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Das Panorama meines Lebens

Alexander Moszkowski: Das Panorama meines Lebens - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobio
authorAlexander Moszkowski
titleDas Panorama meines Lebens
publisherF. Fontane & Co.
year1925
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071122
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Lichter ringsum

Als ich mir vornahm, einen Lebensbericht zu schreiben, zeigte sich mir in der Ferne ein lockendes Ziel. Ich wollte versuchen, die Entwickelung meiner eigenen Gedanken ins Licht zu setzen, nicht der Alltagsgedanken, die den Alltagserlebnissen entsprechen, sondern der besonderen Ideen, die mich als literarische Person kennzeichnen. Vor mir und in mir sah ich die Möglichkeit einer Darstellung, die den meisten Selbstbiographen fremd bleiben muß, da ihnen ihr Leben nur als eine Kette von Geschehnissen gegenwärtig ist, ohne daß sie imstande wären, von inneren Erlebnissen bis zum Entwerfen von Weltbildern vorzudringen. Wenn ich die Kühnheit bekenne, mir diese Möglichkeit zuzutrauen, so wende ich mich zunächst an diejenige Schar meiner Leser, die sich bereits mit meinen früheren Schriften vertraut gemacht und in ihnen das Besondere meiner Denkweise herausgefunden hat. Ihnen will ich andeutungsweise erzählen, wie diese Ideen mit meinem Werdegang zusammenhingen, mit dem also, was man gewöhnlich, ungenau genug, als die Tatsachen des Lebens bezeichnet. Und vielleicht gelingt es mir, über diese Schar von Lesern hinauszugreifen nach anderen, die ich mir durch eine persönliche Darstellung gewinnen könnte; etwa wenn ich ihnen von meinen Kontakten mit anerkannt bedeutenden Menschen berichte, mit Berühmtheiten, die mich anregten und nachher in geistige Wechselwirkung mit mir traten; die mir vielfach mit lebhaftem Echo zu erkennen gaben, daß sie von meiner Gedankenarbeit mit Genuß und Gewinn Kenntnis genommen haben.

Zu diesem Zwecke wird es unausweichlich, mich mit dem Empfänger meiner Bekenntnisse über die Tonart des Berichts zu verständigen. Es würde auf ein Gerede ohne Beweiskraft hinauslaufen, wenn ich hier die Kokarde der Bescheidenheit aufsteckte. Wie könnte ich meine Probleme als Erlebnisse darstellen, wenn ich nicht auch von deren Eindruck auf andere berichtete, und wie könnte ich von solchen Eindrücken reden, wenn ich mir Gewalt antäte, um die Genugtuung darüber demütig zu vertuschen? Da würde zwischen den Zeilen die Unwahrhaftigkeit hervorgrinsen, und ich käme mir lächerlich vor in der Rolle eines Menschen, der sich künstlich auf den Ton der Gnadenarie stimmt, während er zu ganz anderen Tönen beglaubigte Veranlassung hat. Es muß schon etwas drinstecken in Gedankenarbeiten, die aus der Klausur eines Unzünftigen mit starken Wirkungen hinausdringen, und mir liegt es ob, diese Wirkungen in Evidenz zu setzen, nicht aber sie redensartig zu verschleiern.

Rousseau beginnt seine Confessions mit der Verheißung, er werde sich selbst in der »ganzen Wahrheit seiner Natur« beschreiben, und er bezeichnet dies als ein Unternehmen, das nie vorher ein Beispiel gehabt hat, niemals später einen Nachahmer finden wird. Es mag sehr fraglich erscheinen, ob Rousseaus Programm überhaupt ausführbar sein könnte. Soll sein eigenes Werk als Experimentum crucis gelten, so wäre zu erklären, daß es vielfach das Gegenteil dessen beweist, was zu beweisen es vorgibt. Allein nicht auf die Durchführbarkeit kommt es an, sondern auf den Vorsatz, und dieser muß als unbedingt notwendig vorausgesetzt werden, wenn eine Eigenbiographie mehr werden soll als eine Geschichtsklitterung. Der Vorsatz findet in allen Tatsächlichkeiten des profanen Tages schon genug Hemmnisse. Aber er soll sich bewähren in der Hauptsache, wo die Geistesvorgänge als Momente des Lebens hingestellt werden. Wenn ich also die Überzeugung hege, daß in meinen Entwickelungen bedeutsame Momente enthalten sind, die mir allein gehören und sonst nirgends angetroffen werden, so habe ich diese Überzeugung mit allen mir erreichbaren Mitteln zu begründen, nicht aber sie durch Floskeln der Bescheidenheit zu verdunkeln.

Eine Hauptsache nehme ich vorweg: ich habe mich nie damit begnügt, vorhandene Probleme, sofern sie aus fremder Werkstatt stammten, einfach »darzustellen«, sie dem Leser auf bestmögliche Art zu erläutern. Meine Feder hätte sich gewehrt, wäre ich nicht jedesmal beflissen gewesen, das Problem in ein Erlebnis umzuwandeln, den mir überlieferten Gedankenkristallen zur Erhöhung ihrer Leuchtkraft Facetten anzuschleifen. Das ist keine Äußerlichkeit und beruht nicht auf Vorzügen einer Schreibart oder auf methodisch gepflegter Stilkunst. Autoritäten ersten Ranges, wie der Begründer der Als-Ob-Philosophie Vaihinger, haben mir zu erkennen gegeben, daß ich wie kaum ein zweiter die Fähigkeit besitze, »schwierige Themen leichtfaßlich und elegant zu erörtern«; und als ich gelegentlich ein physikalisches Prinzip bis zu den Grenzen der Paradoxie verfolgte, hob eine andere Universitätsstimme hervor, daß »meine Darstellung sich so vorteilhaft von dem Ton unserer akademischen Philosophie unterscheidet«. Das könnte ich durch hundert andere schriftliche und gedruckte Belege ergänzen; immer mit dem Vorbehalt, daß die Besonderheit meines Vortrags gar nicht möglich wäre ohne die Eigenheit dessen, was ich zu sagen habe; was wiederum darauf zurückzuführen ist, daß mir ein Thema erst dann vortragsreif wird, wenn ich außerhalb seiner Grenzen einen Betrachtungspunkt finde, auf dem ich mich allein fühle. Für mich kehrt das Wort Buffons »le style c'est l'homme« wieder zu seiner Urbedeutung zurück. Es zielt nicht, wie vielfach angenommen, auf die Charakteranlage des Menschen, sondern auf die Summe seines Denkens und Wissens, die als Ergebnis des kombinierenden Scharfsinns kenntlich wird. Und so gewiß jeder, der etwas zu sagen hat, dafür den guten, einzig für ihn passenden Stil findet, so gewiß läßt sich in abstrakten Themen ein schöner eindringlicher Stil nur dann erreichen, wenn der Autor von seiner Warte aus weit über das Thema hinwegzublicken vermag. In der Kurve, die eine Denkarbeit beschreibt, gibt es kein Konkav und Konvex mit verschiedenen Qualitäten nach innen und außen, so daß etwa die äußere Ausdrucksseite glänzend sein könnte, und nur sie allein. Und ich müßte jedes Lob ablehnen, das darauf hinausliefe, mich lediglich als Stilisten, nicht aber als Erkenner gelten zu lassen.

Die Frage »Wahr oder Falsch?«, die Worte im üblichen Sinne genommen, spielt in diesem Zusammenhange keine Rolle. Betrachte ich es doch als mein Lebenswerk, immer schärfer auf das Illusionäre dieser Begriffe hinzuarbeiten, alle Erkenntnis zu relativieren und deren unvermeidliches Zukunftsziel, die Philosophie des Verzichtes, vorauszunehmen. – –

*

Der Mehrzahl meiner Leser ist es bekannt, und in anderem Abschnitt meiner Erinnerungen erzähle ich ausführlich, daß ich vom schöngeistigen Schrifttum herkam, speziell von der Humoristik und Kunstkritik, in deren Gefilden ich mich viele Jahre als Redakteur, Pointenfinder, Satiriker und Feuilletonschreiber getummelt hatte. Oft genug durchbrach ich die nahegesteckten Zaunpfähle der eigentlichen Berufsgehege zu Ausflügen in benachbarte Gebiete, und von der Zeit ab, als man von fin de siècle sprach, verging kaum eine Woche ohne dilettierende Seitensprünge. Meine Abschweifungen ins dramatische Fach will ich in diesem Zusammenhange ganz vernachlässigen, da sie für meine spätere Entwicklung minder erheblich waren als meine Versuche, in wissenschaftliche Gründe hinüberzuwechseln. In der Hauptsache entlud sich mein Drang wiederum in Arbeiten feuilletonistischer Gestalt, die aber unter dem Anschein amüsanter Plaudereien doch auf Tieferes losgingen, ja sogar teilweise sehr schwierige Probleme umspielten, vorwiegend solche, von deren bloßer Existenz meine damaligen Leser – von etlichen Gelehrten abgesehen – gar nichts wissen konnten. Meine Studierwut, kraft deren ich schon als Studio alles mir irgend Erreichbare durchstöbert hatte, kam mir zu Hilfe, und wo ich in Ausführungen, Entdeckungen, Hypothesen großer Forscher auf neue Dinge stieß, die sich mit dem gesunden Menschenverstand nicht bewältigen ließen, da ersah ich die Angriffspunkte für meine Bearbeitung in satirischem und doch auch erkenntniskritischem Sinne. Ich erfand Methoden, um den mir verdächtigen gemeinen Menschenverstand vor den Zerrspiegel zu rücken, der ihm die engen Grenzen seiner Kompetenz, wenn auch in karikierten Linien zurückwarf. Da waren zum Beispiel gewisse Ergebnisse des hervorragenden Wiener Forschers Ernst Mach, die mich mächtig zur Travestie verlockten. Sie lagen mir vor in Form grausamer Tierversuche mit der erstaunlichen Ansage: Hören und Raum-Empfinden sind verwandte Funktionen, gemeinsam eingelagert in den Labyrinthgängen des Ohres. Wie? das Abstraktum »Raum«, etwas so Metaphysisches, Transzendentes, nur als Vorstellungsform Zulässiges, sollte real mit einem Sinnesorgan erfaßbar sein? Und dies sollte erweisbar sein an chirurgischen Experimenten, mit kleinen blöden, künstlich verstümmelten Vierfüßlern? Sofort ergab sich mir ein frappantes Gegenbild: der Princeps Philosophorum, mit seiner Raum-Analyse ad absurdum geführt durch ein niedliches, auf der Folter befragtes Nagetier. Und ich entwarf eine ziemlich respektlose Skizze »Kant und das Meerschweinchen«, die den Zeitungslesern sehr komisch vorkam, wenn sie darin auch mehr Scherz und Ironie als tiefere Bedeutung wahrnahmen. Mach gegenüber war diese philosophische Schnurre recht bedenklich, und ich mußte erwarten, daß er meine Groteske entweder ignorieren oder mit magistralem Ordnungsruf bestrafen würde. Aber der gefeierte Mann nahm meinen wissenschaftlichen Schwank sehr gnädig auf, mit liebenswürdigem Dank, der freilich in eine für ihn charakteristische Verklausulierung ausklang. Sein Brief vom Jahre 1907 schloß: »Anfangs der fünften Spalte begegnete ich aber einer starken Überschätzung meiner Leistungen, die ich nicht ohne Gegenbemerkung lassen darf. Zwar habe ich zur Entwickelung der betreffenden Ansichten mein Teil beigetragen, dieselbe ist aber doch das Ergebnis der Arbeit einer ganzen Generation von Physiologen. Auch auf anderen Gebieten blieb der Erfolg meiner Arbeit hinter dem angestrebten und erreichbaren Ziel weit zurück. Mit nochmaligem Dank, in ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebenster Dr. Ernst Mach.«

Dieses kurze Schreiben zeigt ihn wie so manche seiner Kundgebungen in der Abwehr eines Ruhmes, den die ganze Welt ihm darbringt. Ich hatte ihn in einer Studie wesentlich als Philosophen in Anspruch genommen, als den ragenden Exponenten einer Schule, deren biologische Taten in seinem Denkerkopf ihren höchsten Ausdruck finden. Allein Mach wollte um keinen Preis Philosoph sein, oder auch nur heißen, und er selbst bezeichnet sich in einem seiner grundlegenden Werke als »streifenden Sonntagsjäger« auf philosophischen Gründen. Vielleicht war ich der erste, der es ketzerisch unternahm, das Kennwort Mach gegen Kant und dessen A-priori-Begriffe auszuspielen. Wir sind heute weiter, in die Kategorientafel wird Spalt auf Spalt gerissen, und eine nicht mehr ferne Zukunft wird den Zusammenbruch des ganzen A-priori-Gebäudes erleben. Dann möge irgend ein Spürer auf meine schalkhafte Darstellung zurückgreifen, um als die Ahnung eines satirischen Außenseiters aufzuzeigen, was später zum Gemeingut des Wissens gehören wird: nämlich daß die Macht des »Alleszermalmers« Kant ihre Schranke findet am Geisteswerk des Ernst Mach.

Nachhaltig beschäftigte mich in jenen Jahren die Frage nach der Denkbarkeit anderer Welten mit veränderter Physik und Mathematik, und da ich gar nicht anders konnte, so griff ich wieder nach den Mitteln der Humoristik, um dergleichen auszumalen; zum Jokus vieler Leser, denen ich zugleich ein Rätselspiel aufgab: ist das alles nur Bizarrerie eines auf gedankliche Abenteuer ausziehenden Journalisten, oder steckt dahinter die Ansage einer wissenschaftlichen Zukunft? Der Begriff einer vierdimensionalen Raumzeitwelt war damals noch so gut wie unbekannt, mir jedenfalls nicht begreiflich vordoziert, allein wenn ich mir heute meine gewagte Schnurre überlese, so sehe ich ihn doch darin auftauchen. Was mir vorlag, war eine kurze Andeutung von Henri Poincaré und ein flüchtiges Exzerpt aus Leonardo da Vinci, das sich mit der Geradlinigkeit des Lichtstrahls beschäftigte. Hieraus gestaltete sich ein launisch-lehrhaftes Abenteuer mit den Personen Faust und Mephisto. Und das Problem wurde mir derart zum Erlebnis, daß ich selbst zu begreifen anfing, während ich mich beim Drauflosschreiben mit Faust in eine perverse Satanswelt verbiesterte. Ich berauschte mich an einer Phantastik, die ich mir formal selbst aufgeschlossen hatte, und ich erlebte Entdeckerfreuden, wiewohl ich nur szenisch improvisierte. Meine theatralische Prämisse strotzte von Blasphemie: Verlohnt es (im Sinne Goethes), einen tiefgründigen Forscher wie Faust seinen Kummer wegen des Nichtwissens in die Welt hinausstöhnen zu lassen, ihm den scharfsinnigsten Teufel beizuordnen, um das auf Erkenntnisdrang angelegte Drama in eine Weibergeschichte auslaufen zu lassen? aus geistigem Ringen ein flirtendes Blättergezupf abzuleiten, eine Tändelei vor dem Spiegel, eine Animierkneipe im Garten, ein Saufgelage im Keller, während der problemdurstige Held im entscheidenden Moment des Blutpaktes gar nicht auf den Gedanken gerät, dem Höllenfürsten als Preis des Seelenopfers das letzte Wissen abzuverlangen? Aber der bornierte Scholar in der Schülerszene ist ja erkenntnisgieriger als der große Faust, er fragt doch wenigstens, während der Magier die einzige Gelegenheit, vom Transzendenten etwas zu erfahren ungenützt verstreichen läßt! Hier setzte meine Zauberszene ein, mit dem Globus in Faustens Studierzimmer. Mephisto, anstatt sich auf opernhafte Charlatanerien einzulassen, verwandelt sich und Fausten in zwei winzige flächliche Lebewesen, die auf diesem Globus und in seinem Bauche eine Promenade unternehmen, einen Spaziergang, der abenteuerlicher ausfällt als alle Weltumseglungen. Was leistet für die Erkenntnis der Flug auf dem Zaubermantel, auf dem Luftomnibus zwischen Wittenberg und Leipzig? Nichts. Hier aber, auf dem Studierglobus, ergibt sich in aller Kürze und mit zwingender Logik die Existenz einer Nicht-Euklidischen Welt, also das Fundament einer Einsicht, die für das Denken der Zukunft noch wichtiger wird, als die Kopernikanische Lehre. Faust, am Südpol stehend, wird vom Mephisto am Nordpol angerufen: schreite gradlinig zu mir! Seine organisierte Schulweisheit fesselt ihn an den Grundsatz: durch zwei Punkte kann man nur eine einzige Gerade gehen lassen. Aber hier erlebt er das mathematische Wunder. In seinem Bewußtsein hat sich die gerade Linie zum Kreisbogen transfiguriert; lediglich die Qualität der Kürze wird entscheidend, und so entdeckt er, daß ihm Mephistos Befehl auf unendlich vielen geradlinigen Wegen ausführbar wird. Im Innern des Globus herrscht eine neue, zunächst willkürlich postulierte, aber in sich widerspruchslose, also mögliche Physik. Im Zentrum der Kugel glüht eine höllische Hitze, die sich graduell abkühlt bis zum absoluten Kältepunkt an der Oberfläche. Die beiden Wanderer folgen in Ausdehnung ihrer Gliedmaßen genau und proportional dieser Temperaturschwankung. Ihre Schritte vom Mittelpunkt zur Peripherie werden kleiner und kleiner bis zu Null. Faust weiß von früher her, daß sein Globus sehr endlich ist, nur einen Fuß im Durchmesser hält, und nun erlebt er in derselben Kugel ein ungeheuerliches Ausmaß, da er die Peripherie niemals erreicht, selbst wenn er bis ins Unendliche fortwandert. Um ihn versinkt das Euklidische Universum, ihm öffnet sich ein neues Weltbild mit neuer Geometrie und neuer Erfahrung. Jetzt zum erstenmal wird er wirklich klüger als all die Doktoren, Magister und Pfaffen kraft eines satanischen Vorgangs, der ihm doch Höheres bietet als die hexenspielerischen Künste der Puppenkomödie und des klassischen Dramas. Jetzt entdeckt er auch auf den Spuren Leonardos eine neue Optik, ihm offenbart sich das Geheimnis des gekrümmten Lichtstrahls, sein Blutpakt mit dem Teufel empfängt endlich transzendenten Sinn.

Als ich dies szenisch und dialogisch gestaltete und mich dabei intensiv in die gespenstische Rolle des Faust hineindachte, geriet ich in eine Geistesschwelgerei, die ihren Antrieb noch aus einer besonderen Wahrnehmung herausholte. Ich fühlte in mir lustvoll die Fähigkeit, die Darstellungsmittel farbig zu variieren, einen wissenschaftlichen Gegenstand aus der Region abstrakter Buchweisheit in eine Zone literarischer Gemeinverständlichkeit zu verpflanzen. Sie verloren dabei freilich die exakte Strenge, aber sie gewannen Leuchtkraft. Lichter ringsum! Die konnte man in Scheinwerfern auffangen, wenn man die Möglichkeit erspähte, den Erkenntnissen literarisch, phantastisch, dichterisch beizukommen. –

Zu meinen Lieblingsproblemen gehörte schon damals die Aufdeckung der egozentrischen Ansicht in aller Weltbetrachtung. Ich erfand mir einen Tierkongreß, dessen Kreaturen bei Meister Aesop die Gabe des Redens, bei Pyrrhon die Skepsis und von Darwin und Nietzsche die Motive ihrer Debatte entlehnten. So erzielte ich die Methode des Beweises, der bei aller Scherzhaftigkeit der Form den Kern der Sache drastischer traf, als eine philosophische Erörterung des Themas von der Hinaufpflanzung der Arten bis zum Menschen, als der Krone der Schöpfung. Wir stecken mit der Auswirkung solcher Beweise auch jetzt noch in den primitivsten Anfängen, und Goethes Satz »der Mensch begreift niemals wie anthropomorphisch er ist« gilt noch heute so stark wie nur jemals. Die moderne Zoologie und Anthropologie, ja sogar die exakten Wissenschaften strotzen von Anthropomorphismen, von falschen Vermenschlichungen, und dies erkenntnisfeindliche Gewimmel wird sich erst dann zum Verschwinden reif machen, wenn der Mensch die Schatzkammer seines Denkens, seine eigene Sprache, als die Gräberstätte unzähliger Begriffsleichen aufzufassen imstande ist. Wird es je gelingen, den archimedischen Punkt außerhalb der Anthropomorphismen zu erreichen? Das halte ich für ausgeschlossen, allein möglich bleibt die Annäherung an diesen Punkt, die Einstellung des Bewußtseins auf solche Möglichkeit. Unter den Näherungsmethoden mag die von mir probierte dialogisch-feuilletonistische an unterster Stelle stehen, aber sie bezeichnet bereits mit Deutlichkeit die Richtung. Und die Rangstufe meines launigen Versuchs kann mir ziemlich gleichgültig sein, wenn ich dagegen halte, auf wie spärliche Vorarbeit ich mich stützte, als ich ihn entwarf. Meine sprechenden Tiere also, mit dem Programm »Das Übervieh«, verfolgten scheinbar die Linien Darwin-Haeckels und Zarathustras, um ausfindig zu machen, wie sie sich vom niedern animalischen Typus zum höheren und höchsten emporzüchten könnten. Ihre Kongreßdebatte spitzte sich zu Aphorismen, die um so bissiger gegen das Allerweltsdogma von der Überordnung menschlicher Qualitäten losfuhren, je naiver sie klangen. So entfalteten sie auf ihre Weise Einsichten, die dem Menschenintellekt darum so schwer zugänglich werden, weil er sich auf ein faulig gärendes Begriffslexikon stützt. Natürlich war auch die von mir zurechtgestutzte Tiersprache eine menschliche, allein ich strengte mich doch wenigstens an, aus ihr das floskelhaft-dogmatische fernzuhalten und sie von der Betrachtungsart des menschlichen Hochmuts freizumachen. Und ich glaube, damit einen ganz brauchbaren Untersuchungsgang angeschlagen zu haben. Wenn Protagoras sagte, der Mensch ist das Maß aller Dinge, so forderte er damit keineswegs: er soll es sein. Im Gegenteil, er konstatiert damit nur eine durch Jahrtausende gültige, aber vielleicht überwindbare Denkgewohnheit. Für die Eule ist die Eule, für die Spinne ist die Spinne das Maß aller Dinge; und zum mindesten ist es erforderlich, das Maß aller Lebewesen anzulegen, um durch Vereinigung der Meßresultate zu einer zuverlässigeren Wertung »panton chrematon« zu gelangen. Das kann man nicht, wirft ein Akademiker ein? Dann soll er aber mit seiner Weisheit von Einheit des Kosmos einpacken. Denn diese Einheit wird zur schaurigsten Einseitigkeit, wenn er im Kosmos kein anderes Wertmaß findet, als sein eigenes, willkürliches, von seinen Zufallssinnen abhängiges, immer nur auf das Bezugsystem seines Ego passendes. Zugegeben, daß meine verjährte Studie mit den Versuchstieren Pferd, Löwe, Marabu, Krokodil, Biene, Amöbe nicht ausreichend war, um die Wurzelfäule der Majestätsbegriffe Mensch und Übermensch zu erweisen. Aber ich selbst fühlte mich gefördert, als ich von der breiten Heerstraße abkam in ein feuilletonistisches Gestrüpp, das mich schon deshalb verlockte, weil mir da nicht jeder nachkonnte, und weil es darin nicht langweilig herging. Wiederum gewahrte ich Lichter ringsum, wenn auch meistens schwach leuchtende, wie von Glühkäfern und Irrwischen. Und leicht hätte ich in Morast geraten können, wäre mir nicht ein helles Signal gegeben worden, das mich vor der ungemessenen Fortsetzung dieser planlosen Streifereien warnte.

Planlos waren sie insofern, als sie sich in keiner Weise methodisch aneinanderschlossen. Ich fand Fäden, ließ sie wieder fallen, suchte neue, und begnügte mich im allgemeinen mit aphoristischen Ansätzen, mit philosophischen Splittern, die ich allenfalls so weit schliff, als meine bei den Humorblättern erworbene Technik reichte. Eigentlich war mir ganz wohl im Metier eines Vielschreibers, um den sich viele Zeitschriften bewarben und dem die Symptome zeigten, daß er gern gelesen wurde. Meine Skripturen gediehen ins Massenhafte, und nicht eine einzige – ich erwähne dies als ein Kuriosum – blieb mir ungedruckt liegen. Manchmal vereinigte ich eine Reihe zu einem schmalen Bändchen, und in der Regel fanden auch diese auf den Allerweltsgeschmack zugeschnittenen Sammlungen ganz guten Absatz. Eigentliche Verlagsschwierigkeiten blieben mir fern, ich verdiente mir einen bescheidenen Haushalt und dazu manche hübsche Ferienreise, konnte einen anregenden Kreis interessanter Menschen leidlich bewirten, kurzum, ich fand mein Dasein von einem ausreichenden Inhalt erfüllt.

Aber ich fand neben mir ein Orakel, das anders urteilte. Meine Frau legte Maßstäbe an, denen das Vorhandene nicht gewachsen war, und sie war unablässig bemüht, mich zu stärkeren Anforderungen an mich selbst zu ermuntern.

Sie erstrebte dabei keineswegs eine höhere Lebenshaltung durch gesteigertes Verdienen. Sie wußte genau, daß die Humoristik im unausgesetzten Dienst der Presse meine gute Versorgerin war, und sie drängte mich keineswegs zu den Lorbeeren und Tantiemen der Lustspieltheater. Aber sie hielt meine vielfachen Abstecher ins Leichtwissenschaftliche für wesentlich genug, um mir auf diesem Gebiete den Trieb nach Vertiefung einzugeben. Und während mir meine kleinen, erkenntniskritisch gefärbten Arbeiten genügten, betrachtete sie sie nur als vorläufige, tastende Studien zu erheblicheren Leistungen. So wie meine Artikel da herauskamen, selbst wenn sie bei Wissenschaftlern Beachtung fanden, erschienen sie ihr als leichtgewogene Produkte, engbrüstig und kurzatmig. Und sie wurde nicht müde, mir entferntere, höhere Ziele vorzuhalten, solche, die nicht zu erreichen waren, wenn man sich unterwegs verzettelte, die vielmehr konsequente Arbeit in erweitertem Rahmen voraussetzten. Meine festen Verbände mit den florierenden Blättern sollte ich nicht lösen; aber mir daneben ein Terrain schaffen, auf dem ich mich von den lässigen Gewohnheiten des penny-a-liners befreite. Jedenfalls hielt sie es nicht für erwünscht, Kunstkritik, Ästhetik und Philosophie in kurzen Brocken zu verhökern, wenn einer, wie sie meinte, das Zeug hätte, in literarischem Sinne »Auch-Einer« zu werden.

Sie war zu ihrem Einspruch in mehrfachem Betracht legitimiert. Erstlich wäre ich überhaupt ohne sie niemals ein Problemaufsteller geworden. Ich bedurfte ihrer persönlichen Nähe, um in meinem Gedankenkreis Aufgaben höherer Ordnung zu wittern, und ich empfand die von ihr ausgehende Anregung wie die Wirkung eines Katalysators. Wie dieser auf Substanzen verändernd wirkt durch seine bloße Gegenwart, ohne eigentlich bei der Reaktion chemisch in Mitleidenschaft gezogen zu werden, so gibt es Menschennaturen, die bei anderen einen Geistesprozeß einleiten oder beschleunigen, ohne daß ihre Hilfe sich auf eine bestimmt angebbare Tätigkeit zurückführen ließe. Sie sind einfach da und verbreiten um sich ein Aktionsfeld. Ich las etwa die tiefgründige Abhandlung eines in Formeln festgefrorenen Professors und bemerkte auf der eisigen Kruste Spuren, die zum Verfolg der Sache auf meine Weise einluden: so hätte ich sie dennoch in vielen Fällen nicht verfolgt, ohne die Möglichkeit, das Thema mit meiner Gattin gesprächsweise anzuschlagen. Vielleicht eher monologisch als debattierend, nur meinem Drange nachgebend, etwas, das mir begreiflich zu werden anfing, auch ihr irgendwie nahezubringen. Gleichviel, ob mir dies gelang, ja sogar gleichviel, ob das Thema an sich sie sonderlich interessierte, ich selbst merkte, daß ich damit der Sache und meiner Absicht näher kam, und wenige Minuten der Ansprache an meine Frau brachten mich oft weiter, als eine Stunde in Klausur. Vollends spürte ich dies, wenn ich irgendwo auf Widerspruch stieß, oder auf Mißverstehen, denn dann lag mein erstes Problem schon darin, den Widerspruch zu besiegen, oder die Technik meiner Erklärung zu steigern. Und bei solchen halb mono-, halb dialogischen Erörterungen sprang mir oft genug zu meiner eigenen Überraschung die Methode auf, den Gegenstand neu zu beleuchten, die sich später für meine Zwecke als die allein brauchbare erwies.

Zu diesem katalysatorischem Vorgang gesellte sich ferner ein direkter Einfluß. Sie übte Kritik mit intuitiver Einfühlung in den Gegenstand, und da sie gewöhnlich mein erstes Publikum war, so fand ich in ihrer Zustimmung oder Ablehnung oft genug einen zuverlässigeren Gradmesser als in meiner eigenen Taxe der gerade vorliegenden Arbeit. Es kam wohl vor, daß ich mich über ihren Einspruch hinwegsetzte, aber das geschah dann nicht mit gutem Gewissen, und jedenfalls war mir wohler, wenn mir das Manuskript im ersten Entwurf ihr Placet eingetragen hatte. Dazu kam, daß sie in vielen gelegentlichen Bemerkungen, selbst wenn diese den Stoff nur nebenher streiften, tatsächlich mit geistreichen, unmittelbar anregenden Einfällen debutierte.

Ich kann mich über ihre Beanlagung unmöglich täuschen, und es liegt mir fern, ihr einen häuslichen Panegyrikus anzustimmen. Sie besitzt nicht das mindeste Talent zu irgendwelcher schriftstellerischer Betätigung, und sie wäre niemals imstande gewesen, auch nur die kleinste Erzählung, die winzigste Skizze druckreif zu gestalten. Von einer Erfindung aus eigenem Antrieb ist bei ihr nicht die Rede, und so viel sie auch gelesen, erfahren und im Gedächtnis aufgespeichert hat, spürte sie doch niemals den Wunsch, irgend eine Spur selbständig aufzunehmen. Unter den Frauen und Mädchen, die in unserem Lebenskreis auftauchten, befindet sich eine ganze Anzahl, die auf Anerkennung ihrer Kopfarbeit Anspruch machen darf, sei es in Produktion oder in beruflicher Verwertung ihrer Kenntnisse. Da ist eine, die Plato-Exegesen ausführt, eine Kunsthistorikerin, eine Chemikerin, eine ganze Reihe von Damen, die im Felde der Redaktion, des Theaters, des erzählenden Schrifttums ihre Erfolge fanden; ganz ungerechnet die große Schar der ausübenden Künstlerinnen, von denen etliche Weltruf erlangten. Also mit diesen verglichen, ist meine Frau ganz einfach talentlos, es sei denn, man ließe ein ganz besonderes, nirgends zu rubrizierendes Talent gelten, das sich als ein ganz beziehungsloser Scharfsinn kundgibt; eine geistige Fähigkeit, die sich nicht im Entferntesten zu einer Leistung auswirkt, aber immer präsent ist und immer überrascht. Sie entspricht einer Denkweise, die in lauter Unstetigkeiten verläuft, vergleichbar jenen rätselhaften Kurven ohne Tangente, deren Existenz unzweifelhaft ist, ohne daß es jemals gelingt, sie bildlich darzustellen; eben weil zwischen ihren Punkten kein Zusammenhang besteht. Für mich ist diese Denkweise sehr interessant, und ich würde sie, auf meine Lebensgefährtin bezogen, nicht gern mit einer anderen objektiv bessern tauschen wollen. Durch all die Jahre empfand ich in ihren epigrammatisch huschenden Ansätzen einen Spannungsreiz; und es ist nicht ganz paradox, wenn ich sage: gerade das, was ihr zum Talent fehlt in erkennbarer Gliederung und Verbundenheit des Denkens, galt und gilt mir hier als Probe einer wertvollen Eigenart, einer hervorragenden Intelligenz. Bezeichnend hierfür ist das Tempo, in dem meine Bertha Briefe hinschleudert. Während ich mit meiner genügend erprobten Schreibtechnik überlege, druckse, Federhalter kaue, saust sie mit einer huschenden, ganz undisziplinierten Handschrift übers Papier, ohne auch nur eine Sekunde zu stocken, und mitten in den Banalitäten ihrer Mitteilungen stieben Funken auf, die sie selbst gar nicht bemerkt, während sie den Empfänger verblüffen. Rede und Schreibe ergeben sich ihr aus dem Stegreif, sie improvisiert ohne Anlaß und Absicht, aber ich glaube, in der schönen Korona bedeutender Männer unseres Verkehrs waren immer etliche, die sich wesentlich durch ihre Improvisationen an unseren Gesprächstisch gebunden fühlten. Ich ergänze noch zur Kennzeichnung, daß sie bei recht mangelhafter Kenntnis fremder Sprachen, wenn es darauf ankommt, mit rapider Geläufigkeit englisch, französisch, italienisch spricht; sie setzt sich über alle Lücken des Vokabulars mit derselben Unbedenklichkeit hinweg wie über die ihrer Argumente, wenn sie mich auf gut deutsch bearbeitet. Letzten Endes behält sie, wenigstens mir gegenüber, als äußerstes Argument den Trumpf ihres Willens, der sich in der Debatte suggestiv durchsetzt. Ob sie dabei immer recht hat, erscheint mir sehr zweifelhaft; daß sie recht behält, ist sicher.

*

Um auf die Hauptsache zurückzukommen: in der Frage, ob ich meine Produktion auf einen breiteren Boden stellen sollte, hatte sie mit mir nicht viel zu kämpfen. Vielmehr war ihre Katalyse in diesem Falle nur die Beschleunigung eines Prozesses, der sich ohne ihr Zureden vielleicht um einige Jahre verzögert hätte. Sie holte aus mir einen Vorsatz heraus, der wohl nur auf den Anruf gewartet hatte, um aus dem Unterbewußtsein hervorzukommen. Jedenfalls begann ich mich jetzt mit einem Problem zu beschäftigen, dessen Bearbeitung ein größeres Format beanspruchte. Ich griff die Aufgabe an, zu untersuchen, ob die Kunst ein ewiger Bestandteil der Kultur wäre, oder an zeitliche Grenzen gebunden. Und ich schrieb darüber im Zeitraum weniger Monate ein Buch: »Die Kunst in tausend Jahren«, das die ketzerische These vertrat: die Kunst ist eine Episode.

Ich mußte mich auf Verlagsschwierigkeiten gefaßt machen, wie jeder sogenannte »freie Schriftsteller«, der zum erstenmal eine ernste Arbeit an den Mann bringen will. Denn an dieser Freiheit klirrt die Kette des Vorurteils, und durchschnittlich ist der durch feste Verträge gefesselte Autor viel unabhängiger als sein Kollege, der die Freiheit besitzt, zu schreiben, was er will, und dafür mit seinen Werken sitzen bleibt, der allerdings weniger gedrückt, aber auch weniger gedruckt wird. Hier nun hatte ich Ursache, dem Geschick dankbar zu sein, denn ich kam schon beim ersten Angebot vor die rechte Schmiede: die Leipziger Verlagshandlung Alfred Kröner übernahm mein Buch ohne weitere Umstände und brachte es sofort in ansehnlicher Ausstattung heraus. Das war eine famose Einführung, und ich fühlte mich im Selbstbewußtsein angenehm geschmeichelt, als ich mir im Kröner'schen Register die Namen überlas: David Strauß, Eduard von Hartmann, F. A. Lange, Spinoza, Seneca und so weiter – eine recht hübsche Verlagsnachbarschaft für einen Außenseiter. Mir kam zu Hilfe, daß der Titel »Die Kunst in tausend Jahren« sowie der immerhin abenteuerliche Text der Schrift an meine Arbeitsvergangenheit anzuknüpfen schien, wiewohl dieser Vorteil dicht neben dem Schaden auftrat. Denn vor der Lesewelt war ich unweigerlich als Humorist abgestempelt, diese Prägung haftete unabtrennbar am Namen, und die meisten Leser witterten nach Scherzen zwischen den Zeilen bitterernster Kapitel; sie vermuteten Maskerade, wenn der Urheber so vieler im Witzblatt beheimateter, in Vortragsälen und Kabaretts beklatschter Humoresken ihnen philosophisch kommen wollte.

Ich habe weiterhin noch fast ein Jahrzehnt gebraucht, bis es mir gelang, mich in meiner Doppelrolle ausreichend zu stabilisieren; mit dem Ergebnis, daß eine gewisse, nicht nur auf die deutschen Grenzpfähle beschränkte Gemeinde in mir den Philosophen zu hören wünscht, den seine schöngeistig-launige Tätigkeit vor der Gefahr sichert, dogmatisch und langweilig zu werden.

Mir schwebt in dieser Hinsicht ein Musterbild vor, ein einziges, unerreichbares. Man wird mir nicht die Geschmacklosigkeit zutrauen, mich irgendwie mit dem großen Gustav Theodor Fechner vergleichen zu wollen. Aber ich muß ihn hier nennen, als das unüberbietbare Paradigma der Verflechtung von Denktätigkeiten, die das gemeine Urteil sonst als weit auseinanderklaffend betrachtet. Die Wissenschaftsgeschichte spricht von ihm wesentlich als von dem Repräsentanten der Psychophysik, deren grundlegendes Gesetz er schuf, sie verweist auf seine hervorragenden physikalischen und naturphilosophischen Werke und läßt nur nebenher einfließen, daß er unter dem Decknamen Dr. Mises allerhand Gedichte und Schnurrpfeifereien vom Stapel gelassen hat. Aber die profunde Forschung und der lose Schwank waren in ihm eng verbunden, nicht nur durch die Einheit seiner obendrein mit Tragik geschlagenen Persönlichkeiten, sondern vornehmlich auch dadurch, daß sie sich in ihrer Wesenheit wechselseitig bedingten und ergänzten. In seinem genialen Werk »Zend-Avesta«, das ein grandioses Weltbild entwirft und streckenweis die Kennzeichen einer fast biblischen Weihe trägt, kommt mitten in kosmischen Betrachtungen von höchstem Schwunge neben Fechner der Dr. Mises zu Worte mit einer reizenden Pointe in Versen: Ein zweites Firmament wird angesungen, worin die Fledermaus als »Mäuse-Engel« einen ebenso drolligen wie treffenden Beitrag zum Kapitel vom Anthropomorphismus liefert. Fechner selbst hat in einer Selbstkritik bekannt, daß es ihn mehr zur Kunst als zur Wissenschaft zöge, und daß er sich größte Mühe gäbe, pikant und witzig zu schreiben. Und es ist wohl noch gar nicht ausgemacht, worauf er größeren Wert legte, ob auf seine Schrift über die Seelenfrage, oder auf seinen wissenschaftlich gefärbten Ulk »Warum wird die Wurst schief durchschnitten?« Jedenfalls bleibt Fechner unter den Professoren ein Unikum, und seine verflechtende Sonderart würde als eine Anomalie dastehen, wenn sie nicht eigentlich die natürlichste Sache von der Welt wäre.

Für mich liegt die Nutzanwendung lediglich darin, daß beides sich gut miteinander verträgt. Wenn einer überhaupt die facultas philosophandi in sich spürt, so wird ihm die Gymnastik an den Kletterstangen des Witzes auch diejenigen Kräfte stählen, die er in reingeistiger Arena braucht. Die Seltenheit des Zusammentreffens bedingt freilich Schwierigkeiten, insofern das Publikum durch Jahre an den Ernst der Hauptübung nicht recht glauben will. Da heißt es denn, in Geduld durchhalten.

So mochten denn auch viele Leser beim Erscheinen meines Erstlings mir nicht über den Weg trauen und in seiner Beweismethode bewußt angelegte, sophistische Fallstricke argwöhnen. Aber das Thema vom Verfall der Kunst interessierte an sich und erregte in der Presse lebhafte Kundgebungen für und gegen. Es war, als hätte es in der Luft gehangen und hätte nur auf eine Hand gewartet, die es herunterholte. Als symptomatisch erwähne ich, daß bald nach meiner Schrift andere herauskamen, deren Urheber mit modifizierten Beweisen genau auf dieselben Prognosen lossteuerten. Und noch weit später fand ich in Spengler's mit Recht berühmten Buche vom Untergang des Abendlandes Spuren gewisser Motive, die ich bereits in meinen Ausführungen ziemlich erkennbar angeschlagen hatte. Meines Erachtens stehen wir allesamt mit diesen Motiven erst im Anfang der Erörterung, und meine heutige Prognose geht dahin, daß das Gesamtthema erst in fünfzig oder hundert Jahren seine brennende Aktualität gewinnen wird.

Was mir selbst in jenen entlegenen Tagen als Vorarbeit zu Gebote stand, war dürftig genug. Eigentlich konnte ich nur in der Linie eines Gedankens fortwandeln, der von Herbert Spencer aufgestellt ist aus Erwägungen Darwinscher Art in Übertragung auf die Künste. In der Urstufe der Erkenntnis liegt das Nützlich und Schädlich, woraus die Begriffe Schön und Häßlich als biologische Derivate erfließen. Ich konstruierte daraus die neue Vorstellung »Jenseits von Schön und Häßlich« als die Dominante meines Buches, die freilich mit den Lehren aller vorhandenen Ästhetiken scharf dissoniert. Es ist natürlich in einem abkürzenden Rückblick nicht angängig, den ganzen an dieser Voraussetzung hängenden Frageknäul aufzurollen. Ich möchte aber feststellen, daß sich gerade aus Künstlerkreisen im letzten Dezennium viele, sehr viele Stimmen vernehmlich machten, die mir wie ein Echo meiner Ansagen klingen. Die Wahrscheinlichkeit ihrer Bewährung wächst im Quadrat der Zeit. Und da mein Limitum »in tausend Jahren« ohnehin nur als Sprachformel zu nehmen ist für »dereinst«, so wird wohl der bösartige Satz »die Kunst ist eine Episode« in einer erlebbaren Zukunft seinen ketzerischen Charakter abstreifen.

Die Betrachtungen über das Dereinst erforderten vielfache Umwege über die Gehege der Physik, Technik, Optophonie, Historie und Biologie. Es war aber auch unerläßlich, das Jetzt mit dem Früher in Parallele zu setzen. Und da blieb mir nichts übrig, als auf Grund subjektiver Werturteile einen Tribut zu bringen, den meine eigene Natur mir abverlangte. Wenn ich mich als Lober der Vergangenheit bekannte, so war das, theoretisch genommen, nicht ganz konsequent, und als laudator temporis acti muß ich diesen Vorwurf auf mir sitzen lassen, auch in Ansehung meiner späteren Bücher einschließlich der hier vorliegenden Lebenserinnerungen. Denn das Preisen irgendwelcher Zeit auf Kosten einer anderen verträgt sich schon nicht mit dem elementaren Jenseits von Gut und Böse. Man kann aber trotzdem die Behauptung vertreten: Die Summe der Kunstgenüsse war ehedem größer als heute, in der Renaissance schwerer als in der Folgezeit, und es ist sehr unwahrscheinlich, daß das Genuß-Integral des neunzehnten Jahrhunderts von dem des zwanzigsten an Mächtigkeit erreicht werden könnte. Der stillschweigende Vorbehalt lautet: wo wir ein Manko wahrnehmen, wird es anderweitig kompensiert, aber da diese Kompensationen im Unerkennbaren liegen, so halten wir uns an die deutlichen Gegebenheiten des Gefühls. Darüber hilft keine Philosophie der Welt hinweg. Es entsteht eine Antinomie zwischen Verstand und Empfindung, die wir nur durch eine sozusagen poetische Lizenz überwinden. Nietzsche schrieb das Jenseits von Gut und Böse und postulierte dennoch von der Zukunft den Übermenschen, also den »besseren« Zustand; Schiller, der an das Recht des Lebenden glaubte, klagte trotzdem »es gab schönere Zeiten« und ward mit dem Sehnsuchtsruf »da ihr noch die schöne Welt regieret« zum laudator temporis acti. Die Vorstellung vom goldenen Zeitalter, vorgebildet von Hesiod, Ovid und Vergil und dichterisch unbedingt der Vergangenheit zugewiesen, schlägt durch alle Hinaufpflanzungsideen hindurch, nur daß auf den Betrachter eine Gefahr lauert, falls er es nämlich wagt, die nämliche Vorstellung seiner Kunstbetrachtung nutzbar zu machen. Hier gerät er an den kritischen Punkt, wo ihm der Dämon Fortschritt entgegentritt und das Dogma »Hinauf!«.

Nun schließt sich ein Trotzdem ans andere. Mit dem einseitigen Liebesblick in die Vergangenheit kann man nicht die Zukunft begreifen – das scheint einleuchtend. Und trotzdem, behaupte ich, kann einzig dieser Blick erkennen, wohin die Reise geht. Versuch's, ruft mir das Dogma entgegen, und mit deinen Beweisen von der Ars moribunda wirst du vor den Augen aller Fachleute als ein Rückständiger dastehen. Ich hab's versucht, und von den Fachleuten haben mir Ganzmoderne, Pioniere der Zukunft zugestimmt; trotzdem!

Schon der Titel meiner anschließenden Abhandlung »Ein verlorenes Paradies« zeigte an, daß ich, weit entfernt, ein Versteckspiel zu treiben, den Duktus meines Erstlings aufrecht erhielt und die Tonart sogar noch verschärfte. Dem umfangreichen Essay entnehme ich hier nur einige wenige Zeilen als notwendigen Auftakt zu den Erklärungen großer Meister, die sich ungeachtet ihrer Modernität dem »Rückwärtsler« vollkommen anschlossen.

In einem Exkurs auf neuzeitliche Erlösungs-Symphonik hieß es beiläufig: Der Kernpunkt liegt offenbar darin, daß der Altklassiker mit greifbaren, plastischen Themen arbeitet, die ihm ungerufen zuströmen und sich unter seinen Händen zu klingenden Gebilden aufbauen; fast ohne sein Dazutun, wie angehaucht von einer komponierenden Naturmacht, die sich zur Verwirklichung ihrer platonischen Ideen eines beglückten Interpreten versicherten. Wo soll da eigentlich die rechte Verzweiflung der Heldenseele herkommen? Woher die prometheische Qual in der Fülle der Lustempfindungen, die solche nie aussetzende Inspiration gewährt? In dieser Hinsicht treten die Tausendkünstler von heute mit ganz anderen Beglaubigungen auf. Ihnen frißt wirklich etwas am Herzen, nämlich der Komponierdrang um jeden Preis, der unbefriedigte Trieb, die vergebliche Anrufung des heiligen Geistes. Dumpf unter der Schwelle des Bewußtseins wühlt ihnen das Leiden eines Widerstreites, das sie für »faustisch« nehmen, das aber in Wahrheit der Schmerz des Eunuchen ist: die Trostlosigkeit des Nichtvollbringenkönnens mit begehrenden Nerven und unzulänglichen Organen. Die Schärfe dieses Peinzustandes würde ausreichen, um eine Welt mit Weherufen zu erfüllen, sie befähigt nur leider gar nicht für eine Symphonie; am allerwenigsten für Beethoven's Zehnte, und wenn auch auf dem Gerüst zwanzigtausend Künstler sich anstrengten, die Qual des Künstlers in Schallwellen umzusetzen. Denn nicht darin liegt das Wesen dieses Kontrastes, daß der Tondichter einem hochgesteckten Ziel zufliegt, daß er dieses Ziel selbst mit den mächtigsten Flügelschlägen nie zu erreichen vermag, sondern darin, daß er kriecht und hinkt, während Flügel notwendig wären, um überhaupt die Richtlinie ahnen zu lassen. Mit der Größe des Wollens kontrastiert nicht die Kleinheit der Menschennatur, sondern die Kleinheit dieses Gehirns, dem nicht genug einfällt, um ein Lied oder eine Etüde zu bestreiten, und das sich an die symphonischen Möglichkeiten heranwagt mit der positiven Unmöglichkeit, ein ausgiebiges Motiv zu erfinden.

Dieses Mißverhältnis ist traurig, aber nicht tragisch. Und die symphonischen Dramen, die sich hieraus entwickeln, genügen nur einseitig der Aristotelischen Regel der Furcht und des Mitleids, nämlich so wie es ein geistreicher Spötter verstand, daß sie Mitleid erregen mit dem, was der Autor bereits geschrieben hat und Furcht vor dem, was er noch schreiben wird . . .

In dem futuristischen Glaubensbekenntnis hat die Freude ausgespielt. Ich sehe eine Überfülle von Konzerten und Opern mit unzähligen Tausenden höchst aufmerksamer, bis zur Selbstqual geduldiger, lernbegieriger und interessierter Hörer; nur daß sich ihr Interesse ganz einseitig nach der Richtung des Begreifens verdichtet, nicht nach der des Genießens. Selbst wenn ich richtige Erfolge von einst und jetzt zugrunde lege – ich bin leider alt genug, um vergleichen zu können – so komme ich in keiner Sekunde davon los: es ist ein Unterschied zwischen dem Fluidum, das durch eine entzückte Hörerschaft von ehedem wogte und der Welle des gemeinsamen Einverständnisses von heute. In den Beifall ist Automatismus gekommen, und auf den Gesichtern lagert des Gedankens Blässe. Ich sehe mir so einen Beifallspender an und diagnostiziere: die Sache hat ihm nicht viel gebracht, aber er erklärt ein hohes Einkommen an Genuß, um den Kredit nicht zu verlieren. Er markiert Vorgeschrittenheit, letzte Kultur, strammes Mitgehen bis ins Extrem, aber es ist nicht eigentlich die Bürde der Begeisterung, deren er sich entlädt, sondern die Bürde des vier- oder fünfsätzigen symphonischen Ungeheuers, und wenn ich ganz scharf aufpasse, so entdecke ich im Applausgeräusch gewöhnlich ein Untermotiv: Gott sei Dank, daß der Bandwurm zu Ende ist! Im Grunde ist er ein eingeschüchterter, der es sich als moderner Mensch um keinen Preis ansehen lassen darf, wie schwer die Suggestion der Umwelt auf ihm lastet; infolgedessen benutzt er den einzig möglichen Ausweg, indem er die Haltung des Beherzten annimmt und sich mit seinem Evoe in die vorderste Reihe der Bacchanten schiebt. Die Probe auf's Exempel erhalte ich regelmäßig, wenn ich mir so einen Begeisterten privatim vornehme und ihn nach seinem positiven Gewinn befrage. Bitte, schlagen Sie mir auf dem Klavier eine Stelle an, die Ihnen besonders gefiel, ein Motiv, eine Modulation, ein Irgendetwas, das Sie gefangen nahm und Sie beschäftigt; Sie können nicht spielen? Gut, dann singen, summen, pfeifen Sie es, nur zum Zeichen, daß ein Niederschlag in ihnen haften blieb. Fast regelmäßig stoße ich auf ein Vakuum. Der Mann erklärt eidesstattlich seine Begeisterung, aber er hat nichts gegenwärtig, seinem Gedächtnis hat das Werk nichts gesagt. Und da im Denken wie im Fühlen das Gedächtnis den letzten Schluß und die eigentliche Kontrolle bildet, so erleben wir hier fast durchgängig jenes unheimliche Rätsel einer Folge ohne Grund, einer Wirkung ohne Ursache. Aber die nämliche Person ertappt sich unzähligemal auf Reminiszenzen aus Klassikern und Romantikern von Bach bis zu Schumann und herab bis zu Offenbach, ja sein ganzes musikalisches Bewußtsein, soweit es in ihm lebendig ist und nicht unter einer nebelhaften Doktrin begraben liegt, setzt sich aus solchen Reminiszenzen zusammen; wie ganz natürlich, da das Bewußtsein überhaupt mit der Erinnerung der organischen Mneme eine restlose Einheit darstellt. Demgegenüber flüchtet nun die Ausrede aller Befragten zu einer höchst verschmitzten Formel. Sie erklärt nämlich: In dieser Kunst verliert die Einzelheit ihren Sinn gegenüber dem Ganzen; was man vordem Melodie nannte, oder Thema, oder motivischen Kern, kurz alles fest Umrissene, gleichsam Gegenständliche, das sind olle Kamellen, die man in die Kinderstube verwiesen hat. Wir haben es nur noch mit Gesamtgebilden zu tun, mit Gehörerlebnissen, die symbolistisch, impressionistisch wirken sollen und in denen sich die Einzelheit naturgemäß verliert. Wir wollen nur noch Farben, aber keine Konturen. Wirklich wollt ihr? Da seid ihr ja recht bescheiden geworden! Ihr schraubt euch auf den Urzustand zurück, da die Kunst noch keine bildsame Kraft besaß und erst anfing zu kristallisieren. Habt ihr je eine steinalte Messe gehört, ein Stück aus der vorsintflutlichen Musica sacra, oder eine Komposition der Chinesen, Aschantis, Bantuneger? Da habt ihr das Zerfließende, Ungestützte, Gallertartige in den schönsten Typen; das Ideal der Nichtabgrenzung, das Verschwimmen der Tonalität; kurzum das rein akustische Erlebnis, das durch keine innere Formbestimmtheit gestört wird. Glaubt mir nur, meine Freunde, Impressionismus kommt her von imprimieren, das heißt so wie canis a non canendo, nämlich: was sich auf keine Weise dem Gedächtnis imprimiert, das ist eine Impression. Daher mag es ja auch kommen, daß die richtigen Jakobiner unter den Künstlern immer entschiedener den Anschluß an eine entlegene Vorzeit fordern. Ihr Ziel liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Diluvialzeit. Was sie in mehr oder minder deutlicher Lehre verkünden: Aufhebung der Tonart, Dritteltöne, Vierteltöne bis herab zu Infinitesimaltönen, das sind Anschlüsse an eine Molluskenzeit der Kunst, der alle Kennzeichen entwickelter Kultur fehlen, die Differenzierung, die Selbsttätigkeit getrennter Organe . . .

Solche kritische Leitmotive habe ich so weit ich nur konnte entwickelt, wie gesagt auf die Gefahr hin, in den üblen Ruf eines Reaktionärs zu gelangen; und immer in der felsenfesten Überzeugung, daß nur der aufzuklären vermag, der erkennt, wie stark im Gang der Geschichte die Richtungen ihren Sinn geändert haben, bis zur völligen Vertauschung des Sinnes. Tatsächlich lagen und liegen die Dinge so, daß die Strukturauflöser und Formtöter eine Rückwärtserei schlimmster Art betreiben, und daß der Fortschritt nur noch bei den sehr wenigen liegt, die sich dieser revisio in pejus widersetzen: bei den verschwindenden Melodikern und bei den ganz vereinzelten Ästhetikern, welche sich die Segnungen von Anno Tobak nicht aufzwingen lassen wollen; Segnungen, die zum Fluch werden müßten, wenn sie nur auf dem Umwege über kakophone Verstiegenheit und Stümperei zu erreichen wären. Diese Vereinzelten sind es, welche die zugehörige Schaffensart – auch im Farbengeschmiere und im Dadaismus – bis auf den Grund durchschauen; wo sie dann zwei Hauptelemente zu sehen bekommen: das Unvermögen zur Gestaltung und den Bluff. Beide stehen in engster Fühlung, denn wer wirken will, ohne die ursächlichen Vorbedingungen im Kopf und in der Hand zu haben, der muß eben bluffen. Freilich hat jede Verblüffung einmal ein Ende, allein ich fürchte – und ich gehörte zu den lautesten Rufern des »discite moniti!« –, daß die empfangende Kunstwelt an diesem Ende erst anlangen wird, wenn es zu spät ist; das heißt, wenn keine Baumeister mehr vorhanden sind, kräftig genug, um das wieder aufzurichten, was die pfuschenden Übermenschen eingerissen haben.

Durfte ich mir von meinen Kassandrarufen Widerhall versprechen, ich, der Outsider, dem die organisierte Phalanx der Ganzmodernen gegenüberstand? Die Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß ich in die blaue Luft orakelte, und wenn ich überhaupt beachtet wurde, so mußte ich mich darauf gefaßt machen, von den Zünftigen mit der Fußspitze beiseite gestoßen zu werden. Es kam jedoch ganz anders, und ich erlebte eine Wirkung, die man, bescheiden ausgedrückt, als eine im Kultursinne höchst interessante Tatsache bezeichnen darf.

Ich nenne als spontane Äußerung Worte des Meisters Arthur Nikisch, eines Mannes, der auf den Höhen der Kunst wandelnd den weitesten Horizont überblickte, dessen Taktstab ein Symbol war für die Pflege des Alten wie für das Vorkämpfertum im Felde künstlerischen Neulandes. Zur Genauigkeit der Wiedergabe bemerke ich, daß hier wie durchweg die im Sperrdruck bezeichneten Worte auch in seinem Schreiben durch Unterstreichung hervorgehoben sind.

»Leipzig, den 20. Dezember 1912.

. . . das »Verlorene Paradies« habe ich nun wiederholt mit aufrichtiger Begeisterung und mit unbedingter Zustimmung Ihrer Ansichten gelesen; ich unterschreibe jedes Wort. Und wie sagen Sie das alles! Wie scharfsinnig und geistvoll im Ausdruck, wie meisterhaft in der Form; ja der Stil ist geradezu klassisch! –

Man sollte diesen Aufsatz in Millionen Exemplaren herstellen und jedem gebildeten Menschen als ästhetischen »Haussegen« zur Belehrung und Erbauung ans Herz legen! – Wir werden's ja kaum mehr erleben – aber die Zukunft wird Ihnen Recht geben. So kann's nicht weitergehen!!« –

Der gefeierte Felix Weingartner, als Dirigent weltberühmt, als Komponist und Schriftsteller eine Percy-Natur und ganz gewiß keiner Rückwärtserei verdächtig, nahm fast gleichzeitig mit Nikisch Stellung zu den bewußten Schriften:

». . . Ich habe sie geradezu mit Begeisterung gelesen. An keiner Stelle habe ich die Schäden unserer modernen Kunstentwickelung so erschöpfend und wahrhaftig dargestellt empfunden, wie durch Sie. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen von Herzen die Hand drücke.«

Auch im Kreise der kritischen Berufsgenossen regte es sich. Mancher empfand mir nach, was er geheim in sich trug, ohne es frei bekennen zu dürfen, denn mit der Unabhängigkeit vieler bestallter Vertreter öffentlicher Meinung ist es nicht weit her. Das beruht auf den Nachwirkungen eines Unglücksfalls, den der größte Teil der Kunstkritik vor langen Jahren erlebt hat, und von dem es sich bis heute noch nicht erholen konnte. Also man hatte eine der größten Erscheinungen der Weltgeschichte, nämlich das Richard Wagnersche Kunstwerk mißverstanden, den Umschlag der Entwickelung verfehlt, im Bunde mit führenden Musikern – Rubinstein, Brahms, Joachim, Raff usw. –, die für sich imstande gewesen wären, die öffentliche Meinung zu beherrschen. Aber der Volksgeist entschied gegen alle Autoritäten der komponierenden und rezensierenden Feder mit solcher Nachdrücklichkeit, daß die Gefiederten unter dem Strich umlernen mußten. Als Rückstand dieses weltgeschichtlichen Vorgangs ist ein Leitsatz lebendig geblieben: eine solche Blamage darf sich in aller Welt niemals wiederholen! Die Tragweite dieses kategorischen Imperativs: nie wieder! habe ich in meinen Studien ausführlich behandelt; die monotone Salzflut habe ich geschildert, von der wir eingeholt werden müssen, wenn die Kritik, jenem Imperativ verfallen, keine Deiche mehr errichtet. Und Schutzdämme errichten ist nur möglich im Widerspruch mit den journalistischen Hausregeln, die verordnen, unbesehen mit jedem zukünftelnden ». . . ismus« gemeinsame Sache zu machen, damit sich nur Gottbehüte jenes historische Wagner-Malheur nicht wiederhole. Die große Leserschaft verlangt es gar nicht, aber es wird ihr so lange als ihre eigene Forderung eingehämmert, bis sie es wirklich verlangt. Hier zeigt sich eine Parallele mit der Geschichtsmuse Klio, »die mit der Lüge so durch und durch infiziert ist, wie eine Gassenhure mit der Syphilis«; wobei man hinzufügen müßte, daß das Lügengift zwischen Geschichtsschreiber und Klio immer hin- und zurückwandert: die öffentliche Meinung in Kunstdingen ist ihre Schwester, und sie unterliegt der nämlichen Infektion.

Viele Kritiker überhören ihr innerliches Stöhnen, manche empfinden eine Minute der Befreiung, wenn wenigstens ein anderer, ein Unzünftiger mit klarem Ausruf das bekennt, was innerhalb der Zunft nicht zum guten Ton gehört. Ein ganzes Jahr nach Erscheinen jener Kunstschrift schrieb mir ein hervorragender Obmann der Kritik, den ich hier aus begreiflichen Gründen nicht mit Namen bezeichne: ». . . Ich habe es eben gelesen und finde es scheußlich, – daß ich es nicht geschrieben habe. Alles, was ich mich gelegentlich bemüht habe, brockenweis zu stammeln, das finde ich hier wundervoll vereinigt, mit bezwingender Beredsamkeit und in geistvoller Sprache vorgetragen. Können Sie es mir verdenken, daß ich neidisch bin und das zu können wünschte, was Sie mühelos meistern?« Ich hätte ihm den Ausdruck des Neides zurückgeben mögen; besäße ich auch nur zum zehnten Teil sein Fachwissen und sein Ansehen in der Kunstwelt, so hätte ich zu einem richtunggebenden Werk gestalten können, was bei mir nur Studie blieb; ein Parergon, wie es Fritz Mauthner genannt hat, mit dem Beisatz, daß ihm »selten im Leben etwas eine so ernste Freude verschafft hat wie dieses«. Retrospektiv muß ich feststellen, daß eine weithallende Resonanz dem Parergon versagt blieb, wenn es auch Spuren der Nahewirkung auslöste, auch dort, wo es anfänglich gar nicht zu erwarten war.

Als der Futurismus seine schrillsten Fanfaren blies, erschien ein Künstler auf dem Plan, der wie ich zuvor dem Prinzip des Atavismus nachging. Er verglich die angeblich so fortschrittlichen Neukünste der überkultivierten Maler mit den kindlichen Stammeleien der Naturvölker, bezeichnete die Bilder der Neger und Malayen, die Malereien auf indischen Zeltdächern als das Ideal in Form und Farbe für die Modernsten. Er führte Vergleiche durch mit den Zulukaffern und erhoffte, daß die frivole Nachahmung exotischer Barbarenkunst wieder in einem Winkel der Vergangenheit begraben liegen möge.

Wer erließ wohl dieses Manifest, das sich in Tonart und Motiv so auffällig meinen früheren Betrachtungen über den Atavismus anschloß? Irgendein rückständiger Artist, ein provinzieller Hinterwäldler, den man als Vertreter altmodischer Biedermeierei anklatschen konnte? Ach nein, es war der hochgepriesene Lovis Corinth, der damals persönlich den Zukunftsreigen führte als Präsident der Sezession! Ich hatte von musikalischen Gesichtspunkten in den Soto-Negern das Modell hingestellt, der Verfasser des protestierenden Corinther-Briefes zog noch außerdem die Zulukaffern zu Vergleich heran, und als weitere Ideale empfehlen sich die Aschantis, Hereros, Buschmänner, Papuas und Hottentotten. Prognosen wie die meiner Kunst in 1000 Jahren haben leider nur den Wert der Bestimmung, nicht den der Abwehr, und eine Warnung kann keine Kraft äußern gegen ein Verhängnis, das als Naturgesetz auftritt. Auf dem Wege nach einer künstlerischen Unendlichkeit ergeht es uns wie dem Herrn Lumen, der immer geradeaus mit dem Lichtstrahl reist. Im gekrümmten Raum der vierdimensionalen Welt kehrt der Strahl trotz seiner Gradlinigkeit zum Ursprungspunkt zurück. Der Kreis ist nahe daran, sich zu schließen, und in seinem Verlauf erkenne ich eine Teilerscheinung des allgemeinen Menschheitsweges, der mit illusionären Fortschritts-Signalen besetzt ist.

*

Wenige Jahre nach Veröffentlichung jener Kunststudien begann ich eine andere Ketzerschrift. Ich muß sie wohl so bezeichnen, da sie gleichfalls gegen ein Dogma vorging, das zwar einen persönlichen Mittelpunkt umschließt, aber doch eine universale Bedeutung besitzt. Auch in diesem Buch ist die Außenseiterschaft unverkennbar, denn es behandelt den Sokrates und seine Lehre, also ein Thema, das zu seiner Bewältigung eigentlich eine Lebensarbeit voraussetzt, während ich ihm nur eine relativ karg bemessene Zeitspanne zu widmen vermochte. Hieraus wäre leicht ein Vorwurf herzuleiten, der mit gleicher Berechtigung eine Menge meiner Bücher treffen könnte. Also zugestanden, ich bin nicht einheitlich, und mir fehlt völlig die Eignung, mich in eine Aufgabe so zu vergründlichen, wie es der Fachmann, der Spezialist beansprucht. Unentschieden bleibe vorerst, wer in einem präzisierten Fall das bessere Werk zustande brächte, und zweifelhaft bliebe es im Allgemeinen, ob denn das bessere auch das lesenswertere wäre. In einem Betracht indes scheint die Frage gegenstandslos, da der Spezialist ein Werk, wie es mir vorschwebt, bevor ich noch die Feder ansetze, wahrscheinlich überhaupt nicht schreiben würde. Denn es liegt in seiner Natur und entspricht seinem Wesen, daß er das Vorhandene ausbaut, methodisch vervollständigt oder vertieft, während mich die Lust zum Schreiben erst anwandelt, wenn das Neue, das noch gar nicht Vorhandene oder stets Übersehene seine Lockung nach mir ausstreckt. Diese Verlockungen liegen fast durchweg an der Peripherie der Einsichten, an Punkten der Umgrenzung, die auf systematischen Wegen gar nicht bestimmt, geschweige denn erreicht werden können. Und wenn sich ein peripherisches Problem gestalten soll, das nach Buchformung ruft, so genügt es noch nicht einmal, solche Grenzpunkte zu sehen, auf ihnen Halt zu gewinnen, sondern man muß sich zunächst einem Hasardspiel des Denkens überlassen: wird es möglich sein, die verschleierten Punkte untereinander und mit den bekannten sinnvoll zu verbinden, zwischen ihnen Lichter aufzustecken, die sie sichtbar machen, so daß die Zusammenhänge auch dem Leser einleuchtend werden? Die Treffer in diesem Hasardspiel sind die lohnenden Probleme. Sie sind an sich wichtiger als ihre Lösungen, die immer nur Annäherung sein können und Vorstufen zu weiteren Aufgaben in progressiver Schwierigkeit.

Ich rede hier durchaus von Problemen mit philosophischem Einschlag, nicht von solchen der Technik oder der exakten Wissenschaft, an die man ohne systematische Induktion gar nicht heran kann. Und es fällt mir gewiß nicht ein, mich etwa mit jenen Ergründern zu vergleichen, die in der experimentellen und theoretischen Physik die vorhandene Peripherie durchstießen, noch weniger mit den ganz seltenen, gottbegnadeten, die ein neues Prinzip aufstellten, von dem herab sich deduktiv Probleme in Fülle entwickeln lassen. Aber ich nehme für mich den Satz des Aristoteles in Anspruch »Der Mensch beginnt zu philosophieren, wo er das erstemal erstaunt«, und ich ergänze ihn dahin, daß es eine besondere Facultas des Staunens gibt, über deren Mangel bei sonst bedeutenden Lehrern und Denkern man sich beklagen darf. In meiner Beanlagung finde ich sie stark ausgeprägt. Ich komme aus dem Erstaunen gar nicht heraus, und zu allererst darüber, daß so wenig gestaunt wird. Das von mir behandelte Sokrates-Problem bietet hierfür eine Probe krassester Art.

Wie! Durch zwei Jahrtausende schleppt sich eine Legende durch die Welt, durch alle Schulen und akademische Lehrsäle, durch Millionen gläubiger, in Nachbeterei erstarrter Gehirne, und noch keiner verfiel auf den Gedanken, hier die Sonde anzusetzen und in den Glaubenswust hineinzustechen? Nachzuspüren, ob denn die Zeit nicht endlich reif sei für eine Götzendämmerung, der jener Fetisch, der Obergötzen schlimmster, zum Opfer fallen müßte? Den schlimmsten nenne ich ihn, nicht weil seine Lehre Unheil gestiftet hat, sondern weil der ungeheure ihm gewidmete Kultus von einer ebenso ungeheuren Verblödung Kunde gibt, und weil alle Verachtung, die sich jemals gegen die Göttin Philosophie kehrte, in dieser Verblödung wurzelt.

Wenn ich nun über mein Buch den blasphemischen Titel setzte »Sokrates, der Idiot«, so wußte ich genau, glaubte es wenigstens zu wissen, daß mir die bestallten Hüter der frommen Überlieferung grimmig die Leviten lesen würden.Die Schrift hat den Verlag mehrfach gewechselt. Sie erschien zuerst bei Dr. Eysler & Co., wurde dann mit der »Kunst in 1000 Jahren« vom alten H. Heine-Verlag Hoffmann & Campe unter dem gemeinsamen Titel »Entthronte Gottheiten« vereinigt und landete in dieser Form vor einigen Jahren beim Berliner Verlag F. Fontane &. Co. Schaurig mußte es mir dabei ergehen, falls man nicht etwa meine Schrift auf Rechnung des »Humoristen« setzte und als eine übertriebene Burleske auffaßte, gegen die man nicht ernsthaft zu polemisieren hatte. Aber solche Annahme eines gepfefferten Ulkes verbot sich doch durch die ganze Tonart des Buches und durch die Schärfe des Beweises, der schon seit Plato in der Luft hing und nur einmal mit klaren Worten hingestellt zu werden brauchte, um restlos evident zu werden. Und die Abwehr hielt sich in engen Grenzen. Einige zeitgenössische Philosophen, so Fritz Mauthner und Professor Ludwig Stein wiesen mich nicht ganz sanft zur Ordnung, und bei manchen andern mag wohl das Prinzip bestanden haben, die Schrift zu ignorieren oder mit schweigender Verachtung zu strafen. Dagegen meldeten sich in der Presse vielfach Berufsstimmen, in denen jene Götzendämmerungs-Motive sehr kräftig nachschwangen. Und das geschah sogar in einem Teil der Fachpresse, wie in einer philologischen Zeitschrift, deren magisterlichen Mitarbeitern Sokrates bis dahin sicherlich als ganz unangreifbare Gottheit gegolten hatte. Der Bericht in der offiziösen Norddeutschen Allgemeinen Zeitung war von einem Historiker verfaßt, der einen berühmten Namen vertritt und mit professoraler Gelehrsamkeit in die Platonischen und Xenophontischen Gründe zu leuchten versteht. Er hätte mich barbarisch annageln können, wären in meinen Beweisen Löcher zur Durchtreibung kritischer Nägel offen geblieben. Aber der gelehrte Offiziosus schritt nicht zu solcher Sühne, gab vielmehr deutlich zu verstehen, daß ich selbst den Nagel nicht übel durch die Fadenscheinigkeiten der Sokratischen Diskurse getrieben hätte: »Weil aber die Platonische Feinheit dazu führte, daß Aristophanes, der zeitgenössische Gegner des Weisen, gänzlich überstimmt, Sokrates gleichsam als Denker geheiligt worden ist, so nimmt Moszkowski, ohne Entlehnung übrigens, die Aristophanische Grobheit mutig von neuem auf. Solches muß die Philologen – ob auch die Philosophen? – baß verdreußen, zumal einige gefeierte Deipnosophismen (philosophische Gastmahl-Gespräche) dabei wirklich ins Gedränge kommen . . . Wer den Reiz der Verbindung von Forscherdrang mit attischem Salz zu würdigen weiß, oder wer gar selbst einmal der Verlockung zu umwertender Kritik erlag, der wird sein Vergnügen an dem Spiel des sprudelnden Wildwassers haben, das Moszkowski hier entfesselt.« – Aber warum verwehte denn die Spur der Aristophanischen Polemik? Warum nahmen sie nicht wenigstens Dühring und Nietzsche auf, die großen Zermalmer, die sich hier mit etlichen spottenden Zeilen begnügten, wo noch heute eine Armee von Beweisgründen zur Erstürmung des Götzentempels aufgeboten werden muß? Wirklich zum Staunen, da die wuchtigsten Argumente greifbar nahe hängen für jeden, der auch nur einmal die bewußten Dialoge mit unbenebeltem Kopfe durchzulesen vermag.

Am meisten erfreuten mich Zurufe aus der studierenden Jugend, die der klassischen Eintrichterei müde, hier endlich einmal eine Stimme wie aus ihrem eigenen Unterbewußtsein vernahmen; eine kurzweilige Auseinandersetzung, die mit der Grundregel zwei mal zwei ist vier zwischen Philosophie und »Philosophatsch« zu unterscheiden wußte. Schon früher hatten sich zwischen meiner Arbeit und akademischen Jungmannen Fäden angesponnen: der Leipziger Studenten-Verein hatte mich zu einem ernsten Vortrag eingeladen, mit Empfang am Bahnhof und allerlei burschikosem Drumunddran, das mir im Gegensatz zu vielen anderen steifleinenen Vortragsveranstaltungen recht erquicklich schien. Wir schwammen in Ästhetik, Philosophie und Bier, aus dem Kolleg entwickelte sich nach zwei Stunden eine richtige Kneiptafel, die bis tief in die Nacht anhielt, und deren Präside beflissen war, mir nicht nur den leiblichen, sondern auch den Wissensdurst der Leipziger Burschen in allem Glanz zu zeigen. So flog mir auch diesmal manches Gaudeamus entgegen, und nicht bloß aus Kreisen der Alma Mater, sondern des Pennals; denn die Sokrates-Infektion beginnt ja schon in den Oberklassen der Lateinschule, und hier meldeten sich wirklich Primaner im ersten Grade der Ansteckung, um mir mitzuteilen, daß ihnen mein Gegengift vortrefflich geschmeckt habe. Ich hege die gegründete Vermutung, daß mein Einbruch in die geheiligte Tradition von den Gymnasiallehrern minder günstig beurteilt worden ist. Die unter Vorbehalten erteilte Zustimmung beschränkte sich auf den vereinzelten Fall eines Kathedermannes, den sein enormes Wissen in platonischen Dingen innerlich zwar gefestigt, aber nicht verknöchert hat.

Kurze Zeit war es mir, als ob ich den Kampfplatz noch zu erweitern hätte, denn einige nicht zu überhörende Stimmen verwiesen mich ausdrücklich auf die Verlängerung meines kritischen Abenteuers. So wenigstens verstand ich mehrere Zuschriften des tief gelehrten Dr. Krug (Karl Niebuhr), der im weiteren ergänzte: »Die Schrift hat mich erbaut. Ich wünsche Ihrer tapferen Arbeit gute Fahrt. An Gegenstücken kenne ich nur ein paar Sätze, worin ein Byzantiner des 12. Jahrhunderts dem Hippokrates zu Leibe gegangen ist. Die könnten Sie ebenso gut geschrieben haben.« Da bin ich nun der Unwissende, denn jener Byzantiner ist mir ganz unbekannt und wird es vermutlich ewig bleiben. Aber mir genügte der Hinweis darauf, daß solche motivierten Vorstöße gegen klassische Dogmen doch recht selten auftreten. Oder lag das Problem, das mich wie ein Erlebnis überfallen hatte, etwa gerade in der Luft? Auch hierfür stellte sich ein Symptom ein. Als meine respektlose Studie eben fertiggedruckt war, erschien eine Schrift des bekannten Berliner Universitätsprofessors Josef Kohler »Der Tod des Sokrates«, dessen Duktus sich mit einem Kapitel meines Buches ganz auffällig berührte. Hier ging es wirklich um das Sanktissimum im Tempel, um das berühmte Vortodes-Gespräch zwischen Sokrates und Kriton, das ich blasphemisch als ein »Collegium idioticum« analysiert hatte, mit dem braven Kriton als Unteridioten. Aber auf die Tonart kam es ja nicht an, sondern auf die Beweisführung, und die war in wichtigen Punkten beim Professor Kohler und bei mir nahezu identisch. Ganz gewiß hatte er keine Ahnung von meiner Vorläuferschaft, die sich ja nur auf wenige Wochen erstreckte, ebensowenig wie ich ahnen konnte, daß ein bedeutender Jurist so bald den nämlichen Faden weiterspinnen würde, den ich aus dem fadenscheinigen Gewebe jenes Dialogs gelöst hatte. Jedenfalls konnte es scheinen, daß nun das Problem heraufgeholt wäre aus der Klausur einzelner Köpfe an die Oberfläche der breiten Öffentlichkeit. Aber ich habe keinen erheblichen Nachhall vernommen. Kurz gesagt, das Problem selbst, eines der hervorragendsten und folgeschwersten im Denkbetriebe der Menschheit, ist für die Allgemeinheit noch nicht reif.

Und es wird in Unreife verharren, solange die Plato-Legende fortbesteht, deren phantasmagorischen Charakter zu erkennen allerdings nicht jedem gegeben ist, selbst wenn man ihm mit der Blendlaterne hineinleuchtet. Darin bestand das eigentliche Wesen meiner Arbeit, die neben dem aller Welt zugänglichen offenen Plato noch einen geheimen, ungeschriebenen aufgezeigt hat. Einen Plato, der in Rätsel-Kanons einen in der gesamten Literatur unerhörten Kontrapunkt ausarbeitet; mit der Ansage, zu deren Erfassung das Philologen-Ohr nicht ausreicht: »Ich, Plato, will einem von mir verehrten Menschen und Staatsbürger ein Denkmal setzen, aere perennius. Dieser Mensch, dessen sittliche Persönlichkeit mir hoch steht, trottelt als Denker. Trotzdem werde ich als sein preisender Herold auftreten, und um dies zu ermöglichen, erfinde ich mir eine Sophistik, deren Verschmitztheit durch Jahrtausende undurchdringlich bleiben soll.

Ich, Plato, weiß, daß des Sokrates Philosophie ein langgesponnener Unsinn ist. Ich werde sie darstellen, so wie sie ist, ohne zu verheimlichen und zu beschönigen. Ich werde ihn tändeln und lallen lassen wie ein Kind, oder da er ein alter Herr ist, wie einen Idioten. Ich werde Schonung üben in allen begleitenden Umständen, aber doch das Bild selbst klar entwickeln. Nur mit einem Vorbehalt, den beachtet wohl! Ich mache einen Unterschied zwischen meinem Schrifttext und seinen Zwischenräumen: in den Zeilen steht meine Hymne, zwischen den Zeilen steht meine Kritik, die ihr herauszufinden habt! Löset, Nachfahren, mein ungeschriebenes Rätsel!

Haben sie es getan? Haben sie auch nur den einen Spezialtrick durchschaut, womit der göttliche Plato als Deus ex machina dem geliebten Tapergreis aus den Sackgassen hinaushilft? Seine Sophisten-Gespräche sind wie Schachspiele, in denen Sokrates den gerissensten Leuten gegenübersitzt und sich verhaut; verhauen muß, da er kaum die Spielregeln kennt, unmögliche Züge probiert, während der Gegner vom offenen Brett Figuren im Rockärmel verschwinden läßt, ohne daß er es merkt. Diese Virtuosen, Protagoras – ein Tourniermeister ersten Ranges –, Polos, Kallikles – der Herbergsvater des Gorgias-Disputes – spielen mit ihm, nicht er mit ihnen, und auf ihr Konto kommt die massenhafte Ironie, die in zahllosen Kommentaren dem Pseudoweisen zugewiesen wird. Und wenn die Partie für ihn gar zu schlecht steht – wie gegen Protagoras, der sein hilfloses Gegenüber glatt in die Tasche stecken kann –, dann setzt Plato mit seinem Spezialtrick ein, mit seiner fabelhaften Finte, über die alle olympischen Götter in lachendes Gewieher ausbrechen müßten: er dreht einfach mitten im Spiel das Brett um, er praktiziert den Sokrates auf die Gewinnseite, schanzt ihm das sichere Endspiel zu, das eben darum nicht verloren werden kann, weil es der gerissene Gegner unverlierbar machte. Eine Schiebung, ein Dreh, eine gedeichselte Sache, die dem Stümper den Endsieg verschafft! Hunderte von philologischen, platobenebelten Philologen haben solche dialektische Schachpartie verfolgt, analysiert, ohne die Gaukelei zu durchschauen, sie haben nicht einmal bemerkt, daß Sokrates sein Spiel solo zu Ende spielte, wie gegen einen unsichtbaren Kiebitz; da ja der wirkliche Gewinner, wenn er mit Schwarz anfing, sich selbstverständlich hütet, die verpfuschte Weiß-Seite zu übernehmen. Gleichviel, Sokrates triumphiert am drehbaren Schachbrett mit drehbaren Argumenten, indem er zum Schluß das genaue Gegenteil dessen vertritt und beweist, was er zu Beginn mit umständlichem Schwulst vorgetragen hatte.

Das alles wird einmal klar am Tage liegen, und eine elegante Brücke wird von Plato zu Aristophanes führen. Glückliche Primaner und Studenten ferner Zukunft, denen diese klassische Humoreske das Studium zu verschönen hat im Umkreis einer geläuterten Philosophie, die sich erst dann von ihren Schildbürgereien und Schöppenstedtereien zu befreien vermag, wenn die »dementia demonstrativa« und die »rabies complicatoria« des Sokrates als die Quellen alles Philosophatsches erkannt sind. Und dann wird sich vielleicht irgendein Dozent meiner Studie erinnern, die respektlos umging mit der Überlieferung aus tiefem Respekt vor unserer Allmutter Philosophie.

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Nicht der geringste Zusammenhang besteht inhaltlich zwischen jener auf ätzende Polemik eingerichteten Schrift und einem weit umfangreicheren Buch, das ich, mit einem lieben Kollegen vereinigt, im zweiten Kriegsjahr vom Stapel ließ. Selten mag sich eine Kompagnie-Arbeit so einheitlich vollzogen haben, so natürlich als das Produkt einer Willensnotwendigkeit, die zwei Menschen auf denselben Weg zu dem nämlichen Ziel drängte. Als wir uns im Jahre 1916 zum erstenmal über das Werk unterhielten, von dem noch keine Zeile existierte, stand es eigentlich schon fertig vor uns, wir brachten Vorarbeiten heran, die nur auf ein Zeichen gewartet hatten, um völlig zu verschmelzen. Auf dem Titel vom »Buch der 1000 Wunder«, Verlag von Albert Langen in München, stehen unsere beiden Namen mit der Konjunktion »und«; allein dies Bindewort hat nicht bloß eine additive, vielmehr eine multiplikative Bedeutung. Einer von uns allein hätte es nicht machen können, und beide zusammen auch nur dann, wenn ihnen einerlei Plan und Gestaltung von vornherein vorschwebte.

Mein Kollege Artur Fürst hat in selbständigen Hervorbringungen so viel geleistet, daß ich ihn hier nicht besonders vorzustellen brauche. Mir kommt es hier wesentlich darauf an, festzustellen, daß er für den vorliegenden Zweck gerade alle Felder beherrschte, an die ich mich gar nicht hätte herangetrauen dürfen: das weite Feld der Technik und darüber hinaus eine Menge anderer Bereiche, die sich dem homo technicus am willigsten erschließen. Man muß ihn gesehen haben, wie er, der vormalige Leiter der populärwissenschaftlichen Anstalt »Urania«, in großem Stile experimentiert und grandiose physikalische Schaustellungen wie im Stegreif leichtfaßlich erläutert, um seine Eignung für eine schriftstellerische Arbeit zu ermessen, das die Wunder der Welt als Leitmotiv und Motto voranstellt.

Ich wiederum war mit symmetrischen Ergänzungen geladen, mit wissenschaftlichen, historischen, gedankenexperimentellen Dingen, die in die Wunderregion ragen. Und wie gesagt, schon bei der ersten Fühlung ergab sich, daß unsere Pläne wie prädisponiert zusammenpaßten. Man hätte sagen können: das Buch flog auf uns zu, mit fertig eingeteilten Rubriken, mit hunderten von Einzeldarstellungen, die allesamt bestimmt waren, des Lesers Sinn für das Außerordentliche zu schärfen, ihm die scheinbaren Realitäten des Daseins vorzuhalten als einen Kosmos der Unbegreiflichkeiten.

Das Tempo, in dem wir arbeiteten, begünstigte noch weiter die Vereinheitlichung, oder richtiger: das Bewußtsein unserer ideellen Zusammenschweißung bewirkte eine motorische Erhitzung der Schreibenden. Wir hätten eine Abkühlung, ein Pausieren gar nicht vertragen, und so wuchs unser Manuskript in knapp fünf Monaten bis zu einem stattlichen Bande, ungeachtet aller journalistischen Tagesfron, aus deren Zeitlänge wir uns die Stunden und Minuten herausstahlen. Wenn ich heute das Buch vor mir aufschlage, kann ich in manchen Teilen die zwei Autorschaften kaum noch auseinanderhalten, und nur in denjenigen Abschnitten, die sich mir als meinen speziellen Studien verwandt besonders verraten, erkenne ich meine Feder.

Unsere Arbeit enthält auf seinen Tafeln – Bauwunder, Wunder der Mensch- und Tierwelt – technische, astronomische, physikalische, mystische – Zahlenwunder usw. – viel Tatsächliches, das sich in anderen Büchern und Abhandlungen ausführlicher, sachgründiger, exakter vorfindet; aber schwerlich mit so interessanten, aufeinander reflektierenden Facetten versehen. Es geht zuweilen weit hinaus über den Bezirk der zum allgemeinen Wissensbestand gehörigen Wunder, über die man zur Not auch aus dem Konversationslexikon das Nötigste erfahren kann. Wir haben dem Buch ein Quellen-Index beigefügt, der sich über hunderte von Nummern erstreckt, darunter Dutzende, die für den Durchschnittsleser schwer oder überhaupt nicht erreichbar sind. Aber nicht nur die Anordnung, sondern der Inhalt, vor allem die Darstellung läßt erkennen, daß hier nicht etwa bloß gesammelt und kompiliert, vielmehr entwickelt wurde. Durchweg blieb das Programm maßgebend, möglichst den ganzen Wunderkreis abzuschreiten, bis an das Jenseits von Möglich und Unmöglich, und nur eine Schranke zu wahren: wir wollten uns nicht als Erklärer aufspielen. Wir steckten die Grenzen unseres Amtes so weit ab, als es die Beschreibung der Mirakel mit Einschluß gewisser, dem Leser zugänglichen Deutungsmöglichkeiten verlangte. Aber wir verirrten uns nicht in die labyrinthischen Gänge einer Transzendentalbetrachtung, die dem Wunder so lange zusetzen will, bis es die Maske abwirft. Denn uns beiden Verfassern war und bleibt es erwiesen: auch die Maske ist ein Wunder, und hinter jedem abgeworfenen Schleier lauert eine Schar neuer Unbegreiflichkeiten. Wir hüteten uns also vor dem regressus in infinitum, schon deshalb, weil der bloße Versuch eine Reihe dickwanstiger Wälzer erfordert hätte, mit der sicheren Aussicht, beim Mißerfolg zu enden.

Trotzdem gab es auch hier Lichter ringsum, denn die von uns hingestellten Dinge lösten sich doch merklich von der Erfahrungs-Schablone des Alltags und entfalteten für sich einen eigentümlichen Glanz. Sie waren teilweis recht alt, aber doch dem großen Publikum unbekannt, und wie sie jetzt heraufkamen aus Tiefen unserer Registraturen, wirkten sie beinahe wie Neuheiten. Sie erforderten aber auch eine neue Vortragsart, für die wir uns die darstellerischen Möglichkeiten in Stil und Anschaulichkeit erst zu schaffen hatten.

Als schwer zu vereinigende Bedingungen traten auf: Richtigkeit des Inhalts bei Vermeidung der Pedanterie, äußerste Kürze, Unterhaltsamkeit mit Momenten der Spannung, dazu Konstruktion von Gedankenleitern und Begriffsgeländern, mit deren Hilfe der Leser in Hochregionen gelangen konnte, ohne die Schwierigkeit des Aufstiegs zu spüren. Hier stand die Aufgabe, ihn bekannt zu machen mit den Wunderbarkeiten der höheren Mechanik, der vierdimensionalen Raumzeit, der Spektralanalyse, des periodischen Systems und der Prophezeiung der Elemente, der Entropie und vieler anderer Abgründigkeiten, die ihm, wenn auch nicht begreiflich, so doch im Laiensinne verständlich zu machen waren. Wir präparierten uns hierzu eine verwegene, fast abenteuerliche Technik, die außerhalb des hier gesteckten Wunderprogramms gewiß nicht empfehlenswert wäre. Einige wenige Proben möchte ich zur Kennzeichnung des Verfahrens herausgreifen:

Ein lebender Elefant, frei beweglich im Weltenraum, also nicht durch eine planetarische Masse gestützt. Das Tier streckt seinen Rüssel vor, und in demselben Moment rückt sein Gesamtkörper automatisch in die entgegengesetzte Richtung. Der Elefant schreitet, und seine Beine bieten das Bild der Vorwärtsbewegung, aber er verharrt trotzdem an der nämlichen Raumstelle. Grund: das von Newton entwickelte physikalische Gesetz von der »Erhaltung des Schwerpunkts«. Dieser Punkt kann durch Wechselwirkung der Massen innerhalb eines Systems, wie auch die wirkenden Kräfte beschaffen sein mögen, nicht verschoben werden.

Hieran anschließend: Wie platzt eine Bombe? Verfolgen die Sprengstücke nach der Explosion eigene Wege ohne Zusammenhalt? – Scheinbar paradoxes Ergebnis: die Flugbahn bleibt immer unzerstört, die Bombensplitter fliegen niemals regellos, sondern so, daß ihr gemeinsamer Schwerpunkt die ursprüngliche Schußlinie genau innehält. Die Bombe darf gar nicht platzen und auseinanderfliegen, lediglich nach den Sprengkräften, die den Metallmantel zerreißen. Auf dem Bilde eines Kriegsmalers wird der Vorgang stets falsch dargestellt; denn unter unendlich vielen Sprengmöglichkeiten verwirklicht sich nur die eine, die das Gesetz von der Erhaltung des Schwerpunkts vorschreibt.

Hier wird an zwei Beispielen eine Wunderquelle in einem mechanischen Prinzip aufgezeigt, und die im Buche erteilte Erläuterung mag wohl nachdenkliche Leser zu weiteren Gedankenexperimenten veranlassen. Wo man ein Prinzip auf irgend einen Seitenweg verfolgt, stößt man auf Wunder, will sagen auf Tatbestände, die zu allererst den geläufigen Kausalitäten widerstreiten.

Wie leicht läßt sich eine glattgeschliffene Kugel auf einem ganz ebenen, vollkommen horizontalen Marmortisch vorstellen bei etwaiger Bewegung ohne Reibung und Luftwiderstand. Die Kugel ruht irgendwo auf der Platte, nur nicht gerade in ihrem geometrischen Mittelpunkt, keinerlei Kraft wirkt auf sie ein, außer der Schwere, die aber ihre Lage nicht verändern kann, wegen der festen Unterlage. Bleibt die Kugel nun ruhig liegen? Nein, sie beginnt eine Wanderschaft, beschleunigt sich bis zum Mittelpunkt, überschreitet ihn, kehrt wieder um, sie pendelt hin und her in einem Turnus von je zweiundeinhalb Stunden, sie wird ein perpetuum mobile bis in alle Ewigkeit. Dem einfachen Menschenverstand leuchtet das nicht ein, und dessen Besitzer würde, wenn er diese Erscheinung sähe, vermutlich ein Wunder annehmen. Er wird sie freilich niemals zu sehen bekommen, denn eine Tischplatte, wie sie hier vorausgesetzt wird, existiert nicht. Die absolute Glätte ist unerfüllbar, und vor allem, was uns als eben-horizontal erscheint, ist tatsächlich Teil einer Kugelfläche von äußerst geringer Krümmung, entsprechend den Ausmaßen der kugelförmigen Erde. Wäre die Platte wirklich eben-horizontal, so besäßen ihre Punkte verschiedene Abstände vom Erdzentrum, und dann würde die Gravitation allerdings auf die Kugel bewegend wirken in wechselnden Komponenten, die ihr eine Schwingung erteilen, die, einmal begonnen, niemals endet.

Jetzt nehmen wir die Kugel vom Tisch und lassen sie in einen Schacht fallen, den wir uns gradlinig bis zum Erdmittelpunkt gebohrt denken und darüber hinaus bis zur Gegenseite des Globus. Auch hier soll jeder Luftwiderstand außer Betracht bleiben, ebenso die Temperatursteigerung bei wachsender Tiefe. Alsdann entsteht abermals ein perpetuum mobile. Die Kugel fällt mit Beschleunigung hinab, steigt dann verzögert aufwärts bis zum Tageslicht der Antipoden-Seite. Kehrt hierauf um und wird für alle Jahrmillionen, die der Erde noch vorbehalten sind, zum »Kanalpendel«. –

Wir imaginieren eine sensationelle Eisenbahnfahrt. Der Zug soll eine Geschwindigkeit von 350 Sekundenmetern erreichen. Das ist bei heutiger Fahrtechnik noch nicht möglich, bei künftiger indes sehr gut denkbar; denn ein Sechstel dieses Tempos ist auf der Siemensbahn bereits geleistet worden. Für die Fahrt im ungedeckten Wagen (etwas zugig allerdings, aber vorstellbar) nehmen wir einen Solisten mit, sagen wir, einen Trompeter, der unterwegs konzertieren soll. Er bläst der Zugrichtung entgegen, und alsbald zeigen sich drei Effekte, von denen die ersten zwei nur als Seltsamkeiten auftreten, während der dritte für einen nicht auf physikalisches Denken eingeübten Fahrgast wunderbar genug ausfällt.

Im Beginn des Konzerts und eine Zeitspanne nachher hören wir gar nichts, der Musikant ebensowenig. Ganz natürlich: unser Schnellzug überflügelt die Schallgeschwindigkeit, wir würden auch den ratternden Räderlärm nicht vernehmen, und könnten uns darüber nicht von Mund zu Ohr, sondern nur durch Zeichensprache unterhalten.

Jetzt durchsausen wir einen Bahnhof. Die dort auf dem Steig versammelten Menschen hören die Melodie, aber in gewaltsamer Entstellung der Tonhöhen. Ebenfalls natürlich, denn diese Zuhörer werden Zeugen des bekannten »Doppler-Prinzips«, das zudem schon bei weit geringerer Geschwindigkeit des vorbeijagenden Zuges bemerklich würde.

Jetzt aber nähern wir uns dem Reiseziel. Das Tempo verlangsamt sich, die Schallgeschwindigkeit gewinnt die Überlegenheit. Der Trompeter hat aufgehört zu blasen, er kann sich sogar vom Zuge entfernen – sein Konzert entgeht uns nicht mehr, sein ganzes Lied holt uns ein, aber mit entgegengesetztem Sinn. Es kehrt sich vollständig um, wie in einem verkehrt abgedrehten Phonographen; weil die letzten Töne, als die räumlich nächsten uns zuerst erreichen. Jede Tonfolge von Sopran zu Baß klettert jetzt vom Baß zum Sopran, und stieg sie im richtigen Lied, so äußert sie nun ein Gefälle. Die verminderte Tonstärke freilich könnte nur sehr hörscharfen Organen wahrnehmbar werden, aber in theoretischem Betracht gilt das gleich: das ganze Konzert ins Gegenteil verdreht, wird durch die Luft nachgeliefert. –

Als Gegenstück dieses Trompeters erschien ein phänomenaler »Mondspringer«, dessen Gastrolle im Buch lebhafte Erörterungen veranlaßte und, wie ich nicht verhehle, von strengen Wissenschaftlern scharf angefochten wurde. Es handelt sich um einen Ausbund von Muskel- und Sinnesstärke, der von der Erde in einer halben Sekunde bis zum Mond springt und, dort landend, sein eigenes Sprungphänomen erblicken muß. Der Vorgang stellt sich indes seinen Augen so dar, als wäre er vom Mond zur Erde gesprungen, er sieht seine eigene Körperlichkeit in Ausübung der entgegengesetzten Leistung.

Die Prämisse enthält einen Vorgang extra naturam, eine praktische Unmöglichkeit. Der moderne Physiker freilich spricht ihm auch die theoretische Möglichkeit ab, da die Relativitätstheorie die Lichtgeschwindigkeit, die hier vom Springer übertroffen wird, als das absolute Maximum aller Geschwindigkeit postuliert. Trotzdem darf ein Wunderbuch mit solcher Prämisse arbeiten, da sich gegen sie nur die Erfahrung, nicht aber die Logik sträubt. Es gibt keinen physikalischen Satz, der rein aus der Logik erfließt, keinen, der nicht auch mit Abänderung logisch möglich wäre, ja sogar in anderen Teilen des Universums gültig sein könnte. Daß sich die Überlichtgeschwindigkeit mit der Logik verträgt, kann direkt aufgezeigt werden: es läßt sich ein in sich widerspruchloses Weltsystem aufstellen mit ruhender Erde und bewegtem Firmament, dessen äußerste Gestirne alsdann an jenes Maximum nicht mehr gebunden wären. Jene Prämisse steht sonach nur extra naturam experientiae, nicht aber als contra naturam cogitandi. Und es muß erlaubt sein, einen solchen Ausgangspunkt zu wählen, wenn man von ihm aus ein Phänomen erreicht, das in erster Betrachtung den Verstand überrumpelt und alle Kausalität auf den Kopf zu stellen scheint. Gerade derartige Proben sind aber besonders geeignet, den Empfänger anzuregen und ihn hell zu machen für die Begriffe des Widerspruchs, der Antinomie und des wissenschaftlichen Paradoxons. Er merkt dabei, daß bisweilen die Brüskierung einer augenblicklichen Denkgewohnheit sehr förderlich sein kann, da sie den Verstand zwingt, die gefühlsmäßige Analogie zu überwinden und die Grenzen der Möglichkeit weit über das augenblicklich Erweisliche hinauszuspannen.

Diese Anstöße haben sich lebhaft und in zahlreichen Kundgebungen ausgewirkt, zur Freude für die Autoren, wenn auch nicht zu deren Bequemlichkeit. Die Korrespondenz wuchs ins Ungeheure und wäre bei genauer Erledigung über unsere Kräfte gegangen. Der hier vorliegende Anlaß brachte u. a. eine nicht uninteressante Ausfolgerung des Abenteuers. Ein Breslauer Oberlehrer wollte errechnen, daß der Springer nicht nur seinen Zurücksprung, sondern auch sich selbst auf der irdischen Absprungstelle sehen müßte, so daß er zeitweise in drei Exemplaren vorhanden wäre; wenn man nämlich diejenigen Strahlen einrechnet, die seine Person vor dem Absprung in den Weltenraum sandte. Ich möchte es bei zwei Exemplaren bewenden lassen. Wir erfuhren übrigens bei dieser Gelegenheit, daß der Briefschreiber aus dem Buch der 1000 Wunder wiederholt in Prima doziert hat; und da uns Ähnliches aus anderen höheren Lehranstalten berichtet wurde, so erblickten wir darin eine Bestätigung der Ansage, daß unsere Schrift zwar nicht die Eignung zum Lehrbuch, aber doch zum Belehrbuch besäße: »tironem delectando« . . .

Denn wo es nur irgend anging, beschäftigten wir die Phantasie. Bei Betrachtung der technischen Wunderwerke genügte es uns nicht, die staunenswerten Einzelheiten aufzuzählen, wir versuchten vielmehr, die Zahlenwerte durch phantastische Hilfsmittel anschaulich zu gestalten. So nahmen wir ein Fahrzeug von der »Imperator«-Klasse in Arbeit und transformierten die 62 000 Pferdestärken eines solchen Meeresgiganten in ein lebendiges Geschöpf; wir vereinigten diese Kraftleistung in einem einzigen Pferd, das bei geeignetem Einspann denselben Koloß mit einer Geschwindigkeit von 24 Knoten durch die Fluten zu befördern vermöchte. Und nun wurden mit Heranziehung gewagter Hypothesen besonders frappante Leistungen dieses 62 000 PS-Riesen entwickelt. Unter anderem zeigte sich, daß das imaginäre Monstrepferd sich unter gewissen Voraussetzungen dem Zentralkörper Erde gegenüber in einen »Planeten« verwandeln würde. –

Der Erfolg des Buches war im deutschen Sprachgebiet groß und unbestritten. Seine vielen an Jules-Verniaden erinnernden Züge hätten eigentlich ausreichend sein müssen, um ihm auch die Aufmerksamkeit fremder Länder zu sichern. Allein mit Ausnahme einer schönen holländischen, in Leiden gedruckten Ausgabe ist bis heute von einer Teilnahme der Fremdländer nichts zu spüren gewesen. Möglicherweise treiben sich irgendwo in der Welt ohne Willen und Wissen der deutschen Herausgeber Wildlinge von Übersetzungen herum. Habent sua fata libelli!

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Daß man sich bei einem Buch nicht zuverlässig auf Prognosen und Auspizien einrichten darf, erfuhren wir, Artur Fürst und ich, in anderer Weise bei unserer gemeinsamen Arbeit »Meister Robinson«. Im ersten Anhieb, kurz nach Erscheinen der Neuheit im Berliner Ullstein-Verlag, stellten sich alle Anzeichen auf einen offenkundigen buchhändlerischen Schlager. Ja, es erschien gar nicht illusionär, anzunehmen, daß wir damit in die Erfolgslinie der meistgelesenen Robinsonaden geraten würden. Allein die Progression wollte sich nicht einstellen, die Nachfrage ließ nach, und die Verfasser mußten schon nach einem Jahre wehleidig bemerken, daß ihr Werk nahe daran war, in den Schatten zu rücken.

Meine Objektivität reicht nicht aus, um hierfür die Ursachen festzustellen, und ehrlich gesagt, ich wünsche mir gar nicht die objektive Gediegenheit, die mir bei allen Hervorbringungen nur ein Hemmschuh gewesen wäre. Ich vertrete vielmehr noch heute die subjektive Meinung, daß unser Robinson die meisten seiner Vorläufer im Niveau überragte – Daniel Defoe bleibt ausgenommen – und daß er sich zu Campe etwa verhielt, wie Campe zu Gottfried Schnabel mit seinem vierbändigen Wälzer von der Felsenburg. Gar nicht zu reden von den zahllosen Verschlimmbesserungen, die einst unter den Titeln »Der schweizerische – pfälzische – schlesische usw. Robinson« den Markt überschwemmten, von den verschmökerten Odysseen, mit denen unsere amüsantdidaktische Darstellung sicherlich keinen Wesenszug gemeinsam hat.

Wenn der alte Robinson, einst in der Welt nächst der Bibel das meistgelesene Buch, allmählich in Vergessenheit gerät, so ließe sich sagen: seine Zeit ist um. Die alte Speise, die dem Lesehunger so trefflich diente, ist ranzig und abschmeckig geworden. Aber wie ging denn das zu? Warum fiel er der Zeit zum Opfer während so viele andere Abenteuergeschichten, die alten Heldensagen, die Grimmschen Märchen unverwelkt blühen?

Das läßt sich begreifen: weil solch reine Märchen, Fabeln, Sagen in gar keiner Zeit spielen, und weil ihr Inhalt vor Hunderten von Jahren genau so gültig war, wie er in Hunderten, in Tausenden von Jahren gültig sein wird.

Robinson aber ist ein auf eine einsame Insel verschlagener Mensch, den wir als unseresgleichen betrachten sollen; nicht nur nach allgemeinmenschlichen Wesenszügen, sondern in Abschätzung seiner Bedürfnisse, die unserer eigenen Kulturstufe entsprechen. Er gehört in die Neuzeit, und in seinen Erlebnissen stecken Modernitäten. Aber ist er denn noch unseresgleichen, wenn er die Welt so anschaut, wie die Leute aus der Pfahlbauepoche, wenn er aus neuzeitlichen Kulturelementen zurückfällt in widersprechende Gepflogenheiten mythologischer Vergangenheit? Schauen wir ihn heut an mit den Augen eines geweckten Kindes oder mit denen eines Gealterten, der seine Jugendeindrücke auffrischen möchte – gleichviel, in der Betrachtung wird es sich nicht verleugnen, daß wir dem technischen Zeitalter angehören, und wir werden versuchen, den Robinson ebendort unterzubringen. Es bleiben enttäuschende Versuche am untauglichen Objekt. Wenn er als Hamburger Kind ursprünglich einen Rock anhatte wie wir, sich christlicher Sprüche erinnerte und mit Schießpulver und Flinte Bescheid weiß, so gehört er zu uns und darf uns dann nicht in primordialen Geisteslagen vorgeführt werden, als gehöre er zur Steinzeit. Das Kind vollends abstrahiert nicht, versteht sich nicht auf künstliche Einfühlung in Zeiten und gerät mit seinem Warum und Weil an hundert Punkte, über die es nicht hinweg kann. Es begreift den Herkules mit seiner Keule und den Simson mit den Eselskinnbacken, aber es begreift heut nicht einen Robinson, der die Feuerwaffen, den Buchdruck und das Fernrohr nicht kennt, der auf der Bank einer Stadtschule gesessen hat und nichts von der Möglichkeit einer Schiene ahnt, einer Lokomotive, eines Luftschiffs, einer elektrischen Maschine. Zählt er aber zu uns, so dürfen sich seine Abenteuer nicht in dem engen Zirkel abrollen, deren Grundbedingungen in den rohen Notwendigkeiten der Selbsterhaltung ruhen. Dagegen darf er Abenteuer erleben, Spannungen durchmachen, die ihn aus der primitiven Stufe eines Troglodyten aufwärts treiben. Diese Spannungen neu zu erfinden und sie vorwiegend auf das Geistige zu richten, war eine unserer Hauptaufgaben.

Die von uns erstrebte Geistigkeit mußte sich in ethischem Betracht von den steifleinen-pedantischen Erziehungskünsten des alten, ach, so sehr veralteten Campe grundsätzlich fernhalten. Campe's Moral ist Aufguß über mittelalterliche Theodizee, sie unterwirft Gott einer beständigen Zensur, sie erschöpft sich in salbadernden Predigten, bei denen kein Lob, sondern immer nur eine »Belobigung« Gottes herauskommt. Durchweg wird für ihn die Zensur »summa cum laude« herausgedrechselt, Drangsal und Rettung treten als erprobende Instrumente auf, mit denen die freundliche Absicht Gottes an zahllosen Nützlichkeits-Effekten demonstriert wird; angeblich zur Erbauung der zuhörenden Kinder, deren Frömmigkeit sich an nichts anderem orientieren kann, als an Motiven des Vorteils und der Selbstsucht.

Im Gegensatz hierzu ließen wir Autoren in allen Ereignissen und Betrachtungen einen tiefen Grundton hindurchklingen: den großen weihevollen Orgelpunkt der Natur, der unendlichen Schöpfungssymphonie, deren Majestät den Empfängern um so deutlicher aufgeht, je anschaulicher ihnen die Erscheinungen und Zusammenhänge im Universum geschildert werden. Die Fragen unserer kindlichen Zuhörer werden nicht hervorgelockt durch die Künste eines Magisters, der erzieherisch-religiös an ihnen experimentiert; sie entstehen in Erwartung und Wißbegier, in den Vorhöfen zum Unbekannten, dessen Pforten sich rasch entriegeln zum Einblick in weite Bereiche der Naturkunde und der modernen Technik.

Mit Neuauflackierung und Überpinselung alter Schäden in obsoleten Schriften war dabei nichts auszurichten. Hier hieß es, von Grund aus neu zimmern. Beibehalten durfte nur der Grundgedanke werden, nicht als Anekdote, sondern als begrifflicher Ausgangspunkt, der als solcher zu den bedeutsamsten der Weltliteratur gehört; Robinson als Abbild der gesamten Menschheit in einer räumlich winzigen, mit einem einzigen Blick umspannbaren, aber unendlich beziehungsreichen Projektion. Die Not als Bezwingerin, aber auch als Lebensgestalterin wird in ihrer Gewalt an einem Auswürfling aufgezeigt, der alle Stadien vom Nullpunkt des Daseins bis zur Kulturhöhe, aufzeigt. Dabei mußte jede Schulmeisterei ausgeschlossen, alles vielmehr auf Entwickelung, Spannung und Erlebnis gestellt werden, dergestalt, daß der Leser sich durchweg in die Lage des vereinsamten Helden versetzt fühlen konnte.

Wir mußten uns das Arbeits-Paradigma eigens konstruieren. Wie findet man die Methode und die Tonart, die geeignet ist, Physikalisches, Astronomisches zu erklären, ohne in fibelhaftes Kindlichgetue zu verfallen, dabei aber doch die Jugendlichen zu unterhalten, die Erfahrenen nicht zu langweilen und den gesamten Belehrstoff wie aus der Fabel selbst hervorquellen zu lassen? Nur wer sich persönlich mit solchen Aufgaben herumgeschlagen hat, ermißt ihre Schwierigkeit; sie beansprucht eine Virtuosität, die sich selbst zum Verschwinden bringt, um in der Darstellung alle Schwierigkeit bis zu kinderleichter Selbstverständlichkeit aufzulösen. Mit den üblichen Handgriffen der Popularität ist da nichts zu erzielen. Wie im Aufbau der Fabel muß die Erfindung auch in allem Darstellerischen mitwirken, von Schritt zu Schritt sind im Didaktischen besondere, immer wieder frischzuersinnende methodische Spannfedern einzusetzen.

So versetzen wir unsern Robinson in eine sehnsüchtige Träumerei. Er blickt nach einem Stern im Orion und stellt sich vor, daß seine Eltern in Hamburg, die ihn seit langen Jahren als verschollen oder gestorben betrauern, das nämliche Gestirn erblicken. Alle denkbaren Verbindungen zwischen ihm und dem Heimatshaus sind zerschnitten bis auf diese eine – die Augen bleiben verbunden durch einen Blickpunkt am Himmel.

Und aus dieser Vorstellung heraus werden kosmographische Dinge entwickelt: die Einteilung nach Sternbildern, die Blicklinien, Richtungsunterschiede, Distanzmessungen durch Parallaxe, die Größenklassen der Sterne, ja, wir gelangen bis an astrophysische Betrachtungen über Lichtgeschwindigkeit, beinahe bis an die Schwelle der Relativitätstheorie, ohne daß die elegische Träumerei des Vereinsamten als Gefühlsmoment unwirksam wird.

Und wir sorgten dafür, daß dem Abenteuer das leitmotivische Recht nicht verkürzt wurde, ja, wir brachten den europäischen Helden wie seinen malaiischen Gefährten in eine Reihe extremer Lagen, die eigentlich hätten die Film-Mannschaften herbeirufen müssen; wenn diese nicht grundsätzlich an den lohnenden Motiven vorbeihörten, um dafür zu Hunderten Szenen zu verfilmen, an denen nichts sensationell ist, als die Talentlosigkeit ihrer Urheber. Gelegentlich griffen wir auch vom menschlichen Abenteuer über in die Verwickelungen tierischer Romane. Robinson baut sich ein kleines Wasserbecken mit Belebung durch ozeanische Geschöpfe, eine Art von Aquarium, das für ihn zum Theater wird. Und ich glaube, daß nicht jeder Besucher großstädtischer Aquarien in den hinter Glas gezeigten Schaustücken soviel überraschend dramatisches Leben entdeckt haben wird, als unser Insulaner in seiner improvisierten Anlage. Sie ist sehr artenarm, die Fische spielen darin höchstens Statisterie, als Rollenträger lassen wir nur eine Qualle, einen Krebs, eine Seerose und einen Octopus auftreten, allein, dieses Quartett führt ein Stück auf, das an abenteuerlicher Wirkung alle Ausstattungs-Feerien übertrifft. Als Titel des Dramas wäre zu setzen: »Generationswechsel und Symbiose«. Wir hielten uns ganz genau an die Naturgeschichte, stellten nur animalische Wirklichkeiten vor, und dennoch entfaltete sich ein Wunder, das Wasserbecken entsprach der klassischen Ansage: »die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet«. Denn was hier im Verkehr von Seekrebs und Aktinie sich vollkommen naturgetreu offenbarte, das war auf Freundschaft, Pflichteifer, Vertragstreue gegründet, und der Beschauer konnte, ja er mußte den Gedankengang eines Zukunftsforschers vorwegnehmen, die in solchen Lebenszeichen der niederen Tierwelt die Anfänge einer Moral erkennen werden. Diese Zusammenhänge verdeutlichen sich freilich nur in der ausführlichen Behandlung des Buches, das wie keine Erzählung zuvor für die persönliche Beziehung der beiden Schicksalsgefährten im animalischen Spiegelbild das treffende Gleichnis auffand. Und es ist mir so, als würden dadurch dem Helden bessere ethische Werte zugeführt, als durch die Zufälle der alten Robinsonaden, die das Sittengesetz unaufhörlich mit dem Interesse des Augenblicks verkuppeln.

Lichtenberg, der Physiker-Philosoph, hat gesagt, daß er zwei ganze Messiaden von Klopstock für ein einziges Kapitel aus Robinson hingeben würde. Damals standen beide Werke im Glanz, heut sind beide verblaßt, aber dem einen kann die verdämmernde Leuchtkraft erneuert werden. Soll da erst noch eine Rechtsfrage untersucht werden, wer oder was gerade uns, Artur Fürst und mich, legitimiert habe, als Erneuerer aufzutreten? Darauf wäre wörtlich mit Fichte zu antworten: »daß allerdings Jeder dasselbe Recht gehabt hätte wie wir, und daß wir gerade darum es tun, weil keiner unter ihnen es vor uns getan hat«; nämlich so getan, daß das neue Werk in die neue Zeit paßte.

*

Unsere Arbeitsgemeinschaft fand damit ein vorläufiges Ende, wenngleich wir fortfuhren, gewisse andere abenteuerliche Themen in besonderer Art zu entwickeln; wesentlich in Klausur, ohne sichtbares äußeres Ergebnis in der Öffentlichkeit. Ich persönlich war inzwischen in einen weiteren Konzern getreten, und in ihm wuchs mir die Anwartschaft auf ein Buch von universaler Gestaltung. Durfte ich es wagen, der Verfasser eines solchen Werkes zu werden? Nein, vorerst nur der Herausgeber und Erläuterer. Denn hier lud ich Hunderte von Autoren zum Stelldichein, darunter die berühmtesten der Weltliteratur, den klassischen Chor der Weltweisen und Dichterphilosophen, die großen Spötter Aristophanischen Geblütes. Abermals Lichter ringsum! Die gedachte ich nach einer neuen Methode aufzustellen, gleichsam mit Zuhilfenahme spiegelnder Vorrichtungen, und sie so in Beziehung zu setzen, daß sich aus den vereinigten Lichtstrahlen ein Feuerwerk ergäbe. Der Text war von jenen, das Arrangement von mir, und ich denke, viele Leser werden auch in der Anordnung eine originelle Idee und somit ein tüchtiges Stück Verfasserschaft verspürt haben.

Die Tonart meiner Eigenkritik wäre verfehlt, wenn ich nichts anderes geplant und herausgebracht hätte, als eine neue Spruchsammlung, einen Zitatenschatz nach so vielen vorhandenen, die in Büchmanns Prachtleistung »Geflügelte Worte« ihre Bekrönung finden. Die Herstellung solcher Sentenzenspeicher ist ganz besonders Sache der Kompilatoren, die aus zwölf Büchern das dreizehnte, und aus neunundneunzig das hundertste zu machen verstehen. Wenn wir in Deutschland bis vor kurzem eine jährliche Schriftenproduktion von 32 000 Nummern zählten, so sind diese Vielzufleißigen mit einem starken Prozentsatz beteiligt. Mir war es nie darum zu tun, die Zahl der mit Druckerschwärze angeheizten Maschinenmenschen zu vermehren, und besonders hier, in Gegenwart der geistreichsten Menschen aller Zeiten, trug ich Sorge, daß auch nicht der leiseste maschinelle Antrieb in mir wirksam würde. Hierzu war wesentlich erforderlich, mir auf jeder Seite vorzuhalten, daß ich nur aus eigenem freien Erleben zu gestalten hatte, mich aber auf keine bibliothekarische Stöberarbeit einlassen durfte. Ich ging nicht auf Sammeljagd, um möglichst viel schöne Sentenzen heimzubringen, sondern ich blickte nach dem ausgesteckten Titelsignal »Die ewigen Worte«, das mir bedeutete: die Quintessenz der Geistigkeit, den Extrakt alles dessen, was mich selbst im Laufe eines nicht gedankenleeren Lebens als das Besondere, das Leuchtende, das abseitig-Blendende gepackt und angeblitzt hatte. Da ging es um Worte, die vielzusehr der allgemeinen Schönheitsregel, der Sentenzen-Norm, dem durchgreifend Gültigen widerstreiten, bis zur offenen Auflehnung gegen längst heiliggesprochene Gefühls- und Denkworte, und die schon wegen dieser Widersetzlichkeit gar keine Aussicht haben, zitierfähig und geflügelt zu werden. Blaise Pascal, der sich im Büchmann mit weniger als einer halben Zeile begnügt, da er nicht populär redet, erscheint in den »Ewigen Worten« mit siebzehn Aussprüchen, von denen einer ausreicht, um einen ganzen Ballen schönklingender Allerweltssentenzen in die Luft zu schnellen. Ich nenne weiter Seneca, Montaigne, Chamfort, Lichtenberg, Schopenhauer, Nietzsche, Richard Wagner – sie sind bis auf geringe Zeilenreste unbekannte Größen für die Mehrzahl der Zitatensammler, soweit sie nicht (wie etwa Frauenstädt) ihre Auslese einem einzigen Bevorzugten angedeihen lassen. Und selbst innerhalb jener Größenklasse wäre immer noch zu unterscheiden zwischen Worten, die Münzwert beanspruchen, und solchen, die wie die ganz großen Diamanten gar nicht kursieren können. Sie bleiben Glanzstücke eines Museums, Seltenheitsstücke, von denen jedes eigentlich in einer besonderen Vitrine aufgestellt werden müßte.

Das ließ sich natürlich aus buchtechnischen Gründen nicht durchführen, und der Dr. Eysler'sche Verlag hätte sich mit Recht gegen solche Raumverschwendung gewehrt. Ich gliederte daher nach Rubriken, die eher umschließende Rahmen andeuten, als feste Programme aussprechen sollten: »Letzte und vorletzte Dinge – Jenseits von Richtig und Falsch – Fröhlicher Pessimismus – Unbewiesene Sätze – Satan auf der Lehrkanzel – Befreiendes Gelächter – Gottgesandter Wahnsinn – Ungemünzte Barren« usw.; weil es wenigstens das eine zu verbürgen schien: daß die einzelnen Kostbarkeiten nicht mit Stücken von ganz anderer Substanz allzusehr ins Gedränge gerieten.

Eine schwere Gewissensfrage hatte ich von Anfang an mit mir abzumachen. Der Begriff der »Wörtlichkeit« gilt für die Wiedergabe geprägter Worte als so selbstverständlich, so unverletzlich, daß eine Verletzung dieser Bedingung zugunsten der Unwörtlichkeit auf den ersten Blick wie ein literarisches Verbrechen aussieht. Und hier kam ich in eine Zwangslage: wäre ich nämlich dem Dogma der Wörtlichkeit untertan geblieben, ohne den jähen Entschluß einer Revolte, dann hätte ich diese Ewigen Worte überhaupt nicht herausgeben können. Was wie eine Vervollständigung erschienen wäre, wurde von dem Schicksal bedroht, im Kern der Sache eine Verkrüppelung zu werden.

Primitivster Fall: ich bewahre im Gedächtnis sinngetreu etwas Eindrucksvolles, Abseitiges, dessen Wort-Original ich überhaupt nicht festzustellen vermag. Vielleicht hat es sein berühmter Autor gar nicht in Schrift festgehalten, Freunde oder Schüler mögen es kolportiert haben, und ein gelehrter Antiquar, der etliche Jahre daran setzt, könnte möglicherweise in irgendwelcher schwerzugänglichen Bibliothek eine zuverlässige Urkunde darüber erforschen. Aber auf solche Arbeit kann sich nur ein Spezialist einlassen, ein Lexikograph und Genauigkeitsapostel, der ganz im »Esprit des Autres« aufgeht, ein Büchmann, der eine lange Lebensarbeit für ein einziges Werk aufbietet. Ich dagegen mit meinem unbesieglichen Hang, auf Grenzgebieten zu streifen, ganz beherrscht vom Reiz des Vielseitigen und Vielfältigen, ich hätte mein eigenes Naturell verleugnen müssen beim ersten Versuch, mich einer Wort-Feststellung zuliebe auf eine unabsehbare Spürarbeit nach einer Richtung festzunageln. In solchem Fall gab es für mich nur eine Instanz, die nächstliegende, in der Minute erreichbare: mein Gedächtnis, allenfalls noch der Griff in meine Registraturen. Und wenn mir ein Verzicht als unvermeidlich nahetrat, entschloß ich mich allemal unbedenklich, die Wörtlichkeit aufzugeben, um das Wort zu gewinnen.

Zahlreich sind zudem die Fälle, wo das schöne Wort sich in grammatische Abhängigkeiten verkapselt, in Verkettung mit anderen Sätzen der Urschrift auftritt, die im Original wichtig sind, aber im Extrakt störender Ballast werden. Das Kristallwort sitzt eingeschraubt in umständlichen Verhüllungen, die dem Leser erst durch lange Kommentare erklärt werden müßten, bevor er nur merkt, auf welchen kristallischen Kern es hier ankommt. Rund herausgesagt: so wie ich das Ewige Wort hinstellte, ist es im Urzustand oft genug nicht gesagt, geschrieben und gedruckt worden. Und um die Beichte zu vervollständigen: ich erachtete nicht bloß den Wortlaut für antastbar; nachdem ich erst die grammatischen Bänder gelöst hatte, übersprang ich vielfach die Barrieren der Formgestaltung; und wo mir die Ursprungsform schleppend oder undurchsichtig erschien, setzte ich die freie Paraphrase an die Stelle der Kopie. Zumal bei Übersetzungen aus Fremdsprachlichem nahm ich volle Beweglichkeit in Anspruch, und mein Gewissen wirft es mir nicht vor, daß ich zum Beispiel Gedanken des Michelangelo in meiner Weise metrisch frei gestaltete.

Auf deutschem Sprachgebiet bietet der Herrlichsten einer, Rückert, Proben für die Notwendigkeit der Abtrennung, ja der Umgestaltung; denn bei aller Sprachmeisterschaft leidet seine Brahmanenweisheit, wie oft beklagt wurde, an Unübersichtlichkeit und Verschachtelung, an dem Nichtaufhörenkönnen und an der Überfracht der Gedanken, die einander erdrücken. Eines seiner edelsten Stücke »Dämmerklarheit« kann schon darum niemals zitierbar werden, weil seine Anfangszeilen

»Wie nur die Schleuder kann in rechter Ferne wirken,
So muß der Sinne Kraft auch eine Grenz' umzirken«

einen unbeabsichtigten und irreführenden Widersinn ergeben. Millionen von Menschen haben über den grammatischen und logischen Fehler hinweggelesen, wie es ja auch eines Jahrhunderts bedurfte, ehe man in Emilia Galotti die Monstrosität »nicht ohne Mißfallen« entdeckte. Hier bei Rückert ist das falsch gestellte »Nur« der Hauptübeltäter, da es sich einschränkend an das Werkzeug klammert, anstatt an die »Ferne«. Dürfte es stehen bleiben, wenn etwa Goethe versehentlich geschrieben hätte: »Was ich nur leide, weiß, wer die Sehnsucht kennt«? Das hätte der Volksmund längst korrigiert. Im vorliegenden Fall nahm ich die Vollmacht lediglich aus meiner sprachlogischen Überzeugung; ich veränderte die zwei Rückertschen Zeilen eigenmächtig in:

Wie nur in rechter Ferne eine Schleuder wirkt,
So wird der Sinne Kraft vom Grenzgebiet umzirkt . . .

und erst hierdurch wird mit sicherem Auftakt für die ganze weitere Sentenz klar herausgestellt, was Rückert wirklich gewollt hat.

Mit der Forderung »Los vom Buchstabendienst!« wiederholte ich, was sich in jeder Intelligenz gegen den Lippendienst wehrt, gegen die Nachbeterei des Wortes, das seine Autorität einzig auf die Formel stützt, »es steht geschrieben«. Auch für diese Forderung gibt es gute sentenziöse Vorbilder, so bei Lord Byron (nach Horaz): »Halt nicht zu sklavisch fest an deinem Hort, und Sinn für Sinn taugt mehr, als Wort für Wort«. Und den Wenigen, die es für angezeigt hielten, mich ob meiner Neufassungen zu rüffeln, möchte ich das kleine Albumblatt frei nach Oscar Wilde zueignen: »Die Wörtlichkeit! Ein Element, um feine Wortkunst zu vernichten; wer einen Stiefel – Stiefel nennt, der sollte schustern, statt zu dichten!« – –

Soll ich nun hier, wo ich von meiner eigenen Beziehung zu Ewigen Worten rede, einige der vorzüglichsten herausgreifen, vielleicht um sie zu erläutern? Ich empfinde die Gegenargumente, möchte mich aber doch der Lockung nicht ganz entziehen; und aus dem Dilemma soll mir wiederum die Paraphrase helfen. Ich gebe also einige Fragmente in nachträglicher versifizierter Umformung, mit dem Vorbehalt: die ursprüngliche Prosagestalt bleibt übergeordnet. Die nachstehenden Epigramme sind nur als ergänzende Arabesken gedacht, auch insofern, als einzelne Exemplare nicht einmal als Prosastellen in den Ewigen Worten Unterkunft gefunden haben:

Nach Descartes:
        Ich habe in meinen Schriften gebucht:
Wo sich die Forschungstriebe regen
Wird meist die Wahrheit vergeblich gesucht,
Der Irrtum lauert auf allen Wegen.
Wenn dies der menschliche Geist ermißt,
Erkennt er des großen Gesetzes Walten:
Was lediglich wahrscheinlich ist,
Ist höchstwahrscheinlich für falsch zu halten.

*

Nach Kirchenvater Augustinus:
        Der Zeitbegriff, so hört man dozieren,
Ist äußerst schwierig zu definieren.
Was ist »die Zeit«? Wenn keiner mich fragt,
Wenn niemand mich zur Erklärung verleitet,
Wird's mir von innen angesagt,
Ich weiß dann genau, was die Zeit bedeutet;
Doch soll ich erklären: was ist die Zeit?
Bekenne ich meine Unwissenheit.

*

Nach Aristoteles:
        Betrachten wir doch zwei Eintagsfliegen:
Die eine liegt in den letzten Zügen
Frühmorgens um acht,
Die hat es im Leben nicht weit gebracht,
Ihr zeigte die Parze verderblichen Sinn,
Sie starb in der Blüte der Jugend dahin.

Die andre hat länger vegetiert,
Ist nachmittag um fünf krepiert,
Erst dann fiel sie nieder zur Wiesenfläche;
Sie starb, so sagt man: an Altersschwäche.

*

Nach Quintilian:
        Ein witz'ger Spott schafft dir wohl selbst Ergötzen,
Doch deinen Nächsten kann er leicht verletzen.
Ganz gleich, laß deinen Geist vibrieren,
Dein Spaß sei scharf, dein Scherz sei spitz,
Denn leichter trägt sich's, einen Freund verlieren.
Als einen guten Witz!

*

Nach Montaigne:
        Als Schöpferkräfte am Teilen waren
Von Reichtum und Kräften und Gütern im Land,
Da sind sie nur einmal gerecht verfahren,
Gerecht verteilten sie: den Verstand.
Denn voll des Neides mit ihrer Gabe
Fand ich die Menschen in jeglichem Lande,
Wogegen ich keinen gefunden habe,
Der unzufrieden mit seinem Verstande.

*

Nach Pascal:
        Wir forschen, dieweil wir forschen müssen,
Und weil es der zwingende Drang so begehrt;
Eine Kugel ist das menschliche Wissen,
Die ihren Umfang beständig vermehrt;
Doch niemals läßt sich das Dunkle erhellen:
Die Kugel, die immer weiter sich spannt,
Vermehrt nur ihre Berührungsstellen
Mit dem unendlichen Unbekannt.

*

Nach Larochefoucauld:
        Kommt unsern Freunden Unglück in die Quere,
Dann wird von Mitleid unsere Brust geschwellt;
Und doch: wir finden in des Freund's Misere
Stets etwas, das uns nicht mißfällt.

*

Nach Chamfort:
        Das sah ich in der Begebnisse Wandlung:
Ein Schurke beging eine ehrbare Handlung.
Der Hundsfott hatte wahrscheinlich gedacht
Mit kaum verhaltenem Kichern:
Möcht' wissen, ob's so viel Vergnügen macht,
Wie die anständ'gen Leute versichern.

*

Nach Hegel:
        Die Weltgeschichte im großen und ganzen,
Die Weltgeschichte in allen Instanzen,
Mit Geisteskämpfen und Völkerschlachten
Ist als ein Lehrstoff zu betrachten.

Wird alles erwogen und alles verglichen,
So lehrt die Geschichte im Nahen und Fernen,
So lehrt die Geschichte im wesentlichen
Das eine: daß Menschen aus ihr nichts lernen!

*

Zusatz im Sinne Schopenhauers:
        Hierfür hat Hegels persönliches Leben
Den allerbesten Beweis gegeben,
Da er im geschichtlichen Lernbetrieb
Der allerignoranteste blieb.

*

Nach Romain Rolland:
(ganz frei nach versprengten Prosa-Splittern)
        Sehr wichtige These: Der Intelligente
Eilt immer voraus dem Zeitmomente,
Indem er von dem, was der andre begründet,
Durchaus das genaue Gegenteil kündet.
Und wem erst die große Technik eignet,
Daß er sich selber beständig verleugnet
Mit unverbrüchlicher Konsequenz –
Der steht auf dem Gipfel der Intelligenz.

Du siehst ein Theater und hast die Erklärung:
Theater sind Tempel für Künste-Verehrung.
Doch wenn du dich dieser Deutung erfreust,
So höre auch eine Gegenbegründung:
Theater sind für die Künste zumeist,
Was Freudenhäuser für Liebesempfindung.

Es gab eine Zeit, ich entsinne mich,
Die sich zu deutlichen Werten bekannte;
Da interessierte die Mehrheit sich
Ausschließlich für das Interessante.
Heut herrscht ein völlig veränderter Geist,
Und ob es talwärts oder bergan geht,
Man interessiert sich für das zumeist –
Was einen eigentlich gar nichts angeht.

        Die beste Staatsform aufzufinden, ein unerschöpflich Thema,
Und dessen Tiefen zu ergründen, bleibt ewig ein Problema.
Prognose stellt dem Völkerleben
Ein kundiger Thebaner:
    Es wird bald mehr Republiken geben
    Als völlig echte Republikaner!

In meiner Sammlung sind mehrere meiner Freunde mit stattlichen Reihen eigener Worte vertreten. Der größte aller freilich, Albert Einstein, fehlt darin, denn als ich das Buch plante, stand er mir noch fern, und als er mir nähertrat, fühlte ich mich seiner Totalität so hingegeben, daß ich gar nicht imstande gewesen wäre, Einzelworte von ihm abzulösen. Sie sind innig verwebt mit seiner ganzen Figur, seinem Werk und seiner Lehre, sie fügen sich, wo immer sie blitzend auftraten, wunderbar in sein Weltbild, und als ich daranging, es in einem besonderen Band leichtfaßlich darzustellen, flogen sie mir von selbst zu. Noch heute sogar würde mir die Möglichkeit fehlen, einzelne Bemerkungen Einsteins als aphoristische Paradestücke hinzustellen, ich müßte mir sagen: Hand weg von solchem Beginnen, das selbst, wenn es gelänge, an Frevel streift. Dagegen waren die Werke anderer bedeutender Freunde geradezu einladend, und wo ich nur in den Schriften Fritz Mauthners und Walther Rathenaus blätterte, winkten mir die Blüten zum anthologischen Kranz. Das Wort »blättern« ist hier nur ein Hilfsausdruck; die Schöpfungen beider gehören, das darf ich sagen, vollinhaltlich zu meinem geistigen Inventar, sie sind mir gegenwärtig sowohl im Duktus als in ihrer aphoristischen Fülle. Fritz Mauthner war mir nicht nur journalistischer, späterer literarischer Kollege, sondern auch Lehrmeister, ohne daß ich jemals eine Lektion bei ihm genommen hätte. Die bloße Tatsache, daß er in zwanzigjähriger Geheimarbeit sein sprachkritisches Monumentalwerk gebaut hatte, wurde mir ein erschütterndes und erhebendes Lebensereignis. Vom Zeitpunkt seines Erscheinens an (1901) versenkte ich mich darin mit einem Studier-Heißhunger, wie er mich zuvor noch bei keinem Geisteswerk befallen hatte, und ich brauchte beinahe zwei Jahre, ehe ich auch nur aus dem ersten furor philosophicus zu einer abgeklärteren Auffassung herausfand. Sprachkritik als tiefste Quelle der Erkenntnis! Alles, was ich bis dahin aus Plato, Kant, Schopenhauer erfahren hatte, verblaßte mir in den ersten Monaten, da ich tatsächlich die Weisung »nocturna versate manu« verwirklichte, bis tief in die Nächte hinein. Nur einmal, besann ich mich, hatte mich ein Ideensturm mit ähnlicher Vehemenz geschüttelt, im Primanerjahr, da mir zuerst die analytische Geometrie des Descartes ins Bewußtsein rückte. Aber das war ja damals für mich ein außerweltlicher Heros, während dieser neue Cartesius mit seiner Analysis des Denkens mir ganz nahe stand, als mein Freund Fritz, in täglicher Berührung, in gemeinsamer Tätigkeit journalistischen Berufs! Ja, das war niederdrückend. Die persönliche Beziehung entschwand mir bei der Vorstellung, daß dieser Mauthner, der Feuilletonist, Theaterkritiker, Romanschreiber vielleicht ein Phantom sei, ein Mahadö, der zeitweis unter uns wandelte, während er eigentlich auf der Spitze des Himalaya wohnte. Dann aber meldete sich wieder, zuerst schüchtern, dann zum Vorsatz wachsend die Hoffnung: wenn dieser sich so hoch zu schwingen vermochte, warum sollte nicht auch ein anderer aus der Niederung des Denkens zu selbstständiger hoher Forschung aufsteigen können? Eine Ermutigung trat auf: war erst einer soweit, Mauthners Probleme mitdenken zu können, so öffnete sich ihm eine Welt neuer Probleme, und die Stärke, mit der man von dieser Aussicht ergriffen wurde, war zugleich das Maß des Willens für die Bearbeitung noch fernerer Gebiete. Viel seelische Bedrängungen hatte man dabei zu bestehen, aber auch diese konnten ja nichts anderes sein als gärende Symptome künftiger Möglichkeiten. Es vollzog sich natürlich nicht so, daß man unter dem Antrieb des Sporns sofort lossprang in uferlose Werkprojekte; aber die Aussicht durfte nicht mehr verloren werden, einmal etwas zu erreichen, wovon vorläufig und auf Jahre hinaus kaum mehr vorhanden war als eine verschwimmende Ahnung.

Ich unterscheide hier geflissentlich zwischen Eindruck, Beeinflussung und Auswirkung. Es ist mir Pflicht und Herzensbedürfnis, die sehr starke Beeinflussung obenan zu stellen, ich glaube es aber vertreten zu können, wenn ich erkläre, daß ich meinen Nachen nicht einfach an Mauthners großes Fahrzeug angebunden habe, um es im Kielwasser nachschleppen zu lassen. Gleichgültig wie schnell oder wie langsam ich vorwärts kam, ich fuhr doch immer mit eigenen Rudern, auf nicht vorgezeichneten Linien, nach Zielen, die mir selbst erst während der Fahrt kenntlich werden sollten. Was nicht ausschloß, daß ich mich in meinen Arbeiten vielfach auf ihn bezog und ihn fleißig zitierte; so besonders auch in dem vorgenannten Buch, dessen Existenz ja schon an ein Mauthnersches Postulat anknüpft.

Nämlich genau genommen ist gar kein Büchmann Vorläufer jener Sammlung, sondern ein Mann aus dem dritten Jahrhundert, Diogenes von Laerte, der als Wort-Überlieferer für die Geschichte der Philosophie größte Wichtigkeit beansprucht. Diesem Grammatiker und Fürsten aller Kompilatoren galt die Vorliebe Mauthners, der eine besondere Zitierkunst anerkannte und ihr gern einen Rang auf dem Parnaß gesichert hätte. In seiner Sprachkritik befindet sich eine schroffe Äußerung, die uns beiden wiederholt als Thema für Unterhaltungen und Pläne diente: »Die älteste griechische Philosophie ist darum so reizvoll, weil wir nur Aperçus von ihr übrig haben, die persönlichen Ausgangspunkte. Von Plato bis Kant haben wir leider die Systeme vollständig konserviert; und die Geschichtsschreiber der Philosophie gießen noch Wasser ins Meer, indem sie sich bemühen, ein System in die Systeme zu bringen. Ein Diogenes Laertius tut uns not, der naiv die Aperçus sammelte.«

Wenn ich mir nun zutraute, nicht etwa der neue Laertius zu werden, aber doch zu zeigen, daß er möglich wäre, so bot sich mir neben vielen anderen auch Mauthner selbst als ertragreiches Objekt für systemloses Excerpt. Im Büchmann von 1907 ist er, wie Pascal mit knapp einer halben Zeile bedacht, mit den drei Worten: »Nach berühmten Mustern«, die von seiner Wesenheit nicht das allergeringste bekunden. Ganz natürlich; denn seine Worte sind noch nicht auf den Markt geflogen, wohl aber treffen sie Anstalten, um in die Unsterblichkeit zu fliegen. Bei der Auswahl war darauf zu achten, nur solche aus der Fülle herauszuholen, die auf engstem Raum Frappantes aussprachen und einen wesentlichen Bestandteil seiner Lehren wie in äußerster Komprimierung darboten. Also Gedankensplitter, die von der Keule eines Herkules abgesplittert sind:

»Begriffe und Worte sind die unfruchtbaren Eunuchen, welche den Harem der Natur für den Sultan der Natur, den Menschen, bewachen, die Odalisken waschen, schmücken und singen lehren, aufgedunsene quiekende Eunuchen, die es unter denkfaulen Fürsten zu den höchsten Ehren bringen können, aber unfruchtbar bleiben.«

»Der Mensch versucht mit Hilfe der Sprache Gedanken zu jagen, wie er mit Hilfe des Hundes Hasen jagt. Nur daß es bei der Gedankenjagd wie beim Kinderspielzeug zugeht: Hase und Hund hintereinander befestigt, immer gleich nahe, immer gleich weit; . . . so daß man auch sagen könnte: Der Hase ist hinter dem Hund her, der Gedanke hinter der Sprache

Das sind nur Proben, allein ich entsinne mich sehr vieler ausführlicher Traktate über Mauthner, die mit dem Aufgebot aller Gründlichkeit den Kern einer sprachkritischen Untersuchung nicht so hell verdeutlichten, wie diese wenigen Worte von ihn selbst.

Man könnte sagen, daß Walther Rathenau in noch stärkerem Grade Aphoristiker gewesen ist, wenn man als Wertmaß die Menge zugrunde legt und das bei solch er Fruchtbarkeit erreichbare Optimum. Gerade weil er nach Naturell und Entwicklung Nichtsystematiker war, verwegener Unzünftler, der die Umwege über bereits Vorgedachtes abkürzte, geriet er so schnell an die Peripherie des aktuellen Denkens, und wo andere getastet hätten, war ihm der aphoristische Sprung der natürliche Schritt ins Unerschlossene. Ein recht lesenswertes Buch hätte entstehen können, wenn es mir möglich gewesen wäre, in meinen zahlreichen Gesprächen mit Walther Rathenau aus der Rolle des Zuhörers und Debatters herauszutreten. Das habe ich in den Entzückungen dieser Gesprächsszenen verabsäumt, und es mag auch fraglich erscheinen, ob mein berühmter Freund sich mir so mitteilsam gezeigt hätte, wenn bei mir eine Fixierungsabsicht merkbar geworden wäre. Abseits freilich habe ich versucht, mir aus der Fülle seiner Sentenzen allerhand wieder hervorzurufen, und dies konnte mir um so eher gelingen, als manches spruchweise Wort aus seinen Werken mich wie Anklang aus früheren Konversationen berührte; der Zusammenhang der gedruckten Sentenz mit dem gesprochenen Momentgebilde war unverkennbar. Schon im Titel seines Buches »Zur Mechanik des Geistes« schwingt der Sprachfittich. Das Wort von der (geistigen) »Mechanisierung« – heute beinahe ein Allerweltsbegriff – ist von seiner Herkunft, und ich habe es schon von ihm gehört, bevor er es noch befähigte, die ganze Wirklichkeit zu durchfliegen. So blitzte auch seine Auffassung aller sozialisierenden Strebung als einer »vertikalen Völkerwanderung von unten nach oben« ursprünglich als ein Gesprächsfunke. Eine künftige Geschichtsbeschreibung wird das horizontale und vertikale Völkerwandern als funktionell verbunden behandeln, ohne sich zu erinnern, daß der erste Ausdruck dieser Verbundenheit als einer unter vielen Einfällen herauskam, als ein Aperçu, wie das Heraklitische »Alles fließt«!

In seiner Schaffensart erschien mir Rathenau dem Friedrich Nietzsche verwandt, dessen Stolz gar nicht höher hinauf wollte, als bis zur vollendeten Ausgestaltung des isolierten Merkspruchs. Der Aphorismus, sagt der Autor der Götzendämmerung, die Sentenz, sind die Formen der Ewigkeit; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder andere in einem Buch sagt, was jeder andere in einem Buche nicht sagt. Diese Negation muß bei beiden Männern vorangestellt werden: denn der Hauptwert des Aphorismus, auch bei Rathenau, liegt nicht darin, daß er von einem anderen zu einem Buch könnte ausgewalzt werden, sondern daß er selbst im Konto des Geisteswesens als ein Kleinod zu Buche steht. In meiner Sammlung stehen Atome; hier will ich sie abermals atomisieren und in wenigen Zeilen einen Extrakt des Extraktes geben:

»Sehen wir einen Menschen dauernd in schiefen Situationen . . . so fehlt es an ihm, nicht am Schicksal; . . . denn jeder Moment bietet ein Lebenslos, und keine Wahrscheinlichkeit gewährt einer reinen Hand in steter Reihe das Recht auf tausend Nieten.«

»Die Seele will nichts und verspricht nichts; sie sagt nicht: »du mußt, auf daß«, sie sagt nicht: »du sollst, weil«, sondern sie sagt: »du wirst, denn du kannst nicht anders.«

»Dem kindlichen Geist des Intellektualmenschen ist die Erde ein Grundstück, die Wiese ein Futterplatz, der Wald eine Forstwirtschaft, das Wasser eine Verkehrsbahn, der Stein ein Brennmaterial, das Tier ein Wild, Vieh, Raubzeug oder Ungeziefer, die Sonne eine Kraftquelle und ein Beleuchtungsmittel, der Mensch ein Konkurrent. Abnehmer, Vorgesetzter, Angestellter oder Steuerzahler – die Gottheit eine Behörde.« – –

Bei zwei Gelegenheiten habe ich Walther Rathenau meinen besonderen Verehrungstribut gebracht, in dieser Sammlung, wo ich ihn geflissentlich in die Nähe der anerkannten Größen rückte, und in einem späteren sprachkritischen Werke, »das Geheimnis der Sprache«, das ich ihm zueignete. Zum ersten Anlaß erläuterte er launig, ich hätte ihn »in den Olymp geschmuggelt«, beim zweiten wurde er ernster.

Brauche ich es zu verhehlen, daß mir der Echoruf des Freundes Freude bereitet hat? Sicherlich war er im Alltag nicht auf redselige Überschwänglichkeit gestimmt, und in persönlicher Debatte ging es nicht selten hart an hart. Aber wenn er eine ehrliche Huldigung mit rascher Feder erwiderte, dann strömte die Empfindung über ihn hinaus. Der nachstehende, hier nur im Auszug wiedergegebene Brief vom Oktober 1920 möge dies bezeugen:

»Wenn die Götter es mit einem ihrer Getreuen gut meinten, so packten sie ihn beim Schopf und schmissen ihn an ihr Himmelszelt, wo er denn, hilflos verewigt, vor den Augen ungezählter staunender Geschlechter als schwer zu entzifferndes aber unvergänglich leuchtendes Sternenbild hängen blieb. Das haben Sie nun, Lieber und Verehrter, in gewalttätiger Güte mit mir getan, und Ihre armen künftigen Monographisten und Philologen werden die seltsamsten Vermutungen in ihren Abhandlungen vorzubringen haben, wenn sie das Vorgeheimnis des Geheimnisses der Sprache, die Votivtafel der ersten Seite erforschen . . .

». . . Ich fühle in herzlicher Dankbarkeit, was es bedeutet, daß Sie gerade dieses Werk mir leiblich und geistig schenkten; . . . der Einblick hat mir gezeigt, welch große Schöpfung Sie mir zudachten . . .

». . . Es ist das größte Beispiel, das Sie Land und Zeit geben: wie Not und Druck sich nur in schöpferischer Arbeit, allein in souveräner Freiheit Not und Druck überwindet . . .«

Um die Wahrheit zu gestehen: die Not, deren sich der Geistesarbeiter entbürden möchte, bleibt immer dieselbe; denn sie ist die Not der Probleme, und diese richtet sich nach Schwierigkeit gemessen nicht nach der politischen und wirtschaftlichen Konstellation, verharrt vielmehr bei ihrem Druck auch in den rosigsten Zeiten. Aber die Arbeit, die er als Nothelferin heranruft, stets fragevoll in ihren Ergebnissen, wird es fraglos nicht einmal bis zum Anschein einer Wirkung bringen, wenn sie sich nicht auf ein Bewußtsein stützt, das mehr und mehr zu verkümmern droht; ich meine den Respekt vor der Leistung anderer, das Prinzip der Verehrung an sich. Blick' ich umher im edlen Kreise meiner Freunde, der lebenden wie der Schatten, so fühle ich zumal in diesem Prinzip das Wesentliche unserer geistigen Gemeinschaft. Hätte es nicht schon Schopenhauer ausgesprochen, daß das Maß der Verehrung, das einer in sich aufbringt, zugleich das Maß seines Eigenwertes darstellt, so wäre das Wort fällig geworden in diesem Kreise, der die Niederbeugung jenes Prinzipes an so vielen Neuschaffenden in Nähe und Ferne schaudernd erlebt hat, zumal an den reformierenden Hundertschaften, die da Richtung mit Leistung verwechseln und sich für die neue Richtung wegetüchtig machen wollen durch Verachtung des historisch Gewordenen. Wo ihr solche Symptome bemerkt, in Programmen und Pronunciamentos, die der Zukunft alles verheißen, wenn man den Ballast der Vergangenheit über Bord wirft, glaubt nur: in diesen Köpfen rebelliert nicht die Fülle der Gedanken, sondern es ist die Kärglichkeit der Ideen, die gegen die Schädelwand lärmt. Der wahrhafte Neuerer, sogar der Stürmer, sofern er nicht nur Bresche schlägt, sondern Neuland erschließt, beginnt mit der Verehrung und ist gar nicht imstande, sie in irgend einem Punkte seines Schaffens außer Betracht zu setzen. Richard Wagners »ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven, ingleichen an ihre Jünger und Apostel« wird vorbildlich bleiben, und für diesen Glauben besteht zwischen Kunst und Wissenschaft kein Unterschied. Nur die Namen mögen wechseln, die persönlichen Exponenten des Bekenntnisses, die mit gleicher Gültigkeit Archimedes, Michelangelo, Locke, Goethe oder Gauss heißen könnten. Und auf die Stärke des Glaubens kommt es an, auf die Bewußtheit dieser Stärke in jedem Augenblick. Heut ist ein junger Künstler mit dem ganzen Mozart als einer belanglosen Nebenfigur fertig, ehe er noch recht anfängt, der Name Schiller entlockt spöttisches Grinsen, und mancher Vollbürger des zwanzigsten Jahrhunderts fertigt die gesamte Philosophie ab wie Schopenhauer den einen Hegel.

Keiner kann über sich hinaus, und wenn einer nicht viel in sich hat, wird er auch nicht viel Verehrungswertes finden, das ihn zu beständigem, inbrünstigem Kultus anhält. Zwischen Gehirnarbeit und Verehrung besteht ein Verhältnis kalorischer Art: was sich unmittelbar zur Leistung umsetzt, wird Temperaturzufluß für die Verehrung. Es wäre denkbar, daß die Phrenologie späterer Zeit im Menschengehirn ein Verehrungszentrum nachweist, vielleicht benachbart der Andachtspartie in frommen Köpfen. Für diesen Fall wird die Annahme nicht fehlgehen, daß die stärkste Ausbildung dieses Zentrums bei denen anzutreffen ist, die auch sonst für ihren Intellekt die gültigsten Proben erbracht haben.

Einen gewissen Gradmesser bietet der Tonfall, der garnicht etwa salbungsvoll zu sein braucht; aber es vibriert etwas vom Glücksgefühl des Sprechenden, wenn er das Objekt seines Kultus nennt; der Name wird lustvoll betont, und man berauscht sich an dem süßen Schauer einer Gemeinsamkeit, die oft über weite Zeitklüfte hinwegreicht. Wie sprach der kritisch-herbe Mauthner die Worte aus »Cartesius« – »Giordano Bruno« – »Spinoza« gleichsam als führte er sich ein Labsal zu, als wüchse er selbst, wenn er ihrer gedächte! So vernimmt man auch bei Albert Einstein den Klang der Apotheose, wenn er von Galilei redet, von Newton, Maxwell und Faraday. Nur banausischer Unverstand könnte vermuten, ein Großer vermöchte andere Große mit Herablassung zu nennen, weil er sie übertraf oder theoretisch überwand. Solche Banausen hörten etwas davon läuten, Einstein habe die alte Mechanik abgeschafft und besonders Newton in die Wüste geschickt. Könnten sie ihn nur sehen vor Newtons Bildnis in seiner Arbeitsstube, könnten sie nur seine Stimme vernehmen, wenn er den Namen der Gewaltigen ausspricht, mit einer Resonanz des Temperaments und der Herzenswärme, die ihn selbst bei jeder Wiederholung neu beglückt! Niemand kann über sich hinaus; aber ebensowenig unter sich hinunter: ein Bedeutender ist gar nicht imstande seine Tonart zu dämpfen, wenn er bedeutender Vorläufer gedenkt, er schwingt sich nicht künstlich auf, um das magistrale Register zu ziehen, da seine Brust für den Ausdruck des Moments gar kein andres Register beherbergt, als eben dieses.

Banausisch wäre aber auch der Einwand, ich selbst hätte mich vom Verehrungsprinzip losgesagt, als ich beispielsweise meine antisokratische Ketzerschrift herausbrachte. Denn diese trägt ja an der Stirnseite deutlich genug die Tendenz, einen Götzenaltar nur deswegen abzuräumen, weil er soviele im Kultus der wahrhaften Gottheit Philosophie irre gemacht hat. Könnte ein Werk für das andere eintreten, so ließe ich hier mein allerletztes sprechen, das mir ganz und gar vom Respekt für das Vergangene eingegeben wurde und von dem Wunsch, mir selbst eine neue Renaissance zu bauen mit Stätten der Anbetung, in denen der wissenschaftliche Verstand Tempeldienste verrichtet. Allein ich bedenke den Spannrahmen dieses Kapitels und finde den schon reichlich ausgefüllt. Viel hätte ich noch zu erzählen von Plan und Gestaltung weiterer Schriften, zumal von der Verschmelzung phantastischer und realer, kritischer und romanhafter Bestandteile in ihnen, und eine besondere Aufgabe wäre es, zu entwickeln, wie sich die transzendent gestimmte Erwartung geistiger Zukunft mit der laudatio temporis acti verträgt. Vielleicht erlebe ich in einem noch ungeschriebenen, noch nicht einmal in der Skizze vorhandenen Kapitel hierfür die Gelegenheit.

Aber schließlich bleibt alles skizzenhaft, was ein Autor über sich selbst aussagt, mag es auch nach Zeilen und Seiten sehr ausführlich herauskommen. Denn er möchte von inneren Erlebnissen berichten mit Mitteln der Sprache, deren grobe Zangen das Wesentlichste, Intimste der Vorgänge nicht erfassen. Wie soll man erlebten Verstandesdingen beikommen, wenn schon der Verstand an sich sich der wörtlichen Umklammerung entzieht? Im Griechischen heißt er Nous, Dianoia, Gnome, Gnosis, Episteme, Logos, wir erweitern die Liste noch durch Vernunft, Intellekt, Ideenbildung, Urteilskraft, geistige Findigkeit, Gehirnfunktion, kein Wort deckt sich mit dem andern, und die Vielfältigkeit aller zeigt uns die Unmöglichkeit, über den Verstand zu einer Verständigung zu gelangen. Es bleibt in der biographischen Mitteilung über Geschehnisse der Vernunft beim Vernünfteln, und wohl uns, wenn wir im Fluß der Darstellung das Rettungsseil der Metapher ergreifen. Sie hilft uns aus der Unzulänglichkeit der Sprache streckenweis heraus in das anschauliche Bild. Jean Paul hat jede Sprache als ein Wörterbuch abgeblaßter Metaphern erklärt. Es gibt aber genug helle Metaphern, die sich gar nicht ins Abstrakte verkriechen und sich ganz ehrlich als Bilder bekennen. Wenn sich in meinen Schriften lesenswerte Stellen befinden, so sind es zumeist die, welche sich um ein anschauliches Gleichnis bemühen. Also habe ich auch hier metaphorisch mich selbst als einen Arbeiter beschrieben, dessen Versuche an einigen Punkten Leuchtkraft empfingen durch die »Lichter ringsum«.

 


 

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