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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 5
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authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
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Fünftes Abenteuer

Wie Siegfried Kriemhilden zuerst ersah

Man sah die Helden täglich · nun reiten an den Rhein,
Die bei dem Hofgelage · gerne wollten sein
Und dem König zuliebe · kamen in das Land.
Man gab ihrer vielen · Roß und herrlich Gewand.

Es war auch das Gestühle · allen schon bereit,
Den Höchsten und den Besten · so hörten wir Bescheid,
Zweiunddreißig Fürsten · zu dem Hof gelag':
Da zierten um die Wette · sich die Frauen für den Tag.

Gar geschäftig sah man · Geiselher das Kind.
Die Heimischen und Fremden · empfing er holdgesinnt
Mit Gernot seinem Bruder · und beider Mannen da.
Wohl grüßten sie die Degen · wie es nach Ehren geschah.

Viel goldroter Sättel · führten sie ins Land,
Zierliche Schilde · und herrlich Gewand
Brachten sie zu Rheine · bei dem Hofgelag'.
Mancher Ungesunde · hing der Freude wieder nach.

Die wund zu Bette liegend · vordem gelitten Not,
Die durften nun vergessen · wie bitter sei der Tod;
Die Siechen und die Kranken · vergaß man zu beklagen.
Es freute sich ein jeder · entgegen festlichen Tagen:

Wie sie da leben wollten · in gastlichem Genuß!
Wonnen ohne Maßen · der Freuden Überfluß
Hatten alle Leute · so viel man immer fand:
Da hub sich große Wonne · über Gunthers ganzes Land.

An einem Pfingstmorgen · sah man sie alle gehn
Wonniglich gekleidet · viel Degen ausersehn,
Fünftausend oder drüber · dem Hofgelag' entgegen.
Da hub um die Wette · sich viel Kurzweil allerwegen.

Der Wirt hatt' im Sinne · was er schon längst erkannt,
Wie von ganzem Herzen · der Held von Niederland
Seine Schwester liebe · sah er sie gleich noch nie,
Der man das Lob der Schönheit · vor allen Jungfrauen lieh.

Da sprach zu dem Könige · von Metz Herr Ortewein:
»Soll dieses Hofgelage · mit vollen Ehren sein,
So laßt eure Gäste · die schönen Kinder sehn,
Denen so viel Ehren · in Burgundenland geschehn.

»Was wäre Mannes Wonne · was freut' er sich zu schaun,
Wenn nicht schöne Mägdlein · und herrliche Fraun?
Drum laßt eure Schwester · vor die Gäste gehn.«
Der Rat war manchem Helden · zu hoher Freude geschehn.

»Dem will ich gerne folgen« · der König sprach da so.
Alle, die's erfuhren · waren darüber froh.
Er entbot es Frauen Uten · und ihrer Tochter schön,
Daß sie mit ihren Maiden · hin zu Hofe sollten gehn.

Da ward aus den Schreinen · gesucht gut Gewand,
So viel man eingeschlagen · der lichten Kleider fand,
Der Borten und der Spangen · des lag genug bereit.
Da zierte sich voll Eifers · manche waidliche Maid.

Mancher junge Recke · wünschte heut so sehr,
Daß er Wohlgefallen · möchte den Frauen hehr,
Daß er dafür nicht nähme · ein reiches Königsland:
Sie sahen die gar gerne · die sie nie zuvor gekannt.

Da ließ der reiche König · mit seiner Schwester gehn
Hundert seiner Recken · zu ihrem Dienst ersehn,
Aus ihren Anverwandten · die Schwerter in der Hand:
Das war das Hofgesinde · in der Burgunden Land.

Ute die reiche · sah man mit ihr kommen,
Die hatte schöner Frauen · sich zum Geleit genommen
Hundert oder drüber · geschmückt mit reichem Kleid.
Auch folgte Kriemhilden · manche waidliche Maid.

Aus einer Kemenate · sah man sie alle gehn:
Da mußte heftig Drängen · von Helden bald geschehn,
Die alle harrend standen · ob es möchte sein,
Daß sie da fröhlich sähen · dieses edle Mägdelein.

Da kam die Minnigliche · wie das Morgenrot
Tritt aus trüben Wolken · Da schied von mancher Not,
Der sie im Herzen hegte · was lange war geschehn.
Er sah die Minnigliche · nun gar herrlich vor sich stehn.

Von ihrem Kleide leuchtete · mancher edle Stein.
Ihre rosenrote Farbe · gab wonniglichen Schein.
Was jemand wünschen mochte · er mußte doch gestehn,
Daß er hier auf Erden · noch nicht so Schönes gesehn.

Wie der lichte Vollmond · vor den Sternen schwebt,
Des Schein so hell und lauter · sich aus den Wolken hebt,
So glänzte sie in Wahrheit · vor andern Frauen gut:
Das mochte wohl erhöhen · den zieren Helden den Mut.

Die reichen Kämmerlinge · schritten vor ihr her;
Die hochgemuten Degen · ließen es nicht mehr:
Sie drängten, daß sie sähen · die minnigliche Maid.
Siegfried dem Degen · war es lieb und wieder leid.

Er sann in seinem Sinne · »Wie dacht' ich je daran,
Daß ich dich minnen sollte? · das ist ein eitler Wahn;
Soll ich dich aber meiden · so wär' ich sanfter tot.«
Er ward von den Gedanken · oft bleich und oft wieder rot.

Da sah man den Sieglindensohn · so minniglich da stehn,
Als war' er entworfen · auf einem Pergamen
Von guten Meisters Händen · gern man ihm zugestand,
Daß man nie im Leben · so schönen Helden noch fand.

Die mit Kriemhilden gingen · die hießen aus den Wegen
Allenthalben weichen · dem folgte mancher Degen.
Die hochgetragnen Herzen · freute man sich zu schaun:
Man sah in hohen Züchten · viel der herrlichen Fraun.

Da sprach von Burgunden · der König Gernot:
»Dem Helden, der so gütlich · euch seine Dienste bot,
Gunther, lieber Bruder · dem bietet hier den Lohn
Vor allen diesen Recken · des Rates spricht man mir nicht Hohn.

»Heißet Siegfrieden · zu meiner Schwester kommen,
Daß ihn das Mägdlein grüßte · das bringt uns immer Frommen:
Die niemals Recken grüße · soll sein mit Grüßen pflegen,
Daß wir uns so gewinnen · diesen zierlichen Degen.«

Des Wirtes Freunde gingen · dahin wo man ihn fand;
Sie sprachen zu dem Recken · aus dem Niederland:
»Der König will erlauben · ihr sollt zu Hofe gehn,
Seine Schwester soll euch grüßen · die Ehre soll euch geschehn.«

Der Rede ward der Degen · in seinem Mut erfreut:
Er trug in seinem Herzen · Freude sonder Leid,
Daß er der schönen Ute · Tochter sollte sehn.
In minniglichen Züchten · empfing sie Siegfrieden schön.

Als sie den Hochgemuten · vor sich stehen sah,
Seine Farbe ward entzündet · die Schöne sagte da:
»Willkommen, Herr Siegfried · ein edler Ritter gut.«
Da ward ihm von dem Gruße · gar wohl erhoben der Mut.

Er neigte sich ihr eifrig · sie faßte ihn bei der Hand.
In minniglicher Anmut · er bei der Fürstin stand.
Mit liebem Blick der Augen · sahn einander an
Der Held und auch das Mägdlein · das ward verstohlen getan.

Ward da etwa zärtlich · gedrückt weiße Hand
In herzlicher Minne · das ist mir unbekannt.
Doch kann ich auch nicht glauben · daß es unterblieb:
Sie ließ gar bald ihn merken · daß er ihr war von Herzen lieb.

Zu des Sommers Zeiten · und in des Maien Tagen
Durft' er in seinem Herzen · nimmer wieder tragen
So viel hoher Wonne · als er da gewann,
Da die ihm an der Hand ging · die der Held zu minnen sann.

Da gedachte mancher Recke · »Hei! wär' mir so geschehn,
Daß ich so bei ihr ginge · wie ich ihn gesehn,
Oder bei ihr läge! · das nähm' ich willig hin.«
Es diente nie ein Recke · so gut noch einer Königin.

Aus welchen Königs Landen · ein Gast gekommen war,
Er nahm im ganzen Saale · nur dieser beiden wahr.
Ihr ward erlaubt zu küssen · den waidlichen Mann:
Ihm ward in seinem Leben · nie so Liebes getan.

Von Dänemark der König · hub an und sprach zur Stund:
»Des hohen Grußes willen · liegt gar mancher wund,
Wie ich wohl hier gewahre · von Siegfriedens Hand:
Gott laß ihn nimmer wieder · kommen in der Dänen Land!«

Da hieß man allenthalben · weichen aus den Wegen
Kriemhild der schönen · manchen kühnen Degen
Sah man wohlgezogen · mit ihr zur Kirche gehn.
Bald ward von ihr geschieden · dieser Degen ausersehn.

Da ging sie zu dem Münster · und mit ihr viel der Fraun.
Da war in solcher Zierde · die Königin zu schaun,
Daß da hoher Wünsche · mancher ward verloren;
Sie war zur Augenweide · viel der Recken auserkoren.

Kaum erharrte Siegfried · bis schloß der Meßgesang;
Er mochte seinem Heile · des immer sagen Dank,
Daß ihm so gewogen war · die er im Herzen trug:
Auch war er der Schönen · nach Verdiensten hold genug.

Als sie aus dem Münster · nach der Messe kam,
Lud man wieder zu ihr · den Helden lobesam.
Da begann ihm erst zu danken · die minnigliche Maid,
Daß er vor allen Recken · so kühn gefochten im Streit.

»Nun lohn' euch Gott, Herr Siegfried!« · sprach das schöne Kind,
»Daß ihr das verdientet · daß euch die Recken sind
So hold mit ganzer Treue · wie sie zumal gestehn.«
Da begann er Frau Kriemhilden · minniglich anzusehn.

»Stets will ich ihnen dienen« · sprach Siegfried der Degen,
»Und will mein Haupt nicht eher · zur Ruhe niederlegen,
Bis ihr Wunsch geschehen · so lang mein Leben währt:
Das tu' ich, Frau Kriemhild · daß ihr mir Minne gewährt.«

Innerhalb zwölf Tagen · so oft es neu getagt,
Sah man bei dem Degen · die wonnigliche Magd,
So sie zu Hofe durfte · vor ihren Freunden gehn.
Der Dienst war dem Recken · aus großer Liebe geschehn.

Freude und Wonne · und lauten Schwerterschall
Vernahm man alle Tage · vor König Gunthers Saal,
Davor und darinnen · von manchem kühnen Mann.
Von Ortewein und Hagen · wurden Wunder viel getan.

Was man zu üben wünschte · dazu sah man bereit
In völligem Maße · die Degen kühn im Streit.
Da machten vor den Gästen · die Recken sich bekannt;
Es war eine Zierde · König Gunthers ganzem Land,

Die lange wund gelegen · wagten sich an den Wind:
Sie wollten kurzweilen · mit des Königs Ingesind,
Schirmen mit den Schilden · und schießen manchen Schaft.
Des halfen ihnen viele · sie hatten größliche Kraft.

Bei dem Hofgelage · ließ sie der Wirt verpflegen
Mit der besten Speise · es durfte sich nicht regen
Nur der kleinste Tadel · der Fürsten mag entstehn;
Man sah ihn jetzo freundlich · hin zu seinen Gästen gehn.

Er sprach: »Ihr guten Recken · bevor ihr reitet hin,
So nehmt meine Gaben · also steht mein Sinn,
Ich will euch immer danken · verschmäht nicht mein Gut:
Es unter euch zu teilen · hab' ich willigen Mut.«

Die vom Dänenlande · sprachen gleich zur Hand:
»Bevor wir wieder reiten · heim in unser Land,
Gewährt uns steten Frieden · das ist uns Recken not;
Uns sind von euern Degen · viel der lieben Freunde tot.«

Genesen von den Wunden · war Lüdegast derweil;
Der Vogt des Sachsenlandes · war bald vom Kampfe heil.
Etliche Tote · ließen sie im Land.
Da ging der König Gunther · hin, wo er Siegfrieden fand.

Er sprach zu dem Recken · »Nun rat mir, wie ich tu'.
Unsre Gäste wollen · reiten morgen früh
Und gehn um stete Sühne · mich und die Meinen an:
Nun rat, Degen Siegfried · was dich dünke wohlgetan.

»Was mir die Herren bieten · das will ich dir sagen:
Was fünfhundert Mähren · an Gold mögen tragen,
Das bieten sie mir gerne · für ihre Freiheit an.«
Da sprach der starke Siegfried · »Das wär gar übel getan.

»Ihr sollt sie beide ledig · von hinnen lassen ziehn;
Nur daß die edeln Recken · sich hüten fürderhin
Vor feindlichem Reiten · her in euer Land,
Laßt euch zu Pfände geben · der beiden Könige Hand.«

»Dem Rate will ich folgen« · So gingen sie hindann.
Seinen Widersachern · ward es kundgetan,
Des Golds begehre niemand · das sie geboten eh'.
Daheim den lieben Freunden · war nach den Heermüden weh.

Viel Schilde schatzbeladen · trug man da herbei:
Das teilt' er ungewogen · seinen Freunden frei,
An fünfhundert Marken · und manchem wohl noch mehr;
Gernot riet es Gunthern · dieser Degen kühn und hehr.

Um Urlaub baten alle · sie wollten nun hindann,
Da kamen die Gäste · vor Kriemhild heran
Und dahin auch, wo Frau Ute · saß, die Königin.
Es zogen nie mehr Degen · so wohl beurlaubt dahin.

Die Herbergen leerten sich · als sie von dannen ritten.
Doch verblieb im Lande · mit herrlichen Sitten
Der König mit den Seinen · und mancher edle Mann:
Die gingen alle Tage · zu Frau Kriemhild heran.

Da wollt' auch Urlaub nehmen · Siegfried der gute Held,
Verzweifelnd, zu erwerben · worauf sein Sinn gestellt.
Der König hörte sagen · er wolle nun hindann:
Geiselher der junge · ihn von der Reise gewann.

»Wohin, edler Siegfried · wohin reitet ihr?
Hört meine Bitte · bleibt bei den Recken hier,
Bei Gunther, dem König · und bei seinem Lehn:
Hier sind viel schöne Frauen · die läßt man euch gerne sehn.«

Da sprach der starke Siegfried · »So laßt die Rosse stehn.
Von hinnen wollt' ich reiten · das laß ich mir vergehn.
Tragt auch hinweg die Schilde · wohl wollt' ich in mein Land:
Davon hat mich Herr Geiselher · mit großen Treuen gewandt.«

So verblieb der Kühne · dem Freund zuliebe dort.
Auch war' ihm in den Landen · an keinem andern Ort
So wohl als hier geworden · daher es nun geschah,
Daß er alle Tage · die schöne Kriemhild ersah.

Ihrer hohen Schönheit willen · der Degen da verblieb.
Mit mancher Kurzweile · man nun die Zeit vertrieb;
Nur zwang ihn ihre Minne · die schuf ihm oftmals Not;
Darum hernach der Kühne · lag zu großem Jammer tot.

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