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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 30
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typepoem
authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
correctorreuters@abc.de
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Dreißigstes Abenteuer

Wie Hagen und Volker Schildwacht standen

Der Tag war nun zu Ende · es nahte sich die Nacht.
Den reisemüden Recken · war die Sorg' erwacht,
Wann sie ruhen sollten · und zu Bette gehn.
Zur Sprache bracht' es Hagen · Bescheid ist ihnen geschehn.

Zu dem Wirte sprach da Gunther · »Gott laß euch's wohlgedeihn:
Wir wollen schlafen gehen · mag es mit Urlaub sein.
Wenn ihr das gebietet · kommen wir morgen früh.«
Der Wirt entließ die Gäste · wohlgemut zu ihrer Ruh'

Von allen Seiten drängen · man die Gäste sah.
Volker der kühne · sprach zu den Heunen da:
»Wie dürft ihr uns Recken · so vor die Füße gehn?
Und wollt ihr das nicht meiden · so wird euch übel geschehn.

»So schlag' ich dem und jenem · so schweren Geigenschlag,
Hat er einen Treuen · daß der's beweinen mag.
Nun weicht vor uns Recken · fürwahr, mich dünkt es gut:
Es heißen alle Degen · und haben doch nicht gleichen Mut.«

Als in solchem Zorne · sprach der Fiedelmann,
Hagen der kühne · sich umzuschaun begann.
Er sprach: »Euch rät zum Heile · der kühne Fiedeler.
Geht zu den Herbergen · ihr in Kriemhildens Heer.

»Was ihr habt im Sinne · es fügt sich nicht dazu:
Wollt ihr was beginnen · so kommt uns morgen früh
Und laßt uns Landfremden · heut' in Frieden ruhn.
Ich glaube, niemals werden · es Helden williger tun.«

Da brachte man die Gäste · in einen weiten Saal,
Zur Nachtruh' eingerichtet · den Recken allzumal
Mit köstlichen Betten · lang zumal und breit.
Gern schuf ihnen Kriemhild · das allergrößeste Leid.

Schmucker Decken sah man · von Arras da genug
Aus lichthellem Zeuge · und manchen Überzug
Aus arabischer Seide · so gut sie mochten sein,
Verbrämt mit goldnen Borten · die gaben herrlichen Schein.

Viel Bettlaken fand man · von Hermelin gemacht
Und von schwarzem Zobel · worunter sie die Nacht
Sich Ruhe schaffen sollten · bis an den lichten Tag.
Ein König mit dem Volke · wohl nimmer herrlicher lag.

»O weh des Nachtlagers!« · sprach Geiselher das Kind,
»Und weh meiner Freunde · die mit uns kommen sind!
Wie gut es meine Schwester · uns auch hier erbot,
Wir gewinnen, fürcht' ich, alle · von ihrem Hasse den Tod.«

»Nun laßt euer Sorgen« · sprach Hagen der Degen,
»Ich will heute selber · der Schildwache pflegen
Und getrau' euch zu behüten · bis morgen an den Tag:
Seid des ohne Sorge · so entrinne, wer da mag.«

Da neigten sich ihm alle · und sagten ihm Dank.
Sie gingen zu den Betten · da währt' es nicht lang',
Bis in Ruhe lagen · die Helden wohlgetan.
Hagen der kühne · sich da zu waffnen begann.

Da sprach der Fiedelspieler · Volker der Degen:
»Verschmäht ihr's nicht, Hagen · so will ich mit euch pflegen
Heunt der Schildwache · bis morgen an den Tag.«
Da dankte Volkeren · der Degen gütlich und sprach:

»Nun lohn' euch Gott vom Himmel · viel lieber Volker!
Zu allen meinen Sorgen · wünsch' ich mir niemand mehr
Als nur euch alleine · befahr' ich irgend Not.
Ich will es wohl vergelten · es verwehr' es denn der Tod.«

Da kleideten die beiden · sich in ihr licht Gewand.
Jedweder faßte · den Schild an seine Hand,
Sie gingen aus dem Hause · vor die Türe stehn
Und hüteten der Gäste · das ist mit Treuen geschehn.

Volker der schnelle · lehnte von der Hand
Seinen Schild den guten · an des Saales Wand.
Dann wandt er sich zurücke · wo seine Geige war,
Und diente seinen Freunden · es ziemt ihm also fürwahr.

Unter des Hauses Türe · setzt' er sich auf den Stein.
Kühnrer Fiedelspieler · mochte nimmer sein.
Als der Saiten Tönen · ihm so hold erklang,
Die stolzen Heimatlosen · die sagten Volkern den Dank.

Da tönten seine Saiten · daß all das Haus erscholl;
Seine Kraft und sein Geschicke · die waren beide voll.
Süßer und sanfter · zu geigen hub er an:
So spielt' er in den Schlummer · gar manchen sorgenden Mann.

Da sie entschlafen waren · und Volker das befand,
Da nahm der Degen wieder · den Schild an die Hand
Und ging aus dem Hause · vor die Türe stehn,
Zu hüten die Landfremden · vor denen in Kriemhildens Lehn.

Wohl der Nacht inmitten · wenn es erst da geschah,
Volker der kühne · einen Helm erglänzen sah
Fernher durch das Dunkel · Die Kriemhild untertan,
Hätten an den Gästen · gerne Schaden getan.

Da sprach der Fiedelspieler · »Nun seht, Freund Hagen,
Uns ziemt, diese Sorge · gemeinsam zu tragen.
Gewaffnet vor dem Hause · seh' ich Leute stehn:
So viel ich mag erkennen · kommen sie uns zu bestehn.«

»So schweigt,« sprach da Hagen · »laßt sie erst näher her.
Eh' sie uns inne werden · wird ihrer Helme Wehr
Zerschroten mit den Schwertern · von unser beider Hand:
Sie werden Kriemhilden · übel wieder heimgesandt.«

Der Heunenrecken einer · das gar bald ersah,
Die Türe sei behütet · wie schnell sprach er da:
»Was wir im Sinne hatten · kann nun nicht geschehn:
Ich seh' den Fiedelspieler · vor dem Hause Schildwacht stehn.

»Er trägt auf dem Haupte · einen Helm von lichtem Glanz,
Der ist hart und lauter · stark dazu und ganz.
Auch loh'n die Panzerringe · ihm, wie das Feuer tut.
Daneben steht auch Hagen · die Gäste sind in guter Hut.«

Da wandten sie sich wieder · Als Volker das ersah,
Zu seinem Heergesellen · in Zorn sprach er da:
»Nun laßt mich von dem Hause · zu den Recken gehn:
So frag' ich um die Märe · die in Kriemhildens Lehn.«

»Nein, wenn ihr mich lieb habt« · sprach Hagen entgegen,
»Kämt ihr aus dem Hause · diese schnellen Degen
Brächten euch mit Schwertern · leicht in solche Not,
Daß ich euch helfen müßte · wär's aller meiner Freunde Tod.

»Wenn wir dann beide · kämen in den Streit,
So möchten ihrer zweie · oder vier in kurzer Zeit
Zu dem Hause springen · und schüfen solche Not
Drinnen an den Schlafenden · daß wir's bereuten bis zum Tod.«

Da sprach wieder Volker · »So laßt es nur geschehn,
Daß sie inne werden · wir haben sie gesehn:
So können uns nicht leugnen · die Kriemhild untenan,
Daß sie gerne treulos · an den Gästen hätten getan.«

Da rief der Fiedelspieler · den Heunen entgegen:
»Wie geht ihr so bewaffnet · ihr behenden Degen?
Wollt ihr morden reiten · ihr Kriemhild untenan?
So nehmt mich zur Hülfe · und meinen Heergesellen an.

Niemand gab ihm Antwort · zornig war sein Mut:
»Pfui, feige Bösewichter« · sprach der Degen gut,
»Im Schlaf uns zu ermorden · schlicht ihr dazu heran?
Das ward so guten Helden · bisher noch selten getan.«

Bald ward auch die Märe · der Königin bekannt
Vom Abzug ihrer Boten · wie schwer sie das empfand!
Da fügte sie es anders · gar grimmig war ihr Mut.
Da mußten bald verderben · viel der Helden kühn und gut.

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