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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 36
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authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
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Sechsunddreißigstes Abenteuer

Wie die Königin den Saal verbrennen ließ

»Nun bindet ab die Helme« · sprach Hagen der Degen:
»Ich und mein Geselle · wollen euer pflegen.
Und versuchen es noch einmal · die Etzeln untertan,
So warn' ich meine Herren · so geschwind ich immer kann.«

Da band den Helm vom Haupte · mancher Ritter gut.
Sie setzten auf die Leichen · sich nieder, die ins Blut
Waren zum Tode · von ihrer Hand gekommen.
Da ward der edeln Gäste · mit Erbittrung wahrgenommen.

Noch vor dem Abend · schuf der König hehr
Und Kriemhild die Königin · daß es der Heunen mehr
Noch versuchen mußten · Man sah vor ihnen stehn
Wohl an zwanzigtausend · die mußten da zum Kampfe gehn.

Da drang zu den Gästen · ein harter Sturm heran.
Dankwart, Hagens Bruder · der kraftvolle Mann,
Sprang von seinen Herren · zu den Feinden vor das Tor.
Sie versahn sich seines Todes · doch sah man heil ihn davor.

Das harte Streiten währte · bis es die Nacht benahm.
Da wehrten sich die Gäste · wie Helden lobesam
Wider Etzels Recken · den sommerlangen Tag.
Hei! was guter Helden · im Tod vor ihnen erlag!

Zu einer Sonnenwende · der große Mord geschah:
Ihres Herzens Jammer · rächte Kriemhild da
An ihren nächsten Freunden · und manchem andern Mann,
Wodurch der König Etzel · nie wieder Freude gewann.

Der Tag war zerronnen · ihnen schuf nun Sorge Not.
Sie gedachten, wie doch besser · wär' ein kurzer Tod,
Als sich so lang zu quälen · in ungefügem Leid.
Da wünschten einen Frieden · die stolzen Ritter allbereit.

Sie baten, daß man brächte · den König vor den Saal.
Die blutroten Helden · geschwärzt vom rost'gen Stahl,
Traten aus dem Hause · und die drei Kön'ge hehr.
Sie wußten nicht, wem klagen · ihres großen Leids Beschwer.

Etzel und Kriemhild · kamen beide her;
Das Land war ihnen eigen · drum mehrte sich ihr Heer.
Er sprach zu den Gästen · »Sagt, was begehrt ihr mein?
Wollt ihr Frieden haben? · das könnte nun schwerlich sein

»Nach so großem Schaden · als ihr mir habt getan.
Es kommt euch nicht zustatten · solang' ich atmen kann:
Mein Kind, das ihr erschlüget · und viel der Freunde mein,
Fried' und Sühne soll euch · stets dafür geweigert sein.«

Antwort gab ihm Gunther · »Uns zwang wohl große Not.
All mein Gesinde · lag vor deinen Helden tot
In der Herberge · verdient' ich solchen Sold?
Ich kam zu dir auf Treue · und wähnte, du wärst mir hold.«

Da sprach von Burgunden · Geiselher das Kind:
»Ihr Helden König Etzels · die noch am Leben sind,
Wes zeiht ihr mich, ihr Degen? · was hatt' ich euch getan,
Der ich die Fahrt so gütlich · zu diesem Land begann?«

Sie sprachen: »Deiner Güte · ist all die Burg hier voll
Mit Jammer gleich dem Lande · Wir gönnten dir es wohl,
Wärst du nie gekommen · von Worms überrhein.
Das Land ist gar verwaiset · durch dich und die Brüder dein.«

Da sprach im Zornmute · Gunther der Held:
»Wünscht ihr noch dies Morden · im Frieden eingestellt
Mit uns Heimatlosen · das ist uns beiden gut;
Es ist gar unverschuldet · was uns König Etzel tut.«

Der Wirt sprach zu den Gästen · »Mein und euer Leid
Sind einander ungleich · die große Not im Streit,
Der Schaden und die Schande · die ich von euch gewann,
Dafür soll euer keiner · mir lebend kommen hindann.«

Da sprach zu dem König · der starke Gernot:
»So soll euch Gott gebieten · daß ihr die Lieb' uns tut:
Erschlagt uns Heimatlose · und laßt zuvor hindann
Ins freie Feld uns nieder · das war' nach Ehren getan!

»Was uns geschehen könne · das laßt schnell ergehn!
Ihr habt so viel Gesunde · die dürfen uns bestehn
Und geben uns vom Streite · Müden leicht den Tod:
Wie lange solln wir Recken, bleiben in so grimmer Not?«

Von König Etzels Recken · war' es fast geschehn,
Daß sie die Helden ließen · aus dem Saale gehn.
Als das Kriemhild hörte · es war ihr grimmig leid.
Da war den Heimatlosen · mit nichten Sühne bereit.

»Nein, edle Recken · worauf euch sinnt der Mut,
Ich will euch treulich raten · daß ihr das nimmer tut,
Daß ihr die Mordgierigen · laßt vor den Saal;
Sonst müssen eure Freunde · leiden tödlichen Fall.

»Und lebten nur alleine · die Utens Söhne sind,
Und kämen meine edeln · Brüder an den Wind,
Daß sie die Panzer kühlten · ihre alle wärt verloren!
Es wurden kühnre Degen · noch nie auf Erden geboren.«

Da sprach der junge Geiselher · »Viel schöne Schwester mein,
Wie hätt' ich dir das zugetraut · als du mich überrhein
Her zu Lande ladetest · in diese große Not:
Wie mocht' ich an den Heunen · hier verdienen den Tod?

»Ich hielt dir stete Treue · tat nie ein Leid dir an:
Ich kam auch her zu Hofe · geritten in dem Wahn,
Du wärst mir gewogen · viel liebe Schwester mein,
Nun schenk' uns deine Gnade · da es anders nicht mag sein.«

»Ich schenk' euch keine Gnade · Ungnad' ich selbst gewann.
Mir hat von Tronje Hagen · so großes Leid getan:
Das wird nie gesühnet · solang' ich hab' den Leib.
Ihr alle müßt's entgelten« · so sprach König Etzels Weib.

»Wollt ihr mir aber Hagen · allein zum Geisel geben,
So will ich's nicht verweigern · daß ich euch lasse leben.
Denn meine Brüder seid ihr · der gleichen Mutter Kind
So red' ich um die Sühne · mit den Helden, die hier sind.«

»Nicht woll' es Gott vom Himmel!« · sprach da Gernot.
»Und wären unser tausend · wir wollten alle tot
Vor deinen Freunden liegen · eh' wir den einen Mann
Hier zu Geisel gäben · das wird nimmer getan.«

»Wir müßten doch ersterben« · sprach da Geiselher,
»So soll uns niemand scheiden · von ritterlicher Wehr.
Wer gerne mit uns stritte · wir sind noch immer hie:
Verriet ich meine Treue · an einem Freunde doch nie.«

Da sprach der kühne Dankwart · es ziemt' ihm wohl zu sagen:
»Noch steht nicht alleine · hier mein Bruder Hagen.
Die uns den Frieden weigern · beklagen es noch schwer,
Des sollt ihr inne werden · ich sag's euch wahrlich vorher.«

Da sprach die Königstochter · »Ihr Helden allbereit,
Nun geht der Stiege näher · und rächet mein Leid.
Das will ich stets verdienen · wie ich billig soll:
Der Übermut Hagens · dessen lohn' ich ihm wohl.

»Laßt keinen aus dem Hause · der Degen allzumal:
So lass' ich an vier Enden · anzünden hier den Saal.
So wird noch wohl gerochen · all mein Herzeleid.«
König Etzels Recken · sah man bald dazu bereit.

Die noch draußen standen · die trieb man in den Saal
Mit Schlägen und mit Schüssen · da gab es lauten Schall.
Doch wollten sich nicht scheiden · die Fürsten und ihr Heer:
Durch ihre Treue ließen · sie voneinander nicht mehr.

Den Saal in Brand zu stecken · gebot da Etzels Weib.
Da quälte man den Helden · mit Feuersglut den Leib.
Das Haus, vom Wind ergriffen · geriet in hohen Brand.
Nie wurde solcher Schrecken · noch einem Volksheer bekannt.

Da riefen viele drinnen · »O weh dieser Not!
Da möchten wir ja lieber · im Sturm liegen tot.
Das möge Gott erbarmen · wie sind wir all verlorn!
Wie grimmig rächt die Königin · an uns allen ihren Zorn!«

Da sprach darinnen einer · »Wir finden hier den Tod
Vor Rauch und vor Feuer · wie grimm ist diese Not!
Mir tut vor starker Hitze · der Durst so schrecklich weh,
Ich fürchte, mein Leben · in diesen Nöten zergeh'!«

Da sprach von Tronje Hagen · »Ihr edlen Ritter gut,
Wen der Durst will zwingen · der trinke hier das Blut.
Das ist in solcher Hitze · besser noch als Wein;
Es mag halt zu trinken · hier nichts Besseres sein.«

Hin ging der Recken einer · wo er einen Toten fand:
Er kniet' ihm zu der Wunde · den Helm er niederband.
Da begann er zu trinken · das fließende Blut.
So wenig er's gewohnt war · er fand es köstlich und gut.

»Nun lohn' euch Gott, Herr Hagen« · sprach der müde Mann,
»Daß ich von eurer Lehre · so guten Trunk gewann!
Man schenkte mir selten · noch einen bessern Wein.
Solang' ich leben bleibe · will ich euch stets gewogen sein.«

Als das die andern hörten · es däuchte ihn so gut,
Da fanden sich noch viele · die tranken auch das Blut.
Davon kam zu Kräften · manches Recken Leib:
Des entgalt an lieben Freunden · bald manches waidliche Weib.

Das Feuer fiel gewaltig · auf sie in den Saal:
Sie wandten mit den Schilden · es von sich ab im Fall.
Der Rauch und auch die Hitze · schmerzten sie gar sehr.
Also großer Jammer · geschieht wohl Helden nimmermehr.

Da sprach von Tronje Hagen · »Stellt euch an die Wand;
Laßt nicht die Brände fallen · auf eurer Helme Band
Und tretet sie mit Füßen · tiefer in das Blut.
Eine üble Hochzeit ist es · zu der die Königin uns lud.«

Unter solchen Nöten · zerrann zuletzt die Nacht.
Noch hielt vor dem Hause · der kühne Spielmann Wacht
Und Hagen sein Geselle · gelehnt auf Schildesrand,
Noch größern Leids gewärtig · von denen aus König Etzels Land.

Da sprach der Fiedelspieler · »Gehn wir in den Saal:
Da wähnen wohl die Heunen · wir seien allzumal
Von der Qual erstorben · die sie uns angetan:
Dann kommen doch noch etliche · zum Streit mit ihnen heran.«

Da sprach von Burgunden · Geiselher das Kind:
»Ich wähn', es wolle tagen · sich hebt ein kühler Wind.
Nun lass' uns Gott vom Himmel · noch liebre Zeit erleben!
Eine arge Hochzeit hat uns · meine Schwester Kriemhild gegeben.«

Da sprach wieder einer · »Ich spüre schon den Tag.
Wenn es denn uns Degen · nicht besser werden mag,
So waffnet euch, ihr Helden · denkt an euren Leib!
Nicht lang', so kommt wieder · über uns König Etzels Weib.«

Der Wirt mochte wähnen · die Gäste wären tot
Von den Beschwerden allen · und von des Feuers Not:
Da lebten doch so Kühner · noch drin sechshundert Mann,
Daß wohl nie ein König · bessre Degen gewann.

Der Heimatlosen Hüter · hatten wohl gesehn,
Daß noch die Gäste lebten · was ihnen auch geschehn
Zu Schaden war und Leide · den Herrn und ihrem Lehn.
Man sah sie in dem Hause · noch gar wohl geborgen stehn.

Man sagte Kriemhilden · noch viele lebten drin.
»Wie wäre das möglich« · sprach die Königin,
»Daß noch einer lebte · nach solcher Feuersnot?
Eher will ich glauben · sie fanden alle den Tod.«

Noch wünschten zu entkommen · die Fürsten und ihr Lehn,
Wenn an ihnen Gnade · noch jemand ließ' ergehn.
Die konnten sie nicht finden · in der Heunen Land:
Da rächten sie ihr Sterben · mit gar williger Hand.

Schon früh am andern Morgen · man ihnen Grüße bot
Mit heftigem Angriff · wohl schuf das Helden Not.
Zu ihnen aufgeschossen · ward mancher scharfe Speer:
Ritterlich sich setzten · die kühnen Recken zur Wehr.

Dem Heergesinde Etzels · war erregt der Mut,
Daß sie verdienen wollten · Frau Kriemhildens Gut
Und alles willig leisten · was der Fürst gebot:
Da mußte bald noch mancher · von ihnen schauen den Tod.

Von Verheißen und von Gaben · mochte man Wunder sagen:
Sie ließ ihr Gold, das rote · auf Schilden vor sich tragen;
Sie gab es jedem willig · der es wollt' empfahn.
Nie wurden wider Feinde · so große Schätze vertan.

Gewaffnet trat der Recken · eine große Macht zur Tür.
Da sprach der kühne Volker · »Wir sind noch immer hier!
So gern sah ich Helden · zum Streiten nimmer kommen:
Sie haben das Gold des Königs · uns zu verderben genommen.«

Da riefen ihrer viele · »Nur näher zu dem Streit!
Da wir doch fallen müssen · so tun wir's gern beizeit.
Hier wird niemand bleiben · als wer doch sterben soll.«
Da staken ihre Schilde · gleich von Speerschüssen voll.

Was kann ich weiter sagen? · Wohl zwölf hundert Degen
Versuchten's auf und nieder · mit starken Schwertesschlägen.
Da kühlten an den Feinden · die Gäste wohl den Mut.
Kein Friede war zu hoffen · drum sah man fließen das Blut

Aus tiefen Todeswunden · deren wurden viel geschlagen.
Man hörte nach den Freunden · jeglichen klagen.
Die Biedern starben alle · dem reichen König hehr:
Da hatten liebe Freunde · nach ihnen Leid und Beschwer.

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