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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 34
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typepoem
authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
correctorreuters@abc.de
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Vierunddreißigstes Abenteuern

Wie sie die Toten aus dem Saale warfen

Da setzten sich aus Müdigkeit · die Herrn und ruhten aus.
Volker und Hagen · die gingen vor das Haus
Über den Schild sich lehnend · in ihrem Übermut:
Da pflagen laun'ger Reden · diese beiden Helden gut.

Da sprach von Burgunden · Geiselher der Degen:
»Noch dürft ihr, lieben Freunde · nicht der Ruhe pflegen:
Ihr sollt erst die Toten · aus dem Hause tragen.
Wir werden noch bestanden · das will ich wahrlich euch sagen.

»Sie sollen untern Füßen · uns hier nicht länger liegen.
Bevor im Sturm die Heunen · mögen uns besiegen,
Wir haun noch manche Wunde · die gar sanft mir tut.
Des hab ich«, sprach da Geiselher · »einen willigen Mut.«

»O wohl mir solches Herren!« · sprach Hagen entgegen.
»Der Rat geziemte niemand · als einem solchen Degen,
Wie unsern jungen Herren · wir heute hier gesehn:
Ihr Burgunden möget · all darob in Freuden stehn.«

Da folgten sie dem Rate · und trugen vor die Tür
Siebentausend Tote · die warfen sie dafür.
Vor des Saales Stiege · fielen sie zutal:
Da erhoben ihre Freunde · mit Jammern kläglichen Schall.

Auch war darunter mancher · nur so mäßig wund,
Käm' ihm sanftre Pflege · er würde noch gesund;
Doch von dem hohen Falle · fand er nun den Tod.
Das klagten ihre Freunde · es zwang sie wahrhafte Not.

Da sprach der Fiedelspieler · der Degen unverzagt:
»Nun seh' ich wohl, sie haben · mir Wahrheit gesagt:
Die Heunen sind feige · sie klagen wie ein Weib,
Da sie nun pflegen sollten · der Schwerverwundeten Leib.«

Da mocht' ein Markgraf wähnen · er meint' es ernst und gut:
Ihm war der Vettern einer · gefallen in das Blut;
Den dacht' er wegzutragen · und wollt' ihn schon umfahn:
Ihn schoß ob ihm zu Tode · da der kühne Spielmann.

Als das die andern sahen · sie flohen von dem Saal.
Dem Spielmann zu fluchen · begannen sie zumal.
Einen Speer hob Volker · vom Boden, scharf und hart,
Der von einem Heunen · zu ihm hinauf geschossen ward.

Den schoß er durch den Burghof · zurück kräftiglich
Über ihre Häupter · Das Volk Etzels wich
Erschreckt von dem Wurfe · weiter von dem Haus.
Vor seinen Kräften hatten · alle Leute Schreck und Graus.

Da standen vor dem Hause · viele tausend Mann.
Volker und Hagen · hüben zu reden an
Mit Etzel, dem König · nach ihrem Übermut.
Das schuf bald große Sorge · diesen Helden kühn und gut.

»Wohl wär' es,« sprach da Hagen · »des Volkes Trost im Leid,
Wenn die Herren föchten · allen voran im Streit,
Wie von meinen Herren · hier jeglicher tut:
Die hauen durch die Helme · daß von den Schwertern fließt das Blut.«

So kühn war König Etzel · er faßte seinen Schild.
»Nun hütet eures Lebens« · sprach da Kriemhild,
»Und bietet Gold den Recken · auf dem Schildesrand;
Denn erreicht euch Hagen · ihr habt den Tod an der Hand.«

So kühn war der König · er ließ nicht vom Streit,
Wozu so mächt'ge Fürsten · nun selten sind bereit.
Man mußt' ihn bei den Riemen · des Schildes ziehn hindann.
Hagen der grimme · ihn mehr zu höhnen begann:

»Eine ferne Sippe war es« · sprach Hagen gleich zur Hand,
»Die Etzeln zusammen · und Siegfried verband:
Er minnte Kriemhilden · eh' sie gesehen dich;
Feiger König Etzel · warum rätst du wider mich?«

Diese Rede hörte · die edle Königin.
Darüber ward unmutig · Kriemhild in ihrem Sinn,
Daß er sie schelten durfte · vor manchem Etzelsmann.
Wider die Gäste hub sie · aufs neue da zu werben an.

Sie sprach: »Wer von Tronje · den Hagen mir schlüge
Und sein Haupt als Gabe · her vor mich trüge,
Mit rotem Gold füllt' ich · ihm Etzels Schildesrand;
Auch gab' ich ihm zum Lohne · viel gute Burgen und Land.«

»Ich weiß nicht, was sie zaudern« · sprach der Fiedelmann.
»Nie sah ich, daß Helden · so verzagt getan,
Wo man bieten hörte · also reichen Sold.
Wohl sollt' ihnen Etzel · nimmer wieder werden hold.

»Die hier mit Schimpf und Schanden · essen des Königs Brot
Und jetzt im Stich ihn lassen · in der größten Not,
Deren seh' ich manchen · so recht verzagt da stehn,
Und tun doch so verwegen · sie können nie der Schmach entgehn.«

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