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Das Odfeld

Wilhelm Raabe: Das Odfeld - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Odfeld
authorWilhelm Raabe
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009845-9
titleDas Odfeld
pages1-230
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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»Jeses, Jeses, Jeses!« wimmerte das Wieschen; doch der Magister fuhr mit erhobener Stimme fort:

»Ja, der Mensch glaubt am hellen Mittage an ein Drittes zwischen zwei Widersprüchen. Auch ich habe in diesen Gegenden am lichten Sommertage, wann die Sonne am heißesten aufs Gestein und die Waldblöße brannte, Dinge gesehen – Dinge gesehen, sage ich, die mich an mir selber und dem Satze, daß etwas entweder sein oder nicht sein muß, zum herzbebenden Zweifeln brachten.«

»Davon sollten der Herr Magister grade jetzo der Beruhigung wegen das Genauere erzählen«, meinte Thedel; doch Magister Buchius sprach schon ohne diese Aufmunterung weiter:

»Ihr kennet alle auf dem Küchenbrinke unser uraltes Klostergebäude, so heute noch der Stein genannt wird. Es stehet über dem alten Sundern, an dessen Ende gen Westen sich noch Rudera einer Kapelle finden, so die Klus von uns genannt wird. Da hab ich ihn gesehen um eilf Uhr gegen Mittage, grade als die Klosterglocke schlug, am zwölften Julii des Jahres siebenzehnhundertsiebenundvierzig.«

»Wen? Wen? Wen?« rief atemlos, trotz der Schlacht des Herzogs Ferdinand und des Marschalls von Broglio am fünften November siebenzehnhunderteinundsechzig, die Gesellschaft in der Ithhöhle.

»Den ersten ureigenen Herrn und Eigentümer der heiligen Stätte vor unserm Einsiedler, dem Waldbruder Amelung! Er saß mit einem blutigen Messer auf den Ruderibus der Klus, mit langem greisen Bart und einem Eichenkranz, doch das Haupt gesenket wie in tiefsten Gedanken. Er kümmerte sich nicht um mich. Er sah nicht nach mir. Woher ich es wußte, weiß ich nicht; aber ich wußte es, er war den Küchenbrink herabgekommen vom Steine; er war herausgekommen aus der Pforte nach Mitternacht, wo man heute noch das Agnus Dei mit der Fahne eingehauen siehet, von dem Orte, wo sein Stein gestanden hat, sein Altar und Opferstein, allwo man die Römer und die Soldaten Caroli Magni abgeschlachtet hat, ehe und bevor Graf Siegfried von der Bomeneburg, was wir heute die Homburg heißen, unser Kloster anlegte und es mit dem Hedfeld, dem Heidenfelde, dotierte.«

»Und dann, Herr Magister?« fragte jetzt selbst Mamsell Selinde Fegebanck.

»Dann, meine liebste Mademoisell, lösete sich dieses, so für den tagtäglichen Menschenverstand ganz und gar außerhalb des Principii rationis sufficientis, will sagen, des Satzes vom zureichenden Grunde lag, auf im Flimmern der heißen Sonne über dem Trümmergestein und dem jungen Tannenwuchs, und nach einer Weile mußte ich nach Hause, dieweil nun doch bald die Glocke den Cötus von Amelungsborn zu Tische läutete.«

»Nihil est sine ratione sufficiente, Mamsell Selinde«, rief jetzt Thedel von Münchhausen. »Alles was ist, muß seinen zureichenden Grund haben, die Amour und der Haß! Auch die Wut, die der alte Barde auf unsern seligen, alten Waldbruder Amelung gehabt haben muß. Herr Klopstock hätte von ihm nicht verlangen können, daß er unter seinem erbeigentümlichen Herd und Küchenbrink anstimme: Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung! Aber nun lassen die Herren auch mich mal heran! Auch unsereiner hat wohl seine Spukgeschichten erlebt bei Tage und bei Nacht in dem alten Spükekasten Amelungsborn und draußen. Es ist bis unters Deckbett nicht immer geheuer, Mademoisell, und wenn Herr Lessing seinen Alten reden läßt:

›O Jüngling, sei so ruchlos nicht,
Und leugne die Gespenster,
Ich selbst sah eins beim Mondenlicht
Aus meinem Kammerfenster!‹

so spreche ich mit dem Jüngling:

›Ich wende nichts dawider ein,
Es müssen wohl Gespenster sein.‹

Hat nicht der Herr Amtmann einmal in der Nacht vor Kreuzeserhöhung auf eines aus seinem Fenster geschossen, wo freilich Herr Magister Lessing seinen Alten wieder singen läßt:

›Auch weiß ich nicht, was manche Nacht
In meiner Tochter Kammer
Sein Wesen hat, bald seufzt, bald lacht;
Oft bringt's mir Angst und Jammer.
Ich weiß, das Mädchen schläft allein;
Drum müssen es Gespenster sein.‹

Nichts ohne seinen zureichenden Grund, nihil sine ratione sufficiente hätte der Jüngling in diesem Falle mehr als in einem andern logice antworten dürfen; doch ich lasse es dahingestellt und rede auch nur von dem, was mir persönlich passiert ist und auch wie dem Herrn Magister Buchius und dem Knecht Heinrich außerhalb von Kloster Amelungsborn. Der Heinen Grasgrabe kennt wohl jeder von uns?«

»Ei wohl«, sprach der Magister Buchius, »das Feld vor dem Kloster zwischen der Heerstraße und dem gleich einer Zunge aus dem Vogler vorgehenden Berge, westlich vom Odfelde, Campus Odini, nordwärts unter dem mit Holze bewachsenen Berge, so –«

»Der Bütze- oder Butzeberg heißt. Da bin ich für mein Teil dem Butzemann begegnet –«

»Permittiere Er einen Moment, lieber Münchhausen«, rief aus seinem dunkeln Dolomitwinkel Magister Buchius, »was Er uns auch zu berichten die Absicht haben mag, Er ist diesmal damit auf dem richtigen, durch die Historie begründeten Boden. Dorten war der geheiligte Hain, das Fanum Odini, der finstere und heimliche Wald, worin die Gottheit unserer Ahnen gegenwärtig war. Ohnstreitig entstand Böse von Butz, und die Christen haben zur Abschreckung den Ort den Butzberg genannt, und manche Mutter und Kindsfrau schrecket noch jetzo unschicklicherweise die Kinder mit dem heidnischen Butzmann oder Bussemann –«

»Und ich habe dort den Hohlenbergern, einerlei ob aus der großen oder der kleinen Hohle, am hellen, lichten Mittage den Glauben an den Butzemann beigebracht, daß sie heute noch ihren Kindern hinterm Ofen damit bange machen und Kinder und Kindeskinder noch nach hundert Jahren davon erzählen werden. Nämlich sie waren zu funfzig mal wieder über Heinrichen her. Sie hatten meinen besten Waldkameraden Heinrich Schelzen mal wieder unter ihren groben Bauerfäusten zu Boden –«

»Herr du mein Leben, i Blitz nochmal, ist denn das die Möglichkeit?« rief jetzt hiezwischen der gute Knecht Heinrich Schelze aus dem tiefsten Heiden- und Spukekeller mit vollständig gesunder, starker Stimme in allerhöchster Verwunderung. »I, Donnerwetter, Blitz und Hagel, Herr von Münchhausen, waren denn das der Herr Junker, der uns Klosterleuten da aus dem Busch als unser Vorfahr und Wilder Mann zu Hülfe und den Bärenhäutern und verfluchten Bauern über die Lauseköpfe kamen?«

»Schlechtweg und zufällig, Heinrich; – simpliciter et per accidens, Herr Magister«, lachte der Thedel von Münchhausen. »Ich kam aus dem Froschpfuhl auf dem Odfeld. Wo alle Cherusker, Katten und Sachsen bis zu Karl dem Großen ihr Opfervieh und ihre Priesterinnen gebadet haben, Herr Magister. Es war uns von Schul wegen verboten, das heidnische Liegen im Wasser; aber wer es tun wollte, der heißen Tage wegen, der tat es doch, contra leges. Ich will's jetzt nur gestehen, und der Herr Magister haben selber wohl dann und wann ein Auge zugedrückt im Walde. So kam ich diesmal, mit Erlaubnis der Damen, nackigt wie der Wilde Mann auf den Harzgulden, über die Hohlenberger und gottlob auch mit einem jungen Tannenbaum in der Faust.«

»Hierüber kann man alles vergessen, Bataille, Franzosen und Engländer!« rief Knecht Heinrich in allerhöchster Verblüffung. »Nun sind der Herr Junker von Münchhausen auch diese Erscheinung gewesen? Und vor jeder Kuh- und Pferdekrippe, in jeder Spinnstube geht es im Sommer und im Winter, bei Tage wie bei Nacht um: der Wilde Mann vom Harze habe sich auch hier bei uns an der Heinen Grasgrabe sehen und spüren lassen!«

»Sehen und spüren lassen!« lachte Thedel von Münchhausen. »Ein paar blutige Köpfe und blau und grüne Buckelstriemen setzte es wohl ab. Diesmal ließ das Spukeding einige handgreifliche Beweise von seiner Erscheinung zurück, ehe und bevor auch es sich wieder in die blaue Luft auflöste..

»Und der Herr Junker hat es über sich vermocht, hierüber den Mund zu halten und nur in der Stille Sein Gaudium an – uns allen in und rund um Kloster Amelungsborn zu haben?« rief Heinrich in voller Bewunderung einer Verschweigsamkeit, deren er sich nimmer nach einem solchen Streiche für fähig achtete. »Was sagen denn der Herr Magister jetzt hierzu?«

Magister Buchius sagte gar nichts. Er ließ nur ein undeutlich Gebrumm vernehmen, und nicht ohne rationes sufficientes, nicht ohne zureichende Gründe.

Er hatte seinerzeit nämlich durchaus nicht gewußt, was er von dieser kuriosen Apparition des Wilden Manns, des Butzemanns vom Harze, unterm Butzeberg am Vogler und auf dem Odfelde, auf dem alten Geschichts-, Geister- und Zauberboden, zu halten habe. Wie er sich zu verhalten habe gegen die Meinungen und Ansichten, die jedermann um ihn her spöttisch, bedenklich, angsthaft-gläubig oder kopfschüttelnd kundgegeben hatte.

Er hatte seinerzeit, alles in allem in Erwägung ziehend, nur

»Hm, hm!«

gesagt; und jetzo, in der Tiefe seiner wunderlich ausstaffierten Gelehrtenseele und ganz heraus aus dem Geist, Wissen und Glauben der weiland großen Wald-, Wildnis- und Klosterschule von Amelungsborn, sagte er wiederum nur:

»Hm!... hm, hm, hm, hm! Ahm!«

»Diese dummen Geschichten machen einen nur immer nur noch kälter und verklommener und die letzte auch noch nasser in der Einbildung«, meinte aber jetzt weinerlich-verdrießlich Mademoisell Selinde. »Und heller wird's auch nicht davon hier im Mordkeller. Man sieht jetzo wohl seine Hand vor Augen, aber auch weiter nichts; und wenn ich einmal sterben muß, so will ich's doch liebe draußen im Lichte. Man vernimmt auch von draußen her gar nichts mehr von der dummen Bataille. Das Grummeln und Brummeln hat ja gänzlich aufgehört, und wenn's nach mir ginge, hätten sich nun alle die Hälse einer dem andern abgeschnitten, daß man ruhig wieder nach Hause könnte. Jetzt bleibe Er von mir, Thedel; oder ich spiele Ihm den Butzemann oder Wilden Mann vom Harz und tachtle Ihm eine Maulschelle hin, daß Er Sein Lebetage bis zum Kopfwackeln hin an Seine dumme Prinzeß von Kloster Amelungsborn in Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit zu denken haben soll!«

»Herr Magister«, rief Junker Thedel von Münchhausen, »Herr Magister, Mamsell hat recht, so wahr ich lebe! Hier hocken wir, Hans und Hannchen, im Keller und erzählen einander dumme Spükegeschichten, und draußen bringen sie die Welthistorie zum Austrag, ohne daß einer von uns drauf acht gibt. Sie haben, der Teufel hole mich, ihr Pulver beiderseits verschossen, oder der eine hat den andern unter. Vivat Herzog Ferdinand und die hohen Alliierten! Mamsell hat auch darin recht, der Satan hält uns hier im Tartaro eingespundet. Sehe Sie zu, wie Sie gut nach Hause kommt, Mademoisell Fegebanck. Ich krieche vor aus dem Loch und sehe nach, wie es draußen steht –«

»Caute, caute! Mit Vorsicht, Münchhausen. Lasse Er mich erst Seinen Rockschoß fassen, lieber Münchhausen!« rief Magister Buchius mit zitternder Stimme, aber im vollen Bewußtsein, daß man sich in dieser Ithhöhle wohl ein wenig zu lebhaft von alten Spukgeschichten unterhalten habe.

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