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Das Postamt

Rabindranath Tagore: Das Postamt - Kapitel 4
Quellenangabe
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typedrama
authorRabindranath Tagore
titleDas Postamt
publisherKurt Wolff Verlag
printrun14.?23. Tausend
translatorHedwig Lachmann und Gustav Landauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090811
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Zweiter Akt

Schauplatz: Amal im Bett

Amal Darf ich heute nicht ans Fenster gehn, Onkel? Würde der Doktor dagegen auch etwas haben?

Madhav Ja, Liebling, du siehst, dadurch, daß du Tag um Tag da gekauert bist, ist es schlimmer mit dir geworden.

Amal O nein, ich weiß nicht, ob es mich kränker gemacht hat, aber ich fühle mich immer wohl, wenn ich dort bin.

Madhav Nein, es tut dir nicht gut; du kauerst da und schließest Freundschaft mit der ganzen Sippschaft rings herum, alt und jung, als ob sie unter meiner Dachrinne einen Jahrmarkt abhielten – solche Anstrengung kann kein Mensch aushalten. Sieh nur an – dein Gesicht ist ganz blaß.

Amal Onkel, ich fürchte, mein Fakir wird vorbeigehn und mich nicht am Fenster sehn.

Madhav Dein Fakir, was in aller Welt ist das für einer?

Amal Er kommt und plaudert mit mir von den vielen Ländern, in denen er gewesen ist. Ich höre ihm so gerne zu.

Madhav Wie geht das zu? Ich weiß von keinen Fakiren.

Amal Um diese Zeit kommt er her. Ich bitte dich, ach ja, ich bitte so sehr, sag ihm, daß er einen Augenblick hereinkommt und mit mir redet.

Väterchen kommt als Fakir verkleidet.

Amal Da bist du ja. Komm hierher, Fakir, an mein Bett.

Madhav Auf mein Wort, das ist –

Väterchen heftig blinzelnd

Ich bin der Fakir.

Madhav Weiß der Himmel, was du nicht alles bist.

Amal Wo bist du diesmal gewesen, Fakir?

Väterchen Auf der Papageieninsel. Ich bin eben zurückgekommen.

Madhav Auf der Papageieninsel!

Väterchen Ist das so zum Staunen? Ich bin nicht wie du. Eine Reise ist gar nichts für mich. Ich reise, wohin ich Lust habe.

Amal in die Hände klatschend

Wie fein für dich! Vergiß nicht dein Versprechen, mich als deinen Jünger mitzunehmen, wenn ich gesund bin.

Väterchen Natürlich, und ich werde dich so viele Wandergeheimnisse lehren, daß nichts in Meer oder Wald oder Gebirge dir den Weg versperren kann.

Madhav Was soll denn all das Wischiwaschi?

Väterchen Amal, mein liebes Kind, ich weiche vor nichts in Gebirge oder Meer; aber wenn der Doktor sich mit diesem deinem Onkel verbindet, dann muß ich mit all meiner Zauberkunst mich geschlagen geben.

Amal Nein. Onkel wird es dem Doktor nicht sagen. Und ich verspreche, ich will stille liegen bleiben; aber an dem Tag, wo ich gesund bin, geh ich auf und davon mit dem Fakir, und nichts in Meer oder Gebirge oder reißendem Strom soll mir den Weg versperren.

Madhav Pfui, mein Kind, komm nicht immerzu mit der alten Leier vom Fortgehn! Es macht mich ganz traurig, dich so reden zu hören.

Amal Erzähle mir, Fakir, wie sieht's auf der Papageieninsel aus?

Väterchen Es ist ein Land der Wunder; es ist ein Vogelreich. Menschen gibt es da nicht; und sie reden nicht und gehen nicht; sie tun weiter nichts als singen und fliegen.

Amal Wie herrlich! Und liegt sie irgendwo am Meer?

Väterchen Natürlich. Sie liegt mitten im Meer.

Amal Und grüne Berge sind da?

Väterchen Allerdings, sie leben in den grünen Bergen; und zur Zeit des Sonnenuntergangs, wenn ein roter Glanz auf den Berghängen liegt, fliegen all die Vögel mit ihren grünen Schwingen in Scharen ihren Nestern zu.

Amal Und Wasserfälle sind auch da!

Väterchen Aber natürlich; da ist kein Berg ohne seinen Wasserfall. Oh, das sieht aus wie geschmolzene Diamanten; und mein Himmel, was für Tänze sie aufführen! Bringen sie doch die Kieselsteine zum Singen, wenn sie über sie weg zum Meer rauschen. Kein Teufel von einem Doktor kann sie einen Augenblick aufhalten. Die Vögel sahen verächtlich auf mich herab als auf einen bloßen Menschen, ein armseliges Geschöpf ohne Flügel – und sie wollten nichts mit mir zu tun haben. Wäre das nicht, so wollt' ich mir mitten unter ihren Nestern ein Hüttchen bauen und meine Tage damit verbringen, die Wellen des Meers zu zählen.

Amal Ach, ich wollte, ich wäre ein Vogel! Dann –

Väterchen Aber die Sache hätte einen Haken; ich höre, du hast mit dem Milchmann ausgemacht, du willst ein Milchverkäufer werden, wenn du groß bist; ich fürchte, das Geschäft würde unter den Vögeln nicht gut gehen; du könntest dich in ernsthafte Verluste hineinsegeln.

Madhav Wahrhaftig, das ist zuviel. Zwischen euch beiden werd' ich verrückt werden. Ich gehe gleich fort.

Amal Ist der Milchmann vorbeigegangen, Onkel?

Madhav Und warum sollt' er nicht? Er wird sich nicht plagen mit Besorgungen für deinen geliebten Fakir von einem Nest zum andern auf der Papageieninsel. Aber er hat eine Kruke Dickmilch für dich dagelassen und hat gesagt, er habe viel zu tun mit der Hochzeit seiner Nichte auf dem Dorf, und muß nach Kamlipara dort die Musik zu bestellen.

Amal Aber er will ja mich mit seiner kleinen Nichte verheiraten.

Väterchen Meine Güte, jetzt sitzen wir in der Klemme.

Amal Er hat gesagt, sie sollte meine liebliche kleine Braut sein mit einem Paar Perlenbommeln in den Ohren und gekleidet in einen reizenden roten Sari; und morgens sollte sie mit ihren eigenen Händen die schwarze Kuh melken und mir aus einem funkelnagelneuen irdenen Topf warme Milch zu trinken geben, auf der noch der Schaum steht; und abends, wenn sie mit ihrer Laterne ihren Rundgang im Kuhstall beendet, sollte sie bei mir sitzen und mir Geschichten von Tschampa und seinen sechs Brüdern erzählen.

Väterchen Wie entzückend! Das könnte selbst mich alten Klausner in Versuchung führen! Aber sorge dich nicht um diese Hochzeit, mein Lieber. Laß gut sein. Ich sag' dir, wenn du heiratest, wird es in seinem Haushalt an Nichten nicht fehlen.

Madhav Hör' auf! Das ist mehr als ich aushalten kann.

Ab.

Amal Fakir, nun, wo Onkel weg ist, sag' mir schnell, hat der König mir einen Brief aufs Postamt geschickt?

Väterchen Nach allem, was ich gehört habe, muß sein Brief bereits abgegangen sein; er ist auf dem Weg hierher.

Amal Auf dem Weg? Wo ist er? Ist er auf der Straße, die sich dort durch die Bäume schlängelt und die man von hier aus bis zum Ende des Waldes verfolgen kann, wenn der Himmel nach dem Regen ganz klar ist?

Väterchen Gerade da ist er. Du weißt schon genau Bescheid.

Amal O ja, ganz genau.

Väterchen Das merk ich, aber woher?

Amal Ich kann's nicht sagen; aber es ist mir ganz klar. Ich bilde mir ein, ich habe es oft in längst vergangenen Tagen gesehen. Wie lang es her ist, kann ich nicht sagen. Weißt du, wann es war? Ich kann es alles sehen! Da kommt der Postbote des Königs allein den Berg herunter, eine Laterne in der linken Hand und auf dem Rücken einen Sack mit Briefen; und so klettert er lange, lange Zeit bergab, Tage und Nächte, und dort, wo am Fuß des Gebirges der Wasserfall zum Strom wird, schlägt er den Fußweg am Ufer ein und wandert durch die Roggenfelder weiter; dann kommt das Zuckerrohrfeld, und er verschwindet auf dem schmalen Steig, der durch die hohen Zuckerrohrstengel führt; dann erreicht er die offene Wiese, wo die Grille zirpt und wo nicht ein einziger Mensch zu sehen ist und nur die Schnepfen mit den Schwänzen wackeln und mit ihren Schnäbeln im Schlamm wühlen. Ich fühle ihn näher und näher kommen, und mein Herz wird froh.

Väterchen Meine Augen sind nicht jung; aber mit deiner Hilfe seh ich es alles auch.

Amal Sage, Fakir, kennst du den König, der dieses Postamt hat?

Väterchen O ja; ich gehe jeden Tag zu ihm und hole mein Almosen.

Amal Gut! Wenn ich gesund bin, muß ich doch auch mein Almosen von ihm bekommen, nicht wahr?

Väterchen Du wirst nicht darum bitten müssen, mein Lieber, er wird es dir aus freien Stücken geben.

Amal Nein, ich will an sein Tor gehen und rufen: »Heil und Sieg dir, o König!« und dann will ich zum Ton meiner Trommel tanzen und um Almosen bitten. Wär' das nicht fein?

Väterchen Es wird herrlich sein, und wenn du bei mir bist, werde ich meinen vollen Anteil bekommen. Aber um was wirst du bitten?

Amal Ich werde sagen: »Mach' mich zu deinem Postboten, daß ich herumgehen kann, mit der Laterne in der Hand, und deine Briefe bestelle von Tür zu Tür. Laß mich nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen!«

Väterchen Was ist das für ein Grund zum Traurigsein, mein Kind, selbst wenn du zu Hause bleiben müßtest?

Amal Es ist nicht traurig. Als sie mich hier einsperrten, hatte ich zuerst das Gefühl, daß der Tag so lang war. Seit das Postamt des Königs hier errichtet wurde, bin ich immer lieber hier in der Stube, und nun, wo ich denke, ich werde eines Tages einen Brief erhalten, bin ich ganz glücklich, und da mache ich mir nichts daraus, hier still und allein zu bleiben. Ich möchte wissen, ob ich herausbringen werde, was in des Königs Brief drinsteht?

Väterchen Selbst wenn du es nicht herausbekämst, wäre es nicht genug, wenn eben nur dein Name darauf stünde?

Madhav tritt ein.

Madhav Habt ihr eine Ahnung, in was für schreckliche Geschichten ihr mich hineinbringt, ihr zwei?

Väterchen Was gibt's denn?

Madhav Ich höre, ihr habt das Gerücht aufgebracht, der König habe sein Postamt hier eröffnet, um euch beiden Botschaften zu senden.

Väterchen Nun, und was weiter?

Madhav Unser Vorsteher Pantschanan hat es anonym den König wissen lassen.

Väterchen Ist uns nicht bekannt, daß dem König alles zu Ohren kommt?

Madhav Und warum seht ihr euch denn nicht vor? Warum des Königs Namen unnütz im Munde führen? Ihr werdet mich zugrunde richten, wenn ihr das tut.

Amal Sage, Fakir, wird der König böse sein?

Väterchen Böse, Unsinn! Noch dazu mit einem Kind wie du und einem Fakir, wie ich einer bin. Wir wollen sehen, ob der König böse ist! Dann würd' ich ihm einmal meine Meinung sagen.

Amal Höre, Fakir, mir ist seit heute morgen, als ob eine Art Dunkelheit über meine Augen gekommen wäre. Alles scheint wie ein Traum zu sein. Es verlangt mich nach Ruhe. Es ist mir gar nicht nach Reden zumute. Wird des Königs Brief nicht kommen? Wenn nun aber dieses Zimmer ganz plötzlich wegschmilzt, wenn nun aber –

Väterchen Amal Kühlung zufächelnd

Der Brief wird sicher heute kommen, mein Junge.

Der Arzt tritt ein.

Arzt Und wie geht es dir heute?

Amal Heute geht's mir furchtbar gut, Doktor. Alle Schmerzen scheinen fort.

Arzt beiseite zu Madhav Das Lächeln da will mir gar nicht gefallen. Ein schlechtes Zeichen, daß er sich so wohl fühlt! Tschakradhan hat bemerkt –

Madhav Um Himmelswillen, Doktor, laßt Tschakradhan zufrieden. Sagt mir, wie es nun gehen wird?

Arzt Werd' ihn nicht länger halten können, fürcht' ich! Ich hab' Euch vorher gewarnt – sieht nach einer neuen Erkältung aus.

Madhav Nein, ich habe äußerste Vorsicht geübt, hab' ihn nie hinausgelassen; und die Fenster waren fast die ganze Zeit verschlossen.

Arzt Es ist heute eine besondere Eigenschaft in der Luft. Als ich jetzt eben kam, wehte mir eine schreckliche Zugluft durch Eure Haustür entgegen. Das ist sehr gefährlich. Schließt sie lieber sofort. Wäre es schlimm, wenn Eure Besucher für zwei oder drei Tage fortblieben? Wenn einer unerwarteter Weise herein muß, ist die Hintertür da. Ihr würdet besser auch dies Fenster zumachen, es läßt die Sonnenstrahlen herein, die nur dazu dienen, den Patienten wach zu halten.

Madhav Amal hat die Augen geschlossen. Ich denke, er ist eingeschlafen. Sein Gesicht sagt mir – oh, Doktor, ich nehme ein Kind ins Haus, das ein fremdes ist, und liebe es wie mein eignes, und nun sieht es aus, als müßte ich es verlieren.

Arzt Was ist das? Da segelt euer Vorsteher ins Haus! Wie ärgerlich! Ich muß jetzt gehen, Freund. Du tätest besser, ordentlich aufzupassen und nach den Türen zu sehen, ob sie alle gut verschlossen sind. Ich werde eine starke Dosis senden, sowie ich zu Hause bin. Versuch' es damit – vielleicht rettet es ihn noch, wenn er überhaupt zu retten ist.

Madhav und der Arzt gehen ab. Der Vorsteher tritt ein.

Vorsteher Holla, Knirps!

Väterchen hastig aufstehend Pst, sei ruhig!

Amal Nein, Fakir, meintest du, ich schlafe? ich hab' nicht geschlafen. Ich kann alles hören; ja, und Stimmen, die weit weg sind. Ich fühle, daß Mutter und Vater an meinem Bett sitzen und mit mir reden.

Madhav tritt ein.

Vorsteher Nun, Madhav, ich höre, du bist neuerdings gut Freund mit großen Tieren?

Madhav Laß mich mit deinen Späßen zufrieden, Vorsteher, wir sind nur einfache Leute.

Vorsteher Aber dein Kind da erwartet einen Brief vom König.

Madhav Auf ihn mußt du gar nicht achten, er ist bloß ein närrischer Junge!

Vorsteher In der Tat, warum nicht? Es wird dem König schwer werden, eine bessere Familie zu finden! Siehst du nicht, warum der König sein neues Postamt dir gerade vors Fenster setzt?. Wahrhaftig, da hast du deinen Brief vom König, Knirps!

Amal sich rasch aufrichtend

Wirklich, ist es wahr?

Väterchen Warum soll's denn nicht wahr sein? Bist doch des Königs bester Freund. Da ist dein Brief.

Er zeigt ein leeres Blatt Papier.

Ha, ha, ha! Das ist der Brief.

Amal Bitte, hab' mich nicht zum besten! Sage, Fakir, ist es wahr?

Väterchen Ja, mein Lieber. Ich als Fakir sage dir: es ist sein Brief.

Amal Wie kommt's, daß ich nicht sehen kann? Es sieht mir alles so leer aus. Was steht in dem Brief drin, Herr Vorsteher?

Vorsteher Der König schreibt: »Ich besuche dich binnen kurzem; sorge nur, daß ich gequollenen Reis bekomme. – Meine Palastkost schmeckt mir gar nicht mehr.« Ha, ha, Ha!

Madhav mit gefalteten Händen

Ich beschwöre dich, Vorsteher, mach' keinen Spaß mit diesen Dingen –

Väterchen Spaß, wahrlich! Er würde es nicht wagen.

Madhav Bist du denn auch von Sinnen, Väterchen?

Väterchen Von Sinnen, gut, dann bin ich's also; ich kann deutlich lesen, daß der König schreibt, er will selbst kommen, um nach Amal zu sehen, mit seinem Leibarzt.

Amal Fakir, Fakir, pst, seine Trompete! Hörst du nicht?

Vorsteher Ha, ha, ha! Ich fürchte, die hört er nicht, bis er noch ein bißchen mehr übergeschnappt ist.

Amal Herr Vorsteher, ich dachte, du wärst böse mit mir und hättest mich nicht lieb. Ich hätte nie geglaubt, daß du mir den Brief des Königs bringen würdest. Laß mich den Staub von deinen Füßen wischen.

Vorsteher Der kleine Kerl hat einen Instinkt für Ehrerbietung. Er ist zwar ein bißchen dumm, aber er hat ein gutes Herz.

Amal Ich glaube, es muß jetzt ganz nahe an der vierten Wache sein – Horcht! der Gong! – Dong, dong, ding – Dong, dong, ding – Ist der Abendstern am Himmel? Wie kommt es, daß ich nicht sehen kann –

Väterchen Oh, die Fenster sind alle geschlossen, ich will sie aufmachen.

Es klopft außen.

Madhav Was ist das? – Wer ist das? Was mag das bedeuten?

Stimme von außen Öffnet das Tor!

Madhav Vorsteher – ich hoffe, es sind keine Räuber.

Vorsteher Wer ist da? – Pantschanan, der Vorsteher, fragt. Fürchtet ihr euch nicht, solchen Lärm zu machen? – Der Lärm hat aufgehört! Pantschanans Stimme dringt durch. – Jawohl, zeigt mir nur die ärgsten Räuber!

Madhav mit dem Kopf aus dem Fenster Kein Wunder, daß der Lärm aufgehört hat. Sie haben das äußere Tor zertrümmert.

Der Herold des Königs tritt auf.

Herold Unser erhabenster König kommt heute Nacht!

Vorsteher Großer Gott!

Amal Zu welcher Stunde der Nacht, Herold?

Herold Zur Stunde der zweiten Wache.

Amal Wenn mein Freund, der Wachmann, von den Stadttoren läutet »Ding dong ding, ding dong ding« – dann?

Herold Ja, dann. Der König sendet seinen größten Arzt, um nach seinem jungen Freunde zu sehen.

Der Generalarzt des Königs tritt ein.

Generalarzt Was soll das? Wie drückend ist es hier! Macht alle Türen und Fenster weit auf! – Wie geht es dir, mein Kind?

Amal Es geht mir sehr gut, Doktor, sehr gut. Ich habe keine Schmerzen mehr. Wie frisch und frei! Nun kann ich alle Sterne aus dem Dunkel hervorblinken sehen.

Generalarzt Wirst du dich wohl genug fühlen, um das Bett zu verlassen, wenn der König nach Mitternacht kommt?

Amal O gewiß, ich sehne mich schon so sehr lange herumlaufen zu dürfen. Ich will den König bitten, mir den Polarstern zu zeigen. Ich muß ihn oft gesehen haben, aber ich weiß nicht genau, welcher es ist.

Generalarzt Er wird dir alles erklären.

Zu Madhav

Sorge, daß überall im Zimmer Blumen sind, wenn der König zu Besuch kommt.

Auf den Vorsteher weisend.

Diesen Menschen können wir hier nicht brauchen.

Amal Nein, laß ihn hier, Doktor. Er ist ein Freund. Er hat mir den Brief des Königs gebracht.

Generalarzt Nun gut, mein Kind. Er mag bleiben, wenn er ein Freund von dir ist.

Madhav Amal ins Ohr flüsternd

Mein Kind, der König liebt dich. Er will selbst kommen. Bitte ihn um eine Gabe. Du weißt, wie kümmerlich es um uns bestellt ist.

Amal Sorge dich nicht, Onkel. – Ich weiß schon, um was ich ihn bitten werde.

Madhav Um was denn, mein Kind?

Amal Ich werde ihn bitten, mich zu einem seiner Postboten zu machen, daß ich weit und breit umherwandern und von Tür zu Tür seine Botschaft bestellen kann.

Madhav sich vor die Stirn schlagend Ach, ist das alles?

Amal Was werden wir dem König anbieten, Onkel, wenn er kommt?

Herold Er hat gequollenen Reis bestellt.

Amal Gequollenen Reis! Siehst du, Vorsteher, du hattest recht. Du hast es gesagt. Du wußtest alles besser als wir.

Vorsteher Wenn ihr zu mir nach Hause schicken würdet, könnte ich wirklich trefflich alles für die Ankunft des Königs besorgen –

Generalarzt Tut alles nicht not. Seid nun alle still. Der Schlaf kommt über ihn. Ich will an seinem Bett sitzen; er schläft ein. Blast die Öllampe aus. Laßt nur das Sternenlicht hereinströmen. Seht, er schläft.

Madhav zu Väterchen

Warum stehst du wie eine Bildsäule da und faltest die Hände? – Ich bin so aufgeregt. – Sag, bedeutet dies etwas Gutes? Warum machen sie das Zimmer dunkel? Wie soll denn Sternenlicht helfen?

Väterchen Still, Ungläubiger!

Sudha tritt ein.

Sudha Amal!

Generalarzt Er schläft.

Sudha Ich habe ihm Blumen gebracht. Darf ich sie ihm nicht in die Hand geben?

Generalarzt Ja, das darfst du.

Sudha Wann wird er aufwachen?

Generalarzt Wenn der König kommt und ihn ruft.

Sudha Willst du ihm für mich ein Wörtchen ins Ohr flüstern?

Generalarzt Was soll ich ihm sagen?

Sudha Sag ihm, daß Sudha ihn nicht vergessen hat.

 

Ende

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