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Das Panorama meines Lebens

Alexander Moszkowski: Das Panorama meines Lebens - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobio
authorAlexander Moszkowski
titleDas Panorama meines Lebens
publisherF. Fontane & Co.
year1925
correctorreuters@abc.de
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Das Paradies von Weimar

Ein Paradies ohne vorgelagertes Fegefeuer, ohne Leidensstationen auf dem Hinweg, ohne Reue bei der Abkehr. Ein fröhliches Wunder, dem zur vollen Wirksamkeit auch das Lustgefühl satanischen Kitzels nicht fehlte. »Forsan et haec meminisse juvabit« – auch dieses wird dereinst zur Erinnerungsfreude. Und wer einmal das Gehege durchschritt, der bedauert die Nachfahren, die nur darum nicht Lober der Vergangenheit werden, weil ihnen jede Vergleichsmöglichkeit fehlt. Dieses Paradies kann und wird sich nicht wiederholen.

Das war also im Frühjahr von achtzehnhundertachtund . . . Die genaue Zahl will mir nicht aus der Feder. Soll ich wirklich nochmals berichten, wie weit ich mit meinen Erinnerungen zurücktauche? Auf ein Jahrzehnt mehr oder weniger käme es ja nicht an. Aber zu einem Geständnis von solchem Ausmaß gehört doch ein Entschluß, und der wird mir in diesem Falle besonders sauer. Denn in der Lebensoptik verschieben sich die Dimensionen gar seltsam, und für meine Zeitempfindung liegen die Tage von Weimar entlegener als manches Ereignis der Kindheit. Sie sind traumhafter gefärbt, vielleicht weil sie, schon als sie Gegenwart waren, Züge grotesker Unwahrscheinlichkeit aufwiesen.

Ich helfe mir, um die Chronologie nicht ganz zu verleugnen, mit einer Umschreibung: Im ersten Bayreuther Festspieljahr hatte ich, wie auch an anderer Stelle erwähnt, Franz Liszt persönlich kennengelernt, und zwei Jahre später brach ich bei ihm in Weimar ein. Ganz ohne Legitimation und Studienbeflissenheit. Ich gehörte nicht zur Musikantengilde und hatte meine Berechtigung, in seine Gefolgschaft einzudringen, durch nichts erwiesen. Meine schriftstellerischen Versuche aus jener Zeit waren spärlich, anfängerhaft leichtgewogen, und es gehörte die ganze Duldsamkeit des Meisters dazu, um sie überhaupt als vorhanden zu erachten. Aber mein Bruder, der Tonsetzer und Pianist, zählte trotz seiner Jugend zu den Bevorzugten im Weimaraner Kreis, und durch ihn gedeckt durfte ich es schon wagen, von der großen Weimaraner Musiktafel ein bißchen mitzunaschen. Um diese Tafel gruppierten sich Szenen, die uns damals als musikgeschichtlich vorkamen, vor allem Schlachten, die auf den Tastenflächen vieler Klaviere ausgekämpft wurden. Da machte ich also mit, horchend, begutachtend, parteinehmend, als Außenseiter oder sozusagen als Schlachtenbummler.

Mir war durch einen Zufall die erlesenste Wohnung der Stadt zugefallen; eine Aussichtswarte erster Ordnung mit unmittelbarem Nahblick in Liszt's Allerheiligstes. Nahe dem Parke stehen oder standen dort Zwillingshäuser, gelbgetünchte Kleinbauten mit dem Sammelnamen »Hofgärtnerei«; äußerlich unscheinbar, aber von Ruhm umwittert. Dort drüben die schmucklose Villa war das Pilgerziel derer, die auf tonkünstlerischem Felde den Segen des Franziskus erwarteten, das Goethehaus ins Musikalische übersetzt. Heut mag der Vergleich übertrieben erscheinen; aber für die Weimaraner von damals galt er als selbstverständlich. Liszt's gewaltige Persönlichkeit hatte doch die zweite Klassikerära von Weimar begründet, und manche ließen sich vom Liszt-Nimbus so stark umnebeln, daß ihnen alle Schätzung der Wirklichkeit entschwand: Goethe mochte wohl die klassische Verheißung bedeuten – in Liszt erblickten sie die Erfüllung.

Ich hatte nicht lange nötig, auf Ausbrüche dieses verzückten Kultus zu warten. Gerade war ich als Fremdling in die Wohnung eingezogen und überlieferte mich der in solchen Fällen üblichen, durch vorangehende Eisenbahnfahrt gerechtfertigten Tätigkeit. Das heißt, ich enthüllte mich mit aller Ungezwungenheit eines Touristen und improvisierte mir am Waschtisch ein Halbbad – als die Tür aufgerissen wurde und zwei fanatische Jungfrauen in meine Klause stürzten. Daß da an der Rückwand ein halbnackter Jüngling wasserplanschte, genierte sie nicht im geringsten; sie schwangen sich ans Fenster, sprengten es auf und riefen in Raserei, wie von einer Vision hingerissen: »Dort – dort! – o Gott, da ist er – Er – Er! Liszt – Liszt!!«

Einige Minuten tobten sie derart am Fenster; dann entfernten sie sich mit den Spuren der Weihe auf den holden Antlitzen. Auf mich fiel nur ein kurzer Seitenblick, aber in diesem lag eine Welt von Verachtung: Was wollte der Kerl da, dieser bespritzte Eindringling? Hatte er am Ende gar die Frechheit, hier zu wohnen?

Mir blieb der Sinn dieser Überrumpelung zunächst ganz unverständlich. Denn erstlich: man dringt nicht mit Türbruch in fremde Gemächer; dann aber und hauptsächlichst: das waren doch offenbar ortskundige Lisztianerinnen, die als solche hundertfach Gelegenheit hatten, den Meister aus allernächster Nähe anzuschwärmen und also gar nicht darauf angewiesen waren, quer über die Straße ihre verhimmelnden Übungen anzustellen. Das ergab eine schwierige Psychologie, der ich vorerst noch nicht gewachsen war. Erst allmählich ging mir die Erklärung auf, die sich in die allgemeine Formel bringen ließ: in Weimar war das Unwahrscheinliche die Regel, und man durfte sich überhaupt über nichts wundern!

Ich erfuhr natürlich die Namen der beiden Huldinnen und möchte erwähnen, daß die eine von Wolzogen in seinem berühmten Roman »Der Kraftmayr« unter der Marke »Fräulein Schönfließ« verewigt worden ist. Als ich sie später in ihrer Eigenschaft als Klavierspielerinnen hörte, war der Eindruck nicht mehr so überraschend als bei ihrer Gastrolle in meiner Stube. Zwei Künstlerinnen unter Durchschnitt, ohne Sturm und Leidenschaft, und nicht einmal mit dem äußeren Anflug walkürenhafter Draufgängerei. Nichtsdestoweniger, sie gehörten zum Bilde und wußten damals als Lärmpriesterinnen eine Rolle zu spielen.

Da ich selbst gar nicht für's Klavier in Betracht kam, so versuchte ich zunächst mir eine abseitige Brücke zum Herzen des Meisters zu bahnen. Liszt's Neigung für das Geheimnisvolle, Unerforschliche kam mir entgegen, denn ich hatte mir durch das Studium umfangreicher Physikwerke von Zöllner gewisse Sonderkenntnisse im spiritistischen Felde erworben und wußte ihm unbekannte Dinge zu erzählen, die den Kernpunkt seines Interesses trafen. Damit hatte ich gewonnenes Spiel. Noch heute möchte ich daran festhalten, daß die längst vergessenen Zöllner'schen Experimente seinerzeit von der ernsten Wissenschaft doch nicht ganz genügend beachtet worden sind, und daß eine vielleicht nicht ferne Zukunft an die Notwendigkeit geraten wird, sie wieder aus der Versenkung hervorzuholen. Ich will mich hier nicht in's Okkulte verbreiten, sondern nur den großen Eindruck jener vierdimensionalen Abenteuer auf Liszt feststellen. Ihm schien nichts unmöglich, und als er nun gar erfuhr, daß neben Zöllner Autoritäten der höchsten Forschung wie Weber, Wallace, Crookes in der Linie derselben Wunder arbeiteten, da ergab er sich in offensichtlicher Freude allen mysteriösen Wellen, die ihn aus meinen Berichten überströmten. Das entsprach seiner Natur, und ebenso entsprach es meiner verzeihlichen Absicht, etwaige Zweifel nicht allzu stark zu unterstreichen. Jedenfalls wurde das in wagemutigem Leichtsinn gesteckte Ziel vollkommen erreicht. Auf kurze Zeitspannen gehörte das Ohr des Meisters mir, und sogar in stärkerem Grade als manchem der dort umherwimmelnden Tastendrescher. Und mit Wonne denke ich daran zurück, daß er mich wiederholt in seine Arme schloß. Dazu war er allerdings oft genug aufgelegt, und man durfte die Bedeutung der Liszt-Küsse nicht überschätzen. Er kargte nicht mit dieser Auszeichnung, besonders jüngeren hübschen Damen gegenüber. Aber man zählte sie genau, und sie bildeten den Urgrund unendlicher Eifersüchteleien. Die Herren bekamen gelegentlich noch eine andere Liebesgabe zu kosten, in Form unheimlich starker Schweizer Zigarren, zu deren Genuß Todesverachtung gehörte. In besonderen Fällen verschärfte sich die Gunst dadurch, daß Liszt den Vevey-Stengel mit eigenen Lippen anrauchte und die pneumatische Fortsetzung dem Beschenkten überließ. Der tat so »als ob« und verwahrte den Rest als Angedenken. Wo sind sie alle hin, diese historischen Tabakstummel, die an so glückliche Zeiten gemahnten!

*

Der Frage, was Franz Liszt damals, dem 70. Lebensjahre nahe, mit seiner eigenen Leistung als Klaviermeister bedeutete, wird nicht auszuweichen sein. Aus dem Weimarer Treiben heraus hätte ich ihn nicht beurteilen können; allein bald darauf weilte er, gänzlich unerkannt, auf dem Boden der Reichshauptstadt wo er im allerengsten Kreise musizierte, von der kunstbegabten Gräfin Schleinitz am zweiten Klavier unterstützt. Und nur zwei Hörer waren zugegen, der Musikschriftsteller Otto Leßman und ich. Liszt hatte sich wirklich meiner erinnert und bot mir durch diese Einladung die ausgiebigste Gegenleistung für mein vierdimensionales Geplauder. Darf ich bekennen, daß er mich am Instrument in gewisser Weise enttäuschte? Daß er nicht ganz dem Bilde des Jupiter tonans entsprach, das meinen Sinnen vorschwebte? Gewiß, es war nicht leicht, zu seiner Leistung den richtigen Abstand zu gewinnen und im Eindruck loszulösen, was mit magischer Kraft von der zauberhaften Persönlichkeit und was vom gegenwärtigen Können ausging. Trotzdem versuchte ich zu unterscheiden, mit dem Ergebnis, daß noch sehr viel Bewundernswertes übrig blieb, aber nicht allzuviel, was auf Rechnung der unmittelbar fortreißenden Gewalt zu setzen war. Das Magistrale überwog derart, daß man beinahe von einem Klavierspiel mit professoralem Anstrich hätte reden können; alles Technische war als Selbstverständliches vorhanden, in zweifelloser Vollendung, aber nicht mit höchster Glanzwirkung. Und was den poetischen Gehalt der Darbietung betraf, so konnte man nur sagen, daß er es weniger auf tönende Beseelung in Anschlag, Phrasierung und Klangschattierung abgesehen hatte, als auf sinngemäße, objektive Darstellung. Man erfuhr also genau, wie es gemeint war, eine Berufung über die gegenwärtige Instanz war nicht gut denkbar, denn Liszt spielte ausschließlich Stücke eigener Schöpfung. Aber ich kam von dem Eindruck nicht los, daß dieser Mann nicht mehr der Herrscher war, der eine staunende Welt zu seinen Füßen gesehen hatte. Von dem vorzeitlichen Merkverse

Liszt fährt drein in Sturmeswüten,
Dreyschock säuselt glockenrein,
Henselt spielt mit Frühlingsblüten,
Thalberg schnitzt in Elfenbein

war nun auch die erste Zeile hinfällig geworden. Das Sturmeswüten blieb aus, hätte auch zur Figur nicht mehr gepaßt. Als elementarer Klavierdonnerer herrschte in jenen Tagen Anton Rubinstein, dessen titanische Offenbarungen jeden Vergleich ausschlossen. Und dennoch! Man war ja nicht in den Palast der Schleinitz gekommen, um sachlich Kritik zu üben, sondern um sich von einem Ereignis bemeistern zu lassen. Man tauchte zurück in die Urzeiten, von denen die Väter erzählt hatten. Man vergegenwärtige sich, daß schon Heinrich Heine den Abstand des »abgeklärten« vom tosenden Liszt festgestellt hatte, in der unvordenklichen Pariser Vergangenheit von 1841! »Wenn er damals,« – also wann wohl? – »auf dem Pianoforte ein Gewitter spielte, sahen wir die Blitze über sein eigenes Gesicht dahinzucken, wie vom Sturmwind schlotterten seine Glieder, und seine langen Haarzöpfe träuften gleichsam vom Platzregen. Wenn er jetzt auch das stärkste Donnerwetter spielt, so ragt er doch selbst darüber empor; die Wolken lagern tief unter ihm, die Blitze ringeln wie Schlangen zu seinen Füßen, das Haupt erhebt er lächelnd in den reinen Äther.« Und hier saßen wir in der Wilhelmstraße, nahe den Linden, um mehr als ein Menschenalter getrennt von Heines Bericht, und sahen das nämliche in den Äther erhobene Haupt lächeln; sahen die schlanken Finger gleiten, mit denen sich Liszt schon vor vierzig Jahren in die Unsterblichkeit hineingespielt hatte; ein Wunder, daß uns noch die Besinnung blieb, um in dieser geisterhaft heraufbeschworenen Vergangenheit die tönende Gegenwart wahrzunehmen und als ein wirkliches Konzert zu beurteilen. –

*

Es läge nahe, den professoralen Zug in Liszt's Altersspiel mit seiner Lehrtätigkeit in Verbindung zu bringen. Denn er war doch Lehrer mit Liebe und Leidenschaft, und er hatte sein ganzes Dasein darauf eingestellt, daß eine Zöglingsschaar ihn unablässig umwogte. Ich glaube indes nicht, daß jener Zug auf den Betrieb in der Hofgärtnerei zu Weimar übergegriffen hat. Hier herrschte wohl in reichlichstem Maße akademische Freiheit, aber keineswegs ein starres Programm akademischer Schulung. Von der strengen Methodik eines Leschetitzky, eines Theodor Kullak blieb Liszt weit entfernt, ja man könnte überhaupt erörtern, ob denn in Weimar so recht eigentlich gelehrt und gelernt wurde im Sinne schulgerechter Lektionen. Ich kann hier als beglaubigter Ohrenzeuge nur unter Vorbehalt mitreden, wiewohl ich ja nur meine Stubenfenster zu öffnen brauchte, um allerlei Tongeflatter zu erhorchen. Aber man wußte doch in Weimar allgemein, wie es bei diesen lehrhaft gemeinten Zusammenkünften zuging, nämlich nichts weniger als doktrinär. Kein Professor trat da herein und zeigte, es müßte so sein, und so oder so müsse man es machen, um den Lorbeer der Konzertsäle zu erreichen. Das verbot sich schon durch die Eigenart der Zöglinge selbst, von denen nicht wenige konzertflügge waren, ja als diplomierte und erfolggekrönte Künstler auf Bedeutung Anspruch machten. Zu den Bevorzugten der zeitlich benachbarten Altersklasse gehörten der Amerikaner Pinner, der Russischpole Jules de Zarembski, dessen schönere Ehehälfte, die goldhaarige Johanna Wenzel, und in weiterem Abstand Konrad Ansorge, der später eine eigene Hofhaltung in Weimar errichtete. Aber auch die virtuos Perfekten hatten ihre Fertigkeiten nicht in eigentlichen Lektionen gewonnen. Es war vielmehr in der Hauptsache ein Musizieren mit und vor dem Meister, dessen Geist über den Wogen schwebte; man wollte in den Liszt'schen Dunstkreis eingehen und in naher Berührung Keime Liszt'scher Genialität auf sich überfließen lassen. Manchem ist es geglückt, unter der Vorbedingung, daß er hier nichts anderes erwartete, als die letzte Weihe. Den andern aber, denen noch die Schalen des Konservatoriums anklebten, konnte nicht geholfen werden. Sie waren froh in der Erlaubnis, ihren Kursus durchzuschmarotzen, und gingen wie sie gekommen waren, um sich im Kunstproletariat zu verlieren. Im eigentlich technischen Studium war nicht viel zu gewinnen; Liszt stand viel zu hoch über den Einzelheiten der Mechanik, als daß man von ihm hätte sonderliche Auskünfte verlangen dürfen. Das mußte man eben können, und wenn man es nicht konnte, so blieb es dem Strebenden immer noch unbenommen, sich späterhin Lisztschüler zu nennen. Zu Legionen schwollen sie an, die Lieblingsschüler, und nun gar die Lieblingsschülerinnen, die allesamt bereit waren, eine gelegentliche Freundlichkeit des Altmeisters in ein für alle Welt gültiges Zeugnis umzudeuten. Die große Mehrzahl dieser Liszt-Schülerinnen vereinigte sich vom Standpunkt der Kritik nach Jahren und Jahrzehnten unter dem Kennzeichen:

Der Meister war ihr wohlgewogen
Und unterstützte sie beim Üben,
Das Liszt'sche ist nun längst verflogen,
Das Schülerhafte ist geblieben!

Und zu dieser Größenklasse gehörten wohl auch die meisten aus dem Jahrgange, bei dem ich den mitschwärmenden Beobachter spielte. Freilich fehlte es auch nicht an Talenten im wirbelnden Kreise. Da blitzten als Sterne zweiter Größe Vera Timanoff durchs Gewimmel, der sehr begabte Pianist Reuß und ein Dreigestirn unter der Firma Schwarz-Weiß-Rot, tatsächlich drei Künstler, die späterhin ihre Eigennamen Schwarz, Weiß und Rot in den Musiksälen Deutschlands zu Ehren brachten.

Man munkelte von Hans von Bülow. Der gab bisweilen Gastrollen in der Stadt als ein Liszt Nummer zwei, mit der Sendung, den Vielzuvielen heilsamen Schreck einzujagen. Gewitterschwüle lag um ihn, und manches reinigende Donnerwetter fuhr von ihm aus, wenn es gar zu arg um Liszt herging. Denn auch ein Gott kann sich bedrängt fühlen im Übermaß des Kultus, und hier gab es in Scharen Priester, die sich wie die heulenden und tanzenden Derwische benahmen.

Unpoetischer gesprochen: Bülow trat auf wie der Gewaltige aus Nubierland und warf die künstlerisch nicht Zahlungsfähigen vor die Tür. Fragte sich bloß, auf wie lange, und ob die vorn hinausgeworfenen nicht wieder durch ein Hinterpförtchen hineinschlüpften. Wir besitzen darüber ein Zeugnis in einer Fußnote zu Bülow's Briefen, die uns erzählt: Er war entsetzt, bei Liszt eine Menge Menschen zu treffen, die diese Räume nie hätten betreten dürfen und Liszt's Gastfreundheit weder als Menschen noch als Künstler verdienten. Einmal gab er an Stelle Liszt's, der sich nicht wohl fühlte, eine Stunde und erzählte sogleich einer Dame, daß er soeben eine Anzahl dieser Unwürdigen an die Luft gesetzt. Liszt habe nichts dagegen gesagt, und er hoffe, daß er nun die Hofgärtnerei von der »Bande« gesäubert habe. »Ich habe Liszt dieselbe Wohltat erwiesen wie meinem Pudel, wenn ich ihn von den Flöhen befreie!« Bülow rannte dabei, sich vor Vergnügen die Hände reibend, im Zimmer herum. Jene Gewährsmännin prophezeite ihm, daß sein Strafgericht nicht lange helfen würde. Und so war es: »bei der nächsten Stunde waren alle wieder da!«

Bülow nannte bisweilen seine Hand – natürlich in künstlerischem Sinne – eine »Leopardenpfote«, im Gegensatz zur »Löwenklaue«, die er dem Anton Rubinstein zuwies. Er selbst hätte die Löwenpranke besitzen müssen, um hier so dreinzuhauen, wie es sich seiner Überzeugung nach der Rasselbande gegenüber gehörte.

Man hatte also Angst vor seinem Nahen, allein die Sünder wußten: dieser eiserne Besen fegte zwar rasch, aber nicht nachhaltig. Bülow mit seinem Rachezorn war eine vorübergehende Erscheinung – Liszt mit seiner seraphischen Milde blieb.

*

Und diese Milde betätigte sich nun auch auf dem Gebiet einer anderen Kunst, die an der Ilm fleißig und wie nicht zu leugnen mit ungeheurer Virtuosität geübt wurde. Ich meine die schon von Ovid gefeierte »Ars amandi«, deren rege Schutzgöttin sich in Weimar einen höchst beträchtlichen Liebeshof geschaffen hatte. Ja, bisweilen wollte es scheinen, als ob nicht Apollo und die Musen, sondern Frau Venus die Leitung der Geschehnisse in Händen hätte.

Liszt's persönliche Rolle in diesen rasch wechselnden und verwickelten Angelegenheiten ist nicht leicht zu beschreiben. Man kann nicht sagen, daß er sichtbar eingegriffen hätte, mit priesterlicher Gewalt bindend und lösend. Aber seine priesterliche Stellung blieb doch unverkennbar, und aus seiner segnenden Haltung war Tröstliches herauszulesen. Vor allem die Tatsache, daß er genau Bescheid wußte über jeden Takt und Ton in dem niemals endenden Scherzo amoroso, das die Mannen und Weibsen da aufführten; und ferner die Gewißheit, daß man nicht nötig hatte, sich um Erlangung besonderer Absolution anzustrengen. In Wolkenhöhe schwebte er als vergeistigte Instanz, die alles wußte, alles verzieh, ja rund heraus gesagt, alles begünstigte. Zweifellos hatte er sein geheimes Vergnügen an dem flirtenden Gewimmel. Auf der Alm da gibt's ka Sünd, und in Weimar gab es auch keine in diesem zweiten klassischen Zeitalter, das so viel von der Toleranz des ersten übernommen hatte. Und schließlich, die Kunst verklärte ja das Menschlich-Allzumenschliche, wie damals, als der Generalsuperintendent Herder den kleinen und großen Verfehlungen ein liebevolles Verständnis entgegenbrachte. Der Vergleich soll nur andeuten, nicht erschöpfen. Dem Abt Liszt standen ja persönlich die reichsten persönlichen Erfahrungen in der Erotik zur Seite, und was sich um ihn abspielte, waren keine lyrischen Schäferspiele, sondern Saturnalien. In deren Mitte stand er selbst als eine Sonderfigur ohnegleichen. Es ging über ihn das Wort um: er ist ein Mittelding zwischen Christus und Cagliostro; ja, ihm fehlte sogar nicht der mephistophelische Zug: »Nun, heute nacht? – Was geht's dich an? – Hab' ich doch meine Freude dran!«

Es gab ja auch Tugendbolde und sittige Damen im Kreise, reinmusikalische Naturen, die unentwegt das Feld zwischen Bach'schen Fugen und Liszt'schen Etüden abgrasten und die Abhänge des Parnaß niemals verließen. Die andern wollten ihren Roman haben, und sie hatten ihn, die meisten im Plural, ohne sich dabei sonderlich nach platonischen Mustern zu richten oder die Beziehung von Petrarca zu Laura anzustreben. Ja nicht einmal die Berufung auf Ovid will ganz stimmen; denn der römische Dichter belehrt doch im dritten Buch seines Liebeswerks die freigeistigen Mädchen, wie sie sich in den libertinen Verhältnissen zu benehmen hätten, setzt also immer noch einen gewissen Grad von Unbelehrtheit voraus. Hier aber herrschte auf der ganzen Linie vollendete Sachkenntnis, und der Ehrgeiz der Beteiligten richtete sich nur darauf, alle Romanfäden bis ins Unentwirrbare zu verknoten und mit unsagbar komischen Einschlägen zu versehen. Die ganze Kunst eines Boccaccio würde nicht ausreichen, um die Ergebnisse dieser höchst erfolgreichen Bemühungen darzustellen. Gelänge es aber, so bliebe das Dekameron ein schmalleibiges Heftchen gegen den Liebes-Folianten, der die galanten Abenteuer im Bannkreise Liszt's zu schildern unternähme.

Ich selbst werde mich hüten, auch nur ein Kapitel dieses Buches anzufangen. Nur so viel sei verraten, daß das Hin und Her dieser Angelegenheiten im Ton durchaus nicht auf Knigge abgestimmt war. Man duzte sich, ohne sich je gesiezt zu haben, und befleißigte sich der Ausdrucksformen einer mittelalterlichen, nicht für spröde Ohren berechneten, aber stark auf die Lachmuskeln wirkenden Derbheit. Dabei bestand eine besondere Technik, alle bürgerlichen Möglichkeiten so gründlich auf den Kopf zu stellen, daß man zwischen Liebes- und Wahnsinns-Motiven kaum noch zu unterscheiden vermochte; wie ja auch in den Bacchanalien der Vorzeit die Logik ausgeschaltet war. Alles verquickte sich zudem mit dem Liszt-Kultus selbst, der in keiner Minute aussetzte und in seiner Verstiegenheit ans Hysterische grenzte. Überall fand man lebende Illustrationsproben, die späterhin ganz ausgezeichnet in das grundlegende Werk des Dr. Placzek »Das Geschlechtsleben der Hysterischen« gepaßt hätten. Kurzum, man befand sich in einer aristophanischen Welt, die am besten durch den Ausspruch eines witzigen Lisztianers gekennzeichnet wird: halb Irrenhaus – halb Lustschänke.

Man brauchte nicht mit besonderem Spioniertalent ausgerüstet zu sein, um die pikanten Einzelheiten zu erfahren. Denn die Leutchen standen auf dem Schein ihres guten Rechts, handelten und redeten nach dem Grundsatz: Diskretion Nebensache. Man hatte nichts zu verbergen und verfuhr mit derselben bekenntnisfreudigen Unbefangenheit, mit der die Troubadoure und die Dumas'schen Musketiere von ihren Abenteuern erzählten. Es gab also keinen flüsternden, in Geheimnissen lüstern wühlenden Klatsch, sondern durchweg eine öffentliche Chronik. Deren Fäden liefen in einem Weimarer Patrizierhause zusammen, in dem zwei würdige, liebenswürdige Damen, Schwestern eines vormals vielgenannten Geschichtsforschers, ihren Hof hielten. Wer mehr erfahren wollte, als ihm das Straßengerücht ohnehin zutrug, der brauchte sich bloß nach diesem Hauptquartier zu bemühen; es war schon vor Erfindung des Fernsprechers die Telephonzentrale, von der ein rastloser Funkspruch zur Hofgärtnerei führte. Da erfuhr Liszt die umlaufenden Dinge brühwarm und vollständig, der Magister wurde Famulus: »Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen!«

*

Im Brennpunkt der weiblichen Gunst stand ein Nichtmusiker, Fritz von Schennis, seines Zeichens bildender Künstler, Landschaft- und Porträtmaler, hier im Nebenberuf Matador der Arena, Liebhaber und Liebgehabter von allen Graden. Er galt als der Meistbegehrte in Weimar, und Liszt selbst bestrahlte ihn mit allen Zeichen seiner Gnade und Freundschaft. Viel Talente vereinigten sich in ihm, so daß er es nicht nötig hatte, außerdem noch ein Ausbund an Tugend zu sein. Er war ein Lebenskünstler, als solcher von Natur und Schicksal vorbestimmt durch eine außergewöhnliche Schönheit der Erscheinung, durch Geist, Wissen und eine besondere Art der Unterhaltung, in welcher Funken aus Liszt's persönlichem Wesen nachblitzten. Dazu kam seine gesellschaftliche Stellung mit dem Hintergrunde eines Millionenvermögens, das nach damaliger Taxe genommen etwa so wirkte wie heute ein Milliardenbesitz. In seiner mit Makartscher Üppigkeit ausgestatteten Kunstwerkstatt war der Großherzog kein seltener Gast, und es galt als eine Bevorzugung, von dem Maler eingeladen zu werden. Der blonde Antinous verteilte diesen Vorzug mit weiser Auswahl, und wenn ihn die junge weibliche Garde zu sehr bestürmte, verschwand er immer auf ein paar Wochen nach Paris, um seinen Nerven Erholung zu verschaffen.

Mir brachte er von Anfang an Kameradschaft entgegen, und ich pflegte den Verkehr in Bewunderung für den Künstler, der mir damals sehr futuristisch vorkam. Überholte Zeiten! Eines seiner schönsten Gemälde, mit Motiv aus dem Park von Versailles, von der Berliner Nationalgalerie erworben, gilt heute, wie ich denke, als längst verjährte Akademikerarbeit, wenn nicht gar als Kitsch. Mir sind solche Wandlungen des ästhetischen Gewissens fremd geblieben. Während ich dies schreibe, fällt mein Blick auf einen Stich von Schennis' Hand, der die Wand meines Arbeitszimmers schmückt: »Logos« betitelt, mit einer grundgelehrten griechischen Unterschrift; und es will mir nicht in den Sinn, daß eine allegorische Kunst wie diese jemals Schimmel und Rost ansetzen könnte.

Schennis selbst, der Bezauberer von Weimar, ist später auf schiefer Ebene in den Orkus geglitten. Seine Lebenskunst hatte seinen Leidenschaften nicht standgehalten. Er verfiel dem Geschick einer an beiden Enden angezündeten Kerze. Damals, als er noch in Weimar leuchtete, als er die Zügel einer Nebenregierung mit seiner unvergleichlich schönen Hand führte, suchte ich mir ihn oft genug zu analysieren. Ich fand in ihm Elemente von Epikur, von Montaigne, von Casanova und natürlich auch von Liszt selbst. Auch der Meister mochte sich in ihm wiedererkennen; oft genug hörten es die Nächsten aus jenem Jahrgang: Wo steckt er, der Bengel – er ist ein arger Wicht, aber ich kann ohne ihn nicht existieren! Und dann mußte er geholt werden, um an der Musikpartie teilzunehmen. Deren Spielregeln waren ihm zudem nicht fremd, denn in seinen vielfältigen Seitenfächern nistete auch die Tonkunst; und obschon sich das Maß seiner Fertigkeit am Flügel nicht über den Dilettantismus erhob, so verstand er doch mehr von der Sache als mancher Zünftige, vor dessen Oktavengedröhn die Mauern erzitterten.

Auch er hat im Kraft-Mayr-Roman seine Stätte gefunden, soweit ich mich erinnere unter dem Decknamen »von Dötteren«. Zwischen der hier geschilderten Zeit und der Niederschrift Wolzogens liegen fast zwei Jahrzehnte, und man darf wohl annehmen, daß der Dichter jene Ära mehr durch intuitive Einfühlung als aus persönlichem Erlebnis literarisch gestaltet hat. Aber seine Romanfiguren gehen fast durchweg auf lebendige Vorbilder zurück, so der Titelheld selbst, der in Wirklichkeit Kellermann hieß, so die amüsante Ilona von Badasz, die auch einmal als Lieblingsschülerin über die Estraden sauste und insofern Rubinstein'sche Züge aufwies, als sie wie Meister Anton sehr viel falsche Noten griff. Aber bei aller Verehrung für Wolzogens prächtige Darstellung möchte ich doch behaupten: das von mir gesehene Original dieser Begebnisse war doch noch lustiger, verwegener und farbenreicher als die spätere Nachgestaltung. Oder scheint es mir nur so in der Rückerinnerung, die ihre vergoldenden Reflexe in die Vorzeit wirft?

Genau genommen ist es ja ein Wagnis, wenn ich behaupte, damals als Außenseiter dabei gewesen zu sein. Denn der Mensch erneuert seinen Zellenbestand alle sieben Jahre von Grund aus, und seit Jahrzehnten trage ich kein Atom mehr in mir, das in jenem bummelnden Teilnehmer steckte. Darf man da noch auf Einheit des Bewußtseins zurückgreifen, auf eine Seelenwanderung im eigenen Körper? Ich hole mir Rat in einer Ode des großen Giordano Bruno:

Wähnst du, des Knaben Blut und Fleisch und Knochen – im Jüngling
Stäken sie noch? Ist dies nicht alles verändert im Manne?
Merkst du denn nicht, wie die Glieder im Wechsel des Stoffs sich erneuernd
Frühere Formen abwerfen? – indes inmitten des Herzens
Immer die eine Natur fortwaltet und bildet, ein Wesen,
Das du selber ja bist, stets Einer und immer derselbe!

*

Ja, inmitten des Herzens ist es auch mir gegenwärtig geblieben, und ich brauche kein Tagebuch aufzuschlagen, keine Beschwörungsformel zu murmeln, um in mir das Bild des Lebens aufsteigen zu lassen, dem Franz Liszt das Gepräge gab, und das sich lustvoll in Liszt spiegelte. Und wenn die Erinnerung ein Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können, um wieviel lebhafter muß sie schwingen, wenn sie mir Dinge heraufholt, die schon in den Tagen des unmittelbaren Erlebnisses paradiesisch wirkten!

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