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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 39
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typepoem
authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
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Neununddreißigstes Abenteuer

Wie Gunther, Hagen und Kriemhild erschlagen wurden

Da suchte sich Herr Dietrich · selber sein Gewand;
Ihm half, daß er sich waffnete · Meister Hildebrand.
Da klagte so gewaltig · der kraftvolle Mann,
Daß von seiner Stimme · das Haus zu schüttern begann.

Dann gewann er wieder · rechten Heldenmut.
Im Grimm ward gewaffnet · da der Degen gut.
Seinen Schild, den festen · den nahm er an die Hand:
Sie gingen bald von dannen · er und Meister Hildebrand.

Da sprach von Tronje Hagen · »Dort seh' ich zu uns gehn
Dietrich den Herren · der will uns bestehn
Nach dem großen Leide · das wir ihm angetan.
Nun soll man heute schauen · wen man den Besten nennen kann.

»Und dünkt sich denn von Berne · der Degen Dieterich^
Gar so starkes Leibes · und so fürchterlich,
Und will er's an uns rächen · was ihm ist geschehn,«
Also sprach da Hagen · »ich bin wohl Mann, ihn zu bestehn.«

Die Rede hörte Dietrich · mit Meister Hildebrand.
Er kam, wo er die Recken · beide stehen fand
Außen vor dem Hause · gelehnt an den Saal.
Seinen Schild den guten · den setzte Dietrich zutal.

In leidvollen Sorgen · sprach da Dietrich:
»Wie habt ihr so geworben · Herr Gunther, wider mich,
Einen Heimatlosen? · Was tat ich euch wohl je,
Daß alles meines Trostes · ich nun verwaiset mich seh'?

»Ihr fandet nicht Genüge · an der großen Not,
Als ihr uns Rüdigeren · den Recken, schlüget tot:
Ihr mißgönntet sie mir alle · die mir untenan.
Wohl hätt' ich solchen Leides · euch Degen nimmer getan.

»Gedenket an euch selber · und an euer Leid,
Eurer Freunde Sterben · und all die Not im Streit,
Ob es euch guten Degen · nicht beschwert den Mut.
O weh, wie so unsanft · mir der Tod Rüdgers tut!

»So leid geschah auf Erden · niemanden je.
Ihr gedachtet wenig · an mein und euer Weh.
Was ich Freuden hatte · das liegt von euch erschlagen:
Wohl kann ich meine Freunde · nimmermehr genug beklagen.«

»Wir sind wohl nicht so schuldig« · sprach Hagen entgegen.
»Zu diesem Hause kamen · alle eure Degen
Mit großem Fleiß gewaffnet · in einer breiten Schar.
Man hat euch wohl die Märe · nicht gesagt, wie sie war.«

»Was soll ich anders glauben? · mir sagt Hildebrand:
Euch baten meine Recken · vom Amelungenland,
Daß ihr ihnen Rüdigern · gäbet aus dem Haus:
Da botet ihr Gespötte nur · den kühnen Helden heraus.«

Da sprach der Vogt vom Rheine · »Sie wollten Rüdgern tragen,
Sagten sie, von hinnen · das ließ ich versagen
Etzeln zum Trotze · nicht aber deinem Heer,
Bis darob zu schelten · Wolfhart begann, der Degen hehr.«

Da sprach der Held von Berne · »Es sollte nun so sein.
Gunther, edler König · bei aller Tugend dein
Ersetze mir das Herzeleid · das mir von dir geschehn;
Versühn' es, kühner Ritter · so daß ich's mög' dir zugestehn.

»Ergib dich mir zum Geisel · mit Hagen deinem Mann:
So will ich verhüten · so gut ich immer kann,
Daß euch bei den Heunen · jemand Leides tut.
Ihr sollt an mir erfahren · daß ich getreu bin und gut.«

»Das verhüte Gott vom Himmel!« · sprach Hagen entgegen,
»Daß sich dir ergeben · sollten zwei Degen,
Die noch in voller Wehre · gewaffnet vor dir stehn
Und noch so frei und ledig · vor ihren Widersachern gehn.«

»Ihr solltet's nicht verweigern« · so sprach Dietrich,
»Gunther und Hagen · ihr habt so bitterlich
Beide mir bekümmert · das Herz und auch den Mut,
Wollt ihr mir das vergüten · daß ihr es billiglich tut.

»Ich geb' euch meine Treue · und reich' euch drauf die Hand,
Daß ich mit euch reite · heim in euer Land.
Ich geleit' euch wohl nach Ehren · ich stürbe denn den Tod,
Und will um euch vergessen · all meiner schmerzhaften Not.«

»Begehrt es nicht weiter« · sprach wieder Hagen:
»Wie ziemt es, wenn die Märe · war' von uns zu sagen,
Daß zwei so kühne Degen · sich ergäben eurer Hand?
Sieht man bei euch doch niemand · als alleine Hildebrand.«

Da sprach Meister Hildebrand · »Gott weiß, Herr Hagen,
Den Frieden, den Herr Dietrich · euch hat angetragen,
Es kommt noch an die Stunde · ihr möchtet gern ihn nehmen.
Der Sühne meines Herren · könnt ihr mit Fug euch bequemen.«

»Auch nahm' ich eh' die Sühne« · sprach Hagen entgegen,
»Eh' ich mit Schimpf und Schande · aus dem Saal vor den Degen
Flöhe, Meister Hildebrand · wie ihr hier habt getan:
Ich wähnt' auf meine Treue · ihr stündet besser euren Mann.«

Drauf antwortet' Hildebrand · »Was verweiset ihr mir das?
Nun wer war's, der auf dem Schilde · vor dem Wasgensteine saß,
Als ihm von Spanien Walther · so viel der Freunde schlug?
Wohl habt ihr an euch selber · noch zu rügen genug.«

Da sprach der edle Dietrich · »Wie ziemt solchen Degen,
Sich mit Worten schelten · wie alte Weiber pflegen?
Ich verbiet' es, Meister Hildebrand · sprecht hier nicht mehr.
Mich heimatlosen Recken · zwingt so große Beschwer.

»Laßt hören, Recke Hagen« · sprach da Dieterich,
»Was spracht ihr zusammen · ihr Degen tugendlich,
Als ihr mich gewaffnet · sähet zu euch gehn?
Ihr sagtet, ihr alleine · wolltet mich im Streit bestehn.«

»Das wird euch niemand leugnen« · sprach Hagen entgegen,
»Wohl will ich's hier versuchen · mit kräftigen Schlägen,
Es sei denn, mir zerbreche · das Nibelungenschwert:
Mich entrüstet, daß zu Geiseln · unser beider ward begehrt.«

Als Dietrich erhörte · Hagens grimmen Mut,
Den Schild behende zuckte · der schnelle Degen gut.
Wie rasch ihm von der Stiege · entgegen Hagen sprang!
Niblungs Schwert das gute · auf Dietrichen laut erklang.

Da wußte wohl Herr Dietrich · daß der kühne Mann
Grimmen Mutes fechte · zu schirmen sich begann
Der edle Vogt von Berne · vor ängstlichen Schlägen.
Wohl erkannt' er Hagen · diesen auserwählten Degen.

Auch scheut' er Balmungen · eine Waffe stark genug.
Nur unterweilen Dietrich · mit Kunst entgegenschlug,
Bis daß er im Streite · Hagen doch bezwang.
Er schlug ihm eine Wunde · die gar tief war und lang.

Der edle Dietrich dachte · »Dich schwächte lange Not;
Mir brächt' es wenig Ehre · gäb' ich dir den Tod.
So will ich nur versuchen · ob ich dich zwingen kann,
Als Geisel mir zu folgen« · Das ward mit Sorgen getan.

Den Schild ließ er fallen · seine Stärke, die war groß;
Hagnen von Tronje · mit den Armen er umschloß.
So ward von ihm bezwungen · dieser kühne Mann.
Gunther der edle · darob zu trauern begann.

Hagen band da Dietrich · und führt' ihn, wo er fand
Kriemhild die edle · und gab in ihre Hand
Den allerkühnsten Recken · der je Gewaffen trug.
Nach ihrem großen Leide · ward sie da fröhlich genug.

Da neigte sich dem Degen · vor Freuden Etzels Weib:
»Nun sei dir immer selig · das Herz und auch der Leib!
Da hast mich wohl entschädigt · aller meiner Not:
Ich will dir's immer danken · es verwehr' es denn der Tod.«

Da sprach der edle Dietrich · »Nun laßt ihn am Leben,
Edle Königstochter · ob es sich mag begeben,
Gar wohl er euch vergütet · das Leid, das er euch tat:
Er soll es nicht entgelten · daß ihr ihn gebunden saht.«

Da ließ sie Hagnen führen · in ein Haftgemach,
Wo niemand ihn erschaute · und er verschlossen lag.
Gunther der edle · hub da zu rufen an:
»Wo blieb der Held von Berne? · Er hat mir Leides getan.«

Da ging ihm hin entgegen · von Bern Herr Dieterich.
Gunthers Kräfte waren · stark und ritterlich;
Da säumt' er sich nicht länger · er rannte vor den Saal.
Von ihrer beider Schwerter · erhob sich mächtiger Schall.

So großen Ruhm erstritten · Dietrich seit alter Zeit,
In seinem Zorne tobte · Gunther so sehr im Streit:
Er war nach seinem Leide · von Herzen feind dem Mann.
Ein Wunder mußt' es heißen · daß da Herr Dietrich entrann.

Sie waren alle beide · so stark und mutesvoll,
Daß von ihren Schlägen · Pallas und Turm erscholl,
So hieben sie mit Schwertern · auf die Helme gut.
Da zeigte König Gunther · einen herrlichen Mut.

Doch zwang ihn der von Berne · wie Hagnen war geschehn.
Man mochte durch den Panzer · das Blut ihm fließen sehn
Von einem scharfen Schwerte · das trug Herr Dieterich.
Doch hatte sich Herr Gunther · gewehrt, der müde, ritterlich.

Der König ward gebunden · von Dietrichens Hand,
Wie nimmer Könige sollten · leiden solch ein Band.
Er dachte, ließ' er ledig · Gunthern und seinen Mann,
Wem sie begegnen möchten · die müßten all' den Tod empfahn.

Dietrich von Berne · nahm ihn bei der Hand,
Er führt' ihn hin gebunden · wo er Kriemhilden fand.
Der Fraun mit seinem Leide · des Kummers viel verschwand.
Sie sprach: »Willkommen, Gunther · aus der Burgunden Land!«

Er sprach: »Ich müßt' euch danken · viel edle Schwester mein,
Wenn euer Gruß in Gnaden · geschehen könnte sein.
Ich weiß euch aber, Königin · so zornig von Mut,
Daß ihr mir und Hagen · solchen Gruß im Spotte tut.«

Da sprach der Held von Berne · »Königstochter hehr,
So gute Helden sah man · als Geisel nimmermehr
Als ich, edle Königin · bracht' in eure Hut.
Nun komme meine Freundschaft · den Heimatlosen zugut.«

Sie sprach, sie tat' es gerne · Da ging Herr Dieterich
Mit weinenden Augen · von den Helden tugendlich.
Da rächte sich entsetzlich · König Etzels Weib:
Den auserwählten Recken · nahm sie Leben und Leib.

Sie ließ sie gesondert · in Gefängnis legen,
Daß sich nie im Leben · wiedersahn die Degen.
Bis sie ihres Bruders Haupt · hin vor Hagen trug.
Kriemhildens Rache · ward an beiden grimm genug.

Hin ging die Königstochter · wo sie Hagen sah;
Wie feindselig sprach sie · zu dem Recken da:
»Wollt ihr mir wiedergeben · was ihr mir habt genommen,
So mögt ihr wohl noch lebend · heim zu den Burgunden kommen.«

Da sprach der grimme Hagen · »Die Red' ist gar verloren,
Viel edle Königstochter · Den Eid hab' ich geschworen,
Daß ich den Hort nicht zeige · solange noch am Leben
Blieb einer meiner Herren · so darf ich ihn niemand geben.«

»Ich bring' es zu Ende« · sprach das edle Weib.
Dem Bruder ließ sie nehmen · Leben da und Leib.
Man schlug das Haupt ihm nieder · bei den Haaren sie es trug
Vor den Held von Tronje · da gewann er Leids genug.

Als der Unmutvolle · seines Herren Haupt ersah,
Wider Kriemhilden · sprach der Recke da:
»Du hast's nach deinem Willen · zu Ende nun gebracht;
Es ist auch so ergangen · wie ich mir hatte gedacht.

»Nun ist von Burgunden · der edle König tot,
Geiselher der junge · dazu Herr Gernot.
Den Hort weiß nun niemand · als Gott und ich allein:
Der soll dir Teufelsweibe · immer wohl verhohlen sein.«

Sie sprach: »So habt ihr üble · Vergeltung mir gewährt;
So will ich doch behalten · Siegfriedens Schwert.
Das trug mein holder Friedel · als ich zuletzt ihn sah,
An dem mir Herzensjammer · von euern Schulden geschah.«

Sie zog es aus der Scheide · er könnt' es nicht wehren.
Da dachte sie dem Recken · das Leben zu versehren.
Sie schwang es mit den Händen · das Haupt schlug sie ihm ab.
Das sah der König Etzel · dem es großen Kummer gab.

»Weh!« rief der König · »wie ist hier gefällt
Von eines Weibes Händen · der allerbeste Held,
Der je im Kampf gefochten · und seinen Schildrand trug!
So feind ich ihm gewesen bin · mir ist leid um ihn genug.«

Da sprach der alte Hildebrand · »Es kommt ihr nicht zugut,
Daß sie ihn schlagen durfte · Was man halt mir tut,
Ob er mich selber brachte · in Angst und große Not,
Jedennoch will ich rächen · dieses kühnen Tronjers Tod.«

Hildebrand im Zorne · zu Kriemhilden sprang:
Er schlug der Königstochter · einen schweren Schwertesschwang.
Wohl mußt' sie erfahren · von Hildebranden Pein;
Was könnt' ihr da helfen · ihr verzweifeltes Schrein?

Die da sterben sollten · die lagen all' umher:
Zu Stücken lag verhauen · die Königin hehr.
Dietrich und Etzel · hüben zu weinen an
Und inniglich zu klagen · mancher Freund und Untertan.

Da war der Helden Herrlichkeit · hingelegt im Tod:
Die Leute hatten alle · Jammer und Not.
Mit Leide war beendet · des Königs Lustbarkeit,
Wie immer Leid die Freude · am letzten Ende verleiht.

Ich kann euch nicht bescheiden · was seither geschah.
Als daß man Fraun und Ritter · immer weinen sah,
Dazu die edeln Knechte · um lieber Freunde Tod.
Hier hat die Mär' ein Ende · das ist die Nibelungennot.

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