe mit Dank, doch als etwas Selbstverständliches an, rückte wieder an seinem Hütchen, das immer tiefer auf das Hinterhaupt rutschte, und wir trennten uns auf der Piazza mit einem cordialen Händedruck.

Als ich eine Stunde später von meinem Morgengang zurückkehrte, fand ich meine Frau am Theetisch meiner wartend. Sie triumphirte, da der Thee in der That besser war als in allen Hôtels, wo wir bisher gefrühstückt hatten, und auch die Toasts machten der Herkunft der Mrs. Rosa alle Ehre. Es war überdies höchst behaglich, auf der Terrasse, die noch im Schatten lag, zu sitzen und, während wir's uns schmecken ließen, zu dem ehrwürdigen Vesuv hinüberzublicken, der friedlich sein zartes Rauchwölkchen aufwirbelte. Er schien Leopardi's verleumderische Bezeichnung sterminator Vesevo – der Verheerer Vesuv – Lügen strafen zu wollen.

Höre, sagte meine Frau, die Wirthin ist bei mir gewesen, während du fort warst. Sie erkundigte sich sehr angelegentlich, wie wir geschlafen, und ob wir etwas vermißt hätten. Ich verschwieg natürlich, daß wir das Waschgeschirr mangelhaft und die Betten hart gefunden hatten – die arme Person sieht aus, als ob sie auch nicht gerade weich gebettet sei, Sie habe so viel bessere Tage gesehen, vertraute sie mir, als Kammerfrau der Duchess of Soundso, und es sei eine Uebereilung gewesen, daß sie sich zu dieser Heirath entschlossen habe. Auch gestand sie mir – blushing and most timidly – sie sei eben jetzt in Verlegenheit, der Koch verlange Geld, um die Spesa zu machen, und ihr Mann sei fortgegangen und habe den Schlüssel zur Cassette mitgenommen. Ich erbot mich, ihr lieber gleich eine Woche die Pension vorauszubezahlen. So lange bleiben wir ja jedenfalls hier, und ich sah, wie erwünscht ihr das Geld war. Es wird dir doch recht sein?

Gewiß, Liebste, sagte ich. Umsomehr, da es für eine rührende Uebereinstimmung von vier schönen Seelen zeugt, daß beide Wirthsleute dasselbe Anliegen vorbringen, und wir Beide auf die gleiche Weise es ihnen gewähren. Nur der Schlüssel zur Cassette scheint mir ein so mystisches Wesen zu sein, wie die Cassette selbst.

Nein, das ist doch arg! rief meine Frau im Tone sittlicher Entrüstung. Wenn ich das geahnt hätte –

Ich beschwichtigte ihren Unmuth. Was für einen Nachtheil haben wir davon, als daß wir schlimmsten Falls, um zu unserem Vorschuß zu kommen, eine Woche länger diesen Polinnen gegenüber sitzen müssen? Aber auch dazu werden es die »ärlichen Leute« nicht kommen lassen, wenn wir darauf bestehen, früher in die Vittoria überzusiedeln. Ich weiß zwar, daß es dir nicht auf die paar Lire ankommt, sondern daß dich's kränkt, einem Märchen Glauben geschenkt zu haben. Aber hab' ich dir nicht immer gesagt, daß die Italiener im Guten wie im Bösen große Kinder sind, sehr auf dergleichen Märchen versessen? Wir wollen uns nicht merken lassen, daß wir an den Cassettenschlüssel nicht fester glauben, als an das Schloß zu der Höhle Xaxa.

Meine Frau lachte, und wir machten uns auf, die Stadt zu durchwandern, die wir noch ziemlich so fanden, wie wir sie vor zehn Jahren verlassen hatten. Nur in den Mauerschluchten zwischen den Orangengärten hatte der Schmutz sich noch ärger angehäuft, und einige hübsche Mädchen, die wir wiedererkannten, waren unglaublich schnell zu verblühten Frauen verwandelt worden. Im Uebrigen das alte Treiben, bettelnde Krüppel, Kinder, die eine Blume darboten, um einen Soldo zu erhalten, die lungernden Tagediebe vor dem Café und die fleißigen Handwerker in oder vor ihren düsteren Werkstätten.

Die Läden, in denen die berühmten Holzmosaiken feilgeboten wurden, die Schaufenster mit Korallenschmuck und Schildpattwaren hatten sich ein wenig vermehrt, und einige Schilder waren hinzugekommen, auf denen die Erzeugnisse der Seidenweberei sich ankündigten.

Wir machten ein paar kleine Einkäufe und schlugen eben den Weg nach Hause wieder ein, da die Sonnenglut wuchs und wir des ewigen Anbettelns müde waren, als wir aus dem Laden eines kleinen Holzwaarenhändlers unsere beiden Hausgenossinnen treten sahen.

Fräulein Wanda trug wieder das grüne Seidenkleid, das beim Tageslicht noch verblichener aussah, und auf dem Madonnenhaupt einen großen, an den Rändern zerstoßenen Florentiner Strohhut, der das sanfte, stark gepuderte Leidensgesicht »wie ein chiffonirter Heiligenschein«, flüsterte meine Frau mir zu, einrahmte.

Fräulein Lilla erschien neben ihr wie eine Kammerjungfer, die hinter ihrer fürstlichen Herrin respectvoll einen halben Schritt zurückbleibt.

Man begrüßte sich freundlich, und die Damen – das heißt fast immer nur die gesprächige jüngere – erkundigten sich nach den Einkäufen, die wir in der Hand trugen. Sie selbst kamen von einem besonders »ehrlichen« Manne – nachgerade hatten wir's wegbekommen, daß »ehrlich« und »billig« ihnen gleichbedeuteten –, was gerade in Sorrent wichtig zu wissen sei, da die Geschäftsleute hier die Fremden zu übervortheilen liebten. Nun erfuhren wir auch, daß die reiche, aber unpatriotische Schwester in Warschau ihnen eine bedeutende Summe mitgegeben hatte, um allerlei italienischen Schmuck und sonstigen zierlichen Kram für sie einzukaufen. Sie hätten eben um einen Spieltisch mit eingelegter Holzmosaik gehandelt. Zweihundert Lire solle er kosten, sie wollten aber nur hundertundfünfzig geben und seien schon zum dritten Mal wieder weggegangen. Sie wüßten gewiß, für hundertundsechzig würden sie ihn schließlich bekommen. Denn, fügte die Schwester hinzu mit einem huldigenden Blick ans Wanda's zarte Züge, es ist merkwürdig, Niemand kann ihr auf die Länge widerstehen. Die Macht des Unglücks und der Schönheit rührt auch die rohesten Gemüther.

Das Gesicht unter dem Heiligenschein hörte das ohne Erröthen mit an. Nur die schönen Augenlider senkten sich, und ein Seufzer hob ihre Brust. Du bist närrisch, Lilla, sagte sie und setzte noch etwas auf polnisch hinzu, was wir nicht verstanden.

*

So waren wir zusammen auf unserer Terrasse wieder angelangt. Die Schwestern luden uns ein, ihnen in ihr Zimmer zu folgen, um ihre Einkäufe zu bewundern.

Es war ein großes, aber ziemlich düsteres und unfreundliches Gemach, in das sie uns führten, das Fenster nach Norden verschlossen, das nach Westen zur Hälfte mit einem dunklen Tuch verhängt, da eine Scheibe zerbrochen war. Doch war es immer noch hell genug, um die gräuliche Unordnung zu erkennen, in der hier Alles durcheinander lag und stand, ein Unterrock neben einem Kamm auf das schmale Sopha geworfen, ein französischer Roman auf dem Waschtischchen, von den beiden Betten nur eins in ordentlichem Zustand, ein Tischchen im Winkel mit allerlei Holzwaaren überhäuft.

Luigi ist so unordentlich, sagte Fräulein Lilla achselzuckend. Er ist weggelaufen, ehe er noch das andere Bett gemacht hat.

Sie nahm die Sachen vom Sopha, indem sie sie einfach in einen Winkel warf, und lud uns ein, Platz zu nehmen. Wir hatten aber nicht Lust, uns häuslich niederzulassen, die Stunde der Colazione sei ja auch so nah. Also lief die Jüngere, während Wanda vor einem zersprungenen Toilettenspiegel ihren Heiligenschein abnahm, zu einem großen alten Koffer in der Ecke und kramte allerlei Sorrentiner Fabrikate daraus hervor, ein paar Packete mit Seidenstoffen, Schärpen und Bänder, Schildpattfächer, endlich die Hauptstücke, einen Korallenschmuck und eine schwerfällige Halskette aus geschnittenen Muscheln in ein bleiches, dünnes Gold gefaßt, nebst den dazu gehörigen Armbändern. Ein Kunstwerk! versicherte sie, jede Camee (so nannte sie die rohgeschnitzten Muschelplättchen) von Meisterhand modellirt, was glauben Sie daß wir dafür bezahlt haben?

Meine Frau nannte, um der Guten die Freude zu lassen, einen Preis, der den Werth einer solchen Fabrikarbeit weit überstieg. Fräulein Lilla sah sie mitleidig an.

Nein, gnädige Frau, so viel haben wir denn doch nicht abhandeln wollen, weil der Verkäufer ein ehrlicher Mann ist, den wir nicht schädigen mochten. Es ist ja auch ein Kunstwerk. So viel haben wir nur für diesen Korallenschmuck bezahlt, nachdem wir dreißig Lire abgehandelt hatten. Sehen Sie nur diese Farbe, blaßrosa. Wir werden bei der Schwester in Warschau große Ehre damit einlegen. Jetzt aber ist die Summe nahezu erschöpft, nur noch das Tischchen, dann wird Alles eingepackt und wandert in unsere Heimath.

Sie strahlte vor Befriedigung, indem sie daran dachte, wie die Schwester mit diesen Herrlichkeiten sich schmücken würde. Meine Frau empfand ein lebhaftes Mitgefühl mit dem guten Geschöpf.

Haben Sie denn für sich selbst nichts eingekauft? fragte sie.

Oh für mich –! Wenn es noch für Wanda wäre! Aber wir müssen ökonomisiren. Früher, da hatte auch sie eine Menge Schmuck. Aber Sie wissen – für die nationale Sache war ihr kein Opfer zu hoch. Nur ein Stück – von dem hat sie sich nicht trennen wollen, weil es noch von der Großmutter stammt – sehen Sie – (sie holte einen in Silber gefaßten, mit kleinen rothen und blauen Steinen eingelegten Handspiegel vom Sims des Kamins) – das ist der einzige Ueberrest der alten Pracht und Herrlichkeit. Wir würden lieber hungern, als ihn hergeben. Und freilich, ein Gesicht, wie Wanda's, sollte sich eigentlich nie in einem weniger kostbaren Rahmen spiegeln. O, wenn Sie sie früher gesehen hätten! Man sprach davon, wenn das Königreich Polen wieder hergestellt würde, müsse sie durchaus den Thron besteigen. Winke mir nur mit den Augen, Wanda. Es ist doch so!

Diesem Gespräch machte Luigi ein Ende, der zum Frühstück rief. Es bestand aus einer Schüssel Maccaroni und einem Fleischgericht, und die beiden Damen thaten wieder ihr Bestes. Sie hatten ja auch das erste Frühstück nicht in ihre Pension einbedungen, und erst später erfuhren wir, daß sie sich statt des Thees mit einigen Früchten begnügten, die sie auf ihrem Morgenspaziergang für ein paar Soldi hier und da in den Gärten sich zu verschaffen wußten. Doch lernten wir jetzt auch die arme Heilige von ihrer ehrenwerthesten Seite kennen. Ich brachte das Gespräch auf die nationale Sache. Da war es nun hübsch zu sehen, wie das angebetete Götzenbildchen, das wir nur für eine kleine egoistische Puppe gehalten hatten, Feuer und Flamme wurde, während ihr bei der Schilderung des unerträglichen russischen Jochs die Thränen in die Augen traten. Ein bischen Rhetorik lief freilich mit unter, man fühlte den begeisterten Worten an, daß sie oft gebraucht und endlich zu stehenden Formeln geworden waren. Doch die Empfindung, mit der sie wieder vorgetragen wurden, war echt und warm, wie ja auch eine Sängerin dieselbe Partie zum hundertsten Mal immer mit neuem Herzenston vortragen kann.

Daß ich mich hütete, an den hoffnungslosen Bestrebungen des unglücklichen Volkes irgendwelche Kritik zu üben, ist selbstverständlich.

Auch war es ergreifend, die Schwester zu beobachten, die während der leidenschaftlichen Brandrede ihres Lieblings kein Auge von ihr verwandte, und als sie endlich erschöpft schwieg, ihr um den Hals fiel und auf polnisch ihre zärtliche Bewunderung ausströmte.

Die arme Märtyrerin ließ sie ruhig gewähren, schob sie dann aber sanft von sich weg und bat, ihr noch einmal die Schale mit den Früchten zu reichen.

*

So waren wir mit unsern Hausgenossinnen auf einen angenehmen vertraulichen Fuß gekommen und freuten uns, so oft wir von unseren Ausflügen zu Wagen und in der Barke nach unserm bescheidenen Dach zurückkehrten, die Schwestern wieder vorzufinden.

Auch eine nicht unwichtige Veränderung im Hause konnte die gute Stimmung nicht erschüttern.

Nach dem dritten Pranzo – etwas eintönig war der Küchenzettel freilich: Risotto oder Maccaroni, Fisch in Oel oder gebraten, ein Arrosto oder Stufatino – blieb Luigi, der sich sonst nach den Früchten entfernte, mitten im Zimmer stehen und fragte, ob wir zufrieden gewesen seien.

Wir bejahten einstimmig.

Ich danke den Herrschaften für die Anerkennung, sagte er. Ich selbst habe heut gekocht und werde es auch ferner thun müssen. Die Padrona hat den Koch verabschiedet. Der Mensch war so unverschämt, seinen seit drei Monaten rückständigen Lohn zu verlangen. Er hat ihn nun lieber im Stich gelassen, um eine bessere Stelle in Neapel anzunehmen.

Wir erstaunten.

Wie in aller Welt habt Ihr denn so geschwind kochen gelernt, Luigi? fragte ich.

Oh! machte er, mit einer humoristischen Geberde, in diesem Hause lernt man Alles!

Und seine Serviette mit dem Stolz eines Genies schwenkend, verließ der vielseitige Jüngling den Speisesaal.

An demselben Abend kam eine Botschaft von der Vittoria, es seien jetzt Zimmer frei geworden, ob wir sie in Augenschein nehmen wollten. Wir dankten. Wir konnten es weder unseren polnischen Freundinnen, noch auch Luigi anthun, gerade jetzt das Haus zu verlassen. Auch schreckte uns der Gesang einer Engländerin, der Abends regelmäßig drüben begann und ziemlich disharmonisch in die schöne Symphonie von Meer und Vesuv und Mondhimmel hineinklang.

Auch in unserm Hause freilich wurde der Einklang häufig genug gestört, doch blieb das hinter den Coulissen, und nur Luigi ließ dann und wann mit einem verschmitzten Lächeln ein Wort darüber fallen, daß er wieder einmal zwischen den Ehegatten den conciliatore habe machen müssen.

Sor Carlino, seitdem er unser vorausbezahltes Geld in der Tasche hatte, gab sich, wie es schien, seiner Vorliebe für den weißen Capriwein sorgloser hin als je. Dazu mochte noch eine andere Verlockung kommen. In der Osterie auf dem Marktplatz hatten wir eine junge Wirthin gesehen, die mit ihren dicken schwarzen Zöpfen und kecken dunklen Augen einem Landsmanne, der an eine schmächtige, fahlblonde Brittin gekettet war, wohl gefährlich werden konnte. Wir betrafen Herrn Carlino ein paar Mal in eifriger Unterhaltung mit dieser Sirene, und unser Verdacht wurde nicht dadurch entkräftet, daß er bei unserm Erscheinen sich zu uns wandte und versicherte, er habe nur über den Wein gesprochen, den er aus dieser Osterie beziehe, und über den ich Klage geführt hatte. Die Sora Beppina habe versprochen, in Zukunft einen besseren zu liefern.

Wir wußten, daß er uns damit so wenig reinen Wein einschenkte, wie bisher bei unseren Mahlzeiten. Auch blieb es bei dem säuerlichen blauröthlichen Getränk. Aber, wie gesagt, wir wurden dennoch dem Maltheserkreuz und seinen Insassen nicht untreu.

Bis dann doch eines schönen Abends die Dinge eine Wendung nahmen, die uns ein längeres Verbleiben unter diesem Dach nicht räthlich erscheinen ließ.

*

Es war der sechste oder siebente Tag unserer Sorrentiner Idylle. Wir hatten einen weiten Gang die Bergpfade hinauf gemacht und kehrten müde und hungrig zurück. Etwas verspätet traten wir in das Speisezimmer, wo wir auch die Polinnen schon am Tische sitzend fanden. Doch hätte es unserer Entschuldigung nicht bedurft. Denn der Beginn des Mahls ließ auch jetzt noch auf sich warten.

Man sprach von diesem und jenem, aß inzwischen von dem weißen Brode, und die Schwestern, die sonst nur Wasser tranken, nahmen zum ersten Mal ein Glas von unserem Wein an – kein Luigi, kein Risotto, keine Maccaroni ließen sich sehen. Nur aus dem Innern des Hauses, wo die Küche lag, hörten wir ein heftiges Zanken und Lärmen, dazwischen einmal das winselnde Stimmchen Michelina's, diesmal durch Luigi's Liebeslied nicht beschwichtigt, und eben war ich – nach einer unbehaglichen halben Stunde – drauf und dran, hinauszugehen und selbst einmal den conciliatore zu spielen, als die Thür aufgerissen wurde. Doch statt des ersehnten jungen Kochs und Kellners stürzte die Hausfrau selbst herein, mit dem flehentlichen Angstruf: Aiuto! aiuto! Quest' uomo mi ammazza!

Mit aufgelös'tem, zerzaustem Haar – die Haube war ihr auf den Nacken geglitten, die Krause an ihrem Kleide zerrissen – sank sie auf einen Sessel neben der Glasthür, schloß wie in Ohnmacht die Augen und stöhnte herzbrechend vor sich hin.

Wir sprangen von unseren Sitzen auf und eilten zu ihr hin, zu fragen, was geschehen sei. Aber alles Zureden, selbst das theilnahmsvollste Englisch meiner Frau vermochte nicht, sie nur so weit zu beruhigen, daß sie uns Rede stehen konnte. Immer wieder entfuhren ihr die Worte: Mi ammazza! L'ha giurato! Aiuto! wobei die hagere Gestalt in dem dünnen Kleide wie von Krämpfen geschüttelt erbebte.

Plötzlich zuckte sie in die Höhe, horchte einen Augenblick, und mit der Miene des höchsten Entsetzens: Er kommt, er kommt! rufend, stürzte sie durch die Glasthür hinaus und verschwand über die dunkle Terrasse.

Er kam freilich, aber nicht der Gefürchtete, sondern Luigi, die weinende Kleine auf dem Arm. Wir bestürmten ihn mit Fragen. Er zuckte die Achseln und sagte: Sie sind toll, alle Beide. Sie haben einen Streit gehabt, sie hat ihm einen Haufen Schimpfworte ins Gesicht gespuckt, er ist wüthend geworden und hat in der Küche Alles kurz und klein geschlagen – das schöne Pranzo liegt halb auf dem Herd, halb auf dem Estrich. Dann hat er ein Küchenmesser ergriffen, und da ist sie geflüchtet. Scusino, aber ich muß ihr nach, sie ist im Stande, sich ins Meer zu stürzen – so eine rabbiate Engländerin ist sie – bitte, halten Sie einstweilen die Michelina – ich bin gleich wieder zurück.

Und das schreiende und zappelnde Würmchen Fräulein Wanda in die Arme werfend, rannte der gute Junge, der zu seinen anderen Aemtern nun auch den Lebensretter machen mußte, aus dem Zimmer, der verschwundenen Wirthin nach.

Wir sahen uns betroffen an. So sehr dies häusliche Trauerspiel uns zu Furcht und Mitleid aufregte, die Aussicht, hungrig zu Bett zu gehen, erschien uns noch tragischer.

Es wird das Beste sein, sagte ich, in der Vittoria drüben uns an die Table d'hôte zu setzen, die eben begonnen haben muß. Sie kommen doch mit, meine Damen? – und da mir meine Frau einen Wink gab – es versteht sich, daß Sie meine Gäste sind.

Die Schwestern wechselten einen Blick. Dann sagte Lilla: Sie sind sehr gütig, aber wir können es nicht annehmen. Wanda ist zu erschüttert durch das eben Erlebte, dessen tieferen Zusammenhang wir ahnen. Ueberdies – wir haben die Sorge für das Kind übernommen – sehen Sie, es hört schon zu weinen auf. Es sieht mit großen Augen meine Schwester an. Selbst das unschuldige kleine Geschöpf wird von ihrem Gesicht fascinirt. Also gehen Sie nur allein. Wir halten uns heut Abend an Brot und Früchte.

Da wir diesem Beispiel nicht folgen wollten, sagten wir gute Nacht und gingen nachdenklich durch den Garten und das Gäßchen nach dem großen, lichterhellen Hôtel hinüber, wo wir eine elegante Gesellschaft bei Tische fanden.

Obwohl aber unser Luigi gegen den Koch der Vittoria nur für einen talentvollen Dilettanten gelten konnte und der Wein, den wir tranken, gewiß nicht aus dem Keller der Sora Beppina stammte, wurde uns unter den schwatzenden Italienern und steif zugeknöpften Engländern nicht wohl. Als wir nach dem Essen durch den schöngepflegten Orangengarten hinausgingen, gestanden wir uns, hier möchten wir trotz alledem nicht auf die Länge hausen, und kamen überein, lieber gleich am anderen Morgen nach Neapel aufzubrechen. Denn nach dem, was wir soeben in unsrer Croce di Malta erlebt hatten, war auf eine dauerhafte Befestigung des Hausfriedens doch nicht zu rechnen.

Also redeten wir's mit einem der Vetturine, die um diese Nachtstunde noch auf der Piazza bei der verpfuschten Tasso-Statue mit ihren Wagen hielten, für den nächsten Morgen um sieben Uhr ab und schlenderten langsam nach Hause, um noch vor Schlafengehen unsere Koffer zu packen.

Kein Mensch ließ sich sehen. Wohin Wirth und Wirthin gerathen waren, ahnten wir nicht. Die Polinnen aufzusuchen, hielt uns eine Art von bösem Gewissen ab, da wir vorhatten, uns morgen heimlich davonzustehlen und nur durch ein Paar schriftliche Zeilen uns ihrem Andenken zu empfehlen. Michelina schien durch den Zauber des Madonnengesichts eingeschläfert zu sein. So konnten wir ungestört unser Bündel schnüren.

Wir waren in diesem Geschäft aber noch nicht weit vorgerückt, als an unsere Thür geklopft wurde und gleich darauf die beiden Schwestern eintraten, ohne das Kind. Sie sahen sofort, wobei sie uns betroffen hatten; Wanda sank mit einem schmerzlichen Laut auf einen Sessel, Fräulein Lilla rief: Ich dachte es wohl! Sie wollen uns in der fürchterlichen Situation verlassen. O verehrte Freunde, lassen Sie uns nicht im Stich – wenigstens heute nicht –! Wenn Sie wüßten –

Meine Frau suchte sie zu beruhigen. Was sie denn so aufrege, da ja der Ehezwist, so widerwärtig diese Scenen seien, sie selbst nicht gefährde?

O gnädige Frau, rief das gute Geschöpf, Sie sind sehr im Irrthum! Zwar vor dem Messer des Herrn Carlino fürchten wir uns nicht. Aber die Frau, die Frau – und man könnte es ihr nicht einmal verdenken, wenn sie meine Wanda haßte und ihr ein Leids anzuthun suchte, – mein Gott, Eifersucht – man braucht nicht unter der heißen Sonne Italiens geboren zu sein, um die Vernichtung eines Wesens zu wünschen, das einem das Herz des Gatten abspenstig gemacht hat. Und meine arme Wanda ist so unschuldig! Was kann sie für ihr Gesicht? Haben Sie sie je kokettiren sehen? Hat sie die zudringliche Galanterie dieses verirrten Mannes nicht stets mit der äußersten Kälte abgewiesen?

So also standen die Dinge! Um dieser Heiligen willen hatte die verrathene Missis ihrem Mann eine Scene gemacht, die ihn in jenen tobsüchtigen Anfall brachte. Also war unser Verdacht in Betreff der schwarzäugigen Landsmännin in der Osterie ein Irrthum gewesen.

Wir suchten zunächst die zitternden Fräuleins darüber zu beruhigen, daß von der armen Eifersüchtigen nichts Lebensgefährliches zu befürchten sei. Sie brauchten sich ja auch nur in ihrem Zimmer einzuschließen, um gegen jeden nächtlichen Ueberfall geschützt zu sein.

Fräulein Wanda hörte Alles mit gesenkten Augen und stummen Seufzern an. Lilla aber rief: O, Sie kennen diesen Menschen nicht! Auch wenn die Frau sich nicht an uns vergreift, wer steht uns dafür, daß dieser arge Mann bei seiner wilden Leidenschaft nicht die Thüre sprengt und sich mit Gewalt meiner armen Schwester bemächtigt? Er ist stark genug, sie wie ein hülfloses Kind auf seinen Armen davonzutragen. O wenn Sie es gut mit uns meinen, erlauben Sie uns, diese Nacht hier in Ihrem Salon zu bleiben, unter Ihrem Schutz. Wie es dann morgen werden wird – wir können leider noch nicht fort – wir erwarten noch einen Geldbrief von zu Hause – verehrte gnädige Frau, haben Sie Mitleid mit zwei hülflosen, verwais'ten Mädchen!

Während sie so flehte und jammerte, ging die Thür auf, und Luigi glitt herein, den Finger auf dem Munde. Zitto! machte er. Die bimba schläft endlich, aber sie hat so feine Ohren wie ein Polizeispion. Die Padrona ist bei ihr, der habe ich sie übergeben, nachdem ich das arme Weib endlich abgefaßt und nach Hause geschleppt hatte. Stellen Sie sich vor, meine Herrschaften, nicht ins Meer hat sie springen wollen, sondern auf die Piazza ist sie gelaufen, um der Wirthin in der Osterie, der schönen Beppina, die Augen auszukratzen. Denn Die war's, wegen deren sie dem Mann tausend Teufel auf den Hals gewünscht hat, bis er aus Rand und Band kam und nach dem Messer griff. Dio Madonna! Was für ein Haus! Wenn's nicht wegen der Kleinen wäre – lieber heut als morgen macht' ich's wie der Koch und ginge auf und davon.

Wir sahen das Schwesternpaar an. Doch schien die Aufklärung durch unser Factotum die Angst der Damen kaum beschwichtigt zu haben. Wanda seufzte nach wie vor. Lilla sagte auf französisch: Glauben Sie doch nicht, daß Madonna Rosa die ganze Wahrheit weiß. Ihr Mann hat ihr eine Liaison mit jener Frau in der Osterie vorgespiegelt, um ihren Verdacht von meiner Schwester abzulenken. Jedenfalls ist unseres Bleibens in diesem entsetzlichen Hause nicht länger, wenn wir auch für heute Nacht Nichts zu befürchten haben. Entschuldigen Sie die Störung, Wenn man so viel gelitten hat, wie meine Wanda, ist man auf das Schlimmste gefaßt. Also reisen Sie wirklich morgen früh? Wir hoffen, Sie noch zu sehen.

*

Damit entfernten sich die Damen; und Luigi schlüpfte ihnen nach. Wir dachten, uns nun endlich zur Ruhe begeben zu können, die Nacht war schon ziemlich vorgerückt. Aber eben wollte ich das Licht löschen, als ein starkes Pochen an unserer Thür mich nöthigte, mich noch einmal nothdürftig in die Kleider zu werfen.

In unserm Vorzimmer stand ein schwarzbärtiger Carabiniere, der höflich salutirte und bedauerte, uns noch so spät belästigen zu müssen. Unsere Wirthin aber habe bei der Polizei Anzeige von dem Mordversuch ihres Mannes gemacht und die Hausgenossen zu Zeugen angerufen. Der eheliche Unfriede dieses Paares sei nichts Neues. Jetzt aber scheine es so weit gekommen zu sein, daß die Frau auf Scheidung dringen wolle. Und da das Haus ihr gehöre und ihr Mann im Unrecht sei, könne sie's auch drauf ankommen lassen.

Ich erklärte, wir wüßten nicht Mehr, als was wir heut Abend mitangesehen hätten, der wüthende Mann sei uns nicht zu Gesicht gekommen. Mit welcher mageren Auskunft der Carabiniere sich denn auch zufrieden geben mußte, nachdem ich ihn gebeten, den beiden Damen das Verhör zu schenken, da sie ohnehin durch die Aufregungen des Abends in ihrer zarten Gesundheit erschüttert seien.

Eine Stunde blieb dann Alles ruhig. Um Mitternacht aber hörten wir wieder Unruhe im Hause, von der Seite her, wo das Schlafzimmer der Wirthsleute lag. Der Hausherr schien zurückgekehrt zu sein und an der verriegelten Thür um Gnade gebeten zu haben. Eine Weile ging das Parlamentiren halblaut hin und her. Endlich wurde es still. Der Sünder mußte Absolution erhalten haben, oder unerbittlich abgewiesen worden sein.

*

Uns interessirte das nur wenig. Alle unsere Gedanken waren auf die Abreise gerichtet, und wir standen schon vor Thau und Tage auf, um uns womöglich auf Französisch zu empfehlen.

Doch hatten wir die Rechnung ohne Luigi gemacht, der schon um Sechs unsere Schuhe geputzt und ein Frühstück bereitet hatte. Der Padrone und die Padrona, sagte er mit listigem Augenzwinkern, sind noch unsichtbar. Jedenfalls hat sie ihm nicht den Kopf abgerissen.

Dann, da allmählich die Stunde der Abfahrt herankam, lief er nach dem Gartenthor und meldete alsbald, der Wagen sei vorgefahren, belud sich mit unserm Gepäck und half dem Vetturin, die Koffer hinten aufschnallen. Wir hörten jetzt aber allerlei Geräusch im Hause, so daß wir es doch nicht schicklich fanden, uns ohne Abschied davonzuschleichen.

Als wir aber an das Wohnzimmer unserer Wirthe kamen, bot sich uns ein Anblick dar, wie er nach allen nächtlichen Erlebnissen nicht überraschender sein konnte.

Mitten im Zimmer saß der heißblütige Don Juan mit der Miene eines glücklichen Familienvaters, den Arm um die Schulter seines theuren Weibes gelegt, das er zärtlich auf dem Schooße hielt. Im Wiegenkorbe auf dem Estrich daneben schlummerte die kleine Michelina, gegenüber saß jene Gevatterin, die die Vertraute des Hauses war, und goß dem schwarzbärtigen Carabiniere aus einem bauchigen strohumflochtenen Fiasco von dem rothen Weine ein, der zur Feier dieses Friedensfestes schon so früh aus dem Keller geholt worden war. Alle lachten und schwatzten so munter, daß sie unser Kommen erst bemerkten, als wir über die Schwelle traten,

Mrs. Rosa war die einzige, die einige Verlegenheit zeigte, als sie hastig von den Knieen ihres liebenden Gatten herunterglitt. Dieser selbst kam uns mit der treuherzigsten Biedermannsmiene entgegen, fragte, ob es wirklich unser Ernst sei, so übereilt sein bescheidenes Haus zu verlassen, er hoffe doch, wir hätten hier Alles nach unseren Wünschen gefunden und würden die Croce di Malta unseren Freunden bestens empfehlen.

Hierüber beruhigte ich ihn, gab vor, ein dringendes Geschäft rufe uns nach Neapel, und während das Ehepaar uns nun durch den Garten nach unserm Wagen begleitete – der zärtliche Vater ließ es sich nicht nehmen, die Kleine, die aufgewacht war und zu weinen anfing, auf dem Arm mitzunehmen – sagte ich, wir hätten eigentlich wohl noch die Pflicht, unsere Rechnung auszugleichen, doch hätte ich gedacht, der Vorschuß, den meine Frau der seinen gemacht, übersteige so ansehnlich unsere Schuld, daß wir nicht weiter davon reden wollten.

Der ehrliche Mann sah mich mit ganz unschuldigen großen Augen an.

Die Signora habe seiner Frau etwas bezahlt? Er bitte um Verzeihung, davon höre er das erste Wort. Seine Frau – sie sei eine Perle unter den Weibern, aber von Geschäften verstehe sie nicht Mehr, als das Würmchen auf seinem Arm. Indessen – wenn sich die Sache so verhalte – freilich, der Wein, den wir getrunken, und die Kerzen – doch wenn noch ein Rest zu unseren Gunsten bleibe – er sei ein ehrlicher Mann und rechne seinen Gästen nicht einen Soldo über das an, was ihm zukomme.

Ich bat ihn, die Sache gut sein zu lassen, und war eben im Begriff, nachdem ich auch der Wirthin die Hand geschüttelt, zu meiner Frau in den Wagen zu steigen, als das polnische Schwesternpaar um die Ecke des Gäßchens auftauchte und eilig heranschwebte. Beide Damen trugen die Haare aufgelös't und waren in einer etwas fragwürdigen Morgentoilette – sie kommen aus dem Meer, flüsterte Luigi uns zu. Sie baden jeden Morgen vor sechs an einer einsamen Stelle, weil sie da Nichts zu bezahlen haben, poverette! – Fräulein Wanda sah sehr viel älter aus, die heilige Salzflut hatte ihr Puder und Schminke von den Madonnenwangen gespült, aber ihre Augen lächelten uns freundlich an, und auch die Schwester äußerte so herzlich ihr Bedauern, uns scheiden zu sehen, daß wir die armen Geschöpfe ebenfalls nicht ohne Theilnahme verließen.

Der einzige ganz Glückliche war Luigi. Unser Trinkgeld hatte seine kühnsten Erwartungen übertroffen – er war freilich nicht verwöhnt, poveretto! und was ich ihm gab, blieb immer noch weit hinter dem zurück, was ein junger Mann, der so viele schwierige Aemter bekleidete, verdient hätte. Mit einem strahlenden Gesicht wünschte er uns »glückliche Reise und baldige Wiederkehr!«, bemächtigte sich dann des Kindes, das auf dem Arm des Vaters nicht ruhig bleiben wollte, und während die Pferde anzogen, hörten wir schon wieder seine scharfe junge Stimme den ewigen Refrain anstimmen: Te voglio bene assaie, mit dem er freilich bei dem kleinen Fräulein auf seinem Arm noch keine Gegenliebe erweckte.

*

Unsere polnischen Freundinnen hatten uns ihre Adresse in Neapel angegeben, für den Fall, daß wir selbst eine Woche dort bleiben würden. Ein ihnen befreundeter Geistlicher habe ihnen Quartier bestellt, »bei armen, aber ehrlichen Leuten«. Wir gedachten aber nicht, den Verkehr fortzusetzen, zumal wir uns, wie es bei Pensionsbekanntschaften zu gehen pflegt, in der einen Woche alles Wissenswürdige von einander mitgetheilt hatten.

Darum waren wir zwar erstaunt, doch nur mäßig erfreut, als wir am dritten Tage auf Santa Lucia die Schwestern daherkommen sahen. Auch sie erschienen gedrückt und ein wenig verlegen, obwohl sie uns herzlich genug begrüßten.

Sofort weihte uns Fräulein Lilla in ihre neuesten Abenteuer ein. Noch am Tage unserer Abreise hatte Sor Carlino sich zu ihnen verfügt und ihnen die Rechnung über die vier Wochen ihres Aufenthalts in der Croce di Malta präsentirt – eine »enorme Summe«, da außer der geringen Pension noch eine Menge Posten darauf erschienen, auf die sie nicht gerechnet hatten. Sie erklärten, der Wechsel aus Warschau werde in den nächsten Tagen sicher eintreffen, dann würden sie Alles bezahlen. Der Wirth aber, so höflich er in seinem Betragen blieb, betheuerte, unter diesen Umständen sie nicht länger beherbergen zu können. Er sei selbst in äußerster Verlegenheit und wisse nicht, wie er die Auslagen für den Hausstand bestreiten solle. Sie hätten ja, wenn auch kein bares Geld, doch viel schöne Sachen, Einiges davon könnten sie leicht veräußern, z. B. werde auf die Halskette oder die Armbänder gewiß im Pfandhaus geborgt werden.

Sie erklärten sofort, diese Sachen gehörten nicht ihnen, sie würden sie heute noch einpacken und nach Warschau spediren an die Bestellerin. Inzwischen habe er seine Augen auf den silbernen Spiegel geworfen, das Ungeheuer, der Barbar, und ihnen vorgeschlagen, denselben bis auf weiteres als Pfand anzunehmen. Was hätten sie machen sollen? Nichts blieb ihnen übrig, als den Staub dieses entsetzlichen Hauses von ihren Schuhen zu schütteln und noch desselbigen Tages abzureisen, natürlich mit dem Marktschiff, das billiger sei als ein Vetturin.

Hier in Neapel nun seien sie sehr gut untergekommen, obwohl die Küche sich nicht mit Luigi's Künsten messen könne. Doch seien es wirklich sehr ehrliche Leute. Zur Entschuldigung jenes argen Mannes, in dem sie sich so schwer getäuscht, könne man nur sagen, daß gewiß die eifersüchtige Frau dahinter stecke, die es zur Bedingung der Versöhnung gemacht habe, daß ihr Mann die gefährliche schöne Polin nicht länger unter seinem Dache dulde.

O, schloß die eifrige kleine Person, was es überhaupt für schlechte Menschen giebt! Stellen Sie sich vor, wir brachten die »Cameenkette« zu einem Goldschmied, da etwas daran beschädigt war, und ließen ihn rathen, was wir dafür bezahlt hätten. Er nannte einen Preis, der nicht die Hälfte des uns abgeforderten betrug, und da wir lachten und sagten, was sie werth sei, behauptete er, die Fassung sei ganz geringes Gold, kein 14 karätiges, und die geschnitzten Medaillons, diese kleinen »Kunstwerke«, billige Fabrikware. Auch die Korallen hätten wir viel zu theuer bezahlt. Wir mußten es endlich glauben und trösteten uns nur damit, daß unsere Schwester keine Kennerin ist. Um unser Versehen etwas wieder gut zu machen, kauften wir bei demselben Goldschmied eine Broche in geschnittener Lava, einen Medusenkopf, und ein Kästchen mit der Ansicht des Vesuv, die er uns, weil wir es waren – dabei sah sie Wanda an – zum Selbstkostenpreise abließ. Wenn Sie hier Einkäufe machen wollen, schloß die Gute, können wir Sie nach dem Laden führen. Man ist froh, unter so viel unreellen Geschäftsleuten endlich einmal einen »ärlichen« Mann zu finden.

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