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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 35
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typepoem
authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
correctorreuters@abc.de
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Fünfunddreißigstes Abenteuer

Wie Iring erschlagen ward

Da rief der Markgraf Iring · aus der Dänen Land:
»Ich habe nun auf Ehre · die Sinne lang gewandt;
Auch ist von mir das Beste · in Stürmen oft geschehn:
Nun bringt mir mein Gewaffen · so will ich Hagen bestehn.

»Das möcht' ich widerraten« · hub da Hagen an;
»Heiß' die Heunendegen · weichen mehr hindann.
Springen eurer zweie · oder drei in den Saal,
Die send' ich wohlverhauen · die Stiege wieder zutal.«

»Ich will's darum nicht lassen« · sprach wieder Iring:
»Wohl schon oft versucht' ich · ein gleich gefährlich Ding.
Wohl will ich mit dem Schwerte · allein dich bestehn.
Was hilft dein stolz Gebahren · das du in Worten läßt sehn?

Da ward gewaffnet Iring · nach ritterlichem Brauch
Und Irnfried der kühne · von Thüringen auch
Und Hawart der starke · wohl mit tausend Mann:
Sie wollten Iring helfen · was der Held auch begann.

Da sah der Fiedelspieler · ein gewaltig Heer,
Das mit Iringen · gewaffnet zog einher.
Sie trugen aufgebunden · die lichten Helme gut.
Da ward dem kühnen Volker · darüber zornig zumut.

»Seht ihr, Freund Hagen · dort Iringen gehn,
Der euch im Kampf alleine · gelobte zu bestehn?
Wie ziemt Helden Lüge? · Fürwahr, ich tadl' es sehr.
Es gehn mit ihm gewaffnet · tausend Recken oder mehr.«

»Nun straft mich nicht Lügen« · sprach Hawarts Untertan,
»Ich will gerne leisten · was ich euch kund getan.
Mein Wort soll um Feigheit · nicht gebrochen sein:
Sei Hagen noch so greulich · ich besteh' ihn ganz allein.«

Zu Füßen warf sich Iring · den Freunden und dem Lehn,
Daß sie allein ihn ließen · den Recken bestehn.
Das taten sie doch ungern · ihnen war zu wohl bekannt
Der übermüt'ge Hagen · aus der Burgunden Land.

Doch bat er sie so lange · bis es zuletzt geschah.
Als das Ingesinde · seinen Willen sah,
Und daß er warb nach Ehre · da ließen sie ihn gehn.
Da ward von den beiden · ein grimmes Streiten gesehn.

Iring der Däne · hielt hoch empor den Speer,
Sich deckte mit dem Schilde · der teure Degen hehr:
So lief er auf im Sturme · zu Hagen vor den Saal.
Da erhob sich von den Degen · ein gewaltiger Schall.

Die Speere schössen beide · kräftig aus der Hand
Durch die festen Schilde · auf ihr licht' Gewand,
Daß die Speersplitter · hoch in die Lüfte flogen.
Da griffen zu den Schwertern · die grimmen Degen verwogen.

Die Kraft des kühnen Hagen · war ohne Maßen voll;
Doch schlug nach ihm Iring · daß all die Burg erscholl.
Der Saal und die Türme · erhallten von den Schlägen.
Es konnte seinen Willen · doch nicht vollführen der Degen.

Iring ließ Hagen · unverwundet stehn:
Auf den Fiedelspieler · begann er loszugehn.
Er wähnt', er sollt' ihn zwingen · mit seinen grimmen Schlägen,
Doch wußte sich zu schirmen · dieser zierliche Degen.

Da schlug der Fiedelspieler · daß von des Schildes Rand
Das Gespänge wirbelte · von Volkers starker Hand,
Den ließ er wieder stehen · es war ein übler Mann:
Jetzt lief er auf Gunther · den Burgundenkönig, an.

Da war nun jedweder · zum Streite stark genug.
Wie Gunther auf Iring · und der auf Gunther schlug,
Das brachte nicht aus Wunden · das fließende Blut.
Ihre Rüstung wehrt' es · die war zu fest und zu gut.

Gunthern ließ er stehen · und lief Gernoten an.
Das Feuer aus den Ringen · er ihm zu haun begann.
Da hätte von Burgunden · der starke Gernot
Iring den kühnen · beinah gesandt in den Tod.

Da sprang er von dem Fürsten · schnell war er genug.
Der Burgunden viere · der Held behend erschlug,
Des edeln Heergesindes · aus Worms an dem Rhein.
Darüber mochte Geiselher · nicht wohl zorniger sein.

»Gott weiß, Herr Iring« · sprach Geiselher das Kind,
»Ihr müßt mir entgelten · die hier erlegen sind
Vor euch in dieser Stunde« · Da lief er ihn an
Und schlug den Dänenhelden · daß er nicht weichen könnt' hindann.

Er schoß vor seinen Händen · nieder in das Blut,
Daß sie alle wähnten · dieser Degen gut
Schlug' im Streit nicht wieder · einen Schlag mit seinem Schwert.
Doch lag vor Geiselheren · Iring da noch unversehrt.

Von des Helmes Schwirren · und von des Schwertes Klang
Waren seine Sinne · so betäubt und krank,
Daß sich der kühne Degen · des Lebens nicht besann.
Das hatt' ihm mit den Kräften · der starke Geiselher getan.

Als ihm aus dem Haupte · das Schwirren jetzt entwich,
Das er zuerst mußt' leiden · von dem Schlage fürchterlich,
Da gedacht' er: »Ich lebe · und bin auch nirgend wund:
Nun ist mir erst die Stärke · des kühnen Geiselher kund!«

Zu beiden Seiten hört' er · seine Feinde stehn.
Sie hätten's wissen sollen · so wär' ihm mehr geschehn.
Auch hatt' er Geiselheren · vernommen nahe bei:
Er sann, wie mit dem Leben · den Feinden zu entkommen sei.

Wie tobend der Degen · aus dem Blute sprang!
Er mochte seiner Schnelle · wohl sagen großen Dank.
Da lief er aus dem Hause · wo er Hagen fand,
Und schlug ihm schnelle Schläge · mit seiner kraftreichen Hand.

Da gedachte Hagen · »Du mußt des Todes sein.
Befriede dich der Teufel · sonst kannst du nicht gedeihn.«
Doch traf Iring Hagnen · durch seines Helmes Hut.
Das tat der Held mit Waske · das war eine «Waffe gut.

Als der grimme Hagen · die Wund' an sich empfand,
Da schwenkte sich gewaltig · das Schwert in seiner Hand.
Es mußte vor ihm weichen · Hawarts Untertan:
Hagen ihm die Stiege · hinab zu folgen begann.

Übers Haupt den Schildrand · Iring der kühne schwang.
Und war' dieselbe Stiege · drei solcher Stiegen lang,
Derweil ließ ihn Hagen · nicht schlagen einen Schlag.
Hei! was roter Funken · da auf seinem Helme lag!

Doch kam zu den Freunden · Iring noch gesund.
Da wurde diese Märe · Kriemhilden kund,
Was er dem von Tronje · hatt' im Streit getan;
Dafür die Königstochter · ihm sehr zu danken begann.

»Nun lohne Gott dir, Iring · erlauchter Degen gut!
Du hast mir wohl getröstet · das Herz und auch den Mut:
Nun seh' ich blutgerötet · Hagens Wehrgewand!«
Kriemhild nahm ihm selber · den Schild vor Freud' aus der Hand.

»Ihr mögt ihm mäßig danken« · begann da Hagen,
»Versucht' er es zum andern Mal · das ziemte dem Degen.
Kam' er heran wieder · er war' ein kühner Mann.
Die Wunde frommt euch wenig · die ich noch von ihm gewann.

»Daß ihr von meiner Wunde · mir seht den Harnisch rot,
Das hat mich noch erbittert · zu manchen Mannes Tod.
Nun bin ich erst im Zorne · auf ihn und manchen Mann;
Mir hat der Degen Iring · noch kleinen Schaden getan.«

Da stand dem Wind entgegen · Iring von Dänenland;
Er kühlte sich im Harnisch · den Helm er niederband.
Da priesen ihn die Leute · für streitbar und gut:
Darüber trug der Markgraf · nicht wenig hoch seinen Mut.

Da sprach Iring wieder · »Nun, Freunde, sollt ihr gehn
Und neue Waffen holen · ich will noch einmal sehn,
Ob ich bezwingen möge · den übermüt'gen Mann.«
Sein Schild war verhauen · einen bessern er gewann.

Gewaffnet war der Recke · bald in noch festre Wehr.
Er griff in seinem Zorne · nach einem starken Speer:
Damit wollt' er aufs neue · gegen Hagen an.
Bereit auf ihn in Feindschaft · stand der mordgrimme Mann.

Da wollte sein nicht harren · Hagen der Degen.
Mit Schüssen und mit Hieben · lief er ihm entgegen
Die Stiege bis zu Ende · zornig war sein Mut.
Da kam dem Degen Iring · seine Stärke nicht zugut.

Sie schlugen durch die Schilde · daß es zu loh'n begann
Mit feuerrotem Winde · Hawarts Untertan
Ward von Hagens Schwerte · da gefährlich wund
Durch Schild und durch Brünne · er ward nicht wieder gesund.

Als Iring der Degen · der Wunde sich besann,
Den Schild rückte näher · dem Helm der kühne Mann.
Ihn dauchte voll der Schaden · der ihm war geschehen;
Bald tat ihm aber größern · der in König Gunthers Lehn.

Hagen vor seinen Füßen · einen Wurfspieß liegen fand;
Auf Iringen schoß er · den von Dänenland,
Daß man ihm aus dem Haupte · die Stange ragen sah.
Ein grimmes Ende ward ihm · von dem Recken Hagen da.

Iring mußt' entweichen · zu seinen Dänen hin.
Eh' man den Helm dem Degen · mochte niederziehn,
Brach man den Speer vom Haupte · da naht' ihm der Tod.
Das beweinten seine Freunde · es zwang sie wahrhafte Not.

Da kam die Königstochter · auch zu ihm heran:
Iring den starken · hub sie zu klagen an.
Sie beweinte seine Wunden · es war ihr grimmig leid.
Da sprach vor seinen Freunden · dieser Recke kühn im Streit:

»Laßt eure Klage bleiben · viel hehre Königin.
Was hilft euer Weinen? · Mein Leben muß dahin
Schwinden aus den Wunden · die an mir offen stehn.
Der Tod will mich nicht länger · euch und Etzeln dienen sehn.«

Zu Thüringern und Dänen · sprach er hingewandt:
»Die Gaben, so die Königin · euch beut, soll eure Hand
Nicht zu erwerben trachten · ihr lichtes Gold so rot:
Und besteht ihr Hagen · so müßt ihr schauen den Tod.«

Seine Farbe war erblichen · des Todes Zeichen trug
Iring der kühne · ihnen war es leid genug.
Es konnte nicht gesunden · der Held in Hawarts Lehn:
Da mußt es an ein Streiten · von den Dänenhelden gehn.

Irnfried und Hawart · sprangen vor das Haus
Wohl mit tausend Helden · Einen ungestümen Braus
Vernahm man allenthalben · kräftig und groß.
Hei! was man scharfer Speere · auf die Burgunden schoß!

Irnfried der kühne · lief den Spielmann an,
Wodurch er großen Schaden · von seiner Hand gewann.
Der edle Fiedelspieler · den Landgrafen schlug
Durch den Helm den festen · wohl war er grimmig genug.

Da schlug dem grimmen Spielmann · Irnfried einen Schlag,
Daß er den Ringpanzer · dem Helden zerbrach
Und sich sein Harnisch färbte · von Funken feuerrot.
Dennoch fiel der Landgraf · vor dem Spielmann in den Tod.

Zusammen waren Hagen · und Hawart gekommen.
Da mochte Wunder schauen · wer es wahrgenommen.
Die Schwerter fielen kräftig · den Helden an der Hand:
Da mußte Hawart sterben · vor dem aus Burgundenland.

Die Thüringer und Dänen · sahn ihre Herren tot.
Da hub sich vor den Hause · noch grimmere Not,
Eh' sie die Tür gewannen · mit kraftreicher Hand.
Da ward noch verhauen · mancher Helm und Schildesrand.

»Weichet,« sprach da Volker · »laßt sie zum Saal herein:
Was sie im Sinne haben · kann dennoch nicht sein.
Sie müssen bald ersterben · allzumal darin:
Sie ernten mit dem Tode · was ihnen beut die Königin.«

Als die Übermut'gen · drangen in den Saal,
Das Haupt ward da manchem · so geneigt zutal,
Daß er ersterben mußte · vor ihren schnellen Schlägen.
Wohl stritt der kühne Gernot · so tat auch Geiselher der Degen.

Tausend und viere · die kamen in das Haus:
Da hörte man erklingen · den hellen Schwertersaus.
Sie wurden von den Gästen · alle drin erschlagen:
Man mochte große Wunder · von den Burgunden sagen.

Darnach ward eine Stille · als der Lärm verscholl.
Das Blut allenthalben · durch die Lücken quoll
Und zu den Riegelsteinen · von den toten Degen:
Das hatten die vom Rheine · getan mit kräftigen Schlägen.

Da saßen wieder ruhend · die aus Burgundenland,
Sie legten mit den Schilden · die Waffen aus der Hand.
Da stand noch vor dem Hause · der kühne Spielmann,
Erwartend, ob noch jemand · zum Streite zöge heran.

Der König klagte heftig · dazu die Königin;
Mägdelein und Frauen · härmten sich den Sinn.
Der Tod, wähn' ich, hatte · sich wider sie verschworen:
Drum gingen durch die Gäste · noch viel der Recken verloren.

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