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Das Odfeld

Wilhelm Raabe: Das Odfeld - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Odfeld
authorWilhelm Raabe
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009845-9
titleDas Odfeld
pages1-230
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Vom Südwesten her über den Solling stieg es schwarz herauf in den düstern Abendhimmel. Nicht ein finsteres Sturmgewölk, sondern ein Krähenschwarm, kreischend, flügelschlagend, ein unzählbares Heer des Gevögels, ein Zug, der nimmer ein Ende zu nehmen schien. Und vom Norden, über den Vogler und den Ith, zog es in gleicher Weise heran in den Lüften, wie in Geschwader geordnet, ein Zug hinter dem andern, denen vom Süden entgegen.

»Ich bitte Ihn, Herr«, rief der Amtmann. »Sie fliegen wohl ihrer Natur nach zu Haufen; aber hat Er je dergleichen Vergadderung des Gezüchts wahrgenommen?«

»Wahrlich nicht! O sehe der Herr doch, es ist, als würden sie von kriegserfahrenen Feldherren geführt. Sie halten an. Sie schwenken wie zur Schlachtordnung ein. Sie rüsten sich wie zur Bataille.«

»Bei uns! Herr, bei uns! Dort über dem Odfelde, über dem Quadhagen! So sehe Er doch, sehe Er doch, Magister! Soll man denn hier seinen leiblichen Augen trauen dürfen? Sie fahren wahrhaftig auf sich los, sie brechen auf einander ein, dort dem Quadhagen zu und über dem Odfelde!«

»Über dem bösen Gehege – dem Campus Odini, dem Wodansfelde! Man sollte es fast als ein Praesagium nehmen, daß sie sich gerade diese Stätte zur Ausfechtung ihrer Streitigkeiten auserwählt haben. O siehe, siehe, siehe, und immer mehr, immer neuer Zuzug von Mittag wie von Mitternacht. Ei wahrlich, da wird uns die Vergünstigung, einem seltenen, einem einzigen Schauspiele beizuwohnen.«

»Herr, das nennt Er eine Vergünstigung?« rief der Klosteramtmann von Amelungsborn, doch in diesem Moment, bei diesem wunderbaren, vor ihren Augen sich abspielenden Spektakulum war er dem letzten wirklichen, ortsangehörigen Magister der alten Kulturstätte in keiner Weise mit seinen Bemerkungen und dergleichen gewachsen.

Der alte Herr stand ihm und der ganzen gegenwärtigen Welt entrückt ob der »Vergünstigung«, die ihm hier und jetzt zuteil wurde, nämlich vielleicht dermaleinst von einem wirklichen Portentum aus eigener Erfahrung und vom persönlichen Aspekt her nachsagen oder gar auch schreiben zu dürfen.

Jetzt war er es, der den Arm seines tagtäglichen Leib- und Lebens-Despoten gefaßt hielt und den verstörten Mann mit ausgestrecktem Zeigefinger und mit glänzenden Augen hinwies auf das, was sich da in den Lüften zutrug.

»Es ist ein Prodigium!« rief der Magister. »Sehe der Herr, wie das unvernünftige Vieh zu den verkündigenden Boten des barmherzigen Gottes wird. Es sind fremde Scharen, wohl ausländische, die da weit von Südwesten kommen und denen das Volk vom Norden zur Abwehr entgegen eilet. Ei wanne, wanne, sie kommen wohlgeatzet von den westfälischen und landgräflich hessischen Champs de bataille, die Fremden. Aber jetzt ist ihre Kost dorten minder geworden, und nun ziehen sie auf neuen Raub nordwärts, voran den assyrischen Feldobersten, den Herren von Soubise und Broglio! Sehe der Herr Amtmann genau zu; gebe Er mit mir acht, was da werden wird –«

»Heiß und kalt wird's einem bei Gott bei der Geschichte«, murmelte der Klosteramtmann von Amelungsborn. »Aber was meinet der Herr Magister denn, was da werden kann?«

»Eine Tröstung oder – eine Warnung, wie es geschrieben stehet: Und wer auf dem Dache ist, der steige nicht hernieder, etwas aus seinem Hause zu holen. Und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht um, seine Kleider zu holen. Wehe aber den Schwangern und Säugern zu der Zeit!«

»Und das alles in meiner Feldmark!« murmelte der Amtmann. »Und was soll die Tröstung für uns sein, Magister Buchius?«

»Daß das Heer vom Norden Recht behalte! Daß Seine Durchlaucht, der Herr Herzog Ferdinand, sich wiederum zur richtigen Stunde dem fremden Greuel, den welschen Landverwüstern entgegenwerfe mit den Seinen.«

»Was faselt Er, Magister? Hat Er nicht so gut wie wir andern vernommen, daß der Herzog in seinem Hauptquartiere zu Ohr jenseits der Weser seit lange in schwerer Krankheit danieder liegt? Weiß Er nicht, daß der gute Herr sich wohl nie wieder davon erholen wird? Weiß Er nicht, daß des Königs Fritzen linker Arm im Absterben ist, daß Seine Durchlaucht der Prinz Ferdinand bei Vellinghausen dem Feinde seinen letzten Sieg abgewonnen hat? Weiß Er nicht, Magister Buchius –«

Der Magister hatte nicht den kleinsten Augenblick Zeit für seinen hochgewaltigen Haus- und Brodherrn übrig. Seine Aufmerksamkeit war ganz allein auf diese mirakulöse Schlacht der Raben, der Vögel Wodans, über Wodans Felde, über dem Odfelde, gerichtet. Mit erhobenen Armen und Stock focht er die Schlacht mit. In seinem gelehrten Gehirn drehte es sich im Tummel wie dort in den Lüften dem Mons Fugleri zu. Armin und Germanicus, Sachse und Franke, die Liga und der Schwed, sie lagen sich, in einen Knäuel verbissen, wiederum im Haar im Gau Tilithi, dem Ithgau, und der Magister Noah Buchius war von seiner Schule hinter sich gelassen worden, hatte so lange das Leben gehabt, um dieses Portentums mit eigenen Augen und bei vollen, klaren übrigen Sinnen teilhaftig zu werden und die Anwendung daraus zu ziehen für den eben vorhandenen Tag und die gegenwärtigen schreckens- und sorgenvollen Zeitläufe.

Es wäre sicherlich aber auch für den nüchterneren und in den exakten, den empirischen Wissenschaften besser beschlagenen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts dieser Luftkampf nicht ohne Interesse gewesen, und es hätte sich für ihn, wenn er den schreibenden Ständen angehörte, wohl verlohnt, einen Artikel darüber an die nächste Zeitung einzusenden und ornithologische Aufklärung in der Sache zu erbitten. Wir aber halten uns mit dem letzten gelehrten Erben der Zisterzienser von Amelungsborn einzig an das Prodigium, das Wunderzeichen und danken für alle fachwissenschaftliche Belehrung: wir lassen uns heute noch gern da an den Zeichen in der Welt genügen, wo Besserunterrichtete ganz genau das – Genauere wissen.

Wohl eine Stunde währte der Kampf des Gevögels, dem die zwei mit so mancherlei Daseinsbedingungen aneinandergeketteten Männer an diesem Abend auf ihrem Wege nach Hause zuschauen durften. Sie hatten aber unwillkürlich ihre Schritte der Walstatt zu beeilt, Kloster Amelungsborn zu ihrer Rechten liegen lassen, ohne an die Heimkehr zu denken. Krächzende Nachzügler vom Süden her, in Haufen oder vereinzelt, begleiteten sie in den Lüften fort und fort.

»Nehme Er meinen Arm und achte Er nicht auf Seine Strümpfe und Schuhe, Magister«, rief der Amtmann. »Wir müssen das Ende observieren, gehe es, wie es will.«

Sie kamen in den Wald östlich von Hohlenberg und nördlich vom Kloster und kamen aus dem Gehölz beim letzten Tagesschimmer auf das Odfeld hinaus und hatten nun wirklich vor sich – will sagen, über sich die Schlacht, so weit das Auge reichte in der Dämmerung, zwischen dem Vogler und dem Großen Wolf bis gegen den Ith hin, und es war wahrlich wie ein Zeichen des Herrn in der Höhe!

Es war ein Wirbel von Tausenden und aber Tausenden von Streitern in der Luft, hier im Knäuel geballt sich drehend, dort im Einzelkampf der Führer aufeinander stoßend und nicht voneinander lassend, bis der Unterlegene sterbend oder tot zur Erde niederflatterte oder -schoß. Wie bei Châlons-sur-Marne – über den Katalaunischen Feldern, ein spukhaft Gewoge von Leidenschaft, Grimm und Haß!

»Sehen der Herr Amtmann, ist es nicht, als ob die, so am Idistaviso schlugen, die, so dem Kaiser Carolo Magno und dem Herzog Wittekindus in die Bataille folgten, auf dem alten Blutort wieder lebendig worden wären? So hetzten sie im Gewölk, König Etzel der Hunne, Aëtius der Römer und Theoderich und Thorismund der Westgoten Könige! Wären die rechten Leute jetzo an unserm Platze, Kindern und Kindeskindern könnten sie von diesem Phänomenon erzählen, auch wohl es in den Druck geben.«

»Aber wir zwei sind am Orte, und uns brennet dieser jetzige Dritte Schlesische Krieg auf den Nägeln. Was helfen mir in meiner täglichen Not Seine grasbewachsenen Olimswelthistorien? Sage Er, wenn Er's weiß, was kann dieses Gesicht für uns arme Teufel in Amelungsborn bedeuten?«

Der Magister, immerfort aufwärts in das schaurige Luft-Kriegsspiel starrend – zuckte die Achseln. Zugleich aber griff er zu und hielt den Stockschlag auf, den der Klosteramtmann nach einem der aus der Schlacht herabgestürzten und verwundet vor seinen Stiefeln flatternden Kämpfer tun wollte.

»Herr?!« rief er.

In demselben Augenblick kam's von der Weser her – ein unbestimmtes, grimmes Murren, ein dumpfes Dröhnen. Einmal – zweimal! zum drittenmal und nun fest anpochend wie ein Faustschlag an eine ferne Tür.

»Das Kanon!« murmelte der Amtmann von Amelungsborn.

»Ja, sie sind wiederum auf dem alten Krieges- und Heereswege. Ist es von Höxter her oder von Holzminden: sie greifen sich noch einmal an der Pforte nach der Kehle um den Torschlüssel«, sagte der Magister Buchius. »Morgen mögen wir sie vielleicht von neuem hier haben, hier am Ith, auf dem Odfelde, im Quadhagen.«

»Da ist uns der Teufel schon lange nicht bloß an die Wand gemalet worden«, murrte der Klosteramtmann.

»Freilich. Aber es war hier bei uns doch nur Kinderspiel gegen das, was sie da drüben in Westfalen von wirklichen großen Bataillen zu erleben und auszustehen hatten. Nun mag aber wohl der liebe Herrgott auch uns seine wahre Zuchtrute zeigen wollen und sendet seine Raben vorher seinem Sturm uns zur letzten Warnung. Der Herr Marschall von Broglio und der Herr Prinz von Soubise wären törichter, als sie sind, wenn sie sich bei währender böser Krankheit des Herrn Herzog Ferdinands die günstige Gelegenheit entgehen ließen, Seiner Durchlaucht Väterstadt Braunschweig mit zu ihren Winterquartieren zu gewinnen. Da müßte denn freilich der Zug über Einbeck gehen, und wenn die hohen Alliierten von Hameln her doch noch versuchten, einen Riegel vorzuschieben, so möchten wir hier endlich auch einmal des Anblicks einer geordneten Schlacht teilhaftig werden, das agmen compositum, vielleicht auch quadratum, das aciem instruere – subsidiis firmare, ja auch vielleicht die Aufstellung in quincuncem, so jedes Durchbrechen der Linie verhindern soll, vor unseren Türen mit eigenen Augen kennenlernen. Polybius, Hyginus, sowie Vegetii epitome institutorum rei militaris –«

Der Amtmann sah seinen langjährigen, oft nur zu wohlbekannten Hausgenossen, den von der Hohen Schule in Holzminden und dem Consistorio zu Wolfenbüttel für überflüssig und abgängig erachteten Magister Noah Buchius an wie ein ganz neues – Portentum. Jedenfalls aber wie völlig zu dem immer noch vor seinen Augen in der Luft sich abspielenden zugehörig. Aber zu dem, was er in diesem Augenblick dem guten Manne sagen wollte – konnte, kam er nicht.

Was der Grund war, weiß kein Mensch. Wie als wenn eine Stimme von oben, einerlei ob aus dem christlichen Himmel oder vom Ida oder aus Walhall her Halt geboten hätte, war urplötzlich die Schlacht der Krähen über dem Campus Odini, dem Odfelde, zu Ende! Die streitenden Raben-Heereshaufen lösten sich voneinander, es geschah ein Aufschwirren im ganzen wie mit einem Ruck. Ein Auseinanderstieben nach allen vier Winden hin. Nach dem gespenstischen, unheimlichen Getöse, dem Gekreisch und Gekrächze des Zorns der Kreatur plötzlich die allertiefste Stille! Eben alles Grimm, Wut und Lebendigkeit, nun alles leer am Himmel und nun nur noch die Gefallenen, die Toten und Wunden am Erdboden und das volle Abenddunkel über der Welt!

Die beiden Männer standen ob dieses Endes des Prodigiums fast noch betroffener als durch das Wunderzeichen selber. Sie gafften eine ziemliche Zeit stumm in die stille Höhe. Wer da oben den Sieg davongetragen hatte in der Lüfteschlacht, ob das Volk vom Norden oder das vom Süden, das blieb bei solchem Ausgang ganz unentschieden.

Nach einer geraumen Weile erst bückte sich der Magister und erwischte den gefallenen schwarzen Kämpfer, nach welchem der Amtmann vorhin mit seinem spanischen Rohr schlagen wollte, am Fittich und hob ihn behutsam auf. Der Amtmann aber schüttelte sich.

»Er kann das so ruhig? Mir grauete beinahe davor.«

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